Donnerstag, 1. April 2010

Bin ich ein Missbrauchsopfer?

Aus den Google News vom 31. März:
…berichten die ehemaligen Heimkinder von Ohrfeigen, Fausthieben gegen den Oberarm sowie Schlägen auf das Gesäß mit Teppichklopfer und Stock. Auch die Nonnen sollen die Kinder geschlagen haben - mit Holzbesen, Holzpantoffeln und Kleiderbügeln…
Skandal! Wahnsinn! Aber hallo! Welch eine sensationelle Enthüllung! Was für ein Skandal! 103 Artikel! Stern, Welt, Süddeutsche, Focus… – keiner darf fehlen!
Wieder einmal wird auf eine katholische Einrichtung geschossen, und zwar aus vollen Rohren und von so gut wie allen Medien. Weil man den prominenten Namen »Mixa« so schön in der Schlagzeile unterbringen kann. Der soll irgendwie seinerzeit dafür Verantwortung getragen haben.
So so. Und nun die Fakten aus meinem Leben:
  • Ich wurde, wie auch andere Schüler, von Lehrern in der evangelischen Volksschule in Memmingerberg bei Memmingen mit dem Lineal auf die Finger geschlagen.
  • Der Sportlehrer hat uns mehrfach seinen Schlüsselbund ins Kreuz oder einen harten Ball gezielt an den Kopf geworfen.
  • Es gab in der Grundschule Ohrfeigen von Lehrern.
  • Im Bernhard-Striegel-Gymnasium in Memmingen wurden wir gezwungen, nach dem Sport beziehungsweise vor dem Schwimmunterricht  zu duschen, ohne Vorhänge oder Sichtschutz. Wir waren 12, 13, 14 Jahre alt, nackt, wehrlos und nass und mussten uns in diesem Zustand von erwachsenen Augen betrachten lassen.
  • Im gleichen Gymnasium wurden Schüler mit Schlägen auf das Gesäß mit dem Tafelstock des Lehrers gemaßregelt.
  • Der Mathematiklehrer gab uns häufig einen Schlag mit dem Mathematikbuch auf den Kopf, wenn uns die Antwort auf seine Frage nicht einfiel.
  • Zu Hause gab es nicht nur bei mir, sondern vielen Freunden, neben Ohrfeigen regelmäßig auch Züchtigungen mit Teppichklopfern, Kleiderbügeln oder Kochlöffeln auf das nackte Gesäß.
Bin ich also ein Missbrauchsopfer? Meine Mitschüler? Meine Generation? Vermutlich nur dann, wenn ein Katholik ins Spiel gebracht werden könnte, mit möglichst prominentem Namen, am besten natürlich Ratzinger. Oder wenigstens Mixa.
Nicht nur den »ehemaligen Heimkindern« aus der Pressemeldung, die somit ihre fünf Sekunden Ruhm ergeiert haben, sondern auch der Presse, die solche gequirlte (man entschuldige meine Ausdrucksweise) Scheiße verbreitet, sollte man unbedingt zwangsweise (unter Androhung von Prügeln auf den nackten Hintern im Falle des Schwänzens!) Nachhilfe in »Geschichte der Erziehungsmethoden in der Nachkriegsgeneration« geben.
Missbrauch von Kindern durch humanistische, katholische, islamische, sonstwie –ische oder gar atheistische Erwachsene ist etwas Schreckliches, nicht zu entschuldigen und unbedingt strafrechtlich zu verfolgen.
Aber die gängigen Erziehungsmethoden von damals, man wird sie heute mit gutem Grunde anlehnen, werden nicht dadurch zum Missbrauch, dass man sie so nennt, um endlich selbst mal in die Zeitung zu kommen – oder als Zeitungsmacher die Auflage zu steigern.

Kommentare:

Barbara hat gesagt…

Ja,der Medien-Missbrauch ist widerlich!

Die Tatsachen sind traurig genug...

juppi hat gesagt…

mannomannomann.

Wusste gar nicht, dass du solche Wörter schreiben tust.

Günter J. Matthia hat gesagt…

@barbara: Wenn es um Tatsachen geht, sollen die Medien durchaus ihres Wächteramtes walten. Missbrauch und Misshandlungen sind aufzudecken und zu ahnden.
Aber wenn körperliche Züchtigungen »Missbrauch« sein sollen, dann ist meine Generation und die davor zu wohl 90 Prozent missbraucht worden.
Es wäre angebracht, wenn die Medien da etwas genauer in ihrer Wortwahl wären.

@juppi: Selbst dem großen Staatsmann Helmuth Schmidt ist im Bundestag mal rausgerutscht: »Ich finde es zum Kotzen!«

juppi hat gesagt…

quod licet Iovi, non licet bovi.

Günter J. Matthia hat gesagt…

o tempora, o mores!

Peter hat gesagt…

ähnliches wie Du erlebt hast habe ich auch

Bento hat gesagt…

Missbrauch, Misshandlung, Misswahlen, Missverständnis - wer kennt da schon den Unterschied so genau...

..aber dass ihr deswegen hier gleich in Sprachen posten müsst, wie der Geist euch eingibt, halte ich wiederum auch für völlig überzogen!

Thomas-BDD hat gesagt…

Hallo Günter,

ich bin Jahrgang 56. Ich wurde niemals körperlich gezüchtig, weder zuhaus noch in der Schule. Ich kenne auch keinen von den vielen Schülern, denen das in der Schule passiert wäre. Und nicht nur das, es war uns auch als Kindern vollkommen klar, dass ds nicht passieren würde, weil die Lehrer kein Recht dazu hatten. Eine Lehrerin, der mal die Hand ausrutschte, wurde innerhalb zweier Monate strafversetzt (in den Prenzlauer Berg, damals dals schlimmste, was denkbar war). Über die Rechte der Schüler wurde auch in den offiziellen Zeitungen geschrieben, z.B. der "Jungen Welt", dem "Zentralorgan" der Freien Deutschen Jugend, so dass ich in meiner achten Klasse mit einem Ausschnitt in der Hand zum Chemielehrer ging und mich weigerte, eine sogenannte Strafarbeit zu schreiben. Ich bekam Recht. Zum Lehrer entwickelte sich danach trotzdem ein gutes Verhältnis, nicht zuletzt wegen ihm bin ich Chemiker geworden. Von Prügelstrafe (Lineal auf Finger etc.) erzählte mir eine meiner Omas. Das war noch zu Kaisers Zeiten. Meine Eltern kannten das schon nicht mehr. Ich bin wie oben zu bemerken in Ostberlin in die Schule gegangen und bin ehrlich erschüttert, dass es Menschen meiner Generation gibt, die die Prügelstrafe am eigenen Leib verspürt haben. Sollte unser Schulsystem doch besser gewesen sein?

Ansonsten stimme ich Deinem Artikel zu, was die Hysterie in den Medien betrifft etc. pp.

Viele Grüße
Thomas

Günter J. Matthia hat gesagt…

Hallo Thomas,

das war - ich bin Jahrgang 1955 - zumindest in Bayern nichts Außergewöhnliches. Es gab dann ein Riesenaufsehen, als ein Schüler am Gymnasium, ich muss etwa 15 gewesen sein, einen Lehrer anzeigte wegen einer Ohrfeige.
Verboten war körperliche Züchtigung natürlich auch in Bayern schon längst. Aber die meisten hielten das Verbot für Unsinn oder überflüssig...

Stephan Hollandt hat gesagt…

Mir kam zu diesem Thema eben noch ein bemerkenswertes Wort von Peter Seewald unter, der schreibt „Hört auf damit! Denkt nach!“
"Wir sind entsetzt über Fehlentscheidungen, über falsches Verhalten. Aber das wird uns nicht daran hindern, genau hinzusehen, zu differenzieren, unseren Verstand zu benutzen…
Über 220 Millionen Kinder werden nach Angaben von UNICEF weltweit jährlich zum Sex gezwungen. Das geschieht nicht im „Dunkelraum Kirche“. Der Kinderschänderring von Belgien, die vor Jahren Aufsehen erregte, bestand nicht aus Priestern und Ordensleuten, sondern aus Politikern und Managern. Täglich werden in Deutschland hundertausendfach pornografische Kinderbilder aus dem Internet heruntergeladen.
Diese Täter leben nicht zölibatär. Und das Problem der Pornografisierung einer ganzen Gesellschaft, die Kinder bereits am Schulhof trifft und auch Erwachsene ins Grauen führt, ist keine Folge von kirchlicher Sexualmoral, sondern von deren Abhandenkommen. Sollte eine Gesellschaft nun nicht auch darüber nachdenken, welche Kultur wir da pflegen, was wir mit unseren Kindern machen, dass sie immer mehr gestört, kaputt, beziehungsunfähig geworden sind?
Von dem Crash des Vertrauens, ausgelöst durch sündhafte, kranke Priester und Ordensleute, kann niemand zur Tagesordnung übergehen. Es ist eine Zeit der Passion, und was nicht auf Fels gebaut ist, muss einstürzen. Aber in jeder Katharsis liegt auch eine Chance. 15. März 2010

Günter J. Matthia hat gesagt…

Das ist wirklich ein bemerkenswertes Statement. Danke!