Samstag, 25. September 2010

Von der Zeit, die man sich nehmen kann

Wir sind strebsame Menschen. Wir gehen einer Arbeit nach, wollen vorankommen, stehen im Wettbewerb, setzen uns Ziele und haben Ambitionen. Zum Teil ist das eine Notwendigkeit, gilt es doch, das Leben auf dieser Erde zu finanzieren, einschließlich der Annehmlichkeiten, die nicht notwendig zum Überleben sind, auf die wir aber nicht gerne verzichten. Marcel Reich-Ranicki hat einmal gesagt: »Es stimmt schon, dass Geld nicht glücklich macht. Aber ich weine lieber im Auto als in der U-Bahn.«

Allzu leicht geraten wir bei unserem Streben in Zeitnot. So vieles muss noch erledigt werden, alles scheint gleichermaßen dringend. Zum Luftholen bleibt - das suggerieren uns die vielen Aufgaben - keine Zeit.
Entspannung statt StressSich dann zu entscheiden, das Fahrrad für eine ausgedehnte Tour aus dem Keller zu holen, einen langen Spaziergang zu machen, durch die Stadt zu bummeln, ohne etwas einkaufen zu müssen, einen Tag in einer Bade- und Saunalandschaft zu verbringen ... das erfordert Mut, Überwindung, ist eine bewusste Entscheidung: Ich schalte das Mobiltelefon aus. Ich werfe keinen Blick auf den Monitor meines Computers. Ich bin nicht erreichbar und muss niemanden erreichen.
Das schlechte Gewissen meldet sich umgehend: Du faulenzt, anstatt wichtige Dinge zu erledigen. Wenn dir jetzt eine E-Mail entgeht, was dann? Wie soll der Kunde dich erreichen, wenn das Telefon ausgeschaltet ist? Hättest du nicht zuerst noch dies und jene Arbeit erledigen sollen?
Dem solchermaßen geschwätzigen schlechten Gewissen darf man, sollte man ab und zu guten Gewissens den Mund verbieten. Sein Rat ist nämlich schlecht.

Uns entgeht so viel, wenn wir auf der Lebensautobahn nicht in der Lage sind, hin und wieder auf die Bremse zu treten und anzuhalten, um eine Rast einzulegen.
Rast? Pause? Wir sind viel zu beschäftigt. Falls wir, angenommen wir sind 16 Stunden täglich wach, alle fünf Minuten unseren E-Mail-Eingang überprüfen, schauen wir 192 mal täglich nach, was uns womöglich in den vergangenen vier Minuten entgangen sein könnte. Pro Jahr werfen wir über 70.000 mal einen Blick auf den Posteingang. Nehmen wir weiter an, jeder Blick dauert eine Minute, dann haben wir über 1.600 Stunden pro Jahr dem E-Mail-Postfach gewidmet. Dein Blick dauert nur 30 Sekunden? Dann sind es immer noch über 800 Stunden jährlich. 15 Sekunden reichen dir? Bravo! Nur 400 Stunden.
Vielleicht bist du ja kein E-Mail-Eingangsüberprüfungs-Süchtiger. Sondern mobiltelefonabhängig. Wie viele Menschen laufen unsere Straßen entlang, gehen im Park spazieren, den Blick auf den Bildschirm ihres Mobiltelefons gerichtet, wie viele Menschen sitzen im Café oder Restaurant, das Telefon am Ohr. Selbst im Supermarkt scheint es einigen Zeitgenossen nicht mehr möglich zu sein, den Einkauf zu erledigen, ohne gleichzeitig »wichtige« Gespräche zu führen.

Zugegeben: Bei der Auswahl eines Urlaubshotels ist es auch für mich ein wichtiges Kriterium, dass dort W-LAN vorhanden ist. Zugegeben: Das Notebook kommt immer mit in den Urlaubskoffer. Zugegeben: Es macht mir Spaß, mich via Blog und Facebook zu Wort zu melden, Antworten zu lesen, nachzuschauen, was andere auf ihrem Blog oder bei Facebook so von sich geben und meinerseits Kommentare zu hinterlassen. Zugegeben: Anfragen, Aufträge und viele andere für den Broterwerb wichtige Nachrichten kommen als E-Mail an und es ist keine schlechte Idee, regelmäßig nachzuschauen. Auch private Nachrichten sind ja ein wichtiger Bestandteil des Zusammenlebens.

Gelegentlich muss ich mich jedoch bewusst daran erinnern, dass die Welt größer ist als ein Bildschirm. Dass die Welt sich weiterdrehen wird, während ich »unplugged« bin. Dass die neue E-Mail auch in acht, sechzehn oder gar vierundzwanzig Stunden noch im Posteingang liegen wird. Dass ich viel mehr sehe, wenn ich den Blick von elektronischen Geräten ab- und lebendigen Dingen zuwende. Gelegentlich bremse ich und halte an. Die Lebensautobahn läuft mir nicht davon, während ich Pause mache. Ausgeruht, erfrischt, aufgetankt geht es dann auf der nächsten Strecke viel besser voran.

In diesem Sinne wünsche ich meinen Blogbesuchern und Facebook-Freunden ein schönes Wochenende!

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Guter Beitrag.
Cill Dein Leben ;)

mfg
olli

Anonym hat gesagt…

upps das ist Peinlich.
Es sollte natürlich chill Dein Leben heißen.

Günter J. Matthia hat gesagt…

chill ist sicher besser als cill, das könnte man mit kill verwechsenl.

;-)

Viktor J. hat gesagt…

trifft voll und ganz, was ich zur Zeit denke - nur die Umsetzung ist nicht so einfach...

Wünschte ich könnte konsequenter sein.