Freitag, 2. April 2010

Karfreitag: Anstößig bis heute

File:Van Eyck Crucifixion.jpgWas für ein enttäuschender König. Ein Herrscher, der sich weigert, auf Hass mit Härte zu reagieren. Der Gewalt nicht mit Gewalt vergelten will. Ein Messias, der nach einem bejubelten Einzug in die heilige Stadt Jerusalem nicht als strahlender Held den Thron besteigt.  Stattdessen lässt er es bewusst zu, dass ein Freund ihn an die Feinde verrät, er erhebt keinen Finger, als man ihn gefangen nimmt, als alle Freunde ihn verlassen.

Im Brief an die Philipper finden wir einige Zeilen, die diesen König am Karfreitag beschreiben:

Habt diese Gesinnung in euch, die auch in Christus Jesus war, der in Gestalt Gottes war und es nicht für einen Raub hielt, Gott gleich zu sein. Aber er machte sich selbst zu nichts und nahm Knechtsgestalt an, indem er den Menschen gleich geworden ist, und der Gestalt nach wie ein Mensch befunden, erniedrigte er sich selbst und wurde gehorsam bis zum Tod, ja, zum Tod am Kreuz.

Die Herrlichkeit Gottes strahlt und leuchtet hier nicht, sondern sie blutet. Man findet sie am Kreuz, am Ort der Schande. Das ist heute so anstoßerregend wie vor 2000 Jahren. Ein verletzlicher Gott wird in der sogenannten Karwoche sichtbar, ein über seine Stadt weinender König, einer, dessen Freunde einschlafen, als er sie um Gebet bittet, ein hilfloser und verlassener Herrscher. Dieser Messias ist alles andere als das, was die jubelnden Menschen am Wegesrand erwartet hatten, als sie eine Woche zuvor Palmenzweige und Gewänder auf der Straße ausbreiteten und ihm lauthals zujubelten.

Wer würde sich so etwas ausdenken? Ein solches Ende für die Hauptperson würde niemand ersinnen, der eine Religion, eine Glaubensgemeinschaft gründen will. Das Ende taugt nicht für einen Herrscher, einen König. Das ist abstoßend, unwürdig. Und notwendig: Das Schicksal Jesu in Jerusalem ist sein Eintritt in unseren Tod. In unsere Verletzlichkeit. Anstatt seine Feinde zu zerschmettern wird Gott zum Opfer, dem alles widerfährt, was uns im Leben und Tod geschehen könnte und auch manchen von uns zustößt.

Der Lyriker Wystan Hugh Auden wurde einmal gefragt, warum er Christ sei und nicht Buddhist oder Anhänger des Konfuzius; deren Lehren würden schließlich ähnliche ethische Werte vertreten. »Weil nichts an den Figuren des Buddha oder Konfuzius mich mit dem überwältigenden Bedürfnis erfüllt, kreuzige ihn! zu schreien«, antwortete er. Jesus löste Widerspruch aus, verhielt sich unangemessen, eckte an. Er war zu Gast bei Geächteten, berührte Unreine, pfiff auf religiöse Vorschriften, wenn er einen Menschen in Not sah. Wer ihm heute nachfolgt, hat einen anstößigen Herrn.

Sie sollen die Gesinnung in sich haben, empfiehlt der Autor des Philipperbriefes den Gläubigen, die in Christus Jesus war. Eine Gesinnung, die uns dazu bringt, unsere Rechte, unsere legitimen Ansprüche aufzugeben, den Menschen »zu dienen in einer Knechtsgestalt«. Das ist anstößig, noch heute. Und es gelingt uns nur bedingt, wenn überhaupt. Wir meinen, Erfolg, auch geistlicher Erfolg, habe mit Triumph im Diesseits zu tun, mit dem Wegwischen aller Widerstände und Beschwernisse. Wir möchten uns nicht erniedrigen, wehrlos machen, gehorsam bis zum Kreuz bleiben. Es ist doch viel schöner auf der Sonnenseite des Lebens…

Karfreitag ist eine Herausforderung, auch im Jahr 2010. Zumindest für mich.

P.S.: Inspiriert unter anderem durch eine Predigt von Nadia Bolz-Weber. Bild von WikiCommons

Donnerstag, 1. April 2010

E-Mail-Porto beschlossen!

Der Schock am 1. April für Millionen Menschen: Ab Juni wird in Deutschland das E-Mail-Porto fällig. Wegen des starken Rückgangs des herkömmlichen Briefverkehrs haben Politik und Post-Unternehmen heute diese Gebühr beschlossen.

Voting-Grafik: E-Mail kostet 1 CentJetzt bekommt die Bezeichnung »E-Mail-Konto« eine ganz neue Bedeutung. Ab Juni wird für das Versenden jeder E-Mail eine Gebühr von einem Cent fällig. Das hat das Bundesministerium für Post und Telekommunikation zusammen mit führenden Politikern beschlossen.

Der Grund: Wegen gravierenden Veränderungen in der Schriftkommunikation ist die Zahl der Briefsendungen dramatisch gesunken. Die schrumpfenden Einnahmen der Post-Unternehmen haben massive Auswirkungen auf die öffentlichen Kassen. Besonders die Staatseinnahmen durch die Mehrwertsteuer litten in den vergangenen fünf Jahren erheblich darunter. Am Ende schlägt sich diese »Schieflage« auch in den privaten Haushalten nieder, so die Argumentation von Politik und Wirtschaft.

Die Computerhersteller haben bereits Prototypen der Münzeinwurf-Geräte für das Bezahlen der E-Mails vorgestellt (siehe Foto). Monatlich einmal kommt dann ein Beauftragter des Bundesministeriums vorbei, um das Geld zu entnehmen.

Welch ein grausiger 1. April das doch – besonders für Vielschreiber von E-Mails – ist! Schnief!

(via br-online)

Bin ich ein Missbrauchsopfer?

Aus den Google News vom 31. März:
…berichten die ehemaligen Heimkinder von Ohrfeigen, Fausthieben gegen den Oberarm sowie Schlägen auf das Gesäß mit Teppichklopfer und Stock. Auch die Nonnen sollen die Kinder geschlagen haben - mit Holzbesen, Holzpantoffeln und Kleiderbügeln…
Skandal! Wahnsinn! Aber hallo! Welch eine sensationelle Enthüllung! Was für ein Skandal! 103 Artikel! Stern, Welt, Süddeutsche, Focus… – keiner darf fehlen!
Wieder einmal wird auf eine katholische Einrichtung geschossen, und zwar aus vollen Rohren und von so gut wie allen Medien. Weil man den prominenten Namen »Mixa« so schön in der Schlagzeile unterbringen kann. Der soll irgendwie seinerzeit dafür Verantwortung getragen haben.
So so. Und nun die Fakten aus meinem Leben:
  • Ich wurde, wie auch andere Schüler, von Lehrern in der evangelischen Volksschule in Memmingerberg bei Memmingen mit dem Lineal auf die Finger geschlagen.
  • Der Sportlehrer hat uns mehrfach seinen Schlüsselbund ins Kreuz oder einen harten Ball gezielt an den Kopf geworfen.
  • Es gab in der Grundschule Ohrfeigen von Lehrern.
  • Im Bernhard-Striegel-Gymnasium in Memmingen wurden wir gezwungen, nach dem Sport beziehungsweise vor dem Schwimmunterricht  zu duschen, ohne Vorhänge oder Sichtschutz. Wir waren 12, 13, 14 Jahre alt, nackt, wehrlos und nass und mussten uns in diesem Zustand von erwachsenen Augen betrachten lassen.
  • Im gleichen Gymnasium wurden Schüler mit Schlägen auf das Gesäß mit dem Tafelstock des Lehrers gemaßregelt.
  • Der Mathematiklehrer gab uns häufig einen Schlag mit dem Mathematikbuch auf den Kopf, wenn uns die Antwort auf seine Frage nicht einfiel.
  • Zu Hause gab es nicht nur bei mir, sondern vielen Freunden, neben Ohrfeigen regelmäßig auch Züchtigungen mit Teppichklopfern, Kleiderbügeln oder Kochlöffeln auf das nackte Gesäß.
Bin ich also ein Missbrauchsopfer? Meine Mitschüler? Meine Generation? Vermutlich nur dann, wenn ein Katholik ins Spiel gebracht werden könnte, mit möglichst prominentem Namen, am besten natürlich Ratzinger. Oder wenigstens Mixa.
Nicht nur den »ehemaligen Heimkindern« aus der Pressemeldung, die somit ihre fünf Sekunden Ruhm ergeiert haben, sondern auch der Presse, die solche gequirlte (man entschuldige meine Ausdrucksweise) Scheiße verbreitet, sollte man unbedingt zwangsweise (unter Androhung von Prügeln auf den nackten Hintern im Falle des Schwänzens!) Nachhilfe in »Geschichte der Erziehungsmethoden in der Nachkriegsgeneration« geben.
Missbrauch von Kindern durch humanistische, katholische, islamische, sonstwie –ische oder gar atheistische Erwachsene ist etwas Schreckliches, nicht zu entschuldigen und unbedingt strafrechtlich zu verfolgen.
Aber die gängigen Erziehungsmethoden von damals, man wird sie heute mit gutem Grunde anlehnen, werden nicht dadurch zum Missbrauch, dass man sie so nennt, um endlich selbst mal in die Zeitung zu kommen – oder als Zeitungsmacher die Auflage zu steigern.

Mittwoch, 31. März 2010

Jede Menge Sünde auf einem Haufen

image Ich hatte, gedächtnisstarke Stammbesucher dieses Blogs erinnern sich, am letzten Tag des vergangenen Jahres aufatmend berichtet, dass ein Artikel für eine Zeitschrift noch im Rahmen der redaktionellen Abgabefrist fertig geworden sei. Wer sich nicht erinnert, kann, Lust und Laune dazu vorausgesetzt, mal nachschauen: Fertich jeworden

Eine liebenswerte Kommentatorin wunderte sich seinerzeit: »Eins jedoch hat mich stutzig gemacht: es gibt Kinderlieder über Sünde und Gesellschaft?« Ich versprach, den Kommentar kommentierend, dass ich das Geheimnis des Kinderliedes lüften würde, wenn der fragliche Artikel erschienen sein wird. Gestern kamen die Belegexemplare bei mir an, also ist es nun so weit.
Man nehme die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift »The Race«, öffne sie auf Seite 28 und lese die erste Strophe besagten Liedes. Die erste Zeile der ersten Strophe hat es sogar auf das Titelbild der Jubiläumsausgabe geschafft: Pass auf, kleines Auge, was du siehst.

Jede Menge Sünde auf einem Haufen oder besser gesagt in einem Heft – die Märzausgabe des Magazins hat ein Schwerpunktthema, das so leicht zu behandeln nicht ist. Können Kinder sündigen? Kann Vergebung unauffindbar sein? Was hat es mit dem »Risikofaktor Gnade« auf sich? Hinter Gittern gelandet – wie sieht da die Schuld im Rückblick aus? Im Dunkeln darf gestohlen werden? Und vieles mehr. Unter den Autoren ist übrigens Haso zu finden, seinen Artikel habe ich als ersten verschlungen: »Komm, Gauner, iss mit mir« soll Jesus zu einem geächteten Kerl gesagt haben. Und Peggy, die im Unwetter wild  gegen Gott loswetterte, wurde nicht vom Blitz erschlagen.
Mein Beitrag beschäftigt sich mit dem erhobenen Zeigefinger, dem Begriff Sünde im Spannungsfeld von Gemeinde und Gesellschaft und der Frage, was denn Sünde eigentlich sein soll. Ein weinendes Mädchen kommt vor, ein tröstender, ziemlich aufgebrachter Junge, Lieschen Müllers Steuererklärung und dass der Mensch - Du, lieber Leser dieser Zeilen und ich eingeschlossen - wie Gott geworden ist.

Eine auch jenseits des Schwerpunktthemas hoch interessante Ausgabe, diese Nummer 36. Mehr zum Heft: The Race Online

Dienstag, 30. März 2010

Jessika muss warten…

…und darf erst nach Ostern, voraussichtlich am Dienstag, wieder hier ihr Unwesen treiben. Mich haben schon ungeduldige Nachfragen erreicht – doch Hast wäre fehl am Platze.

Jessika muss warten!

Die Fortsetzung, ungefähr im gleichen Umfang wie der vorige Teil, ist geschrieben, aber sie bedarf noch einiger Nacharbeit. Beim Lesen der ausgedruckten Seiten mit dem Kugelschreiber in der Hand blieben Hand und Schreibwerkzeug nicht untätig, wie man leicht sieht. Nach dem Einarbeiten der notierten Änderungen und Ergänzungen folgt ein weiterer Ausdruck und eine erneute Überarbeitung. Jessika legt Wert auf ordentliche Arbeit, und mit ihr ist nicht zu spaßen! Das werden wir, das wird Bernd noch deutlicher zu sehen bekommen, als uns, als ihm lieb ist.

Also mache ich mir lieber die Mühe, bevor ich Jessikas Zorn auf mich ziehe…

Den Tod nicht verleugnen – Dennis Hopper

Dennis Hopper stirbt an Prostatakrebs, aber er hat es sich nicht nehmen lassen, zur Enthüllung seines »Star of Fame« in Hollywood persönlich zu erscheinen. Sichtlich freute er sich besonders, als sein Kollege Jack Nicholson sich für die Fotographen neben ihn setzte.

Screenshot von CNN

Wir werden wohl in den nächsten Tagen oder Wochen die Todesnachricht lesen und hören. Mancherorts wird derweil darüber gestritten, ob ein solches öffentliches Sterben angemessen wäre, es ist wohl manchen Menschen einfach unangenehm, dadurch an die eigene Sterblichkeit erinnert zu werden.

Es passt zu Dennis Hopper, sich nicht zu verstecken, sondern die fröhlichen Momente, die das Leben ihm noch schenkt, auch zu genießen. Er verleugnet weder vor sich selbst noch vor der Öffentlichkeit sein Sterben. Ein mutiger Mann, dieser große Schauspieler.

Hier: Das Video von der Star of Fame Enthüllung.

Montag, 29. März 2010

Laut gelacht…

…haben wir gestern, auf dem heimischen Sofa sitzend, als Herr Lindner Herrn Ernst lobte:

Martin Lindner: "Vor allen Dingen von Linken wie Ihnen, wo immer wieder auf der einen Seite gefordert wird, wir sollen hier bluten für die anderen, und auf der anderen Seite wird gesagt, wie schlecht es hier in Deutschland zugeht. Das ist doch nicht die Wahrheit und das wissen Sie auch, Herr Ernst, als durchschnittlich intelligenter Mensch." © NDR Fotograf: Wolfgang Borrs

Der solchermaßen Gebauchpinselte schien das Lob gar nicht zu verstehen. Vielleicht war ja »durchschnittlich« in der Bewertung doch zu hoch gegriffen?

Datenschutz ist pfui?

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Wenn die Stiftung Warentest etwas kritisiert, dann muss es ja wohl pfui sein. Laut »WELT Online« kritisiert die Stiftung Datenschutz in Online-Netzwerken. Und ich dachte immer, Datenschutz wäre gut…

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Und wann hat denn der amerikanische Häuptling den Namen gewechselt? Hieß der nicht Barack Obama? Seit wann ist aus Barack Afghanistan geworden? Und geht so eine Namensänderung überhaupt, während man Häuptling von Amerika ist?

Samstag, 27. März 2010

Gastbeitrag Jakob van Hoddis: Weltende

Weltende

Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
In allen Lüften hallt es wie Geschrei.
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei
Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.

Quelle

Freitag, 26. März 2010

Wer bist du, Jessika? - Teil 2

image Wie angekündigt kommt rechtzeitig zum Wochenende die Fortsetzung. Wer Teil eins versäumt hat: Hier entlang!
Die abstimmenden Leser hatten das Wort und ich folge ihrem Votum, das mit 89,5% für eine Fortsetzung deutlich ausfiel. Knapp 24% der mit »Ja…« Stimmenden hatten sich gewünscht, dass Bernd von der Rätselhaften genasführt wird – nun ja. Die Mehrheit war anderer Meinung. Jessika selbst übrigens auch. So viel weiß ich inzwischen von ihr: Sie ist kein braves Mädchen. Wirklich kein braves Mädchen.
Heute werden wir sie ein wenig besser kennen lernen, ohne jedoch bereits durchblicken zu können.

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»Ich weiß nicht, wer du bist, aber dass du bist, ist mir klar«, meinte Bernd. »Immerhin sitzen wir hier am Tisch und nachher liegen wir voraussichtlich im Bett, um dem nächsten Tag entgegen zu schlafen.«
»Hinterher«, erklärte Jessika und kniff erst das rechte, dann das linke Auge zu.
Die erotische Komponente ihrer Liebe war so vollkommen wie das ganze Zusammenleben, das ihn zunehmend irritierte. Zu schön, zu gut, zu perfekt, um wahr zu sein. Und eigentlich für seinen Geschmack – oder besser gesagt für seine Persönlichkeit – viel zu schnell Wirklichkeit geworden.
Kennen gelernt hatte er Jessika vor rund vier Wochen, überfallartig, unversehens, aus heiterem Himmel und auf eine Weise, die er für seine literarischen Figuren als unglaubwürdig verworfen hätte. Kein Leser würde einem Autor so etwas abnehmen, zumindest kein Leser mit nennenswerter Intelligenz. Aber das Leben hatte wieder einmal bewiesen, dass er weitaus merkwürdiger sein konnte als die Fiktion.
Er hatte auf dem Weg zum dringend notwendig gewordenen Lebensmitteleinkauf wie üblich den Aufzug benutzt. Das Licht, das normalerweise das Kommen der Kabine signalisierte, flackerte kurz und erlosch wieder, er hörte jedoch das Poltern und Quietschen, das diesem altertümlichen Fahrstuhl eine fast schon persönliche Note gab. In den zwanzig Jahren, die Bernd hier wohnte, hatte er kein einziges Mal beobachtet, dass eine Wartung oder Überprüfung des Aufzuges durchgeführt worden wäre. Er hätte in jedem anderen Gebäude einen solchen Lift misstrauisch gemieden, aber die Macht der Gewohnheit, gepaart mit der Mühsal, acht Stockwerke zu Fuß zu bewältigen, überwog jegliche Bedenken, die gelegentlich bei besonders misstönendem Quietschen aufkamen. Es war zwanzig Jahre lang nichts passiert, also machte er sich wenig Sorgen, wenn er die knarzende Kabine betrat.
In Gedanken noch mit einer Idee beschäftigt, aus der gerade eine neue Kurzgeschichte werden wollte, stieg er ein und drückte auf die Taste mit dem E.
Im sechsten Stockwerk hielt der Lift, eine ihm unbekannte junge Frau stieg zu, der Fahrstuhl setzte sich wieder in Bewegung, um dann zwischen dem vierten und dritten Stockwerk mit einem Ächzen stehen zu bleiben. Das magere Licht in der Kabine verlosch. Eine Notbeleuchtung war genauso wenig vorhanden wie ein Alarmknopf oder gar ein Telefon, wie man es in moderneren Fahrstühlen fand.
Sein Mobiltelefon lag in der Wohnung auf dem Schreibtisch; zum Einkauf pflegte er es nicht mitzunehmen. Eigentlich vergaß er es so gut wie immer, wenn er das Haus verließ. Er mochte Telefone grundsätzlich nicht, das Mobilgerät hatte er nur angeschafft, um unterwegs im Notfall Hilfe anfordern zu können. Abgesehen von einer Autopanne wegen defekter Batterie vor zwei Jahren war der Notfall noch nicht eingetreten. Jetzt, im Fahrstuhl stecken geblieben, zweifellos ein geeigneter Fall für einen Notruf, war das Gerät nicht zur Hand.
»Sagen Sie«, fragte Bernd in die Finsternis hinein, »haben Sie ein Telefon bei sich?«
Seine Gedanken kamen ihm abhanden. Die junge Frau sagte nichts. Stattdessen fühlte er, wie sich eine warme Hand auf seinen Arm legte und sanft seine Haut zu streicheln begann. Er war irritiert, aber unangenehm fühlte sich das nicht an. Eine zweite Hand begann, sein Haar zu durchfurchen.
»Moment mal, bitte, was soll das?«, fragte er.
Die Antwort bestand aus weichen Lippen, die sich auf seinen Mund drückten. Verdattert, aber dann doch nicht widerwillig, gab Bernd nach. Er war sicher, die junge Dame nicht zu kennen, dennoch empfand er diesen unerwarteten Moment wie vertraut, als küssten sie sich täglich viele Male, seit Jahren, ein ganzes Leben lang... – seine Gedanken kamen ihm abhanden, während die Unbekannte sich eng in seine Arme schmiegte. Bernd war sicher, dass er träumte. Einen ziemlich angenehmen, womöglich gar feuchten Traum offensichtlich, denn die Veränderung unterhalb seiner Gürtellinie blieb weder ihm noch derjenigen verborgen, die sich nun noch enger an ihn drückte.
Er versuchte, sich zu erinnern, wie die junge Frau eigentlich aussah. Als sie den Lift betrat, hatte er sie kaum angeschaut, nur einen kurzen Blick geworfen, ob es sich um jemanden handelte, den man grüßen, mit dem man ein paar Worte wechseln musste. Aber sie war ihm fremd gewesen. Also hatte er »Guten Tag« gemurmelt und wieder weggeschaut, auf die Stockwerksanzeige, denn in einer engen Kabine jemanden anzustarren war so unhöflich wie ein Sarrazin auf Hochtouren, wenn es um kleine Kopftuchmädchen ging. Er erinnerte sich nur an dunkle Haare, glatt, schulterlang, ein unauffälliges aber durchaus hübsches schmales Gesicht. Soweit er sich ihr Bild vergegenwärtigen konnte, trug sie Jeans und eine violette Bluse. Seine Hände ertasteten Seide über warmer Haut. Verstand und Zeit standen still.
Die Unbekannte sprach noch immer kein Wort, als runde fünf Minuten später das Licht anging und der Lift sich rumpelnd wieder in Bewegung setzte. Bernd betrachtete ihr Gesicht, ihr feenhaftes Lächeln, die klitzekleinen Grübchen in ihren Wangen. Er hatte die Frau noch nie gesehen, und doch war sie so vertraut, als hätte er bereits ein halbes Leben mit ihr geteilt. Das Gefühl der Unwirklichkeit nahm zu. Vermutlich würde er gleich aufwachen, mit Bedauern. Aber noch träumte er offensichtlich.
»Wer sind Sie?«, fragte Bernd.
Der Fahrstuhl hielt im Erdgeschoß und nach einem Zwinkern, an dem erst das rechte, dann das linke Auge beteiligt war, verschwand die junge Frau leichtfüßig durch den Flur hinaus auf die Straße.
In der Tür drehte sie sich kurz um und sagte »Jessika«.
Bernd stand noch immer fassungslos in der Fahrstuhlkabine und wartete darauf, nun in seinem Bett aufzuwachen. Erst als die Türe sich schließen wollte, setzte auch er sich in Bewegung. Auf der Straße waren Menschen unterwegs, aber nach Jessika suchten seine Blicke vergeblich.
Während er dem Supermarkt zustrebte, fuhr der Lift wieder in den achten Stock hinauf. Familie Aksu, die seit zwei Jahren neben Bernd wohnte, stieg ein zur letzten Fahrt des altertümlichen Fahrstuhles. Herr Aksu wog 110 Kilogramm, seine Frau 75. Die vier Kinder hätten zusammen 160 Kilogramm auf die Wage gebracht, wenn es ihnen gelungen wäre, gemeinsam auf eine zu steigen. Auf eine solche Idee waren sie natürlich nie gekommen. Und in einer halben Minute sollte es mit allen Ideen sowieso für immer vorbei sein. Der Fahrstuhl war für drei Personen zugelassen, 280 Kilogramm stand auf dem Messingschild als Höchstbelastung. Doch die Macht der Gewohnheit, gepaart mit der auch Bernd zueigenen Bequemlichkeit, überwog seit Monaten – schließlich waren sie immer, zwar in drangvoller Enge, aber doch sicher, hinauf und hinunter gefahren.
Herr Aksu drückte auf den Knopf mit dem E, ruckelnd setzte sich die Kabine in  Bewegung. Das charakteristische Quietschen der Mechanik verlor jeden halbwegs romantisch-freundlichen Charakter, während die Verankerung der Seile nachgab und die Kabine ungebremst abstürzte.

Dreißig Minuten später bog Bernd wieder in seine Straße. Die Feuerwehr war noch dabei, die Leichen zu bergen. Zwei Polizisten wollten ihm den Zugang zum Haus verwehren, sein Personalausweis überzeugte die Beamten jedoch, dass Bernd ein Hausbewohner war. Was passiert war, wollten oder konnten sie ihm allerdings nicht sagen. Er solle zügig weitergehen und die Rettungsarbeiten nicht behindern, mahnte man ihn.
Er trug den gut gefüllten Einkaufskorb die Treppe hinauf. Im sechsten Stockwerk war Jessika zugestiegen, er setzte den Korb ab, um die Klingelschilder zu studieren. Links wohnte eine alte Dame, rechts ein zerstrittenes Ehepaar in den Vierzigern und in der größeren Wohnung in der Mitte eine Gruppe Studenten. Früher hatte man so etwas Kommune genannt und als anrüchig betrachtet, heutzutage waren studentische Wohngemeinschaften in Berlin an der Tagesordnung. Es standen keine Namen an der Tür, sondern »WG Jura«. Die mittleren Wohnungen im Haus hatten vier Zimmer, Bernd bewohnte selbst eine solche.
Er hatte nie Kontakt mit den Studenten, der Beschriftung nach wohl angehende Juristen, gehabt, sah hin und wieder junge Leute im Treppenhaus oder im Fahrstuhl, aber wer nun dort wohnte oder nur Besucher war, wusste er nicht. Er hatte auch nie besonders auf die Nachbarn geachtet. Er lebte allein und zurückgezogen, seit er mit siebzehn Jahren das Elternhaus verlassen hatte. Die kurze Episode mit Monika lag sechzehn Jahre zurück, und sie war so kurz gewesen, dass weder sie noch er überhaupt einen Gedanken an eine gemeinsame Wohnung verschwendet hatten. Kurz, aber nicht ohne Folgen.

»Guten Morgen«, grüßte eine Stimme hinter ihm, als er zwei Wochen später den Hausbriefkasten auf Post kontrollierte. Er drehte sich um und da stand sie.
Jessika.
Sie trug weiße Jeans, Sandalen und ein weißes T-Shirt. Bernd betrachtete ihre gebräunte Haut und die dunklen klaren Augen unter langen Wimpern, ihre jugendliche Frische ohne erkennbares Make-up gefiel ihm. Die dunkelblonden Haaren trug sie in der Mitte gescheitelt, zwei winzige Diamanten als Ohrstecker, um den Hals ein feingliedriges silbernes Kettchen.
»Guten Morgen, Bernd«, wiederholte sie.
»Äh, hallo Jessika. Guten – also – äh – wie  geht es Ihnen – äh dir?«, stotterte er. Er nahm an, dass nach dem Vorfall im Fahrstuhl das unpersönliche Sie nicht mehr angebracht war.
»Gehst du gerade oder kommst du?«, fragte sie statt einer Antwort.
»Ich wollte ins Café an der Ecke, frühstücken«, erklärte Bernd. »Die haben da einen Raucherraum. Darf ich Sie – dich einladen?«
»Gerne.«
Sie legte ihm den Arm um die Taille, zögernd umfasste Bernd ihre Schultern. Wie ein verliebtes Paar gingen sie die Straße hinunter. An diesem warmen Sommermorgen überlegte Bernd erneut, ob er in einem Traum gefangen sei. Er war überhaupt nicht der Typ Mann, der mit fremden Frauen flirten konnte oder wollte, nicht der Draufgänger, der keine Gelegenheit ausließ, sich zu paaren. Ganz im Gegenteil. Die letzte erotische Zweisamkeit mit einer Frau lag 16 Jahre zurück. Und Monika war keine Fremde gewesen, von der er nichts wusste außer ihren Namen.
Nun verhielt er sich mit dieser rätselhaften Jessika, als seien sie seit langem ein Paar. Und vor allem, das war das Sonderbarste, wollte dieses unerklärliche Gefühl der Vertrautheit nicht weichen. Sie konnten nur so, in engem Körperkontakt, nicht etwa einfach nebeneinander, die Straße hinuntergehen. Alles andere wäre unangebracht, fehl am Platze, gewesen. So unangebracht, wenn er nüchtern überlegte, wie die Minuten im Fahrstuhl.
»Also neulich, als der Lift stecken blieb«, sagte er zögernd, »war ich – was war das? Wieso hast du…?«
»Du schuldest mir eine Revanche«, meinte sie lächelnd.
»Was schulde ich? Ach, äh, nein nein, das Ganze ist einfach unglaublich. So etwas passiert nicht. Wer bist du überhaupt?«
»Ich bin 19 oder 26. Und du?«
Offenbar konnte sie so gut wie nie auf eine einfache Frage eine klare und eindeutige Antwort geben. Sie hätte Politikerin werden sollen, womöglich war sie es ja sogar? Nein, zu jung. Er betrachtete sie aufmerksam von der Seite, während sie das Café betraten. Sie wirkte älter als 19 und jünger als 26, aber es mochte auch eine der beiden Angaben stimmen. Im Schätzen des Alters seiner Mitmenschen war er nicht sonderlich treffsicher.
»Einundvierzig«, antwortete er, als sie an einem Tisch am Fenster Platz nahmen. »Damit bin ich mindestens 15 Jahre älter als du, höchstens 22. Findest du das nicht etwas befremdlich?«
Jessika sagte: »Wie viel dummer Unfug und schwachsinniger Aufruhr war nötig, um euch beide zusammenzubringen.« Es klang nicht wie eine Frage, sondern wie eine Feststellung.
»Was? Ich verstehe nicht.«
»Ein Zitat aus einem Buch. Amanda Cross hat es geschrieben, es heißt Eine feine Gesellschaft.«
»Ach so, ja. Ich habe es vor Jahren gelesen. Ein Krimi im Universitätsmilieu, soweit ich mich erinnere.«
Jessika griff nach der Zigarettenschachtel, nahm zwei Pall Mall heraus. Bernd gab ihr Feuer. Eine Zigarette reichte sie ihm.
»Wann erscheint dein nächster Roman?« fragte sie, nachdem sie zwei tiefe Züge inhaliert hatte.
Bernd sah seine Begleiterin erstaunt an. Kaum jemand in der Nachbarschaft wusste, dass er unter einem Pseudonym Bücher schrieb.
Hakan, Inhaber und am Vormittag einziger Mitarbeiter des kleinen Cafés, stellte ein Kännchen Kaffee, einen kleinen Milchkrug, eine große Tasse und ein Croissant vor Bernd auf den Tisch. Sein Stammgast wollte immer das Gleiche und musste schon lange nicht mehr darum bitten. Hakan lächelte Jessika fröhlich zu: »Was darf es für die junge Dame sein?«
»Kaffee, mit Milch und ein Croissant«, antwortete Jessika, »wie Bernd.«
»Kommt sofort.«
Hakan ging zur Theke und Jessika sagte: »Tut es dir denn jetzt eigentlich leid um die Familie Aksu?«
Bernd brauchte einen Augenblick, um die Frage zu verstehen. Seine Gedanken waren nicht bei dem Fahrstuhlunglück gewesen. Er entgegnete: »Natürlich tun mir diese Menschen leid. Es ist schon eine Tragödie. Die ganze Familie auf einen Schlag tot…«
Jessika runzelte wie nachdenklich die Stirn. »Ich dachte, das war in deinem Sinne…«
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Diese Bemerkung lässt ja eigentlich nur einen Schluss zu: Jessika hat etwas mit dem Absturz der Kabine zu tun gehabt. Kein braves Mädchen, wirklich nicht. Und unser Bernd? Das dürfen die Leser entscheiden:


Ich dachte, das war in deinem Sinne…
Bernd ist verliebt: Er sieht nur rosarote Blümchen.
Bernd schöpft Verdacht: Ist Jessika tödlich?
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