Freitag, 8. Januar 2010

Das Geheimnis der alten Dame

imageIch schlenderte gestern in der Mittagspause eines Seminars (Softwareschulung) durch die Straßen (Berlin Friedrichshain) und sah eine alte Dame mit einer Krone auf einer Bank (S-Bahnhof Warschauer Straße) sitzen. Sie rauchte eine Zigarette und sah sehr zufrieden aus. Neugierig setzte ich mich neben sie und meinte: »Sie sehen so glücklich aus. Was ist ihr Geheimnis?«

»Ich rauche zwanzig Zigaretten pro Tag«, erklärte sie, »und am Abend vor dem Schlafengehen einen schönen großen Joint. Über die Woche verteilt trinke ich eine Flasche Jack Daniels, eine Kiste Bier und gelegentlich ein Wasser. Ich esse nur Junk Food bei McDonalds. Am Wochenende nehme ich Party-Pillen, lege mich auf mein Sofa und tue gar nichts.«

»Das ist also das Geheimnis eines langen glücklichen Lebens«, wunderte ich mich und wollte wissen: »Wie alt sind Sie denn?«

»Vierunddreißig«, antwortete sie.

Mittwoch, 6. Januar 2010

Kerstin Hack: Die Hütte und ich

In dem hier betrachteten Buch geht es um Glauben, den Glauben an einen Gott, der sich kümmert und einmischt. Einen Gott, der persönlich erfahrbar ist. Kerstin Hack, die Autorin, machte sich für eine knappe Woche auf in eine fremde Stadt, um Gott zu begegnen. Sie hatte ihn in den Monaten und Jahren vor dieser Reise aus den Augen - oder aus dem Empfinden? - verloren. Das Buch beschreibt die sechs Tage ihrer Suche und was sie dabei gefunden hat.

Wer sich um Doktrinen sorgt oder jeglichen Zweifel an diesem Gott für unverzeihlich hält, der wird Anstoß an dem Buch nehmen. Wer erwartet, eine Schritt-für-Schritt-Anleitung zur Begegnung mit Gott zu erhalten, wird enttäuscht sein. Wer meint, unerschütterliche Antworten auf große Glaubensfragen erwarten zu dürfen, muss am Ende feststellen, dass es auch in diesem Buch keine gibt.
Dennoch – oder gerade deshalb – empfehle ich die Lektüre.
  • Warum will Gott, dass ich ihn um etwas bitte, wenn er das Gebet dann doch nicht erhört?
  • Warum spricht Gott und sagt mir Dinge zu, wenn er sie dann doch nicht erfüllt?
  • Wie kann ich ihm wieder neu vertrauen?
Diese Fragen bewegen (mit gutem Grund) die Autorin, ihnen spürt sie nach in Antwerpen. Allerdings nicht in einer Hütte, wie der Titel des Buches vermuten lässt, sondern in der Wohnung von Freunden.
Es sei zur ihrer Ehrenrettung der Autorin zugestanden, dass der Roman »Die Hütte« von William P. Young ihr offensichtlich bei der Suche nach einer Begegnung mit Gott hilfreich war, sie zitiert aus ihm, zieht Parallelen zwischen ihrer Woche in Antwerpen und dem im Roman geschilderten Wochenende. Letztendlich mag die Lektüre der Erzählung von Young überhaupt erst die Resultate ihrer persönlichen Gottsuche ermöglicht haben. Die Hütte darf als Symbol für einen Ort der Begegnung gelten, auch wenn dieser Ort ganz anders aussieht.
Dennoch verursacht mir der Titel »Die Hütte und ich« Stirnrunzeln, da die Reise eben keineswegs in eine Hütte geht, ein Anhängen an die Erfolgswelle des Romans von Young scheint mir unübersehbar. Der Untertitel »Gott neu vertrauen - eine Reise« ist da schon treffender und hätte meinem Geschmack nach dem Buch besser gestanden. Doch sei es, wie es ist, wir alle wissen ja: Don't judge a book by its cover!

Entscheidend ist der Inhalt: Kerstin Hack hat ein ehrliches Buch geschrieben. Sie schildert ihre Erfahrungen mit nicht erhörten Gebeten, mit nicht eingetroffenen Verheißungen, mit einem Gott, der sich nicht einmischt in den Alltag des Menschen, obwohl der Mensch Grund zu haben meint, das erwarten zu dürfen.
Dieser Zustand kann den meisten Menschen, die sich ernsthaft Gedanken über ihren Glauben machen, nicht fremd sein.
Nick Cave hat den Zwiespalt in einem Lied so ausgedrückt: I don't believe in an interventionalist God. But if I did, I would kneel down and pray... Es gibt vieles, worum er Gott gerne bitten würde, aber er zweifelt an dessen Interesse, auf die Bitten auch zu reagieren. Er zweifelt nicht an Gott selbst, sondern an Gottes Einmischung in unsere hiesigen Belange, auch wenn wir genau darum bitten würden.
In dem Roman »Die Hütte« geht es um das gleiche Dilemma: Die Tochter des Protagonisten Mack wird ermordet; Gott greift nicht bewahrend ein. Mack will dennoch gläubig bleiben, er weiß bloß nicht, was er von diesem unbeteiligten Gott halten, wie er mit seinem nunmehr zerstörten religiösen Weltbild zurechtkommen kann. Wie der Mann im Song von Nick Cave glaubt er nicht mehr an einen interventionalist God.

Und Kerstin Hack? Auch sie will an einen persönlichen Gott glauben, einen, der eingreift, sich kümmert, der nicht nur von Liebe redet, sondern sie praktiziert - und hat doch der Tatsache ins Auge zu sehen, dass klar formulierte Zusagen nicht eingetroffen sind. Wie sie damit umgegangen ist und nach der Woche in Antwerpen künftig umgehen will, das erzählt sie in diesem Buch.
Glaubwürdig wird die Beschreibung der sechs Tage für mich dadurch, dass es am Ende keine endgültigen Antworten oder wundersamen Wendungen des Schicksals gibt. Die Situation ist die gleiche wie am Anfang, gewandelt hat sich lediglich die Sicht der Autorin auf die schmerzhaften Fragen in ihrem Leben und Glauben - so wie Mack am Ende des Romans von Young noch immer damit leben muss, dass seine Tochter brutal ermordet wurde.
Kerstin Hack schreibt zwar am Schluß »ich fand Antworten auf meine drei großen Fragen. Gott ist mir begegnet und hat mir in der Begegnung mit ihm Antworten gegeben, die weit über meine Fragen hinausgingen«, aber das ist eben eine ganz subjektive Interpretation ihrer Woche in Antwerpen. Der Leser mag einen anderen Eindruck gewinnen, die »Antworten« als ungenügend empfinden. So ging es mir beim Lesen, aber ich konnte nachvollziehen, dass für die Autorin die Antworten tatsächlich gültig und hilfreich waren.

»Die Hütte und ich« regt dazu an, sich eigenen offenen Fragen zu stellen. Was die Autorin schildert, ist, wie sie selbst sehr deutlich schreibt, nicht zum Nachmachen gedacht, sondern als Anregung für den eigenen Weg zu einer Begegnung mit Gott.
Kersin Hack halfen Träume und innere Dialoge, Zeiten der Besinnung und Gespräche mit Menschen, sogar Kunst und Kultur bei ihrer Suche. Das ermutigt, eigene Versuche zu unternehmen, sich dem unbeteiligten, fernen Gott persönlich (wieder) zu nähern. Dass solche Versuche erfolgreich sein werden, kann dieses Buch nicht versprechen, will es gar nicht versprechen. Aber wie so oft im Leben mag das Beispiel eines fremden Erlebens die Tür zum eigenen Entdecken aufstoßen. Dieses Potential hat das Buch.

Mein Fazit: Eine lohnende Lektüre für alle, die in ihrem Glaubensleben auf Tatsachen gestoßen sind, welche nun dem Vertrauen auf einen eingreifenden, beteiligten Gott im Wege stehen. Wahrscheinlich findet der Leser nicht die erhoffte Aufklärung bezüglich seiner Enttäuschungen und Krisen, aber er kann miterleben, wie die Autorin mit ihren offenen Fragen umzugehen lernt. Vielleicht macht das Mut, eigene Wege zu suchen.
Und das ist allemal besser als billige Rezepte, die nur zu tieferer Enttäuschung führen würden.

Das Buch gibt es für 12,80 Euro direkt beim Verlag: Die Hütte und ich - Gott neu vertrauen

Dienstag, 5. Januar 2010

Normalbetrieb

image Nein nein. keine Angst. Es gibt uns noch. Wir sind am Sonntag Abend nach schneereich-schwieriger Fahrt (von Budweis nach Berlin in zwei Etappen: 14 Stunden) wohlbehalten zu Hause angekommen, haben das Mietfahrzeug von unseren Koffern und Taschen entleert und haben es dann zur Rückgabestation gebracht.

Gestern, am Montag, habe ich telefonisch um einen weiteren Tag Urlaub nachgesucht, da ich unseren in Zwota (so heißt das Kaff mit dem Abschleppdienst wirklich, man mag es kaum glauben, dass ein Ort Zwota heißen kann, aber er heißt nun mal so) verbliebenen Windstar abmelden musste, was mit nur einem Nummernschild und nicht hier vorzeigbarem Fahrzeug relativ schwierig wurde. Der Ford bekam für etwa zwei Minuten eine neue Autonummer zugeteilt, bloß damit er stillgelegt werden konnte. Na ja. Beamte denken sich so was aus, und vermutlich wissen sie ja, was sie tun…

Außerdem waren die Umsatzsteuervoranmeldung und die damit verbundenen Buchhaltungsarbeiten fällig. Mag ich nicht, mache ich aber trotzdem. Sonst gibt es Schimpfe vom Finanzamt.

Am späten Nachmittag haben wir dann noch ein Autohaus besucht, bei dem wir nach diesem Besuch jedenfalls keinen Nachfolger für den Windstar erwerben werden. Der Verkäufer hatte sichtlich kein Interesse an Kundschaft – vermutlich bekommt er keine Provision, sondern Festgehalt. Anders kann ich mir das nicht erklären:

»Wir würden gerne eine Probefahrt mit einem ähnlichen Modell machen.«

»Hmmm… ähhh… da haben wir zur Zeit keines angemeldet. Man kann ja nicht alle Modelle anmelden. Das wird also nicht gehen.«

»Den Preis könnte man doch sicherlich dadurch mindern, dass Sie das Navigationssystem herausnehmen und statt dessen ein normales Radio einbauen? Ich habe ein Navigationssystem, zwei brauche ich nicht.«

»Ach nein, wissen Sie, das ist zu schwierig mit der Verkabelung. Das würde Stunden dauern. Nein nein, das geht nicht.«

Und so ähnlich ging es weiter. Preisnachlass? Nee. Rabatt? Nee. Extras umsonst? Nee. Jahreswagen in Sicht? Nee.

Na gut. Es gibt ja noch andere Autohäuser in und um Berlin. Viele sogar.

So. Nun ist der Normalbetrieb des Alltages wieder dran, und die geschätzten Blogleser, die sich schon Sorgen machen, können aufatmen. Wie gehabt wird es beinahe täglich dieses und jenes hier zu finden geben.

Donnerstag, 31. Dezember 2009

Fertich jeworden

Ich war mal mit einem amerikanischen Pastor, Sam Fields, befreundet, inzwischen wohnt der gute Mann nicht mehr in Berlin. Egal. Es geht ja um damals: Dieser Freund meinte oft, ich sei höchstwahrscheinlich hoffnungslos verloren, weil ich ja wicked sei. Schließlich sei die Bibel eindeutig: The wicked know no peace. Da ich auch an Wochenenden und zu anderen Gelegenheiten, bei denen andere ruhten, oft etwas zu tun hatte, war für ihn die Sache klar: No peace, sondern Arbeit, also wicked.

Ich pflegte mit Bibelversen zu antworten, in denen Müßiggang und Faulheit gegeißelt werden. Wir hatten viel Spaß miteinander, der Pastor und ich.

An seinen Spruch the wicked know no peace dachte ich eben, als ich um 15 Uhr am 31. Dezember 2009 nach drei Stunden Arbeit am letzten Projekt für das Jahr das Dokument speicherte und abschickte. Die Zeitschrift, für die ich einen Artikel zu schreiben mich bereit erklärt hatte, nannte seinerzeit als Redaktionsschluss Ende Dezember. Heute ist Ende Dezember, falls mein Kalender stimmt. Und der Artikel ist fertich jeworden. Na siehste.

idee im kopf

Die Idee für den Einstieg in den Text kam mir gestern beim Bierchen in einem Kellergewölbe. Ich schaute zwar in das Buch, das meine Hand hielt, aber ich las gar nicht. Statt dessen hatte ich ein längst vergessenes Kinderlied im Kopf. Und damit den Einstieg in den Artikel, in dem es um Sünde und Gesellschaft geht. Das war der Grund für die erfreute Mine (obwohl auch Bier und Buch gut waren / sind). Ähnlich erfreut schaue ich jetzt drein, denn nun gibt es nichts mehr zu tun in diesem Jahr 2009.

Allen meinen Blogbesuchern wünsche ich einen ähnlich friedlichen und fröhlichen Übergang in ein neues Kalenderjahr, ob das nun irgendwie besonders gefeiert wird oder (wie bei uns hier im deshalb aufgesuchten Urlaubsexil) nicht.

Mittwoch, 30. Dezember 2009

Der Herr Klaus

herr_klaus_und_gjm Der Herr Klaus, demokratischer König von Tschechien, schaute etwas nachdenklich und ernst, als ich ihm heute (in einer Ausstellung in Český Krumlov) erklärte, dass ich als Tourist die Einführung des Euro statt der tschechischen Krone sehr begrüßen würde.

Es wäre weniger erschreckend für mich, die Preise in Cafés, an Tankstellen oder sonstwo zu betrachten.

Andererseits schult es natürlich das Kopfrechnen. Ein Glas Bier im Restaurant kostet beispielsweise 38,00. Da kann man schon innerlich Zweifel am eigenen Durst bekommen. Doch dann setzt die Rechenkunst im Kopf ein: Ein Euro ist etwa 28 Kronen wert. Also ist der halbe Liter köstliches Nass doch nicht ganz so unerschwinglich - und ich bestelle froh ein pivo. Zum Wohl, jawohl!

herr_chaplin_und_eva

Die beste aller Ehefrauen plauderte derweil mit Herrn Chaplin über die Filmkunst an und für sich. Er sah so traurig aus, dass sie nicht umhin konnte, ihn versuchsweise etwas aufzuheitern. Sie erklärte ihm, dass es ihm womöglich besser stünde, den unsäglichen Schnurrbart zu rasieren.

Er jedoch blieb wehmütig wie er war - offensichtlich hängt er an seiner Gesichtsbehaarung.

Na ja. Künstler sind nun mal Künstler, und Politiker sind Politiker. Und wir sind nur Touristen, die den Urlaub genießen.

Was ja der Sinn der Reise war und ist. Gute Nacht, liebe Welt.

Handgeschriebenes...

...sieht man heutzutage selten, und´mit so viel Sorgfalt zu Papier gebrachtes schon gar nicht. Daher freue ich mich, dass Jan Hus sich die Zeit genommen hat, diesen Blogbeitrag mit sauberen Buchstaben so makellos zu gestalten. Ich wünsche angenehme Lektüre.

handschrift

(Fotografiert im Historischen Museum Budweis)

Montag, 28. Dezember 2009

Je nachdem, wie man es betrachtet...

PC270554...hätte es schlimmer kommen können oder es ist eine kleine Katastrophe.

Auf der Fahrt in den Silvesterurlaub kam ich gestern etwa 20 Minuten nach der tschechischen Grenze in einer Kurve ins Schleudern (Eisschicht auf einer sonst trockenen Straße) und rutschte trotz ABS und so weiter unkontrolliert auf ein entgegenkommendes Fahrzeug zu. Dem Zusammenprall entgingen wir um geschätzte 20 Zentimeter, rutschten aber ungebremst mit der Nase des Autos mit etwa 60 Stundenkilometer in die Böschung.

Das Ergebnis: Keine Scheinwerfer mehr vorne, keine Blinker, das Nummernschild unauffindbar - aber andererseits niemand verletzt und keine Kollision mit dem entgegenkommenden Fahrzeug.

Der ACE kümmerte sich nach unserem Notruf um ein Ersatzfahrzeug, damit wir die Reise fortsetzten konnten, lieferte es bei uns in der kleinen Stadt Kynsperk nad Ohri ab und ließ den beschädigten Windstar zurück in eine Werkstatt in Deutschland schleppen.

PC280574Von dort erhielten wir heute einen Anruf, der jede Hoffnung auf eine Reparatur zunichte macht, die würde nämlich runde 7.000 Euro kosten, was ein absoluter Unfug wäre bei einem so alten Auto. Es ist viel mehr kaputt, als der Augenschein vermuten ließ.

Nun sind wir einerseits froh und dankbar, dass niemand zu Schaden kam, dass wir (mit einem ZITRÖHN!!! - allerdings wenigstens inkognito mit Hamburger Nummernschild) auf Kosten des Automobilclubs (den ich in jahrelanger Mitgliedschaft bisher nichts gekostet hatte) den Urlaub fortsetzen beziehungsweise überhaupt antreten konnten, andererseits ist ein Totalschaden natürlich eine vorher nicht kalkulierte finanzielle Belastung.

Doch erst mal versuchen wir, den Schreck und Schock (seit 1974 habe ich den Führerschein, und dies war mein erster und einziger Unfall) zu vergessen. Es ist nur Blech kaputt - Blech kann man ersetzten. Und Budweis ist eine romantische, schöne und urlaubsfördernde Stadt...

Sonntag, 27. Dezember 2009

Don’t be evil…

image …ist seit der Gründung / Erfindung das Motto von Google.

Der Leitsatz zielt normalerweise auf den Umgang mit den Kunden, aber das Google-Weihnachtsgeschenk zeigt, dass das längst nicht alles ist.

Ein Klick aufs Bild führt zum Weihnachtsgeschenk, falls einige meiner Leser keine Google-Kunden sind und die Weihnachtpost nicht bekommen haben.

Gefällt mir sehr, das Google-Geschenk. Sehr. Sehr sehr.

Samstag, 26. Dezember 2009

Stephen King: Under the Dome

A used car dealer with a fierce smile and no warmth, he’d given his heart to Jesus at age sixteen and had little left for his customers, his neighbors, or his dying wife and deteriorating son. The town’s Second Selectman, he’s used to having things his way. He walks like a man who has spent his life kicking ass.

Wir lernen diesen Gebrauchtwagenhändler zur Genüge kennen. Besser, als uns lieb ist. Big Jim ist – excuse my French – ein Arschloch. Wir kommen jedoch nicht darum herum, ihm immer wieder zu begegnen, denn Chester’s Mill ist nun mal eine Kleinstadt., in der wir uns eine ganze Weile aufhalten. 1074 Seiten lang, um genau zu sein. Das ergibt wahrlich kein dünnes Buch. So etwas könnte ermüden, abschrecken, einschüchtern. Es könnte dazu verleiten, Seiten zu überblättern, während man auf dem langen Weg von Seite 1 zum Ende ist. Doch dieses Buch ist noch nicht einmal lang genug. Warum? Weil mein Lesevergnügen viel zu schnell vorüber war.

imageAllerdings nicht zu schnell für die Menschen, die den Roman bevölkern. Einige von ihnen, die ich kennen und schätzen lernte, schafften es nicht, bis zu den letzten Seiten zu überleben. Das war zu erwarten, aber manches Mal wünschte ich doch, der eine oder die andere hätte noch eine Chance – oder überhaupt eine Chance – bekommen.

In manchen Kritiken habe ich mit Verwunderung gelesen, das Buch hätte kürzer sein können oder sollen. Vermutlich bevorzugen solche Leser eine Tüte Pommes Frittes im Stehen statt eines Mahls am festlich gedeckten Tisch, einen 3-Minuten Song statt eines Albums, einen Sketch statt eines Spielfilmes? Natürlich hätte die Handlung ganz kurz umrissen und berichtet werden können: Eine Kleinstadt in Maine wird eines Vormittags vom Rest der Welt isoliert. Selbst die Versuche des Militärs, mit modernsten Waffen die Barriere zu durchdringen, scheitern…. – wie langweilig das doch wäre! Das wäre keine Erzählung, das wäre keine Reise in die Köpfe und Herzen der Menschen, denen solch ein Schicksal widerfährt. Gute Menschen und böse Menschen, mit allem, was ihr Leben ausmacht.

Stephen King hat seinen Leser mit Under the Dome ein weiteres Meisterwerk in die Hand gegeben, das zwar nicht ganz an The Stand heranreicht, das aber doch viele andere Bücher übertrifft. Von den 1074 Seiten hat mich keine einzige gelangweilt, nicht einmal ein kleiner Abschnitt war mir zu lang. Jeder Satz ist notwendig und jeder Satz hält die Spannung aufrecht, so dass man gelegentlich vergisst, wer und wo man ist. Im Nachwort gibt der Autor die Loorbeeren für den nicht abreißenden Sog der Erzählung weiter an seine Lektorin:

Nan Graham edited the book down from the original dinosaur to a beast of slightly more manageable size; every page of the manuscript was marked with her changes. … Whenever I weakened she jammed her foot on top of mine and yelled (in the margins, as editors are wont to do), “Faster, Steve! Faster!”

Eine der großen Stärken des Erzählers Stephen King ist zweifellos sein virtuoser Umgang mit der Sprache, wodurch die Charaktere lebendiger werden als durch bloße Beschreibungen. Ich fürchte, dass auch bei diesem Buch, oder vor allem bei diesem Buch, die Übersetzung in andere Sprachen einiges von dem Zauber auslöschen wird, der diesen Roman so lesenswert macht. Es mag immer noch besser sein, Under the Dome auf Deutsch zu lesen als gar nicht, aber schon der dämliche Titel Die Arena, den der Verlag gewählt hat, lässt überwiegend ungute Ahnungen in mir aufkommen. Ich will nicht behaupten, dass ich selbst mich an eine Stephen King Übersetzung herantrauen würde, obwohl ich mittlerweile schon etliche Bücher übersetzt habe. Höchstens für sehr viel Geld mit anschließendem Übersetzerschutzprogramm (Asyl, neue Identität…). Ich wäre nämlich an manchen Stellen ratlos, wie ich das Gelesene in meiner Muttersprache adäquat wiedergeben könnte.

Wie auch immer. Wer sich das Abenteuer gönnt, Under the Dome zu lesen, der wird von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt sein, und zwar auf eine Art, von der man wünscht, sie würde nicht enden. Das Ende kommt allerdings, und zwar – nun ja. Das Ende eines Romans ist bei Stephen King mitunter nicht ganz nach meinem Geschmack. Bei Duma Key ging es mir so, bei Cell, bei Lisey’s Story. Auch bei diesem aktuellen Roman wünschte ich, der Autor hätte sich, was die Ursache der Isolation von Chester’s Mill betrifft, etwas anderes ausgedacht. Ich will niemandem die Spannung verderben, daher sage ich hier nichts zur schrittweisen Auflösung des Geheimnisses auf den letzten etwa 50 bis 60 Seiten. Oder 100. Immer mehr deutet Seite für Seite darauf hin, und beim Lesen hatte ich noch gehofft, auf eine falsche Fährte gelockt zu werden, eine starke statt einer schwächelnden Auflösung zu bekommen – vergeblich. Aber gut, zugegeben: eine andere Lösung fällt mir auch nicht ein. Und es geht letztendlich in diesem Roman kaum um das warum, sondern darum, wie die Menschen mit dem umgehen, was ihnen zustößt. Um das, was manche dabei ihren Mitmenschen zufügen, wenn Masken plötzlich fallen und das Böse entblößen. Wie andere über sich selbst hinauswachsen, wodurch das Gute, bislang unsichtbar verborgen oder vom Leben verschüttet, wirksam werden kann. Under the Dome ist ein moralisches Buch, das nicht moralisiert. Es hält unaufdringlich einen Spiegel vor die Seele des Lesers. Man kann hineinsehen oder wegblicken. Wer es wagt, sich darauf einzulassen, wird nach der Lektüre bemerken, dass einer der Sätze im letzten Kapitel des Buches während der Lektüre wahrgeworden ist:

For we saw as through a glass darkley, but now we see as if face to face.

Doch auch ohne in den Spiegel zu schauen ist Under the Dome vor allem eins: Gnadenlos spannende, hervorragende Unterhaltung. Vielleicht sogar Stephen Kings zweitbestes Buch.

Freitag, 25. Dezember 2009

Gastbeitrag Dietrich Bonhoeffer: Weihnachtsbrief aus dem Gefängnis an die Eltern

Es bleibt mir wohl nichts übrig, als Euch für alle Fälle schon einen Weihnachtsbrief zu schreiben. Ich brauche Euch nicht zu sagen, wie groß meine Sehnsucht nach Freiheit und nach Euch allen ist. Aber Ihr habt uns durch Jahrzehnte hindurch so unvergleichlich schöne Weihnachten bereitet, dass die dankbare Erinnerung daran stark genug ist, um auch ein dunkleres Weihnachten zu überstrahlen.

In solcher Zeit erweist es sich eigentlich erst, was es bedeutet, eine Vergangenheit und ein inneres Erbe zu besitzen, das von dem Wandel der Zeiten und Zufälle unabhängig ist. Das Bewusstsein von einer geistigen Überlieferung, die durch die Jahrhunderte reicht, getragen zu sein, gibt einem das sichere Gefühl der Geborgenheit.
Vom Christlichen her gesehen kann ein Weihnachten in der Gefängniszelle ja kein besonderes Problem sein. Wahrscheinlich wird in diesem Hause hier von vielen ein sinnvolleres und echteres Weihnachten gefeiert werden als dort, wo man nur noch den Namen dieses Festes hat.

Dass Elend, Leid, Armut, Einsamkeit, Hilflosigkeit und Schuld vor den Augen Gottes etwas ganz anderes bedeuten als im Urteil der Menschen, dass Christus im Stall geboren wurde, weil er sonst keinen Raum in der Herberge fand, - das begreift ein Gefangener besser als ein anderer, und das ist für ihn eine wirklich frohe Botschaft.