Donnerstag, 7. Mai 2009

Sie wollen nicht hören, was du glaubst.

Craig Groeschel, Seniorpastor der LifeChurch.tv, hat sich kürzlich Gedanken bezüglich der jungen Generation gemacht. Damit meint er die 20-30-jährigen. Ich habe bereits ein paar Überlegungen dazu unter dem Titel »Was tun gegen schrumpfende Gemeinden?« beschrieben. Hier mein zweiter Beitrag zu seinen Schlussfolgerungen. Groeschel schreibt:
Wer die nächste Generation für Christus gewinnen will, darf sie nicht auffordern, das zu glauben, was er glaubt. Er muss sie vielmehr einladen, das zu tun, was er vorlebt.

Den Glauben halten sie für billig. Diese Generation hat unzählige Ausprägungen des Glaubens gesehen, alle Variationen von Formen der Religion, die du dir vorstellen kannst - und etliche, die deine Vorstellung übersteigen. Diese Leuten sind von Menschen, die das, was sie angeblich glauben, nicht auch vorleben, extrem abgestoßen. Sie wollen nicht hören, was du glaubst, sondern sie wollen die Auswirkungen deines Glaubens in Aktion sehen. Wenn du dich allerdings traust, wie Jesus zu leben, dann hast du die größten Chancen, die junge Generation zu erreichen.
  • Wenn deine Version des Christseins sich darauf beschränkt, gegen dieses und jenes zu sein, wirst du auf taube Ohren stoßen.
  • Wenn andererseits dein Glaube so lebendig ist, dass du den Hungernden Speise geben, die Nackten bekleiden, die Kranken heilen, die Ausgegrenzten lieben musst - alles im Namen Christi - dann wirst du Interesse wecken.
So merkwürdig es klingen mag: Wenn du wirklich ein missionales und vom Heiligen Geist durchdrungenes Leben führst, dann kann es sein, dass die jungen Menschen dir nachfolgen. Und dann irgendwann später auch glauben, was du glaubst.

Um diese Generation zu erreichen, musst du sie wertschätzen und in sie investieren. Viele von uns älteren Christen glauben nicht an das Potenzial in denen, die nach uns kommen (wie unsere Väter und Mütter auch nichts von unsere wilden Ideen hielten). Einige Gedanken dazu:
  • In den meisten Fällen haben beide Elternteile dieser Menschen gearbeitet. Den Kindern und Heranwachsenden wurden viele Freiheiten gegeben, aber wenig Zeit. Die meisten sehnen sich tief innen nach Zuwendung.
  • In ihrer überwiegend aus Grautönen bestehenden Welt hungern sie nach jemandem, der Schwarz und Weiß definieren kann.
  • Viele wurden mit materiellem Segen überhäuft, sie mussten sich nicht sonderlich anstrengen, um etwas zu bekommen. Man erwartete das auch nicht von ihnen. Sie wollen gefordert werden.
Unsere Herausforderung lautet, in diese Generation zu investieren. Sie wollen von uns lernen. Und sie können übrigens uns eine ganze Menge beibringen. Bertrachte dich als Paulus, der nach einem Timotheus sucht. Selbst wenn du erst 23 bist, dann halte eben Ausschau nach jemandem, der 18 ist und sprich Leben in ihn hinein.
(Hier Quelle 1 / Quelle 2 - Übersetzung von mir.)
Ich meine, dass Craig Groeschel in vielen Punkten recht hat. In meiner Generation war es üblich, dass sich jemand aufgrund der frontal-einseitigen Verkündigung des Evangeliums - sei es nun privat oder in einer öffentlichen Veranstaltung - bekehrte (um mal dieses etwas angestaubte Wort zu benutzen). Daher lud man Freunde und Bekannte zu Evangelisationen und besonderen Gottesdiensten ein, wo es dann einen Aufruf gab, dem die Ungläubigen Folge leisten sollten (was auch recht häufig der Fall war).
Man kannte in der Regel den Redner gar nicht, wusste also nicht, ob das, was er da über seinen Glauben erzählte, irgend etwas mit seinem täglichen Leben zu tun hatte oder nicht.

Heute glauben die Menschen nicht einfach, was ihnen erzählt wird. »Wer die nächste Generation für Christus gewinnen will, darf sie nicht auffordern, das zu glauben, was er glaubt. Er muss sie vielmehr einladen, das zu tun, was er vorlebt«, schreibt Groeschel. Ein Ansatz, der vielen von uns auch deshalb fremd ist, weil es (in meiner Generation) häufig hieß: »Glaube ist Privatsache«. Anders formuliert: »Christ ist man am Sonntag beim Kirchgang und während der Woche im Kreis von Gleichgesinnten (Bibelstunde, Hauskreis, Jugendmeeting), ansonsten lebt man ein ganz normales Leben in Beruf und Freizeit, das sich (äußerlich) kaum vom Leben derer unterscheidet, die Christus nicht kennen.« Womöglich hat man noch einen Fisch auf das Auto geklebt.
Folgerichtig aus dieser Einstellung haben wir uns fromme Parallelwelten geschaffen: Christliche Bücher, christliche Musik, christliche Freizeiten, christliche Zeitschriften, christliche Blogs neuerdings, sogar bibeltreue Parteien soll es geben... - alles Dinge, von denen unsere Mitmenschen so gut wie keine Kenntnis nehmen. Da können die Texte auf der frommen CD noch so geistlich sein, unser Nachbar wird sich die Scheibe nicht in den CD-Spieler schieben, da sie im »weltlichen« Musikgeschäft nicht angeboten wird. Da kann der fromme Roman noch so gut geschrieben sein, unsere Nachbarin wird ihn nicht zur Hand nehmen, da sie nichts davon erfährt.

Ich gebe es zu: Es fällt mir persönlich sehr schwer, missional zu leben. Ich erkenne, dass Groeschels Ansatz richtig und sehr sinnvoll ist. Ich bejahe seine Schlussfolgerungen, über die junge Generation hinaus: Ich meine, dass auch Menschen meines Alters kaum noch durch klassische evangelistische Aktivitäten in Berührung mit Jesus kommen können. Ich sehe jedoch Defizite in meinem Alltag, in meinem Leben, bis hinein in die Familie.

»Walk the walk before you talk the talk« - das müsste mich eigentlich zum Schweigen bringen. Zu wenig von dem, was ich glaube und vertrete, setze ich um. Das beschämt. Das schmerzt, das ist unangenehm, da möchte ich gar nicht hinschauen. Jeder Blick auf das eigene »geistliche Leben« gleicht einem Finger, der in offener Wunde bohrt.

Also lieber abwarten und schweigen, bis die Früchte im persönlichen Leben erkennbar sind? Oder besteht dann die Gefahr, dass man sich bis zum Sankt Nimmerleinstag verkriecht und auf andere - bessere - Zeiten wartet? Was meinen denn meine geschätzten Blogbesucher?

Kommentare:

Barbara hat gesagt…

Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es sich wirklich lohnt sich der jungen Generation zuzuwenden und ihr vieles zuzutrauen, denen in ihnen steckt ein unglaubliches Potential!

Zudem finde ich den Ansatz gut, nicht immer nur auf die Anderen zu schauen und ihr Verhalten zu bewerten, sondern sich selbst zu fragen: Bin ich als Christ glaubwürdig?

Tobias Lampert hat gesagt…

Grundsätzlich stimme ich zu, daß sich die junge Generation (ob es heute nur die junge ist?) von einem Glauben oder Vertretern dieses Glaubens abgestoßen fühlen, wenn "Botschaft" und "Handeln" nicht übereinstimmen.

Im Blick auf den christlichen Glauben ist das ja auch nicht weiter verwunderlich: christlicher Glaube ist doch per definitionem nie nur ein Für-wahr-Halten von Glaubenssätzen, sondern eine Vertrauensbeziehung. Ein Glaube, der nicht auch im Leben des Glaubenden sichtbar wird, kann demnach nur nach seinen theoretischen Inhalten beurteilt werden - und ist somit nicht mehr eigentlich christlicher Glaube. Also ist es ganz natürlich, daß die meisten der Menschen, die einem solchen "Glauben" begegnen, schon alleine aus vermeintlich "logischen" Gründen nein zur Botschaft der Bibel sagen werden und nur ein kleiner Teil von dieser Botschaft fasziniert ist.

Aber: das Neue Testament und die Bibel insgesamt spielen Glauben und Handeln eben auch nicht gegeneinander aus - Gott gebraucht immer wieder auch Menschen, die in ihrem "Glaubensleben" manchmal alles andere als Helden sind, um sich bemerkbar zu machen (z.B. Jona im AT, Petrus im NT).

Die Aufforderung, das Evangelium auch im eigenen Tun und Lassen sichtbar werden zu lassen, gilt nicht erst für die Missionssituation, sondern vor allem und zuerst, weil dieses Tun und Lassen Gott zusteht!

Von daher würde ich sagen: wenn man wirklich mit dem Wirken des Heiligen Geistes rechnet, kann es durchaus sein, daß Menschen allein aufgrund des Gehörten zum Glauben finden (das wäre sozusagen das pure paulinische "Der Glaube kommt durch die Predigt") - aber es ist gewiß nicht der Idealzustand, daß wir diesem Wirken nicht auch in unserem eigenen Leben Raum geben und stattdessen einfach darauf hoffen, daß es der Heilige Geist auch ohne uns richten wird. Ich gehe davon aus, daß eine Predigt, die nicht an der Wirklichkeit vorbeiredet, sondern in der Wirklichkeit sichtbar wird, in der Regel mehr Gehör findet als die "bloße" Predigt.

Von daher denke ich zwar, daß Groeschel zum großen Teil recht hat - gefährlich wäre es aber, diesen neuen Aufruf zum "Tun" als Patentlösung und Garantie für Missionserfolge zu betrachten (so sehr ich mit vielen anderen Christen bekennen muß, in diesem Tun gewaltige Defizite zu haben). Genau das ist es, was mich an dem Hype um "missionale" Gemeinde nervt - allzuoft wird dabei vergessen, daß unter Umständen auch die missionalste Gemeinde letzlich scheitern kann. Wir sind eben nicht Objekt der Nachfolge, sondern allenfalls eine Brücke, die auf den Weg der Nachfolge führt.

Günter J. Matthia hat gesagt…

@Barbara:
Genau das ist mein Problem. Bin ich glaubwürdig?

@Tobias:
Hallo Tobias,
danke für den ausführlichen Kommentar.

»Grundsätzlich stimme ich zu, daß sich die junge Generation (ob es heute nur die junge ist?) von einem Glauben oder Vertretern dieses Glaubens abgestoßen fühlen, wenn "Botschaft" und "Handeln" nicht übereinstimmen.«Das sehe ich auch so: Es ist eher ein Gesellschaftswandel als eine Frage des Alters, betrifft alle Generationen (bis auf die ganz alten, vielleicht).

»Gott gebraucht immer wieder auch Menschen, die in ihrem "Glaubensleben" manchmal alles andere als Helden sind, um sich bemerkbar zu machen (z.B. Jona im AT, Petrus im NT).«Das tröstet mich ein wenig bezüglich meiner oft mangelhaften Umsetzung dessen, was ich glaube und was ich weiß.

»Von daher würde ich sagen: wenn man wirklich mit dem Wirken des Heiligen Geistes rechnet, kann es durchaus sein, daß Menschen allein aufgrund des Gehörten zum Glauben finden (das wäre sozusagen das pure paulinische "Der Glaube kommt durch die Predigt") - aber es ist gewiß nicht der Idealzustand, daß wir diesem Wirken nicht auch in unserem eigenen Leben Raum geben und stattdessen einfach darauf hoffen, daß es der Heilige Geist auch ohne uns richten wird.«Könnte es sein, dass der Glaube, der nur durch die Predigt kommt, nicht mehr sonderlich haltbar ist? Denn diejenigen, die durch eine Predigt gläubig wurden, werden anschließend vermutlich uns kennenlernen und spätestens dann sollte ich doch zeigen, ob und wie der Glaube sich auf den Alltag auswirkt.

»Von daher denke ich zwar, daß Groeschel zum großen Teil recht hat - gefährlich wäre es aber, diesen neuen Aufruf zum "Tun" als Patentlösung und Garantie für Missionserfolge zu betrachten (so sehr ich mit vielen anderen Christen bekennen muß, in diesem Tun gewaltige Defizite zu haben.«

Patentlösungen gibt es nicht, meine ich. Aber wenn wir bemerken, dass wir (als Gemeinde Jesu) recht wirkungslos sind, ist es keine gute Idee, so weiter zu machen wie bisher.

»Genau das ist es, was mich an dem Hype um "missionale" Gemeinde nervt - allzuoft wird dabei vergessen, daß unter Umständen auch die missionalste Gemeinde letzlich scheitern kann. Wir sind eben nicht Objekt der Nachfolge, sondern allenfalls eine Brücke, die auf den Weg der Nachfolge führt.«Die Brücke sollte so tragfähig wie möglich sein. Ich glaube, da sind wir uns einig.

Tobias Lampert hat gesagt…

@Günter:

Der Punkt ist doch: der Glaube, der "nur" durch die Predigt kommt, ist - wenn es denn wirklich Glaube ist - immer eine Kraft Gottes, kein eigenes Verdienst. Insofern würde ich sagen, daß die Erfahrung, daß andere in ihrem Leben dem Evangelium meilenweit hinterherhinken, weder eine Entschuldigung für eigenes Hinterherhinken, noch eine hinreichende Erklärung.

Wo der Geist das Wollen wirkt, wirkt der auch das Vollbringen (frei nach Phil 2,6) - es ist eben nicht einfach nur das menschliche Vorbild, das zur Nachahmung anspornt, sondern das auch und vor allem das Wirken des Geistes, der die "Früchte" des Glaubens hervorbringt. Deshalb meine ich, ist die Sache mit der "Glaubwürdigkeit" von Christen ein zweischneidiges Schwert: ja, wir sollen in unserem Leben die Auswirkungen des Evangeliums sichtbar werden lassen (und das spielt für andere in ihrem Glaubenswachstum sicher eine Rolle, die ernstgenommen werden darf) - aber wir sollen eben auch dafür beten und darauf vertrauen, daß Gott auch in und trotz unserem Versagen wirken will und wirken kann.

Fazit: die Brücke so tragfähig wie möglich gestalten (Du hast ganz recht: weitermachen wie bisher ist keine gute Lösung) - aber immer auch wissen, daß Gott manchmal Brücken benutzt, die nicht wir gebaut haben (denn selbst, wenn wir nicht weitermachen wie bisher und noch so evangeliumstreu und konsequent als Christen leben: nicht wir schaffen die Lösung).

Günter J. Matthia hat gesagt…

Hallo Tobias,

interessante Gesichtspunkte!

Der Punkt ist doch: der Glaube, der "nur" durch die Predigt kommt, ist - wenn es denn wirklich Glaube ist - immer eine Kraft Gottes, kein eigenes Verdienst. Insofern würde ich sagen, daß die Erfahrung, daß andere in ihrem Leben dem Evangelium meilenweit hinterherhinken, weder eine Entschuldigung für eigenes Hinterherhinken, noch eine hinreichende Erklärung.Richtig. Es ist weder Entschuldigung noch Erklärung. Aber – aus Erfahrung im eigenen Umfeld – eine bedauerliche Tatsache.

Wo der Geist das Wollen wirkt, wirkt der auch das Vollbringen (frei nach Phil 2,6) - es ist eben nicht einfach nur das menschliche Vorbild, das zur Nachahmung anspornt, sondern das auch und vor allem das Wirken des Geistes, der die "Früchte" des Glaubens hervorbringt. Deshalb meine ich, ist die Sache mit der "Glaubwürdigkeit" von Christen ein zweischneidiges Schwert: ja, wir sollen in unserem Leben die Auswirkungen des Evangeliums sichtbar werden lassen (und das spielt für andere in ihrem Glaubenswachstum sicher eine Rolle, die ernstgenommen werden darf) - aber wir sollen eben auch dafür beten und darauf vertrauen, daß Gott auch in und trotz unserem Versagen wirken will und wirken kann.Grundsätzlich stimme ich zu, darin sehe ich jedoch auch die Gefahr, dass viele Christen sich bequem zurücklehnen: »Der Heilige Geist wird die Arbeit schon verrichten, ich brauche mich ja nicht anstrengen.« Ich kenne etliche Menschen, deren Glauben ich hoch schätze, die darauf warten, dass Erweckung auf uns »herabregnen« wird. Gott wird einen Schalter im Himmel betätigen und schwupp: Hunderte und Tausende bekehren sich. Da können wir so irrelevant für unsere Gesellschaft bleiben wie wir wollen, der Herr wird’s schon richten.

Fazit: die Brücke so tragfähig wie möglich gestalten (Du hast ganz recht: weitermachen wie bisher ist keine gute Lösung) - aber immer auch wissen, daß Gott manchmal Brücken benutzt, die nicht wir gebaut haben (denn selbst, wenn wir nicht weitermachen wie bisher und noch so evangeliumstreu und konsequent als Christen leben: nicht wir schaffen die Lösung).Sicher schaffen nicht wir die Lösung – aber beteiligt uns Gott möglicherweise daran? Oder möchte er uns beteiligen und wir bleiben in unseren frommen Nischen verborgen? Oder regnet es doch irgendwann Erweckung, ohne dass wir uns (als Einzelne und als Gemeinde Jesu Christ) ändern müssen?

Tobias Lampert hat gesagt…

Günter:

Ich glaube, wir denken da recht ähnlich.

Phil 2,6 darf, kann und will definitiv keine Entschuldigung für passives Zurücklehnen sein, da sind wir uns ganz einig. Ich sehe das einfach als notwendigen Gegenpol zu einer Art von Aktivität christlichen Lebens, die irgendwann vergißt, auf das Wirken des Geistes angewiesen zu sein bzw. die (auch unbewußt) meint, das Wirken des Geistes selbst "machen" zu können.

In einer Zeit, in der die von Dir genannten Passivität akut wird, ist Phil 2,6 sicherlich kein Leitwort.

Andererseits: es könnte auch an einem Mangel in der Predigt einer solchen Zeit liegen, daß Passivität überhaupt erst gefördert wird - z.B. indem Stellen wie Phil 2,6 so gepredigt werden, daß eine falsche Alternative zwischen Gottes Wirken und unserem Tun vermittelt wird. Ich denke durchaus, daß rechtes Predigen viel ausrichten kann - und daß das Tun des Gehörten wie von selbst aus der Predigt wächst (so hat es z.B. Luther auch verstanden). Das ist doch auch in Jesu Gleichnissen ein wiederkehrendes Thema: Gottes Reich wächst wie von selbst.

Von daher sollte man wohl immer diese Doppelpoligkeit des Glaubens betonen - es bedarf der rechten Predigt und der aktiven Nachfolge. Das eine gibt es nicht ohne das andere. Wo das Tun des Glaubens in den Vordergrund und dabei die Verkündigung hintenan gestellt wird, schwingt das Pendel zwar schön weit in eine Richtung aus, wird aber zwangsläufig auch wieder in die andere Richtung (in der dann Passivität in der Nachfolge herrscht) ausschlagen, und die goldene Mitte bleibt ein nahezu unwirklicher Augenblick. Nicht, daß wir die goldene Mitte im Hier und Jetzt etablieren könnten (das ist das berühmte "schon jetzt - aber noch nicht"), aber sich an diese Mitte immer wieder zu erinnern, kann womöglich ein allzu ungesundes Ausschlagen des Pendels verhindern.

Ähnlich denke ich bei der Frage nach der Beteiligung unseres Wirkens bei Gottes Wirken. Natürlich werden wir daran beteiligt, will Gott uns daran beteiligen. Und wir leben sicherlich nicht gemäß seinem Willen, wenn wir uns dem verweigern. Aber Gottes Wirken ist immer mehr als unser Wirken, und manchmal sogar ein Wirken trotz unserem Wirken. Auch hier wieder: einerseits - andererseits.

Hach, ich liebe ja diese Komplementarität ... ;-) Vielleicht aber auch wieder eine Gefahr: das "sowohl - als auch" so sehr auszuschlachten, daß weder das eine noch das andere richtig zur Geltung kommt ...

Günter J. Matthia hat gesagt…

Ja, die Komplementarität (gibt es das Wort überhaupt?, die hat es in sich…

Meinst Du Philipper 1,6? Vermutlich. In 2, 13 wiederholt Paulus: Denn Gott ist es, der in euch wirkt, sowohl das Wollen als auch das Wirken zu seinem Wohlgefallen. Tut alles ohne Murren und Zweifel, damit ihr tadellos und lauter seid…Das Wollen, so deute ich diese Zeilen, ist das eine, zu dem das Wirken als zweite Komponente hinzukommen soll. Und wenn der Mensch dabei nicht gefragt wäre, dann hätte sich Paulus die Aufforderung Tut alles… sparen können. Es geht um Gottes wirken und unser Tun. Ich meine, dass mit »Wirken« nicht ausschließlich die Predigt des Evangeliums gemeint sein kann.

Um zu Groeschel zurückzukommen: Müssten / sollten wir das Tun heute anders gestalten, ihm mehr Gewicht verleihen, da die Gesellschaft (woran ich kaum Zweifel hege) wirklich eher das Tun derer, die sich Christen nennen, im Auge hat als das im Ohr, was die Christen so von sich geben?

Wie schon im Beitrag am Schluss geschrieben: Ich sehe bei mir ganz erhebliche Defizite, worüber ich nicht gerade glücklich bin. Das löst keine Schuldgefühle aus (ich weiß, dass ich Gottes geliebtes Kind bin), aber doch Unzufriedenheit...

Tobias Lampert hat gesagt…

Oops - keine Ahnung, wie ich auf Phil 2,6 gekommen bin. Gemeint war, wie Du schon geschrieben hast, natürlich Phil 2,13.

Das ist ja eine recht paradox anmutende Stelle - "schaffet, daß ihr selig werdet", weil Gott Wollen und Vollbringen wirkt. Also - einerseits sind wir in der Tat zur "Aktivität" gerufen, andererseits macht Gott sowohl den Antrieb zur "Aktivität", als auch die "Aktivität" selbst. Der Grund für unser Bemühen liegt dabei genau darin, daß nicht wir wollen und vollbringen, sondern daß Gott beides bewirkt.

Sprich: ich kann beides, Gottes Wirken und mein eigenes, nicht voneinander trennen. Das ist letztlich genau das, was ich oben schon beschrieben habe.

Die Defizite in unserem Tun empfinde ich genauso wie Du - von daher denke ich durchaus, daß wir dem, wovon wir täglich reden, mehr Gestalt verleihen sollen. Die Kunst ist eben die, dabei das Evangelium nicht in Ethik aufzulösen - was in den letzten zwei, drei Jahrhunderten (und vermutlich auch davor schon) immer und immer wieder gemacht worden ist, und zwar sowohl von "links" (siehe die liberale Theologie des 19. und 20. Jahrhunderts) als auch von rechts (ob nun im Neupietismus oder der evangelikalen Bewegung) - neben vielem Guten, was auch daraus entwachsen ist.

Ich stelle bei mir einfach eine Art Reflex fest, wenn dazu aufgerufen wird, "glaubhafter" zu leben. Der Reflex besteht darin, daß ich solchen Aufforderungen vielleicht zu schnell unterstelle, so etwas wie neue Werkgerechtigkeit und Eigenmächtigkeit etablieren zu wollen. Der Grund für diesen Reflex könnte natürlich genau darin liegen, daß ich dieses Defizit im Tun durchaus kenne, mich aber oft genug hilflos bei der Behebung desselben fühle.

Und da wären wir wieder bei der Predigt: vielleicht habe ich auch Phil 2,13 einfach noch nicht richtig verstanden oder ausreichend verinnerlicht. Oder bin ich vielleicht zu passiv, um den Sinn der Stelle wirklich zu verinnerlichen? Theoretisch ist er mir klar - aber oft genug eben nicht im Vollzug.

Günter J. Matthia hat gesagt…

Theoretisch ist er mir klar - aber oft genug eben nicht im Vollzug.Na, dann bin ich wenigstens nicht alleine mit meiner Unzufriedenheit an der eigenen Performance, um mal dieses Unwort zu verwenden.

Deinen Reflex verstehe ich ganz gut: »O weh, da will jemand der Werkgerechigkeit das Wort reden.« Das sei ferne. Schon gar nicht mit solchen unguten Mitteln wie Schuldgefühlen, Zwängen und »man muss dies und jenes«. Das wäre fatal und völlig unproduktiv...

Mein Reflex auf die eigene »Unfruchtbarkeit« äußert sich in der Suche nach einer Art und Weise, wie ich bei den Menschen, mit denen ich zu tun habe, das Reich Gottes erfahrbar machen kann. Trotz der eigenen Mängel und Macken.

Tobias Lampert hat gesagt…

Na, dann sind wir ja schon zwei. :-)

Günter J. Matthia hat gesagt…

Ich las gerade in einem internen Papier aus der Feder eines hier nicht namentlich genannten Gemeindeleiters:
»Wir erleben heute ein Schisma der geistlichen Erfahrunghen und Forderungen. Die einen betonen: wir müssen die Prioritäten wieder neu setzen und unsere ganze Zeit und Hingabe dem Herrn selbst widmen, um mit ihm Gemeinschaft zu haben und uns seiner Liebe und Gegenwart zu erfreuen. Andere verwerfen das als eine passive und selbstsüchtige Form von Wohlfühl-Christentum, die uns abhält von unseren naheliegenden Pflichten und eigentlichen Aufgaben der sozialen, missionarischen und karitativen Hingabe an den Nächsten und von unserem Auftrag an der Welt.«
er kommt dann später zu dem Schluss: »Grundsätzlich und zuerst hat unser Herr Vorrang vor allen Verpflichtungen gegenüber der Welt.«

Hmmm...