Mittwoch, 12. Mai 2010

Gastbeitrag Sundries: Rettungsstation

Lifeguard Station (sxc.hu)Es war einmal vor langer Zeit, da machten an einer gefährlichen Küste ein paar Leute eine Rettungsstation für Schiffbrüchige auf. Zu dieser Rettungsstation gehörte nur eine kleine Hütte und ein winziges Boot. Mit diesem wagte sich die kleine, mutige Mannschaft immer wieder, bei Tag und bei Nacht, auf das Meer hinaus, um Schiffbrüchige zu retten.

Es dauerte nicht lange, bis dieser kleine Stützpunkt bald überall bekannt war. Viele der Erretteten und andere Leute aus der Umgebung waren nun auch gern bereit, Zeit, Geld und Energie zu opfern, um die Station zu unterstützen. Man kaufte neue Boote und schulte neue Mannschaften. Die kleine Station wuchs und gedieh. Vielen Gönnern dieser Rettungsstation gefiel das ärmliche und schlecht ausgerüstete Gebäude nicht mehr. Die Geretteten benötigten doch einen etwas komfortableren Ort als erste Zuflucht. Deshalb wurden die provisorischen Lagerstätten durch richtige Betten ersetzt und das erweiterte Gebäude mit besserem Mobiliar ausgestattet. Doch damit erfreute sich die Seerettungsstation bei den Männern zunehmender Beliebtheit als Aufenthaltsort; sie richteten sich noch gemütlicher ein, da sie ihnen als eine Art Clubhaus diente. Schließlich brauchten sie bei ihrer harten Arbeit für die Schiffbrüchigen auch Ausgleich und Anerkennung.

Mit der Zeit entwickelt sich ein merkwürdiger Trend: Die Zahl der Mitglieder im Clubhaus wuchs, aber wenn eine Rettungsfahrt anstand, wurde es immer schwieriger, Freiwillige zu finden, die auf Bergungsfahrt gehen wollten. Zu viele hatten gerade keine Zeit oder andere durchaus nachvollziehbare Begründungen; wie z.B. das nächste Clubfest sei vorzubereiten oder das Clubhaus müsse gerade renoviert werden. Also: Geld war genug da - man beschloss eben Leute für diese Arbeit der Bergungsfahrten zu bezahlen. Man heuerte für die Rettungsboote eine eigene Besatzung an. Immerhin schmückte das Wappen des Seerettungsdienstes noch überall die Räume. Und von der Decke des Zimmers, in dem gewöhnlich Jubiläen von Clubmitgliedern, 10jährige, 20jährige und 30jährige Mitgliedschaft gefeiert wurden, hing das Modell eines Rettungsbootes. Etwa zu dieser Zeit scheiterte vor der Küste ein großes Schiff, und die angeheuerten Seeleute kehrten mit ganzen Bootsladungen frierender, durchnässter, schmutziger und halbertrunkener Menschen zurück. In dem schönen Clubhaus herrschte das Chaos. Das Verwaltungskomitee ließ deshalb gleich danach Duschkabinen im Freien errichten, damit man die Schiffbrüchigen vor Betreten des Clubhauses gründlich säubern könne.

Bei der nächsten Versammlung gab es eine Auseinandersetzung unter den Mitgliedern. Die meisten wollten den Rettungsdienst einstellen, da er unangenehm und dem normalen Clubbetrieb hinderlich sei. Und außerdem gäbe es in letzter Zeit weniger Spenden, da müsse man halt auf manche Dinge in Zukunft verzichten.

Einige jedoch vertraten den Standpunkt, dass Lebensrettung die vorrangige Aufgabe sei und dass man sich ja schließlich auch noch als "Rettungsstation" bezeichne. Sie wurden schnell überstimmt. Man ließ sie wissen, dass sie, wenn ihnen das Leben all dieser angetriebenen schiffbrüchigen Typen so wichtig sei, ja woanders ihre eigene Rettungsstation aufmachen könnten. Das taten sie dann auch.

Die Jahre gingen dahin, und die neue Station wandelte sich genauso wie die erste. Sie wurde zu einem Clubhaus, und so kam es zur Gründung gar einer dritten Rettungsstation. Doch auch hier wiederholte sich die alte Geschichte. Wenn man heute diese Küste besucht, findet man längs der Uferstraße eine beträchtliche Reihe exklusiver Clubs. Immer noch wird die Küste vielen Schiffbrüchigen zum Verhängnis, die meisten der Schiffbrüchigen ertrinken allerdings.

Quelle: [Sundries]

Kommentare:

Bento hat gesagt…

..wie wahr, wie wahr!

"the truth well told" - wie der gebildete Franzose sagt...

Günter J. Matthia hat gesagt…

Jawohlja.