Dienstag, 9. Oktober 2007

Reich Gottes zu verkaufen?

Wie oft haben wir in Gemeinden und Kirchen, die von den Spenden ihrer Mitglieder und Sympathisanten leben, schon vernommen, dass wir unbedingt gehorsam sein und den Geldbeutel weit aufmachen müssen, weil dies ja ein biblisches Gebot sei. Häufig wird dabei, um das Spenden etwas schmackhafter zu machen, Verheißungsvolles aus dem Matthäusevangelium zitiert:

Trachtet aber zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit! Und dies alles wird euch hinzugefügt werden. (Matthäus 6, 33)

Das impliziert, dass die Gemeinde mit ihrem Finanzbedarf das „Reich Gottes“ sei. Gebäude und Gehälter, Drucksachen und Nebenkosten – es gibt zweifellos viele Ausgaben, die eine Gemeinde oder Kirche zu decken hat. Je größer, desto teurer. Aber sind diese Kosten das Reich Gottes? Bei Haso las ich gestern über Matthäus 6, 33:

Kaum ein Satz wurde so missverstanden wie dieser. Die landläufige Interpretation sieht so aus:

Wenn wir unsere Pflicht gegenüber dem Reich Gottes erfüllen, wird Gott uns versorgen.

Aber hier ist nicht von Pflichterfüllung und Investition ins Reich Gottes die Rede, und schon gar nicht in dem Sinne, das Reich Gottes mit Gemeindediensten gleichzusetzen, die stets Priorität haben müssten. Hier ist davon die Rede, dass wir zuerst das Reich Gottes empfangen und anschließend unsere Versorgung. Wir geben nicht, um zu empfangen, sondern wir empfangen zweimal.

Mutige Worte. Richtige Worte. Treffende Worte für alle professionellen Bibelverbieger, die um Gehälter und Gebäude besorgt sind. Die Schäfchen der meisten bundesdeutschen Freikirchenherden bekommen, wenn es um Matthäus 6, 33 geht, eher was von Tauschhandel (Geld gegen Segen) zu hören. Allerdings nicht überall.

Vor etlichen Jahren war ich in einer kleinen Gemeinde geistlich zu Hause, etwa 40 bis 50 Besucher kamen zum sonntäglichen Gottesdienst. Der Pastor bekam ein halbes Gehalt, die Räume waren angemietet, eine Fabriketage in einem Hinterhof in Kreuzberg. Dieser Pastor hatte eine klare Definition vom Geben:

Eine Gemeinde, die nicht von Steuergeldern zehren kann, muss als Dienstleistung verstanden werden. Wenn jemand ins Kino geht, bezahlt er Eintritt, wenn jemand eine Fortbildung besucht, muss er Gebühren entrichten. Wer einen Gottesdienst in geheizten Räumen mit ansprechender Ausstattung besucht, eine Predigt hört, gute Musik über eine gute Anlage erwartet und darüber hinaus ein abgerundetes Gemeindeangebot an Aktivitäten genießen will, muss wissen, dass das Geld kostet. Wer also die „Dienstleistung Gemeinde“ bezahlt, tut das Angemessene, das völlig Normale. Aber das hat absolut nichts mit dem Reich Gottes zu tun. Mit den Spenden finanzieren wir das irdische Gemeindeleben. Wer in unsere Gemeinde spenden will, um dadurch finanziellen oder geistlichen Segen zu bekommen, soll lieber sein Geld für CDs und Bücher oder Kino und Konzerte ausgeben. Da hat er wenigstens was davon.

Ich weiß von Pastoren, die es nicht dulden, dass in den Versammlungen Geld eingesammelt wird. Gottesdienst und Kollekte halten sie für unvereinbar. Ihre Gemeinden leiden nicht unter Mangel, soweit man das von außen beurteilen kann.

Ich weiß von Pastoren, die keine Gelegenheit auslassen, ihren Schäfchen ins Geber-Gewissen zu reden. Kollekten gehören zum unverzichtbaren Ablauf aller Versammlungen. Ihre Gemeinden zeichnen sich nicht unbedingt durch überfließende Geldschränke aus, soweit man das von außen beurteilen kann.

Die Hauskirchen, die ich nebenbei bemerkt für das Zukunftsmodell christlicher Gemeinschaft halte, haben es da leichter. Man trifft sich, wie in der Bibel, hin und her in den Häusern, teilt miteinander was man hat und muss weder kleine noch riesige Gebäude finanzieren oder Gehälter und Sozialversicherungsbeiträge samt Lohnsteuer bezahlen. Jeder dient jedem mit Wort, Gebet, irdischen Gütern, zusammen betet man Gott an und feiert irdische wie himmlische Anlässe. Das ist ein biblisches Gemeindemodell, das keine nennenswerten Kosten verursacht und neben dem Synagogen- beziehungsweise Tempelbesuch der Gläubigen im Neuen Testament, nicht zuletzt durch wachsende Verfolgung in den jüdischen Gotteshäusern, das ursprüngliche Bild der christlichen Gemeinde darstellte. Doch es mag noch etwas dauern, bis die Hauskirchen wieder die gegenwärtigen Formen und Begriffe abgelöst haben werden. In absehbarer Zeit werde ich mich dem Thema Hauskirchen etwas ausführlicher widmen. Zur Zeit sind ja noch die traditionellen Stukturen vorherrschend: Eine Gemeinde hat einen Versammlungsraum und Nebenräume, bezahlt einen Pastor oder mehrere und so weiter.

Ich bin froh, dass ich kein Pastor und nicht Mitglied irgend eines Leitungsgremiums bin, das sich mit Budgets auseinandersetzen muss. Ich gebe gerne Geld in die Gemeinde, in der ich mein geistliches Zuhause habe. Ich unterstütze gerne Werke und Dienste, die das Reich Gottes bauen. Ich habe überhaupt kein Problem damit, zu verstehen, dass Kosten anfallen und dass man die Mitglieder und Freunde über den Finanzbedarf informiert; ob und wo Lücken im Budget klaffen. Wenn die Menschen nicht wissen, dass irgendwo Geld fehlt, kommen sie nicht auf die Idee, etwas beizutragen. Die Bitte um Unterstützung ist legitim und notwendig.

Es ist auch wahr, dass Gott denjenigen, der viel gibt, reichlichere Güter anvertraut als denen, die knauserig sind. Viele Gleichnisse Jesu haben mit dem Zusammenhang von Saat und Ernte zu tun und ich kann aus dem eigenen Leben bezeugen, dass das keine leeren Versprechungen Gottes sind.

Ich bin aber nicht einverstanden, dieses an und für sich völlig richtige Geben mit dem Trachten nach dem Reich Gottes gleichzusetzen. Nach dem Reich Gottes trachten kann auch derjenige, der pleite ist und nichts an Finanzen zu geben vermag. Das ist nämlich, sagt der Chef des Reiches, etwas ganz anderes: Ein Sauerteig, der sich ausbreitet:

Wem soll ich das Reich Gottes vergleichen? Es gleicht einem Sauerteig, den eine Frau nahm und unter drei Maß Mehl mengte, bis es ganz durchsäuert war. (Lukas 13, 21)

Die Sicht für das Reich Gottes wird durch einen übernatürlichen Vorgang möglich:
Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht von neuem geboren wird, kann er das Reich Gottes nicht sehen. (Johannes 3, 3)
Es zeigt sich beispielsweise durch solche Auswirkungen:
Wenn ich aber durch den Finger Gottes die Dämonen austreibe, so ist also das Reich Gottes zu euch gekommen. (Lukas 11, 20)
...und heilt die Kranken darin und sprecht zu ihnen: Das Reich Gottes ist nahe zu euch gekommen. (Lukas 10, 9)
Mein Tipp, falls Dir mal wieder jemand von der Kanzel erzählt, dass Du nach dem Reich Gottes trechtest, indem Du spendabel bist: Schau in Deine Bibel, ob das so stimmt.

Kommentare:

Astrid Ziember hat gesagt…

Sehr gut, das zu lesen. Geld gegen Segen als Tauschhandel hört man ja überall.
P.S.: Bist Du sicher, dass Du mit solchen subversiven, jedoch goldrichtigen Bemerkungen keinen Ärger mit Deiner Gemeindeleitung bekommst?

Don Ralfo hat gesagt…

@astrid: Wenn man Jesus ernsthaft nachfogen will, ist der Ärger eigentlich schon vorprogrammiert, oder?

Günter J. Matthia hat gesagt…

@astrid: Herzlich willkommen zunächst - ich nehme nicht an, dass die Gemeindeleitung Blogs liest, schon gar nicht meinen. Aber meinen Standpunkt würde ich auch dort vertreten und wäre gespannt, welche Gegenargumente kämen...

@don the ralf: Jesus hatte eine Menge Ärger mit geistlichen Leitern...

storch hat gesagt…

wir sammeln auch keine kollekten und sind gut gesegnet. kann mich an eine kollekte erinern, auf einer sonderveranstaltung und die ging in die mission.

nebenbei: ich halte hausgemeinden nicht für die zukunft.

Günter J. Matthia hat gesagt…

@storch: Vielleicht ein Modell, wenn nicht das Modell?
Ich lese gerade die Biographie von Derek Prince zu Ende (noch etwa 40 Seiten warten auf mich) - der Mann war irgendwie inkompatibel mit etablierten Gemeinden und Kirchen. Interessante Dinge in dem Buch, demnächst, wenn ich durch bin, gibt's ne Rezension.

Kochy hat gesagt…

Hallo G.J.M,

als ein Bruder der Hausgemeinde ist es klar: unsere finanziellen Wege sind kurz, die Dinge die man hat sind da und werden geteilt. Als Hausgemeinde ist man vor Ort bei den Menschen die man erreichen will und wir wissen "WIR SIND GEMEINDE" und gehen nicht zu Gemeinde. Das Wortspiel, was man unter Christen so kennt, zu welcher Gemeinde gehst Du denn.

Alle Pastoren die dass jetzt lesen. Wir kommen aus pastoralen Familys und wissen wie das Kirchen und Gemeindeleben in Deutschland abgeht. Hausgemeinden werden leider belächelt doch nur im reichen Westen.

Shalom ihr lieben Brüder, Freunde und Blogger

Christian