Mittwoch, 10. Dezember 2008

Dem Löwen in die Pranken geraten

Karl May, heute weitgehend in Vergessenheit geraten, hat in seinem kleinen Aufsatz »Freuden und Leiden eines Vielgelesenen« recht eigentümliche Gedanken geäußert:
Glücklich, dreifach glücklich ist der Autor zu preisen, dessen Werke nie zum Drucke angenommen werden! Sie bleiben sein unbestrittenes geistiges Eigentum, und er kann, ohne jemals widerrechtlich nachgedruckt zu werden, zwischen seinen vier Wänden und im Kreise seiner heimlichen Bewunderer so oft, als es ihm beliebt, in ihren Schönheiten schwelgen; sie dürfen ihm so lieb und so kostbar sein und bleiben wie eine Sammlung von Diamanten, die man nie verkauft.
Schon weniger glücklich ist der Autor, welchem die Fatalität begegnet, ein oder einige Male gedruckt zu werden. Er ist dem Löwen der Öffentlichkeit in die unerbittlichen Pranken geraten, wird von ihm hin- und hergeworfen und hat von Augenblick zu Augenblick den entsetzlichen Biß zu erwarten, der ihm den Garaus macht. Das Honorar ist nur die Lockspeise gewesen, welche ihn in eine Lage brachte, der er nur durch die nunmehrige größte schriftstellerische Enthaltsamkeit entrinnen kann. Von einem vertraulichen, behaglichen, häuslich verborgenen Genusse seiner Geistesfrüchte kann keine Rede sein!
Und nun erst derjenige unglückliche Litterat, den der obenerwähnte, p.t. Löwe so fest hält, daß er nicht wieder loskommen kann! Er ist einem so beklagenswerten Geschick verfallen, daß jedes nur einigermaßen mitleidige Menschenkind ihm – – doch, wozu die Einleitung so lang machen! Ich gehöre ja leider selbst zu dieser Klasse von Duldern, und wenn ich von meinen Leiden erzähle, die von einigen seltenen Lichtblitzen nur um so stärker hervorgehoben werden, so werden damit die Qualen meiner Berufsgenossen auch beschrieben und ich brauche sie also gar nicht eingangsweise aufzuzählen.
Quelle: Freuden und Leiden eines Vielgelesenen
Nun ja. Herr May badet im Selbstmitleid und freut sich an seiner schönen Villa mit ausgestopften Löwen, Bären und anderen gekauften Trophäen. So unterhaltsam seine Geschichten als »Old Shatterhand« oder »Kara Ben Nemsi« auch waren, er hat all die wunderbaren Abendteuer ja nie erlebt.

Mir jedenfalls macht es Freude, wenn meine Geschichten und thematischen Texte Leser finden, von Qualen weiß ich nichts zu berichten. Daher wird es voraussichtlich 2009 neuen gedruckten Lesestoff geben.
Wer noch auf der Suche nach Geschenken für sich selbst oder andere ist, kann ja mal hier nachschauen: »Gänsehaut und Übelkeit« / »Ich aber habe für dich gebetet« / »Es gibt kein Unmöglich!«

Kommentare:

storch hat gesagt…

ich kann schon nachvollziehen, was er da schreibt, wenn ich es auch nicht teile. je mehr öffentlichkeit man hat umso mehr ist man ja auch der kritik ausgesetzt. da komme ich manchmal nur schlecht mit klar. geht dir das anders?

Günter J. Matthia hat gesagt…

Moin Storch!

Vielleicht ist mir inzwischen ein dickes Fell gewachsen...
Kritik nehme ich immer zur Kenntnis, denn manchmal ist sie berechtigt. Dann bietet sie mir die Chance, etwas zu verbessern.
Wenn dies nicht der Fall ist, dann kann ich eigentlich recht gelassen damit umgehen. Dabei kommen dann gelegentlich solche Glossen wie »Kartoffeln« zustande.

storch hat gesagt…

die glosse kenne ich. da ist viel wahrheit drin. wie bekommt man denn so ein dickes fell? manchmal fehlt mir das.

Günter J. Matthia hat gesagt…

Na ja, lieber Storch, kommt Alter, kommt Fell...

:-)

Ich finde es wichtig, sich der Kritik zu stellen, aber man muss halt auch wissen, welche Standpunkte man warum vertritt. Und dass man es nie allen recht machen kann, ist sowieso klar.

Stephen King am Ende seines hier kürzlich vorgestellten Buches (aus dem Kopf zitiert, habe das Buch nicht bei mir) über eine Geschichte in dem Buch mit arg romantischen Zügen: »That's too romantic? Well, go ahead and fucking sue me!«

storch hat gesagt…

das übernehme ich für meine antwortmail an kritiker :-) danke.

Günter J. Matthia hat gesagt…

Jetzt, zu Hause angekommen, habe ich nachgeschaut:
»My hope is that love even survives death. I'm a romantic, so fucking sue me!«
Ich werde ihn jedenfalls nicht verklagen, den Stephen...