Samstag, 8. September 2007

habemus fragmentum continuum

So, nun also geht das Experiment mit dem Fragment weiter. Oder zu Ende. Das, was hier folgt, kann sowohl als drittes Drittel die Erzählung (hier Teil 1 / dort Teil 2) beenden als auch die Türe für das Weiterschreiben öffnen.
Der aufmerksame Leser der Kommentare zu den ersten Teilen wird bemerken, dass ich mich durchaus habe von dieser und jener Anmerkung inspirieren lassen. Das war (und ist, falls es weiter geht) ja der Sinn des öffentlichen Schreibens.

So genug vorgeredet, hier ist der vorgestern und gestern entstandene Text, als Brücke wieder die letzten paar Worte aus dem vorigen Teil:

...Sie folgt den Spiralen der Stufen und erreicht das zweite Obergeschoss, will umkehren, zurück auf die Veranda, den Blick hinaus richten. Die Augen ihn erforschen lassen. Vergangenheit zurückholen, Zukunft ermöglichen.

Der schwere Schlüssel öffnet ihre Türe und ein leichtes Beben unter ihren Füßen fordert Aufmerksamkeit.

...

Er blickt auf seine Fingernägel und sieht sie brüchig. Sind all seine Schiffe verbrannt? Was ist ihm geblieben? Ein fremdes Land, kalt findet er es, klimatisch und auch sonst. Nicht, dass die Menschen unfreundlich wären, doch wird er nie zu Hause sein in Deutschland, und kann auch in die Heimat nicht zurück. Er löst sich von dem Blick aufs Meer und blickt hinauf zum zweiten Stock, wo sie ihr Zimmer hat.

...

„Konstantinos“, murmelt sie, „Konstantinos Sourvanos. Wer bist du?“ Sie mustert sein Gesicht, vergrößert durch die Linsen. Das Fernglas hat sie einst, in jenem anderen Leben, in jener nebelhaften Vergangenheit, im Laden ihres Vaters mitgenommen. Angeblich sei es einst das Eigentum von Carl Zeiss gewesen, hatte er erklärt, ein Einzelstück, von Hand gefertigt, dann verpfändet und nie eingelöst. Es gab auch einen Pfandschein aus dem Jahr 1849, ein August Löber hatte säuberlich quittiert, im Auftrag und mit Vollmacht seines Meisters Carl Zeiss zu handeln. Ihr Vater hatte ihr, zu größter Behutsamkeit mahnend, das Unikat für ein Wochenende anvertraut, sie konnte es jedoch nicht wieder in seine Hände legen. Es war das einzige Erinnerungsstück, das ihr ans Elternhaus geblieben war.

Er schaut hinauf zu ihr. Kann er sie sehen, wie sie ihn betrachtet? Forscht er in den Schatten seiner Vergangenheit nach ihr wie sie nach ihm?

...

Er meint, eine Silhouette wahrzunehmen, doch sicher ist er nicht, die Sonne spiegelt sich und verwehrt den Blick auf seine namenlose Göttin. Er wendet sich dem Eingang zu und fragt sich, ob das Beben unter seinen Füßen wirklich da gewesen war. In einer anderen Region, auf einem anderen Kontinent wäre seine Aufmerksamkeit erwacht, doch hier muss niemand damit rechnen, dass Festgefügtes auseinander bricht. Er tritt in die Lobby und nickt dem alten Herrn zu, der an der Rezeption auf irgend etwas warten mag.

Er lässt den Fahrstuhl unbeachtet und steigt in Gedanken tief verloren die vom Teppich weichen Stufen empor. Im zweiten Stock passiert er ihre Zimmertür und horcht, doch ist kein Laut vernehmlich. Er möchte klopfen, doch kann er keinen Grund ersinnen, ein solches Verhalten zu erklären. So geht er weiter, schließt die letzte Tür im Gang auf und meint erneut, ein Beben zu empfinden. Er blickt zurück, den Flur hinunter. Ihm ist, als sei der Kronleuchter in Bewegung. Soll er zurück, das Haus verlassen? Soll er verweilen und beobachten? Droht ihm Gefahr, droht ihr Gefahr? Er könnte nun mit gutem Grunde klopfen, die Göttin fragen, ob die Erde bebt. Er steht vor seiner Zimmertür und hört Musik.

...

Sie spielt auf ihrer Klarinette, improvisiert, lässt Töne kommen, wie sie möchten und entlässt sie in die Atmosphäre, wo sie sind und schon vergehen. Dennoch sind sie nicht flüchtig, verweilen im Gedächtnis, länger oder kurz, vielleicht für immer. Sie spielt seit ihrer Kindheit, und oft kommt eine Melodie zum Vorschein, die sie beim Hören wiedererkennt.

...

Er lauscht und weiß, wer seine Göttin ist. Erkennt die Folge der verspielten Klänge, sieht sich zu ihren Füßen sitzen. Ein stiller See, zwei Menschen bergen sich im Schatten eines Baumes. Er liegt entspannt, vom Bad noch feucht, sie steht und schaut ins Unbestimmte, die Klarinette scheint zu leben. Auf ihrer Haut sind Wasserperlen, ihre Haare tropfen, sein Blick kann sich nicht lösen. Spielt sie für ihn? Für sich? Für niemanden? Für die ganze Welt? Er sieht sie nur von hinten, doch er weiß, dass sie den Blick auf ihre Schönheit spürt. Er legt sich hin, die Augen lassen keinen Augenblick von ihr. Die Melodie spricht mehr als tausend Worte. Sie flüstert Liebe, sie haucht Zärtlichkeit.

Sein Leben lang hat sie ihn begleitet, ein Wunder, ein Phantom der Jugendzeit. Vergessen und doch immer da. Warum hat es so lang gedauert, sich zu erinnern? Warum bringt die Musik zurück, was das Gesicht, was die Gestalt nur ahnen ließ? Er hebt die Hand, um an die Tür zu klopfen. Dann zögert er erneut. Wie kann man solches Spiel der Töne und des Atems unterbrechen?

...

Sie schließt die Augen und sie sieht ihn hingestreckt im Gras. Wie lange ist es her, dass er zu ihren Füßen lag? Vor wie viel Tausenden von Atemzügen spielte sie für ihn, was sie mit Worten nicht zu sagen wusste?

Sie spürt den Blick, und nichts daran ist ihr zuwider. Er darf betrachten, er darf träumen, er darf fühlen. Er ist der erste, dem sie sich zu schenken wünscht, und sie weiß auch, dass sie und er an diesem Tag die Welt besitzen. Sie lässt die Melodie versiegen, die Klarinette sinken. Sie dreht sich zu ihm um. Adam und Eva, ohne Schuld und Scham im Garten. Sein Körper ledig aller Kleidung so wie ihrer. Sein Herz gefangen so wie ihres vom Moment. Zwei Seelen, die in ungetrübter Wahrheit zu einander streben.

...

Er klopft, als die Musik verklungen ist. Sie öffnet ohne Zögern, er sieht die Tränen, die sie wegzuwischen nicht für nötig hält.

„Susanne, wo warst du so viele Jahre?“ Seine Stimme zittert.

Sie haucht mehr, als dass sie spricht: „An keinem Ort, der erwähnenswert sein könnte.“

„Du hast dich verändert.“

„Vermutlich.“

„Du warst fort.“

„War das nicht unvermeidbar?“

Er hört sich sagen: „Bleibst du bei mir?“

...

Sie hört sich sagen: „Wenn du es möchtest, ja.“




Kommentare:

Bernd König hat gesagt…

Isis, o Isis, you mystical child...

...geht mir durch den Kopf. Du weißt, warum. Perfekt, diese Fortsetzung.

barbara hat gesagt…

„Vergangenheit zurückholen,
Zukunft ermöglichen.“

ganz schön mutig und überraschend
von beiden...,
denn beides das Zurückholen und
das Ermöglichen wird schmerzhaft sein !

Bereitschaft sich wirklich erinnern
zu wollen und den Dialog fortzusetzen,
setzt gegenseitige Offenheit voraus...
Das scheint nach all´den Jahren
erst jetzt in der Gegenwart zu gelingen.
Das ist neu, weil so noch nie erlebt worden.-

Das Foto kommt mir bekannt vor...
;-)

Joachim Pache hat gesagt…

Das ist so genial, das mit dem Schluss, der kein Schluss ist oder eben doch. Ich vermute, dass die Geschichte ziemlich lang wird, wenn Du weiterschreibst. So, wie sie in den drei Teilen ist, wäre das eine fertige Kurzgeschichte.
Was nun? Weiter? Fertig? Ich kann mich nicht entscheiden.

P.S.: Schön, dass Leonard Cohen auch was beigesteuert hat.

barbara hat gesagt…

Nachtrag 1 :

@joachim pache
Diese Geschichte ist nicht zu Ende,
sie fängt gerade erst neu an...

@günter
Schön ist die wertschätzende Verbeugung
vor dem Carl Zeiss Fernglas !

Anrührend sind die verzaubernden Klarinettenklänge,
die ich meine, seit heute Morgen,
selbst zu hören und welche nicht mehr verstummen wollen...

Ich assoziere "Somebody loves me"
des begnadeten Klarinettenspielers
Giora Feidmann.

Günter J. Matthia hat gesagt…

@bernd: hast du aber auch bemerkt, dass ich ihn sagen lasse, was eigentlich sie sagt?
She said where you've been?
I said no place special...

@barbara: fotoreycling ist ja sicher umweltschonend. :-)
carl zeiss ist wegen leonard cohen ins spiel gekommen, siehe antwort an joachim. aber nicht nur; als ich 12 war, schenkte mir meine oma ein fernglas, marke carls zeiss, ein treuer begleiter für viele jahre.

@joachim: ich war versucht, noch folgenden absatz an die geschichte anzuschließen:
Der Mond treibt zerbrochen auf dem offenen Meer, trägt keine Überlebenden in Sicherheit. Wir lassen diese Liebenden allein, sie fragen sich, warum sie einander nicht besitzen können. Wir haben keine Antwort und stimmen ein neues Lied an, weil dieses alt und bitter geworden ist.
aber das war mir dann doch zu wörtlich und hätte die tür für eine fortsetzung versperrt.

barbara hat gesagt…

@ Günter
Was für ein Glück, dass dieser unveröffentlichte Absatz fehlt!
Da wäre man schon wieder in negative Gedanken oder Gefühle gerutscht..

Die Tür für eine Fortsetzung
ist bereits offen...

Julian Lange aus Berlin hat gesagt…

Mir scheint, dass da eine ganze Menge Musik so verschmolzen ist, dass etwas ganz neues, eben diese Erzählung, entstanden ist, ohne dass altes, eben die Songs, verloren gegangen ist. Kompliment! Das kann wahrlich nicht jeder.
(Kannst ja mal für diejenigen, die jünger sind, die Songs nennen. Nicht alle Deine Leser sind ja um und über 50, glaube ich.)

Vielleser hat gesagt…

Ich plädiere dafür, das fragment so stehen zu lassen. Es ist geschlossen und doch offen, so dass der Leser seine eigene Fortsetzung erträumen kann.

Andererseits weiß ich inzwischen aus Erfahrung: Wenn Du weiter schreibst, bin ich keineswegs enttäuscht sondern frage mich, wieso ich nicht bemerkt habe, dass die Fortsetzung mir fehlt, bis sie dann da ist...

barbara hat gesagt…

Nachtrag 2 :

Ich kann mir vorstellen, dass der Dialog zwischen beiden weitergeführt wird, wahrscheinlich auch vom gemeinsamen Schweigen unterbrochen wird...
alles geschieht mit Zeit und Muße...
& Meeresrauschen...

barbara hat gesagt…

Warum schreibt hier keiner weiter...?
Warum gibt hier niemand Anregungen...?