Freitag, 3. September 2010

Neuland – Teil 2

Ich stelle fest: Teil 1 war zu lang für einen Blogbeitrag. Die meisten Zufallsbesucher lesen nur kürzere Texte, und auch Stammgäste könnten durch zu viele mit Worten gefüllte Zeilen leicht abgeschreckt sein… daher werden die Fortsetzungen künftig kürzere sein. Hier kommt Teil 2:

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Jagdzeit

Kein Mensch, zumindest kein vernünftiger Mensch, rechnete in Europa noch mit einem Krieg. Weltweite Abrüstung, die Freundschaft zwischen dem ehemaligen Ostblock und dem Westen, die Besonnenheit der europäischen Regierungen, der weltweite Tourismus … all das hatte ein Gefühl der Sicherheit entstehen lassen. Niemand nahm die Krise, die seit einigen Tagen schwelte, allzu ernst.

Terrorismus hieß der neue Feind, und gegen ihn musste man sich mit anderen Mitteln zu schützen versuchen als mit Bodentruppen, Panzern, Raketen und anderen militärischen Mitteln. In Deutschland diskutierten die Politiker die Verkleinerung der Bundeswehr, für die neuen internationalen Einsätze als Piratenjäger und Schutztruppe schien eine kleinere Freiwilligenarmee ausreichend. Es gab Kriege auf der Welt, zweifellos, aber in Europa war der Frieden sicher.

In Russland hatte wenige Wochen zuvor ein steinharter Nationalist die Wahlen gewonnen, der in seinem Wahlkampf das Wiedererstehen des russischen Weltreiches beschworen hatte, aber die inzwischen tief verwurzelten wirtschaftlichen Verflechtungen Russlands mit dem Westen mussten nach Meinung der Experten schwerer wiegen als der Theaterdonner hitziger Reden. Die NATO reagierte abwartend, als der Präsident sein Amt antrat, eine echte Bedrohung konnte niemand erkennen.

Russische Truppen in Bewegung Als die Meldungen von massiven Truppenbewegungen auf den Tischen der Regierenden landeten, wurden eilig einige verbale Reaktionen formuliert, der Weltsicherheitsrat mahnte zum Frieden, die NATO-Verbündeten stimmten sich ab, aber eine Eskalation wurde nicht erwartet. Polen und Tschechien reagierten so nervös wie andere Staaten des ehemaligen Ostblocks. Die Wortmeldungen wurden heftiger und bedrohlicher.

Vorsorglich wurde in Deutschland die Bundeswehr in Alarmbereitschaft versetzt, Transporte von NATO-Truppen ins Krisengebiet wurden vorbereitet. Seit die Alliierten abgezogen waren, hatte es keine ausländischen Soldaten mehr auf dem Bundesgebiet gegeben, abgesehen von freundschaftlichen Truppenübungen und Besuchen.

Die Medien berichteten mehr oder weniger nüchtern über die Entwicklung, doch niemand rechnete mit einem Ernstfall bis zu diesem Morgen, an dem die russischen Truppen auf polnisches Territorium vorrückten.

In Brüssel koordinierte die NATO-Führung die Reaktion auf den »Zwischenfall«, wie man es vorsichtig formulierte. Die Wälder entlang der deutsch-polnischen Grenze wurden als Aufmarschgebiet für die Bodentruppen gewählt. Es gab dort kaum Siedlungen, die wenigen Ortschaften konnten evakuiert werden, was sich wegen der geringen Bevölkerungsdichte leicht bewerkstelligen ließ.

Um 10 Uhr begann die deutsche Luftwaffe mit Erkundungsflügen entlang der polnischen Grenze und mit der Suche nach Menschen in den Waldgebieten.

Fritz Wegmann war auf dem Weg vom Teich zurück zu seiner Hütte, als er Hubschrauber kommen hörte. Er musste nur noch über die große Lichtung mit seinen ledernen Wasserbeuteln, die er am Bach gefüllt hatte. Geduckt rannte er aus dem Schutz des Waldes auf seine Wohnung zu.

Der Kopilot zeigte nach unten: »Da rennt jemand«, rief er.

Der Pilot flog einen Bogen, um die Stelle erneut anzusteuern. Aber außer einer Lichtung war nichts mehr zu sehen. Sie überflogen die Stelle mehrere Male, sahen jedoch nur Gras, Felsen und einige Büsche. Falls da jemand gewesen war, musste er in den Wald verschwunden sein. Sie meldeten die Koordinaten an die zentrale Einsatzleitung und flogen weiter.

Im Kreis der Säulen? blieb Fritz Wegmann mit jagendem Puls stehen und beobachtete den Helikopter. Die Besatzung schien weder ihn noch seine Hütte sehen zu können. Hinter ihm hatte sich die Lücke geschlossen, sobald er hindurch war.

»Habe ich die Zeit verpasst? Komme ich jetzt nicht mehr hier weg?«, fragte er.

Die Stimme antwortete in seinem Kopf: »Es ist zu spät. Heute Abend gibt es eine zweite Chance.«

Als der Lärm der Turbinen verebbte, zog er sich in seine Behausung zurück und begann damit, sich auf die Wanderung vorzubereiten. Er hatte einen kleinen Vorrat von getrocknetem Fleisch, selbstgebackenem Brot, Gemüse und Wasser für etwa zwei Tage. Falls die Suche länger dauerte, würde er sich davon ernähren müssen, was der Wald ihm anbot. Aber wenn die merkwürdigen Wesen – Wächter – recht behielten, würde er dann entweder die Zuflucht gefunden haben oder tot sein. Wenn die Menschheit sich anschichte, sich selbst zu vernichten, dann sicher gründlich und mit ausgefeilten technischen Mitteln. Den ganzen Tag über hörte er Helikopter und Flugzeuge, gelegentlich sah er sie auch, wenn er hinausblickte. Am Nachmittag legte er sich auf sein Bett und schlief zügig ein. Der Säulen?kreis um die Hütte stand unbeweglich.

Russland reagierte nicht auf die Aktivitäten der NATO. Auf polnischem Gebiet trafen die Truppen auf keinerlei Widerstand. Das polnische Militär hielt sich zurück. Um 14 Uhr gab der russische Präsident bekannt, dass sein Land auf die Provokation durch den Westen mit allen gebotenen Mitteln reagieren würde; die westlichen Spionagesatelliten registrierten Aktivitäten in den russischen Raketenstationen, die seit Jahren fast vergessen waren. Es sah aus, als würden die Atomwaffen startbereit gemacht.

Um 16 Uhr begannen die Transporte von NATO-Truppen nach Deutschland, die den Vormarsch der Angreifer über die polnische Grenze hinweg unterbinden sollten.

Das Rasseln von Kettenfahrzeugen weckte Fritz Wegmann auf. Es wurde Abend, langsam versank die Sonne hinter den Wipfeln des Waldes. Er beobachtete durch die schmale Lücke zwischen zwei Säulen, wie sich zwei Fahrzeuge der Bundeswehr auf die Lichtung zu bewegten. Sie zielten genau auf seine Hütte. Kleinere Bäume und Sträucher fuhren sie einfach um, den größeren Bäumen wichen sie aus. Der Wald war an dieser Stelle nicht sehr dicht, so dass sie zügig auf die Lichtung rollten. Kurz vor dem Säulen?kreis jedoch änderten sie die Richtung und fuhren einen Bogen, um schließlich vor dem Unterholz hinter der Hütte zu parken.

Acht Soldaten sprangen heraus und sahen sich um. Was sie durch ihre Funkgeräte sprachen, konnte er nicht verstehen, aber sie nahmen keine Notiz von seiner Anwesenheit. Ob sie ihn auch nicht hören würden, war ungewiss, daher verhielt er sich leise und beobachtete weiter. Wenn nicht noch mehr von ihnen auftauchten, würde er ohne Probleme bei Dunkelheit von der anderen Seite des Kreises aus in den Wald gelangen können.

Fast pausenlos überflogen jetzt Hubschrauber und Flugzeuge die Gegend. Erst als es wirklich dunkel wurde, ebbte der Flugbetrieb ab. Die acht Soldaten waren geblieben und hatten damit begonnen, Bäume zu fällen, ein Zelt und eine Sendestation aufgebaut. Ihre Fahrzeuge waren unter Tarnnetzen verschwunden, sie machten kein Licht, offenbar war strikte Verdunkelung angeordnet. Lediglich die Glutpunkte von ihren Zigaretten waren gelegentlich zu sehen.

Fritz Wegmann trat aus seiner Hütte, als es vollständig dunkel war. Er trug seine geringe Ausrüstung auf dem Rücken in einem Beutel, den er vor zwei Jahren angefertigt hatte. Da er nicht ausschließen konnte, auf Menschen zu treffen, hatte er sich dazu entschlossen, sich zu bekleiden. Er trug eine selbstgemachte Hose aus Hirschleder und eine Weste aus dem gleichen Material. Die Füße steckten in Mokassins.

Seine Augen waren daran gewöhnt, ohne künstliches Licht auszukommen, der schwache Schimmer, der vom hinter Schleierwolken verborgenen Mond ausging, reichte ihm, um sich zu orientieren.

Die Säulen? waren noch da. Zwei von ihnen wichen auseinander, damit er sich auf der den Soldaten abgewandten Seite in den Wald begeben konnte. Es entstand ein leises Scharren, das in der Stille der Nacht nicht zu überhören war.

 

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Fortsetzung folgt…

Kommentare:

juppi hat gesagt…

ich find lange Einträge ok.
die les ich dann nicht direkt, wenn ich sie "finde", sondern irgendwann später, wenn Zeit oder Muße dafür ist.

Von mir aus geht also auch laaaaaang.

K hat gesagt…

Woran hast du das denn festgestellt? Juppi und ich hams gelesen, und das ist doch schon die halbe Miete :p
Ich fands auch nicht zu lang. Also, ich würde nicht einfach so irgendeinen langen Text von irgendjemandem lesen, wenn mich das Thema auch noch nicht interessiert, aber wer würde das schon? Du hast doch ausreichend Stammpublikum :)

juppi hat gesagt…

genau, und außerdem kommt Qualität nicht von Qual!
Oberstes Schreibergebot: du darfst deine Leser nicht quälen.

Günter J. Matthia hat gesagt…

Lang oder nicht so lang, das ist hier die Frage, würde Herr Schüttelbier vermutlich schreiben. ;-)
Vielleicht halte ich mich bei zukünftigen Folgen doch einfach an die Kapitelstruktur, die ich der Geschichte vor 20 Jahren gegeben habe. Dann gibt es automatisch kurze, mittellange und ausufernde Folgen.

Anonym hat gesagt…

Hallo.
Ich mochte mit Ihrer Website gjmatthia.blogspot.com Links tauschen

Günter J. Matthia hat gesagt…

@anonym: Auf meine Beiträge darf jeder verlinken. Zum Linktausch müsste ich statt "anonym" allerdings wissen, wer und wo...