Sonntag, 7. März 2010

Rosemarie Stresemann: Mich zeigen

Stresemann - Mich zeigen »Leben ohne falsche Scham« erläutert der Untertitel, worum es in diesem Quadro (Quadros sind quadratische Hefte im Format 15x15 cm)  geht. Wenn es falsche Scham gibt, dann muss es ja auch richtige Scham geben, dieser Gedanke liegt nahe.

Anhand der Geschichte von Adam und Eva erläutert die Autorin zunächst, wie Scham in die Welt kam, und wie der Schöpfer mit der Schuld des Menschen umging.

Schreiben wir die Bibel ein bisschen um und stellen uns folgende Szene vor: Der allmächtige und allwissende Gott kommt in den Garten. Er geht mit schnellem Schritt auf das Versteck von Adam und Eva zu, biegt die Büsche auseinander und ruft triumphierend: »Ha, habe ich euch ertappt! Vor mir versteckt sich keiner!«

Solch einen Gott vermutet so mancher Christ: Immer auf der Lauer, uns bei einem Fehlverhalten zu erwischen, um uns dann unsere Sünde um die Ohren zu hauen. Die Bibel jedoch schildert – nicht nur an dieser Stelle – einen ganz anderen Gott. Adam und Eva schämen sich ihrer Blöße, und Gott schickt sie nicht nackt fort. Er reißt ihnen auch nicht die Feigenblätter weg. Statt dessen fertigt er Kleidung an, weil er die Würde seiner Geschöpfe beschützen will.

Die Autorin geht auf einige Erziehungsmethoden ein, zum Beispiel »in der Ecke stehen«, auf Alltagssituationen, in denen Mitmenschen öffentlich beschämt werden und sie zeigt immer wieder Parallelen in der Bibel auf. Das Gleichnis vom verlorenen Sohn beleuchtet sie beispielsweise aus ungewohnter Perspektive und sie erinnert daran, wie Jesus mit Menschen umging, die sich schämten oder beschämt wurden.

Ein alltagstaugliches Heft ist dieses »Mich zeigen« geworden, weil es wenig theoretisiert, statt dessen alltägliche Situationen aufgreift um zu zeigen: So manche Scham ist unnötig, sogar schädlich. Sie isoliert, schränkt ein, macht krank. Mit Denkanstößen und gezielten Fragen an den Leser gelingt es dann leicht, den Weg aus der Schamfalle zu finden.

Und was ist nun mit der richtigen Scham? Das letzte der vier Kapitel im Buch heißt »Jenseits von Richtig und Falsch«. Darin geht es um den Unterschied zwischen echten Gefühlen und urteilenden Gedanken, und damit kommt man in gewisser Weise ein bisschen weiter, diesbezüglich. Es zeigt sich allerdings: Richtige Scham ist das Thema dieses Quadro nicht, die wird nicht weiter beschrieben oder analysiert. Das muss auch nicht sein, da es ja darum geht, ein Leben unter dem Eimer loszuwerden.

Mein Fazit: Eine lohnende Lektüre für alle, die von Scham gequält werden, sich im Kollegenkreis oder bei öffentlichen Anlässen verschämt in eine Ecke verziehen… – sich verstecken. »Mich zeigen« hilft dabei, den Eimer vom Kopf zu nehmen und in das Leben hineinzutreten.

Überall erhältlich für 4 Euro mit der ISBN 978-3-935992-83-1, oder direkt beim Verlag: Rosemarie Stresemann - Mich zeigen

Kommentare:

Kerstin Hack hat gesagt…

Hi. Ich finde schon, dass die Autorin erklärt, was "richtige" Scham ist: "Scham hat zwei Seiten. Die positive Seite wacht über die intimen Grenzen eines Menschen, damit er Intimes nicht unbedacht
preisgibt und zeigt. Sie hilft ihm mit einem inneren Alarmsignal etwas für seinen Schutz zu tun.
Die negative Seite der Scham kommt von außen durch die Beschämung. »Idiot, Trampel, Fettsack« – durch solche Worte oder auch »nur« durch vieldeutige Blicke sprechen andere ein Urteil über jemanden als Person aus. Sie zerstören damit seinen Wert und sein Selbstvertrauen." S. 4
Ich selbst würde die "gute Scham" als das definieren, was uns davon abhält, körperlich oder seelisch Intimes an den falschen Stellen preis zu geben. Damit schützt sie unseren Wert und unsere Würde.

Günter J. Matthia hat gesagt…

Hi Kerstin,

Einwand akzeptiert - trotz zweimaligem Lesen habe ich die Stelle auf Seite 4 dann beim Schreiben der Rezension wohl übersehen.
Shame on me!

;-)