Dienstag, 4. September 2007

Sprachlos

Gut Ding, sagt der Volksmund dem Vernehmen nach, will Weile haben. Das gilt auch oder sogar vor allem für Fragmente wie dieses und dieses.
Da die Geschichte, deren Fortsetzung wiederholt angemahnt wurde, wirklich noch nicht geschrieben ist, sind Leser wie Autor jener Muse ausgeliefert, die gelegentlich recht launisch ist. Ich kann beim besten Willen nicht sagen, wann es weiter geht. Wie es weiter geht? Na ja, weder mit Gewitter noch mit Erdbeben, so viel sei verraten.

Über jene Muse, die neben akuter Zeitnot der Fortsetzung des Fragmentes wegen Abwesenheit beziehungsweise Kussunwilligkeit hinderlich ist, habe ich im folgenden Text vor ziemlich genau zwei Jahren gemutmaßt. Es handelt sich um eine Vorversion eines Textes, der - später überarbeitet - im Buch Gänsehaut und Übelkeit den Abschluss bildet. Wer es noch nicht hat, das Buch, der darf es flugs bestellen. Das Buch nicht bestellen sollten Zeitgenossen, die entweder Krimis nicht mögen oder nicht lesen wollen, wie Berlin nach dem Giftgas aussieht (und riecht) oder überhaupt nur Erbauungslektüre mögen.

Die Finger bewegten sich nur Zentimeter über der Tastatur, doch fanden sie kein Ziel. Es mangelte an Befehlen vom Gehirn, weil dem Gehirn Worte mangelten, die niederzuschreiben sich gelohnt hätte. Satzfetzen, Bruchstücke von Gedanken, Handlungsfäden, die richtungslos waren, literarische Sackgassen von erstaunlich kurzen Dimensionen waren alles, was der Autor finden konnte. Er wollte schreiben, aber er wusste nicht worüber.
Dies war in der Vergangenheit keine Hürde gewesen, die er als unüberwindlich empfunden hätte. Oft entstanden seine Geschichten aus einem einzigen Satz - entwickelten sich beim Schreiben. So waren Erzählungen entstanden, deren Verlauf und Ende ihn selbst überrascht hatten, engen Freunden sagte er dann oft, die Geschichte hätte "sich selbst geschrieben". Anderen Texten waren Überlegungen und Planungen vorausgegangen. Das Beunruhigende war jetzt, dass er zum ersten Mal, seit er zurückdenken konnte, weder einen Anfang fand noch irgendeine Vorstellung hatte, worüber er schreiben wollte.
Er sann über gelesene erste Sätze nach. The man in black fled across the desert... - hervorragend, aber nicht geeignet, denn gedanklich konnte er nichts an diese oder eine andere Flucht anschließen. Gustav Aschenbach oder von Aschenbach, wie seit seinem fünfzigsten Geburtstag amtlich sein Name lautete, hatte an einem Frühlingsnachmittag... auch keine Hilfe, denn wenn man nichts zu schreiben weiß, hat man keinen Namen, der am Anfang des Manuskriptes stehen kann. Jeden Morgen, wenn er das Funkhaus betreten hatte, unterzog sich Murke einer existentiellen Turnübung: er sprang in den Paternosteraufzug... doch woher einen Schauplatz wie das Funkhaus nehmen? Fest gemauert in der Erden steht die Form aus Lehm gebrannt... noch eine Sackgasse, aus der nur der Rückzug blieb.
Nichts wollte aus ihm heraus. Er war ein wortloser Autor. Er war ein sprachloser Schriftsteller. Der Begriff Schreibblockade tauchte mit zunehmender Häufigkeit in seinen Überlegungen auf. Er wies ihn zurück, verlachte ihn, zollte ihm keinerlei Respekt, doch ohne den gewünschten Erfolg. Aus Minuten wurden Viertelstunden, aus Viertelstunden ein schier endloser Vormittag. Schreibblockade. Schreibblockade. Du hast eine Schreibblockade.
Zum Trotz begann er, Sätze zu formen. Wie froh bin ich, dass ich hier bin! Schlimmster Feind, was ist das Herz des Menschen! Dich zu treffen, den ich so hasse... er hielt inne. Es war sinnlos, Goethe ins Gegenteil zu verkehren. Daraus würde nie eine Erzählung, die des Erzählens wert gewesen wäre. Schreibblocklade!
Die Frau im blauen Kleid floh über den Alexanderplatz und der Mechaniker folgte... mit Entsetzen betrachtete er dieses jämmerliche Plagiat und drückte erneut die Löschtaste. Schreibblockade. Du hast eine Schreibblockade.
Ich habe eine Schreibblockade. Er betrachtete den Satz und fand Gefallen an den vier Worten. Daher schreibe ich unter Nachkriegsbedingungen, leide Mangel an lebensnotwendiger Buchstabennahrung und unverzichtbarer Kapitelkleidung. Und doch werde ich überleben. Die Westmächte werden mir zu Hilfe eilen, mit Wortrosinenbombern und Satzüberlebensrationen.
Die Stirn gerunzelt las er die Zeilen, schüttelte den Kopf und schickte auch diesen Text ins unersättliche Datengrab. Die Westmächte nahmen ihn so wenig zur Kenntnis wie jene sprichwörtliche Muse, der er nie begegnet war, geschweige denn, dass er ihren Kuss auf den Lippen gespürt hätte. Oder küsste die Muse eher auf die Wange? Homer hatte eine Dreiheit von Musen gekannt, Hesiod sprach gar von neun verschiedenen Schutzgöttinnen der Künste. Mindestens drei von ihnen konnten einem Dichter zur notwendigen Inspiration verhelfen; vielleicht sollte er versuchen, Erato auf sich aufmerksam zu machen? Die Muse der Liebesdichtung ... Liebesdichtung? Erdichtete Liebe oder Dichtung über die Liebe? Und welche Liebe? Die verhinderte, die einseitige, die erfüllte, die schal gewordene, die unersättliche, die hoffnungsvolle? Wie wählte man die Liebe aus, die zu beschreiben sich lohnte?
Vielleicht konnte der weise König Salomo ihn inspirieren, ihm wenigstens einen Anfang, ein paar erste Sätze schenken? Er nahm die Bibel aus dem Regal und blätterte, bis er den gesuchten Text fand. Er küsse mich mit Küssen seines Mundes, denn deine Liebe ist köstlicher als Wein. An Duft gar köstlich sind deine Salben; ausgegossenes Salböl ist dein Name. Darum lieben dich die Mädchen ... konnte er die Bibelsprache übersetzen in einen zeitgemäßen Text? Köstlicher als Wein - das war auch heute noch verständlich. Die Sache mit dem Salböl schien schon schwieriger, doch das ausgegossene Salböl mit einem Namen zu verbinden schien ihm bereits unmöglich. Und überhaupt: Wieso stand da "er küsse mich" und im nächsten Halbsatz "deine Liebe"? Er las weiter. Zieh mich dir nach, lass uns eilen! Der König möge mich in seine Gemächer führen! Wir wollen jubeln und uns freuen an dir, wollen deine Liebe preisen mehr als Wein! Mit Recht liebt man dich ...
Erneut diese Verwirrung der Personen. "Der König" soll sie ziehen, aber "deine Liebe" ist des Rühmens wert. Er kapitulierte vor dem König Salomo und seiner Sulamith, vor dieser Liebe, die so geheimnisumwoben über acht Kapitel zu entbrennen schien und doch keine Erfüllung fand, denn schließlich bat die Liebende am Ende: Enteile, mein Geliebter, und tu es der Gazelle gleich oder dem jungen Hirsch auf den Balsambergen!
Er blickte auf die Uhr. Der viele Wein im Hohelied der Liebe brachte ihn auf den Gedanken, dass ein Glas Rotwein seine innere Verkrampfung lockern mochte. Es war 11 Uhr. Alkohol am Vormittag war ihm bisher fremd gewesen. So sollte es, befand er schließlich, auch bleiben.
Er stand auf und verließ sein Arbeitszimmer, stand dann unschlüssig im Flur. Die Küche lockte ihn nicht, er verspürte weder Hunger noch Durst. Im Wohnzimmer lud das Sofa zum entspannten Lesen ein, doch das hatte er schon in den letzten Wochen ausgiebig getan, ohne selbst eine einzige brauchbare Zeile zu schreiben. Musik hören - auch danach war ihm nicht zumute. Der Tag war nicht ungewöhnlich warm, doch fühlte er sich verschwitzt. Er ging schließlich ins Badezimmer und entledigte sich seiner Kleidung. Dann trat er unter die Dusche und überließ sich dem heißen Wasser, genoss das beinahe schmerzliche Brennen auf der Haut. Seinen verkrampften Schultermuskeln verschaffte die Hitze spürbare Erleichterung, tief atmete er die dampfgeschwängerte feuchte Luft. Er griff zum Duschgel und wusch gründlich seinen Körper, während seine Gedanken zurückeilten.
Vor nunmehr über zehn Jahren hatte seine Frau mit der Videokamera anlässlich einer Urlaubsreise das Ferienhaus aufgenommen und war just in dem Moment in das ländlich ausgestaltete Badezimmer gekommen, als er unter der Dusche stand. Sie hatte den Vorhang beiseite gezogen und ließ die Kamera langsam an seinem nassen Körper nach unten gleiten, hielt jedoch inne, bevor das Bild die Region erfassen konnte, die Dritten nicht zu zeigen war. Sie schwenkte die Kamera zurück zu seinem Gesicht und widmete sich dann weiteren Räumen ihres Domizils.
Er lächelte anlässlich der Erinnerung und schloss die Augen, um die Seife aus den Haaren zu spülen. Er verharrte noch einige Augenblicke mit geschlossenen Lidern im heißen Wasserstrahl, bevor er sich abtrocknete und das Fenster öffnete, damit die feuchte Luft entweichen konnte.
Vielleicht konnte er eine Kurzgeschichte über einen Mann in der Dusche schreiben? Eine Figur ersinnen, die wegen der Seife die Augen geschlossen hielt und nicht bemerkte, dass jemand das Badezimmer betreten hatte? Dies eröffnete zahlreiche Möglichkeiten. Von der schönen und liebeswilligen Unbekannten bis zum feindlichen Agenten, der einem Mordauftrag nachzukommen gedachte. Von der Dusche konnte die Erzählung in ein wahlweise modernes oder altertümlich eingerichtetes Schlafzimmer führen, oder nach blutigem Zweikampf die Flucht vor weiteren übel gesonnenen Zeitgenossen schildern. Natürlich konnte auch das Badezimmer der einzige Schauplatz bleiben, auf welchem sich Zärtlichkeit oder Brutalität ereignen würde.
Ohne sich anzukleiden ging er zurück zu seinem Arbeitsplatz und begann, zu schreiben: Der Mann stand mit zusammengekniffenen Augen unter der Dusche. Schaum glitt über seine Schultern am Körper hinab, das Rauschen des Wassers überlagerte das leise Knarzen der Klinke jenseits des Duschvorhangs. Behutsam wurde die Tür geöffnet und mit geräuschlosen Schritten trat eine Gestalt in den Raum. Als der Mann den Luftzug auf der nassen Haut verspürte, wischte er notdürftig den Schaum aus den Augen und blickte in ein fremdes Gesicht. Vor ihm stand
Weiter kam er nicht. Stand da eine Frau oder ein Mann? Jung oder alt? Bedrohlich oder anziehend? Schreibblockade! Du hast eine Schreibblockade.
Vor ihm stand eine junge Frau in einem leichten Sommerkleid, die mit verheißungsvollem Lächeln seine Blöße betrachtete.
Er löschte den Satz. Solch plumpe Formulierungen lagen ihm fern.
Vor ihm stand ein Herr mittleren Alters in einem tadellosen Abendanzug, der eine Pistole auf ihn gerichtet hielt.
Er tilgte auch diesen Satz und gab die Geschichte auf. Er war sprachlos. Wortlos. Satzlos. Inspirationslos. Musenlos.
Ein Spaziergang mochte Ablenkung bringen, so zog er sich schließlich wieder an und verließ ziellos das Haus. Aufmerksam musterte er die Menschen, die ihm begegneten, mochte doch aus einer zufälligen Begegnung eine Geschichte erwachsen, die zu erzählen lohnte. Ein Gesicht möglicherweise, dessen Ausdruck Rückschlüsse auf die erwartungsfrohe Stimmung zuließ, deren Grund Inhalt einer Geschichte sein konnte. Ein ungewöhnliches Bekleidungsstück, dessen Herkunft der Phantasie eine Erforschung gestattete. Ein Paar, dem die Liebe oder der Streit, deren Historie berichtenswert war, von weitem angesehen wurde. Eine einsame Person, deren Verlorenheit in der Welt er literarisch nachforschen konnte. Ein Kind, das Gedanken nachhing, die ungewöhnlich weit über sein Alter hinauswuchsen.
Er ging eine Stunde durch die Straßen, ohne dass auch nur die geringste Beobachtung ihn hätte interessieren oder gar inspirieren können.
Zurück am Schreibtisch öffnete er einige alte Dateien, überfolg sowohl gelungene als auch eher durchschnittliche Texte, die er geschrieben hatte. Doch auch das brachte ihn nicht weiter, führte nicht zu neuen Ideen oder alten Ideen, die er hätte frisch verpacken können. Im Grunde genommen gab es nicht viele Geschichten, es gab nur ein paar, die von vielen Autoren immer wieder in Variationen und mit unterschiedlichen Ausschmückungen erzählt wurden. Diese Handvoll Geschichten war nie langweilig geworden. Sicher gab es missglückte Ansätze und erbärmliche Versuche, peinliche Entgleisungen sowohl inhaltlicher als auch stilistischer Ausprägung. Daneben gab es aber die vielen hervorragenden Beispiele, wie man von der Liebe oder dem Kampf zwischen Gut und Böse berichten konnte, oder von Kombinationen dieser beiden Grundmuster. Eigentlich, überlegte er, gab es nur diese beiden Geschichten. Gut gegen Böse und die Liebe an und für sich - und das, was das Leben oder die Phantasie aus diesen Zutaten zu mischen vermochte.
Die Phantasie jedoch ließ ihn seit Wochen im Stich und das Leben mischte ebenfalls nichts, was er als Stoff für einen Text hätte erkennen können. Dabei warteten, das wusste er, zumindest seine treuen Leserinnen und Leser auf einen neuen Text. Er hatte in der Verlegenheit bereits ein Kapitel aus einem unvollendeten Buch als Auszug veröffentlicht, und dann noch ein Kapitel aus einem früheren Roman nachgeschoben, der inzwischen vergriffen war. Doch das waren Notlösungen, die ihn nicht zufrieden stellen konnten. Er wollte schreiben, aber er fand nur Dürre, wo sonst ein Brunnen der Inspiration gesprudelt hatte.
Er sah erneut auf die Uhr und befand, dass es nun angemessen spät war. Er schlenderte in die Küche, musterte das Weinregal und entkorkte schließlich eine Flasche französischen Rotwein, schenkte sich ein Glas ein und trank einen Schluck.
Dann ging er mit Glas und Flasche zurück zum Computer, öffnete entschlossen ein leeres Dokument und begann zu schreiben:
Die Finger bewegten sich nur Zentimeter über der Tastatur, doch fanden sie kein Ziel. Es mangelte an Befehlen vom Gehirn, weil dem Gehirn Worte mangelten, die niederzuschreiben sich gelohnt hätte...

Montag, 3. September 2007

Begrenzungen

Begrenzung 1: Die Zahl der möglichen Besucher beim Hillsong United-Konzert in Berlin. Wer noch kein Ticket für den 13. September hat, aber kommen möchte, sollte ein wenig Eile walten lassen, denn von den Sitzplätzen sind nur noch (Stand gestern) 28 Stück zu haben, von den Stehplätzen nur noch etwa 400. Hier geht's zu Informationen und Bestellmöglichkeiten: Hillsong United in Berlin

Begrenzung 2: Die Deutschkenntnisse der Verantwortlichen eines aus Höflichkeit hier nicht genannten Verlages für ein Buch, mit dem schon die kleinsten Kinder Deutsch lernen sollen.
Das könnte natürlich auch ein Test für die Eltern sein, ob sie beim Vorlesen den absichtlichen Fehler einfach übernehmen oder korrigieren. In dem Buch ist in diesem Fall ein Chip eingebaut, der das Vorlesen dieser Seite samt elektronischem Fingerabdruck an den Zentralrechner übermittelt, den Herr Schäuble im Keller des Innenministeriums installieren hat lassen. Wenn dann die Einschulung näher rückt, kann die jeweilige Schulverwaltuing dort abrufen, ob das Kind wegen der sprachuntüchtigen Eltern besondere Förderung benötigt oder nicht. Daraus kann dann die Zahl der benötigten Lehrerstellen ermittelt werden.

Sonntag, 2. September 2007

Statt meckern was verändern

Wir Berliner haben es gut. Die Stadt zeigt immer mehr und immer häufiger immer deutlichere Transformationserscheinungen. Zum Beispiel (und das ist wirklich nur ein winziges Beispiel unter zahlreichen Veränderungen in Berlin) hat da der SPD-Abgeordnete Raed Saleh statt zu meckern eine Idee gehabt:

Unter der Überschrift „Haut ab, das ist unser Kiez“ berichtete die Berliner Zeitung am 14.8. über die Behinderung eines Polizeieinsatzes im Stadtteil Wedding. Es ging um die Festnahme eines Handy-Räubers. Solche Vorfälle häufen sich in den letzten Monaten. „Immer wieder müssen Polizisten vor allem in Wedding, Kreuzberg und Neukölln damit rechnen, bei vergleichsweisen Bagatell-Einsätzen von wütenden arabisch- oder türkischstämmigen Anwohnern behindert zu werden. Erst am 6. Juli versuchte eine Menschenmenge in der Badstraße Beamte daran zu hindern, einen Verwirrten in Gewahrsam zu nehmen. "Weshalb wir den Mann mitnehmen wollten, das interessierte niemanden der Leute", erinnert sich ein Beamter. "Sie hassten einfach die Polizei."
Aber es gibt auch kreative Ansätze, der Situation zu begegnen, wie im Bezirk Spandau: Laut Tagesspiegel vom 7. 7. 07 kam es im Einkaufszentrum „Spandauer Arkaden“ mehrfach zu Massenschlägereien, „wo sich Jugendliche dann nach Polizeiangaben verabreden, um Straftaten zu begehen. Das Ausmaß der Gewalt machte die Polizei ratlos. Ein Kiez nach dem anderen musste zu einem „kriminalitätsbelasteten Ort“ erklärt werden – dort geht die Polizei präventiv wesentlich härter gegen Straftaten vor als in anderen Teilen der Stadt. Doch die Maßnahme brachte kaum Besserung. Dem Spandauer SPD-Abgeordneten Raed Saleh, 30, kam schließlich eine Idee, und jetzt gehen Jugendliche in Spandau zusammen mit Polizisten auf Streife. „Begegnung statt Konfrontation“, nennt Saleh das. Außerdem könnten die Jugendlichen Menschen erreichen, die sonst nicht mit der Polizei reden würden.“
Die inzwischen erfolgreichen Streifen gehören in den Kontext der Aktion „Stark ohne Gewalt“, die der Abgeordnete zusammen mit sozialen Einrichtungen christlicher, säkularer und muslimischer Träger ins Leben rief.
(Quelle: Gebet für Berlin September 2007 )

Wer den erwähnten Politiker Raed Saleh in Augenschein nehmen will, kann dies beispielsweise am 5. September in der Josua-Gemeinde in Berlin tun.

Samstag, 1. September 2007

Ich mag Microsoft

„See that funny looking building down there? That's the place Paul Allan built", sagte mein Freund Bob Zorich und wies mit ausgestrecktem Finger auf ein merkwürdig anmutendes Gebäude. Wir standen auf einer Anhöhe in Bellevue und blickten auf Seattle hinab. „You know Paul, don’t you? That’s the guy who works with Bill. Bill Gates."
Ich nickte. Zwar kannte ich weder Paul Allan noch Bill Gates persönlich, aber die Namen waren mir selbstverständlich nicht fremd, gehöre ich doch einer Generation an, die miterlebt hat, wie aus klobigen Kästen mit kryptischer Bedienung Geräte geworden sind, die heute aus kaum einem Haushalt, geschweige denn der Wirtschaft, wegzudenken wären. Einen nicht geringen Anteil hatten Paul und Bill, die beiden Gründer von Microsoft, denn dank ihrer Software wurde der Computer für jedermann benutzbar.

Es gehört heute offenbar zum guten Ton bei manchen Zeitgenossen, kein gutes Haar an Microsoft zu lassen. Auch mein guter Freund Haso stimmt immer wieder ein in den Chor der Microsoft-Basher. (Für „Basher“ kann ich beim besten Willen keinen deutschen Ersatz finden. Ein Basher ist jemand, der gerne virtuelle Ohrfeigen und Schlimmeres verteilt.) Nun gut, mag er seine Finger mit Befehlen wie „apt-get install libx11-6 libx11-dev libxtst6 xlibs-dev xinetd wget“, „apt-get install linux-headers-`uname -r` build-essential” und „apt-get install gcc binutils-doc cpp-doc make manpages-dev autoconf automake1.9 libtool flex bison gdb gcc-doc gcc-4.0-doc libc6-dev-amd64 lib64gcc1“ herumquälen, wenn es Spaß macht. Ich gönne ihm auch von Herzen Abenteuer, die wie eine erfolgreiche Raubtierzähmung anmuten, denn er schreibt: „…wie Windows Demut lernen kann und nicht alles dominieren muss.“ Jungs wollen spielen und Abenteuer erleben, warum sollte Haso da eine Ausnahme machen. Womöglich macht es ihm ja Spaß, bis 4:11 morgens an Open-Source-Software-Macken zu laborieren, denn er schreibt: „…und vor einer Viertelstunde war endlich das letzte größere Problem gelöst, das ich als Windows-Aussteiger noch zu lösen hatte: UMTS läuft nun auch unter Linux.“

Mir machen andere Dinge Spaß, ein gutes Buch zu lesen zum Beispiel. Ich schlafe nachts, weil bei meinem Windows-PC einfach alles läuft, was laufen soll, ohne bis 4 Uhr früh vor dem Bildschirm zu sitzen. Ich suche meine Abenteuer auf andere Weise - was sie allerdings keineswegs besser oder schlechter macht.

In Seattle traf ich viele Menschen, die ein ganz anderes Bild von Paul und Bill haben. Vielleicht ist es bezeichnend, dass ich häufig in den Gesprächen nicht „Mr Gates“ oder Mr Allen“ höre, sondern dass von Paul und Bill die Rede ist.
  • Menschen, die ihre Kinder in von Microsoft gestifteten und unterhaltenen Kindergärten unterbringen.
  • Menschen, die in von Microsoft finanzierten Krankenhäusern gesund geworden sind, deren alte und pflegebedürftige Angehörigen dank Microsoft einen menschenwürdigen Lebensabend genießen. In Amerika ist ja nicht jeder wie hierzulande rundum gegen Krankheit und Gebrechen versichert, sondern nur diejenigen, die sich das nicht ganz billige Vergnügen einer Versicherung leisten können. Denjenigen, die keinen Arzt bezahlen können, hilft Microsoft mit Krankenhäusern und Arztpraxen. Egal, ob sie Kunden sind oder nicht.
  • In Seattle war ich in Kirchen zu Gast, die tatkräftige Unterstützung von Paul und Bill erleben und deshalb Mittel für die Evangelisation genauso frei haben wir für die Speisung der Armen und das Bekleiden der Bedürftigen.
  • In Seattle habe ich das EMP besucht, jenes eingangs erwähnte Gebäude, das Paul Allan gebaut hat und das so gar nicht wie ein Gebäude aussieht. Ich wäre, wenn die Zeit es zugelassen hätte, tagelang im EMP gewesen. Dieses – Museum ist der falsche Begriff – Ausstellung passt auch nicht – EMP heißt Experience Music Project, also Musik-Erlebnis-Projekt – war für mich als Musikliebhaber und ehemals Musiker natürlich ein besonders kräftiger Magnet.
In Deutschland wird gerne gemeckert. Besonders über Erfolgreiches. Es ist, als müsse man einfach ein Haar in der Suppe finden, koste es, was es wolle.
Microsoft ist erfolgreich. Mit gutem Grund, wie ich meine. Nicht nur Hinz, sondern auch Kunz kann einen Windows-Computer bedienen, ins Internet gehen, Blogs schreiben und allerlei Unfug treiben. Wer tiefer in die Bedienung und Möglichkeiten der Software einsteigen möchte, findet direkt auf den Microsoft Seiten im Internet jederzeit Hilfe und Tipps für jedes auch nur denkbare Problem. Man muss nicht hunderte Foreneinträge durchsuchen, um vielleicht auf die Lösung eines Problems zu stoßen.
Selbstverständlich kann man auch mit Linux & Co arbeiten, aber welche Mühe halsen sich die Menschen damit auf...

Windows sei, argumentieren allerlei Linuxisten, anfällig und voller Sicherheitslücken. Auch Haso stimmt mit ein, indem er einen Beitrag von Golem verlinkt: „US-Geheimdienst half bei Entwicklung von Windows Vista - Neue Sicherheitsfunktionen mit Hilfe der NSA entstanden?“ Das klingt vorwurfsvoll. Als sei das verboten. Als sei das schlimm. Als wäre das bedenklich. Als wäre das anrüchig.

Selbst wenn die Staatsmacht sich meine Festplatten und meinen E-Mail-Verkehr anschauen sollte, stört mich das nicht sonderlich. Da sind weder Raubkopien noch Kinderpornographie, weder Bastelanleitungen für Bomben noch Verschwörungen zu finden.
Es stört mich genauso wenig, dass ich auf dem Weg zur Arbeit täglich auf der Autobahn von etlichen Kameras erfasst werde. Ich bleibe im zulässigen Geschwindigkeitsbereich.
Ich mache mir nichts daraus, dass ich im Kaufhaus auf Schritt und Tritt elektronisch beobachtet werde. Ich habe nicht vor, fremdes Eigentum in meiner Tasche verschwinden zu lassen.
Ich fühle mich, wenn ich ab und zu mal die öffentlichen Verkehrsmittel benutze, wesentlich wohler, seit überall auf den Bahnhöfen und in den Zügen Kameras montiert sind. Ich will im Zug keine Scheiben zerkratzen, kleine Jungs entführen oder Mädchen vergewaltigen.

Der Sämann fragt in die aufgeregte Diskussion hinein: Ist Wolfgang Schäuble der Antichrist? Meine Antwort: Nein, ist er nicht, und der Bundestrojaner ist für mich keine Bedrohung.

„That's the place Paul Allan built", sagte mein Freund Bob Zorich. Paul und Bill tun etwas für ihre Stadt, ihre Umgebung. Sie ernten reichlich, ob ihnen das mancher Zeitgenosse nun gönnt oder nicht, aber sie säen auch um so reichhaltiger. Möglicherweise ist die Ernte ja in der Saat begründet? Das wäre biblisch korrekt.
Ihre Software erspart mir nächtliche Sitzungen an meinem Bildschirm, bis gegen 4 Uhr früh dann endlich etwas funktioniert. Ich schlafe, während Haso UMTS ohne Windows dressiert und bändigt. Mein PC ist leicht zu bedienen, während Legionen von Linuxisten nächtelang Augen und Finger anstrengen, um etwas zu schaffen, was Windows einfach so kann.

Ich mag Microsoft.

Freitag, 31. August 2007

Fragmentus amplificarus

Ein Fragment (v. lat.: frangere brechen) ist ein bruchstückhafter, unvollständiger Gegenstand. Dabei kann es sich sowohl um einen Rest eines ehemaligen Ganzen handeln, insbesondere in der Kunst aber auch um einen vom Künstler bewusst gewählten Ausschnitt eines bloß ideell Ganzen. Insbesondere ist ein Fragmenr in der bildenden Kunst eine unvollständige Plastik: ein Torso oder ein Non-finito, und eine literarische Gattung. (Wikipedia)

Ich hätte noch weiter gewusst, als der folgende Text reicht. Aber ich finde es inzwischen reizvoll, die reizenden Kommentare der gereizten Leserinnen und Leser auszureizen. Eine Geschichte öffentlich zu schreiben – ein Experiment mit dem Reiz des Neuen.

Was hier folgt, knüpft an das Fragment vom Dienstag an (und wiederholt den letzten Satz als ersten). Wer einen Schluss zu lesen wünscht: Augen weg! Denn wieder sehen wir betroffen: Der Vorhang zu und alle Fragen offen.
Sie reißt ihren Blick los von den Fluten unter sich und schaut ihm in die Augen, der sie so lange nun bereits betrachtet hat. Er wendet schnell den Blick aufs Meer, als habe er nur zufällig gerade zu ihr hingeblickt.
„Sie haben mich beobachtet“, spricht sie ihn an.
„Ich habe Sie bewundert.“
„Kann man bewundern, wen man nicht kennt?“
„Vielleicht bewundert man nur, was man nicht kennt?“
Sie betrachtet ihn aufmerksam, forscht in ihrer Erinnerung nach seinem Gesicht, Jahre jünger natürlich, denn wenn er sie erkannt hat, muss eine frühere Begegnung lange zurückliegen. Alle Überbleibsel ihrer Vergangenheit sind vom Sturm der jüngsten Zeit verweht, sie ist ein neuer Mensch. Und doch kann immer noch passieren, was nicht geschehen darf.
„Habe ich“, fragt sie und lässt seine Augen nicht los, „Sie schon einmal gesehen? Vielleicht unten in Mexiko?“ Oder war es ein Bild auf einem Regal, irgendwo bei irgendwem? Sie kann nicht sicher sein, spürt jedoch die Ahnung einer Erinnerung.
„In Mexiko war ich nie.“
„Aber?“
„Kein Aber. Ich wüsste nicht, wo und wann wir uns begegnet wären.“
Die Krempe seines Hutes verschattet die Augen, sie weiß nicht zu sagen, ob er die Wahrheit oder Lüge redet. Ein Segen, dass auch Sie nicht unbehütet ist.
„Sind Sie...“
Er unterbricht mit einem Lächeln: „Entschuldigung, ich habe mich nicht einmal vorgestellt, nachdem ich Ihren Anblick eine Ewigkeit genießen durfte. Konstantinos Sourvanos.“
„Ein Grieche in Deutschland. Warum?“
Statt einer Antwort fragt er: „Ihr Name bleibt Ihr Geheimnis?“
„Einstweilen.“

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Er ist verwirrt. Kann nicht zuordnen, sortieren, benennen, was mit ihm geschieht. Eine Fremde und seine Seele liebt sie seit seiner Geburt. Eine Unbekannte und sein Herz zieht sich vor Schmerz zusammen, weil sie sich jetzt abwendet. Wohl keine griechische Göttin, was für ein absurder Gedanke auch, ausgerechnet hier und jetzt, doch sie regiert ihn wie nur eine Macht es kann, die jenseits dieser Welt gegründet ist.
Sie entschwindet seinem Blick, das Hotel verschluckt sie und er kann nicht folgen. Er steht auf und lehnt sich an die Brüstung, die das Tosen unten von dem Weiß hier oben trennt, spürt noch die Gegenwart der Göttin wo sie stand. Sein Blick sucht was ihre Augen gesehen haben mögen. Grau und Blau mit wenig Weiß zerklüftet, keinen Augenblick der gleiche Anblick wie zu der vorigen Sekunde. Zwei Möwen kreisen über dem unendlichen Inferno, weit draußen kann ein Frachter sein, wenn nicht das Licht ihm etwas vormacht, was nie dagewesen.
Was sie sah, bleibt ihm verborgen, denn jedes Bild vom Meer ist flüchtig. Jede Erinnerung ist flüchtig. Hat er sie doch schon einst getroffen, woher kommt diese Gewissheit ihr zugehörig zu sein? Er ist kein dummer Junge mehr, der Hals über Kopf in Schwärmerei verfällt, wenn ihm ein weibliches Wesen aus der grauen Masse heraussticht.

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Sie lässt den Fahrstuhl unbeachtet und steigt in Gedanken tief verloren die vom Teppich weichen Stufen empor. Einst war sie, in jenem anderen Leben, verzaubert gewesen. Hatte sie in seiner Gegenwart eine Stunde verweilt, oder einen Tag? Sie kann es nicht mehr sagen, jede Erinnerung ist flüchtig wie ein Bild vom Meer, auch diese verschwimmt ihren Gedanken. Die Sonne ging nicht unter an jenem Tag, die Bäume reichten tief an einem sanften, schimmernden See. Was war geschehen, wann und wo? Wer war der Mann gewesen, mit dem sie einen Tag, eine Stunde teilen durfte? Sie waren eins gewesen in dem, was sie nicht taten. Hatte sie verborgen, hatte er verschwiegen, was hätte sein können? Oder machte ihr das Gedächtnis vor, was nie dagewesen?
Sie folgt den Spiralen der Stufen und erreicht das zweite Obergeschoss, will umkehren, zurück auf die Veranda, den Blick hinaus richten. Nein, sie will die Augen ihn erforschen lassen. Vergangenheit zurückholen, Zukunft ermöglichen.
Der schwere Schlüssel öffnet ihre Türe und ein leichtes Beben unter ihren Füßen fordert Aufmerksamkeit.

Donnerstag, 30. August 2007

Endlich enthüllt: Günter Jott ist Martin Ell

Ich bin Martin Luther. Sagt diese Auswertung, zu der mich DoSi verführt hat:

You scored as Martin Luther, The daddy of the Reformation. You are opposed to any Catholic ideas of works-salvation and see the scriptures as being primarily authoritative.



Martin Luther


87%

Charles Finney


80%

Karl Barth


73%

John Calvin


47%

Jürgen Moltmann


40%

Anselm


33%

Jonathan Edwards


33%

Paul Tillich


33%

Augustine


33%

Friedrich Schleiermacher


0%

Which theologian are you?
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Das Testergebnis ist aber keine verlässliche Aussage, da das Quizz für Theologen gedacht ist. Ich bin kein Theologe, folglich bin ich nicht Martin Luther. Oder doch, weil der ja ein einfacher Mönch war, keine Bibelschule besucht hat und den Konflikt mit der allgemeinen Theologie dennoch nicht scheute. Aber hatte er einen Blog?

Nachtrag 31. August: Störche haben gute Augen. Per Kommentar hat mich ein solcher darauf aufmerksam gemacht, dass Emm Luther eben nicht Martin Emm ist, also habe ich flugs korrigiert. Ich bin Martin Ell...

Einer gegen Legionen

Facetten eines entschiedenen Kampfes

Vor nunmehr fast zwei Wochen in Tschechien geschrieben - und jetzt endlich darf er das Licht der Welt erblicken, der Text über Diabolus et animae, Teufel und unreine Geister, Satan und Dämonen.

Was einerseits J. K. Rowling, Dan Brown, Umberto Eco sowie viele andere und andererseits Rick Joyner, Wolfhard Margies, Catherine Brown sowie viele andere zum Thema zu sagen haben, ist manchem heute besser bekannt als das, was Augenzeugen der entscheidenden Konfrontationen in ihren Berichten aufgeschrieben haben.

Also gehe ich mit dem interessierten Leser durch eine dieser Chroniken, wobei Fragen nach der Sünde gegen den Heiligen Geist genauso angesprochen werden wie das Wohnrecht von Dämonen.

Der nicht interessierte Leser klicke bitte nicht auf diese Verknüpfungen:

Einer gegen Legionen - Teil 1
Einer gegen Legionen - Teil 2

Mittwoch, 29. August 2007

Die Erweckung fällt aus

Don Ralfo, der zwar auf seinem Blogfoto an Van Morrison erinnert, auch Musiker ist, aber wohl doch nicht Van the Man himself, hat sich vor einiger Zeit bei allen entschuldigt, denen er jemals Erweckung angekündigt oder versprochen hat.

Ich schließe mich an, denn die Erweckung fällt aus, die so vielfältig vorhergesagte. Sie ist nicht verschoben, sondern ersatzlos gestrichen.

Mancher erwartet immer noch, dass da etwas aus dem Himmel herabregnet, was uns die Arbeit abnimmt. Statt Gebet und Zeugnis, statt Aussaat des Samens und Ernte nach mühseliger Bewässerung, soll Erweckung hereinbrechen und schwupps: Tausende bekehren sich. Feine Aussichten, sicher kommt es so, schließlich gibt es auch in unserem Land allerlei diesbezügliche Organisationen und Kommilitonen, Propheten und Trompeten, Sprecher und Zerbrecher. Wir haben all die tollen Prophetien gelesen und andächtig mit dem Kopf genickt, wenn Jahr für Jahr der große Durchbruch des Evangeliums angekündigt wurde. Stadien gefüllt mit Anbetenden, Massenversammlungen auf den Plätzen der Städte, ein Land voller Christen hat man uns vorausgesagt.

Wir sind indessen fein raus, weil wir ja nichts dafür können, dass kaum jemand den Weg zu Jesus findet. Gott könnte ja endlich mal seine Versprechen einlösen und die Erweckung schicken. Der Missionsbefehl, der uns hinausschickt zum Predigen und Heilen, Befreien und Taufen, der ist ja so alt, dass er sicher nicht mehr zeitgemäß ist. Dafür bezahlen wir ja heutzutage Pastoren und Evangelisten.

„Glückselig seid ihr, wenn sie euch schmähen und verfolgen und alles Böse lügnerisch gegen euch reden werden um meinetwillen.“ (Matthäus 5, 11)

„Wenn sie euch aber verfolgen in dieser Stadt, so flieht in die andere! Denn wahrlich, ich sage euch, ihr werdet mit den Städten Israels nicht zu Ende sein, bis der Sohn des Menschen gekommen sein wird.“ (Matthäus 10, 23)

„Vor diesem allem aber werden sie ihre Hände an euch legen und verfolgen, indem sie euch an die Synagogen und Gefängnisse überliefern, um euch vor Könige und Statthalter zu führen um meines Namens willen.“ (Lukas 21, 12)

„Gedenkt des Wortes, das ich euch gesagt habe: Ein Sklave ist nicht größer als sein Herr. Wenn sie mich verfolgt haben, werden sie auch euch verfolgen; wenn sie mein Wort gehalten haben, werden sie auch das eure halten.“ (Johannes 15, 20)

Verfolgung? Schmähung? Igitt! Tod und Gefängnis? Nee nee nee! Da bleiben wir doch lieber unbehelligt in unseren kuscheligen Kirchen und Gemeinden und freuen uns auf die Erweckung, die bestimmt demnächst hereinbrechen wird. Was oft genug wiederholt wird, muss ja irgendwann zwangsläufig eintreten. Bis dahin sammeln wir Kollekten, damit es noch gemütlicher in unseren Gebäuden wird und vielleicht noch ein bezahlter Angestellter den Missionsbefehl für uns erfüllen kann. Und wir „setzen“ selbstverständlich jeden Sonntag die Erweckung „frei“. Wo bleibt sie nur?

Dem einen oder anderen schwant es schon länger: Revival is cancelled.

Allerdings machen wir, wenn wir somit resignieren, ein wenig die Rechnung ohne den Wirt.

Wenn jemand mir nachfolgen will, verleugne er sich selbst und nehme sein Kreuz auf und folge mir nach...

...es gibt immer mehr Christen auch in Deutschland, die das ernst nehmen. Sie lassen sich nicht anstecken vom allgemeinen Konsumverhalten, das sich darin erschöpft, Sonntags einer Predigt zuzuhören, ein paar Lieder zu singen und – großzügig wie wir sind – noch ein paar Euro in die Kollekte zu werfen. Die Erweckung ist schon längst passiert, in solchen Menschen nämlich.

Wartest du noch auf Erweckung oder bist du schon wach? Wenn du noch auf die eingangs beschriebene Erweckung wartest, wie wäre es mit einem Radiowecker? Schau mal: Erweckung

Dienstag, 28. August 2007

Ein Fragment

Am Wochenende unterhielt ich mich mit zwei sehr liebenswerten Menschen, die kürzlich mein Buch Gänsehaut und Übelkeit gelesen haben. Eine der dringendsten Fragen, die sie mir stellen wollten: "Wie kommt ein Autor auf seine Ideen?"
"Mal so, mal so", ist meine immer wieder gegebene (zugegeben unergiebige) Antwort.
Aber ich belasse es ja nicht bei diesen lakonisch anmutenden Worten, sondern erzähle dann illustrierend, wie Jessika zur Kannibalin geworden ist weil ich als Kind in der Haeselerstraße in Charlottenburg gewohnt habe oder was eine Fahrt ins Büro von Berlin Lichterfelde nach Berlin Neukölln mit dem tragischen Schicksal einer Metropole zu tun hat, in der ein liebeskummerkranker Soldat...

Ein anderes, unfertiges Beispiel: Beim Musikhören (ich liege auf dem Sofa, Augen zu, Kopfhörer auf den Ohren) sehe ich eine Dame auf einer weißen Veranda stehen, was dem Text des Liedes entspricht, aber dann kommt ein Mann dazu, der verstohlen... ach was, hier ist das Fragment. Allerdings eine Warnung vorne weg für diejenigen, die dem Wort Fragment keinen Sinn zuzuordnen vermögen: Es gibt kein Ende, die Erzählung bricht plötzlich ab.

Sie lehnt an der Brüstung, trägt Halstuch und Panamahut, als hätte sie bedachtsam Accessoires zum Ort gewählt. Die Veranda aus gekalktem Stein gestattet einen atemberaubenden Blick auf das Meer, aus gebleichtem Holz und viel Glas wurde sie am Steilhang konstruiert. Der Anstrich der Tische und Stühle schimmert exakt in dem Eierschalenfarbton, den Panamahut und Halstuch aufweisen. Sie schaut hinaus auf die Wogen.

Sein Blick kann sich nicht von ihr lösen. Ihre dezent gebräunte Haut, das dunkle, volle Haar, das im leichten Wind vom Meer auf die Schultern herabwellt, hellgraue Leinenhose und Bluse, die Segeltuchschuhe wiederum in dem Farbton von Hut und Halstuch… wie eine makellose griechische Göttin steht ihm die Fremde vor den Augen, die verweilen und verweilen wollen. Es ist wohl ungehörig, jemanden so lange anzustarren, aber niemand kann es bemerken, denn die Göttin ist abgesehen von ihm der einzige Gast auf der Veranda. Und sie, die unentwegt auf das Meer hinausblickt, kann hoffentlich den Blick nicht spüren? Man sagt, es wäre zu empfinden, und wenn sie sich umsieht, ist er der einzige, dem das Anstarren zurechnen könnte. Kurz blickt er beschämt hinab auf seine Hände, die entspannt auf dem linken Knie ruhen. Er sitzt zurückgelehnt, die Beine übereinander geschlagen. Sein leichtes Baumwollhemd und seine Leinenhose sind von exakt dem gleichen Grau wie Bluse und Beinkleid der Göttin. Das mag ihn, als er die Veranda betrat, überhaupt erst auf sie aufmerksam gemacht haben, denn eigentlich starrt er Frauen nicht an. Er nimmt Schönheit zur Kenntnis, genau wie Unansehnlichkeit, wohl wissend, dass der Mensch, der ihm nicht gutaussehend scheint, für jemand anderen der Inbegriff des Schönen sein kann. Er weiß auch, dass er selbst nicht dem zur Zeit von Modemachern propagierten idealen Mann gleicht.

Weder pflegt er einen Dreitagebart, noch zeigt er mittels halb geknöpftem Hemd die Haut der Brust. Das einzige, was er in letzter Zeit an Gemeinsamkeit mit den in Katalogen und Frauenmagazinen dargestellten Modellen bemerkt, ist dass die abgelichteten Männer gelegentlich wieder Hut tragen. Er selbst ist Jahre schon behütet, die Mode diesbezüglich war ihm stets so gleichgültig wie die Mode an und für sich.

Die Göttin steht noch immer unbeweglich an der Brüstung. Zum ersten Mal in diesen mehr als zehn Minuten kommt ihm ein Gedanke, den er gerne von sich wiese. Die Brüstung ragt hüfthoch nur mit geschnitztem Holzwerk rechts und links, darunter fällt der Felsen dreißig, vierzig Meter lotrecht in ein niemals stilles Meer.

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Das Bild in ihrem Pass zeigt ein Gesicht aus einer anderen Zeit, von einem anderen Ort, sie gleicht dem Foto nicht, nicht mehr. An der Rezeption hatte niemand es für notwendig erachtet, ihr angebotenes Reisedokument auch nur in die Hand zu nehmen, mit einem zuvorkommenden Lächeln hatte der Concierge „Danke, nicht nötig“ gesagt und ihr die Schlüssel gereicht. Die Plastikarten, die in fast allen Hotels inzwischen Zugang zu den Räumen verschafften, sind hier nicht willkommen, solange der Inhaber des Hotels am Leben sein wird zumindest. Das Wohl der Gäste steht für ihn an erster Stelle, die Wahrung der bewährten Traditionen seines Hauses an der zweiten, wobei das oft zusammenfällt.

Sie fühlt schon die ganze Zeit den Blick in ihrem Rücken. Es kann doch nicht sein, das jemand sie erkennt, nach so langer Zeit? Selbst wenn die alten Fotos jemandem gewärtig wären, wer würde jemals sie mit ihr verbinden können?

Sie reißt ihren Blick los von den Fluten unter sich und schaut ihm in die Augen, der sie so lange nun bereits betrachtet hat. Er wendet schnell den Blick aufs Meer, als habe er nur zufällig gerade zu ihr hingeblickt.


So. Und wie geht es weiter? Keine Ahnung, weiter habe ich noch nicht geschrieben. Vielleicht fällt ja Dir ein, was sich anschließend ereignen und ergeben kann?
So jedenfalls, und darum geht es ja in diesem Beitrag, kann mir eine Geschichte entstehen. Oder auch ganz anders...

P.S.: Jawohl, selbstverständlich habe ich Black Diamond Bay gehört, als die Bilder entstanden, was denn sonst? Aber natürlich will ich nicht die gleiche Geschichte erzählen wie Bob, wenn ich dieses Fragment fortsetze.

P.P.S.: Inzwischen gibt es die Fortsetzung: Fragment Teil 2

Montag, 27. August 2007

Was ist wichtiger?


Innere Werte...


...oder äußerer Schein?


Das obere Automobil ist bewährt, gereift, in Würde gealtert und noch so leistungsfähig wie am Tag, als es die Fabrik verlassen hat. Es kann noch heute nicht nur seinen Besitzer samt Familie zum Einkauf und nach Hause bringen, sondern es transportiert selbst Sperriges und Schweres, ohne dass seine Leistung spürbar nachlassen würde. Abgesehen von Verschleißteilen brauchte der Besitzer dieses Fahrzeuges bisher keine Teile beschaffen. Er würde wieder Ford kaufen, es besteht jedoch keine Notwendigkeit, da das Fahrzeug keine Anstalten macht, kaputt zu gehen.

Das untere Fahrzeug ist noch unbewährt, gerade mal von der Fabrik zum Transportcontainer und dann vom Hafen zum Zug und schließlich ein paar lächerliche Kilometer zum Verkaufsstand gerollt. Keiner weiß zu sagen, ob es seinem Käufer langjährig treuen Dienst tun oder häufigen Ärger machen wird. Die Ärger-Wahrscheinlichkeit ist angesichts der Marke zwar ausgesprochen gering, aber bewiesen hat dieses Exemplar noch nichts, ausser dass es vortrefflich aussieht. Und riecht, nach Leder und Frische. Und überhaupt, es ist halt ein Hummer, nicht irgendwas.

Was also ist wichtiger? Frisch und gutaussehend zu sein oder in einem langen Leben gereift und bewährt? Welches Modell würdest Du bevorzugen, wenn die Wahl bestünde und Dein Leben davon abhinge, dass Du mit dem gewählten Automobil zuverlässig und ohne Unterbrechung von A nach B kommst?