Montag, 6. September 2010

Neuland – Teil 3

Hier kommt der Rest vom zweiten Kapitel als dritter Teil. Der dritte Teil vom ersten Kapitel als zweiter Beitrag wäre ja Unfug gewesen. Na? Verwirrt? Fein. Verwirrt ist ja auch unser Freund Fritz Wegemann.
Wir erinnern uns: Es entstand ein leises Scharren, das in der Stille der Nacht nicht zu überhören war.
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Ein Soldat rief: »Stehenbleiben! Keine Bewegung! Es wird scharf geschossen!«
Fritz Wegmann rannte mit schnellen Schritten in den Wald und blieb dort bewegungslos stehen. Die Säulen? schimmerten im fahlen Licht. Er beobachtete, wie vier Soldaten, zwei mit Handscheinwerfern und zwei mit Maschinengewehren, um die Rundung gerannt kamen. Sie blieben stehen und ließen ihre Lichtkegel kreisen.
moon lightDie Zylinder? bewegten sich. Es sah aus, als würden sie sich an einem Punkt versammeln, an dem sie dann zu einem einzigen Objekt verschmolzen. Die Geräusche waren ähnlich denen, die Fritz Wegemann in der vergangenen Nacht gehört hatte. Die Säule?, die aus den einzelnen Exemplaren entstanden war, versank im Boden. Es wurde still, abgesehen vom Keuchen der Soldaten. Gras, Gebüsch und der kleine Felsbrocken, der gespalten gewesen war, sahen völlig unberührt aus. Die Hütte war nun für die Soldaten, die ihren Augen nicht trauten wollten, sichtbar. Dort, wo sie am Tage nur eine massive Felsformation gesehen hatten, stand eine menschliche Behausung. Alle acht Soldaten standen unweit von Fritz Wegemanns Versteck auf der Lichtung und starrten auf die Hütte.
»Wir müssen sofort Meldung machen«, rief der eine.
»Unsinn! Wenn wir das melden wollen, dann erkläre mir bitte auch, wie! Die halten uns für übergeschnappt oder betrunken«, widersprach ein anderer.
»Eins von beidem muss ja wohl zutreffen. Oder glaubst du, was du siehst?«
Langsam und mit schussbereiten Waffen bewegten sie sich auf die Hütte zu. Zwei blieben davor stehen, misstrauisch um sich blickend, während die anderen den Raum betraten.
Fritz Wegmann ahnte, was kommen würde, als er die Wächter wieder sah. Sie erschienen aus dem Wald, rings um die gesamte Lichtung, es mussten jetzt Hunderte sein. Das grässliche Knarzen und Krachen wurde wieder laut, als sich der Kreis immer enger zog.
Die Soldaten schrien und feuerten aus allen Waffen auf die Zylinder?, die davon unbeeindruckt vorrückten. Das Zelt, die Fahrzeuge, der Sendemast, alles, was sie auf ihrem Weg trafen, wurde von den Säulen? In den enger werdenden Kreis geschoben. Hinter dem vorrückenden Rund entstand im gleichen Moment eine unberührte Landschaft. Auch der Acker, der Fritz Wegemann jahrelang Nahrung gespendet hatte, wurde zu normalem Waldboden, auf dem einige Büsche wuchsen. Die Soldaten sahen, dass sie keine Chance haben würden, aber sie feuerten weiter, so lange die Munition reichte. Der Kreis zog sich immer enger um sie zusammen.
Fritz Wegmann schrie: »Halt, kann man sie denn nicht retten? Es sind Menschen!«
Die Stimme, die noch immer nicht zu lokalisieren war, antwortete: »Sie würden in zwei Tagen sowieso sterben. Keiner von ihnen ist ein Freund des Waldes.«
»Woher wollt ihr das wissen?«
Die Säulen? blieben stehen, der Lärm verstummte. Der Kreis hatte noch einen Durchmesser von etwa vier Metern, in dessen Mittelpunkt die entsetzten Soldaten standen, die nutzlosen Waffen in den Händen. Ihre aufgerissenen Augen spiegelten das grenzenlose Grauen.
»Lasst mich mit ihnen reden«, bat Fritz Wegmann und trat aus der Deckung.
»Rede mit ihnen.«
Er ging zum Kreis, der sich nun nicht für ihn öffnete, und blickte durch eine Lücke in die entsetzten Gesichter.
»Sie werden sterben, es gibt nur einen Ausweg«, sprach er die Soldaten an. »Ich kann jetzt nicht alles erklären, aber es sieht so aus, also ob diese Wesen, die Sie eingekreist haben, von einem endgültigen, einem letzten Krieg wissen, der in den nächsten Tagen beginnen wird. Ich bin auf dem Weg zu einer Zuflucht. Wollen Sie mir folgen?«
Keiner sagte ein Wort. Stumm starrten die acht Männer auf die Zylinder? Er trat näher heran und streckte eine Hand hinein in den Kreis.
»Ich lebe hier seit sieben Jahren in der Einsamkeit; ich will Sie retten. Vertrauen Sie mir.«
Einer der Soldaten wagte den Schritt nach vorne und griff nach der Hand. Er presste sie, als wolle er feststellen, ob sie real sei. »Wer sind Sie?«, flüsterte er. »Was geht hier vor?«
»Ich kann nichts erklären. Was hier vorgeht, verstehe ich so wenig wie Sie. Ich habe hier in der Einsamkeit gelebt, und nun mache ich mich auf den Weg – wohin weiß ich nicht. Sie müssen sich entscheiden, ob Sie jetzt sterben oder den Versuch unternehmen wollen, die Flucht mit mir anzutreten. Diese Wesen, Säulen?, Zylinder?, ich weiß nicht was sie sind, haben mich gewarnt und den Tag über verborgen. Sie wachen über die Wälder.«
»Ich glaube Ihnen. Ich komme mit«, sagte der Soldat, noch immer umklammerte er die Hand. Er trat einen Schritt vor und es entstand eine schmale Lücke für ihn.
»Halt, zurück! Das ist ein Befehl!«, rief jetzt einer von den sieben Männern, die immer noch fassungslos zusammengedrängt in der Mitte standen.
»Entscheide jetzt«, mischte sich die Stimme ein, die zu den Säulen? gehörte. »Sofort.«
Der Soldat ließ Fritz Wegemanns Hand nicht los und trat zwischen die Zylinder?, es war gerade genug Platz für ihn entstanden. Die anderen wollten ihn zurückhalten, aber Fritz Wegmann zog ihn mit einer schnellen Bewegung zwischen den Säulen? hindurch, die sofort wieder ihren Platz einnahmen.
»Flieht jetzt, es kommen weitere Soldaten«, befahl die Stimme, die nun offenbar auch der fluchtbereite Soldat hören konnte. Er zuckte zusammen und blickte sich suchend um.
Fritz Wegemann zog ihn ins Unterholz. »Schnell jetzt.«
Hand in Hand rannten sie immer tiefer in den Wald, während hinter ihnen die Schreie der Soldaten und das Knarzen verhallten. Nach zwei Minuten war die Lichtung leer und unberührt. Funksprüche an diesen Posten verhallten ungehört im Äther.
Als sie etwa 15 Minuten gerannt waren, blieben sie stehen, um Atem zu schöpfen.
»Fritz Wegmann.«
»Robert Stock, Feldwebel.«
Die Stimme des Mannes zitterte. »Was um Himmels willen war da eigentlich los?«, fragte er.
So gut es ging, erklärte Fritz Wegmann die Vorgänge, die er selbst ja nicht einmal begreifen konnte. Während sie langsam bergauf gingen, erzählte er ihm von den Fabeln, von dem alten Mann, von seinem Nachbarn und von den Ereignissen des Tages. Was er zu erzählen hatte, kam ihm, als er es jetzt aussprach, völlig sinnlos und verrückt vor. Er erzählte trotzdem. Eine bessere Geschichte hatte er nicht zur Verfügung.
Robert Stock berichtete seinerseits, was er von der internationalen Krise wusste. Seine Begleiter und er waren nur die Vorhut für die Truppen, die zu Tausenden in die Gegend verlegt wurden. Sie rechneten nicht mit einem größeren Krieg, sie nahmen vielmehr an, dass es bei gegenseitigen Drohgebärden bleiben würde, bis die Politik eine Lösung fand und die russischen Truppen sich wieder aus Polen zurückziehen würden.
»Und wohin gehen wir?«, wollte der Soldat wissen, als alles Wichtige erzählt war.
»Das ist so verrückt wie alles andere. Man könnte meinen, in einem Fantasie- oder Zukunftsroman – ach was, nein, in einem Märchen zu stecken. Ich suche nämlich eine Tür, ein Tor, einen Übergang, der zu einer anderen Dimension führen soll. Ich weiß selbst nicht wo, und vor allem nicht, was das bedeutet, aber ich will es versuchen. Die Wächter des Waldes meinten, der Wald würde den Weg weisen. Mehr weiß ich wirklich nicht.«
»Okay, ich begreife zwar gar nichts, es klingt völlig sinnlos, aber ich komme mit.«
 
Sie hielten sich in der eingeschlagenen Richtung und gingen fast die ganze Nacht weiter. Kurz vor der Morgendämmerung kamen sie an eine Höhle, die Fritz Wegmann von einer seiner Wanderungen in den letzten Jahren kannte. Sie war nicht sehr tief, der Eingang lag verborgen hinter dichten Ranken, so dass man sie leicht übersehen konnte, wenn man nicht gezielt nach dem Eingang suchte.
Der Soldat trug seine Taschenlampe bei sich, die Waffe hatte er zurückgelassen, sie wäre ohne Munition nur unnötiger Ballast gewesen. Er leuchtete die Wände der Höhle ab, die etwa die Größe eines geräumigen Wohnzimmers hatte. Der Boden war sandig, von dem Licht aufgeschreckt versuchten unzählige Insekten, ein Versteck zu finden und verschwanden in kleinen Felsritzen.
Die beiden Männer setzten sich an die dem Eingang gegenüberliegende Wand und Fritz Wegmann teilte sich mit seinem Begleiter aus seinen Vorräten ein bescheidenes Frühstück. Zu zweit würde es nur bei größter Sparsamkeit für zwei Tage reichen, aber darüber machte er sich keine Sorgen. Er wusste, wie man in der Wildnis überlebt. Sie aßen schweigend und legten sich dann zum Schlafen nieder. Eine Wache hielten beide nicht für notwendig, bei der Annäherung von Fahrzeugen würden sie sicher erwachen, und den Eingang konnte nur jemand finden, der die Gegend und die Höhle kannte.
 
Um 9 Uhr mitteleuropäischer Zeit erklärte die polnische Regierung ihren sofortigen Beitritt zur westlichen Allianz und bat die NATO, das polnische Gebiet zu verteidigen. Obwohl der Vorgang nicht verfassungskonform war und überhaupt ein solcher sofortiger Beitritt undenkbar war, wurde das polnische Militär durch die Regierung des Landes ohne Vorbehalte dem NATO-Kommando unterstellt.
Die Bevölkerung bejubelte den Entschluss. Die Verantwortlichen der NATO waren ratlos, da ein solcher Fall nicht vorgesehen war, erklärten aber zögernd, dass man die Möglichkeiten prüfen werde, die das internationales Recht zuließ.
Der Russische Präsident drohte mit der sofortigen Okkupation von ganz Polen, wenn dort auch nur ein einziger Soldat des westlichen Bündnisses auftauchen sollte.
Obwohl keiner auftauchte, begann bereits um 13 Uhr der Vormarsch der Russen durch Polen auf die deutsche Grenze zu.
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Fortsetzung? Folgt. Und bevor jemand mich aufklärt: Ich weiß, dass Polen inzwischen NATO-Mitglied ist, damals, als ich diese Geschichte schrieb, konnte noch nicht die Rede davon sein. Das muss ich im Text noch ändern. Wird auf jeden Fall erledigt.

Kommentare:

juppi hat gesagt…

nein, änder es nicht.
ist doch schöner, wenn alles aus einem Guss ist.
außerdem ein Dokument seiner Zeit.

juppi hat gesagt…

während hinter ihnen die Schreie der Soldaten und das Knarzen verhallt.

bitte noch ein E hinters letzte Wort.

Soll sich ma keiner beschweren, ich würd nicht aufmerksam lesen.

Günter J. Matthia hat gesagt…

Danke für den Hinweis auf das fehlende e, ich beschwere mich keinesfalls. :-)

Da ich die ganze Geschichte in die Gegenwart transponiere, muss allerdings der NATO-Polen-Fehler noch geändert werden. Das erfolgt dann mit der nächsten Folge...