Mittwoch, 26. November 2008

Wunschzeit


Diese Karte gibt es kostenlos bei Kerstin Hack.

Dienstag, 25. November 2008

Guter Rat?

Dem Weihnachtsstress entfliehe ich ohne besondere Schwierigkeiten, da ich mir keinen mache und auch keinen einreden lasse. Aber wie entfliehe ich dem Gewinnspiel, das an allen Ecken und Enden lauert? 
Was Hoffnung auf eine Lösung machte, erwies sich als Produkt eines Werbetexters, der töricht mit der Sprache umging. Es ging in der Mail keineswegs darum, einem Gewinnspiel zu entrinnen, diese unerwünschte Zusendung brachte lediglich eine weitere Version des verbreiteten Gib-mir-gefälligst-Namen-und-Adresse-Dilettantismus.

Also bleibe ich beim bisherigen Rezept:

Montag, 24. November 2008

Häufig gestellte Fragen 5

Ethische Fragen bewegen vor allem Menschen, die weiter denken als bis zur nächsten Mahlzeit. Wir Christen fallen oft dadurch auf, dass wir gegen etwas sind. Gegen Abtreibung, gegen Moslems, gegen Genforschung, gegen Schwule, gegen... - und mancher von uns weiß das dann gar nicht zu begründen, hat es nur von irgendwoher irgendwann irgendwie übernommen.

Bei vielen Menschen hat sich der Eindruck festgesetzt, dass die Christen auch durch die Bank weg gegen Stammzellenforschung sind. Exemplarisch ist diese Frage, die mir ein Leser geschickt hat:
Woher weiß der Mensch bei neuen Erfindungen und Entdeckungen, beispielweise Stammzellenforschung, dass Gott dazu »nein« sagt? Und warum exitstiert diese Möglichkeit überhaupt in unserer Welt, wenn es von vornherein von Gott abgelehnt wird?
Ich habe so geantwortet:
Neue Erfindungen sind nicht wirklich das Problem, sondern die Frage ist, was man damit anstellt. Das angesprochene Beispiel der Stammzellenforschung ist ein sehr komplexes Gebiet, ich bin kein Wissenschaftler und verstehe sicher nicht alle Aspekte. Die Stammzellenforschung soll, soweit ich sie begreife, Krankheiten lindern und beseitigen helfen. Das ist ein ganz und gar positives Ziel, es entspricht vollständig dem Willen Gottes. Wenn Gott für Krankheit wäre, hätte Jesus nicht all die Kranken geheilt und seinen Nachfolgern aufgetragen, das gleiche zu tun.
Andererseits sind bei der Stammzellenforschung meines Wissens Embryonen als »Material« notwendig. Da menschliches Leben für mich nicht erst mit der Geburt beginnt, verbietet sich die Verwendung von Embryonen, die durch Abtreibung »gewonnen« werden - und somit kann ich dieser Version der Stammzellenforschung das Wort nicht reden.
Etwas anderes ist die Forschung mit Zellen, die unter der Haut eines (lebendigen) Menschen entnommen werden und dann durch einen Prozess, den ich nicht ganz begreife, dazu gebracht werden, sich wie Stammzellen zu verhalten. Bei diesem Verfahren sind weder Embryonen notwendig, noch wird beim Spender der Zellen irgend ein Schaden entstehen. Und somit wüsste ich nicht, was es gegen solche Forschung einzuwenden gäbe.
Grundsätzlich: Warum existieren Möglichkeiten und Zustände in der Welt, obwohl sie von Gott »abgelehnt« werden? Die Antwort ist im Charakter Gottes zu suchen, der keine Marionetten wollte und will. Die Verwaltung der Welt wurde dem Menschen anvertraut, und diese Entscheidung hat Gott nicht zurückgenommen. Der Mensch - Du und ich und all die anderen - hat in seinem Einflussbereich zu entscheiden, was geschieht und was nicht.
Leider neigt die Menschheit dazu, Erfindungen und technische Entwicklungen nicht nur zum Guten zu verwenden. Die Biologie, Physik und Chemie haben uns beispielsweise ganz erhebliche Fortschritte gebracht, aber auch Massenvernichtungswaffen, tödliche Drogen und den Treibhauseffekt.
Gott ist sicher nicht gegen die Biologie, aber nicht alles, was mit ihr möglich wurde, kann auch der Mensch, der kein Christ ist, guten Gewissens für richtig halten.
Es geht, und das ist mir abschließend wichtig zu sagen, beim Christsein nicht um Verbote und Gebote, sondern viel mehr um Freiheit und Mündigkeit. Dazu zählt auch die Freiheit, auf manches, was möglich ist, zu verzichten.
Das ist wahrlich ein weites Feld...

Sonntag, 23. November 2008

Gastbeitrag von Bettina von Arnim - Der Hans

Es war eine arme Frau, die hatt' einen Sohn, den konnte sie wegen ihrer Armut nicht mit Speis ernähren, mußt ihm also die Brust reichen, bis er sieben Jahr alt war. Da sagt sie ihm: »Geh hinaus in den Wald und rüttel einen Baum; wenn du ihn kannst ausreißen, so mußt du fort in die Welt, denn ich bin arm und kann dir nichts zu essen geben.« Der Sohn ging in Wald und wollt einen Baum rütteln, konnt aber nicht, ging daher wieder heim und sagt seiner Mutter: »Ich kann den Baum nicht rütteln.«

Da reicht ihm die Mutter wieder ihre Brust, bis sieben Jahr um waren, und schickt ihn wieder in Wald und sagt: »Nehm den Baum bei seinen Ästen und schüttel recht mit Gewalt; wenn du den Baum kannst ausreißen, so mach dich fort und bring dein Leben durch, denn ich bin arm und kann dich nicht ernähren.« Da geht der Sohn in Wald, wie ihm die Mutter gesagt hat, kommt auch wieder heim und schleppt einen großen Ast mit sich und sagt: »Mutter, ich kann den Baum nicht umreißen, aber wohl einen Ast, den hab ich abgerissen.«

Da gibt ihm die Frau wieder zu trinken, bis sieben Jahr um waren, und schickt ihn in Wald, er soll sehen, ob er einen Baum kann ausreißen, und soll weitergehen in die Welt, sein Brot verdienen. »Pack ihn bei der Wurzel und zieh recht kräftig«, sagt sie ihm. Der Sohn tut, wie ihm die Mutter gesagt hat, und reißt einen starken Baum mit seiner Wurzel aus der Erde; da geht er nun weiter und kommt nimmer heim.

In demselben Wald war eine Mühl, da war's nicht sicher, also daß kein Mühlknecht da bleiben wollt, und die blieben, die sind umkommen. Der Hans find't dieselbe Mühl, darin war eine Wittfrau, denn ihr Mann war auch umkommen; zu dieser Frau spricht er, daß er will Mühlknecht bei ihr werden, ohne Lohn, nur für das Essen. Darüber war die Frau recht froh und sagt Ja, aber der Hans will nicht anders, als daß ihm die Frau verspricht, daß keiner von beiden darf dem andern den Dienst aufsagen, und welcher ihn zuerst aufsagt, den darf der andre schlagen, so viel er Lust hat. Das war die Frau zufrieden, denn sie meint, er würd leichtlich fort wollen, wenn er die Gespenster merkt. Sie kocht ihm auch gleich eine Suppe zu essen, der Hans schütt' aber die Suppe ins Feuer und sagt, er wollt sich selber eine kochen, stellt sich ein groß Butt mit Wasser auf den Herd, holte sich alles Brot, was da ist, und brockt's hinein, und da es gar war, holt er sich den Fleischharken statt einem Löffel und frißt's all hinein. Der Frau stehn die Haar zu Berg, wie sie das sieht, und hat gar Angst, er würd sie arm fressen, wenn er beim Leben blieb. Sie schickt ihn daher abends in die Mühl, er sollte mahlen, und hoffte, die Gespenster würden ihn umbringen.

Als es gegen Mitternacht war, so kommen drei Irrwisch in die Mühl und wollen ihn erwürgen. Da erwischt er eins und wirft es unter den Mühlstein und mahlt ihm die Nas ab und ein Stück vom Bauch und schickt es wieder heim. Als es nun Morgen war, da verwundert sich die Müllerin, daß er noch lebt, sie schickt in am Abend wieder in die Mühl und meint, er soll umkommen. Da es aber Mitternacht war und die Irrwisch kamen, da erwischt er zwei und wirft sie unter den Mühlstein, mahlt dem einen den Schenkel ab und dem andern den Backen. Am Morgen sagt er zur Müllerin: »Habt Ihr nichts mehr zu tun? Ich hab das Korn all gemahlen.«

Die Frau schickt ihn in den Wald, weil es Holztag ist, er solle Holz holen. Da spannt er die vier schöne Hengst von der Frau an den Wagen und fährt in Wald. Er war aber der erste im Weg, so daß die andern Bauern mußten warten. Er gab sich auch kein Müh, die Bäume abzuhauen, sondern reißt sie mitsamt der Wurzel aus. Der Wagen war aber zu schwer, die Pferd konnten ihn nicht ziehen, er schlug eins nach dem andern tot und warf es auf den Wagen zum Holz. Wie er sie all totgeschlagen hatte, ging er hinter den Wagen und macht einen großen Berg, da konnten die Bauern nicht durch und konnten kein Holz holen, er zog aber seinen Wagen allein nach Haus. Da ihn die Frau kommen sah mit den vier toten Hengsten, fürcht sie sich und machte ihr Tor zu, er warf aber den Wagen über die Mauer mit den Bäumen und den Pferden und schmiß ihr das Haus ein. Da hat die Müllerin Angst und schickt ihn in eine Höhle, wo sie wußte, daß der Teufel war, er soll ihr da ein Kraut holen; – nun weiß es die Frau Lehnhart nicht weiter, sie meint, es endigt sich mit einer Schatzgräbergeschichte, daß der Teufel ihm viel Geld gibt, und er geht damit zur Frau Müllerin und entschädigt sie für seine Unarten. Mir gefällt am besten, daß er die Irrwische immer erwischt.

Quelle: Zeno Volltextbibliothek

Samstag, 22. November 2008

Es gibt nichts neues unter der Sonne...

...sagte schon der womöglich weise König Salomo.


Als ich jung war, galt ein Vogel (oben) als Symbol für Zeitgemäßes. Heute sind andere jung, und wieder signalisiert ein Vogel (unten), dass jemand auf der Höhe der Zeit ist.


Allerdings ist die Gitarre zum Ast geworden und der Vogel hat die Farbe gewechselt. Es scheint sich auch eher um einen Sperling als um eine Taube zu handeln.

Egal, Woodstock hin, Twitter her, heute hat ein zeitloses Album Geburtstag. Ein Album, das Geschichte gemacht hat. Es ist in schlichtes Weiß gewandet, ganz ohne Vogel: They say its your birthday...

Freitag, 21. November 2008

Endzeit - alle nackig!

Mein Freund Haso hat mittlerweile 13 mal auf die Endzeit hingewiesen. Endzeit 1 // Endzeit 2 // Endzeit 3 // Endzeit 4 // Endzeit 5 // Endzeit 6 // Endzeit 7 // Endzeit 8 // Endzeit 9 // Endzeit 10 // Endzeit 11 // Endzeit 12 // Endzeit 13. Er benutzt sogar, eigenem Bekenntnis zufolge, elektronische Hilfsmittel bei der Berechnung von Tag und Stunde.
Andererseits hat er aber auch das Ende der Endzeit verkündet und entlarvt falsche (Endzeit-)Propheten.

Das verwirrt natürlich ein wenig. Deshalb fühle ich mich im Interesse meiner Leser bemüßigt, kulturhistorisch-wissenschaftlich zur Aufklärung in dieser Sache beizutragen.

Wie die Künstler seit Jahrhunderten wissen, sind wir am Ende der Endzeit alle ziemlich völlig unbekleidet unterwegs:








Demnach könnte man, wenn Hasos Warnungen und elektronische Berechnungen zutreffend sind, so langsam anfangen, die Ausgaben für Kleidung zu reduzieren oder ganz zu eliminierern. Einen Roman über eine textilfreie Wallfahrt gibt es ja schon. Vielleicht ist es an der Zeit, dies nun in die Tat umzusetzen?

Andererseits wird es hierzulande merklich kühler. Draußen jedenfalls sollte man sich nunmehr unbedingt mit geeigneten Textilien vor der Kälte schützen, folglich habe ich kürzlich eine neue Winterjacke erstanden. Und die Endzeit findet - siehe die Bilder - vorwiegend draußen statt.

Man kann daraus schließen, dass der Weltuntergang noch auf sich warten lässt. Es sei denn, es wird in den nächsten Tagen und Wochen merklich wärmer...

P.S.: Bilder von Wikimedia Commons, das vorletzte von der Galerie Chrystalballs und das letzte irgendwo von der Allgäuer Zeitung (ich habe vergessen, mir den Link zur Fundstelle zu notieren).

Donnerstag, 20. November 2008

Häufig gestellte Fragen 4

Eine weitere Frage in dieser kleinen Reihe wurde mir schon häufiger vorgelegt als andere. Es geht im Grunde genommen darum, ob Gott »gerecht« mit denjenigen umgeht, die ihn beziehungsweise das Evangelium nie kennen gelernt haben. Ein Leser hat es so formuliert:
Was passiert in den Augen eines Christen mit jemanden, der niemals getauft wurde und noch nie zu Gott gebetet hat, aber dennoch ein »gutes Leben« im Sinne des Christentums gelebt hat? Damit meine ich, dass er niemals eines der 10 Gebote verletzt hat ect.
Wird diese Person ebenso wie alle anderen »Sünder« bzw. »Ungläubigen« behandelt? Wie verhält es sich mit den Anhängern anderer Weltreligionen?
Meine Antwort sieht ungefähr so aus:

Abgesehen davon, dass es kaum jemanden geben dürfte, der nie eines der Gebote verletzt hat, ist das Neue Testament da ganz eindeutig: Die »Zeit der Unwissenheit« - also das Leben eines Menschen, der von der Notwendigkeit und Möglichkeit der Erlösung keine Kenntnis erhalten hat - führt nicht zwangsläufig zur Verdammnis.
Bei solchen Menschen ist es so, wie der Apostel Paulus in Athen vor einer (heidnischen) Menschenmenge ausgeführt hat, »dass sie Gott suchen, ob sie ihn vielleicht tastend fühlen und finden möchten, obwohl er ja nicht fern ist von jedem von uns.« An anderer Stelle erklärt er: »Es ist kein Ansehen der Person bei Gott. Denn so viele ohne Gesetz gesündigt haben, werden auch ohne Gesetz verlorengehen; und so viele unter Gesetz gesündigt haben, werden durch Gesetz gerichtet werden - es sind nämlich nicht die Hörer des Gesetzes gerecht vor Gott, sondern die Täter des Gesetzes werden gerechtfertigt werden.« Gemeint ist hier das jüdische, also von Gott gegebene, Gesetz, nicht menschliche Gesetze wie unser Grundgesetz oder die Straßenverkehrsordnung. Im Klartext: Wer nie etwas von Jesus gehört hat, aber entsprechend seinem (von Gott geschaffenen) Gewissen »gerecht« gelebt hat, weil er Gott - womöglich ganz unbewusst - »tastend fühlen und finden« wollte, ist ein »Täter« des Gesetzes.
Jesus Christus bietet aber viel mehr an: Wer an ihn und seinen Tod und seine Auferstehung glaubt, gelangt in eine ganz andere Dimension des Lebens hinein, die vergleichbar ist mit dem ursprünglichen Dasein des Menschen nach der Schöpfung.

Mir kommt diese Antwort irgendwie »unvollendet« vor, kollidiert sie doch mit dem neutestamentlichen Anspruch, dass der Mensch seit Tod und Auferstehung Jesu Christi ausschließlich durch den Glauben an den Erlöser errettet werden kann.

Mittwoch, 19. November 2008

Tausend Mal...

...habe ich mir schon gesagt, dass es Unfug ist, mit meinem Mobiltelefon fotografieren zu wollen. Noch nicht einmal knipsen kann man damit so, dass halbwegs brauchbare Bilder entstehen.
Und dennoch habe ich wieder das Telefon benutzt, um ein paar Momente festzuhalten, da ich keine Kamera bei mir hatte. Mit hundsmiserabler Qualität als Ergebnis, aber das wusste ich ja vorher.
Der Herr, der links im Bild das Keyboard bedient, ist mein Cousin Bo Heart. Der Herr, den man nur als weiße Silhouette wahrzunehmen in der Lage ist, heißt Klaus Lage und singt deutsche Texte zu ganz und gar guter Blues-Rock-Musik.
Mein Cousin, den ich gefühlte hundert Jahre nicht gesehen hatte, lud mich ein, ihn vor dem gestrigen Auftritt der Band in Berlin zu treffen. So kam es, dass ich (backstage, wie man neudeutsch zu sagen pflegt) wieder mal ein paar Stunden im Kreis von Profimusikern verbringen konnte, inklusive Soundcheck vor der leeren Halle (bei dem das Bild entstanden ist).
Ein schönes Erlebnis, das auch Erinnerungen an mein früheres Musikerdasein als John Matthews weckte. Interessante Gespräche und jede Menge Musik (Pink Floyd!) eingeschlossen.

Nettes Spielzeug

Wordle nennt sich ein nettes Spielzeug (nicht nur) für Blogger, das die Verwendung von Begriffen nach Häufigkeit visualisiert. Die Resultate für diesen Blog am 15. November sieht man auf dem oberen Bild.
Mein anderer Blog offenbart zum gleichen Zeitpunkt abweichende Inhalte, siehe unteres Bild. Und das ist ja wohl auch gut so, sonst erschlösse sich mir kaum der Sinn der Sache... 


...der Sinn zweier Blogs natürlich, nicht der Sinn von Wordle.

Dienstag, 18. November 2008

Franz Kafka: Amerika

Als der sechzehnjährige Karl Roßmann, der von seinen armen Eltern nach Amerika geschickt worden war, weil ihn ein Dienstmädchen verführt und ein Kind von ihm bekommen hatte, in dem schon langsam gewordenen Schiff in den Hafen von New York einfuhr, erblickte er die schon längst beobachtete Statue der Freiheitsgöttin wie in einem plötzlich stärker gewordenen Sonnenlicht. Ihr Arm mit dem Schwert ragte wie neuerdings empor, und um ihre Gestalt wehten die freien Lüfte.
So beginnt ein Roman, der kein Ende hat. Die Erzählung bricht ab, unvermittelt, weil der Autor nicht dazu gekommen ist, einen Schluss zu verfassen. Er hat das Fragment unvollendet beiseite gelegt. Der Leser wird am Ende des Buches mitten auf der Strecke allein gelassen. Die letzten Sätze:
Am ersten Tag fuhren sie durch ein hohes Gebirge. Bläulich-schwarze Steinmassen gingen in spitzen Keilen bis an den Zug heran, man beugte sich aus dem Fenster und suchte vergebens ihre Gipfel, dunkle, schmale, zerrissene Täler öffneten sich, man beschrieb mit dem Finger die Richtung, in der sie sich verloren, breite Bergströme kamen, als große Wellen auf dem hügeligen Untergrund eilend und in sich tausend kleine Schaumwellen treibend, sie stürzten sich unter die Brücken, über die der Zug fuhr, und sie waren so nah, daß der Hauch ihrer Kühle das Gesicht erschauern machte.
Und dann? Und nun? Wohin geht die Reise? Was wartet am Zielbahnhof auf uns? Kommen wir wirklich im Theater in Oklahoma an? Wir werden es von Franz Kafka nicht erfahren, es bleibt uns allerdings unbenommen, mittels unserer Phantasie diese Geschichte fortzusetzen.

Zwischen diesem Anfang und diesem offenen Ende entfaltet sich ein in vielfacher Weise zeitloser Roman, den ich mit großem Vergnügen gelesen habe. Es ist, so meint der Leser zunächst, der amerikanische Traum, der hier geträumt wird. Der Weg aus dem engen, dunklen, bedrängenden Europa in die Weite, Freiheit, Helligkeit Amerikas, in das Land, in dem man vom Tellerwäscher zum Millionär werden könnte. Auch unserem Helden Karl scheint sich diese Möglichkeit zu eröffnen, auch und erst recht, nachdem er beim ersten Anlauf in New York gescheitert ist. Denn er bekommt eine Anstellung im Hotel:
Die Oberköchin schien das als eine angenehme Nachricht aufzufassen. »Dann sind Sie also frei?« fragte sie.
»Ja, frei bin ich«, sagte Karl, und nichts schien ihm wertloser.
»Hören Sie, möchten Sie nicht hier im Hotel eine Stelle annehmen?« fragte die Oberköchin.
»Sehr gern«, sagte Karl, »ich habe aber entsetzlich wenig Kenntnisse. Ich kann zum Beispiel nicht einmal auf der Schreibmaschine schreiben.«
»Das ist nicht das Wichtigste«, sagte die Oberköchin. »Sie bekämen eben vorläufig nur eine ganz kleine Anstellung und müßten dann zusehen, durch Fleiß und Aufmerksamkeit sich hinaufzubringen. Jedenfalls aber glaube ich, daß es für Sie besser und passender wäre, sich irgendwo festzusetzen, statt so durch die Welt zu bummeln. Dazu scheinen Sie mir nicht gemacht.«
›Das würde alles auch der Onkel unterschreiben‹, sagte sich Karl und nickte zustimmend. Gleichzeitig erinnerte er sich, daß er, um den man so besorgt war, sich noch gar nicht vorgestellt hatte. »Entschuldigen Sie, bitte«, sagte er »daß ich mich noch gar nicht vor gestellt habe, ich heiße Karl Roßmann.«
»Sie sind ein Deutscher, nicht wahr?«
»Ja«, sagte Karl, »ich bin noch nicht lange in Amerika.«
»Woher sind Sie denn?«
»Aus Prag in Böhmen«, sagte Karl.
»Sehen Sie einmal an«, rief die Oberköchin in einem stark englisch betonten Deutsch und hob fast die Arme, »dann sind wir ja Landsleute, ich heiße Grete Mitzelbach und bin aus Wien. Und Prag kenne ich ja ausgezeichnet, ich war ja ein halbes Jahr in der Goldenen Gans auf dem Wenzelsplatz angestellt. Aber denken Sie nur einmal!«

Jedoch wäre Kafka nicht Kafka, wenn Karl gelänge, was nun zu erwarten wäre. Im Gegenteil: Wir werden Zeugen seines kontinuierlichen Abstieges. Karl kommt mit dieser neuen Welt, in die er geschickt wurde, nicht zurecht. Er wird erniedrigt, missbraucht, misshandelt. Ihm widerfährt eine kafkaeske Situation nach der anderen, und das ist - rein literarisch gesehen natürlich - auch gut so. Wäre Karl eine reale Person, müsste man zutiefst Mitleid mit ihm empfinden.

Es ist die unvergleichliche Sprache Kafkas, die dieses Romanfragment so lesenswert macht. Wer ein Gespür dafür hat, wird dies aus den obigen Zitaten unschwer erkennen. Reizvoll an der Handlung ist natürlich das Absurde, das immer wieder unvermittelt so ganz normal daherkommt. Menschen verhalten sich selten so, wie man es erwarten würde, Umstände gestalten sich surreal, Gespräche nehmen aberwitzige Wendungen...
Ich schrieb neulich bei der Rezension eines anderen Buches, dass es mir beim Lesen nicht so sehr auf den Schluss, sondern auf den Weg an und für sich ankommt, auf den ein Autor mich mitnimmt. Bei Franz Kafka gestaltet sich dieser Weg - auch ohne Schluss im eigentlichen Sinne - abwechslungsreich, bunt geschmückt mit Irrungen und Wirrungen, Überraschungen und Zwangsläufigkeiten, mal gibt es Erfreuliches, dann wieder Entsetzliches... - jedoch niemals Langeweile.

Den Erkenntnissen und Mutmaßungen der Kafka-Forschung, der literaturwissenschaftlichen Beschäftigung mit den Texten dieses unvergleichlichen Dichters, verweigere ich mich an dieser Stelle. Das ist mehr etwas für das Abitur oder Literaturstudium. Ob nun die eine Szene ein Sinnbild für Himmel und Hölle sein mag, oder die andere ein Spiegel des eigenen Exilantenschicksals, können wir getrost beiseite lassen, wenn wir ein Buch aus dem Grund in die Hand nehmen, aus dem es jemand geschrieben hat: Zum Lesen! Und das Lesevergnügen ist bei diesem Werk ein ganz beträchtliches. Obwohl Kafka damit nicht ganz fertig geworden ist.

Mein Fazit: Auch für jüngere Semster, die womöglich Kafka noch nicht kennen, wäre dies nach meinem Empfinden ein geeigneter Einstieg in ein einzigartiges literarisches Universum, in dem man nie weiß, was hinter der nächsten Galaxie liegen mag. Man wird es auch oft genug nicht erfahren, denn wenn Kafka uns Lesern irgend etwas schuldig bleibt, dann sind es logische Erklärungen.