Mittwoch, 1. September 2010

Neuland – Teil 1

Ich habe neulich eine Erzählung ausgebuddelt, die ich vor etwa 20 Jahren geschrieben habe. Beim Lesen war sie mir fast wie fremd, und an den Schluss konnte ich mich tatsächlich nicht erinnern. Wenn man so will, habe ich mich also zeitversetzt selbst überrascht.

Stilistisch war die Geschichte, so wie ich sie damals geschrieben habe, unbrauchbar. Aber beim Lesen fand ich, dass sie mit einiger Überarbeitung denn doch den Lesern aufzutischen wäre, soweit sie interessiert sind. Geschmäcker sind verschieden, und das ist auch gut so. Also muss diese Erzählung nicht allen gefallen, aber es könnte ja sein, dass … fische ich hier nach Komplimenten? Möglich. Also lassen wir das.

Nur noch so viel: In welchem zeitlichen Rahmen ich meinen geschätzten Blogbesuchern die Geschichte hier präsentieren kann, vermag ich noch nicht zu sagen. Ich bin dabei, Stück für Stück, Seite für Seite den Text zu be- und überarbeiten und werde nach und nach das Ergebnis dieser Bemühungen hier vorstellen. Hierzu passt ein deutsches Sprichwort, das ich eben erfunden habe: Wer lesen will, muss warten.

So. Ende der Vorrede. Hier kommt Teil 1.

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This is the end, the end of the world
-Bob Geldof

Look, how long we’ve been telling you about it!
-Ziggy Marley

Morgengrauen

Fritz Wegmann hatte sich geirrt. Sein ganzes bisheriges Leben lang hatte er sich geirrt. Er war der Ansicht gewesen, die Nacht seien die Stunden, vor denen man sich fürchten müsse, wenn es denn überhaupt eine Zeit zum Fürchten geben sollte. Aber das stimmte jetzt nicht mehr. Die Nacht war seine Freundin gewesen, denn sie verbarg gnädig das, was das erste fahle Tageslicht erbarmungslos offenbarte. Das Grauen des Morgens, ging es ihm durch den Kopf, als er hinausblickte.

Er war kein ängstlicher Typ, neigte nicht zur Panik, aber er wünschte, die Nacht hätte angedauert, dann hätte er nicht sehen müssen, was er sah und doch nicht begriff.

In der Dunkelheit waren es nur Geräusche gewesen, die alles Mögliche hätten bedeuten können. Es wäre mit etwas Überwindung denkbar gewesen, dass der Wind mit dem Unterholz hinter dem Haus spielte, dass irgendwelche großen Tiere aus dem Wald sich draußen zu schaffen machten, womit auch immer, die aber bei Tagesanbruch wieder ihre dunklen Verstecke aufsuchen würden. Es wäre sogar die Vorstellung möglich gewesen, dass Menschen irgendeine lärmende Tätigkeit ausübten, die sie vor den Blicken Fritz Wegmanns verstecken wollten. Menschen waren hier zwar eine Rarität, gerade deshalb hatte er ja diesen Ort zum Lebensmittelpunkt erkoren; aber es hätten zur Not Menschen sein können, deren Verrichtung dort knarzte und knurrte in der Nacht, wenn es auch viel Phantasie und Selbstüberwindung erfordert hätte, sich das vorzustellen. Er hatte sich immerhin einigermaßen erfolgreich eingeredet, dass in dieser finsteren Nacht dort draußen nichts wirklich Bedrohliches geschah. An seiner Hütte immerhin hatte nichts und niemand sich zu schaffen gemacht.

MorgengrauenDas Grauen offenbarte sich jetzt mit der Dämmerung. Es waren keine Menschen, keine Tiere, kein Wind am Werk gewesen. Allerdings hatte er auch keine Ahnung, was er da eigentlich ash.

Er hätte doch fliehen sollen. Er hatte die Warnung nicht ernst genug genommen, bis zu diesem Morgen. Nun war es offenbar auch für ihn zu spät. Sie waren da. Woher sie gekommen waren, ob sie waren, was er vermutete, ob sie schon immer da gewesen waren, wie uralte Fabeln es berichteten, das war in diesem Moment unerheblich.

Ein betagter, wettergegerbter Mann, der im letzten Winter wie aus dem Nicht aufgetaucht und nach zwei Tagen wieder verschwunden war, hatte ihm von ihnen erzählt.

Gastfreundschaft war Fritz Wegemann selbstverständlich; wer in der unwegsamen Einöde an seine Tür klopfte, wurde hereingebeten, beköstigt und beherbergt. Der Fall trag äußerst selten ein, die Besuche in den letzten Jahren konnte er an einer Hand abzählen.

Der Wanderer, der die seltsame Fabel mitbrachte, stand eines Nachmittags auf der Lichtung, in einen Mantel aus Fell gehüllt, schwere Stiefel an den Füßen, über denen sich Hosen aus rauem Stoff sehen ließen. Auf dem Kopf trug er einen Filzhut, die Hände steckten in Fäustlingen aus Leder. Er stand auf der Lichtung und betrachtete stumm die Hütte und Fritz Wegemann, der gerade Holz vor ihrer Türe hackte.

Er musste den Blick gefühlt haben, konnte aber nicht sagen, wie lange der Fremde schon dort gestanden hatte, bevor er sich umdrehte und ihn erblickte.

»Guten Tag«, sagte er nach einem Moment der Überraschung.

»Gott zum Gruße.«

»Ich habe Sie nicht kommen hören. Stehen Sie schon länger da?«

Der Alte schüttelte den Kopf und blickte zur Hütte.

Fritz Wegemann sagte: »Kommen Sie herein, das Kleinholz reicht für heute und morgen. Setzen Sie sich ans Feuer, ich koche uns einen Tee.«

Der Besucher trat ein und klopfte den Schnee von den Stiefeln. »Friede sei mit diesem Haus«, sagte er, während er die Handschuhe auf das Brett neben der Tür legte, seinen Hut abnahm und den Mantel aufknöpfte.

Fritz Wegemann legte frisches Holz auf das fast heruntergebrannte Feuer und deutete auf die Bank unter dem Fenster. »Setzen Sie sich. Herzlich willkommen in meiner bescheidenen Behausung.«

Nachdem er einen Topf mit Wasser auf den Rost über den Flammen gestellt hatte, betrachtete Fritz Wegemann seinen Gast. Er mochte über 70 Jahre alt sein, die zerzausten Haare und der Bart schimmerten weiß im Feuerschein. Seine Gestalt war schmächtig, aber er wirkte nicht kraftlos, und die Augen blickten klar aus dem runzeligen Gesicht, ein freundliches Lächeln lag auf den Gesichtszügen.

»Bernhard heiße ich«, sagte er nach einer Weile.

»Ich bin Fritz.«

»Du hast es schön hier, und alles, was du zum Leben brauchst.«

Das Wasser kochte, Fritz Wegemann nahm den Deckel von seiner Teekiste, streute einige der getrockneten Blätter in die größere seiner beiden Kannen und goss auf. Der Duft von Pfefferminz durchzog den Raum. Vom Regal neben der Feuerstelle nahm er zwei Becher aus Ton und stellte sie neben die Kanne auf den Tisch. »Das meiste habe ich selbst gezimmert«, sagte er, »die Bank, den Tisch, die Stühle, die Regale und das Bett.«

»Ich weiß«, entgegnete der Alte.

»Woher wissen Sie…«

»Wollen wir nicht das förmliche Sie beiseite legen? Zwei Männer mitten in der Wildnis dürfen sich doch sicher duzen.«

Fritz Wegemann hatte nichts dagegen. Er war an Gesellschaft nicht mehr gewöhnt, genau deshalb, weil er die Menschen und ihre Zivilisation meiden wollte, war er ja hier in den Wald gezogen. Dieser Gast war ihm jedoch sympathisch, seine Ausstattung trug sicher dazu bei. Er trug Kleidung, die so selbstgefertigt aussah wie seine eigene, war offensichtlich kein verirrter Wochenendwanderer im teuren »Outdoor-Outfit«, kein technikverwöhnter Freizeitabenteurer, der sich einbildete, bei einem kleinen Ausflug in den Wald Natur erleben zu können und in Panik geriet, wenn sein Mobiltelefon keine Verbindung zum Netz aufbauen konnte.

»Also Bernhard, woher weißt du von meinem Leben hier?«

»Auch ich lebe im Wald. Ein gutes Stück entfernt von dir, aber gelegentlich bin ich in den letzten Jahren hier vorbei gekommen.«

»Aber ich habe dich nie bemerkt.«

»Es gab ja keinen Anlass. Du suchst hier die Ruhe, den Frieden, die Einsamkeit. Warum sollte ich dich darin stören?«

Fritz Wegemann schenkte Tee in die beiden Becher ein. Er fragte: »Und heute gibt es einen Anlass, mich zu besuchen?«

»Ja«, sagte der Alte, und dann begann er, zu erzählen. Lange zu erzählen. Sie saßen bis in die Nacht zusammen, schließlich bereitete Fritz Wegemann seinem Gast ein Lager neben seinem Bett. Er blieb noch den nächsten Tag und eine weitere Nacht, bevor er sich wieder auf den Weg machte.

Manche Details hatte Fritz Wegemann längst vergessen, aber an diesem Morgen des Grauens fiel ihm ein Satz wieder ein: »Sie sind hier in den Wäldern, immer schon, und eines Nachts erscheinen sie. Dann ist es zu spät. Dann kannst du nur noch beten und hoffen, dass sie dich mögen«, hatte der alte Mann abschließend erklärt.

Fritz Wegmann hatte alles als Fabel abgetan. Er lebte mittlerweile sieben Jahre hier, allein, im Frieden mit sich und der Natur. Er brauchte nicht viel, und was er benötigte, gab ihm das Land. Er jagte, aber nur das, was tatsächlich zum Stillen des Hungers notwendig war. Er hatte seinen kleinen Ackerbau vor der Hütte, Strom gab es hier nicht, wozu auch. Gekocht wurde auf der Feuerstelle im Wohnraum der Hütte, das Herdfeuer war im Winter auch seine Heizung. Wasser schöpfte er frisch aus dem Bach, der sich fünf Minuten entfernt durch den Bergwald schlängelte, Kleidung brauchte er nur im Winter, wenn die klirrende Kälte das Land erstarren ließ. Er hatte sich aus Fellen das Notwendige hergestellt, wie wohl auch sein merkwürdiger Besucher in jenem Winter. Wenn er tatsächlich einmal etwas aus der Zivilisation brauchte, Nägel beispielsweise oder eine neue Axt zum Holzhacken, dann musste er zwei Tage wandern, um in das nächstgelegene Dorf zu gelangen. Aus seinem früheren Leben besaß er genügend Bargeld, um solche gelegentlichen Ausgaben zu bestreiten.

Nun starrte er nach der lärmerfüllten Nacht aus der Fensteröffnung, durch die ein kühler Wind herein zog. Sie waren wirklich. Und sie hatten ihn umzingelt, wie der alte Mann es vorausgesagt hatte.

Rings um die Hütte standen sie, ordentlich aufgereiht und wie mit dem Zirkel gezogen, jeweils etwa zehn Zentimeter Abstand lag zwischen ihnen. Sie waren metallisch grau, ein leichtes Schimmern schien sie von innen zu erhellen. Jedes von ihnen hatte einen Durchmesser von circa einem Meter, sie standen aufrecht, ragten etwa drei Meter in die Höhe. Vollkommen glatte Zylinder?, die aus dem Nichts aufgetaucht waren. Sie hatten plattgedrückt oder beiseite geschoben, was immer ihre exakte Aufstellung behindert hätte. Sogar der Felsbrocken links von der Hütte war gesprengt worden. Die nächtlichen Geräusche fanden endlich eine Erklärung.

Er musste versuchen, mit ihnen Kontakt aufzunehmen. Der alte Mann hatte erzählt, dass sie gelegentlich wieder verschwunden seien, wenn sie von der Friedfertigkeit des Eingekreisten überzeugt waren. Dies sei sehr selten, aber doch ab und zu in den letzten Jahrhunderten der Fall gewesen. Ja, er habe eine Begegnung mit ihnen gehabt, und sie seien ihm nicht feindlich gesinnt gewesen. Er sei von ihnen als Teil der Natur akzeptiert worden, hatte der leicht wunderliche Gast seinerzeit berichtet. Er wusste jedoch auch von Menschen zu berichten, deren Spur nie gefunden wurde, nachdem sie – so seine Fabel – eine Begegnung mit diesen Wesen hatten.

Fritz Wegmann trat aus seiner Hütte. Sie stand im Mittelpunkt des Kreises von etwa zwanzig Metern Durchmesser. Lange blickte er aufmerksam an dem Spalier von Säulen? entlang. Sie waren absolut identisch miteinander, keine Unregelmäßigkeit, keine Abweichung in der Farbe oder Form, als seien sie einem Computerprogramm entsprungen, und doch mussten sie so etwas wie ein Bewusstsein, einen Willen, haben, falls der Alte damals recht gehabt hatte.

»Ich begrüße euch und würde gerne mit euch reden«, sprach er in die Stille.

Er hatte keine Ahnung, wie eine Kommunikation mit diesen Zylindern? ablaufen konnte, ob sie möglicherweise seine Gedanken und Gefühle erforschen würden, oder ob sie seine verbalen Äußerungen wahrnehmen und darauf reagieren mochten. Waren es einzelne Wesen? oder ein Ganzes?, das in Gestalt der vielen Säulen auftrat? Er wusste nur, dass er keine Chance haben würde, wenn er sich feindselig zeigte.

»Ich bin Fritz Wegmann, ich lebe seit sieben Jahren hier und suche den Frieden«, fuhr er fort.

Er versuchte, sich an Einzelheiten dessen zu erinnern, was der alte Mann am abendlichen Feuer erzählt hatte. Er hatte sie die Wächter genannt, die seit dem Beginn der Welt in diesen Wäldern dafür sorgten, dass menschliche Zivilisation keine Schäden anrichtete. Er machte die Wächter verantwortlich für das spurlose Verschwinden von Holzfällertrupps, Forschern und Wochenendausflüglern, die in den letzten Jahrzehnten und schon viel früher in der schier unendlichen Wildnis verschollen waren. Die größte Gruppe hatte aus über 20 Personen bestanden, die mit Motorsägen und schweren Fahrzeugen angerückt waren, um Holz zu schlagen. Man hatte weder von ihnen noch von ihrer Ausrüstung eine Spur gefunden. Die Sache war totgeschwiegen worden, da es keine vernünftige Erklärung gegeben hatte. Nur einige Spinner aus dem Lager der UFO-Gläubigen hatten ihre Theorien verbreitet, die jedoch naturgemäß niemand ernst nahm.

Fritz Wegmann war davor gewarnt worden, hier zu bleiben. Der Alte hatte ihn gefragt: »Bist du sicher, dass du mit dem Wald im Frieden lebst? Dass die Natur dich als Freund akzeptiert?«

Er war ziemlich sicher, zu einem Leben unter den zivilisierten Menschen jedenfalls wollte er auf keinen Fall zurückkehren. Sieben Jahre lang genoss er das Leben, das er sich erträumt hatte. Doch an diesem Morgen konnte nun alles zu Ende sein – es sei denn, er schlief noch und träumte den Anblick des Säulen?kreises um seine Hütte.

»Versteht Ihr mich?«, fragte er.

»Du bist ein Freund des Waldes«, erklärte unvermittelt eine Stimme, deren Ursprung nicht zu lokalisieren war.

»Ja. Darum lebe ich hier.«

»Du musst fliehen. Die Zeit ist da.« Es klang, als spräche jemand direkt in seinem Kopf. Oder hörte er doch eine akustische Stimme?

»Welche Zeit? Warum fliehen? Und wohin?«

»Die Zeit, die den Menschen gegeben war, ist zu Ende. Sie werden sich vernichten. Du kannst hier nicht bleiben. Sie werden in drei Tagen dieses Land für immer unbewohnbar machen.«

Fritz Wegmann starrte auf die bewegungslose Reihe von Säulen?, die ihn eingeschlossen hatten. Sie waren gekommen, um ihn zu warnen? Hatten sie ihn eingesperrt, um ihn im Falle seiner Weigerung zu eliminieren? In seinen Gedanken spielte er die Möglichkeiten durch, die ihm blieben.

Die Stimme unterbrach ihn. »Wir werden dich nicht vernichten, Freund des Waldes, denn wenn du nicht gehst, wirst du in drei Tagen von deinen Artgenossen getötet, die dich nicht einmal kennen. Wir sind deine Freunde, weil du ein Freund des Waldes bist.«

Also konnten sie seine Gedanken erforschen. Demnach mussten sie auch wissen, dass er Angst hatte und sich wie ein Gefangener fühlte.

»Wer seid ihr? Woher kommt ihr?«

»Wir sind die Wächter. Uns gehört der Wald. Wir kommen nirgendwo her, wir waren immer hier. Und du bist nicht gefangen, du bist frei.«

Zögernd ging er auf die Wesen? zu. Er berührte ein der Säulen? und stellte fest, dass sie entsprechend ihrem Aussehen metallisch kühl und von fester Konsistenz waren. Doch auf seinen leichten Druck wich das Exemplar beiseite, wobei es den Boden mit schob, so dass sich ein Erdhügel bildete. Binnen Sekunden war der Platz, an dem der Zylinder? vorher gestanden hatte, wieder mit Gras bedeckt, als sei nichts geschehen.

»Ich werde fliehen, aber wo wäre ich sicher, falls dieses Land unbewohnbar wird?«, fragte er.

»Du musst eine Tür zwischen den Welten finden und hinüber gehen.«

Er musste lachen. Einen solch verrückten Traum hatte er noch nie gehabt. Metallzylinder kündigten das Ende der Welt an und er sollte in eine andere Welt hinüberwechseln, durch eine Tür ausgerechnet. Vielleicht in einem Wandschrank, der den Weg nach Narnia verbarg? Dort würde dann ein freundlicher Löwe auf ihn warten.

Doch solange er in diesem Traum gefangen war, konnte er ja ruhig mitspielen. Er fragte: »Wo ist diese Tür?«

»Du wirst sie finden. Vertraue den Wäldern, sie verbergen die Zuflucht.«

Ein Märchentraum, ein Science-Fiction-Märchen. Er überlegte, ob demnächst auch noch eine gute Fee auftauchen würde, oder außerirdische Männchen mit grünen Antennen auf dem Kopf. Immerhin hatte der alte Mann ihm versichert, dass die Gestalt der Wächter veränderlich sei.

»Warum habt ihr mich hier eingesperrt?«

»Wir werden bleiben bis zum Abend, um deine Wohnung vor den Menschen zu verbergen. Sie sehen uns nicht und nicht das, was wir umgeben, deshalb haben wir den Kreis gebildet. Sie werden Jagd auf dich machen.«

Fritz Wegemann verstand nicht, warum ihn jemand jagen sollte, zumal kaum ein Mensch wusste, dass er existierte, wo er lebte. Doch was war hier überhaupt verständlich? Nichts. Gar nichts. Andererseits: In einem Traum herrscht keine Logik. Wozu auch. Das Grauen immerhin, das er beim Blick aus dem Fenster empfunden hatte, war gewichen. Er fand den Traum jetzt unterhaltsam.

»Gut, ich glaube euch. Kann ich zum Bach, um Wasser zu holen, ohne Gefahr?«, fragte er.

»Nur in der nächsten Stunde nach der Zeitrechnung deiner Welt, danach musst du zurück im Kreis sein.«

Fritz Wegemann machte sich auf den Weg. Langsam, ganz langsam wuchs sein Zweifel. Das ist kein Traum, die Tannennadeln pieken in meine Fußsohlen. Ich bin wach. Der alte Mann hat keine Fabel erzählt. Er stieß absichtlich mit dem Ellenbogen an einen Baum. Autsch! Aus einem Traum wäre ich jetzt aufgewacht. Vermutlich bin ich wach, aber von Sinnen.

Er hatte damit gerechnet, dass sich irgendwann die Menschheit in die Luft sprengen würde, aber er hatte nicht gewusst, dass jemand – etwas – ihn warnen und ihm einen Ausweg weisen würde. Das ganze Geschehen dieses Morgens, einschließlich der Geräusche in der Nacht, war undenkbar für den menschlichen Geist, aber er zweifelte nicht an der Realität dessen, was er eben erlebt hatte, als er den Weg zum Bach hinunter ging. Eigentlich das typische Verhalten eines Geistesgestören, dachte er.

Das kühle Wasser plätscherte vergnügt vor sich hin, der Bach speiste einen kleinen Teich, in dem er gewöhnlich jeden Tag ein Bad nahm, selbst im Winter; er war abgehärtet und trainiert. Heute war es schon relativ warm, der Frühsommer zeigte sich seit zwei Wochen von seiner angenehmsten Seite. Fritz Wegmann stieg in den Teich und genoss sein Bad. Er besaß keine Uhr, nahm aber an, dass er eine Stunde relativ sicher anhand der wandernden Schatten abschätzen konnte. Er ließ sich Zeit. Er konnte versuchen, das Erlebnis zu verstehen. Er konnte sich überlegen, was er mitnehmen wollte, vielleicht seine Kleidung für den Winter? Einen Wasservorrat? Für wie lange? In drei Tagen sollte das Land unbewohnbar sein, aber vielleicht war die Tür nicht so weit entfernt?

Schließlich stieg er aus dem Teich und ging langsam zurück zu seiner Hütte. »Ich träume nicht«, erklärte er einer Amsel, die an ihm vorüber flog.

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Fortsetzung folgt irgendwann.

Montag, 30. August 2010

The most functional word…

Well, it's shit ... that's right, shit! Shit may just be the most functional word in the English language:

  • You can smoke shit, buy shit, sell shit, lose shit, find shit, forget shit, and tell others to eat shit.
  • Some people know their shit, while others can't tell the difference between shit and shineola.
  • There are lucky shits, dumb shits, and crazy shits. There is bull shit, horse shit, and chicken shit.
  • You can throw shit, sling shit, catch shit, shoot the shit, or duck when the shit hits the fan.
  • You can give a shit or serve shit on a shingle.
  • You can find yourself in deep shit or be happier than a pig in shit.
  • Some days are colder than shit, some days are hotter than shit, and some days are just plain shitty.
  • Some music sounds like shit, things can look like shit, and there are times when you feel like shit.
  • You can have too much shit, not enough shit, the right shit, the wrong shit or a lot of weird shit.
  • You can carry shit, have a mountain of shit, or find yourself up shit creek without a paddle.
  • Sometimes everything you touch turns to shit and other times you fall in a bucket of shit and come out smelling like a rose.

When you stop to consider all the facts, it's the basic building block of the English language. And remember once you know your shit, you don't need to know anything else!

You could pass this along, if you give a shit; or not do so if you don't give a shit. Well, Shit, it's time for me to go. Just wanted you to know that I do give a shit and hope you have a nice day, without a bunch of shit. But, if you happened to catch a load of shit from some shit-head... Well, Shit Happens!

Samstag, 28. August 2010

Rezepte für ein langes Leben

satire.gif»Jeder sucht sich aus der Bibel das heraus, was für den jeweiligen Sonntag gerade passt«,

sagte Helmut Schmidt einmal im Deutschen Bundestag. Das stimmt nicht nur bezüglich der Politik, auch die Wissenschaftler verstehen es sehr gut, das Forschungsergebnis zu präsentieren, was gerade passt.

Dass viele Menschen zu dick sind, ist unstrittig. Die Nahrungs- und Genussmittelindustrie hat ein Milliardengeschäft mit den »Light« und »Bio« Etiketten aufgebaut, und viele glauben schlicht und einfach, was die Werbung ihnen suggeriert: »Kauf mich, und du wirst automatisch schlank / gesund«.

Leichtgläubigkeit als Ursache der Volksverdickung – könnte man daraus ableiten. Schützt Intelligenz beziehungsweise Bildung vor den überzähligen Pfunden? Dem Vernehmen nach sind ja überwiegend die weniger gebildeten Menschen zu fett:

Bildung und Wissen wirken sich laut Studie auch auf das Ernährungsverhalten aus. So seien 70 Prozent der Befragten mit Hauptschlussabschluss übergewichtig gewesen, erklärte Seehofer. In der Gruppe der Teilnehmer mit Abitur oder Fachhochschulabschluss waren es dagegen nur rund 50 Prozent. Außerdem sinke mit steigendem Pro-Kopf-Einkommen der Anteil der Fettleibigen.
(Quelle: Die Welt)

Man kann daraus also tatsächlich schließen, dass Bildungsmangel dick macht, weil die weniger Gebildeten die Marketingstrategien nicht hinterfragen und den Webeversprechen glauben, dass sie mit »low fat« oder »sugar free« zu ranken und schlanken Menschen werden. Sie kaufen Pepsi Light und Cola Zero, womöglich Joghurt ohne Zucker und werden immer dicker. Nun hat eine Studie offenbart, warum das so ist:

Die Forscher glauben, dass Süßstoff zu Problemen bei der Kontrolle der Kalorienaufnahme führt, weil die Verbindung zwischen der Empfindung von Süßigkeit und Nahrung mit vielen Kalorien gestört wird. Möglicherweise sei das auch eine Erklärung dafür, dass die Fettleibigkeit seit dem Aufkommen künstlicher Süßstoffe derart rapide zugenommen habe, berichten sie im Fachmagazin Behavorial Neuroscience.
(Quelle: Die Welt)

Zwar wurden diese Versuche mit Ratten durchgeführt, aber das macht ja nichts. Sind wir nicht alle irgendwie Ratten? Manche Männer sind Schweine, andere Gockel, manche Frau ist eine Gazelle, eine andere ein scheues Reh – vermutlich steckt hinter all diesen Verkleidungen ja letztendlich doch immer eine Ratte.

Doch halt! Alles Unfug! Bildungsmangel macht nicht dick! Wieder andere Wissenschaftler haben nämlich bewiesen, dass es gar nicht darauf ankommt, ob Zucker oder Süßstoff verwendet wird:

Vier einfache Verhaltensregeln verlängern das Leben durchschnittlich um 14 Jahre: nicht rauchen, etwas Sport treiben, mäßig Alkohol trinken und täglich fünf Portionen Obst und Gemüse essen. Das berichten britische Forscher um Kay-Tee Khaw von der Universität Cambridge, die seit 1993 das Schicksal von mehr als 20.000 Probanden im Alter von über 45 Jahren verfolgt haben. Diese Beobachtung sei unabhängig von gesellschaftlicher Schicht und Körpergewicht, betonen die Mediziner im Fachjournal „PLoS Medicine“.
(Quelle: Die Welt)

Na fein. Das Körpergewicht hat nichts mit der Lebenserwartung, der Gesundheit zu tun. Täglich einen halben Liter Wein oder einen ganzen Liter Bier trinken, nicht rauchen, Obst essen, und Sport treiben – das ist das Rezept für ein langes Leben, ob der Mensch nun dick oder mager ist. Solange er, wie wieder andere Wissenschaftler festgestellt haben, nicht auf regelmäßige Orgasmen verzichtet:

Sex steigert die Herzfrequenz auf bis zu 120 Schläge pro Minute. Der Blutdruck nimmt kurzfristig, aber deutlich zu und bei einem Orgasmus wird in der Minute 40 mal ein- und ausgeatmet. Hinzu kommt:
- Sex hält schlank. Je nach Vorlieben können beim Liebesspiel schon mal 500 Kalorien verbraucht werden.
- Dabei wird das Herz geschont. Zehn Minuten Schnee schaufeln, ein paar Stockwerke Treppensteigen oder ein heftiger Streit belasten das Herz weit mehr.
- Der Kreislauf wird angeregt und trainiert. Nachteilig für die Leistungsfähigkeit ist Sex nur unmittelbar danach. Aber wer tritt schon direkt nach dem Akt zum 100-Meter-Sprint-Wettkampf an?
- Die Haut wird gesünder. Wer schwitzt, reinigt seine Poren, und eine gute Durchblutung hält Haut und Schleimhäute länger jung. Das Bindegewebe wird stärker, einer Cellulite oder Krampfadern wird vorgebeugt. Darüber hinaus soll Sex Altersflecken auf der Haut entgegenwirken.
- Die Geschlechtsorgane werden mit frischem Blut versorgt. Bei Männern kann das einer Prostataerkrankung entgegenwirken.
(Quelle: WDR)

»Befriedigender Sex, dazu gehört auch Masturbation, kann zwar keine Krankheiten wie Rheuma oder Diabetes heilen, doch vor allem auf psychosomatischer Ebene vermag er kleine Wunder zu bewirken«, erklärt die Urologin Kornelia Hackl. »Dabei liegt sein Geheimnis im Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung – der Basis aller Lebendigkeit.« Und so kann »Doktor Sex« gegen Rückenschmerzen, Spannungskopfweh, depressive Verstimmung und vieles mehr beinahe wie ein Heiler wirken …
Quelle: Focus

Ob nun Sport und Orgasmus zu einer Verdoppelung der Gesundheit führen, wurde vermutlich noch nicht erforscht. Man könnte aber noch den Kaffee ins Spiel bringen, denn auch da gibt es Forschungen, die beweisen, dass er einem langen Leben und der Gesundheit förderlich ist. Auch die Region, in der man lebt, hat ja Auswirkungen auf Lebenserwartung und Leibesumfang.

Ich freue mich auf die nächste Studie, die dann beweisen wird, dass doch der Zucker der Bösewicht und Sex schädlich ist. Oder dass Dicke grundsätzlich intelligenter sind als Dünne. Oder dass Kaffee und Zigaretten zusammen für ein langes Leben sorgen, während Zigaretten ohne Kaffee schädlich sind. Oder auch nicht, wie ja kürzlich Fachärzte dem eingangs zitierten ehemaligen Bundeskanzler bescheinigt haben.

Ehefrau Loki sagte zum Abgewöhnen Anfang des Jahres der Morgenpost:

»Sogar die Ärzte raten uns davon ab. Die Umstellung würde zu viel Stress für den Körper bedeuten.«
(Quelle: Die Welt)

Schön, dass wir die Wissenschaften haben, mit all ihren Forschern, die sensationelle Erkenntnisse am laufenden Band produzieren. So wird es nicht langweilig in den Medien und ich suche mir aus der Bibel das heraus, was für das Festmahl am kommenden Sonntag am besten passt:

So gebe dir Gott vom Tau des Himmels und vom Fett der Erde und von Korn und Most die Fülle! 1. Mose 27, 28

Preise den Herrn, meine Seele, … der Gras hervorsprossen läßt für das Vieh … und Wein, der des Menschen Herz erfreut; damit er das Angesicht glänzend mache vom Öl und Brot des Menschen Herz stärke. Psalm 104, 14-15

Donnerstag, 26. August 2010

Dienstag, 24. August 2010

Kerstin Hack: Vergebung

Impulsheft Nummer 43 Das 43ste Impulsheft aus dem Down to Earth Verlag nimmt sich eines Themas an, bei dem vieles leicht gesagt und schwer getan ist: Vergebung. Die Autorin weiß, dass unsere menschliche Reaktion in der Regel anders aussieht, als uns gut tun würde:

Vergebung entlastet und befreit – doch ist sie keineswegs einfach. Wir wollen nach erlittenem Unrecht oft erst einmal Rache und Ausgleich. Vergebung scheint zunächst wenig attraktiv zu sein.

Das Resultat der Vergebung ist jedoch die Mühe wert, die man zunächst mit dem Gedanken und dem Vorgang hat, jemandem vergeben zu wollen. Bemerkenswert an diesem Impulsheft ist (wieder einmal, wie so oft bei ihren Heften und Büchern), dass Kerstin Hack nicht im theorieschwangeren Nebel stochert, sondern auch und womöglich vor allem aus eigenem Erleben schreibt:

Während des Schreibens erlebte ich selbst einige schmerzhafte Situationen. Ich hatte die Wahl, ob ich der Wut und Rache Raum gebe oder ob ich vergebe. Kurz: Ich habe das, was ich hier beschreibe, selbst erprobt und weiß, dass es gut ist. Es ist nicht leicht zu vergeben. Aber nicht zu vergeben ist noch viel schwerer.

Nun kam mir das Impulsheft wie gerufen, denn ich habe kürzlich eine Situation im beruflichen Umfeld erlebt, die mir das Vergeben schwer gemacht hat. Einerseits hatte ich mir in der Sache objektiv ein Fehlverhalten einzugestehen, aber der Punkt war andererseits, dass jemand, den ich für »kollegial befreundet« gehalten hatte, zum »Anschwärzer« an übergeordneter Stelle wurde und das führte zu ernsthaften Konsequenzen für mich.
Aus Schaden, sagt der Volksmund, wird der Einsichtsreiche klug. Die Situation hat mich daran erinnert, dass es noch längst nicht das Selbe ist, wenn zwei das Gleiche tun. Das war die eine Einsicht und ich konnte mich sehr schnell entscheiden, diesbezüglich zukünftig - egal, was andere tun und lassen - eben »nach dem Buchstaben des Gesetzes« zu handeln.
Aber was den Kollegen betrifft, der sich als Judas gebärdet hat, wohl um des eigenen Vorankommens willen oder einfach so, weil es seine Art sein mag, war die Entscheidung so leicht nicht. Es traf (obwohl die fragliche Person nicht »jemand Nahes« ist) in etwa zu, was Kerstin Hack in diesem Impulsheft so formuliert:

Wenn jemand Nahes nicht zu einem hielt, erlebt man das als Verrat. Das Vertrauen ist zerbrochen. Hier kann Vergebung den Weg zur Heilung ebnen. ... Zum Vergeben ist es nicht nötig, dass der andere darum weiß. Vergebung ist immer eine persönliche Entscheidung. »Ich will das, was mich belastet hat, nicht länger mit mir herumtragen.«

Es hat mir selbst gut getan, nicht weiter auf Rache zu sinnen und (innerlich) Gerechtigkeit - also einen Ausgleich für die ungerechte Behandlung - zu fordern, wütend zu sein. Der Kollege hat nichts davon, dass ich vergebe, sondern vor allem erst einmal ich. Genau das beschreibt Kerstin Hack sehr treffend und verständlich in diesem Heft. Sie schildert, was durch das erlittene Unrecht in einem Menschen vor sich geht, wie man damit umgehen kann und welche Ansätze vor dem Weg in die Verbitterung bewahren können.
Vieles, was ich jetzt in diesem Impulsheft gelesen habe, bestätigt und vertieft das eigene Erleben beim Umgang mit meinem konkreten Vorfall kürzlich und ähnlichen Situationen, die womöglich in der Zukunft liegen mögen. In dieser Welt wird es immer ungerecht zugehen. Letztendlich ist aber niemandem gedient, wenn ich nicht vergeben will oder kann.

Vergebung heißt: Einen Gefangenen freizugeben – und dann festzustellen, dass man selbst der Gefangene war. —Lewis B. Smedes

Mein Fazit: Ein lohnendes Impulsheft, aus dem Leben für das Leben. Nicht nur die Autorin bestätigt, dass es hier nicht um graue Theorie geht - ich schließe mich dem an und empfehle das Heft gerne als im wahrsten Sinne des Wortes befreiende Lektüre. Angenehm »unfromm« formuliert und voller wirklich guter Tipps und Gedankenanstöße.

Bestellen kann man direkt beim Verlag: [Kerstin Hack: Vergebung. Impulse für ein freies Leben.]

Sonntag, 22. August 2010

Vom Sandschreiben und Steinewerfen

Die Schriftgelehrten und die Pharisäer aber bringen eine Frau, die beim Ehebruch ergriffen worden war, und stellen sie in die Mitte und sagen zu ihm (Jesus): Lehrer, diese Frau ist auf frischer Tat beim Ehebruch ergriffen worden. In dem Gesetz aber hat uns Mose geboten, solche zu steinigen. Du nun, was sagst du?
(Johannes 8, 3-5)
Übrigens – mancher mag es nicht hören, aber es ist so: Selbstverständlich hatten diese Pharisäer und Schriftgelehrten recht? Es existierte zweifellos ein solches Gesetz:
Wenn ein Mann mit einer Frau Ehebruch treibt, wenn ein Mann Ehebruch treibt mit der Frau seines Nächsten, müssen der Ehebrecher und die Ehebrecherin getötet werden.
(3. Mose 20, 10)
Aber die anklagenden Herren hatten etwas vergessen. Wenn sie tatsächlich die Frau auf frischer Tat ertappt hatten, wo war dann der Mann, mit dem sie inflagranti erwischt wurde? War er gerade unabkömmlich? Auf Geschäftsreise? War ihm nicht wohl und er musste nun vor der Steinigung das Bett hüten? Oder war er ein so angesehener und wichtiger Bürger, dass man mal eben die andere Hälfte des Gebotes außer Acht lassen musste? Womöglich gar ein Politiker oder ein Schriftgelehrter?
Jesus antwortete zunächst nicht, sondern schrieb mit dem Finger auf die Erde. Manche deuten das Schreiben mit dieser Prophetie aus Jeremia:
Und die von mir abweichen, werden in die Erde geschrieben werden (so, dass die Schrift bald verwischt oder verweht wird); denn sie haben den HERRN, die Quelle lebendigen Wassers, verlassen.
(Jeremia 17, 13)
Könnte man so sehen. Ich bin kein Theologe, aber da Jesus »die Schriften« kannte, ist das für mich nachvollziehbar. Andere Erklärungen habe ich auch schon gehört, die mir auch nicht widersinnig scheinen, zum Beispiel dass Jesus die entsprechenden Sätze aus dem mosaischen Gesetz in den Sand notierte. Aber soooo wichtig ist es ja gar nicht, warum oder was Jesus da schrieb. Sonst wäre es in dem Bericht sicher enthalten.
Als die Ankläger weiter nervten, bekamen sie schließlich doch noch eine Antwort:
Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als erster einen Stein auf sie.
(Johannes 8, 5)
Darauf hin machten sich die Herren aus dem Staub; die Frau verschwand jedoch nicht, obwohl sie die Gelegenheit gehabt hätte.
Jesus aber richtete sich auf und sprach zu ihr: Frau, wo sind sie? Hat niemand dich verurteilt?
Sie aber sprach: Niemand, Herr. Jesus aber sprach zu ihr: Auch ich verurteile dich nicht. Geh hin und sündige von jetzt an nicht mehr.
(Johannes 8, 10-11)

Interessant scheint mir hier, dass von Sündenbekenntnis, Umkehr, Bekehrung nicht die Rede ist. An der Tatsache des Ehebruchs gab es wohl keinen Zweifel, aber Jesus hielt keine Bußpredigt und führte keinen Befreiungsdienst durch, nachdem ein »Übergabegebet« aufgesagt worden war. Sondern er sprach der Frau seine Vergebung zu und forderte sie auf, zukünftig nicht mehr zu sündigen.

Könnte es sein, dass wir viel zu oft viel zu viel von einem Menschen verlangen, bevor wir ihm Gottes Liebe und Vergebung versichern?
Jesus ist nicht gegen Ehebruch oder gegen Homosexualität oder gegen Moslems oder gegen sonst etwas gestorben, sondern für uns alle. Ein Problem mit solcher bedingungslosen Liebe und Annahme können doch eigentlich nur selbstgerechte Menschen haben. Die brauchen nämlich keine Erlösung.

Donnerstag, 19. August 2010

Danke, Leonard Cohen!

Leonard Cohen - Leonard CohenMit Superlativen gehe ich eher zurückhaltend um, doch in diesem Fall kann ich ohne Bedenken sagen, dass ich gestern eines der schönsten Konzerte meines Lebens zu besuchen die Freude hatte. Leonard Cohen war in Berlin und sein Auftritt in der Waldbühne war mehr als ein Konzert. In den Pressemeldungen liest sich das beispielsweise so:

Seine zum Teil 40 Jahre alten Hits wie Hallelujah, Partisan oder Sisters of Mercy sang Cohen mit einer Ergriffenheit, die weder aufgesetzt noch kitschig war. Man hatte das Gefühl, der junge Cohen hat diese Lieder für den alten Cohen geschrieben. (BZ)

Ein Abend mit Cohen ist ein Weihespiel. Es ist ein Eintauchen in seine Lieder, in die Verse und Melodien, die er seit 1968 veröffentlicht und die bei den meisten seiner Zuhörer längst zum Bestandteil der eigenen Biografie geworden sind. Man erinnert sich an die Umstände, als man vom Tod von Lady Di hörte, als man Neil Armstrong auf dem Mond sah - und als man das erste Mal Suzanne oder Bird on a Wire von Cohen lauschte. (Berliner Morgenbost)

Der Journalist hat recht – ich kann mich noch heute daran erinnern, wie ich im Zimmer meines Bruders saß und einer Schallplatte lauschte, die er eben gekauft hatte. Vor allem Teachers und One of us cannot be wrong nahmen mich neben So long, Marianne sofort gefangen, schon beim ersten Hören. Das war 1968 – ich war 13 Jahre alt. Seit damals hat mich Leonard Cohens Musik begleitet in guten wie in schlechten Zeiten.

Ich hatte gestern ein gutes Konzert erwartet, aber was uns in der Waldbühne erwartete, war – die Morgenpost hat mit »Weihespiel« nicht ganz unrecht – ein Erlebnis, das die Seele anrührt, den ganzen Menschen durchdringt. Freude schenkt. Frieden im Inneren herstellt. Tränen hervorbringt, die wohltuend sind. Man bemerkt auch auf den harten Bänken ohne Rückenlehne in der Waldbühne nicht, wie viel Zeit tatsächlich vergeht. Pünktlich um 18:30 kamen die Musiker auf die Bühne und erst um 22:10 Uhr war dann zu Ende, was mit dem Begriff Konzert nur unzureichend beschrieben werden kann. Die hervorragenden Musiker, die im Laufe des Abends auch selbst ersichtlich immer mehr begeistert waren, trugen erheblich zum Zauber bei.

Ich schwärme? Ja. Genau. Und ich bin sicher nicht der einzige Besucher, der diesen Abend nie vergessen wird.

Wer die Chance hat, ein Konzert mit Leonard Cohen zu besuchen, sollte nicht zögern. Es wird sich lohnen.

Montag, 16. August 2010

Sprachlos

Eine Leseprobe aus diesem BuchDie Finger bewegten sich nur Zentimeter über der Tastatur, doch fanden sie kein Ziel. Es mangelte an Befehlen vom Gehirn, weil dem Gehirn Worte mangelten, die niederzuschreiben sich gelohnt hätte. Satzfetzen, Bruchstücke von Gedanken, Handlungsfäden, die richtungslos waren, literarische Sackgassen von erstaunlich kurzen Dimensionen waren alles, was der Autor finden konnte. Er wollte schreiben, aber er wusste nicht worüber.

Dies war in der Vergangenheit keine Hürde gewesen, die er als unüberwindlich empfunden hätte. Oft entstanden seine Geschichten aus einem einzigen Satz - entwickelten sich beim Schreiben. So waren Erzählungen entstanden, deren Verlauf und Ende ihn selbst überrascht hatten, engen Freunden sagte er dann oft, die Geschichte hätte "sich selbst geschrieben". Anderen Texten waren Überlegungen und Planungen vorausgegangen. Das Beunruhigende war jetzt, dass er zum ersten Mal, seit er zurückdenken konnte, weder einen Anfang fand noch irgendeine Vorstellung hatte, worüber er schreiben wollte.

Er sann über gelesene erste Sätze nach. The man in black fled across the desert... - hervorragend, aber nicht geeignet, denn gedanklich konnte er nichts an diese oder eine andere Flucht anschließen. Gustav Aschenbach oder von Aschenbach, wie seit seinem fünfzigsten Geburtstag amtlich sein Name lautete, hatte an einem Frühlingsnachmittag...auch keine Hilfe, denn wenn man nichts zu schreiben weiß, hat man keinen Namen, der am Anfang des Manuskriptes stehen kann. Jeden Morgen, wenn er das Funkhaus betreten hatte, unterzog sich Murke einer existentiellen Turnübung: er sprang in den Paternosteraufzug...doch woher einen Schauplatz wie das Funkhaus nehmen? Fest gemauert in der Erden steht die Form aus Lehm gebrannt... noch eine Sackgasse, aus der nur der Rückzug blieb.

Nichts wollte aus ihm heraus. Er war ein wortloser Autor. Er war ein sprachloser Schriftsteller. Der Begriff Schreibblockade tauchte mit zunehmender Häufigkeit in seinen Überlegungen auf. Er wies ihn zurück, verlachte ihn, zollte ihm keinerlei Respekt, doch ohne den gewünschten Erfolg. Aus Minuten wurden Viertelstunden, aus Viertelstunden ein schier endloser Vormittag. Schreibblockade. Schreibblockade. Du hast eine Schreibblockade.

Zum Trotz begann er, Sätze zu formen. Wie froh bin ich, dass ich hier bin! Schlimmster Feind, was ist das Herz des Menschen! Dich zu treffen, den ich so hasse... er hielt inne. Es war sinnlos, Goethe ins Gegenteil zu verkehren. Daraus würde nie eine Erzählung, die des Erzählens wert gewesen wäre. Schreibblocklade!

Die Frau im blauen Kleid floh über den Alexanderplatz und der Mechaniker folgte... mit Entsetzen betrachtete er dieses jämmerliche Plagiat und drückte erneut die Löschtaste. Schreibblockade. Du hast eine Schreibblockade.

Ich habe eine Schreibblockade. Er betrachtete den Satz und fand Gefallen an den vier Worten. Daher schreibe ich unter Nachkriegsbedingungen, leide Mangel an lebensnotwendiger Buchstabennahrung und unverzichtbarer Kapitelkleidung. Und doch werde ich überleben. Die Westmächte werden mir zu Hilfe eilen, mit Wortrosinenbombern und Satzüberlebensrationen.

Die Stirn gerunzelt las er die Zeilen, schüttelte den Kopf und schickte auch diesen Text ins unersättliche Datengrab. Die Westmächte nahmen ihn so wenig zur Kenntnis wie jene sprichwörtliche Muse, der er nie begegnet war, geschweige denn, dass er ihren Kuss auf den Lippen gespürt hätte. Oder küsste die Muse eher auf die Wange? Homer hatte eine Dreiheit von Musen gekannt, Hesiod sprach gar von neun verschiedenen Schutzgöttinnen der Künste. Mindestens drei von ihnen konnten einem Dichter zur notwendigen Inspiration verhelfen; vielleicht sollte er versuchen, Erato auf sich aufmerksam zu machen? Die Muse der Liebesdichtung ... Liebesdichtung? Erdichtete Liebe oder Dichtung über die Liebe? Und welche Liebe? Die verhinderte, die einseitige, die erfüllte, die schal gewordene, die unersättliche, die hoffnungsvolle? Wie wählte man die Liebe aus, die zu beschreiben sich lohnte?

Vielleicht konnte der weise König Salomo ihn inspirieren, ihm wenigstens einen Anfang, ein paar erste Sätze schenken? Er nahm die Bibel aus dem Regal und blätterte, bis er den gesuchten Text fand. Er küsse mich mit Küssen seines Mundes, denn deine Liebe ist köstlicher als Wein. An Duft gar köstlich sind deine Salben; ausgegossenes Salböl ist dein Name. Darum lieben dich die Mädchen ... konnte er die Bibelsprache übersetzen in einen zeitgemäßen Text? Köstlicher als Wein - das war auch heute noch verständlich. Die Sache mit dem Salböl schien schon schwieriger, doch das ausgegossene Salböl mit einem Namen zu verbinden schien ihm bereits unmöglich. Und überhaupt: Wieso stand da "er küsse mich" und im nächsten Halbsatz "deine Liebe"? Er las weiter. Zieh mich dir nach, lass uns eilen! Der König möge mich in seine Gemächer führen! Wir wollen jubeln und uns freuen an dir, wollen deine Liebe preisen mehr als Wein! Mit Recht liebt man dich ...

Erneut diese Verwirrung der Personen. "Der König" soll sie ziehen, aber "deine Liebe" ist des Rühmens wert. Er kapitulierte vor dem König Salomo und seiner Sulamith, vor dieser Liebe, die so geheimnisumwoben über acht Kapitel zu entbrennen schien und doch keine Erfüllung fand, denn schließlich bat die Liebende am Ende: Enteile, mein Geliebter, und tu es der Gazelle gleich oder dem jungen Hirsch auf den Balsambergen!

Er blickte auf die Uhr. Der viele Wein im Hohelied der Liebe brachte ihn auf den Gedanken, dass ein Glas Rotwein seine innere Verkrampfung lockern mochte. Es war 11 Uhr. Alkohol am Vormittag war ihm bisher fremd gewesen. So sollte es, befand er schließlich, auch bleiben.

Er stand auf und verließ sein Arbeitszimmer, stand dann unschlüssig im Flur. Die Küche lockte ihn nicht, er verspürte weder Hunger noch Durst. Im Wohnzimmer lud das Sofa zum entspannten Lesen ein, doch das hatte er schon in den letzten Wochen ausgiebig getan, ohne selbst eine einzige brauchbare Zeile zu schreiben. Musik hören - auch danach war ihm nicht zumute. Der Tag war nicht ungewöhnlich warm, doch fühlte er sich verschwitzt. Er ging schließlich ins Badezimmer und entledigte sich seiner Kleidung. Dann trat er unter die Dusche und überließ sich dem heißen Wasser, genoss das beinahe schmerzliche Brennen auf der Haut. Seinen verkrampften Schultermuskeln verschaffte die Hitze spürbare Erleichterung, tief atmete er die dampfgeschwängerte feuchte Luft. Er griff zum Duschgel und wusch gründlich seinen Körper, während seine Gedanken zurückeilten.

Vor nunmehr über zehn Jahren hatte seine Frau mit der Videokamera anlässlich einer Urlaubsreise das Ferienhaus aufgenommen und war just in dem Moment in das ländlich ausgestaltete Badezimmer gekommen, als er unter der Dusche stand. Sie hatte den Vorhang beiseite gezogen und ließ die Kamera langsam an seinem nassen Körper nach unten gleiten, hielt jedoch inne, bevor das Bild die Region erfassen konnte, die Dritten nicht zu zeigen war. Sie schwenkte die Kamera zurück zu seinem Gesicht und widmete sich dann weiteren Räumen ihres Domizils.

Er lächelte anlässlich der Erinnerung und schloss die Augen, um die Seife aus den Haaren zu spülen. Er verharrte noch einige Augenblicke mit geschlossenen Lidern im heißen Wasserstrahl, bevor er sich abtrocknete und das Fenster öffnete, damit die feuchte Luft entweichen konnte.

Vielleicht konnte er eine Kurzgeschichte über einen Mann in der Dusche schreiben? Eine Figur ersinnen, die wegen der Seife die Augen geschlossen hielt und nicht bemerkte, dass jemand das Badezimmer betreten hatte? Dies eröffnete zahlreiche Möglichkeiten. Von der schönen und liebeswilligen Unbekannten bis zum feindlichen Agenten, der einem Mordauftrag nachzukommen gedachte. Von der Dusche konnte die Erzählung in ein wahlweise modernes oder altertümlich eingerichtetes Schlafzimmer führen, oder nach blutigem Zweikampf die Flucht vor weiteren übel gesonnenen Zeitgenossen schildern. Natürlich konnte auch das Badezimmer der einzige Schauplatz bleiben, auf welchem sich Zärtlichkeit oder Brutalität ereignen würde.

Ohne sich anzukleiden ging er zurück zu seinem Arbeitsplatz und begann, zu schreiben: Der Mann stand mit zusammengekniffenen Augen unter der Dusche. Schaum glitt über seine Schultern am Körper hinab, das Rauschen des Wassers überlagerte das leise Knarzen der Klinke jenseits des Duschvorhangs. Behutsam wurde die Tür geöffnet und mit geräuschlosen Schritten trat eine Gestalt in den Raum. Als der Mann den Luftzug auf der nassen Haut verspürte, wischte er notdürftig den Schaum aus den Augen und blickte in ein fremdes Gesicht. Vor ihm stand

Weiter kam er nicht. Stand da eine Frau oder ein Mann? Jung oder alt? Bedrohlich oder anziehend? Schreibblockade! Du hast eine Schreibblockade.

Vor ihm stand eine junge Frau in einem leichten Sommerkleid, die mit verheißungsvollem Lächeln seine Blöße betrachtete.

Er löschte den Satz. Solch plumpe Formulierungen lagen ihm fern.

Vor ihm stand ein Herr mittleren Alters in einem tadellosen Abendanzug, der eine Pistole auf ihn gerichtet hielt.

Er tilgte auch diesen Satz und gab die Geschichte auf. Er war sprachlos. Wortlos. Satzlos. Inspirationslos. Musenlos.

Ein Spaziergang mochte Ablenkung bringen, so zog er sich schließlich wieder an und verließ ziellos das Haus. Aufmerksam musterte er die Menschen, die ihm begegneten, mochte doch aus einer zufälligen Begegnung eine Geschichte erwachsen, die zu erzählen lohnte. Ein Gesicht möglicherweise, dessen Ausdruck Rückschlüsse auf die erwartungsfrohe Stimmung zuließ, deren Grund Inhalt einer Geschichte sein konnte. Ein ungewöhnliches Bekleidungsstück, dessen Herkunft der Phantasie eine Erforschung gestattete. Ein Paar, dem die Liebe oder der Streit, deren Historie berichtenswert war, von weitem angesehen wurde. Eine einsame Person, deren Verlorenheit in der Welt er literarisch nachforschen konnte. Ein Kind, das Gedanken nachhing, die ungewöhnlich weit über sein Alter hinauswuchsen.

Er ging eine Stunde durch die Straßen, ohne dass auch nur die geringste Beobachtung ihn hätte interessieren oder gar inspirieren können.

Zurück am Schreibtisch öffnete er einige alte Dateien, überfolg sowohl gelungene als auch eher durchschnittliche Texte, die er geschrieben hatte. Doch auch das brachte ihn nicht weiter, führte nicht zu neuen Ideen oder alten Ideen, die er hätte frisch verpacken können. Im Grunde genommen gab es nicht viele Geschichten, es gab nur ein paar, die von vielen Autoren immer wieder in Variationen und mit unterschiedlichen Ausschmückungen erzählt wurden. Diese Handvoll Geschichten war nie langweilig geworden. Sicher gab es missglückte Ansätze und erbärmliche Versuche, peinliche Entgleisungen sowohl inhaltlicher als auch stilistischer Ausprägung. Daneben gab es aber die vielen hervorragenden Beispiele, wie man von der Liebe oder dem Kampf zwischen Gut und Böse berichten konnte, oder von Kombinationen dieser beiden Grundmuster. Eigentlich, überlegte er, gab es nur diese beiden Geschichten. Gut gegen Böse und die Liebe an und für sich - und das, was das Leben oder die Phantasie aus diesen Zutaten zu mischen vermochte.

Die Phantasie jedoch ließ ihn seit Wochen im Stich und das Leben mischte ebenfalls nichts, was er als Stoff für einen Text hätte erkennen können. Dabei warteten, das wusste er, zumindest seine treuen Leserinnen und Leser auf einen neuen Text. Er hatte in der Verlegenheit bereits ein Kapitel aus einem unvollendeten Buch als Auszug veröffentlicht, und dann noch ein Kapitel aus einem früheren Roman nachgeschoben, der inzwischen vergriffen war. Doch das waren Notlösungen, die ihn nicht zufrieden stellen konnten. Er wollte schreiben, aber er fand nur Dürre, wo sonst ein Brunnen der Inspiration gesprudelt hatte.

Er sah erneut auf die Uhr und befand, dass es nun angemessen spät war. Er schlenderte in die Küche, musterte das Weinregal und entkorkte schließlich eine Flasche französischen Rotwein, schenkte sich ein Glas ein und trank einen Schluck.

Dann ging er mit Glas und Flasche zurück zum Computer, öffnete entschlossen ein leeres Dokument und begann zu schreiben:

Die Finger bewegten sich nur Zentimeter über der Tastatur, doch fanden sie kein Ziel. Es mangelte an Befehlen vom Gehirn, weil dem Gehirn Worte mangelten, die niederzuschreiben sich gelohnt hätte...

 

Aus dem Buch Gänsehaut und Übelkeit

Sonntag, 15. August 2010

Wie bitte, Herr Petrus?

»Was steht da eigentlich?« fragte ein Teilnehmer ratlos, nachdem im Hausbibelkreis folgender Text vorgelesen worden war:

Da seine göttliche Kraft uns alles zum Leben und zur Gottseligkeit geschenkt hat durch die Erkenntnis dessen, der uns berufen hat durch seine eigene Herrlichkeit und Tugend, durch die er uns die kostbaren und größten Verheißungen geschenkt hat, damit ihr durch sie Teilhaber der göttlichen Natur werdet, die ihr dem Verderben, das durch die Begierde in der Welt ist, entflohen seid: eben deshalb wendet aber auch allen Fleiß auf und reicht in eurem Glauben die Tugend dar, in der Tugend aber die Erkenntnis, in der Erkenntnis aber die Enthaltsamkeit, in der Enthaltsamkeit aber das Ausharren, in dem Ausharren aber die Gottseligkeit, in der Gottseligkeit aber die Bruderliebe, in der Bruderliebe aber die Liebe!
Denn wenn diese Dinge bei euch vorhanden sind und zunehmen, lassen sie euch im Hinblick auf die Erkenntnis unseres Herrn Jesus Christus nicht träge und nicht fruchtleer sein. Denn bei wem diese Dinge nicht vorhanden sind, der ist blind, kurzsichtig und hat die Reinigung von seinen früheren Sünden vergessen.
Darum, Brüder, befleißigt euch um so mehr, eure Berufung und Erwählung fest zu machen! Denn wenn ihr diese Dinge tut, werdet ihr niemals straucheln. Denn so wird euch reichlich gewährt werden der Eingang in das ewige Reich unseres Herrn und Heilandes Jesus Christus.
(1. Petrus 1, 3-11; Revidierte Elberfelder Übersetzung)

»Was steht da eigentlich?« Eine sehr gute, eine richtige Frage. Es wird wohl kaum jemanden geben, der sie klar und knapp auf Anhieb beantworten kann. In unserer Runde jedenfalls war niemand zugegen, dem das gelungen wäre.

962108_gospel_reading.jpgDie Hauskreisleiterin hatte uns an diesem Abend eine Aufgabe gestellt: »Findet jeweils zu zweit mindestens zwei Fragen zu diesem Text.«

Wenn jedoch der gesamte Text unverständlich scheint, wie soll man dann Fragen aus ihm entwickeln? Die Ratlosigkeit hatte in unserem Hausbibelkreis Platz genommen.

»Was heißt hier allen Fleiß aufwenden?«, fragte jemand. »Wieso fleißig, worin fleißig – verstehe ich irgendwie nicht.«

Da hatten wir den Salat, der so oft serviert wird: Man nehme einen Ausschnitt aus der Bibel und versuche, ihn zu verstehen. Genau das geht häufig nicht.

Der Brief, dem diese Verse entstammen, wurde von Petrus als Brief geschrieben. Nicht als Reihe von kleinen Lehreinheiten in überschaubaren Abschnitten, sondern als ein Brief.

Man liest normalerweise Briefe vom Anfang bis zum Ende, anstatt sich einige Zeilen herauszusuchen – zumindest ich halte es so. Als die beste aller Ehefrauen und ich uns kennen und lieben lernten, schrieben wir uns lange, sehr lange Briefe. Acht Seiten waren keine Seltenheit. Ich wäre nie und nimmer auf die Idee gekommen, von Seite 3 den untersten Absatz zu lesen, in der Hoffnung, dass ich verstehen würde, was meine zukünftige Frau mir in diesem Brief mitteilen wollte.

Die Antwort, was Petrus mit dem zitierten Auszug aus seinem Schreiben ausdrücken wollte, inwiefern er es für notwendig hielt, dass die Empfänger »allen Fleiß aufwenden« sollten, erschließt sich – auch in der Elberfelder Übersetzung – recht leicht, wenn man den Brief als Brief behandelt – indem man ihn komplett liest.

Der Anlass des Schreibens wird zum Beispiel aus diesen Sätzen verständlich:

Ich halte es aber für recht, solange ich in diesem Zelt bin, euch durch Erinnerung aufzuwecken, da ich weiß, dass das Ablegen meines Zeltes bald geschieht, wie auch unser Herr Jesus Christus mir kundgetan hat. Ich werde aber darauf bedacht sein, dass ihr auch nach meinem Abschied jederzeit imstande seid, euch diese Dinge ins Gedächtnis zu rufen.
(2. Petrus 1, 13-15)

Das kann man verstehen. Petrus wusste, dass er bald sterben würde, und er wollte mit diesem Brief die Gläubigen an das erinnern, was sie von ihm und den anderen Aposteln über das Leben als Christen gelernt hatten. Der Anlass eines Briefes ist ja nicht unerheblich, wenn man den Inhalt verstehen möchte. Interessant ist natürlich auch die Frage, an wen Petrus eigentlich schrieb.

Diesen zweiten Brief, Geliebte, schreibe ich euch bereits, in welchen beiden ich durch Erinnerung eure lautere Gesinnung aufwecke…
(2. Petrus 3, 1)

Aha. Da gibt es also einen ersten Brief, wenn dies der zweite ist. Also blättern wir in der Bibel zurück und erfahren etwas genauer, wer die Empfänger waren und in welcher Lage sie sich befanden. Petrus schrieb nämlich, wie er im ersten Satz des ersten Briefes deutlich machte, an ganz bestimmte Menschen:

Petrus, Apostel Jesu Christi, den Fremdlingen von der Zerstreuung von Pontus, Galatien, Kappadozien, Asien und Bithynien, die auserwählt sind nach Vorkenntnis Gottes, des Vaters, in der Heiligung des Geistes zum Gehorsam und zur Besprengung mit dem Blut Jesu Christi: Gnade und Friede werde euch immer reichlicher zuteil!
(1. Petrus 1, 1-2)

Da kann man schon konkreter forschen: Wer sind denn diese »Fremdlinge von der Zerstreuung?« Es sind diejenigen Juden, die aufgrund der Verfolgung in ihrer Heimat in fremde Länder geflohen waren. Asylanten, gläubige Judenchristen im Exil. Menschen, die sich zu Christus bekehrt hatten, worauf hin sie Hab und Gut verloren, aus ihrer Heimat vertrieben wurden und nun in Städten und Gegenden wohnten, die »heidnisch« waren.

Die Umgebung färbt leicht auf den Menschen ab. Ein Mensch, der fliehen musste, der erlebt hat, dass sein Glaube an den Erretter Jesus Christus zur Vertreibung aus der Heimat geführt hat, mag darüber hinaus den einen oder anderen Gedanken bewegen, ob denn die Entscheidung wirklich richtig war. Vielleicht hatte er sich vorgestellt, dass nun sein Leben leichter, erfüllter, schöner werden würde? Hatte nicht Jesus all die Grausamkeiten durchlitten und war auferstanden, damit sein Sieg das Christenleben zu einem glorreichen Siegeszug über Umstände und Feinde machen würde?

An Menschen in solcher Lage schrieb Petrus. An Menschen, deren Zweifel und deren Angst verständlich waren. Ihnen legte Petrus ans Herz, »allen Fleiß aufzuwenden«, auch wenn und obwohl er selbst demnächst sterben würde.

Dieser Hintergrund macht schon etwas klarer, was in den eingangs zitierten Sätzen eigentlich steht. Zugegeben, die Elberfelder Übersetzung ist nicht jedermanns Sache. Dazu kommt, dass Petrus dazu tendierte, so kompliziert wie möglich zu schreiben. Vielleicht wollte er es dem Paulus gleichtun? Schrieb er doch am Ende dieses Briefes:

…wie auch unser geliebter Bruder Paulus nach der ihm gegebenen Weisheit euch geschrieben hat, wie auch in allen Briefen, wenn er in ihnen von diesen Dingen redet. In diesen Briefen ist einiges schwer zu verstehen…
(2. Petrus 3, 15-16)

Mit Verlaub, lieber Bruder Petrus, auch in deinen Briefen ist einiges schwer zu verstehen. Doch zurück zum Ausgangstext. Mir hilft es beim Verständnis, solche Bandwurmsätze in kleinere, überschaubare Formulierungen umzustellen. Den ersten Abschnitt könnte man beispielsweise so zerstückeln:

  • Seine göttliche Kraft hat uns alles zum Leben und zur Gottseligkeit geschenkt.
  • Und zwar durch die Erkenntnis dessen (Jesus Christus), der uns berufen hat, durch seine eigene Herrlichkeit und Tugend.
  • Dadurch hat er uns die kostbaren und größten Verheißungen geschenkt, damit wir durch sie Teilhaber der göttlichen Natur werden.
  • Wir sind dem Verderben, das durch die Begierde in der Welt ist, entflohen.
  • Petrus fordert uns auf: Eben deshalb wendet aber auch allen Fleiß auf und reicht in eurem Glauben die Tugend dar, in der Tugend aber die Erkenntnis, in der Erkenntnis aber die Enthaltsamkeit, in der Enthaltsamkeit aber das Ausharren, in dem Ausharren aber die Gottseligkeit, in der Gottseligkeit aber die Bruderliebe, in der Bruderliebe aber die Liebe!

Das Darreichen – nun ja, man kann es verstehen, oder? Es heißt, dass die Gläubigen, die dem Verderben entflohen sind, sich nun nicht gehen lassen sollen, sondern dass es einer gewissen Anstrengung bedarf, treu zu bleiben. Vor allem angesichts der(oben beschriebenen) Lage, in der sie sich befanden.

Das führt zu Tugend (Tüchtigkeit, Fähigkeit), diese Tüchtigkeit führt dazu, dass die Erkenntnis wächst. Wer mehr Erkenntnis hat, kann den Verführungen besser widerstehen, ist also fähig zur Enthaltsamkeit, was Sünde betrifft. Das ist kein einmaliger Schritt, sondern Ausharren ist notwendig, um Gottseligkeit (Gottesfurcht) aufrecht zu erhalten. Wer das schafft, ist fähig, die Brüder (Mitchristen) wirklich zu lieben und wird schließlich in der Lage sein, auch die Nichtchristen zu lieben – das ist dann die Liebe, die das Ziel ist.

»Was heißt hier allen Fleiß aufwenden?«, war die Frage eines Hausbibelkreisbesuchers gewesen. Die Antwort fällt nun leicht. Ein Blick auf den Zusammenhang, in dem der Autor die Sätze geschrieben hat, die Bandwurmsätze etwas zerstückelt, und alles wird – auch im Elberfelder-Deutsch – begreifbar.

Dies mag genügen, um zu verdeutlichen, was ich nicht müde werde zu schreiben und zu sagen: Ein Häppchen hier und ein Bissen dort aus der Bibel sind keine solide Ernährung und oft genug Ursache für irrwitzige Lehren und Ideen. Wir müssen, wenn wir unseren Glauben stärken und vorankommen wollen, auch biblische Bücher so lesen, wie sie geschrieben wurden. Natürlich kann man aus einzelnen Abschnitten eine Menge lernen und erkennen, aber das sehe ich als Ergänzung, als Intensivierung, nicht als Grundlage. Es gab in den Briefen meiner damals noch zukünftigen Ehefrau Abschnitte, die ich immer wieder las, aber nie und nimmer hätte ich mich auf einzelne Abschnitte beschränken wollen. Wir lernten einander auch durch die Briefe kennen, wollten einander verstehen und begreifen – und nicht nur zur Kenntnis nehmen. Jedoch wären die Briefe nicht für ein richtiges Kennenlernen ausreichend gewesen.

Wenn ich Gott kennen lernen will, wenn ich mehr über Jesus, den Heiligen Geist, den Vater erfahren möchte, dann muss ich, um noch einmal Petrus zu zitieren, »allen Fleiß aufwenden«. Das geht nicht mit drei Minuten Tageslosung und ein oder zwei Versen vor dem Einschlafen. Das ist eher eine Lebensaufgabe und es erschöpft sich nicht im Lesen.

Die von mir favorisierte Elberfelder Übersetzung ist bestimmt nicht jedermanns Sache. Das macht ja nichts, es gibt zahlreiche andere Übersetzungen. Aber lesen muss schon jeder selbst…

Donnerstag, 12. August 2010

Im Urwald

Heute haben wir einen Urwald besucht, in dem buchstäblich noch Natur pur zu finden ist. Das Warnschild am Eingang ist durchaus ernst gemeint.
Hier greift der Mensch nicht ein. Bäume werden alt, fallen und bleiben liegen. Neues Leben entsteht auf den gestürzten Riesen. Unter ihnen. Um sie herum.

Das Gebiet, in dem die Natur von Menschenhand unberührt tun und lassen kann, was sie will, ist nur 48 Hektar groß, aber die Einblicke in den böhmischen Wald in seiner wilden Form sind mitreißend.
Wenn ein Mensch unter einem solchen nach hunderten Jahren gefallenen Riesen steht, begreift er sich auf einmal in einer etwas weniger gewaltigen Größe.
Ist ja auch mal ganz gut. Na denn. Schöne Grüße aus dem Böhmerwald.