Sonntag, 23. Oktober 2011

Johannes /// Teil 3

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Natürlich war Maria neugierig. Ausgerechnet Elisabeth sollte im sechsten Monat schwanger sein. Niemand hatte darüber geredet, kein Mensch schien etwas davon zu wissen. Man hatte geredet, die Leute redeten ja dauernd, aber nur über Elisabeths Mann, der aufgrund eines Erlebnisses beim Priesterdienst stumm geworden war. Es wurde spekuliert, gemutmaßt, manche meinten, er habe ein Schweigegelübde geleistet, andere vermuteten eine Krankheit. Wieder andere erinnerten an die ungewöhnlich lange Zeit, die er beim Räuchern zugebracht hatte und hielten ein übernatürliches Ereignis als Auslöser für wahrscheinlich.

Eine Schwangerschaft im derart hohen Alter? Im sechsten Monat bereits? Da musste sich Maria selbst ein Bild von der Lage machen.

Sie brach eilig auf, um Zacharias und seine Frau in deren Heimatstadt zu besuchen. Als Maria in das Haus ihrer Verwandten kam, griff Elisabeth unwillkürlich mit der Hand an ihren Bauch, dessen Wölbung keinen Zweifel daran zuließ, dass der Engel die Wahrheit gesagt hatte. Maria hatte nicht ernsthaft an den Worten Gabriels gezweifelt, aber nun war sie doch sehr überrascht, als sie sich mit eigenen Augen überzeugen konnte.

Elisabeth spürte, dass ihr Kind förmlich in ihrem Bauch hüpfte, als das Mädchen sie begrüßt hatte. Sie wollte den Gruß in gewohnter Weise erwidern, aber als sie den Mund aufmachte, fühlte sie sich auf einmal wie von einem göttlichen Geist erfüllt und sprach Worte aus, die sie sich nicht zurechtgelegt hatte. Es war, als spräche ein anderes Wesen durch ihren Mund. Sie hörte sich rufen: »Gepriesen bist du unter den Frauen, und gepriesen ist die Frucht deines Leibes!«

Schon wieder so ein Wort, mit dem wir wenig anzufangen wissen. Gepriesen… Was müssen wir uns dabei vorstellen? Es gibt diverse Menschen, die heutzutage gepriesen werden. Ein Autor schreibt ein wunderbares Buch und wird von den Kritikern und Lesern gepriesen, womöglich nicht von Herrn Reich-Ranicki, aber das sei beiseite gelassen. Ein Spitzenkandidat wird von seiner Partei für die nächste Wahl aufgestellt und dann von den Parteimitgliedern gepriesen – zumindest so lange, bis er die Wahl verloren hat. So ungefähr können wir uns die Bedeutung von gepriesen vorstellen.

Maria erschrak zutiefst – nicht so sehr über das gepriesen sein, sondern vielmehr darüber, dass Elisabeth von der »Frucht ihres Leibes« sprach, von der sie selbst noch nicht einmal etwas wusste. War sie etwa schon schwanger? Der Engel hatte ja keinen Zeitpunkt konkretisiert … womöglich … ach du liebe Güte!

Elisabeth war noch nicht fertig mit ihrer Begrüßung: »Und womit habe ich das verdient, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt? Weißt du was, als ich die Stimme deines Grußes hörte, hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leib. Und selig bist du, die du geglaubt hast! Denn es wird vollendet werden, was dir gesagt ist von dem Herrn.«

Ob Maria wohl so ganz begriff, was ihr da statt eines »Hallo Maria, schön, dass du mich besuchen kommst« entgegen schallte? Sie hatte ja noch nichts erzählt von der Engelserscheinung, von ihrer eigenen bevorstehenden Schwangerschaft ohne männliches Zutun, von jenem rätselhaften Königsthron und all den anderen merkwürdigen Prophezeiungen. Wir erinnern uns, dass Maria ein ganz normales frommes Mädchen war, nicht etwa eine sonderlich begabte Person oder jemand mit geistlichen Ämtern und Würden. Zacharias immerhin war Priester, hatte mit dem Tempel, den religiösen Verrichtungen und Gebeten jede Menge Erfahrung, seine Frau Elisabeth war demzufolge sicherlich eher vertraut mit dem, was man von Gott wusste oder glaubte. Aber Maria?

Das Mädchen reagierte den Überlieferungen zufolge anders, als wir es erwarten würden. Es saß ja kein Stenograph daneben, die Berichte wurden über lange Jahre mündlich überliefert, später niedergeschrieben, abgeschrieben, wieder abgeschrieben … jedenfalls beantwortete Maria den uns heute vorliegenden Texten zufolge Elisabeths Begrüßung mit einer Art Lobgesang: »Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes; denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen …«

Marias ziemlich lange Antwort ist fast wie ein Blick in die Zukunft, denn sie beschreibt das, was Gott in der Vergangenheit getan hat, ohne dass sie bereits wissen kann, was ihr eigener Sohn rund dreißig Jahre später tun und predigen wird. »… seine Barmherzigkeit währt von Geschlecht zu Geschlecht bei denen, die ihn fürchten …«, sagt sie, »… er übt Gewalt mit seinem Arm und zerstreut, die hochmütig sind in ihres Herzens Sinn. Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen …«

Worüber sich Elisabeth und Maria so unterhalten haben in den nächsten Wochen, ist uns nicht überliefert. Sicher werden sie über die Besuche des Engels geredet haben, über die Unwahrscheinlichkeit von Elisabeths Empfängnis und die Unmöglichkeit der Schwangerschaft von Maria, werden sich wohl auch Gedanken gemacht haben, was die Leute denken oder reden, wenn Maria ohne Ehemann aber mit zunehmend dickem Bauch zu sehen sein wird … Zeit für Gespräche gab es reichlich. Maria blieb etwa drei Monate; danach kehrte sie wieder heim, kurz bevor Elisabeth ihr Kind auf die Welt brachte.

 

Elisabeth und Zacharias bekamen, was beiden klar gewesen war, einen Sohn. Warum hätte der Engel sich im Geschlecht des Kindes irren sollen.

Nun war es aus mit der Geheimniskrämerei, denn das freudige Ereignis durfte und musste gefeiert werden. Die Nachbarn und Verwandten hörten, vermutlich mit erheblichem Erstaunen, dass die Schmach der Kinderlosigkeit vorüber war und sie freuten sich mit Elisabeth. Sie hätten sich wahrscheinlich schon vorher gefreut, wenn sie von der Schwangerschaft erfahren hätten, aber wir haben uns ja schon Gedanken gemacht, warum Elisabeth in ihrem hohen Alter diesbezüglich so zurückhaltend gewesen war.

BeschneidungAm achten Tag kamen Freunde und Verwandte, um das Kind zu beschneiden. Dies war nicht nur üblich, sondern Vorschrift. Es gehörte zum Leben der Juden ganz selbstverständlich dazu, seit Gott mit dem Stammvater ihres Volkes einen Bund geschlossen hatte. Auf die Unbeschnittenen sah man ein wenig elitär herab, denn auserwählt waren sie nicht. Wenn ein Junge auf die Welt kam, fand acht Tage später die Beschneidung seiner Vorhaut statt, und bei dieser Gelegenheit bekam das Kind dann auch seinen Namen.

Die versammelte Festgesellschaft wollte den Jungen nach seinem Vater Zacharias nennen. Der Tradition gemäß war dies die naheliegende Wahl.

Doch Elisabeth widersprach energisch: »Nein, sondern er soll Johannes heißen.«

Das war der Name, den Gabriel genannt hatte, als er Zacharias am Räucheraltar mit der unglaublichen Botschaft überfallen hatte. Wir kennen diese Vorgeschichte und verstehen, dass weder Elisabeth noch Zacharias daran dachten, von dieser Vorgabe abzuweichen, schließlich hatte sich alles, was der Engel verkündet hatte, als richtig erwiesen, einschließlich der Beraubung des Priesters um seine Stimme.

Die Gäste, denen diese Zusammenhänge unbekannt waren, versuchten, Elisabeth zur Vernunft beziehungsweise zur Tradition zu bewegen: »Es ist doch niemand in deiner Verwandtschaft, der so heißt!«

Elisabeth blieb stur. Da war nichts zu machen. Die Verwandtschaft bedeutete schließlich dem Vater des Säuglings, er solle sich äußern, wie sein Sohn denn nun heißen solle. Zacharias, seit neun Monaten daran gewöhnt, sich lediglich mittels Gesten und notfalls schriftlich auszudrücken, forderte eine kleine Tafel und schrieb: Er heißt Johannes.

Nun wunderten sich alle um so mehr, er als Priester hätte doch Tradition und Gebräuche noch viel höher achten müssen? Natürlich war es nicht verboten, einem Kind einen Namen zu geben, der in der Familie ungebräuchlich war. Manche unter den Festgästen mögen sich gedacht (oder gar miteinander getuschelt) haben, dass die späte Schwangerschaft, noch dazu verheimlich, das Verstummen des Vaters und nun das sture Beharren auf Johannes als Namen irgendwie zusammenpasste. Die Familie war schon etwas wunderlich geworden in letzter Zeit …

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Fort. Setzung. Folgt.

Das Bild soll aus antiker Quelle stammen und die allererste Beschneidung darstellen, damals vorgeschrieben, heute zunehmend als Genitalverstümmelung verpönt.

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