Dienstag, 28. Februar 2017

Wie man toll schreiben kann, ohne üben und lernen zu müssen

Vor vielen Jahren bereiste ich den Amazonas. Eines Abends sagte der Kapitän unseres Bootes: »Ungefähr zwei Dörfer weiter flussabwärts lebt ein Brujo. Ein Volksheld. Er lebt ein Stück vom Fluss entfernt im Urwald. Wenn ihr wollt, könnt ihr ihn besuchen. Er bereitet aus Pflanzen und Wurzeln einen Trank, den man Ayahuasca nennt. Wenn man davon trinkt, kann er heilsam wirken, egal ob es nun um ein körperliches oder psychisches Leiden oder sonst etwas geht. Er kann auch Lebensträume erfüllen.«

Also liefen wir ein paar Tage später im Mondschein durch den Dschungel und kamen zu einem kleinen Haus, vor dem viele Menschen warteten. Kleine Kinder und Frauen hauptsächlich, Bewohner der umliegenden Dörfer. Schließlich waren wir an der Reihe. Der Brujo sagte: »Ihr werdet diesen Saft trinken und etwas später eine Anakonda sehen. Aber habt keine Angst, die ist nicht echt. Sie entsteht in eurem Geist. Das ist das Zeichen, dass ihr euch öffnet und dann kann der Prozess beginnen.

Anaconda_Loreto_PeruWir tranken. Ich hatte keine Angst vor der Anakonda. Der Brujo fragte, was ich mir wünschte. Als ich es ihm ins Ohr flüsterte, schüttelte er den Kopf und meinte, er sei leider kein A-Kon.

Nun bin ich ja bekanntlich ein großer Entdecker, und als ich von unserem Kapitän erfuhr, dass es wiederum ein Stück weiter im Urwald einen noch mächtigeren Weisen gab, einen echten A-Kon, machten wir uns auf den Weg.

A-Kon bedeutet »der, der gesehen hat«.

Als wir ankamen, fragte mich der A-Kon, ob ich gerne gut schreiben können würde. Ich nickte. »Du musst dafür drei sehr schwere Initiationsriten durchschreiten«, erklärte der A-Kon. Ich nickte wieder und bekam meine Aufgaben.

Das erste, was ich absolvieren musste, war ein Ringkampf mit einem Gorilla, der zwei Wochen dauerte. Anschließend musste ich einen schwarzen Panther hypnotisieren. Und dann musste ich zu guter Letzt noch mit meinen bloßen Händen eine schwarze Mamba töten.

Nachdem ich das alles vollbracht hatte, erklärte mir der Mann, ich sei jetzt A-Kon. A-Kon bedeutet »der, der gesehen hat«. Und solche Texte wie diesen kann bekanntlich nur jemand schreiben, der die A-Kon-Initiation absolviert und die Anakonda gesehen hat.

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P.S.: Dank an Paul Simon und Vincent Nguini für die lustigen Geschichten, die sie beim Konzert in Berlin erzählt haben. Das war mir offensichtlich eine vortreffliche Inspiration.

P.P.S.: Foto von Dave Lonsdale - Anaconda, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=22403930

Kommentare:

die Vorgärtnerin hat gesagt…

fein, du hast dir mal wieder einen Abend voll schöner Musik gegönnt!

Günter J. Matthia hat gesagt…

... das war schon letztes Jahr im Herbst - aber die lustigen Geschichten aus dem Urwald wollten endlich mal neu erzählt werden.