Mittwoch, 10. Dezember 2008

Erweckung - und dann?

Ich hörte kürzlich von einem Gastsprecher, der in Berlin predigte, ein paar bemerkenswerte Gedanken. Der Pastor lebt und arbeitet in Argentinien, also in einem Land, das vor einigen Jahren einen geistlichen Aufbruch erlebt hat, der von vielen als »Erweckung« bezeichnet wurde.
Das war so etwa von 1985 bis 1995, ein paar Jahre hin oder her sind hier nicht entscheidend. Denn es ging Raúl Reyes, so heißt der Gast aus Argentinien, nicht um vergangene glorreiche Epochen, sondern um etwas ganz anderes:
Was ist eigentlich geblieben? Wenn es wirklich Erweckung gab, dann müsste doch etwas davon heute in unserem Land sichtbar sein. Aber: Wir haben eine Kriminalitätsrate, die höher ist als damals. Wir haben Abtreibungen, Kinderprostitution, Armut, Not und Elend in Hülle und Fülle.
Erweckung muss zur Transformation der Gesellschaft führen. Unser Fehler war dieser: Wir haben die jungen Leute in die Bibelschulen geholt, anstatt sie in die Gesellschaft zu schicken.
Gott ist es leid, dass wir dauernd neue Aktivitäten für uns selbst erfinden.
Ein kluger Mann, dieser Raúl Reyes. Eine späte Einsicht ist besser als gar keine, und andere Menschen, wir zum Beispiel, können aus solchen Erfahrungen lernen. Wenn wir die richtigen Schlüsse ziehen.

Kommentare:

Tom G hat gesagt…

Dieser Gedanke tut weh, ist aber wohl wahr. Danke fürs teilen.

overcome hat gesagt…

auf jeden fall tragich das der argentinische aufbruch keine anhaltende veränderung gebracht hat, ich habe auch mal gehört das ein problem war/ist das keine Gemeinden gegründet wurden, sondern nur oder hauptsächlich Großveranstaltungen gab. Ich persönlich glaub auch nicht mehr so an Bibelschulen wie wir sie kennen, andererseits halte ich training für mitarbeiter und leiter in einer erwckung für sehr wichtig. Eine Frage wie würde man denn die jungen Leute in die Geselschaft schicken?
Pascal

Günter J. Matthia hat gesagt…

Hallo Tom G.,
ich kenne die Situation i9n Argentinien ja nicht aus eigener Anschauung, aber was der Pastor so berichtet hat, klang ziemlich erschreckend.

Hallo Overcomne,
Sicher sind Grundlagen des Glaubens erst mal zu vermitteln, wenn jemand den Weg zu Jesus findet. Aber muss das ausschließen, dass sich jemand gleichzeitig den Armen, den Notleidenden, den Hilfesuchenden zuwendet? Ich meine: Nein. Das geht auch parallel.
Möglichkeiten, seine Zeit den Hilfsbedürftigen zu schenken, gibt es unzählige...

overcome hat gesagt…

Ich stimme dir da zu das sich dies nicht ausschließt und sehe das auch so, ich kann mir halt schlecht vorstellen das tausende nach her auf Bibelschulen waren wie se sie IN Dland gibt und in den städten kein Christ mehr wahr. Das Problem war vermutlich das die Leiter der Erweckung das gefühl hatten sie haben es geschafft und haben große Gottesdienste veranstaltet und keine Vision entwickelt für die zeit nach der Erweckung.

Günter J. Matthia hat gesagt…

Na ja, als Nicht-Argentinier ist das natürlich kaum richtig zu bewerten. Ich meine auch, dass wir nicht auf eine sogenannte Erweckung warten müssen, sondern dass unsere Gemeinden und Kirchen lieber früher als später zu ihrem Auftrag zurückfinden sollten.
Der besteht nicht nur im Predigen des Evangeliums, sondern auch darin, »Barmherzigkeit« zu üben, um einmal das alte Wort zu benutzen.
Salz und Licht kann man nur da sein, wo die Menschen sind, nicht in irgendwelchen heiligen Hallen...

Alex hat gesagt…

Ich finde den Kommentar des Pastors aus Argentinien sehr offen und ehrlich. Ich selbst stamme aus der Pfingstbewegung und würde mir auch wünschen, dass die Vision von sogenannter Erweckung auch beinhaltet, dass sich die "Erweckten" nicht noch geistlicher verhalten, Jesus benutzt zu keiner Zeit den Ausdruck "geistlich", sondern die Möglichkeit des gesellschaftlichen Engagements wahrnehmen. Erweckung sollte gerade nicht in Weltflucht münden.
Sehr geehrter Herr Matthia, ich schätze Ihren Blog und Ihre ausgewogenen intellektuell anregenden Gedanken. Das Lob muss an dieses Stelle gestattet sein. Bei Ihnen zeigt sich, dass sich aufgewecktes Christ sein und Verstand nicht gegenüberstehen.

Günter J. Matthia hat gesagt…

Hallo Alex,

vielen Dank für das Lob, darüber freue ich mich sehr.
Ich stamme selbst ebenfalls aus der Pfingstbewegung, gehöre heute einer »charismatischen« Gemeinde an, kenne aber keine Berührungsängste vor anderen Konfessionen und Denomitationen. »Gemeinde« ist für mich immer die Gesamtheit der Christen, nicht eine lokale Zusammenkunft.

Der argentinische Pastor war übrigens kein »Negativist«, sondern voller Hoffnung und Freude, ermutigend und auferbauend. Dies nur, damit das Zitat nicht den Eindruck erweckt, ich hätte einem irgendwie frustrierten Mann zugehört. Im Gegenteil!

masp hat gesagt…

Raúl & seine Frau Betty sind seit Jahren regelmäßige Gastsprecher bei uns. Wir profitieren jedesmal von ihrer liebevollen Ausstrahlung und dem kraftvollen Wort, das Raúl mit einem lebendigen Predigtstil austeilt. Oft bleibt kein Auge trocken. Ich habe mich gefreut ihn auf Deinem Blog "zu treffen". Danke.

Günter J. Matthia hat gesagt…

Yo, das ist wirklich ein prima Kerl, sehr natürlich und offen und übersprudelnd vor Freude.