Donnerstag, 20. April 2017

Von der Gewöhnung an das Zuviel

Ich bin kein Nostalgiker, für den früher alles besser war. Manches war besser, vieles war anders, aber die Glorifizierung des Vergangenen ist meine Sache nicht.

Heute bin ich bei der Vorbereitung meiner Frühstückspause jedoch auf etwas aufmerksam geworden, was einst leichter fiel: etwas Kostbares wertschätzen. Wieso? Das will ich gerne erläutern.

Ich trenne meine Pausenzeiten, in diesem Fall das Frühstück, bewusst von den Arbeitsstunden, indem ich den Schreibtisch verlasse, mir je nach Stimmung Musik aussuche und höre, ohne mich von der wartenden Arbeit ablenken zu lassen. Die wird auch nach meiner Pause noch da sein. Da bin ich mir sehr sicher.

Heute war mir nach Harfenmusik zumute. Und damit sind wir beim Früher/Heute. Früher wäre ich zum Schallplattenregal gegangen und hätte eine der drei oder vier LPs mit Harfenmusik herausgezogen. Oder, in späteren Jahren, aber immer noch früher, eine CD. Und heute habe ich am PC (der mit meiner HiFi-Anlage verkabelt ist) »Amazon Music« gestartet, den Suchbegriff »Harfenkonzert« eingegeben und hatte sofort eine reiche Auswahl an Alben auf dem Bildschirm. Ich habe dann »Boieldieu - Harfenkonzert in C Dur« gewählt und wie gewohnt gleichzeitig den PC das Musikstück in höchstmöglicher MP3-Qualität aufnehmen lassen. Nach der Frühstückspause wollte ich dann die Aufnahme im Ordner »Harfenmusik« auf unserer 10-Terabyte-Festplatte speichern … und stellte fest, dass dieses Konzert bereits dort vorhanden war.

[WP_20161026_09_34_59_Pro%255B3%255D.jpg]Früher wäre mir das nicht passiert. Da musste ich nämlich, wenn ich ein bestimmtes Konzert beziehungsweise Album haben wollte, die CD oder LP entweder erwerben oder von jemandem ausleihen, um sie auf Cassette zu überspielen. Meist kaufte ich, was in meine Sammlung sollte. Und das kostete Geld. Es war nicht umsonst zu haben – und das ist der springende Punkt.

Natürlich ist auch die Musik, die ich via »Amazon Music« höre, nicht umsonst zu haben. Ich bezahle die monatlichen Gebühren, die Amazon von Prime-Kunden verlangt. Aber das einzelne Musikstück, das einzelne Album, das ist dann einfach so unter einer unüberschaubaren Menge von Musikstücken zu haben. Dadurch verliert es nicht die Schönheit der Musik, die Virtuosität der Darbietung oder die technische Qualität der Aufnahme, aber wie ich am heutigen Harfenkonzert bemerkt habe, weiß ich den Besitz eines solchen Stückes offenbar weniger zu schätzen als wenn ich mir eine LP gekauft hätte. Obwohl ich hunderte LPs und CDs habe, weiß ich nämlich, ob ein gerade verspürter Hörwunsch in meiner Sammlung zu finden ist oder nicht. Bei den Dateien auf der Festplatte ist das ganz offensichtlich nicht mehr lückenlos der Fall.

Ist das schlimm? Nein. Aber für mich war es ein Indiz, wie leicht man sich an Überfluss gewöhnen und wie dabei die Wertschätzung einer an und für sich doch kostbaren Sache schwinden kann. Ich gedenke, dem mit erhöhter Aufmerksamkeit entgegenzuwirken. Musikhören war und ist für mich etwas Kostbares, das ich bewusst genieße (das vielerorts verbreitete Nebenbeigedudel zähle ich nicht zum Musikhören). Dass ich heute leichter in den Genuss einer Vielfalt von Musikstücken kommen kann als früher, sollte die Wertschätzung nicht mindern dürfen. Finde ich.

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Montag, 3. April 2017

Die Kirche liegt im Sterben. Gut so?

Emotional sichtbar sehr bewegt erzählte kürzlich jemand in unserer Gemeinde: »Die Kirche der westlichen Welt liegt im Sterben.« Ich hörte zu und dachte bei mir: Vielleicht ist das ja ganz gut so. Relevant ist sie sowieso nicht mehr.

Nun sollte man nie verallgemeinern. Ohne kirchliche und gemeindliche Aktivitäten gäbe es unzählige Kindergärten, Krankenhäuser, Pflegedienste und soziale Einrichtungen nicht und die gesellschaftliche Not wäre um ein vielfaches schlimmer. In Berlin versorgt zum Beispiel die »Arche«, 1995 gegründet, tausende Kinder und Jugendliche nicht nur mit kostenlosen warmen Mahlzeiten, sondern inzwischen auch mit sinnvollen Freizeitangeboten, Hausaufgabenbetreuung, Lernhilfen und handfester Unterstützung bis in die Familiensituation hinein.

Dennoch stimmt es, dass Gemeinde und Kirche in der klassischen Form, der wöchentlichen Versammlung der Gläubigen zum gemeinsamen Gottesdienst und mit dem Ziel der Gewinnung von »Glaubensfernen« für Christus, im Sterben liegt oder vielerorts bereits gestorben ist. Trotz guten Willens.

Im letzten Jahr ist ein Buch erschienen, das für Kirche und Gemeinde in der westlichen (urbanen) Welt Wege in die Zukunft aufzeigen kann. Ich bin mit meiner Lektüre noch nicht am Ende angelangt, aber doch weit genug fortgeschritten, um meine geschätzten Blogbesucher auf dieses Werk hinweisen zu wollen: Mit Gott in der Stadt von Harald Sommerfeld.

»Welche gut gemeinten [christlichen] Initiativen sind in Ihrer Stadt gescheitert? Woran lag es?« fragt der Autor beispielsweise. Mir fallen gleich eine ganze Menge von frommen Aktivitäten ein, die völlig spurlos an der Stadt (Berlin in meinem Fall) vorbeigegangen sind. Von Großevangelisationen über Haus-zu-Haus-Aktionen bis zu wirkungslosen Nachbarschaftsinitiativen reicht die Bandbreite dessen, was ich an allemal gut gemeinten, aber ohne jeden auch nur annähernd sichtbar gewordenen Erfolg all der Mühe gebliebenen Anstrengungen miterlebt habe.

Harald Sommerfeld stellt in seinem Buch die richtigen Fragen. Ohne, und das ist ihm sehr zugute zu halten, Patentantworten anbieten zu wollen. Vielmehr führt er den Leser zu Hintergründen der Stadt- und Gesellschaftsentwicklung, die wir allzu oft übersehen. Viele Christen bedauern oder bejammern die Gegenwart, ohne sich ernsthaft auf die Suche nach den Ursachen gemacht zu haben. Sie ziehen sich daher immer mehr in ihr frommes Schneckenhaus zurück und sind tieftraurig, dass »die Kirche im Sterben liegt«, wie es die eingangs erwähnte Person ausdrückte. Für alle, die nicht jammern, sondern etwas verändern wollen im Sinne des Evangeliums, ist »Mit Gott in der Stadt« ein hervorragendes Hilfsmittel, um durch die passenden Fragen auf die zukunftsweisenden Spuren zu stoßen.

Ob nun Oberhausen oder Berlin, Kleinstadt oder Metropole, Harald Sommerfeld schildert Entwicklungen und gesellschaftlichen Wandel so, dass man ihn in seiner Zwangsläufigkeit versteht. Dadurch gelingt auch dem Laien wie mir an vielen Stellen die Einsicht, warum die Rezepte von früher heute ins Leere laufen müssen. Und anhand dieser Einsicht findet der interessierte Leser dann tatsächlich praktikable Ansätze für das eigene Umfeld, die ganz persönliche Situation und die Möglichkeiten der jeweiligen Gruppe, Kirche oder Gemeinde, heute und hier das Reich Gottes den Menschen auf eine authentische und zutiefst den biblischen Erzählungen entsprechende Weise vorzustellen.

Das Buch von Harald Sommerfeld lädt vornehmlich das urbane Christentum unserer Tage dazu ein, wieder für die Gesellschaft relevant zu werden. Nicht mit Patentrezepten, sondern anhand von praktischen Erfahrungen und vielen Beispielen aus großen und kleinen Städten. Die Sprache ist, obwohl es sich um ein wissenschaftliches Werk im besten Sinne handelt, immer verständlich. Ich bin kein Theologe und kann dieses Buch dennoch (oder deshalb?) mit großem Gewinn und auch Freude am sprachlichen Ausdruck lesen.

Aber es ist aus meiner Sicht nicht nur ein Buch für Kirche, Gemeinde und fromme Gruppen oder Initiativen. Sondern alles in allem ein nicht nur sachlich, sondern auch sprachlich beeindruckendes Werk eines Autors, dessen Herz für die Stadt und ihre Menschen brennt. Empfehlenswert nicht nur für Christen, sondern für alle, die Gesellschaft und Stadtentwicklung verstehen wollen, um (auch politisch, karitativ oder künstlerisch) an der Gestaltung unserer Zukunft in den Städten mitzuwirken.

Emotional sichtbar sehr bewegt erzählte kürzlich jemand in unserer Gemeinde: »Die Kirche der westlichen Welt liegt im Sterben.« Ich hörte zu und dachte bei mir: Vielleicht ist das ja ganz gut so. Relevant ist sie sowieso nicht mehr. Aber die Gemeinde, von der Jesus Christus sprach, wird nicht sterben. Sondern immer wieder umgestaltet und erneuert, um ihren Auftrag in einer sich ständig entwickelnden und verändernden Welt erfüllen zu können.

Das Buch von Harald Sommerfeld ist überall im Buchhandel (ISBN-10: 3868275797 /// ISBN-13: 978-3868275797) erhältlich oder gleich hier bei Amazon: [http://amzn.to/2nRk3Uq]

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