Samstag, 23. Oktober 2010

Damals. – Teil 4

Die Verweise auf die vorherigen Teile: [Teil 1] [Teil 2] [Teil 3]

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Anstatt seine Mission zu beginnen, öffentlich zu predigen, womöglich gar Widerstand gegen die römische Besatzung anzuschüren, zog er sich völlig zurück. Er ging in die Wüste und blieb in der Wüste. Seine Zeit war, obwohl er zum jungen Mann geworden war, noch nicht gekommen.

War er allein in der Wüste? Ja, er war allein, aber er redete mit seinem Gott. Was er redete, ob er Antworten bekam, wie viel er von den kommenden Ereignissen ahnte oder wusste, ist uns nicht überliefert. Wir wissen nur, dass im fünfzehnten Jahr der Herrschaft des Kaisers Tiberius, als Pontius Pilatus Statthalter in Judäa war und Herodes Landesfürst von Galiläa und sein Bruder Philippus Landesfürst von Ituräa und der Landschaft Trachonitis und Lysanias Landesfürst von Abilene, als Hannas und Kaiphas Hohepriester waren, endlich ein Wort Gottes zu Johannes geschah. Wie wir uns das vorzustellen haben, bleibt uns überlassen. Hörte er eine Stimme mit seinen Ohren? Bekam er Besuch von Gabriel, wie sein Vater damals? Wir wissen es nicht.

Aber jetzt verließ er seine Einöde und kam in die ganze Gegend um den Jordan und predigte die Taufe der Buße zur Vergebung der Sünden. Natürlich kannte er – sein Vater war immerhin Priester gewesen – die Reden des Propheten Jesaja. Dort hieß es: »Es ist eine Stimme eines Predigers in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn und macht seine Steige eben! Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden; und was krumm ist, soll gerade werden, und was uneben ist, soll ebener Weg werden. Und alle Menschen werden den Heiland Gottes sehen.«

Nun konnte man das nicht wörtlich nehmen, denn wenn die Täler erhöht werden und die Erhebungen erniedrigt, dann bleibt ja nur eine flache Ebene übrig, und niemand in Judäa hatte ernsthaft die Absicht, die Landschaft einzuebnen. Auch die krummen Wege hatten ihren Zweck, denn wenn das Ziel um die Ecke liegt, führt ein gerader Weg daran vorbei. Das ganze war als geistliche Metapher zu begreifen.

Mit drastischen Worten sprach Johannes zu der Menge, die hinausging, um sich von ihm taufen zu lassen: »Ihr Schlangenbrut, wer hat denn euch gewiss gemacht, dass ihr dem künftigen Zorn entrinnen werdet? Seht zu, bringt rechtschaffene Früchte der Buße; und nehmt euch nicht vor zu sagen: Wir haben Abraham zum Vater. Denn ich sage euch: Gott kann dem Abraham aus diesen Steinen Kinder erwecken. Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt; jeder Baum, der nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen.«

Für das Volk war das eine ziemlich herausfordernde Rede. Immerhin hatte Abraham einen Bund mit Gott geschlossen, und zwar einen ewigen Bund. Darauf konnte man sich verlassen, meinten die Zuhörer, denn schließlich waren sie Abrahams Kinder. Sie waren doch das auserwählte Volk? Nichts anderes hatten sie und ihre Vorfahren seit Jahrhunderten gehört und geglaubt. Und nun tauchte ein ziemlich verwilderter Prediger auf, der nicht einmal Priester war, um ihnen diese Gewissheit, dass Gott sie auf jeden Fall in seine Arme schließen würde, zu erschüttern und zu rauben. Das hätte eigentlich zu erheblichem Widerspruch und Widerstand führen müssen. Seine Bußpredigten sollten auch nicht ohne bittere Folgen für Johannes bleiben, aber in jenen Wochen und Monaten reagierten seine Zuhörer nicht feindselig, sondern betroffen und Rat suchend.

Die Menge fragte ihn: »Was sollen wir denn tun?«

Armut gab es reichlich...Johannes antwortete, indem er sie daran erinnerte, dass Gott an ihrer Einstellung dem Mitmenschen gegenüber mehr interessiert war als an ihrer Abstammung von Abraham: »Wer zwei Hemden hat, der gebe dem, der keines hat; und wer zu essen hat, tue ebenso.«

Das Gebot der Nächstenliebe, der Barmherzigkeit war nichts neues, sondern es stand schon seit Jahrhunderten in den heiligen Schriftrollen. Aber Armut gab es reichlich, offensichtlich wurde weithin ignoriert, dass Gott seinem Volk Regeln gegeben hatte, damit niemand in extremer Armut leben musste.

Die Römer hatten als Besatzer des Landes unter anderem Zöllner, heute und hier würden wir von Zollbeamten sprechen, eingesetzt. Diese Handlanger waren beim Volk nicht beliebt, mit gutem Grund, denn so gut wie alle wirtschafteten kräftig in die eigene Tasche. Und nun kamen auch die Zöllner zu Johannes, um sich taufen zu lassen. Auch sie wollten wissen, was er ihnen raten konnte: »Meister, was sollen denn wir tun?«

Die Antwort war eigentlich vorhersehbar: »Fordert nicht mehr, als euch vorgeschrieben ist!«

Vielleicht hatten manche in den Volksmengen gehofft, dass Johannes den Zöllnern auftragen würde, ihren Dienst zu verlassen, aber er dachte gar nicht daran, einen Aufstand gegen Rom anzuzetteln.

Auch Soldaten kamen, um sich taufen zu lassen. »Was sollen denn wir tun?«

Ähnlich wie die Zöllner waren die Soldaten nicht sonderlich angesehen im Volk. Sie dienten erstens einer fremden Macht, denn sie standen unter dem Befehl der Römer, und zweitens erpressten sie gerne Schutzgelder, bereicherten sich wo es nur ging, denn sie hielten sich – und waren es ja auch – für ziemlich unangreifbar.

Johannes antwortete: »Tut niemandem Gewalt oder Unrecht an und begnügt euch mit eurem Sold!«

Wir erinnern uns: Es hatte sich nach seiner Beschneidung weit herumgesprochen, dass Johannes kein Mensch wie alle anderen war, dass ihm etwas Besonderes, etwas Gottgegebenes anhaftete. Inzwischen waren viele Jahre ins Land gezogen, aber vergessen waren die Umstände seiner Geburt und die Worte seines Vaters über Johannes nicht.

Das Volk wartete auf einen Erlöser, einen Messias, der die Besatzung durch die Römer beenden und das jüdische Könighaus des David wieder aufrichten würde. Nun trat Johannes, um dessen Geburt und Beschneidung solch ungewöhnliche Geschehnisse erzählt wurden, auf. Er kam mit einer ziemlich unerhörten und aufsehenerregenden Botschaft. Die Menschen waren voll Erwartung und alle dachten in ihren Herzen von ihm, ob er vielleicht der Christus, der versprochene Erlöser, wäre, zumal er den Propheten Jesaja, der einiges über den Christus gesagt hatte, häufig zitierte.

Aber Johannes wies das von sich. Er erklärte öffentlich: »Ich taufe euch mit Wasser; es kommt aber einer, der ist stärker als ich, und ich bin nicht wert, dass ich ihm die Riemen seiner Schuhe löse; der wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen. In seiner Hand ist die Worfschaufel, und er wird seine Tenne fegen und wird den Weizen in seine Scheune sammeln, die Spreu aber wird er mit unauslöschlichem Feuer verbrennen.«

Die Worfschaufel muss man heutzutage erklären, wenn man diese Geschichte erzählt. Dieses Gerät kennt keiner mehr, außer vielleicht aus einem landwirtschaftlichen Museum. Mit einer Worfschaufel, einer Art Schippe mit flachem Blatt aus Holz oder Metall, wurde das ausgedroschene Getreide gegen den Wind in die Höhe geworfen und dadurch von der Spreu gereinigt. Die Spreu flog im Wind davon, das Getreide fiel zu Boden. Mit seiner Metapher sagte also Johannes, dass jemand nach ihm kommen würde, der das Wertvolle im Volk vom Wertlosen im Volk trennen würde, die einen würde er bei sich behalten, die anderen vernichten. Und dann, das erwarteten das Volk und der Täufer, würde die Königsherrschaft wieder installiert, die Feinde aus dem Land vertrieben und endlich alles so sein, wie Gott es versprochen hatte in den uralten Prophetenrollen.

Johannes predigte dauernd Buße und Umkehr, er ermahnte das Volk und verkündigte ihm das Heil durch Umkehr und Änderung des Lebenswandels. Gott sei nicht an der Abstammung von Abraham interessiert, sondern daran, ob jeder einzelne Mensch Recht oder Unrecht tut, das war der Kern seiner Lehre. »Wer zwei Hemden hat, der gebe dem, der keines hat; und wer zu essen hat, tue ebenso. … Fordert nicht mehr, als euch vorgeschrieben ist! … Tut niemandem Gewalt oder Unrecht und lasst euch genügen an eurem Sold!« Er nannte Unrecht beim Namen und scheute auch nicht davor zurück, öffentlich den Landesfürst Herodes zu kritisieren.

Dieser Mann regierte nicht souverän; natürlich hatten die Römer das Sagen. Er genoss aber seinen Status und seine begrenzte Macht und fand auch nichts dabei, mit der Frau seines Bruders ein erotisches Verhältnis zu pflegen. Deswegen und wegen alles Bösen, das er sonst noch getan hatte, wurde er von Johannes gescholten. Herodes zögerte nicht lange, er warf Johannes ins Gefängnis.

Dort sollten ihn bald Zweifel beschleichen an der Person des Messias, ganz erhebliche Zweifel sogar.

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Fortsetzung folgt

1 Kommentar:

juppi hat gesagt…

Das gebot der Nächstenliebe

...solltest Du groß schreiben...