Mittwoch, 16. Mai 2012

Vom Re und vom Habilitatio

Wikipedia ist ja meist recht schlau. Zum Beispiel was die zurückliegenden Wochen und mich betrifft:

Rehabilitation oder Rehabilitierung (mittellat.: rehabilitatio, „Wiederherstellung“) bezeichnet die Bestrebung oder ihren Erfolg, einen Menschen wieder in seinen vormals existierenden körperlichen Zustand zu versetzen. [Quelle]

Es heißt da so schön, dass der Begriff die Bestrebung oder ihren Erfolg bezeichnet. Wenn ich auf meine Rehabilitationszeit vom 19. April bis zum 14. Mai zurückblicke, dann ist eher ersteres zutreffend.

Ein gewisser Erfolg ist da, obgleich der Zustand vor der Krebserkrankung nicht, bei weitem nicht, erreicht worden ist. Das war auch in der relativ kurzen Zeit gar nicht möglich, versicherten mir Therapeuten und die Ärztin, die mich betreute. Die rund 16 Kilogramm Muskelmasse, die ich im Krankenhaus verloren habe, sind eben nicht so schnell wieder aufgebaut, wie der Körper sie von sich geworfen hat. Immerhin: Zwischen Beginn der Rehabilitation und deren Ende habe ich nachweislich 2,5 Kilogramm zugenommen – was die Ärztin für einen sehr guten Wert hielt.

Zum Beispiel das Fahrrad- beziehungsweise Ergometerfahren. Vor dem Krankenhausaufenthalt waren 30 Minuten bei 140 Watt für mich keine nennenswerte Anstrengung. Zu Beginn der Rehabilitation schaffte ich gerade mal mit Mühe 20 Minuten bei 50 Watt – und war ziemlich außer Atem mit stark erhöhtem Puls.

Strampeln ohne vorwärts zu kommen

Übrigens, der Herr rechts im Bild ist nicht Jerry García, der ist leider bereits seit 1995 im Jenseits.

Auch bei anderen Übungen im Rahmen der MTT (Medizinische Trainings-Therapie) zeigte sich zwar Erfolg, aber bei Weitem noch keine Wiederherstellung des früheren Leistungsvermögens. Die Beinpresse … vorher: 90 oder 100 Kilogramm ohne große Mühe, jetzt 25 bis 30 Kilogramm. Gewicht mit den Armen von oben ziehen … vorher gerne mal 60 Kilogramm, jetzt mit Mühe 20.

Aber das alles wird sich nach und nach wieder normalisieren, meinten Therapeuten und Ärztin, wenn ich tue, was ich vorhabe: Zwei- bis dreimal wöchentlich Ausdauertraining im Fitnessstudio. Alles, was ich brauche, ist Geduld, wurde mir gesagt. Und was die Chemotherapie betrifft, sei Sport und Bewegung so ziemlich das einzige nachweislich positiv wirkende Mittel , um die Nebenwirkungen zumindest ein wenig zu dämpfen.

Manches werde ich ausprobieren und eventuell sein lassen müssen. Zum Beispiel das Schwimmen. In etwa drei bis vier Wochen sollte meine Operationswunde verheilt sein, und dann könnte es wieder möglich werden, zu schwimmen beziehungsweise schwimmen zu lernen. Der Versuch des Brustschwimmens im Rehabilitationsplanschbecken scheiterte grandios. Ertrinken kann man da ja nicht, viel zu flach, aber erschrecken über die plötzliche Schwimmunfähigkeit ist allemal möglich.

Planschbecken

Merke: Zum Schwimmen braucht der Mensch Bauchspannung. Wenn der Bauch vom Sternum bis fast zum Os pubis aufgeschnitten wird, um an den Darm zu kommen, werden Muskeln und Bauchfell durchtrennt. Das ist der Bauchspannung abträglich. Wenn noch dazu ein Teil des Zwerchfells mit dem Dickdarm entfernt wurde, ist die Bauchspannung erst mal perdu.

Das alles kann man aber wieder ausgleichen, die Muskeln wachsen zusammen und Bauchspannung wird wieder möglich. Ob ich allerdings angesichts des Nervenschadens durch die Chemotherapie, der zur Kälteüberempfindlichkeit geführt hat (und wahrscheinlich eher schlimmer werden wird), mit der Temperatur des Wassers im Fitnessstudio zurechtkomme, wird sich heute oder in den nächsten Tagen zeigen müssen. Das lauwarme Wasser in der Rehabilitationsklinik empfand ich als kühl.

Rückblickend auf die Zeit in der Klinik stelle ich fest, dass mir die Rehabilitation gut getan hat, weil ich feststellen konnte, dass ich trotz des enormen Kräfteverlustes in der Lage bin, wieder Fortschritte zu erzielen. Zwangsläufig auf niedrigem Niveau beginnend, aber das macht ja nichts. Dranbleiben und viel Geduld haben wird nach und nach wieder mehr körperliche Leistungsfähigkeit bringen, trotz der Chemotherapie bis November, trotz der bösen Nebenwirkungen, trotz aller Widrigkeiten.

Gut getan hat es mir aber unabhängig von der nur teilweise gelungenen körperlichen Wiederherstellung, doch eine Menge über meine Krankheit zu erfahren und den mentalen Umgang damit besser zu bewältigen. Fakten statt Vermutungen und Ängsten sind hilfreich, auch wenn die Tatsachen unangenehm und unerwünscht sind. Ich komme jedenfalls damit besser zurecht als mit Unsicherheit und Mutmaßungen. Krebs ist und bleibt eine tödliche Erkrankung, aber falls ich die nächsten fünf Jahre überlebe, ist das Risiko, dass erneut Krebs auftritt für mich nicht höher als beim normalen Durchschnittsbürger. Die Chemotherapie kann eventuell und vielleicht und unter Umständen dazu beitragen, dass meine Chancen etwas höher sind.

Solange also ein Hoffnungsschimmer am Horizont sichtbar ist, werde ich genau die Richtung einschlagen, die zum Licht am Horizont führt. So ähnlich mag es der biblische Autor David empfunden haben, als er vom dunklen Todestal schrieb, in dem er kein Unglück befürchtete. Ein solcher Glaubensheld bin ich nicht, denn die Furcht ist (und bleibt wohl für die nächsten Jahre) da. Aber sie ist so gut wie immer zu bewältigen und bestimmt nicht meinen Alltag.

Das ist doch immerhin etwas!

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Montag, 14. Mai 2012

Chemotherapie – Tag 6 und 7

Der Samstag, Tag 6, war rundum ein guter Tag – keine Übelkeit, kein Durchfall … also abgesehen von Fatigue und Kältesyndrom nichts, was mich zusätzlich belastet hätte. Der Sonntag war bis zur Nachtruhe dem Samstag vergleichbar, allerdings setzte gegen Mitternacht Durchfall ein.

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Wie man leicht sieht, wenn man das Bild mit den ersten Tagen aus meinem Therapietagebuch (Pflichtaufgabe) betrachtet, könnte mir auch wesentlich mehr Ungutes zustoßen als dass es bisher der Fall ist. Da kann man doch nicht meckern und ich bin ganz zufrieden mit dem Status Quo.

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Samstag, 12. Mai 2012

Chemotherapie –Tag 3, 4 und 5

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, behauptet der Volksmund. Manchmal dauert es allerdings ein wenig, bis sich Gewohnheiten entwickelt haben. Gestern beim Wochenendeinkauf im Supermarkt an der Kasse griff ich ganz selbstverständlich nach der Packung Tiefkühlspinat, um sie auf das Band zu legen … einen lauten Schmerzensschrei konnte ich gerade noch zurückhalten (es wurde ein vernehmliches Stöhnen daraus), als meine Hand behauptete, ich hätte in eine offene Flamme gegriffen oder etwas ähnlich törichtes angestellt.

Meine Onkologin in der Rehabilitationsklinik konnte mir am Mittwoch, als ich wieder in der Lage war, am Programm teilzunehmen, leider, was das Kälte-Schmerz-Syndrom betrifft, keine großen Hoffnungen machen. Sie war (wie ich selbst) überrascht, dass der Nervenschaden so schnell und so vehement eingetreten ist. Es kann, so meinte sie aus langjähriger Erfahrung, eigentlich während der sechs Monate nur schlimmer werden, bestenfalls gleich bleiben, aber eine Besserung während der Behandlung ist nicht zu erwarten.

Die abendliche Dosis ChemieNun gut. Ich habe ja Zeit, was das Berühren kühler Gegenstände betrifft, zum Gewohnheitstier zu werden. Zu Hause klappt das schon ganz gut. Neben dem Kühlschrank hängt ein Geschirrhandtuch, mit dessen Hilfe ich zugreifen kann, Joghurt wird etwa eine Stunde vor dem geplanten Verzehr aus dem Kühlschrank genommen, in den Saft zum Frühstück kommt ein Schuss heißes Wasser …

Am Mittwoch, dem Tag 3, ging es mir abgesehen von den Kälteschmerzen und Restschmerzen im rechten Arm recht passabel. Und was den Arm betrifft, so erfuhr ich von meiner Ärztin, dass der Schmerz keineswegs normal oder zu erwarten ist. Es handelte sich offensichtlich um eine Paravasation - fälschlicherweise ist wohl ein wenig Chemie nicht in die für die Infusion vorgesehene Vene gelaufen, sondern in das umgebende Armgewebe. Womöglich ist etwas verrutscht, als ich mit der Infusion im Arm zur Toilette unterwegs war … bei der nächsten Infusion soll ich mich jedenfalls sofort melden, wenn ich bemerke, dass da etwas brennt oder schmerzt.

Am Donnerstag, dem Tag 4, stellte sich dann Übelkeit ein. Darauf war ich vorbereitet, hatte zwar gehofft, verschont zu bleiben, aber was nicht ist, ist eben nicht. Ohne Übelkeit würde ich mir die Einnahme weiterer Medikamente neben dem chemischen Kampfstoff gegen den Krebs ersparen können – aber andererseits muss, brauche und soll ich die Übelkeit gar nicht bis zum Erbrechen anwachsen lassen, denn das würde zu einem weiteren Gewichtsverlust führen. Ich habe seit Beginn der Chemotherapie, obwohl ich reichlich esse und mich bisher kein einziges Mal übergeben musste, schon wieder 1,5 Kilogramm abgenommen. Am kommenden Montag werde ich hoffentlich von meiner Ärztin erfahren, ob und wie ich gegensteuern kann. Vielleicht reguliert der Körper das auch irgendwie ohne weitere Hilfestellung?

Der gestrige 5. Tag, Freitag der 11. Mai, brachte ab Nachmittag dann noch leichten Durchfall in den bunten Strauß der Nebenwirkungen hinein, hoffentlich nur vorübergehend. Heute morgen (Samstag) ist davon bisher nichts zu spüren und auch die Übelkeit scheint sich bisher ohne Medikamente irgendwo im Hintergrund aufhalten zu wollen. Mal sehen, wie es nach dem Frühstück weiter geht.

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Dienstag, 8. Mai 2012

Chemotherapie – Tag 1 und 2

Die Behandlung begann gestern mit zwei Infusionen gegen Übelkeit um 14 Uhr, dann folgten zweieinhalb Stunden Infusion des eigentlichen chemischen Wirkstoffes. Die onkologische Praxis, in der ich behandelt werde, verfügt im Therapieraum über Sessel der Senioren-TV-Sorte, elektrisch verstellbar und gar nicht unbequem. Ich las und las und las auf meinem Kindle, während die Substanzen in meinen Körper gepumpt wurden, und merkte nur so nebenbei dass der rechte Arm, in dem der Zugang steckte, zunehmend weh tat.

Da ich mich für die Infusion-Tabletten-Variante entschieden habe, ist ein sogenannter Port, ein Kästchen unter der Haut, für meine Chemotherapie entbehrlich. Ich wollte nicht schon wieder eine Operation haben, auch wenn es nur darum gegangen wäre, das Kästchen in meinem Körper unterzubringen - dann lieber alle 3 Wochen eine Infusion in den linken oder rechten Arm, auch wenn sie mit (wohl vorübergehender) Pein verbunden ist.

Die Schmerzen wurden dann im Lauf des Abends schlimmer, bis ich es grundsätzlich vermeiden musste, den rechten Arm zu bewegen (was bei solchen Tätigkeiten wie Ausziehen, Waschen, Zähne putzen, Schlafanzug anziehen ... eine ziemlich unmögliche Angelegenheit ist). Auch die richtige Schlafhaltung zu finden, war so einfach nicht, und bei so manchen Bewegungen im Schlaf wurde ich in der Nacht dann auch schmerzhaft geweckt.

Ansonsten war mir aber gestern nach der Chemo-Infusion nur absonderlich zumute. Dass ich keine einigermaßen treffenden Worte finde, einen Zustand oder ein Empfinden zu beschreiben, mag manchem meiner Leser merkwürdig vorkommen. Na dann, lieber Leser, merke es dir. Ich fühlte mich nicht so ganz in meinem Körper und auch nicht ganz draußen - irgendwie nicht ganz da und doch nicht fort ... eben unbeschreiblich, weil nie zuvor erlebt.

Heute Morgen bemerkte ich dann mit ziemlichem Entsetzen, wie stark die (von den Ärzten vorausgesagte) Kälteempfindlichkeit über Nacht angewachsen ist. Es war mir nicht möglich, mit bloßen Händen Käse, Wurst, Saftflasche und anderes aus dem Kühlschrank zu nehmen. Eine kurze Berührung war (und ist) unangenehm, ein Festhalten wird sehr schmerzhaft, und wenn es nur vom Kühlschrank zur Arbeitsfläche gleich daneben ist. Na ja - mit einem Handtuch oder Geschirrtuch zwischen Gegenstand und Hand geht es dann doch.

Es sind nicht nur die Hände, wie ich schnell festgestellt habe. Ein Glas Wasser mit Zimmertemperatur fühlt sich beim Trinken wie Eiswasser an, ein Joghurt direkt aus dem Kühlschrank schmerzt beim Schlucken, weil viel zu kalt ... und von dem nun wirklich nicht künstlich gekühlten Toilettensitz und meinem Hautkontakt bei gewissen Verrichtungen wollen wir hier lieber schweigen.

Dass dieser Nervenschaden (aus der Infusion stammend) so schnell und so intensiv auftritt, hatte ich nicht erwartet. Tröstlich: Spätestens 12 Monate nach der Behandlung sollen angeblich die geschädigten Nerven wieder normal reagieren und ein normales Temperaturempfinden möglich sein. Ich hoffe ja, dass es so lange nicht dauert und schlimmer nicht wird.

Seit etwa einer Stunde ist der Schmerz im Arm fast völlig verschwunden – eine willkommene Wohltat. Wenn es jeweils nur 24 Stunden wehtut, meinetwegen. Ein Indianer kennt keinen … ja ja, ich bin kein Indianer, aber trotzdem!

Die Tabletten (morgens genommen) blieben bisher ohne spürbare böse Nebenwirkungen, ein leichtes Schwindelgefühl begleitet mich durch den Tag, aber damit kann ich gut zurecht kommen. Keine Übelkeit, kein Durchfall, kein Erbrechen und bisher Gott sei Dank auch kein Hand-Fuß-Syndrom. Zwar liegen die (stärkere) abendliche Dosis und weitere zwei Wochen Tabletteneinnahme noch vor mir, und keiner weiß, was kommt, aber am ersten Nachmittag der Behandlung bin ich zumindest recht zufrieden mit meinem Befinden. Weiter als drei Wochen mag ich jetzt sowieso gar nicht denken. Wer will schon etwas von sechs Monaten hören?

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Samstag, 5. Mai 2012

05.05. - Hochzeitstag. Ein Tag zum Genießen und Feiern

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Besichtigung der Anton Corbijn Fotoausstellung. Oben: Herr Cash und ich. Unten: Herr Jagger und Eva, die beste aller Ehefrauen.

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Und hier noch Herr Waits und ich, davor Eva und Herr McCartney.

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Nach der Fotoausstellung waren wir im Hard Rock Café, um eine kleine Stärkung zu genießen. Anschließend in Damenbekleidungsgeschäften zum Bummeln und käuflichen Erwerb einiger Textilien.

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Schließlich haben wir beim Juwelier Eheringe ausgesucht und bestellt, weil mein Ring vor der Operation zerschnitten werden musste, da er anders nicht vom Finger zu lösen war. Aufgrund des Eheringkaufes 12 Jahre nach der Hochzeit gab es Champagner vom Juwelier.

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Und zum Schluss ein köstliches Abendessen im Restaurant Fischerhütte am Schlachtensee.

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Ein schöner Tag, der jegliche Gedanken an die kommenden Monate der Chemotherapie vergessen ließ.

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Montag, 30. April 2012

Vom Wegdenken

Es ist so verkehrt nicht, wegzudenken. Nicht, dass etwas verschwinden würde, wenn ich nicht daran denke, nein nein, es bleibt schon alles wo und wie es ist. Aber die Gedanken weglenken, auf etwas anderes … das tut gut. Der Seele, dem Körper und dem Geist.

Am 7. Mai beginnt für mich die 28 Wochen dauernde Chemotherapie. Anstatt pausenlos daran zu denken, welche Wirkungen, Auswirkungen, Nebenwirkungen das haben wird, tut mir Ablenkung gut. Und das ist auch keine Flucht vor einer Verantwortung oder Entscheidung, denn alles Grübeln würde kein Problem lösen helfen, nichts aus dem Weg räumen, keine Tatsachen umstoßen.

Nachdenken, Grübeln, Mutmaßen, Alternativen suchen … alles gut und richtig, wenn es darum geht, ein Problem zu lösen, eine Frage zu beantworten, eine Entscheidung zu treffen. Aber es hilft nichts, wenn die Entscheidung bereits getroffen ist.

Also genieße ich guten Gewissens und so weit es gelingt jede Ablenkung zum Wegdenken. Zum Beispiel den gestrigen Familienausflug zu neunt in einen nahe gelegenen Vogel- und Streichezoo, der keineswegs spektakulär ist, auch keine weite Anreise wert wäre, aber eben als unterhaltsamer und freundlicher Schauplatz für ein Beisammensein mit Kindern und Kindeskindern nebst Schwiegertöchtern durchaus tauglich ist.

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Buntgefiederte Lebewesen kann man betrachten. Oder auch mal Vierbeiner, die gerade von einem Frisör kommen, über dessen ästhetische Vorstellungen man geteilter Meinung sein darf:

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Oder sich Gedanken darüber machen, wie lange ein Blumenstrauß als dekorativ gelten darf.

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Oder nachsinnen, ob es nicht besser wäre, Blumen nicht abzuschneiden, sondern den Blüten ihre Verbindung zu Wurzelwerk und Nahrung zu belassen, denn dann blüht es sich für wohl alle Pflanzen viel länger:

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Doch bei aller Vielfalt an Tieren und Pflanzen: Das Schönste und Wichtigste ist das gemeinsame Erleben, das Zusammensein, das Austauschen, das Lachen, das Wegdenken von dem, was nächste Woche kommen mag oder auch nicht.

Schließlich gab jemand, der eine Menge von Leid und Krankheit verstand, schon vor rund 2000 Jahren diesen Rat: »Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.«

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Mittwoch, 25. April 2012

Vom Für, vom Wider und von der Kopfentscheidung

Ausführliche Beratung und Information durch Fachleute ist wohl so gut wie überall wertvoller als »Gefühle« oder das, was irgend jemand irgend wo vom Hörensagen aufgeschnappt hat. Je scherwiegender das Problem, vor dem jemand steht, desto wichtiger dürfte auch der Rat und die Hilfe von denjenigen sein, die durch Studium und langjährige Erfahrung wirklich etwas Substantielles zu sagen haben.

Ich musste mich entscheiden: Adjuvante Chemotherapie oder nicht? Ein weiteres Abwarten und Hinausschieben wäre auch eine Entscheidung gewesen, und zwar gegen eine Therapie. Die ist nämlich nur sinnvoll, wenn sie innerhalb von 4 bis höchstens 8 Wochen nach der Operation startet.

Die beste aller Ehefrauen ist ja nicht weniger als ich betroffen von dem was mit mir geschieht oder nicht geschieht, und es fiel uns beiden nicht leicht, all das Für und Wider abzuwägen, zumal die Fachliteratur auch nicht immer so ganz eindeutig ist – mit gutem Grund, wie die Ärzte erklären: Jeder Mensch reagiert ganz individuell, alle Statistiken und Erfahrungswerte können höchstens aussagen, was in der Mehrzahl der Fälle passiert oder nicht geschieht – aber nie und nimmer würde ein seriöser Mediziner eine Voraussage treffen, was dem einzelnen Patienten bevorsteht oder wie dessen Krebserkrankung sich weiter verhalten wird.

Injection 2Wir hatten letztendlich als Für an Erkenntnis:

  • Ein nicht zu bemessender Prozentsatz von Patienten, die sich einer adjuvanten Chemotherapie unterziehen, tun dies insofern vergeblich, als in ihrem Körper (nach der gelungenen Operation) gar keine einzelnen Krebszellen unterwegs sind. Es ist schlicht und einfach nicht feststellbar, ob oder ob nicht.
    Je nach statistischem Modell verbessern sich für Patienten, in deren Körper Krebszellen herumgeistern, die Chancen auf Heilung vom Krebs um 10 bis 15, nach anderen Berechnungsmodellen 3 bis 5 Prozent. Da niemand jedoch im Nachhinein feststellen kann, ob solche Krebszellen unterwegs waren oder nicht, sind all die Zahlenspiele wirklich nicht verlässlich. Sicher ist nur, dass in manchen Fällen die Chemotherapie ein Wiederauftreten der Krebserkrankung verhindert.

Als Wider blieben diese Punkte stehen:

  • Die bei der Chemotherapie über 24 Wochen eingesetzten Giftstoffe wirken auf alle Zellen ein, die sich gerade teilen, nicht nur auf Krebszellen. Also werden immer und unausweichlich blutbildende Zellen im Knochenmark, in den Schleimhäuten und in den Haarwurzeln vernichtet.
  • Durch die Wirkung auf das Knochenmark wird das körpereigene Immunsystem ausgeschaltet. Die Anfälligkeit für Infektionen steigt erheblich, schon ein simpler Husten oder Schnupfen kann tödlich enden, wenn nicht rechtzeitig und vehement mit Medikamenten gegengesteuert wird.
  • Die Chemikalien schädigen zwangsläufig das Nervensystem. Bei den für mich vorgesehenen Wirkstoffen heißt das mit 99%iger Sicherheit: Es kommt zu übersteigerter Kälteempfindlichkeit, schon der Griff in den Kühlschrank nach der Milchpackung kann solche Schmerzen verursachen, dass es unmöglich wird, etwas aus dem Kühlschrank zu nehmen. Auch herbstliche oder winterliche Witterung verursacht allerstärkste Schmerzen. Innerhalb von 12 Monaten nach der Chemotherapie verschwindet diese Schädigung aber so gut wie in allen Fällen wieder.
  • Zu den nervenschäden, die nicht vermieden werden können, gehört auch (je nach Patient unterschiedlich stark) das Hand-Fuß-Syndrom. Vom Kribbeln in den Händen und Füßen bis zur Taubheit ist alles möglich. Je nach Intensität wird das Gehen und das Hantieren mit Gegenständen erschwert.
  • Appetitlosigkeit, Übelkeit, Erbrechen treten ebenfalls zwangsläufig ein, man kann allerdings mit Medikamenten gegensteuern. Es mag einiges an Geduld brauchen, bis die richtige Mischung von Gegenwirkstoffen gefunden ist … aber dann sollte Übelkeit so gut wie nicht mehr auftreten.
  • Nicht unbedingt auftreten müssen Nebenwirkungen im Verdauungstrakt vom Mund bis zum Enddarm, es kann zu Entzündungen kommen, zu Durchfall oder Verstopfung bis zum Darmverschluss … aber das kann mir auch erspart bleiben, hier liegen die Chancen wohl bei 50 Prozent.
  • Haarausfall ist möglich, muss aber nicht oder nicht vollständig auftreten.
  • Die Erektionsfähigkeit geht mit größter Wahrscheinlichkeit für die Dauer der Behandlung verloren, die Libido verschwindet, Samenbildung findet nicht statt (letzteres ist nun wirklich in meinem Fall unerheblich). Nach Abschluss der Therapie normalisiert sich das sexuelle Vermögen des Patienten meist wieder.
  • Schließlich haben die Mediziner noch zu bedenken gegeben: Schäden am Lymphsystem, der Leber, der Lunge, dem Herzen und den Nieren sind nicht auszuschließen. Ebenfalls ist nicht auszuschließen, dass eine Chemotherapie Krebs begünstigt oder gar auslöst, zum Beispiel Leukämie.

Die Kopfentscheidung sieht nun so aus:

  • Ich willige in die Chemotherapie ein, denn ich will trotz der erheblichen Risiken und Nebenwirkungen nichts unversucht lassen, was einem Wiederauftreten der Krebserkrankung entgegenwirken könnte. Sechs Monate Chemotherapie sehen unendlich lang aus, aber sie könnten mir und uns – unter Umständen – keiner weiß es allerdings – einige oder viele Lebensjahre schenken.

Es entscheidet in diesem Fall der Kopf, nicht der Bauch oder das Herz. Ich habe Angst vor den Monaten, die vor mir und uns liegen. Aber ich will mir auch nicht in drei oder vier Jahren sagen müssen: Hättest du damals …

Die Behandlung beginnt voraussichtlich in der kommenden Woche. Der Termin steht noch nicht fest.

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Dienstag, 24. April 2012

Das Fatigue-Syndrom und ich

Woher es so ganz genau stammt, wissen die Ärzte wohl bis heute nicht, überwiegend wird vom Zusammenspiel mehrerer Ursachen ausgegangen, bei Krebskranken können das unter anderem psychologische Faktoren, Blutbildveränderungen und Ernährungseinflüsse sein.

Jedenfalls war das Fatigue-Syndrom ein Alarmzeichen meines Körpers, dass er an Krebs erkrankt ist – und ich konnte das Alarmzeichen nicht zuordnen. Daher blieb die Warnung eine vergebliche.
Three treesAußergewöhnliche Müdigkeit trat seit Monaten bei mir auf, oft genug fielen mir bei den Nachrichten, beim Tatort oder auch schon tagsüber, beim Lesen, beim Arbeiten am Computer sogar, die Augen zu, obwohl ich nicht weniger schlief als üblich. Wenn es an Feiertagen oder Wochenenden die Möglichkeit zum Ausschlafen gab, konnte ich die in der Regel nutzen und war trotzdem tagsüber häufig müde.

Dazu kam ein zunehmendes Schwächegefühl, ohne dass es dafür einen Anlass (einen mir erklärlichen Anlass) gegeben hätte, es wollte mir auch zunehmend schwer fallen, mich zu Ausflügen oder auch nur Restaurantbesuchen oder Spaziergängen aufzuraffen. Ich raffte mich trotzdem auf, allemal, denn ich bin nun mal keiner, der sich gehen oder hängen lässt.

Traurigkeit ohne Ursache (ohne eine mir erkennbare Ursache) überfiel mich gelegentlich – aber da ich schon mein Leben lang seit der Kindheit damit zu tun gehabt hatte, nahm ich das nicht richtig zur Kenntnis.

Ich dachte an Überarbeitung, Urlaubsreife, widrige Umstände, Sauerstoffmangel im Büro wegen fehlender Durchlüftung … alle möglichen und unmöglichen Erklärungen kamen mir so in den Sinn in den letzten zwölf oder mehr Monaten, aber auf Krebs wäre ich nie gekommen.

Nun weiß ich, seit die Ärztin, die mich während der Rehabilitationsmaßname betreut, mir das zum Teil noch unerforschte, aber inzwischen wissenschaftlich anerkannte und festgestellte Fatigue-Syndrom erklärt hat, dass mein Körper mit den Symptomen nur sagen wollte: »Lieber Inhaber dieses Körpers, ich bin vom Krebs befallen, tu mal was dagegen, wenn es geht.«

Durch eine mir wahrscheinlich bevorstehende Chemotherapie wird das Syndrom, das mehrere Monate über den Behandlungszeitraum (Operation und Genesung) hinaus anhalten kann, in der Regel weiter verstärkt. Bei manchen Menschen wird es auch erst dadurch »richtig« ausgelöst. Typische Merkmale, weiß Wikipedia, sind eine anhaltende Schwäche und Abgeschlagenheit trotz ausreichender Schlafphasen, eine Überforderung bereits bei geringen Belastungen und eine deutliche Aktivitätsabnahme im privaten und beruflichen Umfeld.

Wie auch immer: Irgendwann, in einigen Monaten oder in einem Jahr, hoffe ich, das Syndrom los zu sein. Bis dahin werde ich mich damit abfinden, dass ich nachts aufwache und dunkle Gedanken in meinem Kopf entdecke: Wie stirbt man eigentlich an Krebs? Völlig zugedröhnt von Drogen? Oder bekommt man das mit, dass es zu Ende geht? Wird die Chemotherapie alles noch schlimmer machen oder ist sie die Chance, den Krebs endgültig zu besiegen? Wenn er sowieso schon endgültig besiegt ist, welche Schäden richtet dann die Chemotherapie an? Falls ich die nächsten fünf Jahre überlebe, oder die nächsten acht Jahre … wie viel von meiner Rente werde ich eigentlich genießen können?

Na und dann, nach einer halben Stunde, schlafe ich doch wieder ein und am Morgen sind die dunklen Gedanken weit weg, irgendwo tief drin verschüttet. Ich kann mich an kleinen und großen Dingen freuen, die der Tag mir bringt. Jeden Tag genießen als Geschenk – denn ich hätte im März auf der Intensivstation auch sterben können. Und bin nicht gestorben.
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Montag, 23. April 2012

Nebenbei und zwischendurch ein paar …

… von meinen Instagram-Kunstwerken.

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Wer meine Bilder daselbst suchen oder gar verfolgen möchte: gjmberlin ist der werte Instagram-Name.

Aber das nur so zwischendurch und nebenbei.

P.S.: Instagram ist dir kein Begriff, lieber Blogbesucher? Dann frag mal Tante Google. Die weiß fast alles.

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Samstag, 21. April 2012

Gut für die Seele

»Shopping for plants. Good for the soul.« Diese Inschrift hat die beste aller Ehefrauen auf Facebook dem Foto beigegeben, das sie heute im Pflanzenmarkt von meiner Wenigkeit aufgenommen hat:

Von den Olivenbäumen durfte dann allerdings keiner mit nach Hause, die waren nämlich entweder noch viel zu klein für den vorgesehenen Standort auf unserem Balkon, oder bereits über das gewünschte Maß hinausgewachsen. Es gab nur die kleinen (50 cm) und die riesigen (2 Meter und mehr).

Statt dessen hat nun eine Hanfpalme den Platz rechts neben der Türe zum Wohnzimmer eingenommen, die verträgt (behauptet die vor dem Einkauf studierte Fachliteratur) immerhin bis minus 15 Grad im Winter:

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Etwas kahl sieht noch die Pflanze aus, die links von der Sitzbank ihren Platz gefunden hat, ein Feigenbäumchen, das ebenfalls mit den Witterungsverhältnissen in Berlin zurechtkommen sollte, falls die Beschreibung im Pflanzenmarkt eine wahrheitsgemäße war:

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Unser Farn aus dem Garten von Freunden in Zehlendorf ist seit vielen Jahren Dauerbewohner unseres Balkons, der hat noch jeden Winter und jeden Sommer überlebt. Er wird auch von Jahr zu Jahr üppiger, noch ist er recht niedrig, aber im letzten Jahr streckte er sich schon auf halbe Türhöhe. Mal sehen, was ihm dieses Jahr so einfällt.

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Seit Jahren wollte ich statt eher exotischen Blütenpflanzen mal wieder eine simple, völlig langweilige und vermutlich altmodische Hängegeranie haben. Gestern vor dem Supermarkt wurden Geranien stehend und hängend für ganz wenig Geld vor dem Eingang feilgeboten – dieses noch zarte Pflänzchen fand seinen Weg in unseren Einkaufswagen und heute schließlich in das passende Gefäß auf unserem Balkon:

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Die beste aller Ehefrauen hatte schon während ich im Krankenhaus war eine Magnolie gekauft, die wohnt in dem Topf mit der orangen Glaskugel, und die kleine fette Henne kommt wie der Farn Jahr für Jahr wieder aus dem Winterschlaf zum Vorschein.

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Auf dem Fensterbrett in den Gefäßen sind ebenfalls Gewächse zu Hause, die schon mehrere Jahre bei uns und mit uns den Balkon genießen. So. Nun muss es nur noch richtig warm werden, alles gut sprießen und dann können wir die schon durch den Kauf von Pflanzen gekräftigte Seele in all dem Grün baumeln und sich erholen lassen. Ich bin fest entschlossen und die meiste Zeit auch zuversichtlich, dass ich noch viele Jahre Gelegenheit dazu haben werde.

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