Donnerstag, 13. Januar 2011

Jessika – ein Verhängnis. /// Teil 7

Ohne lange Vorrede geht es weiter, die Damen und Herren Leser haben abgestimmt und das folgende Textstück haben sie nun davon.

Zuvor nur noch schnell die bisherigen Teile: [Teil 1] /// [Teil 2] /// [Teil 3] /// [Teil 4] /// [Teil 5] /// [Teil 6]

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Jessika stand auf und erklärte: »Später, vielleicht. Wenn ich verstanden habe, was du eigentlich von mir willst. Warum du mich in Parma nachts angesprochen hast. Woher du von Giuseppe wusstest. Warum du plötzlich an der Tür des Zuges standest, dein Auto fluchtbereit am Straßenrand.«

Johannes lächelte. »War das denn eine Flucht? Du hast ja im Zug nichts verbrochen.«

»Aber ich kann jetzt keinen Rummel um mich herum gebrauchen. Und da war ein Typ im Waggon, der meine Waffe gesehen und der meinen Reisepass sehr ausführlich studiert hat, bevor er ihn mir zurückgab. Ich wollte und will immer noch möglichst bald weg aus Italien. Was hast du denn für Pläne?«

»Dich kennen lernen und begreifen lernen. Das ist mein Plan. Das muss aber nicht hier geschehen.«

Auch Johannes stand auf und sie schlenderten zurück zum Auto. Jessika nahm ihre Beretta in die Hand, richtete die Waffe auf ihren Kopf und drückte ab. Klick. Sie zuckte mit den Schultern und murmelte: »Ich muss mir wohl neue Munition besorgen. Oder bekomme ich die zurück?«

»Und wenn sie jetzt geladen gewesen wäre?«

»War sie ja nicht.«

»Du hast nicht nachgeschaut.«

»Doch, vorhin. Das Magazin war leer. Wie du das gemacht hast, weiß ich allerdings nicht. Taschenspielertrick?«

»Nein.«

»Sondern?«

Johannes griff in seine Hosentasche und holte eine der Patronen hervor. »Kein Trick«, erklärte er, »sondern Vorsicht. Ich halte dich für ziemlich – äh – unberechenbar. Du tust manchmal Dinge…«

Jessika blieb stehen und sah ihn aufmerksam an. Er steckte die Patrone wieder ein, nahm ihre Hände in seine und drückte sie sanft. »Wir werden sehen, wohin uns diese Geschichte führt. Ich weiß es selbst noch nicht. Ich kann mir einiges ausmalen, aber letztendlich kommt es dann doch manchmal anders als geplant. Aber ich werde versuchen, auf dich aufzupassen.«

Jessika fühlte zum ersten mal seit Bernd das Zeitliche gesegnet hatte einen Anflug von Zuneigung zu einem Mann. Dass er auf sie aufpasste, wie auch immer ihm das gelingen mochte, hatte sein plötzliches Auftauchen am Bahngleis bewiesen. Er hatte auch in Parma, als er ohne weiteres die italienischen Behörden hätte alarmieren können, nichts dergleichen getan. Wer bist du, Johannes? Kann ich dich ergründen? Kann ich dich womöglich sogar mögen?

Sie trat dicht an ihn heran, so dass ihr Mund in Reichweite seines Mundes war, falls er einen Kuss in Erwägung ziehen sollte und sagte: »Wenn ich dir verspreche, dass ich dich nicht erschieße – bekomme ich dann meine Munition zurück? Irgendwie mag ich dich, immer mehr.«

»Hast du Hunger? Es ist nicht weit bis zu einem netten Restaurant«, antwortete er.

Sie nickte. Er drückte noch einmal ihre Hände, ließ sie dann los und ging voraus zum Parkplatz.

Eine halbe Stunde parkten sie vor einem Restaurant, dass sich La Taverna dell'Etrusco nannte. Das Navigationsgerät hatte Johannes durch die verwinkelten Altstadtstraßen von Orvieto Terni in die Via Garibaldi geleitet. Die Adresse musste er wohl schon zuvor gespeichert haben, denn er hatte sie aus dem Menü Lieblingsplätze gewählt. Der schwarze Dodge Nitro fand kaum Platz am Rand der engen Straße.

»Warum hast du eigentlich kein normales Auto?«, fragte Jessika.

»Was wäre denn normal?«

»Ein Opel, VW, BMW … irgend so was.«

»Kein Mensch braucht einen Opel, hat Thilo Sarrazin mal gesagt.«

Jessika lachte. »Na der muss es ja wissen…«

Johannes klappte den Seitenspiegel an das Auto und verriegelte den Wagen mit der Fernbedienung. »Seit meinem ersten Besuch in Amerika, das war im Jahr 2000, kommen für mich keine europäischen oder japanischen Fahrzeuge mehr in Frage. Ich habe mich wohl dort mit dem American-Car-Virus infiziert. Dieses Exemplar hier habe ich gewählt, weil der Nitro eben nicht aussieht wie andere, nicht so fürchterlich abgerundet und modekonform. Ein Hummer hätte mir auch gefallen, aber den könnte ich zu Hause kaum irgendwo parken, abgesehen von seinem enormen Durst nach frischem Benzin.«

»Wo ist denn dein zu Hause?«, fragte sie, als sie das Restaurant betraten.

»Das weißt du doch«, gab er zurück.

Bild von http://www.orvietonews.it/upload/foto/santandrea2.jpg»Buonasera! Benvenuti!«, schallte es ihnen entgegen. Ein rundlicher Herr gesetzten Alters strahlte sie an und streckte Jessika die Hand entgegen. Sein Redefluss kam nicht zum Erliegen, als er auch Johannes die Hand schüttelte, von graciosa signorina war die Rede und vom gagliardo eroe. Der Mann führte sie zu einem Fensterplatz, wischte mit seiner strahlend weißen Serviette nicht vorhandene Krümel oder Staub vom makellosen Tischtuch und zog für Jessika den Stuhl zurück, damit sie bequem Platz nehmen konnte.

Sie schenkte dem Wirt ein bezauberndes Lächeln und sagte: »Mille gracie.«

»Prego, prego, prego« rief er und beeilte sich, auch für Johannes den Stuhl zum Platznehmen beiseite zu ziehen.

Als sie beide saßen, brachte der Mann ihnen die Speisekarten und stellte zwei Gläser und einen Krug Wasser auf den Tisch. Johannes schaute nicht in die Mappe, sondern er fragte, was denn besonders zu empfehlen sei. Sofort hatte der Wirt einen Vorschlag parat. Er empfahl Abbacchio brodettato mit einem passenden Wein, die beiden waren einverstanden und er verschwand in Richtung Küche, um die Bestellung auszurichten.

Das Lokal war spärlich besetzt, ein junges Paar saß in einer Nische, an der Bar lehnten zwei Mädchen. Vor ihnen standen vier Gläser mit Wein, augenscheinlich warteten sie auf zwei weitere Personen.

Johannes schenkte Wasser ein und bemerkte beiläufig: »Deine Munition habe ich nicht mehr in meiner Hosentasche.«

»Ich bin gleich zurück«, sagte Jessika und stand auf, um in Richtung Toilette zu verschwinden. Die Tür neben der Bar öffnete sich in einen weiß getünchten Gang, links gab es eine Tür mit der Aufschrift Signora, rechts stand Signore. Am Ende des Ganges gab es eine weitere Tür. Jessika öffnete sie, sah, dass sie auf einen Hof führte und nickte zufrieden. Sie ließ die Tür halb offen stehen und betrat ohne zu zögern die Herrentoilette. Zwei Jugendliche standen nebeneinander an den Pissoires, sie drehten nicht die Köpfe, um zu sehen, wer hereingekommen war. Jessika nahm ihre Beretta aus der Handtasche, entsicherte sie und richtete sie auf den Kopf des Jungen, der rechts stand. Sie wartete nicht, bis er fertig gepinkelt hatte. Der Schuss war in dem kleinen Raum ohrenbetäubend. Ohne zu zögern erschoss sie auch den zweiten Jugendlichen. Beide waren sofort tot und fielen auf die Marmorfliesen. An der Wand lief Blut herunter, im Neonlicht des Raumes wirkte es unnatürlich rot, als hätte sich ein Maskenbildner im Farbton vergriffen.

Jessika verließ die Herrentoilette und eilte über den Gang durch die Tür mit der Aufschrift Signora. Niemand war zu sehen. Sie wischte die Beretta mit einem Handtuch gründlich ab und ließ sie dann im Spülkasten der hintersten Kabine versinken. Vom Gang her hörte sie aufgeregte Stimmen. Sie ging zum Waschbecken und wusch sich die Hände. Es dauerte etwas länger, als sie erwartet hatte, bis die Tür zur Damentoilette aufgerissen wurde. Im Spiegel über dem Waschbecken sah sie den Wirt. Er rief ihr zu, zu bleiben wo sie war und schloss die Tür wieder von außen. Sie lächelte versonnen.

Wenige Minuten später kam er in Begleitung zweier Polizisten zurück. Jessika hatte ihr Lächeln gegen einen möglichst verwirrten und verängstigten Gesichtsausdruck eingetauscht, es gelang ihr sogar, ein leichtes Zittern in ihre Hände zu zaubern, die verkrampft die Handtasche hielten.

Die beiden Uniformierten interessierten sich nicht für Jessika, sondern vergewisserten sich nur, dass niemand sonst anwesend war. Sie wollten wissen, ob Jessika einen Mann mit Pistole gesehen habe. Sie schüttelte den Kopf. Dann gingen sie wieder hinaus.

Jessika fragte den Wirt, was das für ein Lärm gewesen sei und warum sie die Toilette nicht verlassen durfte.

»Mama mia, apocalisse« jammerte der vorhin noch so fröhliche Mann, als er Jessika mit einem Wink aufforderte, mit ihm zu kommen. Vor der Tür zur Herrentoilette stand ein weiterer Polizist mit gezogener Waffe. Er nickte Jessika nur kurz zu, als sie mit dem Wirt in Richtung Restaurant ging. »Mi dispiace, signora«, murmelte dieser, als er ihr die Tür aufhielt, »assassino, omicidio doloso semplice …«

Im Restaurant wimmelte es von Polizisten. Jessika hatte nicht damit gerechnet, dass die Ordnungskräfte so schnell auftauchen würden, vermutlich gab es eine Polizeistation in unmittelbarer Nähe der Taverna dell'Etrusco. Aber beunruhigt war sie nicht, sie hatte nicht vor zu bleiben, bis die Waffe gefunden wurde. Sie schaute zu ihrem Tisch am Fenster hinüber.

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So. Tja. Na ja. Und nun? Das wiederum liegt in der Hand der geschätzten Blogbesucher:

Was sieht Jessika?
Johannes ist vom Tisch verschwunden.
Johannes wartet am Tisch auf sie.
Auswertung

Nun warte ich wieder etwa 5 Tage, was denn die Abstimmung so ergeben mag.

Fortsetzung? Folgt. Dann. Demnächst.

Dienstag, 11. Januar 2011

Knapp

Abstimmung

…aber immerhin ein Ergebnis. Mal sehen, wie es weiter geht mit Jessika und Johannes. So viel ist klar: Sie hat einstweilen genug Gutes getan.

Samstag, 8. Januar 2011

Jessika – ein Verhängnis. /// Teil 6

Die bisherigen Teile:

[Teil 1] /// [Teil 2] /// [Teil 3] /// [Teil 4] /// [Teil 5]

 

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»Gib mir zuerst den Koffer«, sagte Johannes und streckte den Arm aus. Jessika starrte ihn entgeistert an und rührte sich nicht. »Den Koffer, gib ihn mir.«

»Wo kommst du – was machst du – wie konntest du wissen …« stotterte sie.

»Wenn du dich jetzt nicht ein wenig beeilst, Jessika, dann wird das nichts mit dem unauffälligen Verschwinden. Die beiden Schaffner suchen schon nach dir.«

Endlich konnte sie sich wieder bewegen. Sie reichte den Koffer aus dem Zug, Johannes stellte ihn ab und streckte ihr beide Arme entgegen. »Komm! Spring.«

Die Handtasche war hinderlich, aber die wollte sie ihm nicht anvertrauen. Sie ließ sich in seine Arme fallen und er setzte sie sanft ab. Dann griff er nach dem Koffer und ging ohne auf sie zu warten in Richtung Straße. Dort stand ein schwarzer Geländewagen. Sie folgte, etwas unsicheren Fußes wegen der hohen Absätze.

Johannes öffnete die Heckklappe und stellte den Koffer in das Auto, dann machte er ihr die Beifahrertüre auf und ging ohne zu warten um den Wagen herum. Als sie die Straße erreichte, saß er schon auf dem Fahrersitz, der Motor lief. Aus der Richtung der Schienen wurden Rufe laut.

Jessika stieg ein, sie fuhren los.

»Danke«, sagte sie, als der Zug hinter ihnen verschwunden war. »Ich hätte mich aber auch alleine zurecht gefunden.«

»Mit gebrochenem Knöchel? Sicher.«

»Ich wäre vorsichtig ausgestiegen.«

»Vorsichtig oder nicht, du hättest springen müssen. Auf das Schotterbett. Mit oder ohne Schuhe. Dann macht es knacks und der Knöchel ist gebrochen.«

» Es wäre nichts passiert.«

»Ach ja? Ganz sicher?«

» Das kannst du nicht wissen. Niemand weiß, was geschehen wäre, wenn etwas anderes statt dessen eingetreten ist.«

»Du meinst niemand außer dir, Jessika?«

Sie ging nicht darauf ein, sondern wiederholte nur: »Danke.«

Johannes schmunzelte und sagte: »Bitte.«

Einige Minuten später kam eine Ortschaft in Sicht. Montallese stand auf dem Schild.

»Wo sind wir eigentlich hier?«, fragte Jessika.

»Hinter uns liegt La Dogana Rossa, vor uns San Giuseppe. Wenn wir da links abbiegen, kommen wir zu einem recht hübschen See, wenn wir rechts abbiegen, führt uns die Straße zur Autobahn nach Rom. Die verläuft parallel zu dieser Landstraße.«

»Und wohin fahren wir?«

»Du wolltest doch nach Rom. Zum Flughafen. Ich kann dich da absetzen.«

Jessika schwieg. Sie mochte es überhaupt nicht, dass dieser nach wie vor rätselhafte Mann mehr über sie wusste, als er wissen konnte. Es war fast, als könne er in ihren Kopf hineinschauen. Und sie wusste nichts über ihn, das machte die Sache noch unangenehmer. Wer bist du, Johannes? Wo kommst du her? Wie werde ich dich los? Natürlich konnte sie ihn hier im Auto erschießen, sie hatte ihre Beretta in der Handtasche auf dem Schoß. Aber dann würde sie nie erfahren, was er eigentlich von ihr wollte, wie er sie gefunden hatte, nachts in Parma und nun an der Tür eines Zuges, der mitten auf der Strecke stehen geblieben war. Sie hatten Montallese verlassen und fuhren wieder mit achtzig Stundenkilometern. Wenn sie ihn erschießen wollte, dann natürlich nicht bei solcher Geschwindigkeit. An dem See, der zur linken liegen sollte, könnte die Gelegenheit sich bieten, der Flughafen war so wichtig nicht, da das schnelle Verschwinden nun sowieso misslungen war.

Sie erklärte: »Wir fahren zum See.«

Die Stelle am See via GoogleMaps Am Lago di Chiusi parkten sie bei einem kleinen Bootshafen. Es waren kaum Menschen unterwegs, die Temperaturen von rund 20 Grad verlockten niemanden zum Baden. Johannes holte aus dem Kofferraum eine große Decke, rollte sie zusammen und klemmte sie sich unter den Arm. Er verschloss den Dodge Nitro mit der Fernbedienung und sagte: »Wenn wir hier nach links gehen, kommen wir zu einer bezaubernden kleinen Lichtung direkt am Wasser.«

»Und was machen wir dort?«

»Wir unterhalten uns. Lernen uns kennen. Ich meine, dass sich das lohnen könnte.«

»Für dich oder für mich?«

»Für uns beide. Und erschießen kannst du mich ja an einer abgeschiedenen Stelle eher als hier, wo doch ein paar Menschen unterwegs sind.«

»Die Waffe ist geladen.«

»Meinst du?«

»Natürlich.«

Sie schlenderten in den Wald hinein, Jessika ging hinter Johannes her und holte die Beretta aus ihrer Handtasche. Sie entnahm das Magazin. Es war leer.

»Wie hast du das gemacht?«

»Ach Jessika, das zu erklären ist so einfach nicht. Da müsstest du zuerst einige andere Zusammenhänge begreifen. Und ob das gelingt, weiß ich noch nicht.«

Wer bist du, Johannes? Was bist du?

Er breitete die Decke aus und sie setzten sich neben einander, blickten auf den See hinaus und schwiegen eine Weile. Johannes holte eine Packung Pall Mall aus seiner Tasche, zündete zwei Zigaretten an und reichte eine Jessika.

Genau wie Bernd das immer gemacht hat. Wer bist du? Was bist du? Was willst du?

Johannes lächelte, inhalierte den Rauch und fragte dann: »Kannst du dich erinnern, an dein letztes Gespräch mit Bernd?«

»Bist du sein Bruder? Oder kanntest du ihn?«

Er antwortete nicht auf die Frage, sondern sagte: »Er hat dir vorgeworfen, dass du Menschen tötest.«

»Ja. Er sagte: Du bringst Menschen um, Jessika. Ich erklärte: Du auch. Darauf meinte er: In meinen Geschichten, ja, aber doch nicht in Wirklichkeit, nicht im echten Leben

Johannes sah sie aufmerksam an. Wieder erinnerten seine Augen Jessika an jemanden, aber sie konnte sich nicht besinnen, an wen. Sie rauchten schweigend. Schließlich sagte Johannes: »Du hast ihn wirklich geliebt.«

»Ich wollte ihn nicht umbringen. Aber es gab keine andere Möglichkeit. Ich muss tun, was ich tun muss.«

»Woher weißt du, was du tun musst?«

Sie warf den Zigarettenstummel ins Wasser und sagte: »Das verstehst du nicht.«

»Dann erkläre es mir.«

 

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Und nun sind wieder die Leser gefragt:

Anschließend...
...erzählt Jessika, wer sie ist. Oder wer sie meint zu sein.
...brechen sie wieder auf, das Gespräch geht nicht weiter.
Auswertung

Fortsetzung? Na klar. Demnächst. Ich warte wieder 5 Tage auf eine hoffentlich klare Abstimmung.

Freitag, 7. Januar 2011

Jessika – ein Verhängnis. /// Teil 5

Um die geneigten Blogbesucher nicht allzu sehr auf die Folter zu spannen und weiteren Frustrationen durch vergebliches Warten vorzubeugen geht es heute weiter. Allerdings nur mit einem recht kurzen Text, und ohne Umfrage am Ende. Die nächste Umfrage kommt dann, wenn ich wieder an einem möglichen Wendepunkt oder Scheideweg angekommen sein werde. Versprochen!

Ach ja, die vorigen Teile: [Teil 1] /// [Teil 2] /// [Teil 3] /// [Teil 4]

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Jessika nickte. Der Mann gab ihr die Tasche, den Reisepass behielt er in der Hand. Das Tohuwabohu im Wagen war noch immer im Gange, durch das Zugfenster sah sie, dass etwa 50 Meter von den Geleisen entfernt auf der linken Seite eine Straße entlangführte. Viel Verkehr herrschte dort nicht, aber gerade fuhr ein Lastwagen vorbei. Vermutlich waren ihre Chancen, unbehelligt aus der Situation zu kommen, außerhalb des Zuges größer. Auf den sowieso gefälschten Pass konnte sie getrost verzichten, nur wie sie ungehindert und möglichst unbemerkt aus der Bahn kommen sollte, war ihr noch nicht klar.

Violetta weinte nun laut, wodurch die Aufmerksamkeit der meisten Anwesenden abgelenkt wurde. Jessika ging die drei Schritte zur Tür des Wagens und probierte die Klinke, die Tür ließ sich öffnen. Sollte sie ohne ihr Gepäck den Sprung hinaus wagen? Ohne einen Bahnsteig am Zug sah die Entfernung zum Boden ziemlich beängstigend aus für jemanden, der Schuhe mit hohen Absätzen an den Füßen hatte. Außerdem war da kein Asphalt oder Beton zu sehen, sondern steil zu einem Graben abfallender Schotter. Jedes Zögern verringerte die Chancen, sich aus dem Staub zu machen erheblich. Sie überlegte, ob in ihrem Gepäck irgend welche Gegenstände oder Kleidungsstücke waren, mit denen man auf ihre Identität Rückschlüsse ziehen konnte. Sicher war das der Fall, wenn jemand auf die Idee kommen sollte, DNA-Spuren zu verfolgen, Zahnbürste, Haarbürste, getragene Wäsche... - und Fingerabdrücke sowieso. Jessika war ziemlich sicher, dass den toten Giuseppe Di Stefano niemand mit ihr in Verbindung bringen würde, aber es war eben auch nicht mit Sicherheit auszuschließen. Besser wäre es auf jeden Fall, nicht ohne den Koffer zu verschwinden.

Jemand tippte ihr auf die Schulter. Es war der Mann, der immer noch ihren Reisepass in der Hand hielt.

»Das ist zu hoch zum herausspringen. Sie brechen sich nur die Knochen«, sagte er, während er ihr das Dokument entgegenhielt.

»Ich wollte ja auch nur Luft schnappen!« Jessika schloss die Türe wieder, nahm den Pass und steckte ihn in ihre Handtasche. Einer der uniformierten Bahnbediensteten trat auf sie zu. »Signora, per favore...«

»I am sorry, I don’t understand«, unterbrach sie ihn. »And I need to get back to my seat. Feeling pretty dizzy.«

»Inglese? Mi displace...«

»I’m getting sick...« erklärte Jessika und schob sich an dem Uniformierten und den aufgeregt diskutierenden Fahrgästen vorbei, um schnurstracks den Gang hinunter zu ihrem Abteil zu gehen. Die kleine Violetta und ihre Mutter wurden gerade von dem zweiten Bahnmitarbeiter befragt. Als sie im nächsten Wagen durch den Gang eilte, blickte Jessika kurz zurück. Niemand folgte ihr. Gut. Sehr gut. Du kommst wieder mal ungeschoren davon. Voraussichtlich.

Das Abteil war leer. Sie holte ihren Koffer aus dem Gepäcknetz und ging zum nächsten Ausgang. Als sie nach der Klinke griff, wurde die Türe von außen geöffnet.

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Fortsetzung bald. Versprochen!

Mittwoch, 5. Januar 2011

5. Januar 1527: Felix Manz wird ermordet

Bild von Wikipedia Man nannte es Hinrichtung, damals. Ich halte es für einen feigen Mord.

Felix Manz wurde zum ersten (und leider nicht einzigen) Märtyrer der Täuferbewegung der Schweiz. Ich habe ihn und sein Leben kennen und schätzen gelernt, als ich das Buch »Feuertaufe« von Peter Hoover übersetzt habe. Die Täufer strebten, anders als die Reformatoren, nach einer vom Staat unabhängigen Kirche.

Montag, 3. Januar 2011

O weh - Geduld tut not!

Liebe ungeduldige Blogbesucher!
Ja, es wird weiter gehen mit Jessika und ihrem verhängnisvollen Abenteuer. Ich habe angefangen, die Fortsetzung zu schreiben, aber die schreibt sich eben nicht selbst. Da muss ich schon die Tastatur bedienen.
Versprechen will ich nichts, aber voraussichtlich folgt noch im Lauf dieser Woche die nächste Episode. Jessika bekommt Hilfe beim Entweichen us dem Tumult im Zug. Jawohl.
Also Geduld, bitteschön. Das Warten wird demnächst belohnt.

Donnerstag, 30. Dezember 2010

Euro-English

The European Commission has just announced an agreement whereby English will be the official language of the European Union rather than German, which was the other possibility.
As part of the negotiations, the British Government conceded that English spelling had some room for improvement and has accepted a 5-year phase in plan that would become known as 'Euro-English'.
In the first year, 's' will replace the soft 'c'. Sertainly, this will make the sivil servants jump with joy. The hard 'c' will be dropped in favour of 'k'. This should klear up konfusion, and keyboards kan have one less letter.
There will be growing publik enthusiasm in the sekond year when the troublesome 'ph' will be replaced with 'f'. This will make words like fotograf 20% shorter.
In the 3rd year, publik akseptanse of the new spelling kan be expekted to reach the stage where more komplikated changes are possible.
Governments will enkourage the removal of double letters which have always ben a deterent to akurate speling.
Also, al wil agre that the horibl mes of the silent 'e' in the languag is disgrasful and it should go away.
By the 4th yer people wil be reseptiv to steps such as replasing 'th' with 'z' and 'w' with 'v'.
During ze fifz yer, ze unesesary 'o' kan be dropd from vords kontaining 'ou' and after ziz fifz yer, ve vil hav a reil sensibl riten styl.
Zer vil be no mor trubl or difikultis and evrivun vil find it ezi tu understand ech oza. Ze drem of a united urop vil finali kum tru.
Und efter ze fifz yer, ve vil al be speking German like zey vunted in ze forst plas.

(Quelle: wurde mir via E-Mail zugespielt. Gefunden in der English Lounge bei Xing.)

Mittwoch, 29. Dezember 2010

Gelesen im Jahr 2010

Im Januar habe ich begonnen, eine Liste zu führen mit den gelesenen Büchern. Ich wusste nie so recht, wie viele Bücher pro Jahr ich lese, das sollte sich 2010 ändern. Und siehe da: Es sind eine ganze Menge.

Hier nun meine Liste, das Kürzel am Schluss ist so eine Art Schulnote: + heißt 1-2; 0 heißt 3-4, – heißt 5-6. Die beiden Bücher, die ich nicht zu Ende gelesen habe, sind in roter Schrift, die darf ich also nicht mitzählen.

Autor; Titel; Bemerkung;  +/0/-


Das beste meiner 2010-BücherAdelaja, Sunny; Heavenly Atmosphere in the Family; a mix between 'mediocre' and 'plain wrong'; -
Adelaja, Sunny; The Whole World is Waiting for You; not all bad, but very one-sided and often inconsistent; -
Auster, Paul; Invisible; splendid!; +
Auster, Paul; The Music of Change; splendid!; +
Auster, Paul; In the Country of Last Things; splendid!; +
Baranek, Dirk u. a.; twitter - Das Leben in 140 Zeichen; unterhaltsam, lustig, kurzweilig; +
Bevins, Winfield H.; Holy Spirit; nothing new, but well written; 0
Cleland, John; The Life and Adventures of Miss Fanny Hill; a very old-fashioned scandal - boring. Didn't finish reading…; -
Crichton, Michael; Pirate Latitudes; great! - very thrilling - too bad there won't be more Crichton books; +
Crichton;  Michael; A Case of Need; good book, but not very good; +
Dunsany, Lord; Fifty-One Tales; a beautyful collection of stories; +
Ehris, Wagner u. a.; Beziehungsweise leben; informativ, breitgefächert, gut lesbar; +
Goethe, Johann Wolfgang von; Die Leiden des jungen Werther; Auch beim dritten Lesen mitreißend, wunderbare Sprache; +
Gordon, Jan; Black Silk; nicely written fantasy, including tasty erotic scenes; +
Graf, Christof; Leonard Cohen: Titan der Worte; gut recherchiert, aber viele Wiederholungen, Cohen-Texte auf Deutsch ohne englisches Original; 0
Grisham, John; Ford County; splendid!; +
Grisham, John; Theodore Boone; splendid!; +
Hack, Kerstin; Die Hütte und ich; zwiespältig - locker geschrieben, aber manchmal nicht ganz nachvollziehbar; 0
Hearn, Lafcadio; Die Geisha; klassisch mittelprächtig; 0
Hemmingway, Ernest; The Complete Short Stories; mixed: good / very good / boring; +
Henoch; Das Buch Henoch; ziemlich wirres Zeug; -
Higgins Clark, Mary; Moonlight Becomes You; suspense until the last pages - very good book.; +
Hornby, Nick & others; Speaking With The Angel; very interesting mix of writers and stories. Thumbs up!; +
Hustvedt, Siri; The Blindfold; several unconnected stories or a novel? well written and entertaining; +
Jelinek, Elfriede; Lust; grauenhaft, nach 50 Seiten beiseite gelegt; -
Joyce, James; Dubliners; not bad, only sometimes too longwinding; +
Kafka, Franz; Die Verwandlung; klassisch, gut, schwacher Schluss; 0
Kafka, Franz; Das Schloß; meist gut, wenngleich gelegentlich ermüdend - kein Schluss; 0
King, Stephen; Cell; second reading was as thrilling as first. great book!; +
King, Stephen; UR; splendid!; +
King, Stephen; The Eyes of the Dragon; different - but very good, excellent entertainment; +
King, Stephen; Blockade Billy; noone else can tell a tale like this. Great!; +
King, Stephen; Full Dark, No Stars; more than splendid. excellent!; +
Lenzen, Christof; Lass dich fallen und flieg!; wohltuend anders als erwartet. Daumen hoch!; +
Löhr, Robert; Das Hamlet-Komplott; nicht so brillant wie das Erlkönig Manöver, aber unterhaltsam.; +
London, Jack; When God Laughs & Other Stories; a swell classic - entertaining and well written; +
Mankell, Henning; Der Feind im Schatten; großartiger Roman, würdiger Abschluss der Wallander-Reihe; +
Mann, Klaus; Speed - Erzählungen aus dem Exil; amüsant, nachdenklich, albern und ernsthaft. Prima Lektüre; +
Mann, Thomas; Der Tod in Venedig; klassisch und immer wieder gut; +
McDermid, Val; A Darker Domain; very british, thrilling, surprise ending; +
Patterson, James; Cross; a real thrilling thriller; +
Poe, Edgar Alan; Tales of the Grotesque and Arabesque; classic mix: good / very good / sometimes boring; +
Rath, Hans; Man tut, was man kann; unbeschwerte Ferienlektüre, gut erzählt und unterhaltsam; +
Sarrazin, Tilo; Deutschland schafft sich ab; sehr gut recherchiert, interessant geschrieben. Guter Weckruf.; +
Small Stories; Uncollected Stories; entertaining in a mediocre way, that's all; 0
Stephens, James; Irish Fairy Tales; outdated somehow. gets boring now and then, sometimes very good.; 0
Stephens, S.C.; Thoughtless; not good, not bad, just mediocre.; 0
Storm, Hans Theodor; Der Schimmelreiter; auch nach Jahrzehnten wieder eine spannende Erzählung; +
Suter, Martin; Lila, Lila; locker-leichte Lektüre mit Spaß und Spannung; +
Suter, Martin; Der Koch; unterhaltsam, überraschend und gut erzählt; +
Twain, Mark; The $30.000 Bequest & other short stories; entertaining and often funny, pleasant reading; +
Walser, Martin; Mein Jenseits; wunderbare Lektüre, beeindruckende Literatur; +
Walter, Roland; Streiflichter; interessante Einblicke in ein Leben mit Behinderung; +
Wolf, Christa; Stadt der Engel oder The overcoat of Dr. Freud; wesentlich interessanter als erwartet, großartiges Buch.; +

Demnach habe ich (ohne die beiden vor dem Ende beiseite gelegten) 52 Bücher gelesen, immerhin. Das beste Buch war für mich Full Dark, No Stars, dicht gefolgt von Stadt der Engel und Ford County. Ich bin gespannt, wie viele es 2011 werden.

Dienstag, 28. Dezember 2010

Jessika – ein Verhängnis /// Teil 4

Zunächst, die regelmäßigen Besucher dieses Blogs erwarten das bereits, der Hinweis auf die vorangegangenen Folgen dieser Erzählung: [Teil 1] /// [Teil 2] /// [Teil 3]

Die geschätzten Leser haben mal wieder mit ihrer Abstimmung für einen Fortgang gesorgt, den ich nicht beabsichtigt hatte. Ich wollte Jessika so schnell wie möglich in Berlin haben. Aber gut – Spielregeln sind nun mal Spielregeln. Und was nun im Zug passiert, damit Jessika nicht einfach so abfliegen kann, gefällt mir sogar recht gut. Bittesehr:

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Im Abteil, Jessika gegenüber, saß eine Familie, Vater, Mutter, Tochter. Das Mädchen mochte fünf Jahre alt sein. Sie war zappelig, ungeduldig, typisch Kind eben. Stillsitzen war ihr fremd und unangenehm.

Die Eltern waren bemüht, die kleine Violetta im Zaum zu halten. Das gestaltete sich jedoch ziemlich schwierig. Sie ließ sich nur wenige Minuten bändigen, sei es mit Süßigkeiten, sei es mit Comic-Heften oder Versprechungen, was sie alles bekommen und erleben würde, wenn sie nur obediente und buona wäre. »Che palle!«, rief Violetta, als ihr gutmütiger Vater ihr zum dritten mal das gleiche Mickey-Mouse-Heft vorlesen wollte. Sie forderte vehement, dass andare a passeggio eine gute Idee wäre, und zwar zur Spitze des Zuges, dann bis zum Ende und dann vielleicht auch zurück zum Abteil.

Violetta ist abenteuerlustigJessika versuchte, zu lesen. Das Buch, Therapie von Sebastian Fitzek, war spannend genug, um es nicht aus der Hand legen zu wollen Das Quengeln und Jammern jedoch machte es unmöglich, sich zu konzentrieren. Schließlich sprach sie die kleine Violetta an: »Ti va di venire a la locomotiva?«

Wie dankbar doch beide Eltern aufatmeten, dass die Mitreisende keine Beschwerden vorbrachte, sondern sogar bereit war, das Kind einige Minuten abzulenken. Sie hatten Jessika bereits mehrfach wortreich erklärt, dass der Vater kaum laufen konnte, er habe sich bei einem incidente eine Verletzung der Wirbelsäule zugezogen, die zwar heilen würde, aber das brauche seine Zeit. Sein linker Fuß sei nahezu gefühllos. Die Familie war auf dem Weg nach Rom, um dort ein Fahrzeug mit automatischem Getriebe abzuholen, damit der Verletzte wieder Auto fahren konnte. Sie lebten auf einem kleinen Dorf bei Parma, es gab dort weder Bus noch Bahn, so dass der Vater nicht zur Arbeit kommen konnte. Er hatte – grazie a Dio! – einen Bürojob, aber zur Arbeit und zurück musste er eben irgendwie fahren können.

Jessika nahm nun die begeisterte Violetta an die Hand und machte sich mit ihr auf den Weg durch den Zug nach vorne. Die Wagen waren gut besetzt, einige Fahrgäste standen im Gang an den Fenstern und genossen den Fahrtwind, der hereinströmte. Bei den modernen Zügen konnte man ja keine Fenster mehr öffnen und war auf Gedeih und Verderb der Klimaanlage ausgeliefert, aber dieser Zug bestand noch aus den guten alten Abteilwagen, die Fenster konnten herunter geschoben werden. An der Zugspitze angekommen öffnete Jessika ein Fenster und streckte den Kopf hinaus, um festzustellen, ob die Lokomotive sichtbar war. Dann nahm sie die kleine Violetta auf den Arm und ließ sie hinausschauen. Begeistert schilderte das Mädchen den Anblick, der sich ihr bot, vergnügt ließ sie sich die Haare ordentlich durchpusten. Sie lehnte sich immer weiter hinaus, schließlich zog Jessika sie wieder herein und schloss das Fenster.

Violetta protestierte, aber Jessika konnte sie davon überzeugen, dass auch der Ausblick am Ende des Zuges interessant sein musste. Man könne dort die Schienen in der Ferne verschwinden sehen, es würde sich so anfühlen, als fliege man durch die Landschaft. Sie spazierten durch die Gänge und am Ende des letzten Waggons waren ovale Fenster, durch die man eine gute Aussicht hatte. Eine Weile betrachteten sie das in der Sonne glitzernde Band der silbernen Schienen, die vorbeiflitzenden Masten der Stromleitung, die Momentaufnahmen von Dörfern und Feldern.

Zurück im Abteil erzählte das Mädchen seinen Eltern begeistert, was alles zu sehen gewesen war auf dem Ausflug. Jessika lehnte sich in ihren Sitz und schloss die Augen, um ein wenig auszuruhen. Viel Schlaf hatte sie in letzter Zeit nicht gefunden.

Als sie etwa 20 Minuten später wieder aufwachte, war es still im Abteil. Die beiden Eltern schlummerten, Violetta war nicht zu sehen. Vermutlich war sie zur Toilette gegangen. Jessika nahm ihr Buch zur Hand und wollte weiterlesen, aber es gelang ihr nicht. Das Kind ist in Gefahr. Du musst nachsehen. Du musst JETZT nachsehen.

Sie stand auf, nahm ihre Handtasche mit und öffnete die Schiebetür des Abteils. Der Gang in ihrem Waggon war leer. Jessika schloss die Türe hinter sich und ging nach vorne zur nächsten Toilette. Die war leer. Keine Spur von Violetta. Sollte sie die Eltern wecken und fragen, wo das Mädchen war? Womöglich unnötige Aufregung verursachen?

Du hast nicht mehr viel Zeit. Du kannst ein Leben retten, statt eines zu nehmen. »Das ist nicht meine Art«, murmelte Jessika, aber sie machte sich auf den Weg nach vorne zur Zugspitze. Sie wusste nicht, was sie erwartete, aber immerhin hatte sie ihre Beretta bei sich. Als sie im vordersten Wagen ankam, sah sie die untere Hälfte von Violetta. Das Kind hatte es irgendwie geschafft, sich am Fenster hochzuziehen und hing mit dem Oberkörper im Freien, die Beine baumelten ohne festen Halt in den Gang. Jessika eilte nach vorne. Eine Frau kam aus einem Abteil, sah das Mädchen und begann zu kreischen. »Mama mia! Aiuto!«

Jessika stürmte an ihr vorbei, ließ die Handtasche fallen und griff nach den Beinen des Kindes, die gerade auf dem Weg nach draußen waren. Vermutlich durch das Geschrei erschreckt hatte Violetta die prekäre Balance verloren und drohte, aus dem Fenster zu fallen. Jessika hielt die Beine fest, aber es war ihr nicht möglich, den Körper wieder in den Zug zu ziehen, der Winkel zum Fenster war zu hoch. Jessika spürte, dass ihre Hände auf der nackten Haut der Beine keinen festen Halt fanden. Das Kind rutschte ihr davon, Violettas Kopf prallte von außen gegen die Scheibe.

Zwei kräftige Männerarme erschienen neben ihr, die Hände griffen um die Hüften des Kindes und gemeinsam mit Jessikas Anstrengung zogen sie das Kind wieder in den Wagen. Die hysterische Frau schrie immer noch, der Gang hatte sich mit Menschen gefüllt. Irgend jemand kam auf die glorreiche Idee, die Notbremse zu ziehen, als das Mädchen schon wieder im Wagen war. Die Bremsen griffen, der Zug wurde abrupt abgebremst, so stark, dass Jessika, die Violetta fest in den Armen hielt, das Gleichgewicht verlor und im Gang hinfiel. Der Mann, der zu Hilfe geeilt war, stürzte ebenfalls und kam neben den beiden zum Liegen.

Es herrschte ein ziemliches Durcheinander, als der Zug zum Stehen kam. Stimmen riefen dieses oder jenes, in den Abteilen waren Gepäckstücke aus den Netzen gefallen, Jessika hielt das schluchzende Mädchen fest an sich gepresst und blieb noch einen Moment liegen. Der Mann neben ihnen rappelte sich auf und reichte Jessika die Hand, um ihr auf die Beine zu helfen.

»Bravo, bravissimo«, sagte er, »ultimo secondo!«

Jessika hatte sich wieder unter Kontrolle. Alles was sie in diesem Zug wollte, war unauffällig zu verschwinden. Nun stand sie im Mittelpunkt einer aufgeregten Menschenmenge, ein an der Stirn blutendes fremdes Mädchen schmiegte sich verängstigt an sie und der Zug stand still, was dazu führen würde, dass die Zugbegleiter und damit die Behörden sich der Sache annehmen würden.

Das hast du nun davon, dich einzumischen, du steckst ziemlich in der Scheiße, Jessilein. Aber sie hatte eigentlich keine Wahl gehabt. So wenig wie das Beenden diverser Leben war dieses Retten eines jungen Lebens etwas, was sie sich ausgesucht hatte. Fein gemacht, Jessilein. Wie kommst du jetzt raus aus der Zwickmühle?

Sie sah sich nach ihrer Handtasche um. Die war durch die Vollbremsung des Zuges einige Meter nach vorne gerutscht. Und sie war offen. Die Beretta war halb herausgerutscht, ihr deutscher Reisepass lag daneben, ein Lippenstift war noch ein Stück weiter gekullert. Gerade bückte sich der Held, der Violetta mit ihr zusammen in den Zug zurück gezogen hatte, nach der Handtasche. Er betrachtete die Waffe, zuckte mit den Schultern, schob sie in die Tasche zurück, sammelte den Lippenstift auf, ließ ihn in die Tasche fallen und behielt den Reisepass in der Hand. Er schaute Jessika an: »Gehört das Ihnen?« fragte er.

Zwei uniformierte Bahnbedienstete kamen in den Wagen und wollten wissen, wer die Notbremse gezogen hatte. Hinter ihnen erschien Violettas Mutter, bleich und mit ängstlichen Augen. Als sie ihr blutendes Kind sah, schrie sie auf und stürmte durch den Gang. Sie riss ihre Tochter an sich und der Mann fragte Jessika erneut: »Gehört das Ihnen?«

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So, liebe Leser. Was nun? Ich könnte ja jetzt verraten, wie ich mir den Fortgang wünsche, aber ich enthalte mich jeden Kommentares und ersuche die geschätzten Blogbesucher um deren Meinung. Die ABstimmung läuft bis zum 2. Januar, dann sehe ich bestimmt anhand der Ergebnisse, wie ihr euch die Fortsetzung vorstellt.

Kommt Jessika ohne Komplikationen aus dem Tumult heraus?
Ja, sie kann entwischen.
Nein, sie wird als Heldin gefeiert.
Ja, aber nur mit fremder Hilfe.
Auswertung