Donnerstag, 29. September 2011

Zweifel

Man hat uns – nein, das wäre verallgemeinernd – man hat mir das Zweifeln schlechtgeredet. Schon als Kind, aber auch später noch. So lange, bis Zweifel automatisch Gewissensbisse auszulösen in der Lage waren. Sich davon wieder zu lösen, das Zweifeln schätzen zu lernen, ist so einfach nicht und auch nicht überall und jederzeit angebracht.

Als kleiner Junge zweifelte ich an der Ernsthaftigkeit mütterlicher Warnungen bezüglich Kerzenflammen, bis ich mir die Finger verbrannt hatte. Ich zweifelte auch daran, dass ein »Christkind«, auf unerforschliche Weise mit Paketen beladen durch Wände oder Decken gleitend, für die weihnachtliche Bescherung zuständig war.

Die Zweifel an der Mär vom Christkind waren berechtigt, die Zweifel bezüglich der brennenden Kerzen nicht.

Mit dem Wissen wächst der Zweifel.–Goethe

Kustaktion in Berlin 2005Es gibt manches im Leben, was nicht bezweifelt werden muss, da handfeste Tatsachen den Sachverhalt belegen. Das braucht nicht selbst ausprobiert werden, da reicht der Verstand. Ich muss nicht daran zweifeln, dass ein Sprung aus mehreren Metern Höhe gesundheitliche Risiken mit sich bringt. Unzweifelhaft ist mir auch, dass die Fähigkeit, ein Fahrzeug sicher zu führen, mit zunehmendem Genuss alkoholischer Getränke abnimmt.

Jedoch: Solange ich Zweifel hege, ob das Urteil eines anderen Menschen über einen bestimmten Sachverhalt oder eine Person wirklich zutreffend ist, behalte ich die Möglichkeit, zu einem eigenen Schluss zu kommen – und dann gegebenenfalls mein eigenes Urteil wieder anzuzweifeln, sobald es Anlass dazu gibt.

Ohne Zweifel gäbe es kaum nennenswerte Entdeckungen. Wenn mich jemand, vorausgesetzt ich hätte vor mehreren Jahrhunderten gelebt, belehrt hätte, die Erde sei eine Scheibe, über deren Rand man zu fallen droht, wenn man zu weit hinaussegelt, dann wäre es nicht verkehrt gewesen, das Schiff mit gebotener Vorsicht dem Horizont entgegen zu steuern und zu überprüfen, ob es sich wirklich so verhält. Ist die Welt erst einmal umrundet, dann können andere von den Erfahrungen profitieren.

Voraussetzung für das Abenteuer ist, dass ich den Abgrund am Ende der Erdenscheibe bezweifle und Zeichen der Vernunft ist es, wenn ich die Reise mit Vorsicht unternehme.

Zweifel ist etwas anderes als Ablehnung, denn Zweifel lässt immer auch die Optionen offen, von denen man – einstweilen zumindest – noch nicht so recht überzeugt sein kann.

In den Fällen, in denen etwas verifizierbar ist, zum Beispiel die Unverträglichkeit einer Kerzenflamme mit menschlicher Haut, wird schließlich der Zweifel beseitigt.

Die Vernunft trägt dazu bei, dass ich nicht alles selbst ausprobieren muss. Einem Kind fehlt diese Vernunft noch, beim Erwachsenen sollte sie eigentlich in ausreichendem Maße zur Verfügung stehen.

Dem Kind wird erzählt, dass die Babys vom Storch herbeigeflogen werden, sogar in der Mercedes-Werbung im Fernsehen ist das ja zu sehen. Doch irgendwann werden Zweifel entstehen ... da ist ein dicker Bauch gewesen, nun ist er wieder dünn und ein Baby ist da ... merkwürdige Zufälle gibt es ... – das Erlebte führt das Kind, wenn es die elterlichen Worte bezweifelt, zu neuer Erkenntnis.

Der sprichwörtlich gewordene Zweifler Thomas nahm die Berichte seiner Freunde, der hingerichtete und begrabene Meister sei auferstanden, nicht für bare Münze. Er wollte sich schon lieber selbst davon überzeugen. Als Jesus dann in den Raum trat gab es keine Vorwürfe, sondern die Aufforderung: Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände … und Thomas war zufrieden. Er konnte fortan mit wirklicher, tiefer Überzeugung von der Auferstehung erzählen. Sein Zweifel hatte ihn zum Glauben geführt. Jesus lobte bei dieser Gelegenheit zwar diejenigen, die nicht sehen und dennoch glauben, aber er kam dem Zweifelnden doch persönlich entgegen, um ihn zu überzeugen.

Wer Recht erkennen will, muss zuvor in richtiger Weise gezweifelt haben.  -Aristoteles

Zweifel kann nicht nur zur Gewissheit und neuen Erkenntnissen führen. Er kann gleichzeitig vor törichten Ansichten bewahren. In unserer Gesellschaft ist der Zweifel längst von seinem mittelalterlichen Makel befreit. »Im Zweifel für den Angeklagten«, gilt in unserem Rechtssystem. Moralische Werturteile werden bezweifelt und gegebenenfalls revidiert, niemand muss heute mehr seine homosexuelle Veranlagung verheimlichen, Frauen dürfen selbstverständlich berufstätig mit gleichen Chancen wie die Männer sein … manche Zeitgenossen bedauern das, andere finden es gut. Grundlage aller Veränderung ist jedoch der Zweifel: Gehört eine Frau wirklich ausschließlich an den heimischen Herd? Ist die Erde wirklich eine Scheibe?

Dennoch ist der Zweifel, vor allem in frommen Kreisen, verpönt. Das Zweifelverbot dient häufig dem Selbstschutz der organisierten Religion, denn wenn deren Strukturen und Hierarchien zum Gegenstand des Zweifels würden, dann wäre – das wissen die Amtsinhaber – ein Ende ihrer Herrschaft über andere Menschen, ihrer hochgehobene Stellung, nicht auszuschließen. Die »normalen« Gläubigen sollen das Gepredigte glauben, ohne es zu hinterfragen. So bleiben sie abhängig von ihren »Hirten«.

Einer der größten Zweifler in der Geschichte des Christentums war Martin Luther, seine Zweifel am Wahrheitsgehalt dessen, was die Kirche verkündete, brachten ihn zu der Überzeugung, dass es gut sei, die Bibel dem Volk zugänglich zu machen, damit sich jeder selbst davon überzeugen kann, ob ihm Unsinn vorgesetzt wird oder nicht.

Dass Luther selbst auch so manchen Unsinn verbreitet hat, sei ihm – wie allen Menschen – nachgesehen, denn wer von uns wäre fehlerfrei?

Manche Zweifel bleiben übrigens bestehen, finden keine Auflösung. Gerade der Glaube gehört zu den Bereichen in unserem Leben, bei denen weder Vernunft noch Erfahrung Zweifel zu beseitigen vermögen, weil sie hierfür untauglich sind. Im deutschen Bundestag hielt der Papst kürzlich eine hochinteressante Rede, in der er auch dieses Thema streifte. Er sagte: »Was nicht verifizierbar oder falsifizierbar ist, gehört … nicht in den Bereich der Vernunft im strengen Sinn. Deshalb müssen Ethos und Religion dem Raum des Subjektiven zugewiesen werden und fallen aus dem Bereich der Vernunft im strengen Sinn des Wortes heraus.«

Nicht verifizierbar und nicht falsifizierbar ist in weiten Teilen unser Verhältnis zu Gott, welche Bezeichnungen wir auch immer für ihn wählen mögen.

Dass der Glaube ins Subjektive gehören könnte, stört naturgemäß gerade diejenigen, die im Auftrag Gottes zu handeln und zu reden meinen und ihr Selbstwertgefühl darauf gründen, wie groß oder klein ihre »Gemeinde«, ihre »Kirche«, ihr »Glaubenswerk« oder ihr »Tempel« ist.

Zweifel an dem, was die »geistliche Obrigkeit« lehrt oder tut, wird auch heute noch, vor allem in einigen charismatisch-evangelikalen und in fundamental-islamischen Kreisen, nicht gestattet, wird mit Auflehnung gegen den Allmächtigen gleichgesetzt und flugs steht der zweifelnde Mensch, wenn er nicht klein beigibt, draußen vor der Tür.

Wohlgemerkt: Das gilt nicht überall. Es gibt gottlob auch Geistliche (aller Religionen), die erstens zugeben, nicht alles zu wissen und zu kennen und zweitens dem fruchtbaren Gespräch, auch wenn es konträre Meinungen gibt, gerne Raum geben.

Glaube denen, die die Wahrheit suchen, und zweifle an denen, die sie gefunden haben. -André Gide

Vorsicht ist immer dann geboten, wenn jemand keinen Zweifel an seinen Worten zulassen will, sei er nun Imam oder Pastor, Politiker oder Wissenschaftler.

Wenn Zweifel mit Unglaube, mit Rebellion gegen Gott gleichgesetzt wird, wird es gefährlich, denn dann ist, falls der versprochene Erfolg nicht eintritt, sofort klar, wer die Schuld trägt: »Wenn du genug/richtig geglaubt hättest, hätte Gott deine Situation geändert. Meine/unsere Lehre ist auf jeden Fall richtig, du bist selbst Schuld an dem Unglück.«

Wie schnell wirft dann ein Mensch, der von ganzem Herzen geglaubt und vertraut hat, der alles so richtig gemacht hat wie er nur konnte, der jeden Zweifel unterdrückt hat, der dann aber trotz alledem keinen »Erfolg« erlebt hat, in seiner Enttäuschung und seinem Schmerz gleich jeden Glauben an einen Gott in den Mülleimer. Das Resultat des verbannten Zweifels ist Verzweiflung, aber das theologische Lehrgebäude bleibt unerschütterlich stehen.

Die Gefahr liegt jedoch nicht darin, wie oder wer Gott ist, sondern darin, was Menschen über Gott – oder im Auftrag Gottes – zu sagen haben.

Selbst der meist auf den Glauben ohne Beweise pochende Apostel Paulus empfahl der Gemeinde in Korinth nachdrücklich, die Worte der Propheten erst einmal zu bezweifeln und sie einer gründlichen Prüfung zu unterziehen. Dabei sollte dann zwischen »echt« und »unsinnig« sortiert werden – was noch lange keine Kritik an den Propheten an und für sich bedeutete. Paulus wusste einfach um die Tatsache, dass auch ein Mensch mit prophetischer Begabung daneben liegen kann.

Natürlich können wir uns auch beim prüfen, beim Behalten oder Verwerfen, irren. Paulus verwarf, wie wir aus dem Bericht des Lukas in der Apostelgeschichte wissen, die Warnung einer Gruppe von Propheten, die ihm im Falle der Reise nach Rom Unheil voraussagten. Das Unheil in Form von Gefangenschaft ließ dann nicht auf sich warten. Womöglich hätte der Apostel noch viele Gemeinden gründen können, wenn er die warnenden Worte angenommen hätte.

Ich habe, nicht zuletzt aufgrund bitterer Erfahrungen, gelernt, den Zweifel auch im Bereich des Glaubens, bei Dingen, die nicht verifizierbar oder falsifizierbar sind, zu schätzen. Das versetzt mich in die Lage, nicht alles wissen und verstehen zu müssen, Postulate hinterfragen zu dürfen, Dingen auf den Grund zu gehen, soweit mir das möglich ist.

Denkverbote lasse ich nicht mehr gelten, was mir vorgedacht wird, denke ich lieber nach.

Zweifel und Glauben – ich meine, dass sie einander keineswegs ausschließen müssen, sondern eine gesunde Ergänzung darstellen können. Niemand muss (oder sollte) seinen Verstand ausschalten, seine Vernunft aufgeben, wenn es um »geistliche« Dinge geht.

Im Gegenteil.

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Kommentare:

Frau Vorgarten hat gesagt…

ist das auf dem Foto der Palast der Republik?
Das heißt, war ers?

Christian Beese hat gesagt…

Früher war ich Agnostiker, heute bin ich mir da nicht mehr so sicher.

Christian Beese hat gesagt…

p.s.
Nun, bei aller Sympathie für den Zweifel, der offenbar im Augenblick Konjunktur hat, ist es ein großer Unterschied, ob man, wie Luther, fragwürdige Theologien der machthabenden Kirche anzweifelt, oder Gottes Existenz, ohne die das Universum und wir selbst vernünftig gar nicht denkbar sind.
Wäre ein solcher Zweifel berechtigt, würde das der Klarheit der Offenbarung widersprechen und folglich Gottes Anspruch an uns dezimieren.
„Denn was man von Gott weiß, ist ihnen offenbar; denn Gott hat es ihnen offenbart, damit dass Gottes unsichtbares Wesen, das ist seine ewige Kraft und Gottheit, wird ersehen, so man des wahrnimmt, an den Werken, nämlich an der Schöpfung der Welt; also dass sie keine Entschuldigung haben, dieweil sie wussten, dass ein Gott ist, und haben ihn nicht gepriesen als einen Gott noch ihm gedankt, sondern sind in ihrem Dichten eitel geworden, und ihr unverständiges Herz ist verfinstert.“

Günter J. Matthia hat gesagt…

Frau Vorgarten, jawohl, das war der Palast der zweifellos untergegangenen Republik.

Christian, ich hoffe doch, dass es deutlich zwischen den Zeilen und in den Zeilen steht, dass ich an der Existenz Gottes zu zweifeln für eher töricht halte?

Christian Beese hat gesagt…

Klar, aber ich habe schon öfter (besonders damals, als die Atheistenbusse unterwegs waren) den apologetischen Ansatz gehört: "Vermutlich (oder wahrscheinlich), nach Abwägung alles Für und Wider, gibt es Gott."
Ein "Gott", den es wahrscheinlich gibt und den wir aufgrund einer Art neutraler Logik nachweisen können, ist bestenfalls ein endlicher Gott, aber auf alle Fälle nicht der Gott der Bibel. Nicht, dass Gottesbeweise auf Grund von Logik und Vernunft keinen Wert besäßen, doch es gibt nun mal keine neutrale, bei Christen wie Nichtchristen verbindliche Logik. Fordere ich den Nichtchristen auf, aufgrund seiner selbsterwählten Prämissen die Vernünftigkeit des Evangeliums zu beurteilen, fordere ich ihn damit auf, es abzulehnen.

Günter J. Matthia hat gesagt…

Aber gerade dein Zitat "...so man des wahrnimmt, an den Werken, nämlich an der Schöpfung der Welt; also dass sie keine Entschuldigung haben, dieweil sie wussten, dass ein Gott ist..." verweist ja, pikanter Weise aus der Bibel entnommen, auf einen Glauben an Gott, der nicht der biblische ist.
Was nun?

Christian Beese hat gesagt…

Das Argument in Römer 1,18-23 läuft doch so:
Da die Menschen nach Gottes Ebenbild erschaffen sind und alle Schöpfung, sämtliche Fakten des Universums, sowie die Gedanken und das Gewissen des Menschen den Schöpfer offenbaren, haben die Menschen keine Entschuldigung, wenn sie „die Wahrheit in Ungerechtigkeit aufhalten“ und „die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes in ein Bild gleich dem vergänglichen Menschen und der Vögel und der vierfüßigen und der kriechenden Tiere“ verwandeln. Es ist also der „wahre, unvergängliche Gott“, nicht nur „ein Gott“, den sie erkennen müssten, weil die Offenbarung so deutlich und offensichtlich ist. Da sie aber die Finsternis mehr lieben als das Licht, leugnen sie diese klare Offenbarung in Ungerechtigkeit.
Menschen glauben nur zu gern an „einen Gott“, den sie sich irgendwie zurechtbasteln, um sich von diesem „Gott“ von ihrer Verpflichtung gegenüber dem Schöpfer entbinden zu lassen.
Selbst Aristoteles glaubte ja an einen „unbewegten Beweger“, der aber nach der Analogie des Seins nur graduell vom Menschen unterschiedlich war, und Kant ließ einen Gott als Prinzip gelten, solange dieser bitteschön nicht den Geltungsbereich der praktischen Vernunft verließ und nicht von der theoretischen Vernunft fassbar war.

Christian Beese hat gesagt…

p.s.
Da Selbsterkenntnis und Gotteserkenntnis laut Paulus so eng miteinander verknüpft sind, beginnt Calvin die Institutio mit den Worten:
"All unsere Weisheit, sofern sie wirklich den Namen Weisheit verdient und wahr und zuverlässig ist, umfasst im Grunde eigentlich zweierlei: die Erkenntnis Gottes und unsere Selbsterkenntnis. Diese beiden aber hängen vielfältig zusammen, und darum ist es nun doch nicht so einfach zu sagen, welche denn an erster Stelle steht und die andere aus sich heraus bewirkt.
Es kann nämlich ... kein Mensch sich selbst betrachten, ohne sogleich seine Sinne darauf zu richten, Gott anzuschauen, in dem er doch „lebt und webt“ (Apg. 17,28)."