Dienstag, 24. Juli 2007

Mörderische Pilze und schwäbische Tomaten

Im Auto bat ich neulich Teresa (14) auf dem 20minütigen Weg zur Oma, doch mal ihren MP3-Player an meinen FM-Transmitter zu klemmen und mich ein wenig an ihrer Musik teilhaben zu lassen. Ich habe mich prächtig amüsiert, denn ich bekam Killerpilze auf die Ohren. Bestimmt werde ich mir eine CD selbiger Band nicht zulegen, aber es war richtig witzig im Auto:

...Der letzte Sommer war komplett für’n Arsch und der davor genau so beschissen // Keiner hatte Bock mehr rauszugehen, denn die Sonne hat absolut gar nichts gerissen // Doch dieses Jahr wird alles besser, das haben die im Fernsehn gesagt // und die ham immer Recht...

Es nieselte kaltgrau gegen die Windschutzscheibe, während diese tiefschürfenden Erkenntnisse gesungen wurden.

...Jedes mal, wenn ich bei dir bin, schaltest du das Radio ein // Immer dann, wenn ich dich küssen will, lass ich es lieber sein // Sie spielen überall dasselbe: Pocher´s neues Lied // Ich hör’ US5 und Melanie C, nur die Ärzte hör' ich nie // Und darum tret’ ich dein Radio ein // Und darum hack ich dein Radio klein. // Und darum schmeiß ich dein Radio an die Wand. // Und darum zünd ich dein Radio an...

Die Ärzte höre ich auch nicht mehr, Melanie C und US5 sind nicht mein Geschmack – recht haben diese musizierenden tödlichen Gewächse! Wie gesagt, empfehlen mag ich die CD niemandem, jedoch: Richtig unterhaltsam war die Fahrt von Lichterfelde nach Lichtenrade, und ohne Teresas MP3-Player hätte ich (52) nie erfahren, dass es mörderische Pilze gibt, die man nicht essen, sondern hören kann.

Ich kannte auch toolsANDtomatoes nicht, als mir die aktuelle CD ready to leave zur Rezension auf Glaube.de zugeschickt wurde. Ich hörte die fünf Lieder, hörte sie noch mal, und fragte mich, wie ich denn wohl eine Verbindung zwischen solchen Texten und dem Glauben herstellen sollte. Denn toolsANDtomatoes nennt sich eine „christliche Band“, was die Killerpilze nicht von sich behaupten. Die werkzeugeUNDtomaten singen:

... i met him at the station, staring at the rain // he had worn-out shoes, a fucked up suit and was waiting for the train // his look was sad and blue, tell me was it pain? // the train arrived, he stepped inside - only thoughts remain // he seemed dissatisfied. something was not alright...


Man hört schwäbischen Tonfall, was ja ganz reizvoll sein kann. Die Band kommt aus Süddeutschland, singt Englisch und hält musikalisch wenig von Weichspülmitteln. Die Texte klingen meinen von Bob Dylan und anderen Meistern des gesungenen Wortes verwöhnten Ohren etwas hölzern, nach dem Motto „reim dich oder ich hau dich“ geschrieben. Zugegeben, als Teenager habe ich auch Texte verfasst, die mir heute peinlich wären. Und die toolsANDtomatoes sind noch jung, sehr jung. Vielleicht reichen die Sprachkenntnisse der Tomaten in ein paar Jahren ja zu lyrischeren Lyrics...

...baby i am not your darling // kiss my ass goodbye // better stop before we start it // it's not worth a try...


Kann man das in irgend einer Weise mit „christlich“ in Verbindung bringen? Die Antwort ist ganz simpel: Nein. toolsANDtomatoes macht, so die Selbstauskunft, „keine Jungschar-Jesus-ist-toll-Liedchen“, sondern zeitgemäße und laute Musik. Darüber mag ich mich nicht beklagen, denn ich schreibe selbst nicht nur Texte über die Bibel und „fromme“ Themen, sondern auch Unterhaltung, die nichts will, als zu unterhalten.

Ich habe, da ich als Redaktionsmitarbeiter bei Glaube.de gewissen Konventionen unterliege, dennoch bei der Plattenfirma nachgefragt und freundlicherweise Auskunft von den Tomatenjungs aus dem Schwabenland erhalten:

Warum singt ihr nicht von Jesus? Warum nutzt ihr nicht die Möglichkeit der Bühne?

Wir sind fünf Freunde, die zusammen Musik machen. Das ist unser Hobby, welches einen sehr großen Zeitraum in unserem Leben einnimmt.
Wir sind zum Teil Christen und engagieren uns in unseren Gemeinden. Doch sind wir keine Missionare, die ihre Musik dafür benutzen, Zuhörer mit der frommen Keule zu bearbeiten und haben auch keine Berufung als Band dazu.
Wir wollen durch unser Verhalten auf, vor und hinter der Bühne zu Gesprächen anregen. Transparenz und das direkte Gespräch mit Menschen scheint uns - im Vergleich zur „Pauschalmission“ - der bessere Weg zu sein.
Wir haben etwas gegen fromme Heuchlerei und aufgesetztes missionarisches Gehabe. Es ist leicht, auf einer Bühne mit lauter Anlage und Mikrofon von Gott zu erzählen aber diese Gesprächssituation ist leider sehr einseitig. Wir versuchen statt dessen ganz einfach, unsere Überzeugung auf und hinter der Bühne ohne ständige Betonung der christlichen Wurzeln zu leben und dadurch Anlässe für Dialoge, beispielsweise über unser Glaubensleben, zu bieten. Menschen sollen an unserem Verhalten in allen Bereichen und im „realen“ Leben merken, dass etwas „dahintersteckt“. Eine Abschottung unter der frommen Käseglocke lehnen wir ab.


Eure neue CD hat keinen offensichtlich christlichen Bezug

„ready to leave“ ist Ausdruck unserer Erlebniswelt als Musiker, die sich auf den Weg gemacht haben, etwas zu erreichen. Die Texte beschreiben nicht die „heile Welt“ und wir spielen keine „Jungschar-Jesus-ist-toll-Liedchen“. Sie spiegeln das wieder, was wir erleben. Sie sind ehrlich und ganz nah an unserem Leben.
In „I don't want to wait“ geht es darum, dass man seine Zeit, die man als Mensch gratis zur Verfügung gestellt bekommt, optimal nutzen soll. Sie ist begrenzt und deshalb wertvoll. Viele Christen warten auf das ewige Leben und sehen das Diesseits nur als Durchgangsstation. Dem entgegen steht Lukas 19,11ff. Mit dem uns Anvertrauten sollen wir verantwortungsbewusst umgehen und etwas daraus machen.
„Not alone“ ist eine moderne Version des „Verlorenen Sohns“. Auch von der Gesellschaft verachtete Menschen werden von Gott geliebt und sie sind deshalb nicht allein. Die Frage ist, was gerade Christen konkret für solche Menschen tun.
„Paper and ink“ beschäftigt sich mit der Problematik Geiz und Reichtum. Auch diesem Song liegt die christliche Ethik zugrunde (vgl. Markus 10,17-27). Geld ist nicht das, was einen Menschen glücklich macht. Im Gegenteil: es trennt, macht einsam, schafft Neid.
„Friday“ ist ein exemplarischer Song über Sehnsucht nach Nähe und die alltäglichen Beziehungsschwierigkeiten, die jeder Mensch hin und wieder durchmacht.
Wir nehmen kein Blatt vor den Mund und sagen, was wir denken. So ist „Goodbye“ entstanden - ein Song, der die Möglichkeit bietet, angestauten Beziehungsfrust mit der nötigen Portion Humor abzulassen.


So weit die Auskünfte der toolsANDtomatoes, und dem will ich gar nichts hinzufügen. Wer Musik mit frommen Texten hören will, wird mit dieser kurzen CD nichts anzufangen wissen. Wer Musik der härteren Gangart zu schätzen weiß und den Lyrics kein sonderliches Gewicht beimessen möchte, sollte ready to leave in Betracht ziehen, zumal die Scheibe nur 5 Euro kostet. Man kann in die Songs hineinhören, muss also keine Katze im Sack kaufen.

Hier geht es zur Webseite mit allerlei Schnickschnack und Infos: toolsANDtomatoes
Hier kann man toolsANDtomatoes probehören und gegebenenfalls bestellen: Tomatöser Webshop

Kommentare:

Bab hat gesagt…

Das Interview mit den schwäbischen Jungs
ist dennoch ganz interessant!

Ich bin positiv voreingenommen was
Schwaben anbelangt, jedenfalls amüsiert
mich ihre Art und ihr Dialekt, weil ich einige kenne...

Anonym hat gesagt…

Hallo,
Not alone ist aber nicht von der Band Tools and tomatoes, sondern von der nicht christlichen Band the Nelsons und der Text hat (zumindestens in der Originalversion) überhaupt keinen spirituellen Hintergrund. Grüße

Günter J. Matthia hat gesagt…

@Anonym: "Not Alone" heißen viele Lieder. Dieses Not Alone ist der zweite Titel auf der CD von toolsANDtomatoes und die Plattenfirma schreibt: All songs written by t§t. Es gibt ja auch viele User im Internet, die alle "Anonym" heißen.

Und wieso schreibe ich mir die Finger wund darüber, dass toolsANDtomatoes keine frommen Texte singt? Damit Du mich dann darauf aufmerksam machen kannst, dass ein Text (vermutlich ja ein anderer als diese) keinen spirituellen Hi9ntergrund hat?

Anonym hat gesagt…

Ich hab die Tomatenwerkzeuge live gehört und gesehen. Fromm war daran nichts. Vielleicht stand ich zu weit hinten?
Egal: Die Musik gefällt mir, hundert mal besser als Killerpilze und anderer Kinderkram!

Aus Kempten grüßt Marion

Anonym hat gesagt…

Also schwäbischem Tonfall kann man bei der CD nicht hören - schon deshalb weil der Sänger gar kein Schwabe ist sondern aus Rostock kommt.

Rainer Nelson hat gesagt…

Lieber Günter,
Not alone heisen viele Songs, aber dieser ist von den Nelsons. Woher ich mir da so sicher bin. ganz einfach ich hab den scheiß Song geschrieben und was dann die Tools auf ihr Bootleg schreiben, dafür kann ich nichts!! Im Bootleg steht dann aber ganz klein drin, dass der Song von den Nelsons stammt. Also scheiß auf die Plattenfirma und wenn dus nicht glaubst, dann frag doch mal die Tools von welcher Band der Song kommt und auf welche Band der Song bei der Gema angemeldet ist. Rainer Nelson

Rainer Nelson hat gesagt…

Nochmals an Günter,
Ich wollte auch nur noch einmal hinzufügen, dass mein Kommentar nicht gegen deine Reviwew (die ich übrigens sehr gut finde) geht, er geht auch nicht gegen die Tools.Ich finde es halt einfach komisch wenn Texte von den Nelsons erklärt werden (von Seiten der Tools nicht von Dir), die überhaupt nicht die erklärte Bedeutung haben. Nur um Missverständnisse zu klären. Übrigens Du Bob Dylan Texte sind wirklich die Besten. Liebe Grüße Rainer Nelson

Günter J. Matthia hat gesagt…

@Rainer: okay, Ehre wem Ehre gebührt! War mir unbekannt, glaube ich aber auf's Wort. Immerhin sei den Tools zugestanden, dass selbst Bob Dylan sich bei anderen bedient, ohne mit der Wimper zu zucken. Unter Rollin' and Tumblin' steht auch Bob Dylan, obwohl ich zumindest Teile des Songs seit Jahren von John Lee Hooker kenne...

@anonym: Schwäbisch oder ossisch: es klingt hat nicht, als wäre jemand am Mikrophon, der in seiner Muttersprache singt. Kann ja noch werden...