Donnerstag, 17. Dezember 2009

Der Sturm

Schön, Sie zu treffen. Ja, setzen Sie sich ruhig, ein Becher Wein wird wohl noch für Sie da sein. Setzen Sie sich, dann erzähle ich Ihnen gerne, was damals passiert ist. Aber eines sage ich Ihnen gleich. Ich kann Ihnen nur erzählen, was passiert ist. Erklären kann ich es Ihnen nicht. Nachdem jetzt eine Weile vergangen ist, sehen wir alle die Geschichte mit größerem Abstand, etwas weniger aufgeregt, nüchterner. Völlig ungerührt allerdings kann ich sie immer noch nicht betrachten.

Eigentlich war es ein ganz normaler, langweiliger Tag wie so viele. Ja, genau, so wie heute. Nicht viel los hier in unserem Dorf, da haben Sie Recht. Ich will Sie auch gar nicht damit aufhalten, wie wir den Vormittag verbracht hatten, das tut nichts zur Sache. Aber ich sollte Ihnen wohl erst einmal verraten, wer wir eigentlich sind, wenn Sie schon hier bei uns in der Schenke Platz nehmen und die Episode hören wollen.

Wir sind, was unsere Väter schon waren. Fischer. Wir kennen unseren See, seine Tiefen und Untiefen, wir kennen das tückische Wetter, und doch sind auch wir immer wieder überrascht, wenn ein Unwetter sozusagen aus heiterem Himmel hereinbricht. Das kommt ab und zu vor. So war es auch an jenem Tag.

Der Himmel war kaum bewölkt, warm war es, keineswegs zu heiß, nichts Ungewöhnliches zu erwarten. Man kann sich jedoch, wie ich schon sagte, mit dem Wetter hier nie sicher sein.

Das Getümmel am Ufer haben wir uns aus der Entfernung angesehen, wir halten uns aus solchen Volksaufläufen heraus. Das ganze Geschiebe und die nervöse Aufregung, das ist nichts für uns, die wir hart arbeiten und mit beiden Beinen fest im Leben stehen. Wanderprediger kommen und gehen, jeder hat so seine Spezialität, da muss man ja nicht mittendrin sein, nur weil wieder ein neuer Rabbi auftaucht. Ich wette, Sie haben auch schon solche Leute getroffen, die irgendeine neue Erkenntnis oder Vision verkünden, ob man nun zuhören will, oder nicht.

Wir saßen also auf dem sonnigen Platz vor unseren Häusern und sahen zu, wie die Volksmenge wuchs und wuchs, den Mann, um den es ging, konnte man in dem ganzen Tumult kaum noch ausmachen. Dass er irgendwann wohl genug von dem Trubel hatte und mit einem Boot verschwand, konnten wir gut verstehen. Er kletterte mit seinen Freunden in das kleine Fischerboot, das der Familie von Andreas gehört. Andreas selbst ist ja kein Fischer mehr. Der hat sich dem Rabbi verschrieben. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

Das Unwetter zog sich unglaublich schnell zusammen, nachdem sie abgelegt hatten. Sagen wir, fünfzehn Minuten hat es gedauert. Vielleicht zwanzig, aber mehr bestimmt nicht. Das Boot mit dem Prediger und seinen Gefolgsleuten war von unserem Platz aus noch zu sehen.

Wir beobachteten, was sich am Himmel zusammenbraute und erwarteten, dass die Männer auf dem See umkehren und Schutz suchen würden, schließlich waren einige dabei, die sich auskennen mussten. Simon und Andreas zum Beispiel. Sie waren Fischer wie wir, bevor sie sich dem Rabbi angeschlossen haben. Andreas habe ich ja schon erwähnt. Sie saßen in seinem kleinen Schiff. Ich kenne Andreas und seinen Bruder Simon, seit wir zusammen als Kinder mit unseren Rindenkähnen am Bach gespielt haben.

Aber das Boot zielte weiter geradeaus auf das weit entfernte Ufer gegenüber zu, als hätte niemand an Bord auch nur einen Blick auf die drohenden Wolkenmassen verschwendet. Dass solche Wolken einen gewaltigen Sturm mit sich bringen würden, stand für uns außer Frage. Dass die kleine Barke von Andreas dem nicht standhalten würde, war genauso klar. Und wie gesagt, Andreas und Simon zumindest mussten das wissen. Aber das Boot kehrte nicht um. Wir machten nicht viele Worte sondern brachen auf. Selbst wenn es nur Fremde gewesen wären, hätten wir selbstverständlich alles getan, um ihnen zu helfen. Andreas und Simon, in diesem Fall unter den Gefährdeten, hätten nicht anders gehandelt.

Haben Sie noch Wein im Becher? Gut so. Es ist noch mehr da, und unser Wirt ist heute in Spendierlaune. Das muss man ausnutzen, kommt nicht allzu oft vor. Also zieren Sie sich nicht.

Wir vier, die wir hier mit Ihnen Wein trinken, machten also mein Schiff los, das stabilste und größte in unserer Gegend, um den Rabbi und seine arglosen Gefährten möglichst rechtzeitig vor dem Ertrinken aus dem Wasser ziehen zu können. Ob wir beizeiten bei ihnen anlangen würden, war fraglich, aber wir wollten es zumindest versuchen.

Mein Schiff ist schnell, es hat schon manchem Sturm getrotzt und ich weiß, dass ich mich darauf verlassen kann, schließlich habe ich beim Bau selbst mit Hand angelegt. Wenn Sie mögen, zeige ich es Ihnen nachher. Ein Prachtstück von Fischkutter. Als das Gewitter losbrach, bekam ich aber doch Angst. Die Wellen schlugen so hoch, dass wir alle Hände beziehungsweise Eimer voll zu tun hatten, den Wasserstand im Boot halbwegs niedrig zu halten.

Wir waren auf etwa fünfhundert Meter an den Kahn mit dem Rabbi herangekommen, dessen Insassen einen aussichtslosen Kampf gegen die Fluten kämpften. Meine drei Freunde hier schöpften, ich steuerte, so gut das bei dem Ungestüm der Naturgewalten noch möglich war. Das andere Boot wurde überhaupt nicht mehr gesteuert, die Leute waren kopflos und manche von ihnen erwarteten wohl bereits ihr sicheres Ende. Wir kamen näher. Als wir Einzelheiten erkennen konnten, glaubte ich, der Wanderprediger sei tot oder verletzt. Er lag hinten im Boot auf einer Matte, rührte sich nicht, während seine Begleiter, je nach Temperament, schufteten, schrieen oder heulten. Verstehen konnten wir ihre Worte nicht, dazu war das Getöse des Gewittersturmes zu laut.

Was wir dann beobachteten, verstanden wir noch weniger: Zwei von den Männern traten an den Liegenden heran, rüttelten ihn, als schlafe er und sie wollten ihn wecken, und der Rabbi richtete sich halb auf, als würde er tatsächlich aus einem Schlummer aufwachen. Das ist, obwohl die Leute später erzählten, er habe tatsächlich ein Schläfchen gemacht, unvorstellbar. Bei diesem Sturm, völlig durchnässt, mit solch einem Krawall ringsherum, wer könnte da schlafen? Hin und her geworfen von den Wellen, die mit dem Boot spielten wie mit einer Nussschale. Wer dabei schläft, der muss entweder so müde sein, dass ihn nichts mehr wecken kann, oder irgendetwas stimmt nicht mit ihm. Berauscht bis zur Bewusstlosigkeit? Oder vom Sturm umgeworfen und beim Fall mit dem Kopf aufgeschlagen? Irgend so etwas kann ich mir vorstellen, aber nicht, dass er tatsächlich geschlafen hätte.

Doch ich will bei dem bleiben, was wir selbst gesehen und erlebt haben, Spekulationen sind nichts für uns hier. Wir glauben, was wir sehen, nicht was andere gesehen haben oder gesehen haben wollen. Dieser Wanderprediger also lehnte sich auf seinen Ellenbogen, wobei er sich an den Aufbauten festhalten musste, um nicht über Bord gefegt zu werden, und er sprach mit seinen Leuten. Die schauten ihn an, als erwarteten sie, dass er irgendetwas an ihrer Lage ändern konnte. Dann sah er sich um, blickte auch in unsere Richtung. Ich frage mich bis heute, ob die Männer uns bis dahin überhaupt bemerkt hatten, es kann gut sein, dass sie so mit ihrem drohenden Untergang beschäftigt waren, dass sie gar keine Augen mehr für ihre Umgebung und unseren Rettungsversuch hatten. Wir kamen kaum näher, weil das Boot des Predigers ohne Kurs dahintrieb, von Wind und Wellen hierhin und dorthin geworfen, während ich nach wie vor das Steuer in der Hand hielt. Ich dachte gar nicht daran, mein Schiff womöglich mit der Breitseite dem Sturm auszuliefern. Das wäre unser sicheres Ende gewesen. Unser Abstand vom Boot des Andreas schwankte ständig.

Als der Mann in dem anderen Boot schließlich aufstand, waren wir wieder weiter entfernt. Er schien etwas zu rufen und dann geschah das Unfassbare. Sie werden es nicht glauben, ich weiß, ich glaube ja auch nur, was ich selbst gesehen habe. Aber erzählen darf ich es trotzdem, ja? Deshalb sind Sie doch da, um diese Geschichte zu hören. Hier, bitteschön, ein frischer Becher Wein. Nicht dass Sie verdursten, während Sie mir zuhören. Zum Wohl. Auf Ihre Gesundheit.

Also, weiter. Ein Sturm kann sich legen, wenn er ausgetobt hat, der Seegang kann sich beruhigen, nachdem der Wind nachlässt, aber es ist reinweg ausgeschlossen, dass so etwas von einer Minute zur nächsten passiert. Werfen Sie mal einen Stein ins stille Wasser, es dauert eine Weile, bis die Wellenringe wieder völlig verschwunden sind. Und das waren die höchsten Brecher gewesen, die ich jemals auf diesem See erlebt habe. Bis solch ein tobendes Wasser wieder zur Ruhe kommt, dauert es Stunden. Nicht Minuten. Das geht überhaupt nicht. Trotzdem ist genau das geschehen.

Es dauerte länger, zu begreifen, was vor sich ging, als der Vorgang selbst an Zeit in Anspruch nahm. Als der Mann aufgestanden und etwas auf den See hinausgerufen hatte, war der Sturm augenblicklich still, kein Lüftchen regte sich mehr, und der Seegang, der eben noch selbst unsere hohen Bordwände mühelos überspült hatte, verwandelte sich in eine unbewegte Wasseroberfläche. Wie gesagt, das geht überhaupt nicht, aber es ist nun mal so gewesen.

Wir vier haben uns angeschaut und keiner von uns war sich sicher, ob er träumte oder wachte. Aber wir waren nach wie vor nass bis auf die Haut, in unserem Schiff stand kniehoch Wasser und meine drei Freunde hielten Eimer in den Händen, mit denen sie noch einen Atemzug vorher geschöpft hatten. Ich sah auf meine Hände, die um das Steuer verkrampft waren, das sich eben noch wild gegen meinen Griff gewehrt hatte. Dann sah ich hinüber zu dem anderen Boot und bemerkte, wie der Rabbi uns zuwinkte, bevor er sich zu seinen Leuten umdrehte, die ihn anstarrten, wie man ein Gespenst anstarrt.

Das war alles, was ich Ihnen erzählen kann. Den Rest lassen Sie sich von anderen Leuten berichten, wenn Sie deren Sicht hören wollen. Wie gesagt, erklären kann ich Ihnen die Geschichte nicht. Erlebt habe ich sie so sicher, wie ich hier neben Ihnen sitze und diesen Becher Wein in der Hand halte.

Was ich darüber denke wollen Sie wissen? Das kann ich Ihnen sagen. Ich glaube, dass dieser Jesus, so hieß der Prediger, das Wunder verursacht hat. Wie er das gemacht hat, weiß ich aber beim besten Willen nicht. Ich weiß nur, dass sich kein Lüftchen mehr regte, so dass wir zurück zum Ufer rudern mussten. Das hat gedauert, kann ich Ihnen sagen. Einen leichten Wind zur Unterstützung hätte ich nicht verachtet. Aber es herrschte absolute Flaute.

Wollen Sie jetzt mal mein Schiff anschauen? Gut, kommen Sie mit, es ist nicht weit.

P.S.: Diese Erzählung ist schon recht betagt. Zuerst wurde sie in den 90ger Jahren in der Zeitschrift »Entscheidung« abgedruckt, dann in leicht überarbeiteter Form in einem inzwischen eingestellten literarischen Magazin, schließlich fand sie wiederum überarbeitet den Weg in das Buch Liebe und Alltag. Diese Version hier und heute ist nun erneut überarbeitet worden, also die bisher letzte Station auf dem langen Lebensweg dieser Erzählung.

Kommentare:

juppi hat gesagt…

sehr schön. lebendig. Gerade hab ich noch das Bild in meiner Kinderbilderbibel angeguckt.

änder das schreien
(je nach Temperament, schufteten, schreien oder heulten.)
mal in ein schrien. Oder mit wievielen i und e das nun geschrieben wird. :-)

Günter J. Matthia hat gesagt…

jawohlja. habe jeändert. mit zwo ees. :-)

Anonym hat gesagt…

Habe "geschrien" neulich mal nachgeschlagen und siehe da: mit einem e.
Vielleicht sollte man nicht nur Leitern, sondern auch dem ollen Duden nicht folgen...sieht doch komisch aus ohne zwei ee.:(

Greezies von Vera K.

Günter J. Matthia hat gesagt…

Hallo Vera K.,

es ist beides zulässig laut Duden, schrien und schrieen. Begründung für die Schreibweise mit einem e: Man hört den Unterschied nicht...
Ich finde: Wer ordentlich spricht, wird durchaus einen Unterschied zwischen schrieen und schrien hören lassen.
Und richtig: Dem Duden muss man nicht folgen, manches ist, dank Rechtschreibreform, einfach nur abartig missgestaltet heutzutage.