Samstag, 20. Februar 2010

Klaus ist tot.


»Klaus ist tot«, erklärte meine Mutter mit Tränen in den Augen. »Er hat sich das Leben genommen.«
Ich war dreizehn Jahre alt. Klaus war einige Wochen zuvor aus unserem Freundeskreis entschwunden, aus Gründen, die mir damals zunächst nicht verständlich waren, weil niemand mir Auskunft geben wollte. Nun war Klaus tot. Ich hatte einen Freund verloren, der mein Freund nicht hatte sein dürfen.

Wir lebten in Memmingen, einer Kleinstadt mit seinerzeit rund 38.000 Einwohnern. Klaus gehörte zur gleichen freikirchlichen Gemeinde, die wir besuchten, er stammte wie meine Familie aus Berlin – vermutlich war die Freundschaft aufgrund dieser Tatsache entstanden. Exilberliner im bayerischen Exil halten zusammen.
Klaus war vierundzwanzig Jahre alt, als wir ihn kennen lernten. Ich freundete mich schnell mit ihm an, er hatte Humor, Ideen, die einen Jungen wie mich begeisterten und er war mir ein zuverlässiger Helfer bei Hausaufgaben und Lernproblemen. Häufig kam er nach dem sonntäglichen Gottesdienst mit zu uns, wir aßen gemeinsam zu Mittag, spielten, unternahmen Ausflüge. Klaus besaß ein Auto und fuhr gerne mit uns irgendwo hin, so konnten wir allerlei Gegenden im Allgäu kennen lernen, die für uns sonst unerreichbar gewesen wären.
Doch dann verschwand Klaus aus der Gemeinde und unserer Familie. Ich fragte meine Mutter nach ihm, und sie gab ausweichende Antworten. Er habe eine »schwere Sünde« auf sich geladen, deshalb sei er aus der Gemeinde ausgeschlossen worden, erfuhr ich. Ich dachte an Mord – nun ja, die Phantasie eines dreizenjährigen Jungen, der mit Vorliebe »erwachsene« Bücher las, damals gerade Hemmingways Kurzgeschichten, kommt auf solche Ideen. Also nahm ich an, dass er nun wohl im Gefängnis saß.
Doch Memmingen war klein genug, um mich schon bald eines besseren zu belehren. Klaus saß in einer Eisdiele beim Kaffee, als ich nach der Schule dort ein Eis kaufte. Ich war glücklich und setzte mich sofort zu ihm.
»Mensch Klaus«, rief ich begeistert, »wo steckts du denn die ganze Zeit?«
Er sah gar nicht aus, wie ich ihn kannte. Er wirkte bedrückt und meinte nur: »Du solltest dich nicht mit mir sehen lassen. Oder ich mit dir.«
»Was ist los?«
»Günter, hör zu, ich darf hier nicht mit dir sitzen. Ich würde gerne, aber es geht nicht. Es ist besser, wenn du verschwindest.«
Mehr war nicht aus ihm herauszubekommen, und schließlich ging ich verunsichert und voller Fragen nach Hause. Dort fragte ich meine Mutter aus.
»Was ist los mit Klaus?«
»Das verstehst du noch nicht.«
»Wieso verstehe ich das noch nicht?«
»Du bist zu jung.«
»Woher willst du das wissen?«
»Ich bin deine Mutter.«
»Aber ob ich es verstehe wird sich erst zeigen, wenn ich es gehört habe. Klaus ist mein Freund. Warum darf er nicht mit mir gesehen werden?«
»Hast du ihn etwa getroffen?«
»Ja. In der Eisdiele Pick. Er hat mich weggeschickt.«
Meiner Mutter war das Thema sichtlich unangenehm. Mein Bruder war so ratlos wie ich. Schließlich rief ich meinen Großvater an, der war Pastor im Ruhestand und hatte immer ein offenes Ohr für mich. Er kannte Klaus von etlichen Besuchen.
Ich erzählte von dem plötzlichen Verschwinden aus der Gemeinde und dem rätselhaften Kontaktverbot. Mein Opa hörte zu und fragte dann: »Seit wann ist das denn so?«
»Ein paar Wochen.«
»Ich werde mich umhören, Günter. Und wenn ich weiß, was da los ist, erfährst du es. Versprochen.«
Mein Großvater war jemand, auf dessen Wort ich mich felsenfest verlassen konnte. Dass ich mich ein paar Jahre später, als das vorzeitige Ende meines Lebens drohte, an ihn wendete, hatte eine Menge damit zu tun, dass mein Vetrauen in ihn nie enttäuscht, nie auch nur erschüttert wurde. So auch in diesem Fall. Bereits am nächsten Tag erklärte mir mein Großvater, was los war:
»Klaus ist schwul. Deshalb hat man ihn aus der Gemeinde geworfen.«
»Wie bitte?« Ich war fassungslos. Was schwul bedeutete, da hatte ich noch keine allzu klaren Vorstellungen, aber dass man jemanden aus einer christlichen Gemeinschaft warf, weil er »anders« war, schien mir unerhört.
»Ich habe mit eurem Pastor gesprochen«, erklärte mein Opa. »Der Ältestenrat hat – gemäß der biblischen Anweisungen – zunächst mit Klaus geredet, und da er, wie mir euer Pastor sagte, unbußfertig ist, hat man ihn gebeten, nicht mehr zu kommen, bis die Gemeindeversammlung eine Entscheidung trifft. Das soll wohl in ein paar Wochen passieren.«
»Findest du das okay, Opa?«
»Nein. Ich finde das schlimm. Ich werde versuchen, Klaus zu erreichen um ihm zu sagen, wie leid mir dieses unmögliche Vorgehen tut und ihn zu bitten, sich eine andere Gemeinde zu suchen.«
»Ist schwul sein denn ansteckend?«
»Überhaupt nicht. Und soweit ich weiß, hat Klaus niemanden belästigt oder auch nur Andeutungen gemacht. Hat er dich denn jemals komisch angefasst?«
»Nö. Im Gegenteil, wenn es ums Balgen ging, hat er sich immer zurückgezogen.«
»Ich werde auch mit deiner Mutter reden. Ich finde es nicht in Ordnung, dass Klaus euch nicht mehr besuchen soll.«
Am Abend sagte meine Mutter: »Opa hat mich angerufen. Du hast ja auch mit ihm gesprochen, stimmts?«
»Ja. Du hättest mir ruhig sagen können, was los ist. Vielleicht werde ich ja auch schwul, und dann weiß ich gleich, dass man mich rauswerfen wird.«
»Um Himmels willen! Wie kommst du denn darauf?«
Ich gab meiner Mutter keine Antwort, denn das Thema Sexualität war in unserer Familie ein Tabu. Mit meinem Großvater konnte ich über alles reden, aber zu Hause war das undenkbar. Aufklärung hatte nie stattgefunden, abgesehen davon, dass mir, als ich zwölf war, meine Mutter ein Heftchen in die Hand gedrückt hatte, das sie in einer katholischen Kirche gefunden hatte. Das Heftchen zeigte einige schematische Darstellungen der Geschlechtsorgane sowie zwei nackte Kinder, Mädchen und Junge, beim Baden und gab schwammig Auskunft, dass mit Penis und Vagina irgendwie für Nachwuchs zu sorgen wäre. Später, wenn man groß sei…
Ich war nicht der einzige pubertierende Junge, der über eine Menge Phantasie aber kein Wissen verfügte. Meinen Schulfreunden ging es nicht anders. Wir hatten kürzlich im Schlafsaal des Skilagers gemeinsam masturbiert, daher kam ich nun auf die Idee, dass ich womöglich schwul werden könnte. Aber darüber mit meiner Mutter reden? Vollkommen ausgeschlossen.
Ich war und wurde nicht homosexuell, wie sich später herausstellte. Viel später, als Klaus längst tot war.
Meine Mutter blieb jedenfalls dabei, dass wir mit Klaus keine Gemeinschaft mehr haben konnten, weil ja die Bibel sagte, dass man sich schmutzig macht, wenn man die Sünde nicht meidet wie die Pest. Und Homosexualität war nun einmal Sünde, so einfach war das Weltbild der kleinen Gemeinde diesbezüglich.
Niemand schien sich Gedanken darüber zu machen, wie es Klaus dabei ergehen mochte. Mein Großvater erzählte mir Jahre später, dass er mit Klaus viele Gespräche führte, um das zu verhindern was dann doch geschah. Sogar zu einem Umzug in eine andere Stadt riet er ihm, er wollte sich gerne an den Kosten beteiligen.
Doch Klaus war schon einmal umgezogen, weil er als Homosexueller nicht in der Gemeinschaft der Gläubigen willkommen war, nämlich von Berlin nach Memmingen. Doch irgendwie war die Kunde nun in der Gemeinde in Memmingen angekommen und Klaus wollte nicht lügen.
In der kleinbürgerlichen Gesellschaft damals wäre ein unerträgliches Spießrutenlaufen entstanden, wenn nun im Kollegenkreis und sonstwo in der bayerischen Kleinstadt seine Homosexualität bekannt geworden wäre. Er zog sich aus der Gemeinde zurück und bat um Verschwiegenheit. Die Gemeindeleitung lud ihn jedoch vor die Vollversammlung, wo er eine letzte Chance bekommen sollte, öffentlich Buße zu tun und »von seiner Sünde umzukehren«, wie immer man sich das auch vorstellen mochte.
Klaus zog es vor, sich das Leben zu nehmen. Ich hörte, als das bekannt wurde, jemanden aus der Gemeinde sagen: »Der Sünde Sold ist der Tod. Das ist nun also die Folge seiner Homosexualität, er hätte ja umkehren können.«
Wäre mein Großvater nicht gewesen, ich hätte wohl für alle Zeiten jegliche Verbindung zum Christentum weit von mir gewiesen, nachdem ich das gehört hatte. Mein Großvater ließ es sich nicht nehmen, zur Beerdigung zu kommen und mich ans Grab mitzunehmen. Außer uns beiden war eine Nichte von Klaus anwesend und zwei Kollegen aus dem Krankenhaus, in dem Klaus gearbeitet hatte. Fünf Menschen standen am Grab, und ein Trauerredner vom Beerdigungsinstitut. Wo waren all die anderen, die ihn gekannt hatten?
Anschließend ging mein Großvater mit mir in die Eisdiele Pick, und dort saßen wir dann lange. Er sprach mit mir auf seine wunderbare Weise, nämlich aufrichtig, offen und unter dem Eingeständnis eigener offener Fragen und Unstimmigkeiten in seiner Theologie.
»Wichtig ist, Günter, dass du nicht Gott die Schuld gibst für Fehler, die Menschen machen. Niemand hat alle Antworten, und oft sind die Antworten, die jemand zu haben meint, falsch. Das gilt auch für die Gemeinde. Als die religiösen Vorbilder seiner Zeit eine Frau steinigen wollten, die gesündigt hatte und nach den Gesetzen der Bibel den Tod verdiente, schrieb Jesus etwas in den Sand. Er gab keine Antwort. Was er schrieb, wissen wir nicht. Er hat nicht gesagt, dass der Ehebruch nicht so schlimm wäre, aber er hat die Frau auch nicht verurteilt. Jesus ist gekommen, um die Sünde auf sich zu nehmen, nicht, um sie den Menschen heimzuzahlen.«
»Also ist das nun Sünde, wenn jemand schwul ist?«, fragte ich.
»Im Gesetz des Alten Testamentes heißt es: Wenn jemand bei einem Mann liegt wie bei einer Frau, so haben sie getan, was ein Greuel ist und sollen beide des Todes sterben. Das ist so eindeutig wie die Anweisung, dass eine beim Ehebruch ertappte Frau gesteinigt werden muss. Jesus hat keinen Stein geworfen.«
»Also was denn nun?«
Mein Großvater lächelte und fragte, statt eine Antwort zu geben: »Wer von uns ist denn kein Sünder? Du? Ich? Diejenigen, die Klaus in den Tod getrieben haben?«
Mir fiel keine Antwort ein. Bis heute nicht.

Der einzige Nichtsünder, von dem ich weiß, ist gestorben und auferstanden, damit wir, schwul oder nicht, errettet sein können. Eigentlich reicht mir dieses Wissen.

Kommentare:

Barbara hat gesagt…

traurige Geschichte einerseits,aber
ermutigendes und beispielhaftes Verhalten des Großvaters andererseits!

wegbegleiter hat gesagt…

Es läuft in diesen Dingen immer wieder auf dieselben Verse Jesu hinaus: wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein... wer den Balken im Auge des Bruders sieht, der schaue zuerst auf sich... diese zerstörerische fehlende Selbstwahrnehmung ist eine Pest. Es gibt eine Geschichte von einem Wandermönch, der nachts in einem Dorf ankommt und durch ein Fenster schaut und dort wahrnimmt, dass gerade eine Sex- und Sauforgie abgeht. Er senkt den Blick und betet: Gott, sei mir Sünder gnädig. Und geht weiter. Wie oft wird das Evangelium nur benötigt, um Kontrolle zu gewinnen - über sich selbst und über andere. Dabei geht es Kontrollverlust... Selig sind die Barmherzigen...

Günter J. Matthia hat gesagt…

@barbara: mein großvater hat, das weiß ich bis heute zu schätzen, nie den konflikt mit der gemeindeleitung gescheut, wenn es darum ging, dem einzelnen menschen die liebe gottes nahe zu bringen. egal, wie und wer der betreffende mensch war.

@wegbegleiter: die gesetzlichen und die barmherzigen - irgendwo sind wir alle dazwischen angesiedelt, und es wäre schön, wenn die gesetzlichkeit schwindet, um der barmherzigkeit platz zu machen. auch in meinem leben immer mehr...

Donralfo hat gesagt…

bekomme einen ganz dicken Kloß im Hals beim Lesen. :-(
Wie können Menschen die sich der Liebe Gottes verschrieben haben so lieblos sein?
Wie kann das GESETZ und der "rechte" Glaube so oft wichtiger werden als die Menschen denen er helfen soll?

juppi hat gesagt…

die Geschichte ist zum Schütteln.
Viel zu oft ist sowas passiert, auch mit anderen "Greueln".
Viel zu selten hat es solche streitbaren Großväter oder -mütter gegeben.

Aber es gibt sie, zum Glück.
Dank der renitenten Querdenker-Tradition meiner Familie habe ich auch welche davon kennen gelernt.

Günter J. Matthia hat gesagt…

mein großvater geriet oft genug mit den leitenden brüdern "seiner" gemeindebewegung aneinander. die waren damals mehrheitlich verfechter der "gemeindezucht". etliche jahre später wurde ich selbst "gemeindegezüchtigt"... - na ja, es hat meinem glauben keinen dauerhaften schaden zugefügt.
welche anderen gründe der selbstmord meines freunde auch gehabt haben mag (ich nehme an, dass mehreres zusammenkam), diese vorladung vor die gemeindeversammlung war wohl dann der buchstäbliche letzte tropfen, mit dem dass fass überlaufen musste.

K hat gesagt…

Erinnert mich an "Prayers for Bobby".
Seufz. Ich hasse diese Scheiße. Großartiger Opa!

Benjamin Krüger hat gesagt…

Danke für diese Erzählung.
Ich habe das Gefühl, dass wir uns mal bei einem Glas Wein zusammensetzen sollten. Sonst muss ich nämlich Deinen gesamten Blog von vorne bis hinten durchlesen und kommentieren und zitieren und anderen Leuten aufs Auge drücken. Nur, dafür ist leider keine Zeit... Hoffe, wir sehen uns Sonntag!
Herzliche Grüße
Benjamin

Günter J. Matthia hat gesagt…

K.: »Prayers for Bobby« muss ich mir mal besorgen...

Benjamin: Sonntag sehen wir voraussichtlich. Bis dahin bitte den gesamten Blog auswendig lernen. :-)