Montag, 23. November 2009

Ein traumhafter Mord

Ich habe über etliche Jahre immer mal wieder einen ungeschriebenen Aufsatz verfasst. Ungeschriebene Aufsätze, das sind die Aufsätze, die Schülerinnen und Schüler schreiben würden, wenn sie sich trauten, die Wahrheit zu schreiben.

Für den Blog habe ich heute ein solches Exemplar ausgebuddelt, das meinen Notizen zufolge eine Ina S., 14 Jahre alt, geschrieben hätte, wenn sie die Wahrheit...

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Ein Traum

„Ich sage es mal so herum. Wenn die Hoffnung auf Besserung nicht bestünde, wären die Maschinen bereits ausgeschaltet worden.“ Doktor Drews deutete auf die Monitore an der Wand der Intensivstation. „Es sieht zwar aus, als seien da nichts als flache Linien, aber irgendwie möchte ich die Hoffnung noch nicht endgültig aufgeben. Die Hirnströme sind noch immer aktiv. Man kann nie wissen.“

Ich lächelte. Hätte mich jemand gesehen, wäre ihm das eher wie ein Grinsen vorgekommen, aber natürlich sah mich niemand. Das ist ja das Gute an diesem Zustand. Im Traum ist man unsichtbar, wenn man will, man kann fliegen, durch Wände gehen, was immer man benötigt.

Die Angehörigen standen in sterile Kittel gehüllt mit Atemschutzmasken am Bett des Verletzten. Eigentlich war der Verletzte ja bereits eine Leiche, nur die Apparate versorgten den Körper noch mit künstlichem Leben. Und an diesem bisschen Leben hingen die Verwandten wie die Kletten am Hund, der aus dem Gebüsch kommt. Der Arzt war natürlich daran interessiert, seinen Patienten zu retten, das war schließlich sein Job. Ansonsten wäre es ihm wohl ziemlich egal gewesen, ob dieser Herr weiterlebte oder nicht.

Dieser Herr verdankte sein hoffentlich bald eintretendes Ableben mir. Er hatte es nicht anders verdient, das ist eine unumstößliche Tatsache. Was zu viel ist, ist zu viel.

120px-Hazard_T.svg[2] Eine Krankenschwester kam mit einer Infusionsflasche, die sie über dem Bett aufhängte und an das verwirrende System von Schläuchen anschloss. In dem Behälter hätte eigentlich Kochsalzlösung sein sollen, ein probates Allerweltsmittel in Krankenhäusern. Als die ersten Tropfen in der maschinell bewegten Blutbahn des Patienten zirkulierten, dauerte es nicht mehr lange, bis auch die Hirnstromkurve keine Kurve mehr sondern ein Strich wie mit dem Lineal gezogen war. Die ätzende Säure hatte ihren Zweck erfüllt.

Ich hatte – im Traum ist so etwas ja glücklicherweise kein Problem – dafür gesorgt, dass entgegen der Beschriftung in der Flasche ein Urinsteinentferner in höchster Konzentration darauf wartete, in alle Winkel des Körpers gepumpt zu werden.

Das Opfer…  halt! Eigentlich bin ja ich das Opfer, und er hat nur meine notwendige und unumgängliche Vergeltung zu spüren bekommen. Also sage ich lieber: Der Patient war mein Deutschlehrer gewesen. Er hatte es gewagt, meinen letzten Aufsatz mit „ungenügend“ zu bewerten, bloß weil ich seiner Meinung nach das Thema verfehlt hatte. In Wirklichkeit hatte ich nicht das Thema verfehlt, sondern einfach nicht in Übereinstimmung mit der Meinung des Lehrers geschrieben.

Also musste ich ihm im Chemiesaal auflauern und das in mühsamer Kleinarbeit zusammengebastelte Gasgemisch entweichen lassen, als er dort – wie er meinte – auf seine angebetete Kollegin, unsere Musiklehrerin, wartete. Die Einladung zum Tête-à-tête war natürlich von mir geschrieben worden. Im Schriftennachmachen bin ich so gut wie im Aufsatzschreiben.

Er atmete meine spezielle Mischung etwa 30 Sekunden ein, dann fiel er hin. Ich ließ das Gas noch eine weitere Minute auf ihn einwirken, bevor ich die Fenster öffnete, für Durchzug sorgte und meine Atemschutzmaske wieder in den Schrank verstaute.

Im Traum ist der Patient also dank meiner Nachhilfe nunmehr von seinen irdischen Leiden – wie oft hat er vor der Klasse gestöhnt „Wie lange muss ich euch bloß noch ertragen…“ – erlöst. Was die Realität betrifft, warten wir noch auf die entsprechende Nachricht aus der Klinik. Vielleicht hätte ich noch eine weitere Minute abwarten sollen?

Nun hoffe ich für unseren neuen Deutschlehrer, dass er mir eine gute Note für diesen Aufsatz gibt. Das Thema lautet zwar „Ein Traum“ und ich habe zum Teil auch über die Wirklichkeit berichtet, aber das war doch notwendig, um den Traum zu erklären, oder?

Sonntag, 22. November 2009

Blau, rot und gelb…

…sind die vorherrschenden Farben bei der Lektoratsarbeit. Da ich einen eiligen Auftrag für das Wochenende nicht abgelehnt sondern angenommen habe, sehe ich viele Stunden Blau (Änderungen, Einfügungen), Rot (Streichungen) und Gelb (Anmerkungen) statt Grün und Blau, was angesichts des Berliner Kaiserwetters irgendwo da draußen in der Natur denkbar gewesen wäre.

 rotgelbblau

Wenn das Buch, das ich bearbeite, erschienen sein wird, mag es durchaus angehen, dass ich an dieser Stelle eine Rezension schreibe. Beim Lektorieren lernt man einen Text mitunter besser kennen als der Autor selbst, und dieses aktuell bearbeitete Buch birgt so einige interessante Aspekte und Impulse.

Doch das ist eine andere Geschichte, die soll ein andermal erzählt werden. Ich muss mich jetzt erst mal wieder an die Arbeit machen, damit ich den versprochenen Termin (Sonntag Abend) einhalten kann.

Samstag, 21. November 2009

Santa Bob

Wer hat ihm bloß diese Perücke aufgesetzt, dem Bob?



Vermutlich war es Santa persönlich.

Mehr zum Album habe ich bereits hier angemerkt.

Freitag, 20. November 2009

Sechs Falsche

Beim Lotto freut sich gelegentlich jemand über sechs Richtige. Bei der Partnerwahl hofft jeder und jede, dass der eine Richtige gefunden wurde. Bei einer Prüfung schneidet gut ab, wer bei den Antworten nur Richtige ankreuzt.

Manches in Kirche und Gemeinde scheint richtig, weil es eben so ist wie es ist. Schon lange. Manche unserer Traditionen und Überzeugungen sind sicher Richtige. Hier jedoch sind sechs Falsche.

1. Christen feiern Weihnachten und Ostern, Pfingsten und Himmelfahrt, weil dies christliche Feste sind.
Falsch.
Es gibt keine neutestamentlichen Feste oder Feiern, mit Ausnahme des Abendmahls. Die ersten Christen gehörten zum Volk Israel, sie haben die traditionellen jüdischen Feiertage beachtet und geachtet, aber Paulus schrieb unzweideutig: »Der eine hält einen Tag vor dem anderen, der andere aber hält jeden Tag gleich. Jeder aber sei in seinem eigenen Sinn völlig überzeugt! Wer den Tag beachtet, beachtet ihn dem Herrn.« (Römer 14, 5-6)
Wer also Weihnachten beachtet, sollte in seinem Sinn völlig überzeugt davon sein. Wer das Fest ausfallen lässt, macht auch nichts verkehrt. Weder das Feiern von »christlichen« Festen ist falsch, noch das Nichtfeiern.

2. Das Abendmahl muss durch einen geistlichen Amts- oder Würdenträger im Rahmen eines Gottesdienstes ausgeteilt werden.
Falsch.
Jesus hat das Mahl als Erinnerung selbst eingesetzt: »Und er nahm Brot, dankte, brach und gab es ihnen und sprach: Dies ist mein Leib, der für euch gegeben wird. Dies tut zu meinem Gedächtnis! Ebenso auch den Kelch nach dem Mahl und sagte: Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen wird.« (Lukas 22, 19-20)
Wir sollen zu seinem Gedächtnis das Brot brechen, den Kelch trinken. Die erste Gemeinde in Jerusalem tat dies, und zwar ohne goldenes Geschirr und Priester, zu Hause: »Täglich verharrten sie einmütig im Tempel und brachen zu Hause das Brot, nahmen Speise mit Jubel und Schlichtheit des Herzens.« (Apostelgeschichte 2, 46)
Weder das Austeilen des Abendmahls durch einen geistlichen Amtsinhaber ist falsch, noch die Gedächtnisfeier mit Brot und Wein durch einfache Gläubige. Es ist weder verkehrt, im Gottesdienst das Brot zu brechen, noch im Wohnzimmer.

3. Es gibt ein für Christen obligatorisches Glaubensbekenntnis nach dem Muster »Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen…«
Falsch.
»Wer gläubig geworden und getauft worden ist, wird errettet werden; wer aber ungläubig ist, wird verdammt werden.« (Markus 16, 16)
Errettet ist, wer an Jesus Christus glaubt, den Sohn Gottes, den Messias. So einfach und unkompliziert ist es. Ob er etwas von der »heiligen christlichen Kirche« versteht, oder nicht, spielt keine Rolle. Petrus antwortete auf die Frage, was zu tun sei: »Tut Buße, und jeder von euch lasse sich taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung eurer Sünden!« (Apostelgeschichte 2, 38)
Kein Katechismus, kein apostolisches oder katholisches oder reformiertes Glaubensbekenntnis. Weder das Aufsagen eines Glaubensbekenntnisses ist falsch, noch die Unkenntnis eines solchen – gerettet ist man mit und ohne, wenn die wirkliche Voraussetzung zutrifft.

4. Mit der Taufe wird man Mitglied einer Kirche oder Gemeinde.
Falsch.
Wer gläubig geworden ist, wird sich taufen lassen, um dies zu bezeugen. Ob du dich nun von einem Pfarrer taufen lässt oder vom Schulfreund, ob im See oder in der Badewanne, weil der See gerade zugefroren ist… Du wirst dadurch weder Mitglied einer Kirche noch Mitglied der weltweiten Gemeinde Jesu; das bist du schon, seit du gläubig geworden bist. Du brauchst auch keinen Glaubenskurs besuchen oder eine monatelange Bewährungsphase absolvieren.
In der Bibel kannst du lesen, dass Menschen, die gläubig wurden, sich sofort taufen ließen. Nicht Tage später, nicht Wochen später, oder gar nach Monaten der »Vorbereitung«. Die Bibel zeigt jedoch zwei Ausnahmen: Paulus wurde erst drei Tage nach der Begegnung mit Jesus getauft und der neben Jesus gekreuzigte Verbrecher gar nicht.

5. Errettet ist man, wenn man ein »Übergabegebet« gesprochen hat.
Falsch.
Wir finden keines in der Bibel. Dort ist vielmehr die Rede von Menschen, die gläubig geworden sind – ob das nun ein längerer Prozess oder eine spontane Entscheidung war, spielt keine Rolle. Andererseits ist ein »Übergabegebet« nicht falsch; wer es mit ehrlichem Herzen gesprochen hat, ist zweifellos errettet. Doch genauso errettet ist derjenige, der langsam, vielleicht über Monate oder gar Jahre, erkannt hat, dass Jesus Christus der Sohn Gottes ist, der vom Vater gesandte Retter.

6. Als Christ muss man die Bibel lesen, sonst ist man kein richtiger Christ.
Falsch.
Es gab über etliche Jahrhunderte überhaupt keine Bibel, die den Gläubigen zugänglich gewesen wäre. Fast alle Menschen, von denen das Neue Testament berichtet, hatten lediglich die Möglichkeit, in der Synagoge am Sabbat eine Schriftlesung zu hören. Wenn im Neuen Testament von der »Schrift« die Rede ist, sind die Propheten und andere Schriften des Alten Bundes gemeint.
Es schadet nichts, die Bibel zu lesen. Die Lektüre wird dir sicher gut tun. Aber es ist keine Voraussetzung für das Christsein, regelmäßig oder überhaupt darin zu lesen.

Donnerstag, 19. November 2009

Senn! Satz! Jo! Nell!

In leicht überarbeiteter Form und am Stück statt in sieben Teilen gibt es Die Entblößung jetzt auf meinem anderen, den längeren Texten gewidmeten Blog. Und auch gleich als PDF-Dokument für Mitmenschen, die lieber Drucken und Lesen als Scrollen und Lesen.

dekEin einziger Klick aufs Bild führt zum Ziel, falls das Ziel die Entblößung des Stephan Haberling sein sollte. Dort enthülle ich ganz am Schluss auch, ob ich bereits eine Handlung im Sinn hatte, als das Experiment mit den Leserentscheidungen begann. Ist das nicht sensationell?

Mittwoch, 18. November 2009

Siegfried Lenz: Landesbühne

Manchmal kann die Wahrheit nur erfunden werden. Siegfried Lenz

lenzlandesb Buchhandlungen üben auf uns einen magischen Reiz aus. Sie zwingen förmlich zum Betreten, umschauen, in Büchern schmökern und letztendlich gehen wir so gut wie nie ohne neue Lektüre wieder hinaus. So auch kürzlich in einer hübschen kleinen Stadt in Westfalen. Wir betraten eine Buchhandlung und später lag das abgebildete Werk auf dem Nachttisch im Hotel.

Bei den Neuerscheinungen suchte ich eigentlich nach Hellmuth Karaseks neuem Buch Ihr tausendfaches Weh und Ach, fand es jedoch nicht. Ich hätte gerne ein paar Seiten gelesen, um mir ein eigenes Bild zu machen. Die Kritiken sind außergewöhnlich zwiespältig. Aber es hat nicht sollen sein, das Buch war nicht zu finden. Die Verkäuferin erbot sich, es zum nächsten Tag zu bestellen, was ich dankend ablehnte.
Statt dessen wurde ich eines Buches gewahr, das seit einigen Wochen auf meiner Wunschliste stand: Landesbühne von Siegfried Lenz. Auf diesem Blog hatte ich sein voriges Buch, Schweigeminute, sehr gelobt und war gespannt, ob auch dieses Werk so bezaubernd ist.

Gleich vorweg will ich nicht verbergen, dass Schweigeminute auf Platz 1 meiner liebsten Siegfried Lenz Bücher bleibt. Das heißt aber nicht, dass Landesbühne etwa ein schlechtes Buch sei. Nein, es ist ein sehr gutes Buch. Nur eben nicht das beste.

Der Ich-Erzähler ist ein echter Professor der Germanistik, und er sitzt für 4 Jahre im Gefängnis von Isenbüttel. Am Anfang der Novelle rollt ein Bus der Landesbühne auf den Hof und damit beginnt eine Posse, die unterhaltsam, tiefgründig und aberwitzig zugleich ist. Gelegentlich schon kafkaesk anmutend entfalten sich die Ereignisse. Der Professor folgt scheinbar willenlos seinem Zellennachbarn Hannes und einigen Mitgefangenen in den Bus und - die Aufseher sind etwas nachlässig bezüglich ihrer Dienstauffassung - in die Freiheit. Jenseits der Gefängnismauern warten unter anderem ein Nelkenfest auf gesanglichen Beitrag der Ausreißer, ein Heimatmuseum auf Gründung und eine Volkshochschule auf einen Professor, der sie ins Leben ruft…

Der Chor sang vermutlich gerade Wem Gott will rechte Gunst erweisen, und da sie bei dem Wort ‚Gott’ das Blitzlicht traf, bildeten ihre Münder ein ebenmäßiges dunkles Loch.

Rund 130 Seiten hat diese Buch, ein eher schmales Werk also, und ich ertappte mich dabei, immer langsamer zu lesen, je mehr Seiten sich links und je weniger sich rechts befanden. Siegfried Lenz gelang es wieder einmal, dass ich wünschte, er würde weiter erzählen. Sein Umgang mit der Sprache ist wohltuend, seine Ideen sind voller Phantasie und Überraschungen, und selbst das Ende ist nicht das, was man erwarten würde, sondern es zeigt, dass Freundschaft ein wertvolles Gut ist, für das sich einiges zu opfern lohnt.
Siegfried Lenz moralisiert nicht, belehrt nicht, idealisiert nicht, sondern er malt das Labyrinth des Lebens anhand von kleinen Episoden, die miteinander verwoben sind. Er zeichnet Charaktere, die so menschlich sind wie der Leser, so dass sie gleich vertraut erscheinen.

Humorvoll ist die kleine Erzählung darüber hinaus, und voll von kleinen Seitenhieben auf die Gesellschaft, den Kulturbetrieb und die Germanistik, auch »der Lenz« kommt nicht ungeschoren davon, wenn der Professor seine Gedanken darlegt.

Mein Fazit: Ein gelungenes, wunderschönes Buch, dessen Zauber man sich nicht entziehen will.

Zu finden in jeder Buchhandlung, aber auch, was natürlich ein weniger sinnliches Einkaufserlebnis ist, bei Amazon: Siegfried Lenz: Landesbühne

Dienstag, 17. November 2009

…beziehungsweise ein Erscheinungsfest

Wie wohltuend ist es doch, wenn nicht von einer »Release Party« die Rede ist, sobald etwas erscheint. Sondern von einem Erscheinungsfest. Halt. Falsch. Es ist ein erscheinungsFEST, und es gilt einem Buch, das den schönen Titel beziehungsweise Leben trägt, halt, nein, auch falsch. BESZIEHUNGSWEISE LEBEN heißt das Buch. Oder so ähnlich geschrieben? Hier steht mehr darüber: beziehungsWEISE Leben.

Fünf der Autoren, deren Beiträge zum breitgefächerten Thema in diesem Buch zu finden sind, leben in Berlin und laden am 5. Dezember von 17 bis 23 Uhr zum erscheinungsFEST mit Lesungen und noch viel mehr Programmpunkten ein:

eF_BerlinFlyer.jpg.scaled.500[1]Das Café Klaus Abendbrot kenne ich aus etlichen Besuchen, es hat ein paar ganz und gar aparte Details, zum Beispiel die Preisgestaltung:

So zahle jeder was er kann,
zur Not auch für den Nebenmann
dann können alle fröhlich sein
bei Gaumenschmaus und gutem Wein...

Ich bin schon gespannt auf Buch und Lesung und freue mich auf einen gemütlichen Abend im »Wohnzimmer für alle«, wie das Café auch genannt wird. Also: Kommet zu Hauf, Psalter und Harfe lasst vielleicht lieber schlafen.

Montag, 16. November 2009

Der Gastgeber...

…dieses Blogs war am vergangenen Wochenende überwiegend faul. Müßig. Saumselig. Untätig. Betulich. Gelassen. Träge. Entspannt. Traumselig. Seelenbaumelig.

schläftigOben ist der Dichter beim Schlummern zu sehen, sogar zu faul zum Abtrocknen nach dem Bade war er offenbar. Daher gibt es heute und hier keinen auch nur einigermaßen sinnvollen oder zumindest Vorbereitung erfordernden Beitrag.

Etliche Fotos sind sowieso schon da, also mühelos zu bloggen. Das untere beispielsweise ist der Beweis, dass man erstens in einer Damenboutique mit nicht sonderlich kunstvoll versteckter Kamera Fotos machen und zweitens auch noch sich selbst im Motiv unterbringen kann.

spionage Vorsicht: Wer auf die Bilder klickt, bekommt die volle Auflösung – also ziemlich viele Megabytes. Sinnvoll? Nö, wozu denn.

Samstag, 14. November 2009

Auch Esel brauchen mal eine Pause

Ein Esel? Oder zwei? Oder drei? Wir sind für ein geringfügig verlängertes Wochenende in Bad Sassendorf gelandet. Der Ort ist laut Kurverwaltung ein staatlich anerkanntes Moor- und Soleheilbad für Rheuma, Herz-Kreislauf und Luftwegerkrankungen sowie Frauenleiden - was immer letzteres auch genau bezeichnen mag.

Nun leiden weder ich noch die beste aller Ehefrauen an einer der genannten Malaisen, aber da wir sowieso in diese Gegend mussten, haben wir eben ein nettes Hotel gebucht und spannen mal aus, bevor uns am Montag der Alltag wieder in seine Klauen nimmt.

Gestern (für die geneigten Blogbesucher gestern, ich schreibe dies am Freitag Abend) haben wir gestadtbummelt, wobei ich vergeblich versucht habe, einem munteren Gesellen beim Anschieben seines Esels zu helfen, im Hotelschwimmbad (angemessen bekleidet) das angenehm temperierte Wasser genossen und (angemessen unbekleidet) in der schön heißen Sauna geschwitzt, dann hat die beste aller Ehefrauen Zanderfilet (!) im Restaurant gegessen, während mir eher nach Hirsch zumute war.

Am Samstag, also für den geschätzten Blogbesucher heute, wollen wir Soest besuchen (5 Kilometer von Bad Sassendorf gelegen), da wir schon viele Jahre in der Soester Straße wohnen und nun die vermutlich einmalige Gelegenheit haben, die Namensgeberin unserer Wohnanschrift kennen zu lernen.

Ach ja: Beim Stadtbummel trafen wir Lisa und Stephan, sie lassen herzlich grüßen.

Freitag, 13. November 2009

Die Entblößung – Teil 7

Heute, liebe regelmäßige Leser, gibt es den siebten und letzten Teil der Geschichte, die als Mitmach-Experiment begonnen hat. Der eine oder die andere mag nun »schade« stöhnen oder auch nicht, aber anders als bei Jack Bauer ist ein Schluss in diesem Fall wirklich ein Schluss.

Wer die ersten Teile nicht gelesen hat, möge ich selbst den Gefallen tun, dies nachzuholen, bevor er den Schluss liest. Ich kann niemanden dazu zwingen, aber doch dringend empfehlen, sich nicht selbst den Spaß und die Spannung zu verderben. Teil 1 ///Teil 2 /// Teil 3 // Teil 4 // Teil 5 // Teil 6

Ist mein Experiment gelungen? Das zu beurteilen bleibt den geschätzten Lesern überlassen, die Meinung kann jeder und jede gerne am Ende dieser letzten Fortsetzung durch die auch diesmal vorhandene Abstimmung kundtun.

Doch nun schnell, bevor das Essen kalt wird, ins Restaurant zu Lisa und Stephan, die mir in den letzten Wochen sehr ans Herz gewachsen sind.

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»In Butter gebratenes Zanderfilet, serviert auf knackigem Kürbisgemüse, dazu Stampfkartoffeln, garniert mit einem Klecks Creme Fraiche« – Lisa war mit zufrieden mit ihrem Mittagessen. Stephan Haberling, der lieber etwas Deftiges mochte, hatte sich für ein »Rumpsteak (ca. 230 g), mariniert mit Sojasauce, braunem Zucker, Worchestersoße, beträufelt mit einem Schuss Whisky, am Grill zubereitet, dazu hausgemachte Rosmarinbutter, Steakhousepommes & Tomaten - Zwiebel – Salat« entschieden, und auch er sah keinen Grund, sich zu beschweren.

Während sie gegessen hatten, war Lisa nicht bereit gewesen, über die vielen Fragen zu sprechen, die in ihm zappelten wie der frisch gefangene Zander vermutlich im Netz, bevor er in der Küche und schließlich auf Lisas Teller gelandet war. Er hatte gefragt, nach den nur schwach verklausulierten »Briefmarken«, nach den sehr privaten Fotos auf Isis’ Notebook, nach der entblößenden Galerie, aber Lisa – getreu ihrem Motto, auf Fragen nicht immer, eher selten, zu antworten – hatte zwar freundlich geplaudert, jedoch keine Antworten gegeben.

Die Kellnerin räumte das Geschirr ab und fragte nach weiteren Wünschen.

»Zwei Latte macchiato«, bat Lisa. Die Kellnerin meinte »gerne, kommt sofort« und verschwand.

»Woher weißt du, dass ich nach einer Mahlzeit gerne Latte macchiato bestelle?«

»Ich weiß mehr über dich und kenne dich besser, als du ahnst, Stephan. Du wurdest seit über acht Monaten beobachtet. Ich selbst bin seit zwei Monaten häufig in deiner Nähe gewesen, war auch mehrmals in deiner Wohnung, wenn du unterwegs warst. Das mit dem Latte macchiato ist so typisch für dich wie die unwägbaren Nebenwirkungen für eine H1N1-Impfung.«

»Das musst du mir erklären.«

»Die Nebenwirkungen?«

»Unfug. Natürlich die Beobachtung, Beschattung, oder sollte ich eher von Ausspionieren sprechen?«

»Eigentlich solltest du nicht verwundert sein. Du weißt doch, was Isis wirklich getan hat.«

Er wusste manches, aber vieles war auch unklar, vernebelt, gemutmaßt. Sie hatte, getarnt durch Scheintätigkeiten, seit vielen Jahren für den ägyptischen Geheimdienst gearbeitet. Vor der Hochzeit waren Stephan Haberlings Vergangenheit und Gegenwart bis ins Detail durchleuchtet worden, denn obwohl ihm Isis nie Einzelheiten aus ihrer Tätigkeit verriet, war es unumgänglich, dass er einiges mitbekam. Was es mit der angeblichen Briefmarkensammlung auf sich hatte, reimte er sich nach ihrem Tod selbst zusammen.

Er blickte in Lisas Augen, die den Augen seiner Isis so sehr glichen. »Sie war hinter den Attentätern her, oder?«

»Ja. Der ägyptische Geheimdienst hatte Informationen gesammelt, die auf einen Anschlag hindeuteten. Man wusste, dass irgendwie Piloten eine Rolle spielten, die von Ägypten über den Libanon und Deutschland nach Amerika gegangen waren. Die Briefmarke mit den Piloten stand für die Namen, die Landkarten-Briefmarke für das Ziel – oder die Ziele, wie wir heute wissen.«

»Und welches Puzzleteil hattest du? Welche Rolle spieltest du überhaupt?«

Lisa wartete, bis die Kellnerin die beiden Latte macchiato hingestellt hatte und wieder verschwunden war. Dann erklärte sie: »Die ganze Geschichte darf und werde ich dir nicht erzählen. Aber du sollst wissen, dass mein vorgetäuschter Unfalltod ein geplantes Verschwinden war, weil ich, damals ebenfalls im Dienst des Geheimdienstes, vor der Enttarnung stand. Inzwischen ist viel Zeit vergangen und diejenigen, die hinter meine Tarnung gekommen waren, sind tot. Meine aktive Mitarbeit im Geheimdienst endete im Dezember 2001. Daher konnte ich es wagen, vorsichtig und in Etappen, als Lisa del Giocondo aufzutauchen und ein halbwegs normales Leben zu beginnen.«

»Und was wolltest du Isis so dringend mitteilen?«

»Ich hatte – wir hatten drei Namen. Mohammed Atta, Marwan al-Shehhi und Ziad Jarrah. Wenn ich Isis diese noch rechtzeitig, also am 10. September, hätte nennen können, vielleicht wäre noch etwas aufzuhalten gewesen. Vermutlich nicht, die Zeit war zu knapp, aber der Gedanke lässt mich seit 2001 nicht los.«

»Weißt du, warum Isis im World Trade Center war?«

»Dort war ein als Agentur für Antiquitätenhandel getarntes Büro des ägyptischen Geheimdienstes untergebracht. Es lag im 95. Stockwerk des Nordturmes, daher weiß ich zumindest, dass meine Schwester sofort tot war, nicht leiden und vergeblich um ihr Leben kämpfen musste.«

»Das hatte ich immer gehofft, aber ich wusste nichts Genaues.«

»Man hat mir aus ihrem Hotelzimmer damals unter anderem ihren Computer gebracht, nachdem die Spezialisten vom Geheimdienst mit den Untersuchungen fertig waren. In ihren Outlook-Terminen habe ich dann das Büro und die Uhrzeit des Treffens gefunden. Da stand Briefmarkensammlung vorstellen, 08:30 Uhr und der Ort, das Büro im World Trade Center. Isis war immer pünktlich. Sie muss zum Zeitpunkt des Anschlages genau dort gewesen sein.«

 

Lisa und Stephan am Schlachtensee Später spazierten Stephan Haberling und Lisa del Giocondo, obwohl leichter Regen eingesetzt hatte, um den Schlachtensee. Er verstand sich selbst nicht recht. In Lisas Nähe zu sein war wie eine Wiedergeburt. Nach dem 11. September 2001 hatte sich sein Leben nicht nur äußerlich durch den Verlust der Ehefrau, sondern – und vielleicht sogar vor allem – bezüglich seiner Einstellung zum Leben und Sterben geändert. Ob er morgen wieder aufwachen würde, spielte am Abend jedes beliebigen Tages keine Rolle. Er hatte Freundschaften, aber es gab keinen Menschen, der ihm so am Herzen lag, dass er wegen dieser Person leben wollte. Umgekehrt wusste er von niemandem, für den oder die sein Abscheiden ein unwiederbringlicher Verlust gewesen wäre. Stephan Haberling lebte gerne, aber er klammerte sich nicht an das Diesseits, seit Isis nicht mehr bei ihm war.

Und nun schien sich binnen weniger Tage, eher Stunden, alles zu ändern. Eine Frau, von der er noch so gut wie nichts wusste, die er kaum kennen gelernt hatte, stellte sein Innenleben völlig auf den Kopf. Wider jede Vernunft. Wider jeden Verstand.

»Hast du dich eigentlich in mich verliebt?«, fragte er.

Lisa zögerte keinen Augenblick mit ihrer Antwort: »Ja.«

»Einfach nur ja?«

»Einfach nur ja. Kein wenn, kein aber. Ja.«

»Aber warum tust du mir das an, mit der Entblößung in der Galerie?«

»Du bist ein wunderbarer Aber-Mensch, Stephan. Die Antwort liegt in dir, du musst sie selber finden. Du wirst sie selber finden.«

Sie wichen zwei Dalmatinern aus, die vergnügt miteinander tollten. Die Besitzerin lächelte entschuldigend-schuldbewusst und erklärte ungefragt: »Die tun nichts, die sind nur etwas wild.«

Als sie an der Dame und ihren Hunden vorbei waren, ergänzte Lisa: »Manchmal bin ich auch nur etwas wild.«

»Aber du tust auch was. Männer im Internet bloßstellen, zum Beispiel.«

»Männer? Nein. Einen Mann. Ich habe zwar schon zahlreiche Aktfotos gemacht, das gehört ja zu meinem Beruf, aber die bekamen natürlich nur die Kunden zu sehen, die sie in Auftrag gegeben hatten.«

»Was sind denn das so für Kunden?«

»Wollen wir in der Fischerhütte noch einen Kaffee trinken gehen, oder lieber nach Hause fahren?«, fragte Lisa, statt zu antworten.

Stephan nahm ganz automatisch an, dass mit zu Hause seine Wohnung gemeint war. »Ich könnte meine De Longhi veranlassen, uns zwei Getränke nach Wahl zu produzieren.«

Sie stiegen in Stephans Auto, für das sie am Elvirasteig einen Parkplatz gefunden hatten. Lisa griff unter den Beifahrersitz und warf dann etwas aus dem Fenster, als Stephan gerade losfuhr.

»Was war das denn?«

»Das Abhören hat sich seit einigen Wochen erübrigt. Ich hatte nur vergessen, die Wanze aus deinem wunderbaren HHR zu entfernen. Aber zugehört hat schon länger niemand mehr. In deiner Wohnung ist bereits alles beseitigt worden, was meine ägyptischen Freunde installiert hatten. Wir sind sozusagen freigegeben und nur noch unter uns.«

 

»Das Hemd steht dir übrigens wirklich gut«, sagte Lisa del Giocondo, als sie in Stehpan Haberlings Küche standen und darauf warteten, dass die Maschine ihre Arbeit verrichtete.

Er grinste, war gespannt, ob sie tatsächlich ein Gespräch über seine Kleidung anstoßen wollte oder wie so oft gleich wieder das Thema wechseln würde. Am Morgen hatte er sich entsprechend der Entblößung im Internet gekleidet. Und entsprechend der Reihenfolge, die er vor gefühlten hundert Jahren bei der kleinen Natalie beobachtet hatte. Zuerst das T-Shirt, dann das Freizeithemd, anschließend erst Jockey-Briefs und Jeans.

Zum Restaurantbesuch hatte er Socken und feste Schuhe angezogen, zu Hause trug er gewöhnlich nur leichte Sandalen an den bloßen Füßen, so auch jetzt wieder.

Lisa musterte ihn schmunzelnd, während er die erste gefüllte Tasse gegen eine leere auswechselte und wieder auf Caffeelatte drückte. Unvermittelt nahm sie ihn in die Arme und drückte ihn fest an sich. Er ließ es sich gerne geschehen – seinetwegen konnte dieser Augenblick sich unendlich ausdehnen. Es fühlte sich so neu und doch so alt an wie eine Erinnerung aus Kindheitstagen, die längt vergessen schien und plötzlich, vielleicht durch ein Geräusch oder einen Geruch geweckt, wieder da ist, als sei das zum Geruch oder Geräusch gehörende Ereignis erst Minuten her.

Und nun begriff er plötzlich. Er verstand und fragte sich, warum er so lange gebraucht hatte.

Sanft nahm er Lisa in die Arme, ließ seine Hände über ihren Rücken streichen. Schmiegte sie sich noch enger an ihn? Er schob behutsam den Saum ihres Pullovers in die Höhe. Sie schien erleichtert auszuatmen, zumindest deutete er das Geräusch so, das er von ihrem an seine Brust gepressten Gesicht vernahm. Sie wich einige Millimeter zurück, aber nur so weit, dass es möglich wurde, sie vom Pullover zu befreien.

Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andren zu.

Wieso hatte er eine so lange Leitung gehabt? Sie hatte ihm im Internet lediglich zugefügt, was sie wollte, dass er ihr tat.

Man könnte das ja noch aufhalten. Irgendwie.

Er war gerade dabei, es aufzuhalten. Nicht irgendwie, sondern auf die einzig mögliche Art und Weise. Er tastete nach ihrem Jeansgürtel.

 

Einige Tage später fiel ihm ein, dass eine einzige Antwort noch fehlte. Sie waren vom Einkaufen nach Hause gekommen und im Treppenhaus dem stets wachsamen Nachbarn Detlef Fischer begegnet.

»Mein Nachbar, beziehungsweise sein Kollege im Polizeilabor, war überzeugt, dass die Fotos echt, also nicht nachträglich manipuliert, waren. Hat er sich einfach geirrt oder wie hast du das angestellt?«

Lisa lachte vergnügt und erklärte: »Isis und du, ihr habt es mir sehr leicht gemacht. Der hellgrüne Hintergrund mit so gut wie keinen Farbschattierungen ist ideal, wenn man jemanden oder etwas ausschneiden und vor einen anderen Hintergrund stellen will. Das geht sogar mit bewegten Objekten, zum Beispiel im Nachrichtenstudio eines Fernsehsenders. Der Sprecher steht oder sitzt vor einer grünen Fläche. Du siehst am Bildschirm etwas ganz anderes. Das wirklich etwas Kniffelige war, ein paar Kleidungsstücke aus Deinem Schrank an die Person zu bekommen. Da musste ich mit einer Schaufensterpuppe und allerlei Tricks experimentieren.«

»Und das konnten die im Polizeilabor nicht feststellen?«

Sie zuckte mit den Schultern. »Erstens bin ich Profi hinter der Kamera und bei der Bearbeitung, und zweitens wollten die Leser unserer Geschichte mehrheitlich, dass die Fotos für echt befunden werden. Gegen den Leserwillen kann selbst die Polizei nichts ausrichten.«

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So, das war es nun also, das Ende der Geschichte. Die beiden dürfen nun von uns unbeobachtet weiter leben, lieben und womöglich leiden. Wer weiß das schon, was das Leben bringen wird.

Und die geschätzten Leser? Die dürfen abstimmen, ob sie irgendwann einmal ein ähnliches Experiment an dieser Stelle lesen und begleiten möchten.

Das Experiment der Mitmach-Geschichte...
...hat mir gefallen. Bitte wieder mal so was in der Art.
...fand ich nicht gelungen. Lass es lieber sein.
Auswertung

Ich wünsche ein angenehmes Wochenende. Lisa und Stephan sind, das weiß ich aus gut unterrichteter Quelle, zu einem Wohlfühl- und Ausspann-Wochenende in Bad Sassendorf, wo immer das auch sein mag.