Posts mit dem Label Erzähltes werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Erzähltes werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Dienstag, 11. September 2018

5. Oktober: LiteraMuNa … äh, wie bitte?

Ich habe mich unlängst auf eine Anfrage im Nachbarschaftsnetzwerk »nebenan.de« hin bereit erklärt, bei einem kulturellen Kleinereignis mitzuwirken, indem ich ein paar Kurzgeschichten beisteuere. Welche ich zu Gehör bringen werde, weiß ich selbst noch nicht, etwas Zeit für die Auswahl bleibt mir ja noch. Voraussichtlich wird ein »ungeschriebener Aufsatz« dabei sein, ein kleiner Krimi, was Heiteres …

Die Veranstalterin beschreibt das Programm, das sie neckisch LiteraMuNa betitelt hat, so (ich zitiere wörtlich via kopieren/einfügen):

Günter Matthia schreibt amüsante Kurzgeschichten, die dem Leser /Hörer ein Schmunzeln ins Gesicht zaubern und mehr oder weniger blutrünstige Kriminalromane mit einem leichten Augenzwinkern, die immer eine Überraschung in petto haben. Er hat bereits zahlreiche Bücher veröffentlicht, die auch im Buchhandel zu erwerben sind.

Dagmar Schilling beschäftigt sich beruflich mit der Förderung hochbegabter Kinder und wird uns mit Lyrik erfreuen. Sie nimmt regelmäßig am Autorenforum Berlin e. V. teil, einer offenen Lesebuehne in der Schwartzschen Villa.

Gedichte werden wir auch von Karen Osbelt hören, die sich als Coach mit Beratung und Consulting beschäftigt - bei ihr geht es um die Liebe, u. a. auch zu einem ganzen Kontinent...

Verbunden werden diese Lesungen durch Filmmusik, auf der Geige vorgetragen von Angela Michaelis, studierte Musikpaedagogin im Bereich Geige und Gitarre.

Als weitere Bereicherung des Abends werden wir dann noch Stücke auf der Klarinette hören, gespielt von Annette Kienitz, die viele Jahre Orchestererfahrung auf ihrem Instrument mitbringt!

Alle Akteure leben in unserer mittelbaren und unmittelbaren Nachbarschaft - im Schweizer Viertel und in Lichterfelde Süd.

Zitat Ende. Was muss man noch wissen? Na klar: Der Eintritt ist frei, ein Beitrag für das Buffett (Salate, Getränke, Häppchen …) wird erbeten.

Wer Interesse und Zeit hat, am 5. Oktober um 18 Uhr dabei zu sein, darf gerne per Email Kontakt mit Gabriele, der Veranstalterin, aufnehmen, damit sie erstens weiß, wie viele Menschen kommen möchten und zweitens mit der Adresse herausrückt. gabrielegammelin [ät] gmail.com

Ich bin gespannt und freue mich auf den Abend.

P.S.: Das Bild hat nichts, aber auch gar nichts mit der Veranstaltung zu tun. Es stammt aus Amsterdam. da habe ich mich neulich mit der besten aller Ehefrauen umgesehen.

.

Mittwoch, 22. August 2018

Herr K. soll sich übergeben

Wer bei der Lesung zur Nacht der offenen Kirchen 2018 dabei war, mein Buch »Salbe, Segen, Sammeleimer« gelesen oder meine Blogeinträge in Augenschein genommen hat, ist Herrn K. bereits begegnet. Falls das bei Ihnen, liebe Leserin und lieber Leser, nicht der Fall sein sollte, wird diese Geschichte jedoch nicht weniger verständlich oder unverständlich sein.

Beim Stadtbummel durch Amsterdam kamen die beste aller Ehefrauen und ich an einer Dame vorüber, die sich ein Schild umgehängt hatte, auf dem zu lesen war: Jesus is my savior, not my religion John 3:17. Auf der Mütze, die sie gegen den gelegentlichen Regen oder aus anderen SON04349Gründen trug, stand Real women love Jesus. Die Dame sang und rief abwechselnd mit lauter Stimme allerlei Parolen, den Passanten schien das weitgehend gleichgültig zu sein, jedenfalls blieb niemand stehen, um zuzuhören. Außer einem Herrn, den ich zuerst nur von hinten sah, aber dennoch ziemlich schnell erkannte. Es war Herr K.

Er sprach nach einer Weile des Zuhörens ein paar Sätze mit der Dame, verabschiedete sich dann höflich mit Handschlag und ging in Richtung Dam davon. Da wir die gleiche Richtung einschlugen, lag es nahe, sich bemerkbar zu machen. Ich rief: »Hallo, Herr K.!« und er drehte sich um. Erfreut strahlte er uns an: »Na so ein Zufall, da trifft man sich mitten in Amsterdam! Guten Tag Frau Miller-Matthia, guten Tag Herr Matthia. Sind Sie« – dabei lächelte er mich direkt an – »auf den Spuren der Vergangenheit unterwegs, um Schauplätze Ihres ersten Buches in Augenschein zu nehmen?«

»Auch das«, erklärte ich, »aber Amsterdam besuchen wir nur heute. Wir genießen zwei Wochen Urlaub, unser Ferienhaus liegt im Gelderland«.

Es begann zu nieseln. Herr K. deutete auf einen Coffeeschop ein paar Schritte entfernt und fragte: »Zeit für ein paar Worte und einen schönen Kaffee?«

Wir hatten Zeit und so saßen wir kurz darauf gemütlich am Fenster. Die beste aller Ehefrauen bestellte Tee aus frischer Minze, Herr K. und ich den »großen« Kaffee, der in den Niederlanden ungefähr die Größe eines heimischen klitzekleinen Kaffees hat. Aber dafür ist er deutlich stärker.

Ich war neugierig: »Was haben Sie denn die Dame mit dem Schild gefragt?«

»Ich habe um eine Erklärung des unverständlichen Kürzels am Schluss des Plakates gebeten. John 3:17 – das kann ja alle möglichen und unmöglichen Bedeutungen haben. John Lennon könnte den vorausgehenden Satz um drei Uhr siebzehn gesagt haben. 3:17 ist aber auch eine passende Zeitangabe für eine Single, die könnte von Dr. John oder Elton John stammen, dann wäre der Satz ein Zitat aus dem Lied. Oder John Newton wollte, dass man dann 3 durch 17 teilt, was 0,1764705 ergibt. Das wiederum könnte eine Telefonnummer sein, oder ein Code für ein Bankschließfach, in dem Werweißschonwasalles liegt.«

Die beste aller Ehefrauen lachte vergnügt und fragte: »Hat die Dame denn das Geheimnis gelüftet?«

Herr K. nickte. »Sie meinte, das sei doch klar, dass es sich um einen Verweis auf einen Vers aus der Bibel handelt. Was sie dann zitiert hat, war allerdings kein Vers, jedenfalls kein Vers aus einem Gedicht oder Lied, denn es hat sich nicht gereimt.«

»Verse nennt man die nummerierten Sätze, in die man vor ein paar hundert Jahren die biblischen Texte zerstückelt hat«, erklärte ich. »Aber das, was auf dem Schild der Dame stand, war jedenfalls nicht der biblische Vers.«

Herr K. fuhr fort: »Sie hat den sogenannten Vers auswendig zitiert, in etwa ging das so: Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richten soll, sondern damit die Welt durch ihn gerettet werden kann. Ungefähr so, jedenfalls. Ich habe sie dann gefragt, warum der Satz mit denn beginnt und worauf sich das bezieht. Ich meine, kein Mensch fängt doch einen Satz mit denn an, wenn er nicht vorher etwas gesagt hat, was er nun mit dem denn begründen oder erläutern will, oder?«

Ich musste kichern, weil mir diese Unsitte im Rahmen frommer Verlautbarungen auch schon oft aufgefallen war. Da wird ein Satz ohne jeden Zusammenhang und ohne grammatikalische Anpassung zitiert, und alle, die es lesen oder hören, sollen das selbstverständlich verstehen und zum Anlass nehmen, sofort ein christliches Leben zu beginnen.

»Davor geht es um Mose, eine Schlange und die Wüste«, erklärte ich Herrn K., »vermutlich ist das aber auch nicht gerade hilfreich beim Verständnis. Man sollte schon den gesamten Text im Zusammenhang lesen.«

Herr K. zuckte mit den Schultern. »Meinetwegen, ich habe überhaupt nichts gegen Wüstenschlangen. Aber anschließend meinte die Dame, ich solle mich an Ort und Stelle übergeben, um nicht in der Hölle zu landen. Oder so ähnlich.«

Die beste aller Ehefrauen fragte: »Übergeben? Sie sollten sich da auf der Straße übergeben?«

»Ja. Vielleicht habe ich es falsch verstanden, das Deutsch der Dame war kein muttersprachliches. Sie sagte – übrigens hat sie mich von Anfang an geduzt, aber Schwamm drüber – sie sagte: Sprich mir jetzt das Gebet nach, um dich zu übergeben, dann landest du nicht in der Hölle.«

»Ach so!« rief ich. »Sie wollte ein Übergabegebet mit Ihnen sprechen.«

»Ein was?«

»Es gibt unter den Christen einige Gruppierungen, die der Meinung sind, man müsse bestimmte formelhafte Sätze aussprechen, sonst könne man nicht gläubig sein oder werden. Das nennt man dann Übergabegebet, ein Gebet zur förmlichen Übergabe des Lebens an Jesus Christus.«
»Aha. So so. Herr Matthia, ich will Ihnen ja nicht zu nahe treten oder aufdringlich sein, aber darf ich fragen, ob Sie sich jemals übergeben haben?«

IMG_20180813_133649Vom Nebentisch drang würzig-süßer Rauch zu uns herüber, ein Joint machte dort die Runde. Ich erinnerte mich zurück an meine Hippiezeit und an manches Erbrechen nach dem Genuss gewisser Substanzen … aber darauf wollte Herr K. ja wohl eher nicht hinaus. Ich antwortete: »Ja, aber das würde ich nicht als notwendigen oder entscheidenden Punkt bezeichnen, was meinen Entschluss betrifft, an Gott und Christus zu glauben. Geschadet hat das Übergabegebet damals zwar auch nichts, aber der Abend, an dem das Übergabegebet stattfand, war kein dauerhafter Wendepunkt in meinem Leben.«

Herr K. sah auf die Armbanduhr und meinte: »Schade, dass ich aufbrechen muss, aber mein Zug fährt in 25 Minuten. Vielleicht können wir, sollten wir uns wieder einmal treffen, das Gespräch fortsetzen. Ich würde mich freuen.«

Wir verabschiedeten uns herzlich voneinander und brachen auf. Er in Richtung Bahnhof, wir schlenderten zum Dam.

»Die Dame mit dem Plakat meint es sicher gut und aufrichtig und ehrlich«, meinte die beste aller Ehefrauen, »aber ob jemand davon wirklich angesprochen wird?«

»Man möchte es ihr wünschen«, antwortete ich. »Gut gemeint ist leider nicht immer gut gemacht.«

Dann zeigte ich auf die Stufen um das Nationalmonument und erzählte: »Hier saßen damals jede Menge Hippies mit ihren Instrumenten und haben gemeinsam musiziert. Da war ich oft dabei.«

Samstag, 24. März 2018

Lukas! (Teil 3)

Nun geht es weiter mit den Geschichten, die ein gewisser Lukas so oder so ähnlich aufgeschrieben hat.

Was bisher geschah, lesen Sie hier: [Teil 1] /// [Teil 2]

---

In jenen Tagen ordnete Kaiser Augustus eine Volkszählung im ganzen römischen Reich an. Es war die erste derartige Erhebung, die unter Quirinius als Statthalter in Syrien stattfand. Jeder sollte in seinem Herkunftsort registriert werden. Alle, die nicht mehr am Geburtsort lebten, mussten daher zum Teil auch weite Wege in Kauf nehmen, um sich in die Listen eintragen zu lassen. Joseph reiste aus diesem Grund aus seinem galiläischen Wohnort Nazareth in die Stadt Bethlehem, die Stadt Davids in Judäa. Er musste sich als dessen Nachkomme mit Maria, seiner schwangeren jungen Ehefrau, dort in die Volkszählung eintragen lassen.

Während des Aufenthalts in Bethlehem begannen Marias Wehen. Sie brachte ihren ersten Sohn zur Welt, wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil es nur im Stall der Herberge Platz für das junge Paar gegeben hatte.

In der Gegend hielten in jener Nacht einige Hirten Wache bei ihrer Herde. Da trat ein Engel zu ihnen. Der Lichtglanz Gottes erhellte mitten in der Nacht rings um die Gestalt die Umgebung. Die Hirten erschraken zutiefst. Der Engel versuchte, sie zu beruhigen: »Fürchtet euch nicht! Ich verkünde euch große Freude, die das ganze Volk erleben wird. Für euch ist heute in Bethlehem ein Retter geboren worden, und zwar der Messias, der Herr. Ich gebe euch ein Erkennungszeichen: Ihr werdet ein neugeborenes Kind finden, das in Windeln gewickelt in einer Krippe liegt.«

Plötzlich erschienen bei dem Engel auch noch eine Menge von weiteren himmlischen Wesen, die Gott priesen: »Ehre sei Gott in den Himmelshöhen und Friede auf Erden unter den Menschen des göttlichen Wohlgefallens!«

Als die Engel in den Himmel zurückgekehrt waren, beschlossen die Männer: »Wir wollen doch nach Bethlehem hinübergehen und uns ansehen, was sich dort der göttlichen Mitteilung zufolge abspielt.«

Also gingen sie eilig in die Stadt und fanden bald Maria und Joseph mit dem Kind, das in der Krippe lag. Als sie es gesehen hatten, erzählten sie dem Paar und den übrigen Anwesenden die Botschaft, die sie über dieses Kind gehört hatten. Alle wunderten sich über den Bericht der Hirten, aber Maria merkte sich diese Mitteilungen sehr gut. Sie dachte immer wieder darüber nach.

Die Hirten kehrten nach einer Weile zurück zu ihrer Herde. Sie lobten und dankten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten, denn es war alles so gewesen, wie es die Engeln beschrieben hatten.

–—

Als acht Tage vergangen waren, musste man das Kind gemäß den jüdischen Gesetzen beschneiden. Maria und Joseph gaben ihm bei der Zeremonie den Namen Jesus, der schon vor seiner Empfängnis von dem Engel, der Maria besucht hatte, genannt worden war.

Als dann auch die vierzig nach dem religiösen Gesetz für die Reinigung einer Frau nach einer Geburt vorgeschriebenen Tage zu Ende waren, brachten sie das Kind nach Jerusalem in den Tempel, um es Gott zu weihen. Im Gesetz des jüdischen Volkes heißt es dazu: Jedes erstgeborene männliche Kind, das zur Welt kommt, soll als dem Herrn geheiligt gelten. Die beiden Eltern brachten auch das Opfer gemäß der Vorschrift im Gesetz dar, nämlich ein Paar Turteltauben oder zwei junge Tauben.

Simeon, ein gesetzestreuer und gottesfürchtiger alter Einwohner Jerusalems, wartete wie so viele seiner Volksgenossen auf die Errettung Israels aus der Hand der Feinde und Besatzer. Vom heiligen Geist war ihm einst mitgeteilt worden, dass er nicht sterben würde, bevor er Gottes Gesalbten, den Messias, gesehen hätte. Auf einen göttlichen Impuls hin kam er zu der Stunde in den Tempel, als die Eltern Jesus hineinbrachten. Simeon nahm den Säugling in seine Arme und pries Gott: »Herr, nun lässt du deinen Knecht, wie du ihm versprochen hast, im Frieden sterben. Ich habe dein Heil gesehen, das du vor aller Völker Augen zu uns kommen lässt: Ein Licht zur Erleuchtung der Heiden und zur Verherrlichung deines Volkes Israel.«

Das junge Paar wunderte sich über das, was der alte Mann über den Säugling gesagt hatte. Simeon segnete beide und gab Maria dann noch einige in diesem Moment sehr rätselhafte Worte mit auf den Weg: »Du sollst wissen, dass dein Sohn vielen in Israel zum Fallen und vielen zum Aufstehen bestimmt ist. Er wird gewaltigen Widerspruch erfahren. Auch dir selbst wird ein Schwert durch die Seele dringen. Dadurch werden dann die heimlichen Gedanken aus vielen Herzen offenbar.«

Auch eine sehr alte Prophetin namens Hanna war anwesend. Nur sieben Jahre hatte sie nach ihrer Mädchenzeit mit ihrem Mann gelebt. Als er starb, war sie Witwe geblieben bis zum Alter von inzwischen vierundachtzig Jahren. Sie verließ den Tempel nicht und diente Gott bei Tag und Nacht, indem sie fastete und betete. Sie trat nun zu Maria, Joseph und dem Kind, pries Gott und redete zu allen Anwesenden, die auf die Erlösung Jerusalems warteten, über Jesus.

Nachdem schließlich Joseph und Maria alle Vorschriften entsprechend dem jüdischen Gesetz erfüllt hatten, kehrten sie nach Galiläa in ihre Stadt Nazareth zurück. Der Junge wuchs heran, wurde kräftig und mehr und mehr mit Weisheit erfüllt. Die Gnade Gottes ruhte auf ihm.

–—

Seine Eltern pflegten jedes Jahr zum Passahfest nach Jerusalem zu reisen. Als Jesus zwölf Jahre alt geworden war und sie wie immer zur Festzeit die Stadt besucht hatten, blieb der Junge unbemerkt zurück, als sie sich auf den Heimweg machten. In der Meinung, er befinde sich unter der Reisegesellschaft, unternahmen sie die erste Tagereise und suchten ihn dann erst am Abend bei den Verwandten und Bekannten. Als sie ihn nicht fanden, kehrten Maria und Joseph nach Jerusalem zurück und suchten ihn dort. Nach drei Tagen fanden sie ihn endlich. Er saß im Tempel mitten unter den Lehrern und hörte ihnen zu. Er richtete auch Fragen an sie und alle, die Zeugen der Gespräche waren, staunten über sein Verständnis und seine Antworten.

Als Maria und Joseph ihn dort erblickten, waren sie einerseits erleichtert, andererseits verunsichert angesichts der Situation. Seine Mutter schimpfte: »Kind, warum hast du uns das angetan? Hast du denn gar nicht an uns gedacht? Dein Vater und ich suchen dich seit Tagen, wir hatten Angst um dich!«

Jesus antwortete: »Wie habt ihr mich nur suchen können? Wusstet ihr denn nicht, dass ich im Haus meines Vaters sein muss?«

Sie verstanden nicht, was der Junge damit gemeint hatte. Er kehrte dann mit ihnen nach Nazareth zurück und war ein gehorsamer Sohn. Er nahm stetig an Weisheit und Wohlgefallen bei Gott zu, während er heranwuchs. Die Menschen mochten ihn sehr.

Seine Mutter vergaß all diese Vorkommnisse aus der Kindheit nie.

–—

Auch Johannes wuchs heran und entwickelte eine starke Persönlichkeit. Er hielt sich, seit er erwachsen war, zurückgezogen in der Einöde auf.

---

Fortsetzung? Folgt.

P.S.: Bild (gemeinfrei) von Morguefile.

.

Donnerstag, 22. März 2018

Sabrina jetzt auch in jeder Buchhandlung

Bücher, die im normalen deutschen Buchhandel erhältlich sein sollen, sind zwangsweise deutlich teurer als die Ausgaben, die es weltweit bei Amazon gibt. Das liegt an den Handelsspannen, die der Buchhandel verlangt und an der Zwangseinreichung bei der Deutschen Bibliothek.

Für alle geschätzten Blogbesucher und andere Menschen, die aus welchen Gründen auch immer nicht bei Amazon einkaufen, ist jetzt »Sabrinas Geheimnis« in einer Buchhandels-Ausgabe erschienen. Mit neuem Umschlag und neuer ISBN, inhaltlich aber identisch mit der bekannten Ausgabe.

ISBN 978-3-746708-30-0, Taschenbuch (348 Seiten), 14,99 Euro.

Zum Beispiel auch online bei Epubli / Hugendubel / Weltbild … oder eben beim lokalen Buchhändler.

Mittwoch, 21. März 2018

Lukas! (Teil 2)

Dieser Teil 2 ist eigentlich Teil 1, denn Teil 1 war die Einleitung. Das Vorwort. Alles klar? Nein?

Na dann: Hier steht Teil 1 und damit auch, worum es geht: [Lukas! (Teil 1)].

---

Einer der Priester zur Zeit des jüdischen Königs Herodes war Zacharias, seine Frau hieß Elisabeth. Sie waren aufrichtige Menschen und ihr tadelloser Lebenswandel entsprach den Geboten und Satzungen der jüdischen Religion. Sie hatten keine Kinder, weil Elisabeth unfruchtbar war – was gesellschaftlich als schlimmer Makel galt. Beide waren alt geworden und hatten sich mit ihrem Schicksal einigermaßen abgefunden.

Eines Tages wurde Zacharias nach dem Brauch der Priesterschaft ausgelost, in den Tempel zu gehen und dort das Rauchopfer darzubringen. Die versammelten Gläubigen blieben währenddessen draußen und beteten. Zacharias verrichtete wie üblich seinen Dienst, als aus dem Nichts ein Engel auf der rechten Seite des Rauchopferaltars erschien. Bei seinem Anblick erschrak Zacharias, aber das Wesen beruhigte ihn: »Fürchte dich nicht, Zacharias, denn dein Gebet wurde erhört. Deine Frau Elisabeth wird einen Sohn zur Welt bringen, dem du den Namen Johannes geben sollst. Nicht nur du wirst deine Freude an dem Kind haben, auch viele andere werden sich über seine Geburt freuen. Euer Sohn wird vor Gott und für Gott ein ganz besonderer Mensch sein. Er wird sein Leben lang weder Wein noch andere alkoholische Getränke genießen und schon von Geburt an mit Gottes Geist erfüllt sein. Viele Israeliten wird er zu ihrem Gott zurückführen. Er ist es, der von göttlichem Geist geleitet vor dem Messias[i] auftreten wird, und zwar mit einer Kraft wie seinerzeit Elia, um die Herzen der Väter den Kindern wieder zuzuwenden und die Ungehorsamen zur Umkehr zu bewegen, damit das Volk auf den Erretter vorbereitet wird.«

Die überraschend lange Ansprache konnte Zacharias allerdings nicht überzeugen. Er fragte den unerwarteten Besucher: »Ein Sohn? Wie soll ich das für möglich halten? Ich bin schließlich ein alter Mann und meine Frau ist auch schon betagt.«

Was der Engel antwortete, klingt leicht pikiert: »Ich bin Gabriel, der als Diener vor Gottes Angesicht steht! Ich wurde hierher gesandt, um zu dir zu reden und dir diese frohe Botschaft zu verkündigen. Hör jetzt gut zu: Weil du meinen Worten nicht geglaubt hast, wirst du stumm sein und nicht reden können bis alles eintrifft. Was ich gesagt habe, wird in Erfüllung gehen.«

Die Gläubigen warteten unterdessen draußen und wunderten sich darüber, dass Zacharias so ungewöhnlich lange im Tempel blieb. Als er dann endlich heraustrat, konnte er nicht mit ihnen reden. Sie merkten ihm an, dass er eine Erscheinung im Tempel gesehen hatte. Er seinerseits versuchte, sich ihnen durch Gesten verständlich zu machen, blieb aber stumm.

Als die sieben Tage seines regulären Priesterdienstes zu Ende waren, kehrte er heim. Kurz darauf wurde seine Frau Elisabeth schwanger. Sie zog sich fünf Monate völlig zurück, damit ihre Schwangerschaft nicht überall zum Gesprächsthema wurde. Innerlich freute sie sich aber außerordentlich: »Das hat der Herr mir geschenkt! Er hält endlich den richtigen Zeitpunkt für gekommen. Jetzt wird mich niemand mehr als minderwertig ansehen.«

–—

Ein paar Monate nach der Episode im Tempel wurde der gleiche Engel von Gott nach Galiläa in die Stadt Nazareth gesandt, und zwar zu einer Jungfrau, die mit Joseph, einem jungen Mann aus der Nachkommenschaft Davids, verlobt war. Das Mädchen hieß Maria. Der Engel trat bei ihr ein und sprach sie an: »Sei gegrüßt, du Auserwählte. Der Herr ist mit dir!«

Maria konnte sich nicht erklären, was dieser Gruß bedeuten sollte und war natürlich, ähnlich wie Zacharias im Tempel, erschrocken über die unerwartete Erscheinung. Sie blieb stumm.

Da sie offenbar nicht sagen wollte, fuhr der Engel schließlich fort: »Fürchte dich nicht, Maria, denn du hast Gnade bei Gott gefunden! Du wirst schwanger werden und Mutter eines Sohnes, dem du den Namen Jesus geben sollst. Dein Junge wird ein ganz herausragender Mensch sein und Sohn des Höchsten genannt werden. Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vorfahren David anvertrauen. Er wird in alle Ewigkeit als König über das Volk Israel herrschen, für sein Königtum wird es kein Ende geben.«

Auf diese Ankündigung hin fragte das Mädchen irritiert: »Wie soll das möglich sein? Ich schlafe doch mit keinem Mann!«

Gabriel war angesichts der Zweifel nicht so unwillig wie bei Zacharias. Er erklärte geduldig: »Heiliger Geist wird über dich kommen – die Kraft des Höchsten wird dich überschatten. Darum wird man auch das Heilige, das von dir geboren wird, Gottes Sohn nennen. Hör zu: Deine Verwandte Elisabeth ist trotz ihres hohen Alters mit einem Sohn schwanger und zwar schon im sechsten Monat. Du weißt ja, dass man sie unfruchtbar nennt. Bei Gott ist aber nichts unmöglich.«

Bescheiden erwiderte Maria: »Ich will Gott gerne dienen. Ich bin einverstanden mit dem, was du mir verkündet hast.«

Daraufhin entfernte sich der Engel.

–—

Ein paar Tage später machte sich Maria neugierig auf den Weg und wanderte in das angrenzende Bergland, wo Zacharias und seine Frau wohnten. Maria trat ein und begrüßte Elisabeth. Als Elisabeth den Gruß hörte, bewegte sich das Kind in ihrem Leib besonders lebhaft. Elisabeth wurde mit heiligem Geist erfüllt und brach in lauten Jubel aus: »Gepriesen bist du unter den Frauen, und gesegnet ist die Frucht deines Leibes! Warum wird mir das Glück zuteil, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt? Als ich den Klang deines Grußes hörte, hüpfte mein Kind geradezu vor Freude. Die Verheißungen, die der Herr uns beiden gegeben hat, werden in Erfüllung gehen!«

Sinngemäß antwortete Maria darauf, dass sie sich unbändig freute, sowohl über die Worte von Elisabeth, als auch darüber, dass Gott ausgerechnet sie ausgesucht hatte.[ii]

Maria blieb etwa drei Monate bei Elisabeth und kehrte schließlich in ihr Haus zurück, kurz bevor Elisabeth wie vorausgesagt Mutter eines Sohnes wurde.

–—

Nach der Geburt hörten auch die Nachbarn und Verwandten, dass Gott so barmherzig mit Elisabeth gewesen war. Alle freuten sie sich mit ihr. Am achten Tag kamen sie zur rituellen Beschneidung des Jungen und wollten ihm dem Namen seines Vaters Zacharias geben. Aber Elisabeth wehrte ab: »Nein, er soll Johannes heißen!«

Damit war die Festgesellschaft nicht einverstanden: »In deiner Verwandtschaft gibt es niemanden, der diesen Namen führt.«

Sie wollten nun vom Vater, an dessen Stummheit seit dem unheimlichen Erlebnis im Tempel man sich mittlerweile gewöhnt hatte, erfahren, wie er das Kind nennen wollte. Zacharias bat um ein Täfelchen und schrieb: Johannes ist sein Name!

Es war üblich, dem ersten Sohn einer Familie den Namen des Vaters oder zumindest einen Namen zu geben, der im Stammbaum vorkam. Daher waren die Versammelten außerordentlich verwundert über diesen Namen für den Jungen. In diesem Augenblick wurde der Bann des Stummseins von Zacharias genommen. Seine Zunge löste sich. Er konnte wieder reden und pries Gott.[iii]

Dann wedete Zacharias sich seinem Sohn zu: »Du, kleiner Junge, wirst ein Prophet des Höchsten genannt werden. Du wirst vor dem versprochenen Erretter her gehen, um ihm die Wege zu bereiten, damit sein Volk das Heil erkennen kann, das den Menschen durch die Vergebung ihrer Sünden geschenkt wird. Unser Gott erbarmt sich so herzlich, damit diejenigen Licht erhalten, die in Finsternis und Todesschatten sitzen. Gott will unsere Schritte auf den Weg des Friedens leiten.«

Die Nachricht von der Geburt eines so spät empfangenen Kindes und von den seltsamen Begleitumständen bei der Namensgebung verbreitete sich in Windeseile. Eine spürbare Ehrfurcht machte sich in der Nachbarschaft breit. Im Bergland von Judäa wurde über diese Begebenheiten immer wieder gesprochen und die Geschichte wurde weitererzählt. Alle, die davon hörten, nahmen sich die Ereignisse zu Herzen. Viele fragte sich: Was wird wohl aus diesem Johannes werden? Viele, die mit der Familie und besonders dem Kind Kontakt hatten, spürten Gottes Gegenwart.

---

Fortsetzung? Bitte sehr, hier entlang: [Teil 3]

Hier noch die Fußnoten:


[i] Der Begriff Messias (hebräisch משיח Maschiach oder Moschiach, aramäisch Meschiah, in griechischer Transkription Μεσσίας, ins Griechische übersetzt Χριστός Christós, latinisiert Christus) stammt aus dem Tanach und bedeutet Gesalbter. Er wird im biblischen Kontext vor allem als Bezeichnung für den rechtmäßigen, von Gott eingesetzten König der Juden verwendet. (Quelle: Wikipedia)

[ii] Lukas hat an dieser Stelle seines Berichtes Loblieder aus den heiligen Schriften seines Volkes nachgedichtet. Er greift sowohl wörtlich als auch indirekt Formulierungen aus den Psalmen und den Prophetenbüchern auf. Er hat das in poetische Worte gekleidet: Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter, weil er die Niedrigkeit seiner Magd angesehen hat! Von nun an werden alle Generationen mich selig preisen, weil der Allmächtige Großes an mir getan hat. Ja, heilig ist sein Name, und sein Erbarmen schenkt er über alle Generationen hinweg denen, die ihn fürchten. Er wirkt seine Kraft aus mit seinem Arm, er zerstreut, die in ihren Herzen hochmütig sind, er stürzt Regierende aus ihrem Amt und erhöht Niedrige; Hungrige macht er satt und lässt Reiche leer ausgehen. Er hat sich Israels angenommen, seines Dieners, um der Barmherzigkeit zu gedenken, wie er es unsern Vorfahren verheißen hat, dem Abraham und seinen Nachkommen in Ewigkeit.

[iii] Lukas hat auch Zacharias einen ausgedehnten und poetischen Lobgesang in den Mund gelegt, der auf den heiligen Schriften, den überlieferten Psalmen und Prophetenbücher Israels, beruht. Lukas berichtet, dass Zacharias mit heiligem Geist erfüllt wurde und dann prophetische Worte aussprach: Gepriesen sei der Herr, der Gott Israels! Denn er hat sein Volk gnädig angesehen und ihm eine Erlösung geschaffen. Er hat uns eine Posaune geschenkt, die seinen Sieg verkündet. Das hatte er durch den Mund seiner heiligen Propheten seit unermesslichen Zeiten vorausgesagt: retten will er uns von unsern Feinden und aus der Hand aller, die uns hassen. Damit zeigt er unseren Vorfahren gegenüber Barmherzigkeit. Er hat seinen heiligen Bund nicht vergessen! Er erinnert sich an den Eid, den er unserm Vater Abraham geschworen hat, dass er uns aus der Hand unserer Feinde erretten wird und uns in die Lage versetzt, ihm furchtlos in Heiligkeit und Gerechtigkeit vor seinen Augen unser Leben lang nachzufolgen.

P.S.: Bild (gemeinfrei) von Morguefile.

.

Dienstag, 20. März 2018

Lukas! (Teil 1)

Voraussichtlich im Mai oder Juni, geschätzte Blogbesucher, könnte ich eines der Projekte fertig haben, an denen ich arbeite. Der Arbeitstitel lautet »Lukas!« – und worum es gehen soll, wird aus dem einleitenden Kapitel deutlich. Das sieht so aus:

---

Liebe Leserin und lieber Leser,

bekanntlich haben es schon viele unternommen, einen Bericht über ganz bestimmte Begebenheiten, die sich vor rund zweitausend Jahren in Judäa und ringsum ereignet haben, abzufassen. Ein gewisser Lukas zum Beispiel, der sich viel Mühe mit seiner Zusammenfassung all dessen gegeben hat, was zu seiner Zeit von denjenigen überliefert war, die von Anfang an Augenzeugen gewesen waren.

Den Texten ist im Lauf der Jahrhunderte manches angetan worden: Im Mittelalter hat man den ersten Teil des Berichtes in 24 Kapitel, den zweiten in 28 Kapitel und jedes der Kapitel wiederum in nummerierte Sätze aufgeteilt. Das hat den Text so zerstückelt, dass das Lesen schwer und das Verstehen noch schwieriger wurde. Nun gut, vielleicht war das nicht so schlimm, da sowieso nur wenige Menschen lesen konnten oder eigene Bücher besaßen. Es wurde eher vorgelesen.

Soweit man weiß, schrieb Lukas seine Berichte etwa um das Jahr 80 nach Christus. Er soll Grieche gewesen und durch einen Mann namens Paulus, von dem im zweiten Teil des Buches viel die Rede sein wird, mit dem »neuen Weg« des Jesus aus Nazareth in Berührung gekommen sein. Was es mit Jesus und seinen Begleitern auf sich hatte, schildert Lukas aus zweiter oder dritter Hand im ersten Teil dieses Buches; er war ja kein Augenzeuge, hat allerdings, schreibt er in seinem Bericht, noch einige der Personen kennengelernt, die Jesus aus Nazareth begegnet waren.

Der Text des Lukas als Handschrift liegt aus der ersten Hälfte des vierten Jahrhunderts in griechischer Sprache vor. Die ältesten heute noch erhaltenen Fragmente von Abschriften der Aufzeichnungen stammen aus der Zeitspanne 175 bis 225 nach Christus. Es ist für mich nicht nur denkbar, sondern sehr wahrscheinlich, dass diese Abschriften nicht mehr dem Original aus der Feder des Lukas entsprechen. Über die Jahrhunderte wurden sicher Passagen weggelassen, ergänzt oder ungenau überliefert. Anders kann ich mir solche Abschnitte wie die Begebenheit um Ananias und Saphira nicht erklären. Die Episode passt weder zum Generaltenor der Geschichte, die Lukas erzählt, noch zu dem Bild, das er darin von Gott zeichnet. Im Gegenteil. Die Episode widerspricht einigen Prinzipien, die – Lukas zufolge – Jesus aus Nazareth gelehrt hat. Aber mit fragwürdigen Passagen muss man bei solch alten Texten angesichts der jahrhundertelangen Überlieferung leben.

Ich bin bei meinem Projekt, diese alte Geschichte in einer den heutigen Lesegewohnheiten entsprechenden Sprache zu erzählen, inhaltlich beim Text von Lukas (beziehungsweise der heute verfügbaren Versionen) geblieben. Wo mir das unumgänglich schien, habe ich erklärende Worte im Anhang hinzugefügt. Über Abschnitte wie den von Ananias und Saphira, liebe Leser, gehen Sie dann so achselzuckend wie ich hinweg. Die Geschichte, die Lukas erzählt hat, ist und bleibt dessen ungeachtet spannend. Da ich kein Griechisch kann, habe ich mich überwiegend auf die Übersetzung des Textes von Hermann Menge verlassen. »Im engen Anschluss an den biblischen Urtext, aber ohne in ängstlicher Weise am Buchstaben zu kleben« – das ist laut der Deutschen Bibelgesellschaft in Stuttgart ihre Stärke.

Ich erzähle die Geschichte so, wie Lukas sie heute berichten würde, wenn er in unserer Zeit und Gesellschaft zu Hause wäre. Zumindest stelle ich mir vor, dass er so schreiben könnte oder würde. Stammbäume und Abstammungslisten, die uns heute und hier nichts sagen, habe ich aus dem Text herausgelassen (und in den Anhang verschoben). Es ist für Leser in unserem Kulturkreis, glaube ich, uninteressant, dass Zacharias ein Priester »aus der Abteilung des Abijas« war oder dass seine Frau Elisabeth »von den Töchtern Aarons« abstammte. Wir kennen weder Aaron noch Abijas noch ihre geschichtliche Rolle. Wer auf solche Details Wert legt, sollte zu einer klassischen Bibel greifen. Ich habe auch die mittelalterliche Zersplitterung der Erzählung in Kapitel und Verse rückgängig gemacht. Wer theologisch debattieren und forschen möchte, ist mit meinem Buch nicht gut beraten. Dafür gibt es theologische Seminare und Studienbibeln in ausreichender Auswahl.

Bei manchen Begriffen und Vorstellungen muss ich meine geschätzten Leser darum bitten, damalige Denkweisen und Überzeugungen (mehr oder weniger billigend) in Kauf zu nehmen, auch wenn wir sie heute nicht so ausgeprägt oder gar nicht mehr teilen. Es wird zum Beispiel von »Sündern« und von »bösen Geistern« die Rede sein. Wenn ich versucht hätte, solche Formulierungen zu umschreiben oder zu ersetzen, hätte ich dem Text des Lukas Gewalt antun müssen. Lukas hat solche Passagen mit innerer Überzeugung verfasst – gemäß seiner Kenntnisse. Das Leiden eines kranken Jungen beispielsweise ist für uns anhand der geschilderten Symptome als Epilepsie erkennbar. Lukas schrieb die Krämpfe einem »bösen Geist« zu. Ich bleibe seiner Erzählung an solchen Stellen treu. Falls Sie überzeugt sind, dass es etwas aus der Vorstellungswelt des Lukas nicht gibt, dann empfehle ich: Lesen Sie die entsprechenden Abschnitte wie eine Erzählung, beispielsweise von Stephen King. Wenn im Abwassersystem einer Kleinstadt etwas (oder jemand?) sein Unwesen treibt, dessen einziger Daseinszweck darin besteht, die Kinder der Stadt auf Nimmerwiedersehen in die Kanäle hinab zu locken … dann lesen Sie ja auch gerne weiter, ohne das Buch beiseite zu legen. Oder rufen Sie etwa entrüstet: »Ein Clown in der Kanalisation, der gar kein Clown ist? Das lese ich nicht!«

Zurück zum Lukas. Wie genau seine Darstellungen sind, sei dahingestellt. Niemand hatte seinerzeit einen Stenogrammblock oder gar ein elektronisches Gerät zum Aufnehmen der Gespräche und Ansprachen bei sich. Niemand hat fotografiert oder gefilmt. Ob der Wortlaut der zahlreichen wörtlichen Reden jeweils authentisch ist oder ausgeschmückt wurde, soll uns, liebe Leser, nicht weiter bekümmern. Lukas hielt es für richtig, auch dort wörtliche Rede einzusetzen, wo weder er selbst noch sonst jemand Ohrenzeuge gewesen sein kann (außer den direkt Beteiligten), zum Beispiel wenn ein Engel namens Gabriel unter vier Augen mit einem jungen Mädchen redet. Das Mädchen mag sich gemerkt haben, was der unerwartete Besucher zu sagen hatte … aber wer hat den Wortlaut überliefert, so dass Lukas ihn rund 110 Jahre später notieren konnte?

Liebe Leser, genug der Vorrede. Ob Sie nun zum ersten Mal lesen, was es mit Jesus aus Nazareth und seinen Nachfolgern auf sich hatte oder ob sie »alte Hasen« sind – ich wünsche Ihnen spannende Stunden auf dem Weg von einem kleinen jüdischen Dorf ins große Rom.

---

Fortsetzung? Bittesehr, hier entlang: [Teil 2].

---

Ich werde den Text, während er entsteht, hier meinen Blogbesuchern vorstellen und hoffe auf hilfreiche Hinweise und Kommentare. Wer nicht hinweisen und kommentieren mag, darf gleichfalls gerne lesen und verfolgen, ob und wie mir die Arbeit von der Hand gegen wird.

P.S.: Bild (gemeinfrei) von Morguefile.

.

Montag, 26. Februar 2018

Aller guten Dinge sind …

… angeblich drei. Nun denn, hier ist eine dritte Geschichte aus dem Buch »Salbe, Segen, Sammeleimer«, vorgelesen vom Autor. Also von mir. Und es geht um Herrn K., der regelmäßigen Blogbesuchern ja kein Fremder ist.

herrkah

So.


P.S.: Das Buch gibt es hier: [SaSeSa als Taschenbuch]
Und hier: [SaSeSa als E-Book für den Kindle]

.

Sonntag, 25. Februar 2018

Wer immer noch nicht lesen will …

… darf noch mal hören. Und zwar den Heimatkrimi »Frau Schlonske und die Ewige Heimat« aus dem Buch »Salbe, Segen, Sammeleimer« vorgelesen vom Autor. Persönlich.

heikri

So.


P.S.: Das Buch gibt es hier: [SaSeSa als Taschenbuch]
Und hier: [SaSeSa als E-Book für den Kindle]
.

Dienstag, 20. Februar 2018

20 Jahre »Es gibt kein Unmöglich!«

frontFür alle, die (aus welchen Gründen auch immer) nicht bei Amazon einkaufen möchten, gibt es das Buch jetzt auch wieder in jeder Buchhandlung als Jubiläumsausgabe zum 20. Geburtstag des Romans mit dem Original-Umschlagsbild von 1998.
ISBN 978-3-7467-0124-0, Taschenbuch (348 Seiten), 19 Euro.
Auch online auf allen Buchvertriebsseiten erhältlich und direkt im Epubli-Sortiment.

Für 10 Euro (beziehungsweise 6,95 für das Kindle-Ebook) gibt es nach wie vor die exklusiv bei Amazon erhältliche, inhaltlich gleiche Variante.

Man lernt daraus: Bücher, die in den generellen hiesigen Buchhandel sollen, sind zwangsläufig deutlich teurer als solche, die (aufgrund der amerikanischen ISBN, die der deutsche Buchhandel ignoriert) hierzulande nur bei Amazon erhältlich sind.
.




Donnerstag, 15. Februar 2018

Salbe, Segen, Sammeleimer

Unterhaltsames, Spannendes und Ernsthaftes vom Heimatkrimi bis zur Begegnung mit biblischen Personen aus ganz und gar ungewohnter Perspektive.

Salbe, Segen, Sammeleimer - Umschlagbild»Schön für den einen Geheilten, aber was haben die vielen Menschen empfunden, die krank zurückgeblieben sind?« fragte ich mich schon im Kindesalter, als ich die Geschichte von der Heilung eines Gelähmten am Teich Bethesda hörte. »Und was ist das überhaupt für eine merkwürdige Heilungslotterie, bei der die Kranken darauf warten müssen, dass ab und zu ein Engel das Wasser bewegt – und nur der erste, der dann reinspringt, wird gesund?«
Die Bibel enthält (unter anderem) eine ganze Menge von spannenden, unterhaltsamen und oft genug rätselhaften Erzählungen. Viele Fragen bleiben bei der Lektüre der Texte offen. Zum Beispiel:
  • Warum versteckt sich Gott so hartnäckig vor den Menschen, dass daraus derart viele Religionen und Gottesbilder entstanden sind?
  • Hatte Judas I. S. eigentlich eine Wahl? Wer sonst hätte denn den Menschensohn dem göttlichen Plan gemäß in die Hände der Vollstrecker überliefern sollen oder wollen? Freiwillige vor! Und ist Judas I. S. wirklich zu Tode gekommen?
  • Konnten Bileams Esel und die damals noch mit Beinen ausgestattete Schlange im Paradies tatsächlich sprechen? Wenn ja, warum dann nicht auch heutzutage ein grüner Käfer auf dem Balkongeländer ?
In 18 Erzählungen lasse ich solchen und ähnlichen Fragen und den möglichen oder unmöglichen Antworten freien Lauf. Ich erzähle Geschichten aus der Sicht von Menschen, die dabei gewesen sind und womöglich das Geschehen ganz anders erlebt haben, als es uns in den Schriften überliefert ist. Ich werfe auch einen amüsierten oder entsetzten Blick auf manche Erscheinungsformen der Frömmigkeit in unseren Tagen, und zwar meist in Gestalt des Herrn K., der sich fragt, mit welcher Salbe die zum Altar strömenden Besucher eines Gottesdienstes eigentlich behandelt werden, als er vernimmt, dass »die Salbung vorne stärker« sei.
Einige Texte wurden bereits in Zeitschriften oder in Büchern veröffentlicht, einige auf meinem Blog. Ich habe alle für diese Zusammenstellung überarbeitet, so dass die Leser auch bei älteren Geschichten, die sie bereits einmal gelesen haben, neue Facetten entdecken können. Etwa so, wie bei einem neu abgemischten und mit ein paar Bonustiteln ergänzten Album der Beatles.
Ich hoffe, dass ich mit diesen Erzählungen den Lesern nicht nur ein paar unterhaltsame Stunden ermöglichen kann, sondern dass sie auch zum Hinterfragen, Querdenken und Weiterspinnen der Ideen, Vorstellungen und Interpretationen angeregt werden – ob sie nun an einen Gott glauben oder nicht.
Das Buch gibt es
18 Erzählungen rund um das Christentum und die oft skurrilen Erscheinungsformen von Glaubensgemeinschaften und Kirchen in unserer Zeit für den Preis einer Schachtel Zigaretten. Das Buch hält deutlich länger als die Tabakwaren und ist darüber hinaus absolut nicht gesundheitsschädlich.


Zum Anhören aus dem Buch:
.

Mittwoch, 7. Februar 2018

Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, lieber Roman.

Nein, nicht Roman Herzog. Auch nicht Roman Polanski.

Geburtstag hat in den nächsten Wochen mein erster Roman, der irgendwann im März oder April 1998 das Licht der literarischen Welt erblickt hat, soweit Romane etwas erblicken können. Ich bin da nicht so bewandert, da ich selbst kein Roman bin.

Wie auch immer: Anlässlich des runden Geburtstages gibt es das Buch, das bisher etwas über dreizehn Euro kostete, jetzt für einen runden Zehner.

Bildergebnis für zehn euro


Vielleicht gibt es ja jemanden unter meinen geschätzten Blogbesuchern, der oder die das Buch noch nicht kennt und bei einem Preis von zehn Euro nun freudig mit dem Kopf nickt?

Bittesehr: [Es gibt kein Unmöglich! für zehn Euro bei Amazon]

Montag, 29. Januar 2018

Drei mal »demnächst« …

Salbe Segen SammeleimerDemnächst (1) erscheint ein neues Buch aus meiner Feder: Satirisches, Unterhaltsames, Spannendes und Ernsthaftes vom Heimatkrimi bis zur Begegnung mit biblischen Personen aus ganz und gar ungewohnter Perspektive.

Voraussichtlich werden 18 Erzählungen rund um das Christentum und die oft skurrilen Erscheinungsformen der Glaubensgemeinschaften und Kirchen in unserer Zeit enthalten sein.

Vorbestellen kann man noch nicht, aber den Hinweis wollte ich meinen geschätzten Blogbesuchern schon mal mit auf den Weg geben.

Ebenfalls demnächst (2), nämlich am 20. Mai 2018, wird es eine Lesung (mit Texten aus dem neuen Buch) geben, die aber nicht nur eine Lesung, sondern auch ein Klavierkonzert sein wird. Piano & Buch nennt sich das Ganze und erste Informationen kann man bereits im Internet finden: [Piano & Buch].

Demnächst (3), eine Woche nach dem Termin für Piano & Buch, werde ich auch wieder am Benefizlauf Joggathon teilnehmen. Dazu dann später mehr.

So.

Drei Mal »demnächst« … in der dankbaren Hoffnung und im Vertrauen, dass mir auch weiterhin Gesundheit verliehen wird.

.

Freitag, 1. September 2017

Ausgebuddelt: Der ungeschriebene Heimatkrimi

Nebenan auf dem Blog für meine Textmanufaktur gibt es nagelneues altes Lesefutter:
https://gjmberlin.wordpress.com/2017/08/31/der-ungeschriebene-heimatkrimi/
Viel Spaß beim Lesen!

Freitag, 25. August 2017

Jessika hat Geburtstag

JessikaNun gut, nicht Jessika persönlich, denn meines Wissens ist sie lediglich eine Romanfigur, die meiner Phantasie entsprungen ist. Vielmehr wird am 26. August 2017 das Buch, in dem ich ihre Erlebnisse, soweit sie mir bekannt sind, zusammengetragen habe, zwei Jahre alt.

Eigentlich ist sie, die Jessika, ja wesentlich älter. Sie tauchte vor rund zwanzig Jahren in einer Kurzgeschichte erstmals auf. Als ich anfing diese Geschichte zu schreiben, hatte ich noch keine Ahnung von Jessika … ich schrieb über eine männermordende Hausmeisterin. Das etwa zwölfjährige Kind namens Jessika, das gegen Ende der Geschichte für eine manche Leserinnen und Leser schockierende Wendung sorgte, kam erst beim Schreiben überhaupt in die Handlung hinein. Das war die literarische Geburtsstunde.

Jessika ist aber wesentlich älter. Womöglich hunderte von Jahren. Wer weiß das schon so genau.

Einige Einblicke in die möglichen Hintergründe und Abgründe ihres Daseins können seit zwei Jahren meine geschätzten Leserinnen und Leser in dem Roman gewinnen, der wie die ursprüngliche Kurzgeschichte den Titel »Jessika« bekommen hat.

Anlässlich des Buchgeburtstages gibt es die Kindle-Version vom 25. bis zum  31. August 2017 zum Sonderpreis.

Bei Interesse bitteschön hier klicken: [Jessika als E-Book zum Geburtstags-Sonderpreis]

Und wer lieber Bücher auf Papier gedruckt liest, kann zum regulären Preis hier zugreifen: [Jessika als Taschenbuch für Achtkommadreiundachtzig]

.

Montag, 24. Juli 2017

Nur fünf Tage: NEULAND zu verschenken!

Neuland von [Matthia, Günter J.]Ab heute (Montag, 24. Juli 2017) bis zum Freitag gibt es mein Buch Neuland als Kindle-Version kostenlos. Noch preiswerter geht nun wirklich nicht.

Wer es noch nicht besitzt sollte also, auch wenn er oder sie ein Pfennigfuchser ist, jetzt zugreifen.

Der Inhalt:

1.Eine einfach nur nette Geschichte: Der Autor streitet mit sich selbst, ob es ihm wohl gelingen kann, eine einfach nur nette Geschichte zu schreiben. Ohne Blutvergießen, ohne Erotik, ohne Grauenhaftes …

2.Ein ganz normaler Tag*: An einem warmen Frühlingstag geht Harald im Tiergarten spazieren. Dann wird ihm schwarz vor Augen. Als er wieder zu sich kommt, scheint er der einzige Überlebende in einem Meer von Leichen zu sein.

3.Unser Ferienlager: Eine Klassenreise mit ungewöhnlichen Vorkommnissen. Zuerst entledigen sich die Schüler einer unbeliebten Erzieherin, dann haben sie genug von den Stänkereien einer Mitschülerin.

4.Der Vogelfreund: Ein Bauer erzählt uns, warum er bei der Aussaat so manches Korn auf den Weg oder zwischen die Dornen fallen lässt.

5.Moin!: Eine vergnügte Spielerei mit Worten und Begriffen, die man nicht alle Tage hört.

6.Der Garten des Teufels*: Ein geheimnisvoller Kunde überlässt der Floristin einen Koffer mit Samen - ein fast unermesslich wertvoller Schatz. Doch nicht alles ist so harmlos, wie es zu sein vorgibt und nicht immer kann man den Schlingen entkommen, in die man sich begeben hat.

7.Die Brücke nach Fehmarn: Ein Flaschengeist gerät in einen Konflikt. Das mit der Million im Lotto geht ja noch, aber der zweite Wunsch …

8.Die Entblößung: Was tun, wenn man sich mit einer Galerie im Internet konfrontiert sieht, auf der man Tag für Tag eines weiteren Kleidungsstücks beraubt wird?

9.Vierzehn mal Hundertvierzig – Eine Liebe und ihr Ende: Dichtkunst im Korsett der Twitterwelt.

10.Hart gekochte Eier: Surreal, kafkaesk, dylanesk? Ein Restaurantbesuch ohne Mahlzeit. Eine Kellnerin will gezeichnet werden.

11.Neuland: Die Menschheit hat sich in einem letzten Krieg ausgelöscht. Zwei Männer konnten dem Inferno in letzter Sekunde enfliehen. Sie finden sich an einem fremdartigen Ort wieder. Kann es sein, dass es eine neue Chance für die menschliche Rasse gibt?

12.Herr Konrad reist nach Greifswald: Herr Konrad wird überfallen, seines Besitzes und seiner Kleidung beraubt. Blutend liegt der Bewusstlose in einem Hausflur. Drei Menschen kommen vorbei.

13.Da sitzt du: Eine kleine erotische Szene. Zwischendurch, zur Entspannung.

14.Linda*: Eine Kneipenszene. Man müsste etwas unternehmen, sollte etwas unternehmen: Linda hat eine Waffe bei sich. Man müsste und sollte ...

15.Gnutter*: Beim Spielen sticht Johannes, sieben Jahre alt, seiner gleichaltrigen Freundin das rechte Auge aus. Versehentlich. Wohin kann ein Kind vor dem Grauen des angerichteten Unheils fliehen?

16.Die Krawatte: Er hält sich seine Ehefrau als Sklavin, quält und misshandelt sie. Eines Tages beschließt die Geschundene, dass genug genug sein muss.

17.Unser Weihnachtsmahl: Ein Schüler beschreibt, wie die arme Familie doch noch zu einem Braten für den Festtag kam.

18.Alexanders Löwe: Alexander begegnet einem Löwen. Oder einem König?

19.Mein lieber Mann …: Eine vergnügliche Wortspielerei. Zur Entspannung, zwischendurch.

20.Mädchen vom Land*: Er bleibt mit leerem Tank liegen, sie hält an und nimmt ihn mit. Ziellos durch Europa, oder ist der Weg das Ziel?

21.Die angebundene Katze: Eine Parabel.

22.Ein Jäger: Um das Jahr 2070 sind endlich Krieg, Hunger und Hass überwunden. Nationen gibt es nicht mehr, eine Weltregierung sorgt dafür, dass es allen gut geht. Solange sie sich an die Spielregeln halten.

23.Der Käfer: Ein eher unscheinbares Insekt sitzt am kühlen Morgen auf der Balkonbrüstung. Lea meint, das Tier sprechen zu hören.

* Diese fünf Erzählungen entstammen früheren Büchern, sie wurden für diese Publikation überarbeitet und geändert.

So. Hier geht es zum befristeten Sonderangebot für Null Komma Null Null Euro: http://tinyurl.com/y7m2uzqm

.

Dienstag, 28. Februar 2017

Wie man toll schreiben kann, ohne üben und lernen zu müssen

Vor vielen Jahren bereiste ich den Amazonas. Eines Abends sagte der Kapitän unseres Bootes: »Ungefähr zwei Dörfer weiter flussabwärts lebt ein Brujo. Ein Volksheld. Er lebt ein Stück vom Fluss entfernt im Urwald. Wenn ihr wollt, könnt ihr ihn besuchen. Er bereitet aus Pflanzen und Wurzeln einen Trank, den man Ayahuasca nennt. Wenn man davon trinkt, kann er heilsam wirken, egal ob es nun um ein körperliches oder psychisches Leiden oder sonst etwas geht. Er kann auch Lebensträume erfüllen.«

Also liefen wir ein paar Tage später im Mondschein durch den Dschungel und kamen zu einem kleinen Haus, vor dem viele Menschen warteten. Kleine Kinder und Frauen hauptsächlich, Bewohner der umliegenden Dörfer. Schließlich waren wir an der Reihe. Der Brujo sagte: »Ihr werdet diesen Saft trinken und etwas später eine Anakonda sehen. Aber habt keine Angst, die ist nicht echt. Sie entsteht in eurem Geist. Das ist das Zeichen, dass ihr euch öffnet und dann kann der Prozess beginnen.

Anaconda_Loreto_PeruWir tranken. Ich hatte keine Angst vor der Anakonda. Der Brujo fragte, was ich mir wünschte. Als ich es ihm ins Ohr flüsterte, schüttelte er den Kopf und meinte, er sei leider kein A-Kon.

Nun bin ich ja bekanntlich ein großer Entdecker, und als ich von unserem Kapitän erfuhr, dass es wiederum ein Stück weiter im Urwald einen noch mächtigeren Weisen gab, einen echten A-Kon, machten wir uns auf den Weg.

A-Kon bedeutet »der, der gesehen hat«.

Als wir ankamen, fragte mich der A-Kon, ob ich gerne gut schreiben können würde. Ich nickte. »Du musst dafür drei sehr schwere Initiationsriten durchschreiten«, erklärte der A-Kon. Ich nickte wieder und bekam meine Aufgaben.

Das erste, was ich absolvieren musste, war ein Ringkampf mit einem Gorilla, der zwei Wochen dauerte. Anschließend musste ich einen schwarzen Panther hypnotisieren. Und dann musste ich zu guter Letzt noch mit meinen bloßen Händen eine schwarze Mamba töten.

Nachdem ich das alles vollbracht hatte, erklärte mir der Mann, ich sei jetzt A-Kon. A-Kon bedeutet »der, der gesehen hat«. Und solche Texte wie diesen kann bekanntlich nur jemand schreiben, der die A-Kon-Initiation absolviert und die Anakonda gesehen hat.

---

P.S.: Dank an Paul Simon und Vincent Nguini für die lustigen Geschichten, die sie beim Konzert in Berlin erzählt haben. Das war mir offensichtlich eine vortreffliche Inspiration.

P.P.S.: Foto von Dave Lonsdale - Anaconda, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=22403930

Dienstag, 31. Januar 2017

Das wohl persönlichste Buch …

Ich habe, meine regelmäßigen Blogbesucher und Leser meiner Artikel und Bücher wissen das, schon allerlei unterschiedliche Texte verfasst. Darunter sind neben Sachtexten zu diversen Themen und Fiktionen auch zahlreiche persönliche Empfindungen und Erlebnisse zu finden. Einen womöglich repräsentativen Ausschnitt aus der Vielzahl meiner Texte bietet die [Übersicht auf meinem textlastigen Blog] nebenan bei Wordpress.

Am gegenwärtigen Projekt arbeiten nun die beste aller Ehefrauen und meine Wenigkeit gemeinsam. Einen Titel hat das Buch noch nicht und es ist auch bei weitem noch nicht fertig, nicht einmal die erste Rohfassung ist auch nur zur Hälfte komplett. Damit aber meine geschätzten Blogbesucher angesichts der Dürre hier auf dem Blog nicht glauben, ich wäre untätig, will ich heute den Entwurf der Einleitung zum geplanten Buch anbieten.

Bittesehr:

---

Die Notoperation wird vorbereitet, aber ein Chirurg hat noch eine Idee, eine Hoffnung, wie mir vielleicht – es ist nicht wahrscheinlich aber immerhin auch nicht ausgeschlossen – ein künstlicher Darmausgang erspart werden kann …
- Blogeintrag aus dem März 2012

Mein Leben, das mir geschenkte Weiterleben, sieht anders aus als in der Zeit vor dem März 2012 – innerlich und äußerlich. Darum geht es in diesem Buch.

Ich fing noch im Krankenhaus an, zu notieren, was ich nicht vergessen wollte. Nur für mich selbst zunächst. Später schrieb ich auf meinem Blog darüber und bekam viele Zuschriften von Lesern, die selbst an Krebs erkrankt waren oder nahe Verwandte mit ähnlichem Schicksal hatten. Sie fühlten sich durch meine Berichte und Schilderungen ermutigt und manches war ihnen auch in ganz praktischer Hinsicht hilfreich. Mit einigen Lesern entwickelte sich eine Brieffreundschaft, aus der dann sogar persönliche Begegnungen zuIMG_0529_sepiastande kamen, die zu bis heute andauernder Freundschaft führten.

Der Anstoß, aus den Notizen und Berichten ein gemeinsam verfasstes Buch zu machen, kam dann von Eva, der besten aller Ehefrauen. Sie hatte via Facebook und in persönlichen Notizen notiert, was und wie sie empfand. Auch sie bekam Zuschriften von Freunden und Verwandten – sogar uns nicht persönlich bekannte Menschen drückten ihre Anteilnahme und Unterstützung aus. Wie viel das bedeutet, wie sehr so etwas zu stärken und Hoffnung zu geben vermag, muss vermutlich selbst erlebt werden, um es voll und ganz schätzen zu können.

In diesem Buch begegnen Sie also zwei Erzählern. Um dabei mögliche Irritationen beim Lesen zu vermeiden, erkennen Sie Günter J. Matthia an dieser Schrift, während die Textbeiträge von Eva Miller-Matthia in dieser Schriftfamilie gesetzt sind.

Eva: Die Idee, gemeinsam dieses Buch zu schreiben, ist mittlerweile über vier Jahre alt. Als sowohl Operation als auch Chemotherapie überstanden waren und wir nach vielen Monaten in unseren gewohnten und doch neuen, für uns einer Art Wiedergeburt gleichenden, Alltag zurückgefunden hatten, kam der Gedanke auf, das Erlebte aus unser beider Perspektiven aufzuschreiben.

Im März 2013, also genau ein Jahr nach der Diagnose Darmkrebs, wurde alles plötzlich wieder greifbar, jedes Gefühl und jeder Gedanke kam mit einer unerwarteten Intensität zurück. Tagelang hatte ich fertige Sätze im Kopf und formulierte meinen Teil des Erfahrungsberichts weiter, aus dem hoffentlich eines Tages ein Buch werden würde. Viele Freunde fanden die Idee ausgezeichnet und ermutigten uns, die Sache durchzuziehen. Nicht zuletzt ließen uns die vielen Mails, die Günter aufgrund seiner Berichte via Blog und Facebook, aber auch Zeitschriftenartikeln, von anderen Krebspatienten und deren Angehörigen erhalten hat, vermuten, dass ein solches Buch Menschen in ähnlichen Situationen Mut machen könnte.

Zugegeben, heute, Anfang 2017, fällt es mir deutlich schwerer, die Gefühle und Gedanken von damals in einer ähnlichen Intensität zu aktivieren, wie sie mich damals ungebeten überfielen. Aber sie sind nicht gänzlich verschüttet, sind noch abrufbar.

Wenn ich morgens mit unserem Hund durch die Dunkelheit stapfe, dem oftmals geradezu spektakulären Sonnenaufgang entgegen, ist die Dankbarkeit besonders greifbar. Aber auch bei der Verrichtung alltäglicher Dinge oder wenn die Arbeit gerade nicht besonders viel Freude macht, ist es nicht weit weg: das Wissen, dass das Hier und Jetzt nicht selbstverständlich ist, dass alles hätte anders ausgehen können, dass jeder Moment zählt und Wertschätzung verdient.

Bin ich etwa dankbar für den Krebs? Nein. Ich hasse ihn heute genauso wie vor zehn Jahren, als er mit dem Tod meines Vaters als Schreckensgestalt in unser Leben kam. Aber ich bin dankbar für die Veränderungen, die in unserem Leben Einzug gehalten haben. Wenn ich an etwas festhalten will, ist es die Dankbarkeit – für jeden gemeinsamen Tag seit dem März 2012 und für all das, was wir in unserem Leben ändern konnten.

Der vielfältige Beistand, den Eva und ich erleben durften und hoffentlich auch weiter erleben werden, durch so viele mitempfindende Menschen, die Gebete, ob nun »zum Universum« oder zu einem namentlich benannten Gott, von für mich angezündeten Kerzen in katholischen Kirchen bis zu ganz und gar weltlich-irdischen Genesungswünschen … für all das sagen wir auch mit diesem Buch ein herzliches und tief empfundenes Dankeschön!

---

P.S.: Foto © November 2012 Photographer Mensch; Ralf Arndt, Berlin

.

Montag, 16. Januar 2017

Dummheit siegt. (Die Schmährede eines Sprachnostalgikers)

Dummheit siegt. Leider. Das widerspricht zwar der Evolutionstheorie, aber am Beispiel des Verfalls der deutschen Sprache ist der Beweis leicht zu führen.

Dummheit bezeichnet umgangssprachlich eine törichte Handlung sowie einen Mangel an Intelligenz oder Weisheit. Im Unterschied zu anderen Bezeichnungen, die auf Mangel an Intelligenz hinweisen, bezeichnet Dummheit (alltagssprachlich) aber auch die Einstellung, nicht nur etwas nicht wahrnehmen zu können, sondern auch es nicht wahrnehmen zu wollen. (-Wikipedia[1])

Vor allem der letzte Teil dieser Definition scheint mir in den letzten Jahren immer mehr um sich zu greifen. Nicht nur in den sozialen Medien, aber vor allem dort. Es mag auch sein, dass es sich eher um Faulheit in erheblichem Ausmaß handelt als um Dummheit, aber ist solche Faulheit nicht letztendlich Ausdruck der Dummheit?

clip_image002Zum Beispiel der Gebrauch des Verbs »realisieren«. Jedem Menschen mit Internetzugang steht seit Jahren kostenlos der Zugang zum Duden zur Verfügung. Zu Bedutungswörterbüchern und Überstzungshilfen gleichermaßen. Wenn jemand soziale Netzwerke nutzt, ist es also weder technisch ein Problem, sich über die Bedeutung und den Gebrauch von Worten zu informieren, noch kostet es zusätzliches Geld. Und dennoch wurde und wird »realisieren« immer häufiger falsch verwendet. Der Ursprung dürfte in mangelnder Sprachkenntnis des Englischen gelegen haben. Da las jemand »he realized …« und tippte »er realisierte«. Das ist reine Dummheit im Sinne der Definition am Beginn dieses Beitrages. Aber es hat sich fortgesetzt und lawinenartig verbreitet.

clip_image004Häufig zeigt sich beim Missbrauch des Verbs, dass es den Schreibenden grundsätzlich an Kenntnissen in der deutschen Sprache mangelt, wie dieses Beispiel überdeutlich demonstriert.

Auch die Behauptung, dass etwas »keinen Sinn macht« oder »Sinn macht«, häuft sich zusehends. Sinn kann man nicht machen, Sinn ergibt sich. Auch dieses schlechte, weil falsche Deutsch entspringt wohl mangelhafter Übersetzung, denn »make sense« ist im Englischen nicht nur gebräuchlich, sondern richtig. Übersetzen bedeutet aber mehr, als Wort für Wort aneinanderzureihen.

clip_image006Dass so etwas massenhaft nachgeplappert wird, ist ein Ausdruck von Dummheit, denn alle Quellen zu Definition und Gebrauch des Wortes »Sinn« stehen jedermann offen. Selbst wenn also jemand aufgrund widriger Umstände keine Schule besuchen durfte oder in seiner Schulzeit so kränklich war, dass der Besuch des Deutschunterrichtes dauerhaft unmöglich wurde, zeugt es von Faulheit oder Dummheit, sich nicht spätestens als erwachsener Mensch zu informieren.

clip_image007Es ist jedoch nicht nur der falsche Gebrauch von Begriffen und Redewendungen zu beklagen, sondern auch die Dummheit, die sich daran zeigt, dass manche Worte vielen Zeitgenossen gar nicht mehr bekannt sind. Zum Beispiel der Begriff »Abstimmung«. Da wird beispielsweise von der Redaktion einer seriösen Sendeanstalt zum »Voting« eingeladen. Hinz und Kunz tippen unbekümmert (meist mit Großbuchstaben am Anfang) »Voten«, wenn »abstimmen« gemeint ist. »Votclip_image009en und gewinnen!«, liest man, und »Leute, Votet jetzt!«. Es ist ein Graus.

Wenn ein beeindruckendes, mitreißendes, aufrüttelndes, besonders erfreuliches oder auf andere Weise herausragendes Erlebnis gemacht wurde, dann zeigen viele Zeitgenossen inzwischen ein bedauernswertes Unvermögen, dem sprachlich Ausdruck zu verleihen.

imageStatt dessen schreiben sie »Ein Hammer Film«, »das war echt der Hammer« oder »boah ey! Hammer!«. Gibt es außer der Werkzeugkiste denn keine anderen Analogien mehr? Als Steigerung fällt ihnen dann nur noch »geil« ein. Ursprünglich bezeichnete das Wort umgangssprachlich sexuelle Erregung oder deren auslösendes Moment, inzwischen ist es zum Ersatzwort für »gut« geworden.

Auch die Groß- und Kleinschreibung scheint inzwischen regellos dem Belieben des Individuums vorbehalten zu sein. »Ich Arbeite gerne am Computer…« – solche Entgleisungen habe ich häufig in Bewerbungen gelesen. Vermutlich soll der Großbuchstabe die Ernsthaftigkeit unterstreichen?

Andere bitten um »Feedback« - ursprünglich ein Begriff aus der Akustik. Wenn beispielsweise Lautsprecher und Mikrophon auf der Bühne zu dicht beieinander stehen, kommt es zum Feedback. Das funktioniert auch mit manchen Instrumenten. Jimi Hendrix hat das Feedback zwischen schwingenden Gitarrenseiten mit Lautsprechern als künstlerisches Mittel eingesetzt. Will ernsthaft jemand solche Geräusche hören, wenn er um »Feedback« zu einer These oder einem Buch oder sonst etwas bittet?

Leider schaffen es solche Sprachverirrungen inzwischen sogar in den Duden. »Feedback« ist dort zu finden, »Voting« gleichermaßen. Und dem Wort »realisieren« hat der Duden vor einer Weile, o tempora, o mores, diese Definition hinzugefügt: »(in einem Prozess der Bewusstmachung) erkennen, einsehen, begreifen«. Und vom unsäglichen »Handy« will ich hier gar nicht erst reden …

Somit kann ich resigniert nur zu dem Schluss kommen: Dummheit siegt.

Quod erat demonstrandum.


[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Dummheit

Dienstag, 20. Dezember 2016

Kapitel 1–gut so oder nicht?

Ich weiß, dass viele meiner Blogbesucher längere Texte (zumindest online) nicht lesen. Dennoch will ich hier das einleitende Kapitel eines geplanten Buches vorstellen und fragen: Lädt das zum Weiterlesen ein? Will der Leser wissen, wie es weiter ging? Möchte die Leserin mehr erfahren? Ist das gut formuliert, ansprechend erzählt?

Ein kurzer Kommentar diesbezüglich, hier oder via Facebook oder Email, ist mir sehr willkommen. Auch Tipps und Hinweise werden nicht verschmäht.

So, genug der Vorrede, hier ist das Kapitel 1 eines bisher namenlosen und weitgehend ungeschriebenen Buches:

---

Ich hatte meine erste Krebserkrankung so gründlich vergessen, dass ich allen Ernstes und guten Gewissens verneinend antwortete, als die Ärztin bei der Aufnahme ins Krankenhaus nach vorangegangenen Tumoren fragte. Ich erwähnte im Anamnesegespräch zwar eine viel länger zurückliegende Bandscheibenoperation, aber was ich ziemlich genau zehn Jahre zuvor erlebt hatte, fiel mir nicht ein. Das mag weniger an Vergesslichkeit gelegen haben als an meinem miserablen Zustand bei der Notaufnahme, aber sicher spielte es auch eine Rolle, dass das Thema Krebs für mich ein endgültig abgeschlossenes und weitgehend vergessenes Kapitel meiner Vergangenheit war.

Harmlos war jenes Kapitel allerdings nicht gewesen. »Hodenkrebs ist eine bösartige Erkrankung, die in einem der beiden Hoden beginnt und im weiteren Verlauf auch Nebenhoden und Samenleiter erfassen kann. … Mit einem Anteil von etwa 1,6 Prozent aller Krebsneuerkrankungen ist Hodenkrebs eine eher seltene Tumorerkrankung.« fasst die Deutsche Krebsgesellschaft zusammen.[1] Dass etwas nicht in Ordnung war, wusste ich, sonst hätte ich an jenem Nachmittag des 5. März 2002 nicht einem Urologen gegenüber gesessen. Mit 46 Jahren dachte ich noch nicht darüber nach, ob regelmäßige Krebsvorsorgeuntersuchungen sinnvoll und notwendig sein mochten oder nicht. Dass ich zur Untersuchung gegangen war, hatte einen konkreten Grund: Der rechte Hoden, seit der Kindheit deutlich größer als der linke, war in den letzten Monaten deutlich gewachsen und verursachte inzwischen hin und wieder einen ziehenden Schmerz. Dass so etwas nicht normal und alltäglich war, darüber war ich mir im Klaren. Als ich jedoch die Diagnose aus dem Mund des Arztes hörte, traf es mich doch wie ein Schlag in die Magengrube: »Sie haben Krebs. Wir müssen so schnell wie möglich operieren.«

Krebs. Nicht eine Wucherung, oder eine seltene Struktur oder etwas anderes, das einen weniger furchteinflößenden Namen gehabt hätte. Sondern klar, unmissverständlich und ohne Umschweife: Krebs.

Anlässlich einer Vasektomie war ich rund ein Jahr zuvor erstmals im Leben beim Urologen gewesen. Er hatte den Eingriff durchgeführt und dabei nebenbei angemerkt, dass eine Untersuchung des rechten Hoden anzuraten sei, da dieser beim Tastbefund in Konsistenz und Größe auffällig war. Weil ich jedoch seit der Kindheit an unterschiedlich große Hoden gewohnt war und mir in den Jahrzehnten zuvor keine Veränderung aufgefallen war, hielt ich die Angelegenheit nicht für dringend. Monat für Monat verschob ich die Untersuchung. Es gab immer so viel anderes zu tun und Wichtigeres zu bedenken – im Grunde genommen war allerdings meine (wohl typisch männliche) Scheu, die Geschlechtsorgane untersuchen zu lassen, ausschlaggebend. Das »starke Geschlecht« hat ja so manche schwachen Punkte; einer davon ist die verbreitete Abneigung gegen Termine beim Urologen. Bei mir kam Unkenntnis hinzu: Ich wusste nicht, dass eine regelmäßige gründliche Selbstuntersuchung und erhöhte Aufmerksamkeit bezüglich auch kleiner Veränderungen der Hoden schon ab dem Jugendalter lebensrettend sein können. Das hatte mir nie jemand gesagt, das hatte ich nirgends gelesen.

seminomNun, an diesem Dienstag im März 2002, musste ich der Tatsache ins Auge sehen. »Sie haben Krebs.« Daran war nichts unklar oder zweideutig und das konnte ich nicht auf die leichte Schulter nehmen oder gar ignorieren. Ich ließ mich aufklären: Hodenkrebs ist immer bösartig. Wenn er früh entdeckt und behandelt wird, bestehen jedoch gute Heilungschancen – so gesehen ist es noch die am wenigsten gefährliche Krebserkrankung. Wenn der Tumor früh entdeckt wird. Bleibt er dagegen unbehandelt, breitet er sich meist zügig aus und befällt lebenswichtige Organe. So wird das zunächst lokal begrenzte und behandelbare Karzinom innerhalb verhältnismäßig kurzer Zeit zur Todesursache. Mit 46 Jahren sei ich an und für sich »zu alt, um noch an Hodenkrebs zu erkranken«, erklärte mein Urologe, der sich Vorwürfe machte, dass er nach der Vasektomie nicht energisch genug nachgehakt hatte. Nun bestand kein Zweifel an der Diagnose – es gibt eben immer Ausnahmen von der medizinischen Regel.

Meine Frau Eva war es, die mich in jenen Tagen im März 2002 getragen hat, mit ihren Gebeten, ihrem Zuspruch, ihrer Hoffnung, ihrer Liebe. Es ist wohl etwas Wahres daran, dass sich vor allem in ernsthaften Krisen zeigt, was man an seinem Ehepartner wirklich hat. Ich selbst war nach dem Gespräch mit dem Urologen wie gelähmt und voller Angst. Ich wollte fliehen – aber wohin? Vor einem Tumor, der im eigenen Körper wächst, kann man nicht davonlaufen. Ich sah eigentlich nur noch schwarz. Eva stand natürlich ihrerseits Ängste und Sorgen durch, aber es gelang ihr trotzdem, mich immer wieder zu ermutigen und zu stützen. Was sie in dieser Zeit für mich getan hat, kann ich (so sehr ich auch damals, vor nunmehr vierzehn Jahren, und auch jetzt wieder nach Worten dafür gesucht habe) nicht ausdrücken.

Der Glaube an und für sich, sagt der Volksmund, versetzt Berge. » Fürchte dich nicht, glaube nur!« fordert dem Evangelium nach Markus zufolge Jesus einen verzweifelten Vater, dessen Tochter im Sterben liegt, auf.[2] So etwas liest sich leicht und man kann auch mit dem Kopf nicken, wenn es einem gut geht. Mein Glaube an einen barmherzigen Gott, der es gut mit mir meint und mich vor Unheil bewahrt, war durch die Krebsdiagnose allerdings so erschüttert, dass ich selbst nicht in der Lage oder willens war, zu beten. Am Donnerstag, dem 7. März, kamen mein Pastor und der Gemeindevorstand, um mich dem biblischen Exempel gemäß mit Öl zu salben und für meine Heilung zu beten. Während dieses Besuchs empfand ich zwar, dass zum ersten Mal seit der Diagnose ein wenig innere Ruhe einkehrte, ich wusste allerdings nach wie vor nicht, wie es mit meiner Krankheit weitergehen würde. Ich war keineswegs plötzlich in der Lage, Glauben für meine Heilung aufzubringen oder auch nur selbst ein Gebet zu formulieren. Eva, der Pastor und seine Begleiter beteten für mich, und das half meinem seelischen Gleichgewicht immerhin ein wenig aus der Schieflage. Doch der Hoffnungsschimmer während dieses Besuches erwies sich als fragil. In den nächsten Tagen und Nächten blieb es dabei, dass ich meist nur Angst empfand, denn es gab ja nichts an den Tatsachen zu rütteln. Ich wusste, dass ich eine tödliche Krankheit verschleppt hatte (ohne mir dessen bewusst zu sein, aber das änderte nichts an den Fakten) und dass nach menschlichem Ermessen und allen medizinischen Erfahrungen der Krebs inzwischen Lymphdrüsen, Lunge und weitere Organe befallen haben konnte. Mit hoher Wahrscheinlichkeit.

Am Mittwoch, dem 13. März 2002, acht Tage nach der Diagnose, wurde ich dann endlich ins Krankenhaus aufgenommen. Die Operation sollte am nächsten Vormittag stattfinden. Man gab mir für die Nacht ein Beruhigungsmittel, aber so richtig tief schlafen konnte ich nicht. Die Gedanken kreisten um meine Familie und ich wachte häufig auf. Dabei bemerkte ich etwas irritiert: Je näher die Operation rückte, desto ruhiger und friedlicher wurde ich innerlich. Es gab keinen äußeren Anlass dafür, nichts hatte sich verändert. Aber die Nervosität und Furcht nahmen nicht zu, sondern ab – am viele Stunden zuvor verabreichten Beruhigungsmittel konnte es kaum liegen, denn die Wirkung musste ja mittlerweile eher schwinden als zunehmen.

Als ich am Nachmittag des 14. März 2002 aus der Narkose aufwachte, erfuhr ich, dass die Ärzte während der Operation einen Leistenbruch festgestellt und diesen gleich mit operiert hatten. Ich würde mich auf einen längeren Krankenhausaufenthalt einrichten müssen, bis die Wunde verheilt und meine Kräfte wiederhergestellt sein würden, sagte man mir. Erfahrungsgemäß etwa zehn Tage, wenn alles gut ging.

Das Krankenzimmer war ausgesprochen hässlich, meine beiden Bettnachbarn keine sonderlich angenehme Gesellschaft und meine Klagen über die Missstände in der Betreuung der Patienten im Frühjahr 2002 (ganz anders als zehn Jahre später) könnten ein eigenes Buch füllen. Doch will ich nicht klagen, deshalb bleibt dieses Buch ungeschrieben. Ärzte und Pflegepersonal waren einfach überarbeitet, schlecht bezahlt und die Zukunft ihrer Arbeitsplätze stand in jenen Tagen im Universitätsklinikum Steglitz auf der Kippe. Das machte sich deutlich bemerkbar.

Kurzum – ich fühlte mich im Krankenhaus sehr unwohl und wollte nach Hause. Als mich am Abend nach der Operation, also am Donnerstag, unser Pastor besuchte, sagte ich halb im Scherz, halb ernst gemeint: »Vielleicht sehen wir uns Sonntag im Gottesdienst...«

Am Freitag ging es mir erbärmlich – Schmerzen, Übelkeit, Schwindelanfälle dominierten – am Abend bekam ich noch dazu leichtes Fieber. Morgen kannst du nach Hause gehen. Dieser Gedanke war irgendwie nicht loszuwerden. Ich schob das Wunschdenken, womöglich durch Fieber oder Medikamente beflügelt, beiseite und dachte: Schön wär’s, aber bleib mal lieber realistisch.

Als ich am Samstag früh aufwachte, wunderte ich mich über mein Wohlbefinden. Ich hatte keine Schmerzen, keine Spur von erhöhter Temperatur und als ich aufstand, um ein paar Runden über den Krankenhausflur zu laufen, war ich zwar noch etwas geschwächt, aber mir wurde nicht schwindelig. Ich konnte fast nicht glauben, wie gesund ich mich fühlte. Ich hatte – dies am Rande – einen Bärenhunger, keine Spur von Übelkeit war noch zu spüren.

Als der Arzt mit seinem Tross von Schwestern und Assistenten zur Visite kam, fragte ich ihn, wann ich denn mit meiner Entlassung rechnen könnte.

»Sobald die Wunde verheilt ist, falls sich keine Entzündungen bilden.«

»Dann kann ich also jetzt nach Hause?« fragte ich.

Er schien etwas aus dem Konzept gebracht und blätterte in seinen Unterlagen. »Wann wurden Sie operiert?«

»Vorgestern. Vor etwa 48 Stunden.«

»Na, sehen Sie, dann können wir Sie frühestens zum nächsten Wochenende entlassen, durch die erweiterte Operation wegen des Leistenbruchs ist der Schnitt verhältnismäßig lang und tief. Das braucht seine Zeit.«

Ich bat ihn, doch den Verband zu entfernen und sich die Wunde anzusehen. Er war begreiflicher Weise unwillig, tat mir dann aber den Gefallen. Vermutlich um mich zu überzeugen, dass ich Geduld aufbringen musste. Ich habe den ungläubigen Ausdruck auf seinem Gesicht nicht vergessen. Die Wunde war in ihrer ganzen Länge von 18 Zentimetern geschlossen, trocken und nur noch leicht gerötet.

Der Doktor schüttelte den Kopf und verschwabd samt seiner vielköpfigen Visitenbegleitung. Als er etwa eine Stunde darauf zurückkam, überprüfte er erst noch einmal, ob er den richtigen Patienten vor sich hatte und meinte dann: »Ich bin schon eine Weile Arzt, aber so etwas habe ich noch nie gesehen.«

»Dann darf ich also jetzt nach Hause?«

»Nein, das geht nicht.«

»Warum?«

»Weil es das noch nie gab, dass jemand 48 Stunden nach einer solchen Operation entlassen wurde.«

»Was würden Sie denn mit mir tun, wenn ich hier bliebe?«

Er überlegte. »Beobachten, Verband wechseln...«

»Und wenn ich Ihnen verspreche, am Montag zur Kontrolle zu kommen? Beobachten kann ich mich selbst. Den Verband wechseln auch. Wenn es mir schlechter geht, bin ich sofort hier.«

Wir argumentierten noch eine Weile hin und her, aber der Arzt musste eingestehen, dass es keinen triftigen Grund gab, mich im Krankenhaus zu behalten außer dem, dass es eine so schnelle Genesung noch nie gegeben hatte. Schließlich wurde ich um kurz nach zehn Uhr entlassen, mit ärztlicher Zustimmung.

Stichhaltig erklären kann ich das Geschehen nicht, aber für mich war und ist dieses schier unfassbare Erlebnis auf das Wirken göttlicher Heilungskraft zurückzuführen. Es gab Freunde, die von »außergewöhnlichen Selbstheilungskräften« sprachen – es sei dahingestellt, da ich eine Erklärung sowieso nicht anzubieten in der Lage bin. Ich war sehr sehr froh und dankbar, aus dem unwirtlichen Krankenzimmer nach Hause zu kommen. Und am Sonntag besuchte ich tatsächlich, noch recht schwach auf den Beinen, aber immerhin, den Gottesdienst.

In der darauffolgenden Woche wurde mein Fall von der Tumorkonferenz besprochen. Die Tumorkonferenz ist ein regelmäßiges Treffen von Onkologen und anderen Fachärzten im Universitätsklinikum, bei dem die aktuellen Krebsfälle besprochen und Empfehlungen für die Weiterbehandlung der Patienten beschlossen werden.

In meinem Fall lautete der Rat der Konferenz: Regelmäßige Nachsorgeuntersuchungen in den nächsten Jahren. Eine Chemotherapie oder Bestrahlungen wurden nicht empfohlen, da der Tumor im Stadium 2 wider Erwarten lokal begrenzt gewesen war und restlos entfernt werden konnte. Befallene Lymphgefäße wurden nicht festgestellt und es gab weder im Blutbild noch anhand der Auswertung des MRT Anzeichen von weiteren Tumoren.

Im Sommer 2007 stand für mich fest, dass ich endgültig geheilt war. Inzwischen lagen fünf Jahre mit regelmäßigen Kontrolluntersuchungen hinter mir. Es gab keinerlei Hinweise auf Krebszellen in meinem Körper, die Ergebnisse ließen ausnahmslos auf eine vollständige Heilung schließen. Ich war natürlich froh und dankbar, fragte mich aber damals auch immer wieder: Warum ich?

Ich kannte Menschen, die trotz Gebet nicht gesund geworden waren. Ich kannte andere, deren Gebete um Heilung (auch von schweren Leiden) erhört wurden. Die Antwort auf das Warum werde ich wohl in diesem Leben nicht finden. Das macht aber nichts. Als Jesus den biblischen Texten zufolge gefragt wurde, ob Sünde der Vorfahren oder eigene Schuld der Grund für die Blindheit eines Menschen waren, antwortete er: »Weder dieser hat gesündigt, noch seine Eltern, sondern damit die Werke Gottes an ihm offenbart würden.« Es gelingt mir bis heute nicht, dieser Äußerung sonderlich viel Verständnis oder gar Sympathie entgegen zu bringen. Das ist aber auch gar nicht notwendig – denn wer wäre ich als Mensch, dass ich die Logik oder den Sinn göttlichen Handelns oder Nichthandelns beurteilen könnte? Johnny Cash hat es einmal so ausgedrückt: »My arm is just a little too short to wrestle with God.«

Ich kann mich gut erinnern, dass ich 2007, nach Ablauf der kritischen fünf Jahre, dankbar war. Ich wusste, dass ich mir meine Gesundheit in keiner Weise verdient oder erarbeitet hatte. Noch nicht einmal durch einen sogenannten festen Glauben oder unerschütterliches Vertrauen. Glauben für meine Heilung hatte ich, als der Krebs in einem so späten Stadium diagnostiziert worden war, nicht aufgebracht, Hoffnung konnte ich nicht schöpfen. Alles was ich hatte aufbringen können, war der Wunsch, mein Leben in der Hand Gottes zu wissen, jegliche Gewissheit darüber war mir damals abhanden gekommen. Soweit, wie ich auch heute noch annehme, bei meiner wunderbar schnellen und dauerhaften Genesung göttliche Kraft wirksam war, handelte es sich um ein unerklärliches, unverdientes aber gleichwohl natürlich sehr willkommenes Geschenk.

Wenn fünf Jahre nach einer Krebsbehandlung der Patient immer noch frei von Tumoren ist, gilt er medizinisch als geheilt. Das heißt nicht, dass er nicht erneut an Krebs erkranken kann, aber die statistische Wahrscheinlichkeit entspricht nach Ablauf dieser Frist wieder der des Bevölkerungsdurchschnitts.

Ich war im Sommer 2007 überzeugt, das Kapitel Krebs in meinem Leben abgeschlossen und hinter mich gebracht zu haben. Nach und nach schwand trotz aller Dankbarkeit und Freude dann die lebhafte Erinnerung an all die Empfindungen und Erlebnisse, da der Alltag und das Gesundsein wieder zur Normalität wurden. So normal, dass mir am 14. März 2012 bei der Anamnese in der Notaufnahme des gleichen Klinikums nicht einfiel, dass ich zehn Jahre zuvor Hodenkrebs gehabt hatte.


[1] Quelle: https://www.krebsgesellschaft.de/onko-internetportal/basis-informationen-krebs/krebsarten/andere-krebsarten/hodenkrebs.html

[2] Markus 5, 36

P.S.: Bild eines Seminoms von Wikipedia