Donnerstag, 11. Oktober 2007

Praktizierter Artenschutz

Behutsam nahm Irene das Kleinod aus der Schatulle. Sie wusste um den ungeheuren Wert, daher war ihr stets etwas blümerant, wenn sie es in die Hand nahm.
Als sie noch ein Dreikäsehoch war, hatte ihr Vater ihr öfter gesagt, sie hätte Maurerhände. Sie brachte es als kleines Mädchen fertig, Dinge zu zerbrechen, die stabil genug für starke Männerhände waren.
Nun war sie längst kein Kind mehr, aber eine gewisse Tollpatschigkeit hatte sie nie ablegen können.
Doch bei aller Furcht vor möglicher Beschädigung war es ihrer Seele stets ein Labsal, das kostbare Stück zu berühren. Zärtlich strich sie mit den Fingerspitzen darüber.
Hatte Jonathan es ihr geschenkt, um Punkte zu machen? Wollte er sie bauchpinseln, um ihre Sympathie nach jenem dummen und völlig überflüssigen Streit wieder zu gewinnen? Möglich, durchaus möglich. Doch unabhängig von seinen Beweggründen: Sie hatte sich gefreut. Und freute sich noch heute an ihrem Kleinod.
Er war von der Arbeit gekommen, das verpackte Geschenk in der Hand, und hatte gesagt: "Mein Augenstern, darf ich mich bitte entschuldigen? Du hast es nicht verdient, dass ich Dich gestern so behandelt habe."
"Aber Du hast dich doch schon entschuldigt, mein Schatz."
Er hatte ihr Stunden zuvor fernmündlich aus dem Büro bereits versichert, dass seine Liebe ihn drängen würde, die Zwietracht unverzüglich aus der Welt zu schaffen.
Irene vergab ihm gerne, der ganze Streit war sowieso aus nichtigem Anlass entstanden.
Vor dem Lichtspielhaus hatten sie sich nicht einigen können, welchen Film sie besuchen würden. Sie wollte in den Action-Thriller, er in die romantische Komödie. Sie waren schließlich ohne einen Film zu sehen mürrisch nach Hause gegangen, hatten kein Wort mehr mit einander gewechselt. Nicht einmal eine gute Nacht hatten sie einander gewünscht.
Jonathan fiel es schon immer schwer, im Falle einer Stimmungstrübung die richtigen oder überhaupt Worte zu finden. So hold ihm seine geliebte Irene war, er konnte das Schweigen einfach nicht brechen. Irene wartete und wartete, schweigend - und er schwieg auch. Er wartete, bis sie die ersten Worte fand.
Doch an jenem Tag, warum auch immer, hatte er sie schon mittags angerufen und sich dann, das Kleinod in der Hand, bei seiner Heimkehr erneut entschuldigt. Vielleicht gab das dem Geschenk eine solchen Bedeutung? Der materielle Wert war zwar nicht gerade gering, aber auch nicht übertrieben.
Der Kinostreit lag nun schon so viele Jahre zurück, und dennoch konnte sie sich so genau erinnern. Wie schnell man doch vergisst, was man sich merken will, wie schwer man zu vergessen in der Lage ist, was längst nicht mehr als Erinnerung erwünscht ist.
Irene legte das kostbare Stück zurück und schloss sorgsam die Vitrine. Sie atmete auf. Nichts war passiert, nichts war beschädigt.
Auch ihre Liebe nicht. Jonathan würde in dreißig Minuten nach Hause kommen und sie konnte es kaum mehr erwarten. Irene zog den baumwollenen Schlüpfer aus und fand in der Wäscheschublade das schimmernde seidene Nichts, das er an ihr so sehr liebte, dass sie es nie lange am Leib behielt.

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Nun fragt sich der geneigte Leser vielleicht, was die Überschrift mit Irene und Jonathan zu tun hat. Ganz einfach: Der Text enthält die zehn am meisten bedrohten Wörter unserer Sprache:

  • Platz 1: Kleinod
  • Platz 2: blümerant
  • Platz 3: Dreikäsehoch
  • Platz 4: Labsal
  • Platz 5: bauchpinseln
  • Platz 6: Augenstern
  • Platz 7: fernmündlich
  • Platz 8: Lichtspielhaus
  • Platz 9: hold
  • Platz 10: Schlüpfer

Durch ihre Verwendung, sogar der Reihe nach, habe ich mich überzeugt, dass ich anhand von vorgegebenen Stichwörtern zu erzählen vermag und ganz praktisch zum Artenschutz beigetragen. Mehr zur roten Liste der deutschen Sprache gibt es hier: Bedrohte Wörter

Kommentare:

Sandra M. hat gesagt…

Genial! Ein echtes Kleinod der Erzählkunst. Ich werden den ganzen Tag von meinem "Jonathan" träumen, der ist nämlich bis 17 Uhr im Büro.

Genial!

(Ich würde gerne drei "!" anfügen, aber das tun nur die in der Sprache wenig Bewanderten. Manche machen sogar noch ein Leerzeichen zwischen Wort und Satzzeichen - da wird mir jedes Mal ganz blümerant, wenn ich so was sehe...)

Vielleser hat gesagt…

Hallo Günter,

schöne Zeilen, schöne Episode und schöne Artenrettung. Darf man annehmen, dass Jonathan und Du gewisse charakterliche Ähnlichkeiten haben? Und wie lange hat Irene das schimmernde seidene Nichts denn nach seiner Heimkehr noch am Leib getragen?

Ich weiß schon die Antowrt: Da schweigt des Dichters Höflichkeit...

:-)

storch hat gesagt…

um "augenstern" bin ich nicht traurig. der sollte nihct geschützt werden!

ansonsten eine beneidenswert gute idee.

Günter J. Matthia hat gesagt…

@alle: Danke für die Blumen, sind mir ein Kleinod.

@vielleser: Frage 1 - gewisse Ähnlichkeiten sind wohl schon vorhanden... Frage 2 - das darf jeder und jede sich selbst ausmalen. Oder ausprobieren, falls Gelegenheit besteht.

Bento hat gesagt…

...das macht Apetit auf weiteres aus Deiner Feder!
Habe selber den "Glaubensführerschein" zur Volxbibel entwickelt, der diesen Monat auf den Markt kommt und der Verlag (Brockhaus) hat Interesse an weiteren Ideen von mir bekundet...
Nun habe ich gesehen, dass Du bereits bei bod veröffentlicht hast und wollte Dich nach Deinen Erfahrungen damit befragen - kannst Du das weiterempfehlen?
LG - Bento

Günter J. Matthia hat gesagt…

Hallo Bento,
herzlich willkommen und auch Dir danke für die Blumen. Ich fühle mich gebauchpinselt.

:-)

Was bod betrifft: Die ganze Abwicklung geht reibungslos und ich bin mit dem Service, was Druckqualität und Betreuung betrifft sehr zufrieden. Man muss nicht selbst die ISBN besorgen und so weiter, macht alles bod.

Allerdings gibt es einige gravierendeUnterschiede zu Verlagen wie Brockhaus:

bod gibt keine nennenswerten Gelder für Werbung aus. Das heißt, dass der Autor selbst dafür sorgen muss, dass die Leser Kenntnis von dem Buch nehmen.

bod hat auch (beim normalen Vertrag) kein Lektorat. Alle Tippfehler, alle unbeholfenen Formulierungen und inhaltliche Unzulänglichkeiten landen ungefiltert im Buch. Ich meine mich zu erinnern, dass man das Lektorat dazukaufen kann, weiß aber nicht, zu welchem Preis und in welcher Qualität.

bod ist auch, was die Lieferfristen zum Beispiel auf Amazon oder im Buchladen um die Ecke betrifft, langsamer als Verlage, die Bücher vorhalten. Eine Woche ist schon schnell bei bod, kann auch 14 Tage dauern.

Wer mit den Einschränkungen leben kann, ist sicher bei bod gut bedient. Viel besser als bei irgendwelchen Druckkostenzuschuss einsackenden Buchgangstern.

Hoffe, das hilft!

Gruß, Günter

Bento hat gesagt…

Ja danke - das hilft weiter!

Liebe Grüße
Bento

Don Ralfo hat gesagt…

@Günter: Sie Dreikäsehoch, Sie! Da wird mir beim lesen ja total blümerant. Das ist Fürwahr kein Kleinod deutscher Erzählkunst. Wenn Ich Ihre Telefonnummer hätte, würde ich Ihnen gern fernmündlich den Schlüpfer Ihres Augensterns über den dämlichen Schädel ziehen. Nein, ich bin niemand, der Leute wie Sie nun auch noch für Ihre literarischen Ergüsse bauchpinselt! Solche Bücher werden niemals verfilmt werden und ins Lichtspielhaus gelangen. Dann schon eher das Buch eines Kollegen von Ihnen, dem ich mehr hold bin: Gänsehaut und Übelkeit...

NGEL hat gesagt…

Hallo,

ich will hier nicht klugscheißen, aber wenn es schon um die Deutsche Sprache geht, ein paar Anmerkungen, die ich allerdings nicht explizit auf Richtigkeit geprüft habe:

1. Nach meinem Sprachgebrauch darf es nicht heißen: "ihr war blümerant" sondern "ihr wurde blümerant"

2. Es muß Tolpatschigkeit heißen und nicht Tollpatschigkeit

3. Es heißt nicht "Worte miteinander wechseln" sondern nur "Worte wechseln"

Grüße vom NOGEL

Günter J. Matthia hat gesagt…

Hallo Nogel,

schönen guten Tag und willkommen unter den Blog-Kommentatoren.

Zu Deinen Anmerkungen:

»Mir wird blümerant«, oder »Mir ist blümerant« - beides geht und war gebräuchlich. Der Ausdruck stammt aus dem 17. Jahrhundert von »bleu mourant«: matt-blau oder blass-blau.
»Tollpatsch« gibt es, »Tolpatsch« nicht. (Da reicht ein Duden zum Nachschauen.)
»Worte wechseln« oder »Worte miteinander wechseln« - das »miteinander« unterscheidet, ob es um einen Streit (Wortwechsel) oder ein Gespräch geht. Allerdings hast Du insofern recht, als »Worte wechseln« gebräuchlicher war.

Gruß, Günter

NGEL hat gesagt…

Hallo Günter,

gerade deine Erläuterung der Abstammung von "blümerant" läßt auf die Verwendung des Wortes schließen; ähnlich wie bei "mir wird schwarz vor Augen", auch hier wäre sehr seltsam zu lesen "mir ist schwarz vor Augen", oder?

Zum Stichwort "Tolpatsch" empfehle ich mal, diesen Begriff bei Wikipedia einzugeben.

Grüße vom NOGEL

Günter J. Matthia hat gesagt…

Eben. Sach ick doch, und Wikipedia sacht dit ooch::

»Die schon im 18. Jahrhundert gelegentlich, etwa bei Gleim auftretende, volksetymologische Schreibvariante mit doppeltem „l“ (Tollpatsch), die bis in die jüngere Zeit nach herkömmlicher Rechtschreibung als orthographisch fehlerhaft galt, wurde durch die Reform der deutschen Rechtschreibung von 1996 zur einzig zulässigen Schreibweise erklärt und gilt den Gegnern dieser Reform seither als eines der Paradebeispiele für die Fehlerhaftigkeit dieser Reform.«

Seit 1996 habe icke recht mit die zwei Ells, wa?