Donnerstag, 27. September 2007

Aktives Ehrenamt

„Freiwillige vor!“ - so lautet das Motto der Christlichen Freiwilligenagentur von Gemeinsam für Berlin. Die Arbeit besteht nun seit zwei Jahren und wächst dynamisch. Sie war die erste ihrer Art und findet in der Fachwelt viel Beachtung. Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse ist Schirmherr.

Es werden Freiwillige in soziale Einrichtungen vermittelt, um christliche Nächstenliebe praktisch zu denen zu bringen, die sie besonders brauchen. Es besteht bei vielen Organisationen großer Bedarf an dieser Vermittlung. Daneben berät und begleitet die Agentur Gemeinden und Hauskreise bei Planung und Durchführung eigener Projekte. Der Bedarf ist so groß, dass die Mitarbeiterinnen und die Finanzierung kaum Schritt halten können. Inzwischen hat auch das regionale Diakonische Werk eine eigene Freiwilligenvermittlung. Die beiden Arbeiten ergänzen einander gut.

Monika Helbig, Staatssekretärin und Beauftragte des Senats für bürgerschaftliches Engagement, sagte: „Ich möchte, dass Berlin die Hauptstadt des ehrenamtlichen Engagements wird.“ Berlin ist auf einem guten Weg dahin: Bereits jeder dritte Arbeitnehmer engagiert sich ehrenamtlich. Während in anderen Städten die Zahlen sanken, stieg in Berlin die Bereitschaft zum Ehrenamt in den letzten Jahren um 5 % an. Unternehmen sollen weiter motiviert werden, das freiwillige Engagement ihrer Mitarbeiter zu fördern. Darüber hinaus soll das Potential von Menschen, die nicht (mehr) im aktiven Berufsleben stehen, stärker genutzt werden.


Das ist ein Text aus der nächsten Ausgabe von Gebet für Berlin. Zur Zeit steht Redaktionsarbeit vor Blogarbeit auf der Freizeit-Ehrenamt-Prioritätenliste, denn auch die nächste Ausgabe von Männer auf dem Weg will fertig werden, bevor der September vorüber ist.

Mittwoch, 26. September 2007

Über das Schreiben 3

Gut finde ich diesen Text:

Ich weiche einer Gruppe jugendlicher Fahrradfahrer aus, die waghalsig ihren Slalom um die Passanten veranstalten, verfolgt von zwei Hirtenhunden, die fröhlich kläffen. Ich bin fast an der zweigeteilten Brücke, auf der Zoobesucher und Tiergartenspaziergänger getrennt das Wasser überqueren können.


Das hier aber habe ich veröffentlicht:

Harald weicht einer Gruppe jugendlicher Fahrradfahrer aus, die waghalsig ihren Slalom um die Passanten veranstalten, verfolgt von zwei Hirtenhunden, die fröhlich kläffen. Er ist fast an der zweigeteilten Brücke, auf der Zoobesucher und Tiergartenspaziergänger getrennt das Wasser überqueren können.


Die endgültige Version meiner Kurzgeschichte Ein ganz normaler Tag blieb nicht in der Ich-Perspektive, die sie in einem Zwischenstadium gehabt hatte. Nach einigen Experimenten habe ich mich für einen Harald entschieden, anstatt mir selbst in die Hosen zu machen.

Kluge Leser haben es bereits bemerkt: In der kleinen Reihe über das Schreiben geht es heute um die Ich-Erzählung. Diese hat Vor- und Nachteile.

Wer in der ersten Person Singular erzählt, beschränkt sich auf eine einzige Perspektive, es sei denn, er geht das Wagnis ein, von Kapitel zu Kapitel zu wechseln. Das ist ungeheuer schwierig, wenn das Ergebnis lesenswert sein soll; ich würde es mir nicht zutrauen.

Normalerweise wird man also, wenn man als Ich-Erzähler schreibt, Wahrnehmung und Wissen auf das beschränken müssen, was der Protagonist nach menschlichem Ermessen wahrnehmen und wissen kann. Er weiß eben nicht, was der Gesprächspartner für Gedanken hat, ob um die Ecke schon das Unheil lauert oder die große Liebe hereinbrechen wird, was 2 oder 200 Kilometer entfernt gerade vor sich geht. Man ist also, das ist der Nachteil, erheblich eingeschränkt.

Die Ich-Perspektive hat aber auch Vorteile. Die Erzählung wird für den Leser viel persönlicher, es fällt ihm leichter, sich mit den Protagonisten zu freuen, zu fürchten, zu feiern und zu leiden. Einblicke in Gefühlswelten wirken authentischer, subjektives Empfinden glaubhafter. Es entsteht Nähe, Vertrautheit, der Leser identifiziert sich eher mit einem Ich als mit einem Harald oder einer Sophia.

Ein Beispiel dazu, aus einem bisher unveröffentlichten Roman:

Diese Augen. Dieser Strudel des Lebens, der in ihnen wirbelte. Die unendliche Tiefe, in die ihr Blick mich hineinzog. „Fenster der Seele“ hatte mal ein kluger Mensch die Augen des Menschen genannt, aber Angelinas Augen waren mehr. Ich konnte in ihnen versinken. Ich wollte in ihnen versinken. Und wenn ich dort ertrank... konnte es ein angenehmeres Ende des irdischen Daseins geben?


In der dritten Person erzählt fände ich den Einstieg in den Roman weniger wirkungsvoll:

Diese Augen. Dieser Strudel des Lebens, der in ihnen wirbelte. Die unendliche Tiefe, in die ihr Blick ihn hineinzog. „Fenster der Seele“ hatte mal ein kluger Mensch die Augen des Menschen genannt, aber Angelinas Augen waren mehr. Gerhard konnte in ihnen versinken. Er wollte in ihnen versinken. Und wenn er dort ertrank... konnte es ein angenehmeres Ende des irdischen Daseins geben?


Im von mir in dieser Reihe über das Schreiben schon erwähnten Forum wurde letztes Jahr unter anderem die Erzählperspektive diskutiert. Da schrieb jemand:

Ich denke, es kommt darauf an, was ich mit meiner Geschichte ausdrücken will. Will ich den Leser ganz nah an den Protagonisten heranführen, ihn fühlen lassen, was er fühlt, ist zweifelsohne die Ich-Perspektive sehr klug.


Sehr richtig. In dem Roman, aus dem ich oben zitiert habe, will ich meinen zukünftigen Leser durch eine Bandbreite von Empfindungen führen, und zwar so, dass er (als Mann) Angelina genauso liebt wie Gerhard, beziehungsweise als Leserin sich einen Gerhard wünscht, der so empfindsam in die Seele einer Frau zu blicken vermag.

Es gibt jedoch eine Gefahr: Schlichte Gemüter unter den Lesern verwechseln den Protagonisten schnell mit dem Autor - eine für diesen nicht immer angenehme oder wünschenswerte Schlussfolgerung. Wenn jemand liest...

Mir fiel nur die blödeste Anmache ein, die es gibt. „Darf ich Sie zu einem Drink einladen?“, rief ich hinüber. Sie würdigte mich keines Blickes, ignorierte mein Angebot und meine Anwesenheit. Die Musik war nicht so laut, dass sie mich nicht gehört hatte. Es war offenbar viel interessanter, die Rücklichter des vor ihr schleichenden Opel zu betrachten.

„Bitte, oder haben Sie keine Zeit?“, versuchte ich es erneut.

„Komm, steig ein“, meinte sie mit einem kurzen Blick, der mich frösteln ließ. Lodernder Hass und Wut funkelten mir aus ihren großen Augen entgegen, aber ich folgte ihrer Aufforderung und stieg ein. Das war so einfach nicht, da sie die Fahrt kein bisschen für mich verlangsamte. Etwas unbeholfen plumpste ich auf den Sitz und zog die Tür wieder zu. „Danke“, sagte ich. Höflichkeit ist der wirkliche Adel eines Menschen, pflegte meine Mutter mir schon als Kind einzutrichtern.


...dann könnte eine kleine Zahl von Lesern mich für jemanden halten, der fremde Frauen anspricht, wenn sie Augen haben, in deren Strudel ich versinken möchte. Man könnte mir, denn in dem Roman wird auch allerlei Ungutes passieren, unterstellen, dass ich in ähnliche Begebenheiten verstrickt sei. Natürlich ist das Unfug. Und die meisten Leser wissen durchaus zu trennen zwischen einem Autor und seinen Figuren. Mit solchen Reaktion muss aber eher rechnen, wer in der ersten Person erzählt.

Ich empfehle Schreibwilligen, beides auszuprobieren, sich nicht auf eine Form zu beschränken. Wie gesagt, Ein ganz normaler Tag hat gegen Ende des Entstehens die Perspektive gewechselt. Es war mir als Ich-Erzähler unmöglich, das Ausmaß des Grauens zu schildern, das die Berliner Innenstadt heimsucht. Mit Angelina (Arbeitstitel) war es umgekehrt. Schon beim Schreiben der ersten Kapitel bemerkte ich, wie sehr diese Frau es verdient, dass der Erzähler seine Leser ganz persönlich miterleben lässt, in welche ungeahnten Welten sie zu führen vermag.

Der Tipp für heute: Die Perspektive wählen, mit der man sich beim Erzählen selbst am besten in die Situation hineinfindet. Dann wird es für den Leser am ehesten nachvollziehbar.

Dienstag, 25. September 2007

Beweisführungen

Ich habe letzte Woche (in meiner Eigenschaft als Mitarbeiter einer Redaktion) mehrere Artikel und Abhandlungen über ein in manchen Kreisen immer noch strittiges Thema gelesen: Masturbation. Für die Mehrzahl dieser Texte gilt das, was Storch in einem ganz anderen Zusammenhang, dem Dorn im Fleisch des Paulus, schreibt:


Die Stelle ist geradezu ein Paradebeispiel dafür wie Christen oft zu falschen Ansichten kommen. ... Interessanterweise muss der Stachel für einige absurde Theologien als „Beweisführung“ herhalten – wo die Bibel schweigt kann man offenbar hineininterpretieren, was man will.


Die Bibel schweigt, und es wird in dieses Schweigen hineininterpretiert, was die jeweilige durch Erziehung, kulturelles Umfeld oder sonstwie erworbene Meinung verlangt. Es wird munter nachgeplappert, was man hier oder dort gehört oder gelesen hat, ohne zu hinterfragen. Das gilt nicht nur für den Dorn im Fleisch.

Jeder darf, kann und soll seine persönliche Meinung zu verschiedenen Fragen haben, dagegen spricht ja nichts. Aber es spricht sehr viel dagegen, finde ich, diese Auffassung dann als "christlich" oder gar als "biblisch" zu verkünden. Was die Bibel nicht sagt, kann nicht biblisch werden, indem man die Lücken auf mehr oder weniger abenteuerliche Weise zu schließen versucht.

Ebenfalls als Redaktionsmitarbeiter habe ich mir ein Buch zugemutet, das vor drei Wochen erschienen ist. Aus einem "christlichen Verlag", von einem "christlichen Autor". Es ist (abgesehen von der hundsmiserablen handwerklichen Qualität) haarsträubend. Es ist grauenhaft Es ist voller Mutmaßungen, was Gott meinen und wollen könnte - und diese (oft genug lächerlichen) Spekulationen werden als "biblisch fundiert" verkauft. Es ist voller Behauptungen, die der mir vorliegenden Bibel, egal welche Übersetzung ich wähle, widersprechen. "Gott redet überwiegend durch Träume zu den Menschen", behauptet das Buch zum Beispiel. Der Autor verkündet, dass Gott fast ständig "geheime Botschaften" von sich gibt, die es zu entschlüsseln gilt. "Gott wird Namen, die sich reimen, Wortspiele, Rätsel, Sprüche, einfach alles, was vorstellbar ist ... gebrauchen."
Pardon, aber das ist nicht der Gott, der in meiner Bibel mit seinen Kindern kommuniziert.

Es gibt noch immer viel zu wenig Christen, die selbst die Bibel lesen. Der Pastor oder ein "christlicher Autor" verkündet etwas, und damit muss es ja schließlich stimmen. Das könnte auch tatsächlich gelten, wenn Pastoren oder andere geistliche Leiter Menschen wären, die gegen jeden Irrtum, jede Fehlinterpretation gefeit wären. Sind sie aber nicht, so weit meine Kenntnisse reichen.

Jeder kann selbstverständlich seine Meinung zu in der Bibel nicht behandelten Themen haben und sagen, dagegen spricht ja nichts. Es ist zulässig, für sich selbst Schlüsse zu ziehen, aus dem Alltag, aus Erlebnissen, aus Erfahrungen. Wenn Gott zu einer Person überwiegend durch Träume spricht, ist das völlig in Ordnung, solange daraus keine allgemein gültige Regel gebastelt wird. Wer meint, dass der Stachel im paulinischen Fleisch ein Augenleiden gewesen sei, sündigt nicht.

Beweisführungen, die Lücken füllen wollen, wo die Bibel nichts sagt, sind so wertvoll wie eine Mineralwasserflasche ohne Etikett im Rückgabeautomaten. Mein Tipp: In die Tonne damit.

Lieber selber forschen und für sich selbst Antworten finden.

Montag, 24. September 2007

Danke. Merci. Gracias. Thanks.

Allen, die den gestrigen 52. Herbstanfang, den ich auf diesem Planeten erlebe, mit lieben Grüßen und Beiträgen zu einem reichhaltigen Geschenkeberg bereichert haben, ganz herzlichen Dank!

Ich werde die zahlreichen persönlichen Zuschriften in den nächsten Tagen natürlich beantworten, bis dahin soll das Foto sagen: Ich habe mich gefreut!


Sonntag, 23. September 2007

Ruhetag


Something isn't quite right.
Nobody will answer the phone.

Der Blog hat Ruhetag. Langeweile? Dann empfehle ich eine Stunde Bob Dylan zuzuhören, wie er über Hello plaudert und wunderbare Musik spielt:

Hello – Sherman Williams Orchestra (194 ?)
Hello Mary Lou – Ricky Nelson (1961)
Hello It’s Me – The Nazz (1968)
Hello Darlin’ – Conway Twitty (1970)
Hello Josephine – Luke ‘Long Gone’ Miles (196 ?)
I Wanna Say Hello – Pee Wee King (195 ?)
Hello, Mello Baby – The Mardi Gras Loungers (195 ?)
Hello Trouble – Buck Owens (1964)
Hello, Aloha! How Are You ? – The Radiolites (1926)
Hello Walls – Willie Nelson (1962)
Hello Stranger – The Carter Family (1939)
Hello Stranger – Barbara Lewis (1963)
Hello In There – John Prine (1971)
Hello I Must be Going – Groucho Marx (1930)
Hello Goodbye – The Beatles (1967)

Siehste! Seit die Theme Time Radio Hour zurück ist, gilt die Ausrede "weißnichtwasichmachensoll" für Langeweile nicht mehr. Man kann ja schließlich auch die ersten 50 noch mal hören...

P.S.: Thanks, Patrick Crosley, for making it so easy to download the first and now the second season! Great work! God bless!

Freitag, 21. September 2007

Ein Narzisstenstrauß

Als ich diesen Blog startete, hatte die beste aller Ehefrauen gewisse Bedenken anzumelden. Ob das nicht ein wenig - oder gar mehr als ein wenig - narzisstisch sei, ein Blog an und für sich und die Tatsache, dass ich nun einen begönne, im Besonderen. Inzwischen habe ich recherchiert, gegrübelt, geforscht und bin zu zwiespältigen Ergebnissen gekommen.

Narzissmus ist eine Charaktereigenschaft, die sich durch ein geringes Selbstwertgefühl bei gleichzeitig übertriebener Einschätzung der eigenen Wichtigkeit und dem großen Wunsch nach Bewunderung auszeichnet.

So definiert Wikipedia den Begriff. Ist also die Gemeinschaft der Blogger ein Narzisstenstrauß und bin ich eine Blüte in selbigem? (Ich weiß übrigens, dass eine Narzisse mit dem Narzissten nichts gemein hat, aber das Wortspiel ist zu schön, um darauf zu verzichten.)

Schauen wir noch mal bei Wikipedia nach:

Manche Menschen haben in ihrer frühkindlichen Entwicklung weniger Liebe von Bezugspersonen als andere erhalten, sie leiden oft lebenslang darunter und geben ihre Reaktionen auf ihre Entbehrungen an andere weiter. Dies muss aber nicht zwangsläufig zu einer narzisstischen Erkrankung führen. Sie reagieren mit Verhaltensweisen, die von der Psychologie als narzisstische Charakterstörungen eingeordnet werden. Diese psychologische Deutung versteht den Narzissmus als ein Leiden, weil die Betroffenen Schwierigkeiten haben, Objektbeziehungen zu führen. Sie versuchen ihr Gegenüber zu kontrollieren und suchen nach ständiger Bestätigung ihrer Grandiosität, da sie sich ohne diese leer fühlen.

Aha. Suchen nach ständiger Bestätigung ihrer Grandiosität - durch die Leser des Blogs? Das scheint mir darauf hinzudeuten, dass es narzisstische Tendenzen bei uns Bloggern geben mag.

Es gibt allerdings anschließend auch Beruhigendes zu lesen:

Jeder Mensch durchläuft narzisstische Zustände.

Entwarnung also. Das Bloggen, wenn es denn narzisstisch sein sollte, ist temporär wie eine Erkältung, die früher oder später vorüber ist, Aspirin hin oder her.

Jedoch:

Nach Sigmund Freud unterscheidet man den primären und sekundären Narzissmus. Beim primären Narzissmus richtet das Kleinkind seine sexuelle Energie (Libido) ganz auf sich selbst. Beim sekundären Narzissmus wird die sexuelle Energie von äußeren Objekten wieder abgezogen und auf sich selbst bezogen (Regression). Dieser Zustand trete vor allem nach enttäuschter Liebe oder Selbstwertkränkungen auf.

Erich Fromm bezeichnet Narzissmus als Gegenpol zur Liebe und unterscheidet neben dem Narzissmus des Einzelnen auch den Gruppennarzissmus (siehe Patriotismus bzw. Fanatismus). Narzissten neigen laut Fromm dazu, einen Bezug zu ihrer Umwelt dadurch zu gewinnen, dass sie Macht über sie erlangen.

O weh! Wir Blogger sind eine Bedrohung für jede Demokratie, laut Freud, und unfähig zu einem gesunden Sexleben, laut Fromm.

Aber andererseits:

Heute bezeichnet der Begriff Narzissmus innerhalb der psychoanalytischen Theorie nicht nur eine krankhafte Bezogenheit auf sich selbst, sondern ist auch Ausdruck eines gesunden Selbstwertes. Vor allem die selbstpsychologische Schule (innerhalb der Psychoanalyse) von Heinz Kohut hat diesen Wechsel in der Bewertung des Narzissmus als bedeutendes Modell für die psychische Gesundheit eingeleitet.

Also sind wir Blogger nicht krank, sondern strotzen vor psychischer Gesundheit, sogar modellhaft. Fein. Oder wie jetzt?

Es scheint, als könne man trefflich streiten, schon über Begriff und Definition an und für sich. Ist ein Narzisstenstrauß nun eine erfreuliche Bereicherung oder ein Bündel von Blumen des Bösen? Wäre vielleicht ein Blick auf diverse Blogs aufschlussreich bei der Analyse?

Ein Blog ist ein digitales Journal, ein Tagebuch. Thomas Mann schrieb säuberlich mit Tinte auf Papier seine Tagebücher, die dann nach seinem Tod mühsam in eine druckbare Form gebracht werden mussten. Es blieb ihm ja gar nichts anderes übrig, da Bill Gates und andere erst viel später auf die Welt kamen. Aber dass Thomas Mann seine Tagebücher nicht nur für sich selbst, sondern auch für die Nachwelt schrieb, ist kein Geheimnis. Ich vermute: Thomas Mann hätte heute einen Blog, den ich natürlich als RSS Feed abonnieren würde.

Ein Tagebuch muss nicht täglich geführt werden, klar. Es gibt Blogger, die ab und zu etwas notieren, andere schreiben täglich mehrmals, wieder andere fangen wild an und dann versiegt der Strom zu einem Rinnsal, das schließlich in staubigem Sand endet. Rest in peace, dear Blog. Und es gibt inhaltliche Unterschiede, die auf verschiedene Grade des Narzissmus schließen lassen. Wie schön, dass es solche Untersuchungen gibt:

Eine Studie des Singapore Internet Research Centre unter etwa 1200 englischsprachigen Bloggern (Koh et al. 2005, S. 2ff) teilte die Blogs in zwei Kategorien ein: 73 Prozent der Befragten führten ein so genanntes personal Blog, 27 Prozent ein non-personal Blog. Die Blogger der zweiten Gruppe schreiben vor allem, um „zu kommentieren“ und „Informationen zu liefern“. Ihr Ziel ist zudem, ein möglichst großes Publikum zu erreichen. Auch soziodemographisch unterscheiden sich die beiden Gruppen: Non-personal-Blogger sind zum Großteil Männer, die eine höhere formale Bildung als Personal-Blogger haben. Außerdem haben sie im Schnitt mehr Leser, aktualisieren ihr Blog häufiger und verbringen mehr Zeit damit.

Ähnliche Ergebnisse erbrachte im Jahr 2005 eine Umfrage unter mehr als 4000 deutschsprachigen Bloggern. 71 Prozent der befragten Blogger gaben an, „zum Spaß“ zu schreiben; 62 Prozent wollen in ihrem Blog „eigene Ideen und Erlebnisse für sich selbst festhalten“. Demgegenüber bloggen 33 Prozent, weil sie ihr „Wissen in einem Themengebiet anderen zugänglich machen wollen“, und 13 Prozent „aus beruflichen Gründen“ (Schmidt 2006, S. 43).


Was Thomas Mann und den Blogger heute unterscheidet, ist natürlich auch die Möglichkeit der Leser, das Geschriebene zu kommentieren. Ich schätze die Kommentare meiner Blogbesucher sehr, fordere sie manchmal geradezu heraus. Das war Thomas Mann nicht möglich. Ob er es gewollt hätte, sei dahingestellt, aber er war, den Tagebüchern zufolge, begierig, jegliche Kritik zu seinen Werken zu lesen.

  • Es gibt Blogs, die eigentlich eine Litfaßsäule sind, weil der Blogger zwar Kommentare haben möchte, aber nie und nimmer darauf reagiert. Ein solcher Blog wird an abnehmenden Besucherzahlen und versiegender Beteiligung der Leser leiden. Ein anschauliches Beispiel dafür ist das (narzisstische? beruflich bedingte?) Experiment eines hiesigen Politikers: Pflügers Litfaßsäule.
  • Es gibt andere, die vom regen Austausch zwischen Leser und Autor profitieren, selbst wenn der Autor sich den Namen eines flugunfähigen Vogels zulegt wie der Storch.
  • Und dann gibt es Blogs, die eine bestimmte Zielgruppe ansprechen wollen, zum Beispiel die männliche Häfte der Bevölkerung: Männer auf dem Weg.
  • Wiederum andere dienen überwiegend der Familien- und Hobbychronik für Freunde und Verwandte: SamPix.

Die Vielfalt an Blogs, die zu finden sind, ließe noch eine lange Liste zu, doch soll das genügen. Den eigenen Blog hier aufzuführen wäre ja nar... - äh, na ja.

Also wie ist das jetzt, sind wir Blogger Narzissten? Ich stelle fest, dass mir eine Antwort nicht gelingt. Vielleicht kommt ja über die Kommentarfunktion Erleuchtung zustande?

Donnerstag, 20. September 2007

Hut ab!

Als Mensch, der tatsächlich Hut trägt, kann ich das nicht nur im übertragenen Sinne sagen, aber egal wie: Hut ab vor Thomas Aders!

Wer das ist? Es ist der Autor des Weltspiegel-Beitrages Das Geschäft mit den Kinderpredigern, über den ich am Montag hier geschrieben habe.
Ich hatte meine Enttäuschung über den Umgang mit dem Thema selbstverständlich auch der Redaktion mitgeteilt. Gestern kam ein langes Schreiben (2 ganze Seiten) vom Autor Thomas Aders bei mir an, in dem er einiges an Sachzwängen durch das Medium Fernsehen erläutert, das Zustandekommen der Sendung schildert und - es ist kein Formschreiben sondern eine persönliche Auseinandersetzung mit der Kritik - seine Sicht näher erläutert, als das in sechs Minuten Sendung möglich wäre.

Hut ab deshalb, weil er sich die Zeit genommen hat, wirklich auf einzelne Punkte einzugehen und etliches zu erklären, zu erläutern und zu ergänzen. Ich zitiere hier nicht aus dem Schreiben, da es ungehörig wäre, einen persönlichen Brief öffentlich zu machen. Ich werde ihm aber persönlich antworten.

Wir sind auch nach seinem Schreiben nicht einer Meinung, aber ich verstehe besser, warum die von mir in dem Beitrag wahrgenommene Schieflage entstanden ist und kann seinen Zeilen entnehmen, dass er besser versteht, was Zuschauer empfinden, denen Evangelisation und Jesus Christus als einziger Retter mehr bedeuten als exotisches religiöses Brauchtum.

Daher Hut ab vor einem Journalisten, der die Zuschauer und ihre Kritik ernst nimmt.

Mittwoch, 19. September 2007

Neue Anzeige gegen Gott

Bereits im Juli gab es eine Anzeige gegen Gott, von einem Rumänen, mein damaliger Bericht steht hier: Ein moderner Hiob?
Nun berichtet unter anderen ProBlog von einem weiteren juristischen Vorgehen gegen Gott, in Amerika wurde Klage eingereicht.

Komisch, dass bisher wohl noch keiner auf die Idee gekommen ist, Satan anzuzeigen. Das wäre vor einem Gericht auf dieser Welt ähnlich erfolgversprechend, aber zumindest der richtige Beschuldigte.

Dienstag, 18. September 2007

This Pastor's Got The Blues

Am kommenden Samstag gibt es Blues aus Texas. Da ich dieses Mal kein Ordner bin, sondern ganz normaler Zuschauer, wird es kein Konzert verkehrt herum, sondern ich wende meine Aufmerksamkeit der Bühne zu.

Der unter dem Künstlernamen Sleepy Ray bekanntgewordene Raymond McDonald ist ein Pionier christlich kontemporärer Bluesmusik. Seit nunmehr 20 Jahren tritt er weltweit unter dem Vineyard Music Lable auf. In Berlin wird er von seinem Bassisten, Bobby McDonald und Schlagzeuger Joel Knox begleitet.

Rays Spielweise und Bandbreite ist atemberaubend: Von Chuck Berry über George Benson bis hin zu Stevie Ray Vaughan zelebriert er den Blues. Sein Timing und seine Technik sind fehlerlos, sein Gesang kraftvoll und tief bewegend.

In einem Interview sagte er:

...I got involved with the music of the day. Jimi Hendrix, that kind of thing. Bob Seger. Back then the rock and roll was generated more by some of the older stuff. But I gave up guitar after a while, and just started singing. Everyone in Texas plays guitar, few of them sing, and somebody had to sing, so that's what I started doing. I did that for about two years, then went back to playing guitar. By this time I was back in the church, and they told me if I played that kind of music I was going to hell, so I kinda had to refrain from playing the wilder stuff, I started playing bluegrass, which was good but also acceptable. As long as you didn't sing about drinking. But I really was just into the blues side of rock. I'd get into trouble 'cause we'd be playing bluegrass and I'd start playing the honky-tonk sort of stuff, which I loved...

Gut, dass er das mit dem "going to hell" nicht geglaubt hat...

Seit den späten 90’ger Jahren ist Raymond hauptamtlich Pastor einer Vineyard Kirche in der Nähe von Houston, tritt aber weiterhin in den gesamten USA auf Gastkonzerten auf. Der Auftritt in Berlin ist Raymonds erstes Konzert in Europa seit 10 Jahren.

Ich bin gespannt auf den Pastor, der den Blues hat. Erfreulich: Eintritt frei, einfach kommen und genießen. Samstag, 22. September, 20 Uhr im C-Campus, Waidmannsluster Damm 7c-e, 13507 Berlin

P.S.: Foto von ChristianbluesNet

Montag, 17. September 2007

Die Erweckung fällt doch nicht aus

Wenn wir uns darauf einigen, dass mit dem unbiblischen Begriff Erweckung gemeint ist, dass eine in Form und Ritual erstarrte Kirche sich wandelt und lebendig wird, wodurch sie wiederum das Diesseits entscheidend verändert, dann ist zu beobachten, dass die Erweckung zwar in Deutschland und Europa ausfällt, jedoch andernorts stattfindet.

"Wiedergeburt im Glauben" – der Kernsatz des heutigen evangelistischen Gottesdienstes. In dieser Nacht hat die Gemeinde in Sao Paulo einen Superstar eingeladen: den Kinderpriester Alex Silva, 14 Jahre.

So begann der gestrige Bericht im Weltspiegel (ARD) über Erweckung in Brasilien. Natürlich zeigt der Bericht, was dabei herauskommen muss, wenn ein farbenblinder Mensch ein Gemälde beschreibt. Unweigerlich, es ist ja die ARD, muss das Geschehen mit Zynismus und Verkürzungen so dargestellt werden, dass der Zuschauer den Eindruck gewinnt, es ginge den jungen Evangelisten und ihren Familien nur ums Geld.

Immerhin werden ein paar Fakten nicht verschwiegen:

  • Dämonen werden ausgetrieben
  • Kranke werden geheilt
  • Die Kinder haben direkten Zugang zum Wort Gottes (für Katholiken wohl unvorstellbar?)
  • Jesus ist die Rettung
  • Ehen werden geheilt
  • Nirgendwo auf der Welt wachsen die Gemeinden schneller als in Brasilien. Es gibt mittlerweile circa 24 Millionen wiedergeborene Christen
  • Auch Kinder, die evangelisieren, sind ganz normale Kinder
  • "Ich und Alex, wir machen nichts. Gott macht etwas mit uns."
  • DVDs mit Gottesdienstmittschnitten haben inzwischen die gleichen Verkaufszahlen wie Volksmusik

Schade, dass es kein sachlicher Bericht geworden ist, sondern wieder mal von der Redaktion in Schieflage gebracht werden musste. Verwunderlich ist das vielleicht nicht, denn der BR ist nun mal katholisch geprägt und der katholischen Kirche laufen die Basilianer weg, wenn sie gläubig werden. Schon die Wortwahl im Bericht offenbart diesen Hintergrund, kaum ein Gläubiger ausserhalb des Katholizismus würde wohl den Begriff Kinderpriester benutzen.
Bei aller Kritik am finanziellen Segen der Gemeinden und Prediger ist der Redaktion auch nicht eingefallen, dass die katholische Kirche wahrlich kaum am Hungertuch nagt.

Immerhin: Bei allen Schwächen des Fernsehbeitrages wurde laut und deutlich im Ersten Deutschen Fernsehen ausgesprochen, dass Jesus die einzige Rettung ist und dass er nichts von seiner Kraft und Vollmacht eingebüßt hat. Das ist erfreulich.