Freitag, 20. Juli 2007

Hic Rhodus, hic saltus

Üblicherweise werden diese Worte von Aesop mit zweifelndem Unterton jemandem zitiert, der in der Regel dann mehr oder weniger beschämt von dannen zieht. Im Hinblick auf die Fabel, der sie entstammen, ist das ganz richtig so. Das ist Aesop Variante 1.

Gelegentlich sage ich mir selbst diese Worte, allerdings aus dem Grund, dass ich mich vermehrt oder neu anstacheln will: Was auf Rhodos funktioniert hat, geht auch hier. Aesop Variante 2.

Es begeistert mich, Gottes Wirken heute zu sehen, denn es zeigt, dass der gleiche Gott der Apostelgeschichte im Jahr 2007 tätig ist. Was mich wenig begeistert ist die Tatsache, dass wir hierzulande kaum etwas davon sehen.

In Barsilien tobt die Erweckung. Zehntausende strömen zu Gottesdiensten zusammen, Millionen feiern Anbetungsveranstaltungen. In Brasilien ist der Glaube an Heilungen und Wunder groß - genau deshalb geschehen so viele, meinen manche Beobachter. Inzwischen ist ein Erweckungs-Tourismus ausgebrochen:

This is the cutting edge of Christianity -- dozens of Christians paying thousands of dollars to come thousands of miles just to pray for healing for people in a foreign land." berichtet Paul Strand für CBNNews.
(Dutzende Christen zahlen tausende Dollars um tausende Meilen zu fliegen, damit sie in einem fernen Land um die Heilung von Menschen beten können.)

Nun gut, wenn man etwas von den Gläubigen in Brasilien lernen kann, warum sollte man, Zeit und Geld vorausgesetzt, nicht hinfliegen. Oder nach Afrika und Indien, auch dort kann man Gottes übernatürliches Wirken hautnah miterleben. Zweifellos tut uns das gut.

Es gibt auch die andere Variante: Gastredner werden nach Deutschland eingeladen, weil sie andernorts auf der Welt mit erwecklichen Vorgängen verbunden sind. Auch das ist nicht grundsätzlich verkehrt, sondern man kann von solchen Dienern Christi sicher einiges lernen. Nur stellt sich dann oft heraus, dass der erhoffte Durchbruch wieder mal ausbleibt. "Hic Rhodus, hic saltus", heißt es dann von den Kommentatoren in der vorwurfsvoll ungläubigen Aesop Variante 1. Das ändert nichts am vorhandenen Ergebnis: Der andernorts erfolgreiche Evangelist bringt hierzulande nur eine Handvoll Menschen ins Reich Gottes, begleitende Zeichen und Wunder sind eher von der unscheinbaren Art.

Woran mag das liegen? Ist unser Land Gott weniger Segen wert als andere Nationen oder Erdteile? Oder liegt es an uns? Sind wir zu aufgeklärt, zu gebildet?

Afrikaner, Brasilianer und Inder aus dem "gemeinen Volk" haben uns eins voraus: Sie können weniger Dinge wissenschaftlich erklären als wir und trauen einem Gott, von dem es heißt, er sei allmächtig, alles zu. Sie beobachten, wie jemand seine Krücken wegwirft und bezweifeln nicht, dass er vorher gelähmt war. Statt dessen glauben sie, dass Gott das gleiche auch für sie tun kann und will.
Das ist mein persönliches, das anstachelnde "Hic Rhodus, hic saltus!" Ich will lieber afrikanisch / indisch / brasilianisch glauben als deutsch. Oder wie die Leute in Redding. Aesop Variante 2.

Ein Leser hat mich letztes Jahr ersucht, meine Heilung vom Krebs mit ärztlichen Gutachten zu beweisen, bevor er dem Bericht glaubt. Er leidet heute noch.
Ein anderer Leser hat meinen Bericht gelesen und sich gesagt: Was Gott für Günter J. Matthia getan hat, wird er auch für mich tun. Er wurde und ist bis heute gesund.

Beider Männer habe ich nie kennen gelernt, ich weiß nur auf elektronischem Wege von ihrem Ergehen. Der gleiche Bericht, aber unterschiedliche Aesop-Varianten mit unterschiedlichem Ergebnis.

Die Aesop Variante 1 verbaut den Weg in die Zukunft. Die Bibel nennt das "Zweifel" oder "Unglauben".

Die Aesop Variante 2 öffnet die Tür für Gott. Die Bibel nennt das "Vertrauen" und "Glauben". Finde ich irgendwie besser.

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