Dienstag, 15. März 2011

Brian McLaren: A New Kind of Christian

Gutes Buch, sehr gutes Buch. Daniel Poole, ein so gut wie ausgebrannter Pastor, spielt mit dem Gedanken, seinen Beruf aufzugeben und Lehrer zu werden. Er spricht, als sich die Gelegenheit bietet, Dr. Oliver an, der Naturwissenschaften unterrichtet, um ein paar Details bezüglich der Anstellung, Bezahlung, der praktischen Arbeit zu klären. »Science is a piece of cake compared to what you do«, meint dieser und eine lebensverändernde Freundschaft beginnt.

Dan, der Pastor und Leo, der Naturwissenschaftler fangen an, sich auszutauschen über Gott und die Welt. Nach und nach wächst das Vertrauen, auch sehr persönliche Fragen werden angesprochen, und Dan entdeckt mit Leos Hilfe die Gründe seiner Frustration, Entmutigung und Erschöpfung im Beruf als Pastor – und er findet einen Weg aus der Sinn- und Glaubenskrise.

Die spannend erzählte Fabel von Brian McLaren öffnet den Blick auf Möglichkeiten, Christsein neu und anders zu leben als im vorigen Jahrhundert üblich und verbreitet: die Beziehung zu Gott wird wichtiger als kirchliche Strukturen, der Glaube ist eher ein Lebensstil als ein Gerüst aus Regeln und Verboten, echte Nächstenliebe und Hinwendung zu den Menschen ringsum zählt mehr als das Bewahren der »reinen Lehre«, eine Wanderung mit einem Freund kann richtiger und »christlicher« sein als der Besuch eines Gottesdienstes.

Ein solches Buch kann nicht ohne Widerspruch bleiben. Der »Schweizerische Bund aktiver Protestanten«, verlautbarte: »Dieses Buch zeigt ihn (McLaren) als einen gefährlichen Verführer, der mit allen Mitteln der Rhetorik ungefestigte Menschen vom biblischen Glauben weglockt. … A New Kind of Christian ist eine raffinierte Anleitung zum Abfall vom wahren, biblischen Glauben.«

Aha. So so. Hört hört. Was der »biblische Glaube« sein soll, wird nicht erläutert, aber offensichtlich gerät der in Gefahr, wenn jemand dieses Buch in die Hand nimmt.

Ich habe das Buch mit Begeisterung gelesen, mit nicht nachlassender Spannung den Dialog zwischen Leo und Dan verfolgt und eine ganze Menge des Gelesenen als glaubensstärkend empfunden. Aber vermutlich bin ich längst von dem Glauben abgefallen, den sie Schweizer Freunde so gefährdet sehen: Ich habe kein Problem damit, die Evolution als Gottes geniale Schöpfungsidee zu sehen. Ich setze mich auch mit homosexuellen Menschen an einen Tisch, ohne die Absicht zu haben, ihnen das Höllenfeuer um die Ohren zu schlagen. Ob meine Freunde Atheisten, Moslems, Buddhisten oder Christen sind, ändert nichts an meiner Wertschätzung.

McLarens Buch ist sicher nichts für Menschen, denen in ihren (katholischen, evangelischen, charismatischen, evangelikalen oder sonstigen) Glaubensstrukturen und –traditionen rundum wohl zumute ist. Es ist keine geeignete Lektüre für Christen, die sich im exklusiven Club mit ihresgleichen so kuschelig fühlen, dass die Welt um sie herum ruhig sein und bleiben kann, wie sie ist, solange man selbst immer mehr Segen, Gesundheit, Wohlstand, Salbung und wasnochalles bekommen kann. Solche Leser würden in den Schweizer Chor einstimmen und den gefährlichen Verführer, der dieses Buch geschrieben hat, an den Pranger stellen oder – falls möglich – an ein Kreuz nageln.

Christen, denen unwohl dabei ist, dass ihr Leben und ihr Glauben nicht so recht miteinander harmonieren, denen auffällt, dass das Gelehrte oft von Erlebten abweicht, dass ringsum Not herrscht, die niemand lindern will … solche Menschen werden dieses Buch nicht ohne Gewinn lesen. Nicht alles, was McLaren schreibt, wird auf Zustimmung stoßen, so ging es mir zumindest, aber das muss ja auch nicht sein. Manches ist auch »typisch amerikanisch« und mit unserer Gesellschaft nur bedingt vergleichbar. Man darf und soll dieses Buch durchaus kritisch lesen – A New Kind of Christian ist kein neuer Katechismus, den man abzuarbeiten hätte, um das ewige Leben nicht zu verspielen.

Auch wer nicht gläubig ist, könnte dieses Buch mit Interesse und Begeisterung lesen, fast möchte ich sagen sollte es lesen. Ich kenne Menschen, die durchaus Interesse am Christentum haben, aber auf gar keinen Fall jemals so werden wollen, wie dieser oder jener »bibeltreue« Christ, den sie kennen gelernt oder gehört oder gesehen haben. Wer weiß, ob Menschen, die mit gutem Grund einen Bogen um alles Fromme machen, jemals jemanden wie Leo und Dan treffen werden – dieses Buch könnte das abschreckende Bild des Christseins etwas relativieren helfen.

Mein Fazit: Sehr empfehlenswert, A New Kind of Christian ist eines der Bücher, die ich bis zur letzten Seite nicht aus der Hand legen wollte, wann immer ich Gelegenheit zum Lesen fand. Ein Buch, das zum Nach- und Weiterdenken anstachelt.

.

Kommentare:

Kerstin hat gesagt…

Moin Günter,
würdst du dich auf ne Fernleihe einlassen? ;)

Günter J. Matthia hat gesagt…

Moin!
Gerne - allerdings würde die beste aller Ehefrauen das Buch noch lesen wollen. Kämest du im Mai nach Berlin? Bis dahin wäre es sicher ausgelesen.
1 Gruß!
Günter

Thomas hat gesagt…

Hallo Günter,
jetzt habe ich in deinem Beitrag einiges über die Kritiker, über dich und über diejenigen die das Buch (nicht) lesen sollen, gelesen. Aber doch recht wenig zum Buch selber, was mich viel mehr interessiert hätte ;)

Gruß Thomas

Günter J. Matthia hat gesagt…

Hallo Thomas,
du hast so Unrecht nicht. Als ich das gepostet hatte, fiel mir genau dieser Umstand auf (nur die ersten beiden Absätze haben mit dem Inhalt zu tun) und ich war versucht, den Text noch zu ergänzen - habe es dann aber doch beim hier vorliegenden Umfang belassen.
Womöglich ein Fauxpas?
Grüße, Günter