Dienstag, 11. Juli 2017

Gastbeitrag Leo Babauta: Die einzigartige Fähigkeit

Ich übersetze derzeit ein weiteres Buch von Leo Babauta, dem Autor von Zen Habits. Das ist ein Blog über Einfachheit, Gewohnheiten und Achtsamkeit.

Leo lebt mit seiner Frau und seinen sechs Kindern in San Francisco. Sein Abenteuer der Lebensveränderung begann im Jahr 2005, als er mit dem Rauchen aufhörte und dann anfing, zu laufen. Im Laufe der nächsten etwa zwölf Monate schaffte er einen Marathon, verlor 14 Kilogramm Gewicht (insgesamt speckte er schließlich 32 Kilogramm ab), wurde Vegetarier (und später vegan), reduzierte im ersten Jahr und beseitigte wenig später seine Schulden komplett, begann früher aufzuwachen, besiegte die leidige »Aufschieberitis« und wurde alle Unordnung los.

Er begann auf dem Blog mitzuteilen, was er lernte und erlebte, indem er ein paar Dutzend Gewohnheiten änderte. Heute hilft er durch seine Bücher und seine »Sea-Change-Habit-Programme« Menschen, ihr Leben zum Positiven zu verändern.

Hier folgt nun das erste Kapitel – eine Art Appetithäppchen, das meine geschätzten Blogbesucher neugierig auf das Buch machen soll, das voraussichtlich Ende Juli oder Anfang August erscheint. Die englische Originalversion gibt es schon: [The One Skill]

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Kapitel 1 - Warum loslassen?

Die Wurzel all unserer Probleme ist unsere Unfähigkeit, loszulassen.

Diese Idee stammt aus einem Buch über den Zen-Buddhismus. Als ich den Satz vor ein paar Jahren las, hat mich die Einfachheit des Gedanken angesprochen. Könnte das wahr sein?

babautaStellen Sie sich einen Vogel im Flug vor. Der Vogel lebt im Moment, ist völlig auf seinen Flug konzentriert, vielleicht sucht er mit seinen scharfen Augen nach Nahrung.

Er überlegt nicht: »Warum muss es hier so kalt sein? Was halten die anderen Vögel von mir? Was soll ich tun, wenn ich mich später mit den anderen Vögeln treffe? Werde ich beim Nestbau erfolgreich sein? Warum kann ich keine größeren Brüste haben? Warum kann ich nicht so früh aufwachen wie die anderen Vögel?« Und so weiter.

Natürlich stimmt es: wir Menschen haben größere Gehirne als der Vogel, wir können Probleme lösen, Poesie erschaffen und Wolkenkratzer bauen. Also haben wir viel mehr Fähigkeiten und viel mehr zu tun als der einfache Vogel, der da auf dem Wind gleitet.

Diese zweifellos größeren Gehirne verursachen uns aber auch alle Probleme, mit denen wir uns herumschlagen. Ich meine nicht Armut und Krankheit, sondern unsere Eigenart, Dinge zu übertreiben, Angst und Frustration und Depression und Wut über etwas zu empfinden, was auf uns zukommen könnte, uns passieren wird oder uns bereits zugestoßen ist. Wir können nicht aufhören, darüber nachzudenken.

In den letzten Jahren habe ich die zitierte Zen-Idee ausprobiert und die Ergebnisse waren erstaunlich: Ich habe meinen Stress reduziert, angefangen, weniger aufzuschieben. Ich konnte meine Beziehungen zu anderen Menschen verbessern und meine Fähigkeiten steigern, mit Veränderungen umzugehen. Ich habe gelernt, schlechte Gewohnheiten abzulegen und viel achtsamer zu leben.

Es ist übrigens kaum möglich, beim Plädieren für die Fähigkeit des Loslassens zu übertreiben. Der Widerstand, den die meisten Menschen verspüren, wenn es um das Loslassen geht, ist allerdings genauso erheblich.

Betrachten wir ein paar Beispiele (ich werde in späteren Kapiteln näher darauf eingehen):

• Stress: Unser Stress stammt daher, dass wir uns Umstände auf eine bestimmte Art und Weise vorstellen. Wir sind dann gestresst, weil die Dinge unweigerlich nicht so laufen wie erträumt. Aber wenn wir unsere Vorstellung loslassen und die Realität so, wie sie ist, akzeptieren könnten, würden wir dem Stress entkommen.

• Aufschieben: Wir schieben auf weil wir Angst vor dem Versagen haben, weil schwierige Aufgaben anstehen, weil sich Unsicherheit und Unbehagen in uns regen. Aber wenn wir die Vorstellung loslassen könnten, dass alles immer einfach sein muss, dass wir immer erfolgreich sind, dass alles bequem läuft ... und einfach akzeptieren, dass es eine breite Palette von Erfahrungen gibt, würden wir die Aufgaben eine nach der anderen anpacken und bewältigen.

• Gewohnheiten und Ablenkungen: Den meisten Menschen fällt es deshalb schwer, Gewohnheiten zu ändern, weil sie genau wie bei Arbeitsaufgaben zögern und aufschieben. Deshalb fallen wir so gerne auf Ablenkungen herein.

• Irritation und Frustration über Menschen: Wir werden ärgerlich auf andere, weil sie sich nicht so benehmen, wie wir es wollen. Es schädigt zwangsläufig unsere Beziehung, wenn wir wütend auf jemanden sind. Das wiederum macht uns selbst unglücklich. Stattdessen könnten wir die Vorstellung loslassen, dass jemand so und so sein soll und muss, den Menschen akzeptieren wie er ist und einfach nur mit ihm zusammen sein. So wird die Beziehung viel besser - ich habe das bei meinem Vater erlebt, meiner Frau, meinen Kindern.

• Verlust und Tod: Wenn ein geliebter Mensch stirbt, wir einen Job verlieren oder schwer erkranken, dann ist das ein Verlust, der Trauer und Leid verursacht. Und obwohl das unvermeidlich ist (und wir sollten unsere Trauer annehmen) ... wenn wir schließlich dennoch in der Lage sind, loszulassen, hilft uns das, diesen Verlust zu verarbeiten.

• Achtsamkeit: Viele von uns möchten gerne achtsamer sein, damit wir das Leben nicht verpassen, während es stattfindet, damit wir es in seiner ganzen Fülle genießen können. Stellen Sie sich vor, ein köstliches Gericht vor sich zu haben. Sie essen, aber mit den Gedanken sind Sie bei der Arbeit, während Sie kauen ... Sie verpassen Geschmack und Aroma der Mahlzeit. Wenn Sie aber die volle Aufmerksamkeit auf das Essen richten würden, könnten Sie es voll und ganz schätzen und tatsächlich noch viel mehr genießen. Das Leben ist genauso ... wir sind so besessen davon, über alle möglichen Dinge nachzudenken, dass wir nie richtig im tatsächlichen Moment anwesend sein können. Wir können aber lernen, dieses zukunfts- oder vergangenheitsorientierte Denken loszulassen und achtsamer zu sein.

• Angst: Die Wurzel vieler unserer Probleme ist Angst - vom Aufschieben, um eine Aufgabe nicht anpacken zu müssen, bis zum Übergewicht, das wir einfach nicht loswerden. Die Wurzel dieser Angst ist wiederum das Festhalten daran, wie unser Leben und die Umstände unserer Vorstellung nach aussehen müsste. Mehr dazu später, jetzt reicht es erst einmal zu beachten, dass wir, wenn wir loslassen und die Verkrampfung lösen, die unserer Vorstellung über die idealen Umstände entspringt, auch dem festen Griff der Angst entkommen.

Das ist nur ein Vorgeschmack, aber Sie erkennen vielleicht schon, wie das Loslassen zu einer unglaublichen Fähigkeit werden kann, die es Ihnen leichter machen wird, wenn es um die Bewältigung der Probleme des Lebens geht. Loslassen ist eine Fähigkeit, die eingeübt werden kann. Diese Fähigkeit fliegt uns nicht zu, aber sie kann durch regelmäßiges Üben (nur fünf Minuten am Tag) gelernt werden. Erstaunlicherweise führt die kurze fünfminütige tägliche Praxis, die so simpel erscheint, zu großen Veränderungen.

In diesem kurzen Buch werden Sie erfahren, wie das Loslassen beim Überwinden von vielerlei Problemen funktioniert und wie Sie die Fähigkeit des Loslassens entwickeln und einüben können.

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Sobald das Buch erhältlich ist, werde ich meinen geschätzten Blogbesuchern an dieser Stelle Mitteilung davon machen.

Das erste Buch aus der Feder von Leo Babauta, das ich übersetzt habe, ist hier zu haben: [Das kleine Buch über die Zufriedenheit]

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