Dienstag, 3. April 2012

Aufzeichnungen aus dem Krankenhaus /// Teil 4

Auch heute vor dem Text aus dem Krankenhaus ein paar aktuelle Worte: Es sind für die meisten Menschen unbedeutende Kleinigkeiten, aber für mich Grund zur Dankbarkeit und zum Staunen:

  • Ich kann eine Mahlzeit zu mir nehmen, ohne dass mich schon während des Essens ein anschließend stundenlang andauernder Schluckauf befällt.
  • Gestern brauchte ich nur noch zwei Novaminsulfon Tabletten (Schmerzmittel), um die Reduzierung der mittäglichen Morphin-Dosis (Opiat) abzufedern. Bisher waren es 4 oder 6 gewesen.
  • Ich kann wieder auf der linken Seite liegen, ohne dass Schmerzen und Übelkeit die Folge sind.

Kleinigkeiten? Möglich, aber für mich bemerkenswerte Fortschritte.

Nun also die nächste Dosis dessen, was ich mir zum niemals vergessen im Krankenhaus notiert habe. Für mich in erster Linie, und natürlich ist jeder, den es interessiert, eingeladen. Hier beginnt dann auch so etwas wie eine chronologische Ordnung der ganzen Krankheit.

30. März 2012, 7:25

imageDie Umstellung von der Schmerzmittelpumpe auf Tabletten könne etwas holperig verlaufen, hatte man mir angekündigt. Na ja. Am Mittwoch war das Gerät morgens leergelaufen und dann abgeschaltet worden, so gegen 7 Uhr. Um 6 Uhr hatte ich bereits Morphin in Tablettenform erhalten, um 8 Uhr bekam ich Novalgin flüssig dazu – und gegen 13 Uhr wüteten die Schmerzen so bösartig in meinem Bauch, dass mich Schüttelfrost und Krämpfe überfielen. Der Zustand besserte sich dann ein wenig, in Nuancen, als via Infusion weiteres Novalgin zugeführt wurde. Erst am Abend, weil es wirklich keine wesentlichen Fortschritte gab, entschlossen sich die Ärzte, die Dosis auf 3 x 20 mg Morphin heraufzusetzen, die 22 Uhr Gabe waren schon 20 mg. Doch war es in der Nacht gegen 1 Uhr wieder so schlimm, alle Novalgin und sonstigen Beigaben halfen nicht, dass eine erfahrene Schwester mir Paracetamol an die Infusion hängte. Und siehe da: Binnen zwanzig Minuten war ich endlich soweit schmerzfrei, dass ich an Schlaf denken konnte.

Am Donnerstag bewährte sich die Dosierung 3 x 20 mg Morphin, am Morgen war noch eine Infusion mit Paracetamol notwendig, dann kam ich mit dem Morphin aus. Ich bekam zwar Tropfen (Novalgin) ans Bett gestellt für zwischendurch, aber die konnte ich stehen lassen.

Und heute, am Freitag, nach einer Nacht ungestörten Schlafes, ohne Übelkeit aufgewacht, bisher auch ohne quälenden Schluckauf, kann ich mir ernsthaft vorstellen, zu Hause besser aufgehoben zu sein als hier. Zum ersten Mal seit dem 15. März, als ich nachts mit dem Notarztwagen hier eingeliefert wurde.

Am 14. März war ich morgens ganz normal aufgestanden, um mich für den Tag im Büro fertig zu machen. In den Tagen zuvor hatte ich hin und wieder Schmerzen und Übelkeit verspürt, es kam wieder zu häufigem Schluckauf und Aufstoßen – alles Symptome, die mich Anfang Februar schon einmal zum Arzt, in ein anderes Krankenhaus und zu der Diagnose Divertikulitis gebracht hatten. Nur war es jetzt nicht so schlimm wie im Februar. Ich stand also auf, ging in die Küche, um der Kaffeemaschine meinen Wunsch nach Café Latte kundzutun, und dann ins Bad, wo die Zeit gerade noch reichte, den Klodeckel hochzuklappen, bevor sich das gestrige Abendessen kaum verdaut aus dem Magen ergoss. Ich war ziemlich überrascht, weil keine Übelkeit vorangegangen war – die kam nach dem Erbrechen und blieb. Ich rief im Büro an, dass ich eher zum Arzt als zur Arbeit fahren würde und legte mich wieder hin, mit zunehmender Übelkeit. Zweimaliges Erbrechen in den Stunden vor der Praxisöffnung brachte wenig Mageninhalt zum Vorschein, aber doch gewisse Erleichterung, was die Übelkeit betraf.

Die Ärztin, die schon im Februar auf die (wie ich jetzt weiß) Fehldiagnose Divertikulitis hereingefallen war, erklärte mir, ich habe wohl einen Magen-Darm-Virus, solle aber, falls es nicht besser würde, umgehend ein Krankenhaus aufsuchen.

 

30. März 2012, 11:45 Uhr

Das geschah dann am 15. März in den Abendstunden mit Notarztwagen, Blaulicht und neugierigen Nachbarn an den Fenstern und vor der Türe. Die Papiere von der Februar-Behandlung aus dem Bethel-Krankenhaus nahm ich mit.

Es war schon am nächsten Tag ziemlich klar, was ich nicht hatte: Eine Divertikulitis. Einer der zahlreichen Fachärzte knurrte etwas ungehalten vor sich hin: „Mit einem Ultraschall diagnostiziert man überhaupt nichts. Niemals.“

Erleichterung gegen die ständige Übelkeit brachte die Magensonde, so unangenehm die Minuten des Einführens durch die Nase auch waren. „Glauben Sie mir, das, was Sie womöglich in den nächsten Tagen über den Magen abführen, möchten Sie nicht im Mund haben. Da ist die Magensonde das kleinere Übel“, erklärte mir eine Chirurgin. Heute weiß ich: Sie hatte recht. Die Magensonde wurde meine Freundin in den folgenden Tagen und Nächten.

Nach zwei Tagen Untersuchungen durch alle in Frage kommenden Fachrichtungen wurde ich dann am 17. März auf die Chirurgie verlegt. Mehrere Röntgenuntersuchungen sowie all die Blut- Urin- und sonstigen Proben (Stuhlproben gab es nicht, seit dem 12. März hatte ich keinen Stuhlgang) ließen an der Diagnose Darmverschluss keine Zweifel mehr zu. Wie gefährlich die Lage war, zeigte sich aber erst bei der Computertomographie am Nachmittag des 17. März. Man brachte mich zurück auf mein Zimmer, und kaum dass die Ergebnisse vorlagen, wurde eine sofortige Verlegung auf die Intensivstation vorbereitet. Ich konnte gerade noch der besten aller Ehefrauen mitteilen, dass sie mich am nächsten Tag dort finden würde, da ging es auch schon los: Das Pflegepersonal sammelte meinen persönlichen Besitz ein, um ihn wegzuschließen und ich wurde abtransportiert. Allerdings zuerst zur Endoskopieabteilung, auf dem Weg versuchte mir der Arzt, der persönlich mein Bett schob, weil das Warten auf die Transportkräfte zu lange gedauert hätte, zu erklären, was er vorhatte und versuchen wollte.

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Montag, 2. April 2012

Aufzeichnungen aus dem Krankenhaus /// Teil 3

Bevor der nächste Text aus dem Krankenhaus folgt, eine kurze aktuelle Meldung: Seit Samstag Nachmittag bin ich ja zu Hause, und das tut mir sichtlich gut. Meine Stimmung hellt sich auf, das Essen schmeckt besser (wird ja auch von der besten aller Ehefrauen zubereitet statt aus einer Großküche geholt) und in den Nächten kann ich abgesehen von zwei oder drei Besuchen auf der Toilette (hat sich meine Blase verkleinert oder trinke ich mehr?) durchschlafen.

Ich bedanke mich weiterhin für alle guten Wünsche, Gedanken, Daumen drücken, Gebete, Zuschriften … es tut gut, nicht allein zu sein mit all den Problemen.

 

27. März 2012, 14 Uhr

Täglich ein paar Sätze aufzuschreiben war ein Vorsatz, dessen Erfüllung nicht Realität wurde. Es war und ist doch vieles zu anstrengend, um dann noch die Kraft zu finden, den Computer aus dem Nachttisch zu nehmen. Zum Beispiel das Erbrechen ohne Vorwarnung in der Nacht vom 25. zum 26. März. Als ich wach wurde, es mag gegen 1 Uhr oder 2 Uhr gewesen sein, bemerkte ich, dass es wohl geboten war, sich in die Nähe der Toilettenschüssel zu begeben.

imageDas ist nun in meinem Fall nicht so einfach wie im normalen Leben. Ich muss zunächst die Klammer, an der der Beutel befestigt ist, in dem sich die Wundsekrete aus dem Bauchraum sammeln, links von vom Bettzeug lösen und am Nachthemd befestigen. Dann rechts am Infusions- und Geräteständer den Netzstecker des Novalgin-Perfusors lösen (die Akkus reichen für rund 40 Minuten). Langsam und vorsichtig wegen diverser Kabel und Schläuche am und im Körper zu Geräten und Beuteln kann ich mich dann aufsetzen und aufstehen. Als nächstes muss ich die Schmerzmittelpumpe, die wegen der recht kurzen Leitung zum Rückenmark am Galgen über dem Bett hängt, an den Infusionsständer hängen und den Urinbeutel, der am Bett befestigt ist, in die Hand nehmen, damit er nicht am Blasenkatheder zieht. Dann erst kann ich mich in Richtung Toilette in Bewegung setzen.

In jener Nacht nun reichte es nach der Prozedur einen Schritt vom Bett weg, dann ergoss sich schwallartig Erbrochenes auf den Boden, die Füße, die Hausschuhe. An die Klingel auf dem Nachttisch kam ich nicht mehr heran – zum Glück war mein Bettnachbar wach geworden und drückte auf seinen Alarmknopf. Ich holte krampfhaft Luft, schon kam der zweite Schwall. Mein Bettnachbar befürchtete, dass ich umkippen könnte, und er als wie ich relativ frisch Operierter konnte mich sicher nicht auffangen oder halten. Daher eilte er zur Tür und rief in den leeren Gang: „Schwester, es ist wirklich ein Notfall! Dringend!“ Nun wurden eilende Schritte hörbar, und bei meinem vierten Schwall (fünf wurden es) betrat die Nachtschwester den Raum.

Als die ganze Schweinerei rund zwanzig Minuten später beseitigt war, bekam ich eine Infusion wegen des erheblichen Flüssigkeitsverlustes und schlief bald ein. Jegliche Übelkeit war verschwunden. Gegen vier Uhr drehte ich mich dann von der einen Seite auf die andere (auf dem Rücken kann ich nur sehr schlecht schlafen) und fühlte dabei, dass mein Po nass war. Ein unangenehmer Gestank kam unter der Bettdecke hervor. Sollte ich etwa – hatte ich womöglich – ach du liebe Güte! So ungern ich auch die Pflegekräfte mittels Alarmknopf holte, in diesem Fall hielt ich es für angebracht, nicht selbst das Unheil noch zu vergrößern, sondern Hilfe in Anspruch zu nehmen. Um es kurz zu machen: Ich hatte ins Bett gemacht, allerdings war es sehr dünne Flüssigkeit und die Nachtschwester versicherte mir, dass ich das im Schlaf ganz einfach nicht merken hätte können, dass ich Patient und im Krankenhaus sei, eine schwere Operation hinter mir hätte und dass ich mich für nichts schämen müsse.

Als ich gesäubert wieder in meinem Bett lag und auf den Schlaf wartete, fiel mir auf, für wie selbstverständlich ich es immer gehalten hatte, Ausscheidungsvorgänge, Körperhygiene und überhaupt die täglichen Dinge wie Duschen, Hände waschen, Pinkeln gehen, selbst und diskret zu erledigen, ohne überhaupt darüber nachzudenken. Und nun, auf einmal auf Hilfe sogar beim Abwischen nach dem Stuhlgang angewiesen, konnte ich es mir nicht leisten, irgend etwas zu peinlich zu finden. Nun konnte ich mich nicht dagegen wehren, dass mein Körper keine Rücksicht auf meine Hemmschwellen nahm. Natürlich versicherten mir die Pflegekräfte, dass sie mit allen menschlichen Befindlichkeiten und Ausscheidungen umzugehen gelernt hatten, dass ich mich nicht schämen müsse und wirklich in meinem Zustand nichts dagegen tun konnte. Aber wesentlich leichter fiel es mir trotzdem nicht, mich damit abzufinden.

Für die nächsten Nächte und während der Schlafphasen der Tage zumindest trage ich nun ein vermutlich absolut sexy wirkendes Höschen mit Einlage, damit im Fall des Falles nicht das ganze Bett frisch bezogen werden muss.

Nach solchen Nächten kommen dann Tage, die sowieso ja andere Anstrengungen und Unbill mit sich bringen … zusätzlich die Tatsache, dass wenig Schlaf möglich war … da schreibt man dann nichts mehr auf.

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Sonntag, 1. April 2012

Aufzeichnungen aus dem Krankenhaus /// Teil 2

25. März 2012, 11 Uhr

imageChronologisch aufschreiben, wie alles kam und verlief … für heute scheint mir das noch zu anstrengend. Statt dessen notiere ich ein paar herausragende Empfindungen, besondere Momente, wertvolle Dinge, die ich nicht vergessen möchte, wenn ich irgendwann wieder zu Hause sein werde.

  • Der tägliche Besuch von Eva, so traurig und entkräftet sie auch aussieht, gibt mir Kraft und Mut und Entschlossenheit: Ich will durchhalten. Vor allem in den Tagen vor der Operation waren diese Stunden mit ihr an meinem Bett unschätzbar wertvoll, um nicht zu verzweifeln. Ich hätte ihr gerne mehr erzählen wollen, fragen wollen, reden wollen, aber alle paar Minuten fielen meine Augen zu … sie war trotzdem da, hielt meine Hand, und Liebe strömte in mich hinein.
  • Besuche von Teresa und meinen Söhnen, Sam auch mit Tanja und einmal sogar den Enkeln - Vico hat es bis an mein Bett auf der Intensivstation geschafft, weil die Schwester gerade abgelenkt war. Niki durfte dann leider nicht mehr herein, schade, aber Tanja hat Videobotschafterin zwischen ihm und mir gespielt … immerhin. Sam nimmt Eva und mir auch eine wichtige Arbeit ab, die termingebunden ist, das ist mir eine gewaltige innere Entlastung, diese Sorge los zu sein. Wichtiger noch als diese ganz praktische Entlastung: Ich sehe all diejenigen, für die es sich weiter zu kämpfen und weiter zu leben lohnt. Ich bin nicht allein, da gibt es eine Familie, die ich liebe und die mich liebt.
  • Die Besuche meines Freundes und Pastors Martin, der zuhört, keine theologischen Patentrezepte aus der Tasche zieht, zugibt, dass er Gottes Handeln oder Nichthandeln nicht verstehen kann. Der für mich am Bett betet - selbst kann ich nicht glauben oder beten, sondern nur hoffen und gegen die Mutlosigkeit kämpfen. Es tut trotzdem ungeheuer gut, dass Martin für mich an höchster Stelle vorspricht, samt der ganzen Gemeinde bei den sonntäglichen Gottesdiensten.
  • Der Besuch meines Freundes Harald. Ich darf endlich weinen, meine Sorge um Eva, die immer erschöpfter und trauriger wirkt, obwohl sie versucht, mir Mut zu machen, aussprechen und ich darf schwach sein, weinen, weinen. Mein Freund ist da und er versteht. Und er erinnert mich, dass der emergente Jesus nicht weniger Kraft hat als der charismatische Jesus. Womöglich sogar viel mehr Kraft, weil nämlich die ausbleibenden falschen Hoffnungen und Versprechungen vor tiefen und großen Enttäuschungen schützen und das angestrengte, qualvolle „ich muss mehr glauben!“ wegfällt.
  • Die vielen, wirklich vielen E-Mails und Facebook-Nachrichten, die Eva mir täglich ausgedruckt mitbringt, zeigen mir, wie viele Menschen hinter uns stehen und mit uns leiden und uns mit allen Mitteln, die sie haben, unterstützen. Ich lese die Seiten, wenn Evas Besuch vorüber ist und oft genug fließen die Tränen der Dankbarkeit über so viel Anteilnahme. Ich bin vor allem auch für Eva froh, dass ihr Mut gemacht wird. Ich freue mich über Menschen, die nicht gläubig in irgend einer typisch christlichen Weise sind, und die für mich und uns „zum Universum“ oder wohin auch immer beten - das ist so kostbar! Oder die Daumen drücken, bis sie platt sind - danke!
    Ich lese die vielen Seiten mehrmals. Und schöpfe Kraft und Hoffnung. Und meine Dankbarkeit wächst.

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Samstag, 31. März 2012

Aufzeichnungen aus dem Krankenhaus /// Teil 1



Darmkrebs. Intensivstation. Darmverschluss seit mehreren Tagen, die Gefahr, dass der mittlerweile auf 15 Zentimeter  Durchmesser aufgeblähte Darm reißt oder bricht, ist akut. Ein lebensbedrohender Zustand. Notoperation wird vorbereitet, aber ein Chirurg hat noch eine Idee, eine Hoffnung, wie mir vielleicht, nicht wahrscheinlich aber immerhin auch nicht ausgeschlossen, ein künstlicher Darmausgang erspart werden kann...

Dass sich durch solche Erlebnisse, wenn sie überstanden sind und auch schon während die Krise andauert, im Leben innerlich wie äußerlich einiges ändert, liegt auf der Hand. Mein Leben, das mir geschenkte zweite, das Weiterleben, ist anders. Bleibt anders. Das wird sich auch auf diesem Blog, der in der Zukunft wieder mehr zu einem persönlichen Tagebuch wird, bemerkbar machen. Ich schreibe auf, was ich nicht vergessen will, für mich selbst zunächst einmal, und wer es lesen möchte, ist herzlich eingeladen. Wer weiß, vielleicht ist sogar für den einen und den anderen etwas dabei, was ihm hilfreich werden kann.
Die ersten Aufzeichnungen, die hier in den nächsten Tagen zu lesen sein werden, sind bereits im Krankenhaus entstanden, ich werde sie so,wie sie mir in den Sinn kamen, bloggen. Unsortiert, ungefiltert, ungeschminkt.Für mich, für später, gegen das eigene Vergessen. Und für diejenigen, die es interessiert.

Am 15. März wurde ich mit dem Notarztwagen in das Universitätsklinikum Benjamin Franklin in Berlin Steglitz gebracht. Am 31. März zu mittäglicher Stunde ging es wieder nach Hause. GJM, der Blogger, ist wieder da und sagt seinen Lesern nach der langen Pause guten Tag mit dem ersten Teil der Aufzeichnungen aus dem Krankenhaus.

24. März 2012, 17 Uhr

Plötzlich steht alles still, was so lange und so ungehindert in Bewegung war, auf einmal ist alles Wichtige vollkommen nebensächlich und was im Alltag so gut wie keine Beachtung fand, ist mit einem Schlag entscheidend wie nichts anderes. Das Überleben der nächsten Stunden und Tage rückt nach vorne, alles andere verschwindet im Nebel der Bedeutungslosigkeit.

So ging es mir, als feststand, dass ich an einem Darmkrebs erkrankt war und der Darm bereits seit mehreren Tagen, fast einer Woche wohl, vollständig verschlossen war. So ging es mir, als ich literweise Kot erbrechen musste, als schon das Luftholen zwischen dem Würgen zur Willensanstrengung wurde. Der Darmdurchmesser auf 15 Zentimeter aufgebläht, viel konnte da bis zum Platzen nicht mehr fehlen, und um den Druck zu mindern führten die Ärzte auf der Intensivstation immer wieder äußerst aggressive Abführmaßnahmen durch,damit ich noch mehr und noch mehr Kot erbrechen konnte, denn die Magensonde allein schaffte die Mengen nicht, obwohl sie pausenlos Braunes in die Beutel transportierte. Flüssigkeit und ich weiß nicht was für Medikamente wurde durch die Infusionen in meinen Körper zugeführt,der mittlerweile zu schwach war, um noch viel mehr zu tun als auf dem Bett zu liegen.

„Er ist ansprechbar“, wurde meiner Frau, der besten aller Ehefrauen, nach einer dramatischen Nacht am Telefon gesagt, was gar nicht mal so falsch war, denn ansprechen kann man ja jeden. Die Frage ist, ob derjenige zu antworten in der Lage ist. Das Telefon zu mir herüberreichen wäre wohl gegangen, aber ein Gespräch wäre daraus in jenen Stunden kaum geworden.


Während ich jetzt diese Zeilen schreibe, es ist Samstag, der 24. März 2012, liege ich auf der Chirurgischen Station, die dreieinhalbstündige Operation wurde am vergangenen Mittwoch, dem 21. März 2012, durchgeführt. Nun fehlt mir ein Stück Dickdarm mitsamt zwei aprikosengroßen Tumoren, und die will ich auch nicht wieder haben. Vom Operationstag bis zum Donnerstagnachmittag behielten mich die Ärzte auf der Intensivstation, dann waren sie wohl so weit mit meinem Zustand zufrieden, dass sie einer Verlegung in den „normalen“ Krankenhausbetrieb zustimmten. Es war in den Stunden vor, während und nach der Operation so vieles so unwahrscheinlich positiv verlaufen, dass es an Ignoranz grenzen würde, hier noch von Zufall oder „Glück gehabt“ sprechen zu wollen. Das Wort Wunder ist, ob jemand nun gläubig ist oder nicht, eher am Platz.

Habe ich gebetet in jenen schlimmsten Stunden zwischen Leben und Sterben, die so um den Samstag und Sonntag vor der Operation lagen? Nein. Dazu war ich nicht in der Lage. Ich habe in den mehr oder weniger wachen Augenblicken meine Frau vor Augen gehabt, die ich nach der tragischen Familiengeschichte der vergangenen Jahre nicht allein zurücklassen wollte. Ich habe gelegentlich schwarz gesehen, Trauerflor, erschütterte Gesichter meiner Familie und mich gezwungen, die Bilder immer wieder wegzuschieben. Ich wollte leben. Die Schmerzen waren grauenhaft trotz hochdosierten großzügigen Gaben dessen, was die pharmazeutische Forschung zustande gebracht hat, manchmal dachte ich, es wäre besser, alles ginge jetzt zu Ende, aber nein: ich wollte leben.

Ich lebe. Und ich schreibe erst einmal ziemlich ungeordnet auf, was so an Bildern, Erinnerungen, Eindrücken auftaucht, um es nicht zu vergessen. Ich habe noch ungefähr zehn Tage im Krankenhaus und dann eine Rehabilitation vor mir, kenne noch keine Resultate, was die Tumorproben betrifft, die ins Labor geschickt wurden (die können den weiteren Behandlungsverlauf ab heute auf ca. 10 Wochen verkürzen oder auf viele Monate verlängern). Ich fange heute an, aufzuschreiben, werde morgen vielleicht die Entwicklung bis zu Operation zu notieren versuchen, oder darüber nachsinnen, wie viel es mir bedeutet, dass so viele Menschen Anteil nehmend meine Frau gestützt und mir Segen und Gutes gewünscht haben. Wenn ich in hoffentlich spätestens zehn Tagen, gerne früher, wieder zu Hause bin, soll dieses erste Kapitel auf meinem Blog erscheinen. Nach und nach dann, was ich die nächsten Tage so notieren werde, falls die Kraft reicht. Jetzt ist sie erst einmal ziemlich aufgebraucht, das Schreiben im Bett ist doch anstrengender, als gedacht.

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Den gesamten Bericht über mein Leben seit der und mit der Krebserkrankung (regelmäßig aktualisiert und chronologisch) finden Sie hier: [Mein Leben seit dem Darmkrebs].
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Dienstag, 13. März 2012

Dieser Blog macht ...

Button

... Pause.

Denkpause? Neuerfindungspause? Krankheitsbedingtepause? Überarbeitetpause? Einfachnurpause?

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Donnerstag, 8. März 2012

Leonard Cohen: Old Ideas

imageEilig hat er es nie gehabt, der Leonard Cohen. Acht Jahre Abstand zwischen »Dear Heather« und »Old Ideas« ... so lange dauerte es eben. Was nun vorliegt, ist genau die Sorte Album, die ich mir erhofft hatte. Ein in sich ruhender Cohen, der nicht ruhen wird, bis seine irdische Bahn vollendet ist. Lieder mit Melancholie, Humor und Weisheiten ausgestattet, die den Blick auf Gott und die Welt lenken, ohne penetrant zu werden - eben Leonard Cohen, wie wir ihn seit Jahrzehnten kennen und schätzen. Und dennoch bergen die alten Ideen so manche Überraschungen.

Gleich im ersten Lied erfahren wir, was Gott bezüglich dieses Sängers denkt und weiß:

But he does say what I tell him, even though it isn't welcome, he just doesn't have the freedom to refuse.
...
He wants to write a love song, an anthem of forgiving, a manual for living with defeat.
A cry above the suffering, a sacrifice recovering, but that isn't what I need him to complete.

Die Musik passt - leicht beschwingt, Cohens Stimme deutlich im Vordergrund, sparsam instumentiert.

Das zweite Lied, »Amen«, kann ich nur als Antwort auf die göttliche Ansprache im vorigen Text verstehen. Wenn der Sänger keine Wahl hat, sondern das sagen muss, was von ihm verlangt wird, dann möchte er wenigstens gelegentlich von höherer Instanz auch eine Versicherung bekommen, dass das alles so sein muss und seine Richtigkeit hat.

Tell me again that you know what I'm thinking
But vengence belongs to the Lord.
...
Tell me again when the filth of the butcher
Is washed in the blood of the lamb.

Herausragend für mich: Das Amen der weiblichen Stimmen als zaghaftes Echo, als zarter Hintergund stellenweise. Dazu eine gefühlvolle Violine ... Besser geht es wohl nicht bei einem solchen Lied.

In »Show Me The Place« ist die Rede - nein, ist der Gesang - vom Zweifeln des Sängers und von der Hoffnung auf Erinnerung oder Offenbarung, warum und wozu all das gut sein soll. Womöglich auch Sehnsucht nach der endgültigen Ruhe und dem Frieden nach diesem Erdenleben.

Help me roll away the stone ... I can't move this thing alone ...
Show me the place where the word became a man, show me the place where the suffering began.

Ohne Rhythmusinstrumente bekommt das Lied eine besonders intime Note, Jennifer Warnes sorgt bei diesem Lied für die weibliche Ergänzung zu Cohens Gesang, bei den anderen sind die Webb Sisters und Sharon Robinson dabei.

Wenn von der Liebe die Rede war, dann war es bei Leonard Cohen kaum jemals die übersprudelnde, frische, heiße Liebe, die mit Schmetterlingen im Bauch einherzugehen pfegt. So auch auf diesem Album. In »Darkness« erinnert sich der Sänger mit sarkastischem Humor ein eine lang zurückliegende Episode. Da muss ja wohl so einiges schief gegangen sein.

I should have seen it coming, it was right behind your eyes.
You were young and it was summer, I just had to take a dive.
Winning you was easy, but darkness was the price.

Nach einem eingängigen Gitarrenintro geht es hier (für Leonard Cohen zumindest) recht flott zur Sache - ein Klavier tinkelt munter vor sich hin, eine Orgel jubiliert beinahe - so entsteht ein reizvoller Kontrast zwischen Text und Musik.

Manchmal ist das mit der Liebe eine einseitige Geschichte. »Anyhow« beschreibt eine solche Situation.

»Have mercy on me baby, after all I did confess.
Even though you have to hate me: Could you hate me less?

Zunächst gibt es nur die Stimme und ein paar Akkorde vom Keyboard, dann setzen die übrigen Musiker ein. Doch die bleiben so im Hintergrund, dass dieses Lied wieder einen sehr intimen Charakter bekommt - Cohen erlaubt einen Blick ins Innerste. Zumindest wirkt es so, denn wer weiß schon, was wirklich in einem Menschen steckt.

Ach ja, die Liebe. Die beschäftigt den Sänger und uns seit Jahrzehnten, und manchmal muss der Mensch zugeben, dass es dabei nicht immer mit Vernunft zugeht. »Crazy To Love You« erzählt davon.

Had to be crazy to love you, had to let everything fall.
Had to be people I hated, had to be no one at all.

Der Musik ist anzuhören, dass es mit dem crazy sein so schlimm nicht gewesen ist, die Melodie kommt wieder leicht beschwingt daher und Cohen wagt sich an höhere Töne als sonst. Sieh da - das kann er also auch noch.

So manche wunderbar vertonte Gebete hat uns Leonard Cohne in den vergangenen Jahrzehnten schon geschenkt. Wer würde »If it be Your Will« je vergessen können, oder das monumentale »Hallelujah«. Auf dieser CD folgt mit »Come Healing« ein Gebet um Heilung für Seele, Herz, Körper, Geist.

Behold the gates of mercy in arbitary space,
And none of us deserving the cruelty of the grace.
...
O let the heavens falter, and let the earth proclaim:
Come healing of the Altar, come healing of the Name.

Die Webb Sisters eröffnen mit ihrem unvergleichlichen Harmoniegesang, den ich bei der letzten Cohen Tournee so genossen habe, dass ich versucht war, nach CDs der Damen zu suchen. Cohen stimmt mit ein, es entsteht ein faszinierendes Klanggemälde. Ohne Hast, aber eindringlich.

Manchmal blitzt bei Leonard Cohen ja so etwas wie kindliches Vergnügen an Dingen, die Erwachsenen eher gleichgültig sein dürften, auf. Ab und zu. Selten. Aber immerhin. Auf dem neuen Album zum Beispiel in »Banjo«.

There's something that I'm watching, means a lot to me.
It's a broken banjo bobbing on the dark infested sea.

Natürlich darf ein Banjo nicht fehlen, es trägt uns munter durch diese Humoreske. Das ganze kommt so locker luftig leicht daher, dass man das kaputte Banjo auf den Wellen schaukeln sieht.

Schlaflieder dürfen (und sollten) durchaus ebenfalls heiter sein. »Lullaby« war bei den Konzerten der letzten Tournee schon zu hören, allerdings mit zum Teil abweichenden Textpassagen als nun auf der CD. Auch das ist ja für Leonard Cohen nicht ungewöhnlich, seine Lieder leben nach (und offenbar vor) der Aufnahme, manche Verse tauchen auf, andere verschwinden, manchmal auch nur eine Zeile oder zwei. Dieses kleine Schlaflied jedenfalls macht mir viel Vergnügen, weil so viel in Zungen geredet wird; das garantiert gute Träume.

Well the mouse ate the crumb and the cat ate the crust.
Now they've fallen in love. They're talking in toungues.
...
Sleep baby, sleep. There's a morning to come.
The wind in the trees is talking in toungues.

Die Musik ist genial arrangiert, ein kleines bisschen Country, ein wenig Folk, eine Prise Pop, ein Rhythmus, der einlullt und die Damen singen sanft die glossolieträchtigen Träume herbei. Eine wahre Freude, nicht nur zur guten Nacht.

Zum Schluss der CD gibt es eines der Lieder, deren Refrain man spätestens beim zweiten Anhören mitsingt, weil Melodie, Instrumentierung, Text und Stimmung einfach dazu verführen. »Different Sides« handelt vom Konflikt, der nicht aufzulösen ist. So etwas gibt es. Im Lied und im wirklichen Leben.

I to my side call the meek and the mild, you to your side call the Word.
By virtue of suffering I claim to have won. You claim to have never been heard.
Both of us say there are laws to obey, but frankly, I don't like your tone.
You want to change the way I make love, I want to leave it alone.

Hier bekommen wir noch mal einen kräftigeren Rhythmus und volle Instrumentierung zum Schluss. Und ich könnte wetten, dass man an Cohens Stimme ein Lächeln hört. Ein überlegenes, befreites, in sich ruhendes Lächeln.

Das Begleitheft zur CD ist mit den komplett abgedruckten Texten sowie zahlreichen Zeichnungen, Skizzen, und Bildern liebevoll gestaltet, besonders gefällt mir die unbekleidete Dame, die auch auf dem CD-Lable verträumt nach unten schaut.

Rundum ein ganz und gar gelungenes Album von Leonard Cohen, das nur einen Fehler hat: Es ist wie immer bei solchen rundum guten CDs nach rund 42 Minuten zu schnell vorbei. Aber dann kann man ja von vorne anfangen. Und immer wieder ...

Kaufen kann man die CD zum Beispiel bei Amazon:

Montag, 5. März 2012

Der Käfer

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Als Lea eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand sie sich nicht in ein ungeheures Ungeziefer verwandelt, obwohl sie in den ersten Augenblicken nach dem Weckerklingeln davon überzeugt war, zu einem Käfer geworden zu sein. Warum ausgerechnet Franz Kafkas sonderbare Phantasie ihren lebhaften Traum bestimmt hatte, vermochte sie nicht zu sagen, die Lektüre seiner Erzählungen lag Jahre zurück. Jedenfalls war der Traum so eindrücklich gewesen, dass sie beim Aufwachen fest damit rechnete, es würden Insektenbeine, und zwar sechs Stück, unter der Bettdecke hervorkommen, als sie diese beiseite schob.

So beginnt eine neue Erzählung aus meiner Feder:

http://issuu.com/oora/docs/oora-43_fantasie/7

Ab Seite 6 geht es los.

Ich empfehle allerdings den Kauf der Zeitschrift anstelle der Onlineversion, denn wie immer ist der Inhalt des ganzen Heftes lesenswert. Das Papier fühlt sich außerdem viel besser an als ein Computer, Lesegerät oder schlaues Telefon.

Samstag, 3. März 2012

the trinity argues about church

the trinity argues about who's going to church
What if they all decide not to go? Would anyone notice?

Mittwoch, 29. Februar 2012

AIDS, Homosexualität ... gegen die tödliche Krankheit des Verurteilens

Während meiner Nachtschicht in der Notaufnahmestation traf eine Frau, die rund 70 Jahre alt war, mit ihrem 40jährigen Sohn ein. Bei seinem Anblick hätte niemand sein Alter erraten. Er sah älter aus als seine Mutter, er war abgemagert, ausgezehrt, buchstäblich verfallen. Er brauchte gar nichts sagen, seine Schmerzen, sein Leiden, seine Scham und seine Schuldgefühle waren offensichtlich. Er war im AIDS Endstadium. Von der Krankheit verwüstet, starb er an Dehydrierung und Unterernährung ... und seine Mutter war dem nicht mehr gewachsen.

coming out gayIch sah, dass sie eine Halskette mit einem Kreuz trug, also fragte ich sie, ob sie einer Kirchengemeinde angehörte und dort Unterstützung und Hilfe bekommen würde. Es war, als hätte ich eine offene Wunde berührt. Tränen strömten über ihr Gesicht. Ich reichte ihr Taschentücher und sie erklärte, dass sie niemandem etwas über den Zustand ihres Sohnes sagen konnte.

Selbst wenn es nicht himmelschreiend offensichtlich ist, kann man es doch nicht übersehen. Irgendwo versteckt in ihrer Kirche hat Verurteilung ihren Platz: Homosexualität ist Sünde, daher findet Gericht statt und AIDS ist die Folge, die irdische Strafe. Und wenn das noch nicht schlimm genug sein sollte, hat ihr Sohn auch noch die ewige Qual in der Hölle vor sich. Ich bin sicher, dass die Frau diese Verurteilung zumindest teilweise auch auf sich bezog. Schließlich soll Homosexualität ja eine Frage der Entscheidung sein ... wenn sie ihrem Sohn eine bessere Mutter gewesen wäre, vielleicht wäre er dann anders geworden?
Wer ist eigentlich dieser Jesus, der in manchen Kirchen und Gemeinden angebetet wird? In den Evangelien kann ich ihn nirgends entdecken.

Ich sehe die ganze Zeit einen anderen Jesus vor mir, einen, der sich bei denen aufhielt, die in dieser Welt am meisten an den Rand gedrängt wurden. Irgendwie war er immer mitten unter den Kranken, den Blinden, den Verkrüppelten, den Bettlern, den von Dämonen gequälten. Er berührte die Leprakranken, küsste und heilte sie. Er hatte Umgang mit Prostituierten, wurde ihnen zur Rettung - sie wuschen ihm mit Tränen und Salböl die Füße.

Da ist diese Frau, deren Sohn an AIDS stirbt, und niemandem in ihrer Gemeinde kann sie das erzählen. Ich bin mir sicher, dass Jesus diesen Mann umarmen und lieben würde, ohne jegliche Verurteilung. Aber die Kirche, die sich als Leib Jesu Christi bezeichnet, geht keinen Schritt auf den Mann zu, legt keine Arme um ihn oder bewegt ihre Lippen, um ihn zu küssen.

Manch einer mag jetzt den Slogan »liebe den Sünder und hasse die Sünde« parat haben. Tut mir leid, aber das ist Schwachsinn. Du kannst nicht gleichzeitig lieben und hassen, da käme eine ziemlich verdorbene Liebe zustande. Jesus sagte, dass wir einfach nur lieben sollen, genau wie er. Die Evangelien sind voll von dieser radikalen, skandalösen, erlösenden Liebe. Wäre es uns wohl möglich, dass wir es lernen, einfach nur zu lieben, zu lieben, zu lieben ... bis es uns umbringt? Mit einer Liebe, die uns jedes Opfer wert ist?

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Quellen

Artikel: Ron Cole - Aids, homosexuality…confronting the terminal illness of judgement. Gefunden auf Emerging Village Voice, übersetzt von mir. Originalartikel: [Ron Cole: Aids, homosexuality…confronting the terminal illness of judgement]

Bild: David Hayward – coming out. Originalbild: [nakedpastor: coming out]

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Montag, 27. Februar 2012

Was ich mitnehme vom Transforum 2012

Das Transforum 2012 war die fünfte Konferenz dieser von Gemeinsam für Berlin veranstalteten Tagungsreihe. Es wäre ein törichtes Unterfangen, alle Eindrücke, Einsichten und Impulse aus den vielen Stunden in einen für diesen Bericht angemessenen Rahmen zwängen zu wollen. Ich will und muss mich daher auf ein paar für mich persönlich besonders wichtige und herausragende Punkte beschränken. Andere Teilnehmer werden anderes bemerkenswert gefunden haben, und das ist auch gut so.

Das große Thema der Konferenz war Gerechtigkeit in der Stadt. Können und wollen wir als Christen einen Beitrag leisten, um in unserer Gesellschaft für mehr Gerechtigkeit zu sorgen? Was ist, vorausgesetzt wir wollen nicht die Augen vor der Ungerechtigkeit schließen und auf ein besseres Jenseits verweisen, zu tun?

Hinsehen

Der Eröffnungsabend stand unter dem Motto Hinsehen. Der Vortrag von Harald Sommerfeld (Vorsitzender des Netzwerkes Gemeinsam für Berlin, Berater für urbane Transformation) zu diesem Thema war mitreißend, weil der Redner spürbar ein glühendes Herz für Menschen hat, die unter Ungerechtigkeit leiden. Er sieht genau hin und vermag das Gesehene so zu erklären, dass auch aus Problemen, die weit weg zu sein scheinen, auf einmal etwas wird, was mich persönlich berührt. Ungerechtigkeit gibt es genug, und es gibt zahlreiche von manchen Christen gepflegte Möglichkeiten, sie einfach nicht zur Kenntnis zu nehmen. Es ist eine – meine – persönliche Entscheidung, ob ich hinsehen oder wegschauen möchte.

Bildquelle: Christen in BerlinMitten im Thema gab es eine Unterbrechung, vier Rapper aus dem Soldiner Kiez, einem der sozialen Brennpunkte Berlins, kamen auf die Bühne. Die Kingz of Kiez, wie sie sich nennen, boten ihre Musik dar und gaben im Gespräch Auskunft über ihren Alltag, ihr Leben, ihre Träume und ihre Sorgen. „Wenn man mir, weil ich Moslem bin, den 11. September immer wieder vorwirft, dann verletzt mich das“, sagte einer der jungen Musiker. Nanu? Moslems auf der Bühne einer christlichen Konferenz? Jawohl. Und auch das ist gut so. „Ich bin dankbar, dass ich hier leben kann, wo ich nicht verhungern muss, wo kein Krieg herrscht. Ich muss nicht jeden Tag Angst um meine Familie und mein Leben haben“, meinte ein anderer. Mich überraschte, dass die Jugendlichen, obwohl sie in einer „schwierigen“ Ecke Berlins leben, neben einigen berechtigten Wünschen nach mehr Gerechtigkeit doch eine ganze Menge an positiven Dingen über ihr Leben zu sagen hatten.

Der Vortrag von Harald Sommerfeld widmete sich anschließend Erlebnissen und Beispielen, wie durch das Hinsehen (und das daraus folgende Handeln natürlich) Gerechtigkeit zunehmen kann. Wir müssen nicht die ganze Welt verändern wollen. Es genügt, da wo wir sind, womöglich in einem ganz klein erscheinenden Bereich, hinzusehen und Schlussfolgerungen aus dem zu ziehen, was wir dann wahrnehmen. Aus vielen kleinen Schritten kann eine spürbare Zunahme der Gerechtigkeit in unserer Gesellschaft entstehen.

Aufstehen

Pfarrer Axel Nehlsen (Geschäftsführer Gemeinsam für Berlin, Vorstandsmitglied mehrerer christlicher Organisationen) erläuterte am Beginn des Freitag, der dem Schwerpunkt Aufstehen gewidmet war, in einer Bibelarbeit Unterschiede und Gemeinsamkeiten menschlicher und göttlicher Gerechtigkeit, um eine Art theologisches Fundament zu vermitteln oder zumindest Eckwerte anzubieten. Rechtfertigung, Gerechtigkeit, göttliches Recht … viele Begriffe sind nur aus ihrem jeweiligen Kontext zu erklären und zu verstehen und auch nicht auf einen anderen Zusammenhang anwendbar.

Anschließend erfuhr ich durch eine katholische Ordensschwester etwas über unsere Gesellschaft, was mir bis dahin unbekannt geblieben war: Es gibt hier und heute Sklaverei und Menschenhandel. Auch in Berlin.

Schwester Margit Forster hat nach ihrem Theologiesstudium in Rom acht Jahre in Kenia und vier Jahre in Uganda gearbeitet (Schule, Jugendarbeit, Begleitung junger Frauen in die Ordensgemeinschaft). Anschließend gehörte sie sechs Jahre der Generalleitung ihres Ordens in Rom an und arbeitete anschließend noch über ein Jahr in der italienischen Hauptstadt als Generalsekretärin für Ausbildung. Sie erklärte: „Während dieser Zeit wurde mir immer mehr bewusst, dass ich immer weniger Kontakt mit dem wirklichen Leben hatte. Und so begann ein neues Kapitel meines Lebens, für das ich sehr dankbar bin.“ Sie arbeitet für die Organisation SOLWODI (Solidarity with women in distress - Solidarität mit Frauen in Not). Schwester Margit Forster: „Bis vor wenigen Jahren wurden überwiegend Frauen aus Afrika, Asien und Lateinamerika mit einem Arbeitsangebot im reichen Ausland angeworben und dann unter Anwendung von Gewalt in die Prostitution gezwungen. Inzwischen ist auch eine steigende Nachfrage nach immer jüngeren Prostituierten aus Osteuropa zu beobachten. Nach ihrer Einreise wird den Frauen und Mädchen ihr Ausweis und ihr Geld abgenommen, um sie dann im Anschluss an Bordelle zu vermitteln. Unter Androhung und/oder Ausübung von körperlicher Gewalt, auch Vergewaltigung, werden sie gefügig gemacht und so zur Prostitution gezwungen.“ Viele der Frauen aus Afrika werden von Frauen gehandelt und prostituiert, die einst auf dem gleichen Weg in Europa gelandet sind. Sobald sie die vielen Tausend Euro „abgearbeitet“ haben, die ihre Flucht gekostet hat, fangen sie an, Geld zu verdienen, indem sie nun ihrerseits neuankommende Frauen versklaven.

Aufstehen gegen solche Zustände – das Anliegen dieser Ordensschwester und ihrer Organisation. Viele Konferenzteilnehmer waren wohl so betroffen wie ich nach ihrem Bericht. Wie kann so etwas in unserer Gesellschaft, in unserer Stadt geschehen? Wer kann eingreifen, um diese Ungerechtigkeit zu beseitigen?

„Evangelikale, soziale Gerechtigkeit und Politik“ war das Seminar überschrieben, das ich dann am Nachmittag besuchte, Referent war Harald Sommerfeld. Er ging am Beispiel der britischen Kirchengeschichte der Frage nach, ob das Christentum schon immer so sozial gleichgültig war wie es sich heute weithin präsentiert (von Ausnahmen natürlich abgesehen). Und siehe da: Nein, ganz und gar nicht. Die großen Glaubens- und Erweckungsbewegungen haben vielmehr als soziale Werke begonnen, die von Gläubigen getragen und vorangetrieben wurden. Die Methodisten, die Heilsarmee und andere hatten vor allem Ungerechtigkeit ihrer Gesellschaft im Blick und standen auf, um etwas daran zu ändern. Erfolgreich, wie man weiß. Und dann, nach und nach, ging der Blick für die Gesellschaft verloren … heute beschränkt sich das evangelikale Christentum weitgehend auf „geistliche Werte“ und „christliche Anliegen“.

Gerechtigkeit, auch und vor allem in unserer Welt – ist das überhaupt unser Auftrag? Harald Sommerfeld fiel es nicht schwer, anhand der biblischen Texte deutlich zu machen, dass dies gerade und vor allem der Auftrag Gottes an diejenigen ist, die ihm zu folgen sich entschließen. Mehr noch, es scheint eine in den Menschen eingewurzelte „goldene Regel“ zu geben, die in so gut wie allen Religionen zu finden ist. Aus christlicher Sicht nicht besonders verwunderlich, da der eine Schöpfer mit seiner Schöpfung ja Urheber aller Menschen ist, ob sie nun glauben oder nicht, und was sie auch glauben. Mit der „goldenen Regel“, habe ich mir vorgenommen, werde ich mich demnächst in einem Artikel näher beschäftigen.

Mein Fazit aus diesem Seminarblock kann an einem Beispiel von Harald Sommerfeld deutlich werden, das mir eigentlich völlig fremd ist, da es aus dem Fußballgeschehen stammt, das mir aber trotzdem und auf Anhieb verständlich ausdrückte, wie ich als Christ handeln möchte.

Angenommen, ich wäre glühender Anhänger eines Vereins, meinetwegen Hertha BSC, da ich ja nun mal Berliner bin. Dann würde ich die Fußballmannschaft aus, nun ja, sagen wir München, weil es schön weit weg ist, nicht leiden können. Wenn nun ein Münchner Spieler durch ein Faulspiel einen meiner Herthaner zu Fall bringt, ist meine Empörung gewaltig und mein Ruf nach einer angemessenen Strafe vernehmbar. Stellt allerdings jemand aus meiner Mannschaft einem Bayern ein Bein, dann war das nicht so schlimm, nicht so doll, der soll sich nicht so anstellen und schließlich ist ja Fußball was für harte Kerle. Der Fußballfan aus München neben mir wird das jedoch ganz anders beurteilen. Wer ist hier in unserem ausgedachten Fußballstadion gerecht? Eigentlich nur einer: Der Schiedsrichter. Er sieht ständig hin, er greift ein, wenn gegen das Recht (in diesem Fall die Spielregeln) verstoßen wird. Und zwar auf beiden Seiten. Und das ist meine Aufgabe, mein Auftrag als Christ. Wenn ich Unrecht erkenne, egal von welcher Seite, egal an welcher Stelle, dann möchte ich im Rahmen meiner Möglichkeiten dafür sorgen, dass Gerechtigkeit einkehrt. Und zwar ohne Ansehen der Person.

Einmischen

Bildquelle: marciapally.comAm Samstag, das Hauptthema war Einmischen, berichtete Frau Professorin Marcia Pally (Sprach- und Kulturwissenschaftlerin, Autorin) aus New York über eine gravierende und für die Zukunft entscheidende Veränderung in der amerikanischen Christenheit. In unseren Medien ist das Thema noch nicht so recht präsent, da wird evangelikal mit republikanisch gleichgesetzt: Evangelikale Christen sind politisch am rechten Rand der Gesellschaft zu finden – so wird es uns in den Nachrichten und Kolumnen präsentiert. Doch seit ein paar Jahren geschieht etwas unerhört Spannendes, erklärte Frau Pally, die das Thema im Rahmen einer Forschungsarbeit untersucht: Die amerikanischen Christen haben längst angefangen, hinzusehen und aufzustehen, sie mischen sich inzwischen ein und sorgen für soziale Gerechtigkeit, wo der Staat es nicht (mehr) leisten kann. Immer mehr Evangelikale engagieren sich für ihre Gesellschaft, verwerfen überholte Ansichten, sehen nicht mehr nur das Seelenheil sondern auch die positive Veränderung ihrer Umgebung als Auftrag Gottes. Und das hat gewaltige Auswirkungen – auch politisch. Man darf gespannt sein, was diese „neuen Evangelikalen“ in naher Zukunft an Veränderungen bewirken werden. Schon jetzt kann sich die amerikanische politische Rechte nicht mehr darauf verlassen, dass die Christen automatisch ihnen die Stimme geben werden. Und auch das ist gut so.

Im Seminarblock am Samstagnachmittag habe ich dann noch einen spannenden Vortrag von Keith Warrington (Mitarbeiter der internationalen Missionsgemeinschaft „Jugend mit einer Mission“) gehört, leider musste ich aus Termingründen vor dem Ende seines Seminars aufbrechen. Aber was ich mitbekommen habe, hat eine Beobachtung, die ich schon seit einigen Jahren mache, bestärkt und mit Fakten untermauert. Die kirchliche und gemeindliche Landschaft in Deutschland befindet sich in einem grundlegenden Wandlungsprozess. Über Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte, wurde das, was eigentlich anhand der biblischen Quellen als Auftrag Gottes klar definiert ist, nämlich das mit Jesus Christus angebrochene „Reich Gottes“ zu bauen und auszubreiten, auf den Aspekt der Errettung von Sünden reduziert. Es genügte, jemanden „zu Jesus zu führen“. Doch seit ein paar Jahren entdecken landauf, landab immer mehr Kirchen und Gemeinden, dass es in den biblischen Texten um etwas viel Größeres geht. Die Erlösung ist zweifellos ein Teil des Ganzen. Aber der Auftrag an uns als Christen ist so lange nicht erfüllt, wie wir den Rest unserer Aufgabe überhaupt nicht zur Kenntnis nehmen.

Im Verlauf der Konferenz sagte ein Redner: „Gemeinden, die sich in ihrem Umfeld nicht sozial engagieren, die sich nicht einmischen und Ungerechtigkeit beseitigen, in welchem Bereich auch immer sie sichtbar wird, werden ganz einfach aussterben und verschwinden.“ Ich würde hinzufügen: Und es ist auch nicht schade drum.

So weit meine so kurz wie möglich zusammengefassten Eindrücke; was ich mitnehme in den Alltag. Vielleicht noch ein Wort zum Rahmen: Die gastgebende „Christusgemeinde Hohenschönhausen“ hat rundum für gute Bedingungen gesorgt, die Verpflegung war hervorragend, es fehlte nie an Getränken und Obst, die Räume waren bestens geeignet für diese Art von Konferenz. Dennoch: Ich würde mir für die nächste Konferenz wieder einen zentraleren Ort in Berlin wünschen. Und, mit Verlaub: Für meinen Geschmack wurde viel zu viel gesungen, und das in einem mir schwer erträglichen Stil. Eine christliche Konferenz muss ja keinen freikirchlich-gottesdienstlichen Charakter annehmen. Es hätte mir eine musikalische Darbietung hier und dort wohl gefallen, aber da die Plenumsveranstaltungen durch ausgedehnte „Lobpreiszeiten“ eröffnet wurden, fehlte anschließend Zeit, die im Sinne des Konferenzthemas hätte genutzt werden können. Frau Professor Pally beispielsweise hätte ich gerne die Zeit zugebilligt, ihren Vortrag auch zu Ende führen zu können. Vielleicht kann das Planungsteam der nächsten Konferenz ja für Menschen, die ausgedehnte Gebets- und Gesangszeiten schätzen, einen extra Raum einrichten?

Aber das nur am Rande – ich habe das Transforum 2012 als wichtig, richtig und persönlich sehr wertvoll erlebt und bedanke mich gerne bei Gemeinsam für Berlin und all den Mitwirkenden und Helfern für diese gelungene Konferenz.

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