Samstag, 20. Februar 2010

Klaus ist tot.


»Klaus ist tot«, erklärte meine Mutter mit Tränen in den Augen. »Er hat sich das Leben genommen.«
Ich war dreizehn Jahre alt. Klaus war einige Wochen zuvor aus unserem Freundeskreis entschwunden, aus Gründen, die mir damals zunächst nicht verständlich waren, weil niemand mir Auskunft geben wollte. Nun war Klaus tot. Ich hatte einen Freund verloren, der mein Freund nicht hatte sein dürfen.

Wir lebten in Memmingen, einer Kleinstadt mit seinerzeit rund 38.000 Einwohnern. Klaus gehörte zur gleichen freikirchlichen Gemeinde, die wir besuchten, er stammte wie meine Familie aus Berlin – vermutlich war die Freundschaft aufgrund dieser Tatsache entstanden. Exilberliner im bayerischen Exil halten zusammen.
Klaus war vierundzwanzig Jahre alt, als wir ihn kennen lernten. Ich freundete mich schnell mit ihm an, er hatte Humor, Ideen, die einen Jungen wie mich begeisterten und er war mir ein zuverlässiger Helfer bei Hausaufgaben und Lernproblemen. Häufig kam er nach dem sonntäglichen Gottesdienst mit zu uns, wir aßen gemeinsam zu Mittag, spielten, unternahmen Ausflüge. Klaus besaß ein Auto und fuhr gerne mit uns irgendwo hin, so konnten wir allerlei Gegenden im Allgäu kennen lernen, die für uns sonst unerreichbar gewesen wären.
Doch dann verschwand Klaus aus der Gemeinde und unserer Familie. Ich fragte meine Mutter nach ihm, und sie gab ausweichende Antworten. Er habe eine »schwere Sünde« auf sich geladen, deshalb sei er aus der Gemeinde ausgeschlossen worden, erfuhr ich. Ich dachte an Mord – nun ja, die Phantasie eines dreizenjährigen Jungen, der mit Vorliebe »erwachsene« Bücher las, damals gerade Hemmingways Kurzgeschichten, kommt auf solche Ideen. Also nahm ich an, dass er nun wohl im Gefängnis saß.
Doch Memmingen war klein genug, um mich schon bald eines besseren zu belehren. Klaus saß in einer Eisdiele beim Kaffee, als ich nach der Schule dort ein Eis kaufte. Ich war glücklich und setzte mich sofort zu ihm.
»Mensch Klaus«, rief ich begeistert, »wo steckts du denn die ganze Zeit?«
Er sah gar nicht aus, wie ich ihn kannte. Er wirkte bedrückt und meinte nur: »Du solltest dich nicht mit mir sehen lassen. Oder ich mit dir.«
»Was ist los?«
»Günter, hör zu, ich darf hier nicht mit dir sitzen. Ich würde gerne, aber es geht nicht. Es ist besser, wenn du verschwindest.«
Mehr war nicht aus ihm herauszubekommen, und schließlich ging ich verunsichert und voller Fragen nach Hause. Dort fragte ich meine Mutter aus.
»Was ist los mit Klaus?«
»Das verstehst du noch nicht.«
»Wieso verstehe ich das noch nicht?«
»Du bist zu jung.«
»Woher willst du das wissen?«
»Ich bin deine Mutter.«
»Aber ob ich es verstehe wird sich erst zeigen, wenn ich es gehört habe. Klaus ist mein Freund. Warum darf er nicht mit mir gesehen werden?«
»Hast du ihn etwa getroffen?«
»Ja. In der Eisdiele Pick. Er hat mich weggeschickt.«
Meiner Mutter war das Thema sichtlich unangenehm. Mein Bruder war so ratlos wie ich. Schließlich rief ich meinen Großvater an, der war Pastor im Ruhestand und hatte immer ein offenes Ohr für mich. Er kannte Klaus von etlichen Besuchen.
Ich erzählte von dem plötzlichen Verschwinden aus der Gemeinde und dem rätselhaften Kontaktverbot. Mein Opa hörte zu und fragte dann: »Seit wann ist das denn so?«
»Ein paar Wochen.«
»Ich werde mich umhören, Günter. Und wenn ich weiß, was da los ist, erfährst du es. Versprochen.«
Mein Großvater war jemand, auf dessen Wort ich mich felsenfest verlassen konnte. Dass ich mich ein paar Jahre später, als das vorzeitige Ende meines Lebens drohte, an ihn wendete, hatte eine Menge damit zu tun, dass mein Vetrauen in ihn nie enttäuscht, nie auch nur erschüttert wurde. So auch in diesem Fall. Bereits am nächsten Tag erklärte mir mein Großvater, was los war:
»Klaus ist schwul. Deshalb hat man ihn aus der Gemeinde geworfen.«
»Wie bitte?« Ich war fassungslos. Was schwul bedeutete, da hatte ich noch keine allzu klaren Vorstellungen, aber dass man jemanden aus einer christlichen Gemeinschaft warf, weil er »anders« war, schien mir unerhört.
»Ich habe mit eurem Pastor gesprochen«, erklärte mein Opa. »Der Ältestenrat hat – gemäß der biblischen Anweisungen – zunächst mit Klaus geredet, und da er, wie mir euer Pastor sagte, unbußfertig ist, hat man ihn gebeten, nicht mehr zu kommen, bis die Gemeindeversammlung eine Entscheidung trifft. Das soll wohl in ein paar Wochen passieren.«
»Findest du das okay, Opa?«
»Nein. Ich finde das schlimm. Ich werde versuchen, Klaus zu erreichen um ihm zu sagen, wie leid mir dieses unmögliche Vorgehen tut und ihn zu bitten, sich eine andere Gemeinde zu suchen.«
»Ist schwul sein denn ansteckend?«
»Überhaupt nicht. Und soweit ich weiß, hat Klaus niemanden belästigt oder auch nur Andeutungen gemacht. Hat er dich denn jemals komisch angefasst?«
»Nö. Im Gegenteil, wenn es ums Balgen ging, hat er sich immer zurückgezogen.«
»Ich werde auch mit deiner Mutter reden. Ich finde es nicht in Ordnung, dass Klaus euch nicht mehr besuchen soll.«
Am Abend sagte meine Mutter: »Opa hat mich angerufen. Du hast ja auch mit ihm gesprochen, stimmts?«
»Ja. Du hättest mir ruhig sagen können, was los ist. Vielleicht werde ich ja auch schwul, und dann weiß ich gleich, dass man mich rauswerfen wird.«
»Um Himmels willen! Wie kommst du denn darauf?«
Ich gab meiner Mutter keine Antwort, denn das Thema Sexualität war in unserer Familie ein Tabu. Mit meinem Großvater konnte ich über alles reden, aber zu Hause war das undenkbar. Aufklärung hatte nie stattgefunden, abgesehen davon, dass mir, als ich zwölf war, meine Mutter ein Heftchen in die Hand gedrückt hatte, das sie in einer katholischen Kirche gefunden hatte. Das Heftchen zeigte einige schematische Darstellungen der Geschlechtsorgane sowie zwei nackte Kinder, Mädchen und Junge, beim Baden und gab schwammig Auskunft, dass mit Penis und Vagina irgendwie für Nachwuchs zu sorgen wäre. Später, wenn man groß sei…
Ich war nicht der einzige pubertierende Junge, der über eine Menge Phantasie aber kein Wissen verfügte. Meinen Schulfreunden ging es nicht anders. Wir hatten kürzlich im Schlafsaal des Skilagers gemeinsam masturbiert, daher kam ich nun auf die Idee, dass ich womöglich schwul werden könnte. Aber darüber mit meiner Mutter reden? Vollkommen ausgeschlossen.
Ich war und wurde nicht homosexuell, wie sich später herausstellte. Viel später, als Klaus längst tot war.
Meine Mutter blieb jedenfalls dabei, dass wir mit Klaus keine Gemeinschaft mehr haben konnten, weil ja die Bibel sagte, dass man sich schmutzig macht, wenn man die Sünde nicht meidet wie die Pest. Und Homosexualität war nun einmal Sünde, so einfach war das Weltbild der kleinen Gemeinde diesbezüglich.
Niemand schien sich Gedanken darüber zu machen, wie es Klaus dabei ergehen mochte. Mein Großvater erzählte mir Jahre später, dass er mit Klaus viele Gespräche führte, um das zu verhindern was dann doch geschah. Sogar zu einem Umzug in eine andere Stadt riet er ihm, er wollte sich gerne an den Kosten beteiligen.
Doch Klaus war schon einmal umgezogen, weil er als Homosexueller nicht in der Gemeinschaft der Gläubigen willkommen war, nämlich von Berlin nach Memmingen. Doch irgendwie war die Kunde nun in der Gemeinde in Memmingen angekommen und Klaus wollte nicht lügen.
In der kleinbürgerlichen Gesellschaft damals wäre ein unerträgliches Spießrutenlaufen entstanden, wenn nun im Kollegenkreis und sonstwo in der bayerischen Kleinstadt seine Homosexualität bekannt geworden wäre. Er zog sich aus der Gemeinde zurück und bat um Verschwiegenheit. Die Gemeindeleitung lud ihn jedoch vor die Vollversammlung, wo er eine letzte Chance bekommen sollte, öffentlich Buße zu tun und »von seiner Sünde umzukehren«, wie immer man sich das auch vorstellen mochte.
Klaus zog es vor, sich das Leben zu nehmen. Ich hörte, als das bekannt wurde, jemanden aus der Gemeinde sagen: »Der Sünde Sold ist der Tod. Das ist nun also die Folge seiner Homosexualität, er hätte ja umkehren können.«
Wäre mein Großvater nicht gewesen, ich hätte wohl für alle Zeiten jegliche Verbindung zum Christentum weit von mir gewiesen, nachdem ich das gehört hatte. Mein Großvater ließ es sich nicht nehmen, zur Beerdigung zu kommen und mich ans Grab mitzunehmen. Außer uns beiden war eine Nichte von Klaus anwesend und zwei Kollegen aus dem Krankenhaus, in dem Klaus gearbeitet hatte. Fünf Menschen standen am Grab, und ein Trauerredner vom Beerdigungsinstitut. Wo waren all die anderen, die ihn gekannt hatten?
Anschließend ging mein Großvater mit mir in die Eisdiele Pick, und dort saßen wir dann lange. Er sprach mit mir auf seine wunderbare Weise, nämlich aufrichtig, offen und unter dem Eingeständnis eigener offener Fragen und Unstimmigkeiten in seiner Theologie.
»Wichtig ist, Günter, dass du nicht Gott die Schuld gibst für Fehler, die Menschen machen. Niemand hat alle Antworten, und oft sind die Antworten, die jemand zu haben meint, falsch. Das gilt auch für die Gemeinde. Als die religiösen Vorbilder seiner Zeit eine Frau steinigen wollten, die gesündigt hatte und nach den Gesetzen der Bibel den Tod verdiente, schrieb Jesus etwas in den Sand. Er gab keine Antwort. Was er schrieb, wissen wir nicht. Er hat nicht gesagt, dass der Ehebruch nicht so schlimm wäre, aber er hat die Frau auch nicht verurteilt. Jesus ist gekommen, um die Sünde auf sich zu nehmen, nicht, um sie den Menschen heimzuzahlen.«
»Also ist das nun Sünde, wenn jemand schwul ist?«, fragte ich.
»Im Gesetz des Alten Testamentes heißt es: Wenn jemand bei einem Mann liegt wie bei einer Frau, so haben sie getan, was ein Greuel ist und sollen beide des Todes sterben. Das ist so eindeutig wie die Anweisung, dass eine beim Ehebruch ertappte Frau gesteinigt werden muss. Jesus hat keinen Stein geworfen.«
»Also was denn nun?«
Mein Großvater lächelte und fragte, statt eine Antwort zu geben: »Wer von uns ist denn kein Sünder? Du? Ich? Diejenigen, die Klaus in den Tod getrieben haben?«
Mir fiel keine Antwort ein. Bis heute nicht.

Der einzige Nichtsünder, von dem ich weiß, ist gestorben und auferstanden, damit wir, schwul oder nicht, errettet sein können. Eigentlich reicht mir dieses Wissen.

Freitag, 19. Februar 2010

Hoffnungsschimmer

Flyer sollen fortan Handzettel heißen, Counter werden in Schalter umbenannt, Hotlines in Service-Nummern. Und statt Call a bike will man vom Mietrad-Angebot sprechen. Quelle: Die Zeit
Es gibt also doch noch Hoffnung auf Heilung von der schleichenden Verblödung unserer Sprache. Ausgerechnet bei der Bahn. Dankeschön, Herr Bahnvorstand!

Donnerstag, 18. Februar 2010

Rückwärtsurlaub

Es galt mal als schick, mittels backward-masking - rückwärts abgespielten Tonaufnahmen - bestimmten Liedern eine geheimnisvolle Note beizumischen. Mancher argwöhnte auch, so würden verborgene Botschaften, womöglich sogar direkt ins Unterbewusstsein des Hörers der Schallplatte, transportiert.

Ein Mitarbeiter der Firma, in der ich dem Broterwerb nachgehe, hat in seiner Abwesenheitsnotiz nunmehr zu erkennen gegeben, dass er vom 16. bis 12. Februar nicht im Hause sei. Rückwärtsurlaub also?


Ich frage mich besorgt, ob er mir mit dieser Abwesenheitsnotiz eine verborgene Botschaft ins Gehirn pflanzen will, die ich nicht so recht zu interpretieren vermag...

Mittwoch, 17. Februar 2010

Wenn die Nacht vom Himmel fällt

image Ein Roman, in dem unsere Wirklichkeit und ein mögliches Jenseits ineinander fließen, sich miteinander verbinden, verschwimmen.
Gerhard Geiger, ein Maler auf der Insel Fehmarn, lernt eine zugleich unheimliche und anziehende Frau kennen, deren finsteres Geheimnis sich nach und nach offenbart. Je tiefer er in ihre Welt eintaucht, desto bedrohlicher wird das, was mit ihm und ihr vor sich geht. Schließlich finden sich beide in einer gottverlassenen Gegend, ein tödlicher Gegner greift nach ihnen.
So der kurze Klappentext zu diesem Roman, der jetzt exklusiv für den Amazon Kindle / Kindle for iPhone / Kindle for PC erschienen ist. Zwar hat ein elektronisches Buch keine Klappe, aber das macht ja nichts.

Es geht in diesem Roman um den ewigen Kampf zwischen dem Guten und dem Bösen. Angelina, die junge Frau, die der Maler Gerhard kennen lernt, entstammt einer Familie, die einem okkulten Bund angehört, der seinen Mitgliedern viel Gutes verheißt: Gesundheit, Erfolg, Vergnügen, Ansehen. Doch welchen Preis bezahlt man dafür? Das wird erst nach und nach klar, und ob ein Entrinnen möglich ist, scheint mehr als zweifelhaft. Werden Gerhard und Angelina den Kampf gewinnen? Verlieren? Sind sie dabei auf sich gestellt oder finden sie Hilfe?

Was ein Mensch hört und liest und erlebt, das prägt natürlich, so ist dies ein von musikalischen und literarischen Inspirationen durchzogener Roman. Bob Dylans Angelina gab den Anstoß für die ersten Entwürfe (bereits im Jahr 1998 niedergeschrieben). Auch Leonard Cohen hinterließ Spuren. Lou Reed. Edgar Alan Poe. Ernest Hemmingway. Womöglich Franz Kafka. Bestimmt Stephen King oder John Grisham. Und viele andere. Auch der Titel, den das Buch nun bekommen hat (es sollte ursprünglich Angelina heißen), ist ein Stück Musik: When The Night Comes Falling From The SkyDa ich grundsätzlich nicht dazu neige, eine Hegemann zu bauen, ist in einem Nachwort (wie in anderen Texten aus meiner Feder) der Verweis auf musikalische Inspirationen (und andere Quellen) selbstverständlich enthalten. In meinem Alter weiß man sich ja meist zu benehmen.

Dank vor allem an Eva für ihre Liebe und Geduld mit mir und meinen Geschichten. Und an die Leserinnen und Leser, die es mir durch die Lektüre meiner Texte gestatten, in ihrer Phantasie einen Besuch zu machen.
P.S.: Eine gedruckte Ausgabe hätte ich auch gerne. Es gebricht momentan an einem Verlag, der das Risiko eingehen würde. Vielleicht, wenn die Kindle-Version erfolgreich ist, ergibt sich ja irgendwann irgendwas? Die Veröffentlichung als E-Book ist ein Experiment - ob es gelingt, wird sich zeigen.

Dienstag, 16. Februar 2010

Grausige Zeiten - sogar in Berlin

Es ist ein Graus. Oder ein Segen. Je nachdem, welche Seite der Medaille man betrachten möchte.

Ein Graus ist mir der Fasching, der Karneval oder wie immer man dieses tumbe Treiben auch nennen mag. Erwachsene Menschen, die sich aufführen wie hirnamputierte Zombies auf allen doch eigentlich für seriös gehaltenen Fernsehkanälen zur besten Sendezeit.
»Leider erreiche ich die Firmenleitung wegen Fasnacht bei uns erst wieder am Dienstag«, schrieb mir der Kundendienst einer Firma, die fehlerhafte Ware geliefert hat. Na toll. Der Kunde muss sich gedulden, weil die Herren oder Damen aus der oberen Etage womöglich volltrunken auf den Straßen einher torkeln.
Selbst in Berlin lässt man inzwischen für die Narretei ganze Straßenzüge sperren. Früher war man hier wenigstens sicher vor dem Fasching, allenfalls in abseitigen Kneipen wurden maskierte Besäufnisse von ein paar Exilkölnern und Artverwandten geduldet.

Ein Segen ist das ganze Inferno insofern, als man das Fernsehgerät nach den Nachrichten sehr gerne ausschaltet und statt dessen ein Buch zur Hand nimmt, eintaucht in literarische Welten, in denen niemand mit roter Pappnase und aufgesetzter Scheinfröhlichkeit strohdumme Verse von sich gibt.

Soweit ich weiß, ist der Unfug am Mittwoch vorbei. Und das ist auch gut so.

Foto: WikiCommons

Montag, 15. Februar 2010

What's the buzz, tell me what's happening...

...singen die verschlafenen Jünger in »Jesus Christ Superstar«. Wenn sie ihre mobilen Telefone oder Netbook-PCs dabei gehabt hätten, wäre die Antwort leichter gefallen. Sie hätten eben mal bei Google-Buzz nachschauen können.
Jesus fragt in der Rock-Oper zurück: »Why should you want to know? Don't you know that it's all over...«

Soweit der Ausflug in die Musikgeschichte und mein Experiment mit Buzz. Ich habe festgestellt: Will ich nicht, brauch ich nicht. Aus die Maus - äh - das Buzz.

Fritz, der freundliche Bankier

Es scheint lange her zu sein, dass Deutschland nicht von Schnee und Eis bedeckt war. Doch gab es wirklich einmal eine Zeit, in der grünes Gras wuchs, die Klimaanlage im Auto meinem Bekannten, Bankier von Beruf, eine kühle Brise fächelte und die Menschen draußen unter der Hitze stöhnten. Mein Bekannter, nennen wir ihn ruhig Fritz, obwohl er nicht wirklich diesen Namen trägt, ließ sich gerade nach getaner Arbeit nach Hause chauffieren. Am Straßenrand wurde er zweier Männer gewahr, die - Fritz traute seinen Augen kaum - Gras an der spärlich bewachsenen Böschung ausrupften und aßen.
Fritz wies seinen Fahrer an, den Wagen anzuhalten. Er stieg aus und begann, das Vorkommnis zu untersuchen.
»Warum essen Sie Gras?«, fragte er den einen Mann.
Der schaute Fritz misstrauisch an und erklärte: »Weil wir kein Geld haben, um Essen zu kaufen. Mit irgendwas müssen wir den Magen füllen.«
Kurzentschlossen sagte Fritz: »Steigen Sie in meinen Wagen, ich nehme Sie mit nach Hause. Dort können Sie sich sattessen.«
»Aber«, meinte der Eingeladene unsicher, »ich habe meine Frau und zwei Kinder bei mir. Die sitzen da hinten unter dem Baum im Schatten.«
»Holen Sie Ihre Familie, die kann mitkommen.«
Dann wandte sich Fritz dem anderen Mann zu und lud ihn ein: »Sie kommen natürlich auch mit.«
Der Mann erklärte mit weinerlicher Stimme: »Das wird nicht gehen, denn ich habe meine Frau und sechs Kinder bei mir.«
Fritz hatte Zweifel angesichts der vielen Fahrgäste, aber der Weg war nicht mehr allzu weit, die Enge also vorübergehend und wohl ausnahmsweise zu ertragen. Er entgegnete: »Doch doch, das passt schon irgendwie. Alle einsteigen!«
Es war nicht einfach, aber schließlich hatten sich tatsächlich alle in die Limousine gequetscht. Die Kinder waren allesamt recht klein, das älteste mochte um die neun Jahre alt sein, so dass sie sich in den Fußraum und zwischen die Erwachsenen quetschen konnten. Der Chauffeur schaltete die Klimaanlage auf stärkere Durchlüftung, da die Temperatur im Wagen merklich anstieg. Bald wurde es wieder angenehm kühl.
Unterwegs sagte der eine Fremde: »Sie sind wirklich sehr nett! Vielen Dank, dass Sie uns alle mitgenommen haben.«
Fritz lächelte: »Gerne geschehen. Es wird Ihnen bei mir gefallen. Das Gras ist fast einen halben Meter hoch.«

Sonntag, 14. Februar 2010

Der Farbwandler

Unlängst führten mir meine beiden Enkel, Niclas und Vico, ihre Farbwandler-Modellautos vor. Wenn man sie erwärmt, beispielsweise in den Handflächen oder gar unter dem Wasserhahn, wechseln sie die Farbe. Sobald sie wieder abkühlen, gewinnen sie ihr vorheriges Aussehen zurück.
Inzwischen habe ich festgestellt, dass mein fahrbarer Untersatz, obwohl dieses Extra gar nicht in der Gebrauchsanweisung erwähnt oder erklärt ist, das gleiche kann. Wenn ich morgens aus dem Fenster schaue, nach kühler Nacht, begrüßt er mich in schwarz-weißem Gewandt.
farbwandler
Auch der Vorbesitzer hatte mir nichts von dieser erstaunlichen Fähigkeit berichtet. Wenn das wie bei den Farbwandler-Autos meiner Enkel funktioniert, dann ist diese putzige Variante seine normale – nämlich kühle – Lackierung. Nach einigen Kilometern Fahrt, wenn ich an meiner Arbeitsstelle ankomme, ist er jedenfalls immer ganz schwarz, ohne weiße Flächen und Ornamente. Das müsste dann die Erwärmung-Variante seines Aussehens sein.
Mir scheint das ein ganz famoses heimliches Extra des Herstellers zu sein, dem ich unumwunden meinen Beifall für solch possierliche Farbspiele der Lackierung zolle.

Samstag, 13. Februar 2010

Bob Dylan: Come senators, congressmen...

Normalerweise sieht man ihn auf der Bühne nur behütet. Im Weißen Haus dagegen zeigte er ausnahmsweise mal  seine Lockenpracht.

Auf Youtube wurde das Lied wieder entfernt, das Video ist exklusiv bei PBS zu sehen. Einfach auf das Foto klicken:






Älter werden wir alle. Bob Dylan altert in Würde und bleibt dabei forever young. Mir gefällt die frische Interpretation dieses alten Liedes.

Freitag, 12. Februar 2010

Doch niemand geht irgendwo hin.

Hier geht es zu den E-Books Ganz und gar ohne Werbung, noch nicht einmal einen Hinweis auf diesem Blog gab es, steigt die Leserzahl bei meinem E-Buch »Die Entblößung« von Tag zu Tag. Gestern kam ein weiteres kurzes Büchlein mit drei Kurzgeschichten zum Feedbooks-Katalog hinzu, die alle von Bob Dylans Musik inspiriert wurden: »Doch niemand geht irgendwo hin.«
Downloadkönig ist »Zurück nach Korinth?«, übrigens jetzt um ein paar Tippfehler ärmer und ein paar Formatierungen reicher dank der detaillierten Hinweise eines Lesers.
Das ist auch ein Vorteil gegenüber gedruckten Büchern. Tippfehler, Textänderungen… – ganz schnell möglich, ohne eine Restauflage in den Müll werfen zu müssen.
Voraussichtlich Anfang der nächsten Woche erscheint bei Amazon.com exklusiv für den Kindle ein neuer Roman aus meiner Feder, »Wenn die Nacht vom Himmel fällt«. Mehr dazu, wenn es so weit ist.
expectingrainP.S. am 13. Februar:
Gestern hat Expecting Rain über diese kleine Veröffentlichung berichtet – da ist der Autor, in diesem Falle meine Wenigkeit,  erfreut und gerührt und dankbar.
Das ist nämlich so mit den Autoren: Die freuen sich, wenn ihre Werke gelesen werden. So wie Musiker sich freuen, wenn ihre Werke Zuhörer finden und Maler, wenn die Gemälde betrachtet werden.