Dienstag, 9. Februar 2010

Literatur oder Literatortur

six booksDas eine oder andere Buch fange ich an und lege es dann - größtenteils ungelesen - beiseite. Entweder, weil der Inhalt mich nicht anspricht, oder weil der Stil, soweit einer erkennbar ist, mir nicht zusagt. Manches Buch nehme ich auch gar nicht erst in die Hand, weil die Leseprobe mich bereits überzeugt.
Beiseite gelegte oder nicht aufgenommene Bücher solcher Art sind nicht unbedingt schlechte Bücher. Es kann ja sein - nein, es muss ja sein, dass unterschiedliche Menschen unterschiedlich empfinden. Was mir nicht gefällt, mag anderen Lesern viel Freude bereiten – ein Blick auf die Bestsellerlisten beweist dies immer wieder.

In diesen Tagen hat sich herausgestellt, dass das neue Wunderkind der Berliner Literaturszene Helene Hegemann sich zumindest teilweise eher im copy&paste geübt hat, als ihr Buch selbst zu schreiben. Der Spiegel fragt gar: Droht ein Literaturskandal?
Neugierig geworden habe ich mir ein paar Textausschnitte des Buches von Airen und des Buches von Hegemann angeschaut und festgestellt: Für mich sind beide Werke eher Literatortur als Literatur.
Hegemann:
Ja, das tut mir jetzt natürlich auch total leid dass wir euch stören hier, aber das ist echt scheiße ohne Playstation an so einem Scheißtag. … Als Lars, unser Nachbar, Graphikdesign in London studiert hat, fotographierte er im Rahmen des Projekts Intimacy Muscheln von innen und begründete diese zugegebenermaßen beschissene Idee damit, dass der Innenraum einer Muschel viel mit der Anatomie und dem Muskelaufbau des Menschen zu tun habe und so. … Ich weiß auch nicht so genau, die Struktur vom Inneren einer Muschel hat was total Intimes. … Das ist wirklich ziemlich große Scheiße! … Der Typ hat auch gedacht, ich hätte ihn verarscht, krass oder?
Quelle: http://www.berlinerliteraturkritik.de/detailseite/artikel/knallhartes-debuet.html
Airen:
... Wir danceten dann wieder etwas abseits und dann und wann nahm sie mich und schrie mir Sachen ins Ohr. ... Zu Hause will ich mir dann wirklich einen wichsen. ... Natuerlich kommt dann der Stromausfall genau in dem Moment, in dem Dillan Lauren ihre Muschi von innen gegen den Flatscreen drueckt. Drei Minuten spaeter betrachte ich teilnahmslos die Samenstrahlen, die sich auf meinen Bauch ergiessen. ...
Schnauze, Maul und Klappe zu. Alle koennen aufstehen, sich auf drei nen Fressenschalg abholen und in Reih und Glied wieder hinsetzen. ...
Quelle: http://airen.wordpress.com
Nun ja. Man mag argumentieren, dass dies die authentische Sprache der jungen Generation abbildet, was wohl zumindest auf einen Teil der Jugendlichen zutrifft. Man kann auch sagen, dass es nicht verkehrt sein kann, wenn die Literatur »dem Volk aufs Maul« schaut. Und es ist zweifellos richtig, dass Kunst oft provoziert, provozieren muss. Ich habe selbst so manche Texte verfasst, bei denen der eine oder die andere unter den Lesern deutlich die Auswirkungen geglückter Provokation erkennen ließen. Ich würde auch keineswegs die unsinnige Forderung aufstellen, dass einem Schriftsteller das Wort Scheiße ein Tabu sein muss. Nein, bestimmt nicht.

Jedoch: Muss es wirklich sein, dass die Sprache dermaßen jegliches Niveau verliert? Wenn der Autor »einen wichsen« will, dann habe ich daran nichts auszusetzen, und dass er »teilnahmslos die Samenstrahlen auf dem Bauch betrachtet«, ist sogar ein ganz hervorragender literarischer Kunstgriff. Die empfundene Ernüchterung und Langeweile nach der Ejakulation hat er so mit knappen Worten treffend ausgedrückt.
Allerdings meine ich, dass ich weder lesen will, dass jemand »dancete«, noch muss ich erfahren, dass ein »Fressenschlag« abzuholen ist oder miterleben, dass spätestens in jedem zweiten Satz »Scheiße«, »verarscht«, oder »ficken« vorkommt.
Den Leseproben nach zeichnet sich das vielgepriesene Buch von Helene Hegemann durch eine ähnliche oder gleiche Wortwahl aus wie das Werk von Airen, aus dem sie (unter anderem) abgeschrieben hat. Gelesen habe ich beide Bücher nicht und werde es auch nicht tun. Ich habe auch »Feuchtgebiete« von Charlotte Roche nicht gelesen, die verfügbare Leseprobe des Buches war ebenfalls abschreckend genug. Da heißt es beispielsweise:
Außerdem habe ich schon viele Jahre, von fünfzehn bis heute, mit achtzehn, trotz eines wuchernden Blumenkohls sehr erfolgreich Analverkehr. Sehr erfolgreich heißt für mich: kommen, obwohl der Schwanz nur in meinem Arsch steckt und sonst nix berührt wird. Ja, da bin ich stolz drauf.
Quelle: http://www.brigitte.de/liebe-sex/sex-flirten/feuchtgebiete-leseprobe-566936/
Nun möge man das nicht falsch verstehen, als sei ich prüde. Erotische Szenen oder Geschichten schätze ich durchaus; kürzlich las ich Invisible von Paul Auster, das diesbezüglich reichhaltig ausgestattet ist, demnächst schreibe ich vielleicht noch eine Rezension dazu. Auch Siegfried Lenz gelingen Szenen, die Bewegung unter der Gürtellinie anregen, und vielen anderen Autorinnen und Autoren der Weltliteratur. Oder der sogenannten Populärliteratur, wie Brenda Jackson mit ihrem Bestseller Irresistible Force.

Auch Helene Hegemann hat einen Bestseller geschrieben, und die Aufregung um die kopierten Passagen mag sogar die nächste Auflage noch steigern helfen. Eine richtige Handlung scheint das Buch nicht zu haben, nicht zu brauchen, es reicht wohl, Sex und Drogenexzesse in allen Variationen mit ausgesucht vulgären Ausdrücken zu schildern, um die Bestsellerlisten zu stürmen. Charlotte Roche hat es vorgemacht, andere ziehen nach.

Nun gut. Auch die BILD findet ja Leser, massenhaft. Ich halte mich aber auch zukünftig lieber an Literatur, die mir in einer Sprache begegnet, bei der mir nicht ständig die Haare zu Berge stehen. Es gibt ja bereits genügend Käufer für Arsch-Scheiße-danceten-Kacke-Bücher.

Kommentare:

Second Attempt hat gesagt…

~NIVEAU ist keine Creme~

Aber offensichtlich ist es verkaufsfördernd, keines zu haben. Zu deinem Artikel kann ich nur sagen: Du denkst meine Gedanken!

Grüßle, Sec

Günter J. Matthia hat gesagt…

Ja, wenn Niveau eine Creme wäre, dann könnte man einigen Autoren eine Packung zuschicken...

juppi hat gesagt…

Ja, Literatur soll Spaß machen.
Wenn sie Worte verwendet, die ich mir schon gesprochen nicht antue - warum sollte ich dafür auch noch Geld ausgeben?

Stephan Hollandt hat gesagt…

Was im Fernsehen als Widerspiegelung des Zeitgeistes längst gang und gäbe ist, kommt nun langsam auch im Buchhandel an. Da Lesen aber viel anstrengender als Glotze glotzen ist, wird es die Literatur mangels Kunden nicht wirklich vergiften; auch wenn das Feuilleton jubelt... Und beim Lesen wie beim Fernsehen steht es uns ja zum Glück frei, zu selektieren und Qualität zu wählen.

Günter J. Matthia hat gesagt…

@juppi: genau.

@stephan: Ich meide die TV-Programme, die Du wohl meinst, bewusst. Neulich war ich mehr oder weniger gezwungen, »Deutschland sucht den Superstar« mit anzuschauen - das hat mir gereicht, um zu wissen: RTL taugt nicht zu meiner Unterhaltung. Abgesehen davon, dass man von den wohl irgendwann gefundenen Superstars nie wieder etwas hört. Sie sind wohl weder super noch Stars?

Stephan Hollandt hat gesagt…

Genau! Das ist auch meine Strategie. Und wenn man sich etwas Sensibilität bewahrt, reagiert der Geist von ganz alleine mit Brechreiz und Kopfweh auf "Unterhaltung" genannter Art. Ich mag schon einen eigentlich guten Spielfilm nicht im Privatfernsehen anschauen, da mich die Werbeunterbrechungen kirre machen...

Thomas-BDD hat gesagt…
Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.
Thomas-BDD hat gesagt…

Hallo Günter,
zu deinem Blogeintrag fällt mir ein, was Victor Klemperer in LTI über die Gefährlichkeit der Sprache geschrieben hat:

"Aber Sprache dichtet und denkt nicht nur für mich, sie lenkt auch mein Gefühl, sie steuert mein ganzes seelisches Wesen, je selbstverständlicher, je unbewußter ich mich ihr überlasse. Und wenn nun die gebildete Sprache aus giftigen Elementen gebildet oder zur Trägerin von Giftstoffen gemacht worden ist? Worte können sein wie winzige Arsendosen: sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da."

Das passt ganz genau.

Gruß, Thomas

Günter J. Matthia hat gesagt…

Hallo Thomas,

das passt ganz haargenau!

So vergiften manche Schreiberlinge (oder Kopierlinge) den Leser, ohne dass er es zunächst wahrnimmt.

Winston Churchill hat gesagt…

Mit dem Geist ist es wie mit dem Magen: Man kann ihm nur Dinge zumuten, die er verdauen kann.