Mittwoch, 14. Januar 2009

Missionarisch oder Missional?

Einige Gedanken zum Unterschied habe ich in einem Aufsatz beschrieben, der, da etwas länger geraten, auf meinem textlastigen Blog zu finden ist: Missionarisch oder Missional? Der kleine gewaltige Unterschied

Kommentare bevorzugt dort, nicht hier, damit sie auch beim zugehörigen Text stehen...

Dienstag, 13. Januar 2009

Suizid - eine problematische Diskussion

Ein Problem wird nicht dadurch geringer, dass man es tabuisiert oder ignoriert, das ist eine Binsenweisheit. Dennoch sind Wortmeldungen zum Thema Selbstmord eher selten, und seitens der »christlichen« Medien war recht wenig über einen spektakulären Fall in jüngster Zeit zu lesen. Lediglich bei Jesus.de fiel mir ein Beitrag auf: Das schwierige Verhältnis von Christen zum Freitod

Selten sehe ich die Talkshow der ARD nach dem »Tatort« bis zum Ende an, doch die letzte Sendung hielt mich bis zu letzten Minute fest. Anne Will hatte, anlässlich des Todes von Adolf Merckle, Gesprächspartner eingeladen, die sehr gegensätzliche Sichtweisen zum Thema mitbrachten: Katrin Göring-Eckardt, evangelische Theologin und Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, Roger Kusch, Jurist und Sterbehelfer für 8.000 Euro pro Suizid, Walter Mixa, Bischof von Augsburg, und zwei Betroffene: Oswald Kolle, der seine unheilbar kranke Frau bei der vorher geplanten Selbsttötung begleitet hat sowie Marion Weidner, deren Sohn ohne ersichtlichen Grund und ohne Ankündigung freiwillig aus dem Leben schied.

Nun war der Unternehmer Adolf Merckle bekennender Christ, und insofern konnte keiner der kirchlichen Teilnehmer so einfach behaupten, dass der Selbstmord nicht stattgefunden hätte, wenn der Verzweifelte die Hoffnung des Glaubens gekannt hätte. Das hat - Gott sei Dank - auch niemand unternommen.
Es war eine Sendung, bei der trotz der konträren Auffassungen zum Thema die Betroffenheit im Vordergrund stand. Lediglich der Sterbehelfer Kusch wirkte auf mich eher unbeteiligt und »abgebrüht«, womöglich hatte er aber auch nur die Maske des Unberührten aufgesetzt?

»Man muss feststellen, dass es in unserer Gesellschaft nicht dazugehört, dass man auch mal scheitern kann. Egal, ob man Unternehmer ist, ob man Politikerin ist, es ist einfach nicht vorgesehen, dass man scheitert. Es geht immer nur darum, Karriere zu machen, es besser zu machen, schöner zu sein und so weiter«, sagte Frau Göring-Eckhardt und sprach damit ein grundsätzliches Problem unserer Gesellschaft an. In Amerika ist das tatsächlich anders. Da kann jemand scheitern, den Scherbenhaufen zusammenkehren und von vorne anfangen - um wichtige Erfahrungen reicher. Natürlich hat das nun gar nichts mit unheilbaren und qualvollen Erkrankungen zu tun.
Herr Mixa erzählte von Erfahrungen mit Sterbenskranken: »Ich bin mit vielen solchen Menschen ganz positiv und dankbarst umgegangen, und kann sagen, nicht durch mich, sondern wirklich durch die Hilfe und Liebe Gottes, sind die dann in ein menschenwürdiges Sterben, in ein Abschiednehmen von dieser Erde hineingegangen.« Obwohl Herr Mixa Selbstmord für Sünde hält, war kein verurteilendes Wort von ihm zu hören. Warum auch. Wer von uns allen ohne Sünde ist, der darf getrost den ersten Stein werfen.
Herr Kusch dagegen hielt nicht viel von den Gedanken an Gott: »Auch die Gnade des Herrn führt nicht dazu, dass ein Multiple-Sklerose-Kranker plötzlich wieder beide Hände benützen kann.« Damit hat er zwar grundsätzlich Unrecht, denn die Gnade des Herrn führt auch zur Heilung unheilbar Kranker, aber zumindest sei ihm zugestanden, dass dies (leider) nicht der Normalfall ist. Dass von den fünf im letzten Jahr mit seiner Hilfe durchgeführten Selbstmorden lediglich ein einziger aufgrund unheilbarer Krankheit stattfand, darüber wollte Herr Kusch nicht reden.

Die beiden familiär Betroffenen, Herr Kolle und Frau Weidner, berichteten von ihrem Erleben und es wurde sehr deutlich, wie tief die Erschütterung der überlebenden Familienangehörigen geht, wenn jemand sich das Leben nimmt - ganz gleich ob aus heiterem Himmel wie der Sohn oder geplant und vorbereitet wie die Ehefrau. Ich wurde beim Zuhören an meine eigene Verfassung erinnert, als ein Mitschüler Selbstmord begangen hatte, und das war »nur« ein Mitschüler, kein Verwandter...

Am Ende der Sendung gab es keine endgültigen Antworten, aber das war und ist auch nicht zu erwarten bei diesem schwierigen Thema. Es gab eine Menge Gedankenanstöße, auch die »gegnerische« Sichtweise anzuhören und zuzugestehen, dass es für und wider Suizid Argumente gibt, die nicht vom Tisch zu wischen sind.

Die Sendung kann man hier im Internet sehen: Anne Will - Wer hat das Recht, Leben zu beenden?

Foto von AnneWill.de

Montag, 12. Januar 2009

Kleinkunst

Man nehme, so man hat:

- einige kreative Menschen
- einen Filzstift (wischfest)
- eine Schale mit Pistatien (ungeschält, gesalzen).

Man füge eher belanglose Gesprächsthemen hinzu.

Man lasse die Zutaten eine Weile auf einander einwirken.

Das Ergebnis (aufgefunden am vorigen Samstag gegen 22:00 Uhr):

Samstag, 10. Januar 2009

Paul Auster: Man in the Dark

I am alone in the dark, turning the world around in my head as I struggle through another bout of insomnia, another white night in the great American wilderness.
Paul Auster erzählt in diesem Buch zwei Versionen Amerikas. Das eine ist das uns vertraute, im Krieg mit dem Irak befindliche. Im anderen Amerika steht das World Trade Center noch, aber auch dort wird gekämpft und gestorben: Die Föderalisten unter George W. Bush führen einen blutigen Bürgerkrieg gegen unabhängige Bundesstaaten. Owen Brick, unversehens vom uns geläufigen Amerika in jenes andere geraten, soll nun wiederum im vertrauten Amerika den ihm gänzlich unbekannten Urheber des Bösen umbringen, damit das Grauen des Krieges ein Ende hat.

Klingt kompliziert? Ja. Das macht neben Paul Austers gewohnt hervorragender Ausdrucksfähigkeit den Reiz dieses Romans aus. Der Leser braucht eine Weile, um sich in diesen Welten zurecht zu finden und wird immer wieder aufs Glatteis geführt, etwas für wahr zu halten, was sich jedoch nur der titelgebende, an Insomnia leidende, vom Tod der Ehefrau schwer Geschlagene ausdenkt. Ausdenken muss, denn wie könnte und warum sollte er seinen Gedanken Zügel anlegen?
No, I haven't forgotten. The cough sent me spinning into another zone, but I'm back now, and Brick is still with me. Through thick and thin, in spite of that dismal excursion into the past, but how to stop the mind from charging off wherever it wants to go? The mind has a mind of its own.
Der Gedanke, der dem Roman zugrunde liegt, ist nicht neu. Er ist so alt wie die Literatur. Es ist das Spiel mit der parallelen Existenz, den unendlich vielen Ebenen:
There's no single reality, Corporal. There are many realities. There's no single world. There are many worlds, and they all run parallel to one another, worlds and anti-worlds, and each world is dreamed or imagined or written by someone in another world. Each world is the creation of mind.
Diese Welten zu vermischen, ineinander fließen zu lassen, das habe ich in meinen Erzählungen auch schon häufig - mehr oder weniger gelungen - unternommen. Paul Auster vermag es makellos und billant. Sein Buch fesselt von den ersten Sätzen bis zum Schluss:
Yes, Dad, she says, studying her daughter with a worried look in her eyes, the weird world rolls on.
Mein Fazit: Uneingeschränkt lesenswert. Ein gänzlich gelungener Roman, der keinen Augenblick langweilt. Hervorragend erzählt, originell und beängstigend, weil der Leser womöglich die »worried eyes« der Tochter beim Blick in den Spiegel an sich selbst entdecken wird. Die Welt ist »weird« und Paul Auster macht uns meisterhaft darauf aufmerksam, dass wir mitten in ihr leben.
Lediglich das Fehlen von Anführungszeichen bei wörtlicher Rede irritiert und stört den Lesefluss recht erheblich. Ich hoffe, dass dies nicht zum Normalfall in der Literatur wird...

Das Buch gibt es zum Beispiel hier bei Amazon: Man in the Dark






Meine treuen Blogbesucher runzeln die Stirn und murmeln: »Und nun? Da fehlt doch noch ein Satz?«

Genau. Hier kommt er: Inwieweit die deutsche Übersetzung gelungen ist, vermag ich nicht zu beurteilen, da ich das Original gelesen habe.

Na also.

Freitag, 9. Januar 2009

Donnerstag, 8. Januar 2009

Der Fußball und der Wille Gottes

Ich wurde gebeten, gestern den Hausbibelkreis zu leiten. Spontan kam mir die Idee, etwas zu dieser merkwürdigen Aufforderung zu sagen:
Denn wahrlich, ich sage euch, wenn jemand zu diesem Berge spräche: Hebe dich und wirf dich ins Meer, und in seinem Herzen nicht zweifelte, sondern glaubte, dass das, was er sagt, geschieht, so wird es ihm zuteil werden.
Ich habe dann bei der Vorbereitung einen älteren Artikel von Haso noch einmal gelesen, den ich meinen geschätzten Blobbesuchern gerne ans Herz legen möchte. Darin wird anhand des Fußballs anschaulich (auch für mich als Laien in Sachen Sport) erklärt, warum wir unter anderem nicht für Kranke beten, sondern sie heilen sollen. Weil wir nämlich keine Spieler in der Mannschaft, sondern Schiedsrichter sind.

Ein Ausschnitt:
Wenn du vor einem Berg stehst, so wie Jesus das sagt, und du erklärst: „Lieber Berg, du störst mich schon lange, ich weiß, dass es dir im Meer vielleicht nicht so gut gefällt, aber irgendwie ist die Aussicht für mich besser, wenn du jetzt verschwindest, natürlich weiß ich nicht, ob es irgend einen unerforschlichen Ratschluss gibt, warum du doch gut bist für mich, aber, vielleicht, ich meine, wenn es dir gefällt, geh doch ins Meer.“ - dann ist der Berg am Ende ganz verwirrt. Er bleibt einfach stehen, wo er ist, weil er aus dir nicht schlau geworden ist.

Anders ist es so: „Ab ins Meer!“ - da weiß der Berg, was er zu tun hat und hebt sich ins Meer. Klare und verständliche Kommandos. Fürchte dich doch nicht, Autorität zu haben. Fürchte dich doch nicht, im Namen Jesu in einer Situation zu handeln, wenn du den Willen des Herrn erforscht hast.
Nun könnte die Frage auftauchen: Darf ich entscheiden, was ich will in meinem Leben?

Ja.

Einige wittern schon den Haken, aber zunächst ist die Antwort einfach Ja. Und zwar, weil Jesus das gesagt hat: „Ihr werdet bitten, was ihr wollt - und es wird euch widerfahren.“
Hier geht es zum Text:

Mittwoch, 7. Januar 2009

Moderne Psalmen 5: Wyclef Jean

Man hat so seine Lieblings-CDs und Schallplatten. Mir jedenfalls geht es so. Das sind solche, die auch nach Jahren regelmäßig immer wieder in Ruhe genossen werden.
Zu meinen bevorzugten Schätzen der Musiksammlung gehört »The Preacher's Son« von Wyclef Jean, seit Herbst 2003 in meinem Regal. In dem Song »Grateful« macht sich Wyclef Jean Gedanken über das, wovor er bewahrt wurde und darüber, was hätte sein können, wenn die Bewahrung nicht stattgefunden hätte. Als Jugendlicher durchaus auf der schiefen Bahn, hat er dann - nicht zuletzt durch die Arbeit mit den Fugees - die Kurve gekriegt. Er sinniert darüber:
Vielleicht lag es an meiner Mutter, oder auch meinem Vater,
womöglich meiner Schwester, wahrscheinlich meinem Bruder.
Vielleicht war es die Kirche, es können auch die Straßen gewesen sein,
könnte sein, es war die Gitarre, oder die Jerry Wonder Beats.
Lag es am Geld, als ich keinen Pfennig hatte?
War es ein Ausweg, bevor ich kriminell wurde?
Es könnte Lauryn gewesen sein, vielleicht war es Pras -
wahrscheinlich der Blick in den Spiegel, aus dem mich tote Augen anschauten.
Womöglich war es Reggae, oder die Liebe zum Hip-Hop,
vielleicht meine Fans beim Konzert, die riefen »Hör nicht auf!«
Wahrscheinlich war es der Kampf, den alle Flüchtlinge erleben,
vielleicht auch die Werbung mit den Diamanten: bling bling ching ching, ring ring...
Meine Frau ruft an, vielleicht sollte ich nach Hause gehen,
aber die Musik lässt mich nicht los.
Vielleicht ist es alles, was ich weiß, zusammen. Was auch immer die Ursache war,
ich bin dankbar für das, was ich sein darf:
Ein Mann mit Gitarre, ein Typ von der Straße
ein Kerl mit einem Lied, ein Flüchtlings-MC
Wyclef Jean, ein lebenslanger Fugee,
Sohn eines Pastors, der erste, der sich aus dem Staub macht.
Ich bin dankbar, dass ich nicht erschossen wurde,
von der Polizei angehalten, aber sie fanden die Glock nicht,
W-Y-C-L-E-F, ich bin dankbar!

Ein Drogenteufel hätte mich gnadenlos töten können,
aber der Herr, der allmächtige Gott, hatte Erbarmen mit meiner Seele.
Es hätte wie bei Pablo sein können, dem König des Yayo,
oder ein hinkender Zuhälter, der schreit: »Ich mag keine solchen Typen!« und schießt. O nein!
Gott weiß warum, vielleicht wurde ich erwählt,
als Quelle der Inspiration für die nächste Generation?
Vielleicht ist es alles, was ich weiß, zusammen. Was auch immer die Ursache war,
ich bin dankbar für das, was ich sein darf:
Ein Mann mit Gitarre, ein Typ von der Straße
ein Kerl mit einem Lied, ein Flüchtlings-MC
Wyclef Jean, ein lebenslanger Fugee,
Sohn eines Pastors, der erste, der sich aus dem Staub macht.
Ich bin dankbar, dass ich nicht erschossen wurde,
von der Polizei angehalten, aber sie fanden die Glock nicht,
W-Y-C-L-E-F, ich bin dankbar!

Du kannst es schaffen, wie ich es geschafft habe!
Lass dir von niemandem etwas anderes einreden.
Wenn eine Tür sich schließt, ist eine andere offen,
viele wurden berufen, aber mein Volk ist auserwählt!
Vielleicht sollten wir alle immer wieder mal innehalten und uns Gedanken darüber machen, dass wir doch viel Grund zur Dankbarkeit haben...

Hier gibt es das Lied auf YouTube, von einer Malerin gestaltet:

Dienstag, 6. Januar 2009

Ja ja, der Alltag...

...ist wieder eingekehrt. Im Büro haben etliche Berge von Akten und Unterlagen geduldig auf meine Rückkehr aus dem Urlaub gewartet, wie nicht anders zu erwarten. Etliche Mitarbeiter beschwerten sich bei mir, dass sie nun mehr Geld für die Krankenversicherung bezahlen müssen - dabei geht es mir ja genauso.
Ich dachte immer, Einheitsbeitrag statt freier Wettbewerb wäre eine sozialistische oder kommunistische Eigenart, aber unsere Regierung hat bewiesen, dass sie so was auch ganz gut kann. Mein Beitrag steigt von 12,9 % auf die von oben verordneten 15,5 %.
Was tun? Auswandern? Aushalten? Ausschimpfen? Beim nächsten mal die F.D.P. wählen? Selber Bundeskanzler werden? Hmmm...

Montag, 5. Januar 2009

Dirty cover, good music?

Dass Künstler, auch Musiker, mitunter provozieren wollen, ist nichts Neues. Manchmal paart sich Provokation mit Kunst, manchmal soll sie aber auch über den Mangel an Können hinwegtäuschen.

Vor einigen Wochen ging ein uraltes LP-Cover durch die Medien, 1976 auf den Markt gekommen und mit 32 Jahren Verzögerung Anlass zur Aufregung und Sperrung eines Artikels von Wikipedia in England über die Band »Scorpions«. Nun lässt sich über Geschmack trefflich streiten, sowohl was die Musik, als auch was die Hülle drumherum betrifft. Ein Scorpions-Fan war ich nie, und das Cover (das vierte in der oberen Reihe) hat mich seinerzeit überhaupt nicht gereizt, das Album zu erwerben...


In meinem Plattenschrank ist jedoch durchaus optisch Anstößiges verwahrt, zum Beispiel »Two Virgins« von John Lennon und Yoko Ono, mit züchtig braunem Papierumschlag drum herum. Nimmt man den ab, stehen die beiden unbekleidet im Raum.

Die Musik auf diesem Album ist keine. Gekauft habe ich die Platte damals, weil John Lennon drauf stand und ich meinte, das stünde für gute Musik. Dann habe ich die Platte einmal abgespielt... und damit war das Thema »Unfinished Music« erledigt. Grauenhaft!

Ebenfalls in meinem Schrank: Das legendäre Blind Faith Album mit dem Original-Cover. Das war nicht lange mit diesem Umschlag auf dem Markt, denn es erregte, wohl wegen gewisser Assoziationen mit dem Flugzug, so viel Anstoß, dass die Plattenfirma ein Einsehen hatte und in der Folge die vier Musiker abbildete.
In diesem Fall ist die Musik genial, das Cover wäre als verkaufsförderndes Mittel nicht notwendig gewesen.


Ein Poster in einem Album der Band Queen fand damals, als ich noch jung war, zur großen Entrüstung meiner Mutter, den Weg an meine Zimmerwand. Die so beworbenen Songs »Bicycle Race« und »Fat Bottomed Girls« waren jedenfalls besser als das begleitende Bildmaterial, das im Album verstaut in meinem Plattenregal lagert.


Einige Aufregung gab es auch, als Nirvana mit »Nevermind« auf den Markt kam. Die Musik ist legendär und unerreicht, der Junge auf dem Cover ist inzwischen 18 Jahre alt. Er verdient noch immer prächtig an seiner Ablichtung. Und immerhin hat er Kurt Cobain überlebt...


Die Rolling Stones ließen beim eher mittelmäßigen Album »Sticky Fingers« gar einen echten Reißverschluss verarbeiten. Darunter war übrigens nicht das zu sehen, was manche Mädchen erhofften, obwohl Andy Warhol die Finger im Spiel hatte. Ärgerlich war dieses Cover für mich deshalb, weil, im Regal mit den anderen LPs, das doofe Ding Kratzer auf dem Umschlag der benachbarten LP verursachte. Wie dem auch sei, die Musik war okay, solide Stones-Ware eben.


Manchmal ist also in provokanter Verpackung gute Musik zu finden, manchmal nicht. Nun ja. Aber lohnt es sich, wegen der Abbildung unbekleideter Personen - gleich welchen Alters - Sturm zu laufen? Die Museen und Parks sind voll von Gemälden und Statuen textilfreier Menschen jeglicher Entwicklungsstufe.
Ich meine: Solange Zeitschriften wie »Bravo« an Kinder und Jugendliche verkauft werden dürfen und die zugehörigen Seiten im Internet zugänglich sind, braucht sich niemand über mehr oder weniger freizügige Umschläge von Schallplatten oder CDs aufregen. Zwar sind die Modelle bei »Bravo« und »Dr. Sommer« angeblich alle über 18, aber die Zielgruppe ist es ja nun eindeutig nicht...


P.S.: Fotos WikiCommons, das erste ist ein Screenshot der Scorpions-Seite (vor der Entfernung der inkriminierten Ablichtung), das letzte ist ein Screenshot von der Bravo-Homepage.

Samstag, 3. Januar 2009

Barack Obama: Dreams from My Father

barack Selbst wenn der Autor nicht zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt worden wäre, hätte ich dieses Buch früher oder später gelesen. Es war der besten aller Ehefrauen aufgefallen und in den Warenkorb gesprungen, als Hillary Clinton noch die wahrscheinlichere Kandidatin war. 1995, als Barack Obama das Buch schrieb, war noch keine Rede davon, dass er das höchste Amt in seinem Land anzustreben würde. Daher kan man ein ehrliches Buch, das nicht mit Rücksicht auf den Wahlkampf irgend etwas weglässt oder hinzufügt, erwarten. Das Buch jedenfalls lag mit anderen noch zu lesenden Werken bereit.

Nun saß ich kurz vor Weihnachten mit vier sehr lieben Menschen in einem sehr grauenhaften Restaurant und wir unterhielten uns auch über Bücher. Zwei der anwesenden hatten das Buch bereits gelesen und erzählten ein wenig... - ich holte es noch vor Weihnachten aus dem Stapel nach weiter oben... - nun bin ich dank der Urlaubszeit recht zügig fertig geworden mit der Lektüre.

Barack Obama erzählt in diesem Buch sein Leben bis zur Hochzeit mit Michelle und rückt dabei so manches gerade, was sich an Vorstellungen über das Leben eines Farbigen in Amerika in meinen Vorstellungen angesammelt hatte. Er erzählt auch von den anderen Stationen seines Lebens, den Begegnungen mit Menschen aus den unterschiedlichsten Kulturen. Seine Sprache ist lebendig und ausdrucksstark, man merkt von den ersten Seiten an, dass hier ein hoch intelligenter Harvard-Absolvent am Werk war. Er flicht kleine Alltagsbegebenheiten mit Ereignissen der großen Politik zusammen, schildert Charaktere in ihrer Verschiedenheit ohne verurteilend zu werden, sucht immer wieder - auch und gerade beim eigenen Scheitern - nach dem Weg, der weiter führt, anstatt aufzugeben.

Mich hat neben der persönlichen und beruflichen Entwicklung Obamas auch interessiert, wie er seinen schwierigen Weg von einem vagen Vermuten, dass es einen Gott geben müsste, zu seiner Begegnung mit Jesus Christus in diesem Buch schildert. Auch dieser Aspekt seines Suchens und Findens wirkt auf mich ganz und gar ehrlich (womöglich waren seine Wahlkampfmanager nicht so glücklich mit diesen Passagen des Buches).

Sein soziales Engagement bringt Barack Obama zwangsläufig zur Zusammenarbeit mit Kirchen ganz verschiedener Prägung, denn in Amerika ist es noch so, dass sich die Gläubigen der christlichen Kirchen in erster Linie um die Nöte ihrer Mitmenschen kümmern, statt dies - wie bei uns - dem Staat zu überlassen. Obama schildert sich dabei als jemanden, der durchaus aufgeschlossen für die Christen ist, aber... - it seemed that I always argued too much with God. Gar nicht der schlechteste Ausgangspunkt, finde ich.

Je länger er mit Christen zu tun hat, desto mehr erlebt und begreift er, dass ihr Handeln, ihre Nächstenliebe, auf einer lebendigen Beziehung zu ihrem Gott gegründet ist und dass sie daraus die Kraft schöpfen, nie aufzugeben, obwohl es meist um die Nöte anderer geht (und nicht so sehr die eigenen). Obama beginnt zu spüren, dass ihm etwas fehlt. Und schließlich landet er in einem Gottesdienst, der zu einer Begegnung mit Gott wird, die mich sehr an eigenes Erleben vor vielen Jahren erinnert hat.

...I stuffed myself between a plump older woman who failed to scoot over and a young family of four, the father already sweating in his coarse woolen jacket, the mother telling the two young boys beside her to stop kicking each other.
"Where is God?" I overheard the toddler say.
"Shut up!" the older boy replied.
"Both of you settle down right now," the mother said.
...
Then the choir filed down the aisle...
I'm so glad, Jesus lifted me,
I'm so glad, Jesus lifted me,
I'm so glad, Jesus lifted me,
Singing Glory, Hallelujah, Jesus lifted me!

So beginnt der Bericht über diesen Gottesdienst. Und so endet er:

As the choir lifted back up into a song, as the congregation began to applaud those who were walking to the altar to accept Reverend Wright's call, I felt a light touch on the top of my hand. I looked down to see the older of the two boys sitting beside me, his face slightly apprehensive as he handed me a pocket tissue. Beside him, his mother glanced at me with a faint smile before turning back toward the altar. It was only as I thanked the boy that I felt the tears running down my cheeks.
"Oh Jesus," I heard the older woman beside me whisper softly. "Thank you for carrying us this far."

Die fünf Seiten, in denen Barack Obama diesen Gottesdienst, die Predigt und das, was in ihm geschieht, schildert, haben mich von den 440 Seiten am tiefsten berührt. Doch auch die übrigen 435 Seiten lohnen die Lektüre. Unbedingt.

Mein Fazit: Eine lesenswerte Autobiographie nicht nur für Menschen, die an Politik oder Rassenfragen interessiert sind, sondern schon aufgrund der sprachlichen und erzählerischen Fähigkeiten Barack Obamas ein Lesegenuss. Keine leichte Lektüre so nebenbei, aber um so lohnender, wenn man sich darauf einlässt.

Ach ja, meine treuen Leser wissen schon, was jetzt noch als Nachsatz kommt: Inwieweit die deutsche Übersetzung gelungen ist, vermag ich nicht zu beurteilen, da ich das Original gelesen habe.