Freitag, 12. Dezember 2014

Vier Kerzen am Adventskranz



Aus der Serie meiner Anmoderationen präsentiere ich meinen geschätzten Blogbesuchern heute schon, was ich am kommenden Sonntag aller Voraussicht nach zu erzählen gedenke. Bittesehr:

14.12.2014 – Die vier Kerzen


Guten Morgen und herzlich willkommen zu unserem Gottesdienst am dritten Advent.

Eigentlich wollte ich in der Anmoderation vom freigebigen Baum erzählen, aber das verschiebe ich auf ein andermal. Die Fabel war mir dann doch nicht adventlich genug und auch etwas zu lang für diesen Gottesdienst. Stattdessen bilden wir uns, der folgenden kleinen Episode zuliebe, einmal alle ein, heute wäre bereits der vierte Advent.

Vier Kerzen brannten am Adventskranz. In der Stube war es so still, dass man hören konnte, wie die Kerzen zu reden begannen.

Die erste Kerze seufzte und sagte: »Ich heiße Frieden. Mein Licht leuchtet zwar, aber die Menschen halten keinen Frieden.« Ihr Schimmern wurde immer kleiner und verlosch schließlich ganz.
Die zweite Kerze flackerte und sagte: »Ich heiße Glaube. Aber ich bin wohl überflüssig. Die Menschen wollen von Gott nichts wissen. Es hat keinen Sinn mehr, dass ich leuchte.« Ein Luftzug wehte durch den Raum, und auch die zweite Kerze war aus.

Verzagt und schüchtern meldete sich nun die dritte Kerze zu Wort. »Ich heiße Liebe. Ich habe keine Kraft mehr zu brennen. Die Menschen schieben mich beiseite. Sie sehen nur sich selbst und nicht die anderen, die sie doch lieb haben sollen.« Und mit einem letzten Aufflackern war auch dieses Licht ausgelöscht.

Da kam ein Kind in das Zimmer. Es schaute die Kerzen an und rief: »Aber Ihr solltet doch brennen und nicht aus sein!« Beinahe fing es an zu weinen.

Da meldete sich nun die vierte Kerze zu Wort. Sie sagte: »Hab keine Angst! Solange ich brenne, können wir auch die anderen Kerzen wieder anzünden. Ich heiße Hoffnung.«

Mit einem Holzstab nahm das Kind Licht von der Hoffnung und brachte die anderen Kerzen wieder zum leuchten.

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Ehre, wem Ehre gebührt:
  • Die Kerzen kommen von rgbstock: [Advent Wreath]
  • Die kleine Kerzenfabel findet man verschiedentlich im Internet, zum Beispiel hier: [Weihnachtsstadt]
  • Mehr von meinen Wortbeiträgen zu Gottesdiensten gibt es nebenan auf meinem anderen Blog: [Meine Anmoderationen]

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Mittwoch, 10. Dezember 2014

Gastbeitrag Shel Silverstein: Der freigebige Baum

Es war einmal ein Baum ... und dieser Baum liebte einen kleinen Jungen. Und täglich kam dieser Junge und sammelte das Laub des Baumes und machte daraus Kronen und spielte König des Waldes.
Er erkletterte den Stamm und schaukelte auf den Ästen und aß die Äpfel. Und dann spielte er Verstecken. Und wenn er müde wurde, schlummerte er im Schatten des Baumes.
Und der Junge liebte den Baum ... sehr.
Und der Baum war glücklich.

The Giving TreeDoch die Zeit verging.
Und der Junge wurde älter. Und der Baum war oft allein.
Dann kam eines Tages der Junge zu dem Baum und der Baum sagte: »Komm, Junge, komm und klettere an meinem Stamm empor und schaukle auf meinen Ästen und iss Äpfel und schlummere in meinem Schatten und sei glücklich!«
»Fürs Klettern und Spielen bin ich zu alt«, gab der Junge zurück. »Ich will Dinge kaufen und glücklich sein. Ich will Geld haben.«
»Es tut mir leid«, sprach der Baum, »doch Geld besitze ich nicht. Nur Blätter und Äpfel. Nimm meine Äpfel, Junge, und verkaufe sie in der Stadt. Dann wirst du Geld haben und glücklich sein.«
Und so stieg der Junge auf den Baum, sammelte die Äpfel und trug sie davon. Und der Baum war glücklich.

Doch der Junge blieb lange fort ... und der Baum wurde traurig.
Und dann kam der Junge eines Tages zurück, und der Baum bebte vor Freude und er sagte: »Komm Junge, komm und klettere an meinem Stamm empor und schaukle auf meinen Ästen und sei glücklich!«
»Ich bin zu beschäftigt, um auf Bäume zu steigen. Ich will ein Haus, in dem ich es warm habe«, sprach der Junge. »Ich will eine Frau und Kinder, also brauche ich ein Haus. Kannst du mir ein Haus geben?«
»Ein Haus besitze ich nicht«, antwortete der Baum. »Der Wald ist mein Zuhause. Aber du kannst meine Äste absägen und daraus ein Haus bauen. Dann wirst du glücklich sein.«
Also sägte der Junge die Äste vom Baum und trug sie davon, um sein Haus zu bauen. Und der Baum war glücklich.

Doch der Junge blieb lange fort.Und als er zurückkehrte, war der Baum so glücklich, dass er kaum sprechen konnte.
»Komm, Junge,« flüsterte er, »komm und spiele.«
»Für das Spielen bin ich zu alt und zu traurig«, gab der Junge zur Antwort. »Ich will ein Boot, das mich weit von hier wegtragen kann. Kannst du mir ein Boot geben?«
»Fälle meinen Stamm«, sagte der Baum, »und baue dir ein Boot. Dann kannst du in die Ferne segeln ... und glücklich sein.«
Und so fällte der Junge den Baumstamm und baute sich ein Boot und segelte davon.
Und der Baum war glücklich ... aber nicht so richtig glücklich.

Nach einer sehr langen Zeit kam der Junge wieder zurück.
»Es tut mir leid, Junge«, begrüßte ihn der Baum, »aber ich habe nichts mehr, was ich dir schenken könnte. Meine Äpfel sind fort.«
»Meine Zähne sind zu wackelig für Äpfel«, sagte der Junge.
»Meine Äste sind fort«, sprach der Baum weiter. »Du kannst nicht mehr darauf schaukeln.«
»Ich bin zu alt für das Schaukeln auf Ästen«, erklärte der Junge.
Der Baum sagte: »Mein Stamm ist fort ...«
»Ich bin zu alt für das Klettern«, brummelte der Junge.
»Das tut mir leid«, seufzte der Baum, »ich wünschte, ich könnte dir etwas schenken ... aber ich habe nichts mehr. Ich bin nur noch ein alter Stumpf. Es tut mir leid ...«
»Ich brauche nicht mehr viel«, sagte der Junge, »nur einen ruhigen Platz, wo ich sitzen und ausruhen kann. Ich bin sehr sehr müde.«
»Nun, »sagte der Baum und streckte sich so gerade aus wie nur möglich, »nun - ein alter Baumstumpf taugt hervorragend zum Sitzen und Ruhen. Komm Junge, setz dich hin. Setz dich und ruhe aus.«
Und das tat der Junge.
Und der Baum war glücklich.

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Ehre, wem Ehre gebührt:

  • Shel Silverstein war Musiker, Komponist, Drehbuchautor, Dichter, Karikaturist und Schriftsteller. Ein Multitalent. Unter anderem stammen von ihm Lieder wie A Boy Named Sue, Sylvia’s Mother, The Cover of the Rolling Stone und The Ballad of Lucy Jordan.
  • Bild: [Wikipedia]
  • Englischer Text: [All Poetry]
  • Übersetzung: Günter J. Matthia

Donnerstag, 4. Dezember 2014

Buddha und Jesus: »Deine Feinde solltest du lieben.« Ach du kriegst die Tür nicht zu!

Feinde … Todfeinde dürften die wenigsten meiner geschätzten Blogbesucher haben. Ich muss mich jedenfalls nicht verstecken, um am Leben zu bleiben. Wenn hier heute von Feinden die Rede ist, dann sind auch nicht Terroristen und Islamisten oder sonstige –isten gemeint. Sondern eher der tückische Nachbar, der missgünstige Kollege, der hinterlistige Chef und ähnliche Zeitgenossen.

Warum sollte nun jemand eigentlich auf die abwegige Idee kommen, seine Feinde zu lieben, ihnen Gutes zu wünschen und ihnen sogar womöglich auch noch wohlzutun? Der Gedanke liegt wohl den meisten Menschen zunächst fern. Dennoch taucht er in verschiedenen Kulturkreisen auf. Zum Beispiel bei Buddha und bei Jesus.

Ihr habt gehört, dass gesagt ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde; segnet, die euch fluchen; tut wohl denen, die euch hassen; bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen, auf dass ihr Kinder seid eures Vater im Himmel; denn er lässt seine Sonne aufgehen über die Bösen und über die Guten und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.*

Das soll Jesus, dem Evangelisten Matthäus zufolge, gelehrt haben. Im Buddhismus wird das etwas greifbarer und praktischer. So wird nachdrücklich empfohlen, sich auf eine Meditation unter anderem mit diesen Worten einzustimmen und vorzubereiten:

Mögen meine Feinde gesund, froh und friedevoll sein. Möge ihnen kein Unheil zustoßen, mögen ihnen keine Schwierigkeiten begegnen. Mögen ihnen keine Probleme erwachsen. Möge ihr Tun immer erfolgreich sein.
Mögen sie auch Geduld haben, Mut, Verständnis und den festen Willen, unvermeidliche Schwierigkeiten, Probleme und Rückschläge zu überwinden.**

Da kann man schon mit Fug und Recht rufen: Ach du kriegst die Tür nicht zu! Wozu soll das denn gut sein?

Es gibt mehrere ganz handfeste Gründe:

Zunächst, ohne überhaupt an die Feinde zu denken, ist es so, dass derjenige, der ganz bewusst Liebenswürdigkeit und Güte praktiziert, unweigerlich sich selbst beschenkt: Geist und Seele entspannen sich, es kehrt Friede ein. Dadurch werden körperliche Spannungen abgebaut, Schmerzen gemindert und allgemein die Gesundheit gestärkt. Das ist ein alter Hut, den auch die Schulmedizin längst begriffen hat. Was wir denken, wie wir handeln und was wir aussprechen hat Einfluss auf unser Befinden, ob wir es wissen und wollen oder nicht. Mit negativen Gedanken - auch anderen gegenüber - schaden wir uns letztendlich selbst.

Ganz praktisch betrachtet erschließt sich außerdem folgende Logik: Wenn unsere Feinde gesund, froh und friedevoll sind, dann werden sie meist kaum noch unsere Feinde bleiben. Wenn sie keine Probleme haben, keine Schmerzen leiden, keine Neurosen oder Psychosen haben, wenn sie frei von Angstzuständen, Paranoia und Anspannungen sind ... wären sie uns dann immer noch feindlich gesinnt? Es ist also eine ganz praktische Lösung für uns selbst, unseren Feinden dabei zu helfen, ihre Probleme zu lösen, denn dann können wir endlich in Frieden und Ruhe leben. Wer den Geist seines Feindes mit Liebenswürdigkeit, Freundlichkeit und Friedfertigkeit füllen könnte, wäre doch selbst am besten dran.

Auch das ist übrigens keine moderne Erkenntnis. Dieses Prinzip hat Karl May, man mag von ihm halten was man will, am Beispiel von Old Shatterhand und Winnetou sehr eindrücklich dargestellt.

mq2yYOKWenn du jemanden hasst, dann denkst du doch ungefähr so: Der soll hässlich sein! Es soll ihm schlecht gehen! Schmerzen soll er haben! Ihm soll alles misslingen! Die Menschen sollen ihn ablehnen und hassen!

Was durch solche Gedanken tatsächlich geschieht, ist folgendes: Unser eigener Körper produziert eine so schädliche Chemie, dass wir selbst Schmerzen bekommen, unser Herzschlag beschleunigt sich, Muskelverspannungen treten auf, unsere Gesichtszüge ändern sich, es kommt zu Appetitlosigkeit oder regelrechten Fressanfällen, zu Schlaflosigkeit und infolge all dieser (nicht eingebildeten, sondern echten) Phänomene werden wir mehr und mehr unleidlich, zänkisch und verlieren nach und nach jeglichen inneren Frieden. Uns geschieht letztendlich genau das, was wir unserem Feind wünschen. Dadurch werden wir noch missmutiger, ärgerlicher, unversöhnlicher ... was zur weiteren Verschlechterung des eigenen Zustandes führt. Unserem Feind geht es womöglich deutlich besser als uns. Die Folge: Neid und noch mehr Hass stauen sich auf.

Um einer solchen Spirale zu entkommen (oder gar nicht erst hineinzugeraten), kann man eins tun, nämlich das was Jesus gelehrt, was Buddha empfohlen hat: Die Feinde lieben, indem man ihnen ganz bewusst und aufmerksam Gutes wünscht und zuspricht und - soweit das möglich ist - sogar auch praktische Probleme aus dem Weg räumen hilft. Dazu muss man übrigens weder Christ noch Buddhist sein. Oder sonst was. Es reicht völlig, ein Mensch zu sein.

Wenn du nicht weißt, wie du damit anfangen sollst - wie wäre es, ob du nun meditierst oder nicht, bewusst und aufmerksam jeden Tag so an deine Feinde zu denken:

Mögen meine Feinde gesund, froh und friedevoll sein. Möge ihnen kein Unheil zustoßen, mögen ihnen keine Schwierigkeiten begegnen. Mögen ihnen keine Probleme erwachsen. Möge ihr Tun immer erfolgreich sein.
Mögen sie auch Geduld haben, Mut, Verständnis und den festen Willen, unvermeidliche Schwierigkeiten, Probleme und Rückschläge zu überwinden.

Das sind natürlich keine magischen Formeln. Da gibt es keinerlei mystische Wirkung, nur weil du das aufsagst. Wenn du aber mit deinen Gedanken, mit Geist und Seele dabei bist, wenn du dich zumindest darum bemühst, das auch so zu meinen, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass du mit der Zeit beobachten wirst, wie es dir selbst besser und besser geht.

Ob mir selbst das denn gelingt, fragt sich bestimmt der eine oder andere Leser. Oder manche Leserin. Das verdient eine ehrliche und klare Antwort: Nicht immer, schon gar nicht sofort, wenn mir Feindseligkeit entgegenschlägt. Aber immer öfter und immer zügiger. Und ich bin fest entschlossen, in meinem Bemühen nicht müde zu werden, die Worte des Mannes aus Nazareth mit dem Herzen zu beherzigen:

Ihr habt gehört, dass gesagt ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde; segnet, die euch fluchen; tut wohl denen, die euch hassen; bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen, auf dass ihr Kinder seid eures Vater im Himmel; denn er lässt seine Sonne aufgehen über die Bösen und über die Guten und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.

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Quellen: *Bibelzitat aus Matthäus 5, 43-45, Luther-Übersetzung /// **Vorbereitung zur Meditation aus dem Buch »Mindfulness« von Venerable Henepola Gunaratana (eigene Übersetzung) /// Foto: [RGB-Stock]
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Mittwoch, 3. Dezember 2014

Paulus: Wir sind wandelnde Tote

Zu den Schriften des Paulus beziehungsweise den Texten, die ihm zugeschrieben werden, habe ich auf diesem Blog schon gelegentlich kritische Anmerkungen gemacht. Heute soll einer seiner Sätze aber mal als nachdrückliches Ausrufezeichen dienen. Das kam so: Ich las einen Artikel meines irischen Freundes und Autorenkollegen Dylan Morrison, dessen Texte ich schon öfter übersetzt habe. Dieser aktuelle Beitrag malt ein deutliches Bild dessen, was der Satz in Römer 6, 11 eigentlich für unser Leben bedeutet, wenn wir ihn mal durchdenken. Wir sind wandelnde Tote. Und das ist auch gut so. Warum? Das schildert der folgende Beitrag, der in großen Teilen eine Übersetzung (mit freundlicher Genehmigung natürlich) seines Artikels Dead Folk Walking ist; einige ergänzende Einschübe stammen von mir.

Der Apostel Paulus, auch als Saulus von Tarsus bekannt, war für seine jüdischen Freunde so etwas wie ein Psychologe. Da er gleichzeitig Mystiker und ein sehr selbstbewusster Lehrer in religiösen Dingen war, geben so manche seiner Schriften oder ihm zugeschriebene Briefe Stoff für »christliche« Lehren her, die beim zweiten Blick auf falschen Schlüssen aus dem Inhalt basieren.

Wenn jemand dir rät, dass du »verantwortliche Beziehungen« innerhalb der christlichen Kreise pflegen und dir von anderen Menschen »in dein Leben hineinsprechen lassen« solltest, dann mag das gut gemeint sein, vielleicht weil du mit deiner Spiritualität nicht so ganz in die gängigen frommen Vorstellungen passt. Und du willst ja alles richtig machen - also bist du gehorsam und fügst dich, obwohl du ein ungutes Bauchgefühl dabei hast. Innerlich sträubst du dich, aber der Druck der Gruppe oder Gemeinschaft ist stärker …

Es fällt jedoch gar nicht schwer, auf die Anwendung solcher Vorschläge zu verzichten - nicht aufgrund von eingebildeter Perfektion, sondern anhand des Herangehens von Paulus an das Thema psycho-spirituelle Gesundheit.

»Geht von der Tatsache aus, dass ihr für die Sünde tot seid, aber in Jesus Christus für Gott lebt«

Das ist einer der befreiendsten Sätze, die unser mystischer Therapeut jemals geäußert hat. Alles hängt von dem kleinen Begriff »von der Tatsache ausgehen« beziehungsweise in anderen Übersetzungen »etwas annehmen und damit kalkulieren« ab.

Eine Tatsache braucht man nicht zu diskutieren, damit kann man fest rechnen. Das heißt für dieses Zitat, dass wir uns nicht in einem gestörten Zustand Gott gegenüber befinden, sondern ohne jegliche Furcht eins mit der göttlichen Liebe sind. Der gute alte Paulus scheint also den Schluss zu ziehen, dass wir wandelnde Tote sind: Das frühere fragmentierte und ängstliche Ego können wir getrost für gestorben und beerdigt halten. Der mystische Paulus erkannte die vergängliche Natur unserer eigenen psychisch-spirituellen Sinnestäuschung, nämlich irgendwie von der göttlichen Quelle getrennt zu sein.

Der menschliche Geist hat sich nie auf die maßlose Reise des »verlorenen Sohnes« bei seiner Jagd nach dem Glück gemacht. Unser Geist war und blieb vielmehr immer ein Funke des göttlichen Feuers, obschon er unter dem Gezeter und den rudernden Armen des Egos außer Sicht geriet. Unser Seelenleben hat sich die Lüge einer göttlichen Missbilligung einreden lassen und folglich eine Sammlung von allerlei Waffen für den Kampf dagegen zugelegt.

Doch Paulus behauptet hier, dass die alte Natur des Ego bereits tot und begraben sei. Wir müssen uns nicht mehr um die Fehlfunktionen des Ego, oder um ein tief religiöses Wort zu benutzen, die Sünde, kümmern. Nein, statt dessen gibt es und gab es schon immer eine alternative Lebensweise, nämlich Gott gegenüber lebendig zu sein.

Das klingt alles noch sehr theoretisch. Wie sieht das in der Praxis aus?

Zunächst ist das Kreisen um die Schuldgefühle unseres Egos nicht mehr notwendig. Das ist eine schlechte Nachricht für bestimmte Ausprägungen der evangelikalen Kirchen: Das alte Gedankenmuster, nie gut genug zu sein, kann nämlich endgültig entsorgt werden. Es war ja auch noch nie zutreffend.

Wir brauchen keine Fleißpunkte vor Gott mehr sammeln - oder, was vielleicht noch schlimmer ist, vor unseren Zeitgenossen. Wir sind nämlich endlich wach geworden und erkennen die von Paulus beschriebene Tatsache: Wir leben bereits für Gott und sind bereits für die Sünde gestorben. Das heißt im Umkehrschluss, dass wir nicht von ihm getrennt existieren können. Wir leben und bewegen uns und sind in unserer ganzen Existenz mitten in der göttlichen Liebe. Kann ein Fisch seine Heimat im Ozean aus Versehen verlieren? Wohl kaum.

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Wir haben nichts weiter zu tun als so bewusst wie möglich von der Tatsache auszugehen, dass wir der göttlichen Liebe ganz nah sind, denn das ist die wirkliche Wirklichkeit. Paulus schlägt also eine radikal andere Sicht auf uns selbst vor, auf andere Menschen gleichermaßen. Die göttliche Quelle ist der Schlüssel zu Freude und authentischer Freiheit - Freiheit von der verwirrten und angsteinflößenden Welt des Ego.

Nun kommen wir zurück zum einleitenden Gedanken, »verantwortliche Beziehungen« innerhalb der christlichen Kreise pflegen zu müssen und sich von anderen in die Lebensgestaltung hineinreden zu lassen: Natürlich ist nichts daran verkehrt, mit anderen gläubigen Menschen Zeit zu verbringen, Freunde zu haben, die eine spirituelle Sicht auf das Leben besitzen. Überhaupt nicht. Aber sind solche Ein- und Verbindungen lebensnotwendig? Das kann man auch nicht einfach so bejahen. Schauen wir die beiden Punkte einmal genauer an.

1. Verantwortliche Beziehungen

Ich habe diese sogenannten verantwortlichen Beziehungsgeflechte in religiösen Kreisen über die Jahre in verschiedenen Ausprägungen zur Genüge kennen gelernt. Ich betrachte solche Zwangsverantwortlichkeiten heute als unvereinbar mit dem eingangs zitierten Gedanken beziehungsweise Postulat des Paulus. Denn wenn wir bezüglich der Fehlfunktionen des Egos tot sind, wozu sollen wir dann andere Menschen brauchen, die wie Zuchtmeister oder Aufseher über unser Seelenheil wachen? Wenn das neue Leben, das Leben für Gott, das Paulus so selbstsicher als Realität bezeichnet, tatsächlich wahr ist, warum sind viele Christen dann dermaßen damit beschäftigt, Angst vor einer Überrumpelung durch die für tot erklärte alte Lebensweise zu haben?

Sie sind oft so voller Unsicherheit und Angst, dass sie religiöse Gemeinschaften brauchen, in denen es »Wächter« über ihren Lebenswandel gibt. Und wenn solchermaßen geschundene Menschen dann irgendwann unter all dem Druck zusammenbrechen und aus den Zwängen ausbrechen, werfen Sie meist leider gleich den gesamten Glauben über Bord.

Entweder, dieses »neue Leben in Christus für Gott« ist real, oder es handelt sich um ein Märchen, das sich im Lauf der Jahrhunderte als solches entpuppt haben sollte. Ich tendiere zu ersterem.

2. Menschen, die dir ins Leben reden

Eine Menge Menschen reden uns Tag für Tag ins Leben hinein, so gut wie jeder, der uns im Alltag begegnet. Manches übergehen wir, und das ist auch gut so. Manches beherzigen wir, und auch das ist gut so. Aber um solches, meist eher belangloses Reden geht es ja hier nicht.

In einigen christlichen Zirkeln hält man es für notwendig, dass ein »geistlich reifer« Bruder oder eine ebensolche Schwester dir Korrektur und Anweisungen für dein Leben erteilt. Diese Person kennt natürlich Gottes Gedanken und Wege viel besser als du selbst, vor allem bezüglich deines eigenen Lebens. Auch so etwas habe ich zur Genüge kennen gelernt. Oft zeigte sich später, dass solch ein »weiser seelsorgerlicher Ratgeber« mindestens so viel Mist bauen konnte wie ich selbst. Mancher vielgepriesener Mann Gottes, der anderen bezüglich ihrer Lebens- und Eheführung »göttliche Worte« mitzuteilen wusste, hat schon seine Ehefrau gegen die Sekretärin eingetauscht. Woher sollst du wissen, wie es in demjenigen aussieht, der dir da ins Leben reden soll und darf?

Falls der Mystiker Paulus also mit seinem Satz recht gehabt hat, dann sind wir durchaus in der Lage, die göttliche Stimme der Weisheit in uns selbst wahrzunehmen. Frei von Voreingenommenheit und verzerrten Sichtweisen sind die Gedanken des Geistes in uns jederzeit verfügbar. Mal ist es ein »Bauchgefühl«, manchmal ein präziser Gedanke oder eine klare Einsicht ... die göttliche Liebe weiß schon, wie sie jeden einzelnen Menschen im Fluss seines Lebens auf einzigartige und unübertreffliche Weise erreichen und ansprechen kann. Besser als je ein Mensch das könnte, und sei er uns noch so nahe.

Natürlich werden »geistlichen Ratgeber« das flugs zurückweisen, werden uns geistliche Arroganz und trügerische Selbstherrlichkeit vorwerfen. Zu unrecht. Denn wir tun nichts anderes, als den Apostel Paulus in seinem Schreiben an die römischen Gläubigen beim Wort zu nehmen. Und das paulinische Wort ist (ironischerweise) gerade in den hier angesprochenen evangelikalen Zirkeln unantastbar.

Wir dürfen also den pseudo-geistlichen Worten anderer Menschen jederzeit zuhören, sollten sie aber immer mit Vorsicht genießen. Das gilt natürlich auch für diese Zeilen, die du gerade gelesen hast. Wenn weise Worte eines anderen Menschen einen Misston in deinem geistlichen Bauchgefühl erzeugen, dann schenke ihnen ein freundliches Lächeln und geh weiter.

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Original von Dylan Morrison (siehe einleitender Absatz oben): [Dead Folk Walking - Writer Dylan Morrison]

Bild: gleiche Quelle.

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Montag, 24. November 2014

Weihnachtszeit … here comes your 19th nervous breakdown

mI4AQLuDie Advents- und Weihnachtszeit ist für viele Menschen anstrengend und alles andere als erholsam. Da gibt es Arbeiten, die noch vor dem Jahreswechsel fertig werden sollen, da müssen Geschenke besorgt werden, es gibt familiäre und geschäftliche Feiern und alle möglichen anderen Veranstaltungen oder Termine ... manchmal grenzt es an ein Wunder, sich da überhaupt durchkämpfen zu können.

Manch einem geht es dann so, wie es die Rolling Stones einst besungen haben. Here it comes … here it comes … here comes your 19th nervous breakdown!

Ich halte es, so nett das Lied auch ist, aber für möglich, den Dezember nicht nur irgendwie gerade noch so zu überstehen, sondern die Vorweihnachtszeit und die Festtage sogar genießen zu können. Das habe ich im vergangenen Jahr ausprobiert ... und es ist im Prinzip ganz leicht: So weit und so viel wie möglich im Jetzt und Hier sein und bleiben. Den Moment im Auge haben. Das gilt nicht nur im Advent, sondern generell. Je mehr um uns herum los ist, desto leichter verlieren wir diese Wahrheit jedoch aus den Augen.

Das muss nicht sein. Das bewusste und achtsame Leben und Erleben gelingt, wenn wir uns drei simple Dinge bewusst machen. Täglich, wenn nötig. Jedenfalls immer wieder, je mehr Stress auf uns einstürmen will.

  1. Eine leichte Übung. Nimm eine Frucht, sei es ein Apfel, eine Banane, eine Kiwi ... was dir eben schmeckt und iß das Obst ganz bewusst. Langsam. Einen Bissen in den Mund nehmen und wirklich erleben: Die Konsistenz des Fruchtfleisches, wie sie sich anfühlt. Den Geschmack genießen. Den Duft einatmen. Darüber nachdenken, wie es sich anfühlt, solch eine Frucht zu essen. Wie fühlt sich der Saft im Mund an? Was empfindest du beim Herunterschlucken des Bissens? Iss das Obst auf diese achtsame Weise, einen Bissen nach dem anderen mit allen Sinnen, Geruch, Geschmack, Gefühl.
  2. Eine simple Gedankenbrücke. Wenn du bemerkst, dass du unter Stress gerätst oder dass die Arbeit dich überwältigen will - denk an das Obst: Apfel. Banane. Kiwi. ... je nachdem. Erinnere dich, wie dir zumute war, als du achtsam und bewusst die Frucht gegessen und alles andere ausgeblendet hast. Und dann tu genau das gleiche mit der Situation, in der du gerade bist, ob es nun der Einkauf ist, eine Veranstaltung, Arbeit am Schreibtisch oder ein Zusammensein mit anderen Menschen. Konzentriere dich auf das Hier und Jetzt, den Augenblick, auf das, was jetzt gerade geschieht. Erlebe genau diesen den Moment so bewusst bewusst und aufmerksam wie das Stück Obst.
  3. Wichtiges und Unwichtiges trennen. Denke im Advent und an den Feiertagen vermehrt und gezielt darüber nach, was und wer dir wirklich wichtig ist. Dein Ehepartner, deine Kinder, deine Arbeit, deine Kreativität ... was auch immer für dich zutrifft. Und dann erinnere dich, das alles andere, so dringliches auch zu erscheinen versucht, nichts weiter als Beiwerk ist. Es ist nicht wichtig. Du konzentrierst dich auf die Menschen und Dinge, die dir wirklich am Herzen liegen und lässt alles andere verblassen. Was verblasst ist, kann eventuell auch ganz und gar verschwinden?

Ich habe bereits zwei Weihnachtsfeiern, die eigentlich »gesellschaftlich/beruflich verpflichtend« waren, abgesagt und bin dadurch schon jetzt im voraus eine Menge Stress los geworden. Auch das adventliche Krippenspiel in unserer Kirche werde ich nicht besuchen, keinen Kuchen zum Buffet beisteuern und nicht beim Auf- und Abbau helfen. Ein klassisches Konzert dagegen habe ich fest eingeplant. Und vorweihnachtliches Beisammensein im Familienkreis. Und ...

Frage dich gerade im Advents- und Weihnachtsstress:

  • Ist mir das wichtig?
  • Will ich damit meine Zeit füllen?
  • Setzt mich das unter zusätzlichen Druck?
  • Nützt das, wenn ich es mir anderen zuliebe aufbürde, wirklich einem anderen Menschen?

So gewinnst du Gelassenheit, bist entspannt und hast wirklich Zeit, Advent und Weihnachten zu genießen. Sei es mit der Lektüre der biblischen Weihnachtsgeschichte oder … na da fällt dir sicher was ein.

Und hier sind, weil das Lied so nett ist, die Herren mit dem Nervenzusammenbruch:

Foto: Free Stock Photos

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Donnerstag, 20. November 2014

Disziplin oder Motivation?

Fangen wir mal mit dem Ende, der Schlussfolgerung an: Wenn du glaubst, keine Disziplin zu besitzen, dann brauchst du sie auch nicht. Statt dessen solltest du dich so an dein Ziel oder deine Vorstellung binden, dass eine Motivation daraus wird.

Die meisten Menschen sind überzeugt, dass man entweder Disziplin besitzt oder nicht: Das sei eine Charaktereigenschaft, die angeboren ist, oder man hat sie in jungen Jahren durch die Erziehung gelernt. Aus. Vorbei. Im Erwachsenenleben ist kaum noch etwas zu ändern ...

Ist das so? Was ist eigentlich Disziplin?

Disziplin (von lateinisch disciplina ‚Lehre‘, ‚Zucht‘, ‚Schule‘) bezeichnet als Verhalten Selbstdisziplin, eine Form der bewussten Selbstregulierung oder Gehorsam, die Ordnungsregulierung innerhalb eines Befehlsprinzips. -Wikipedia

Wenn ich mich nach der Arbeit trotz Erschöpfung auf den Weg ins Fitness-Studio mache - ist das Disziplin? Es mag für manche Menschen so aussehen. Auch für mich gehört zwar manchmal etwas Überwindung dazu, aber mit Disziplin hat das nichts zu tun. Statt dessen bringt mich eine starke und adäquate Motivation dazu, die Sporttasche zu packen und mich auf den Weg zu machen. Ich verlasse das gerade erreichte gemütliche Heim nicht aus Disziplin gleich wieder, sondern weil ich Sport treiben will.

Disziplin ist eher etwas für Soldaten oder Strafgefangene. Oder für bestimmte Lebensumstände. Zum Beispiel spürte ich zunehmend regelrechten Widerwillen gegen die Medikamente während der Chemotherapie. Es war mir ein Graus, das Gift meinem Körper zuzuführen, der mit all den Nebenwirkungen und Begleiterscheinungen deutlich zeigte, dass ihm Oxaliplatin und Xeloda nicht gerade gut bekamen. Da war meine Motivation, nämlich alles in meiner Macht stehende dazuzutun, dass der Krebs besiegt wird, nur durch Disziplin aufrecht zu erhalten. Das war eine Ordnungsregulierung innerhalb eines Befehlsprinzips, wie Wikipedia es formuliert. Das Befehlsprinzip war die normative Kraft des Faktischen: Die Chemotherapie kann unter Umständen noch im Körper befindliche Krebszellen töten.

Natürlich hatte ich die Wahl. Ich habe mich der Behandlung freiwillig unterzogen. Im Gegensatz zur Disziplin im Gefängnis oder bei der Bundeswehr übte niemand Druck aus, drohte mir niemand mit Strafe. Man könnte also auch sagen, dass ich nicht diszipliniert, sondern besonders stark motiviert war ...

Disziplin ist ein Mysterium. Inwiefern unterscheidet sie sich von Motivation? Man könnte es so ausdrücken: Motivation zieht dich zum Ziel, Disziplin drängelt dich von hinten. Aber auch das trifft es nicht wirklich genau, denn das Ziel, das ich durch Motivation erreiche, ist wirklich mein Ziel. Zum Beispiel stabile Gesundheit. Das Ziel, auf das mich Disziplin zutreibt, ist gar nicht meins. Sondern zum Beispiel der Befehl eines Obersoldaten, dass man um fünf Uhr früh auf dem kalten Kasernenhof anzutreten hat.

Darum ist Disziplin kein gutes Konzept. Wenn es darum geht, bestimmte Dinge zu tun, die erst einmal unangenehm oder ungemütlich sind, zum Beispiel statt sich auf dem Sofa auszustrecken eine Arbeit zu Ende zu bringen, dann gelingt das einem motivierten Menschen wesentlich leichter als einem disziplinierten. Beide werden am Ende ihren Job erledigt haben. Aber der eine fällt erschöpft und missmutig in den Sessel und es graut ihm schon vor dem nächsten Tag, während der andere sich glücklich auf die Schulter klopft und entspannt den Feierabend genießt.

Bild aus meinen Tumblr-AlbenNun mag sich mancher fragen: Wie kann ich denn Disziplin gegen Motivation austauschen?Hier sind ein paar Ideen, die bei mir funktionieren:

  • Buchführen über Erfolge und Etappen. Ich benutze zum Beispiel für die Dokumentation sportlicher Aktivitäten Runtastic. Draußen zeichnet mein Mobiltelefon die Läufe auf, wenn ich im Sportstudio renne, trage ich die Ergebnisse via Internet ein. Natürlich entsteht nicht bei jedem Lauf eine Bestleistung. Aber jedes Mal weiß ich, dass ich meine Gesundheit gefördert habe.
  • Realistische Ziele aufstellen. Wenn du in der Fernsehzeitschrift liest, dass du in zwei Wochen zehn Kilogramm abnehmen kannst - dann gönne der Anzeige ein mitleidiges Lächeln und blättere weiter.
  • Einfach anfangen. Wenn man auf den perfekten Tag wartet oder gar die perfekte Stunde, um sich auf den Weg zum Ziel zu machen, dann kann es sein, dass man letztendlich nie losgehen wird. Wer aber den ersten Schritt tut, auch wenn die Umstände vielleicht morgen besser sein könnten, der ist schon auf dem Weg, während andere nicht vom Fleck kommen.
  • Vergnügen ins Spiel bringen. Das geht nicht immer und überall, aber wo es geht - warum nicht? Beim Joggen auf dem Laufband höre ich gerne Musik und singe dabei innerlich mit, wenn es liebgewonnene ältere Stücke sind. Oder ich höre mir ein bisher unbekanntes Album an, dank Spotify ist das ja heutzutage ohne finanziellen Aufwand möglich. Natürlich ist die Tonqualität bei Spotify nicht gerade erstklassig, aber auf dem Laufband - wen stört das da? Mich nicht.
  • Geduld mitbringen. Das hat mit realistischen Zielen (siehe oben) zu tun. Du kannst zehn Kilogramm Körpergewicht abbauen, falls du so viel Übergewicht hast. Aber eben nicht in zwei Wochen. Wie wäre es mit einem Kilogramm in zwei Wochen, dann kommt das nächste Kilogramm dran, dann das dritte ...
  • Zwischenziele definieren. Auch das hat mit Realismus und Geduld zu tun. Als ich nach der Darmoperation wieder anfing zu laufen, hatte ich mir vorgenommen, zehn Minuten ohne Pause zu schaffen. Langsam. Ob ich dabei einen Kilometer schaffte oder nicht, war mir egal. Die zehn Minuten waren das Ziel. Als das erreicht war, legte ich fünf Minuten drauf ... heute schaffe ich die Stunde ohne Probleme, manches mal, wenn es draußen besonders viel Spaß macht, laufe ich auch länger.
  • Belohnungen sind richtig und wichtig. Du hast die unangenehme Arbeit noch erledigt, bevor du den Feierabend einläutest? Dann hast du dir - je nach Geschmack und Vorliebe - Haribo Lakritzkonfekt oder BIO-Schoko-Coockies verdient. Oder ein Glas Wein. Oder - na, dir fällt bestimmt was ein.
  • Erinnern an die Gründe. Warum willst du eigentlich dieses und jenes Ziel erreichen? Hast du gute Gründe dafür? Sind diese Gründe wirklich deine eigenen? Oder sind das fremdbestimmte Ziele? Damit wären wir nämlich wieder bei der Disziplin auf dem Kasernenhof oder in der Gefängniszelle. Aber selbst wenn das Ziel, zum Beispiel pünktlich am Arbeitsplatz zu erscheinen, fremdbestimmt ist: Du kannst eine Motivation aus der Disziplin machen, wenn du dir klarmachst, wie viel Stress auf dem Weg und Ärger mit dem verpassten Bus du dir ersparen kannst, wenn du auch nur fünf Minuten früher aufstehst. Wie viel Gelassenheit und Lebensqualität du dadurch gewinnst. Wie der ganze Tag angenehmer verläuft, wenn er ohne Hektik und Stress beginnt. Ich stehe zum Beispiel an Werktagen um 5:55 Uhr auf, obwohl ich erst nach 6:45 das Haus verlasse.
  • Ein Tagebuch kann helfen. Mein Tagebuch ist virtuell, es sind Blogbeiträge, meine Aktivitätschronik bei Runtastic und kurze Facebook-Meldungen. Gelegentlich blättere ich auf der Zeitschiene zurück und freue mich über a) Durchgehaltenes, b) Erreichtes und auf c) noch zu Bewältigendes. Man kann aber natürlich auch das gute alte Tagebuch in Papierform benutzen. Oder in einen Jahreskalender kleine Einträge machen. Hauptsache, der Erinnerung an die Ziele und den bereits geschafften Weg wird auf die Sprünge geholfen - vor allem dann, wenn die Motivation mal schwinden will.
  • Positiv denken und reden. Achte darauf, was du denkst und redest. Wenn ich heute »nur« 40 Minuten Dauerlauf schaffe, dann könnte ich sagen: Mist, ich bin ein Versager, ich schaffe nichts mehr ... - oder ich sage: Heute klappt das nicht wie gewohnt, aber immerhin bin ich 40 Minuten gelaufen! Statt auf dem Sofa zu sitzen. Ich habe 40 Minuten Sauerstoff getankt und vom Alltagsstress abgeschaltet. Ich habe mich aufgerafft und bin losgegangen! Dafür braucht man keine Disziplin. Dafür muss man lediglich motiviert sein.

Und damit bin ich am Ende dieses Beitrages angekommen, bei der Schlussfolgerung vom Beginn des Textes: Wenn du glaubst, keine Disziplin zu besitzen, dann brauchst du sie auch nicht. Statt dessen solltest du dich innerlich so an dein Ziel oder deine Vorstellung binden, dass eine Motivation daraus wird.

  • P.S.: Ähnliche und weitere Tipps in diesem Beitrag: [Auf das Ziel zu]
  • Foto: Aus meinen Tumblr-Alben, Ich beim Laufen, aufgenommen von meinem Sohn Sam.

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Freitag, 14. November 2014

Religion ist gefährlich. Gott nicht.

Religion ist gefährlich. Dennoch habe ich mich entschieden, an Gott zu glauben. -Stephen King (eigene Übersetzung aus einem Interview)

Das ist so ungefähr die Essenz dessen, was mein großer Autorenkollege Stephen King kürzlich in einem langen Interview erklärt hat. Mir geht es weitgehend ähnlich wie ihm. Nicht, was die Auflagenzahlen meiner Bücher betrifft, sondern beim Nachdenken über Gott und Religion.

Ach war das damals einfach, als Kind. Da hielt ich Gott (bildlich gesprochen) für den gütigen und immer freundlichen älteren Herrn, der irgendwo über den Wolken sitzt und nichts anderes zu tun hat, als auf mich (und andere Menschen) aufzupassen und mir meine Wünsche zu erfüllen.

Dass diese Vorstellung unzutreffend war, zeigte sich bereits in der Kindheit. Der gütige alte Mann wurde nach und nach ersetzt durch einen Gott, vor dem man Angst haben musste, wenn man sich nicht an seine Regeln hielt. Dann landete man nämlich in der Hölle, irgendwann. Das war zwar noch weit weg, aber dieser Gott konnte, wenn man sich seinen Unmut zuzog, jederzeit dreinschlagen. Mit Krankheit oder gar dem frühen Tod konnte er Menschen bestrafen, die seinen Geboten nicht Folge leisten wollten. Da war aber trotzdem auch immer noch irgendwo in meiner kindlichen Vorstellung der freundliche Himmelsvater, dem man Bitten und Wünsche nennen durfte. Glaubte man fest genug, dann gab es auch die garantierte Gebetserhörung hinterher.

Mit zunehmendem Alter und zunehmender Reife musste ich mein Gottesbild immer wieder korrigieren, weil es mit der erlebten Realität nicht zusammenpasste. Diese Wandelbarkeit ist im Erwachsenenleben geblieben. Das hat jedoch nichts daran geändert, dass ich die Existenz Gottes nicht in Frage stelle. Das wäre töricht. Da kann ich mich den folgenden Worten von Stephen King anschließen:

Wenn jemand sagt »okay, ich glaube nicht an Gott weil es keinen Beweis für seine Existenz gibt«, dann muss derjenige schon die Augen schließen und weder die Sterne am Himmel betrachten noch Sonnenaufgang und –untergang beobachten. Er darf nicht zur Kenntnis nehmen, dass die Bienen und andere Insekten Blüten befruchten, wodurch wir letztendlich Nahrung zum Leben bekommen, dass alles mit allem zusammenwirkt in dieser Schöpfung. Alles ist so zusammengefügt, dass aus meiner Sicht eine intelligente Schöpfung dahinter stecken muss. -Stephen King (eigene Übersetzung aus dem Interview)

Dazu sage ich: Amen, lieber Stephen King. Amen. Und ich kann ergänzen, dass ich das übernatürliche Einwirken Gottes auf unsere menschliche Realität persönlich erlebt habe.

Je älter ich wurde und werde, desto mehr verstehe ich aber auch, dass ich Gott nicht verstehen und begreifen kann. Dazu reicht mein menschlicher Verstand, mein Vorstellungsvermögen nun einmal nicht aus. Nicht einmal meine Phantasie ist groß genug.

  • Ein Gott, zu dem Milliarden Menschen beten – ein großer Teil von ihnen womöglich gleichzeitig – und der dennoch einzelne Gebete hört und darauf reagiert … das ist mir unvorstellbar und unbegreiflich.
  • Ein Gott, der seine Geschöpfe zwar liebt, schließlich sind sie ja sein Werk, sie aber dennoch zu Zigtausenden auf grausame Weise schon weit vor dem biologisch unausweichlichen Lebensende zu Tode kommen lässt (Naturkatastrophen, Gewalttaten, Seuchen, Krankheiten) … das ist mir unvorstellbar und unbegreiflich.
  • Ein Gott, der allwissend ist, es gut mit seiner Schöpfung samt Menschen meint und trotzdem – je nach Religion via Schlange im Paradies oder auf andere Weise – die paradiesischen Umstände seiner eigenen Schöpfung zerstören lässt … das ist mir unvorstellbar und unbegreiflich.

Und noch vieles mehr verstehe ich nicht. Warum der eine, der sich im Gebet an Gott wendet, geheilt wird, während der andere krank bleibt, zum Beispiel. Warum der eine in Reichtum lebt und der andere verhungert – obwohl beide zu Gott, zum selben Gott, beten.

Das ändert aber alles nichts an meinem Glauben. Wenn ich Gott begreifen könnte, wäre er entweder ein sehr kleiner Gott oder ich kein normaler Mensch.

An genau diesem Punkt beginnt aus meiner Sicht die Gefährlichkeit der Religion. Sie versucht nämlich, das Unerklärliche zu erklären. Den Unerforschlichen zu erforschen. Aus dem Unfassbaren ein Regelwerk von Geboten, Gesetzen, Verboten und anderen Regeln aufzustellen und die Menschen hineinzuzwängen.

Manchmal ist dies sehr offensichtlich:

  • Mohammedaner, die sich und andere mit Sprengstoff in den Tod reißen oder anders- und nichtgläubige Menschen abschlachten, weil man ihnen beigebracht hat, dass sie so Gottes Willen vorantreiben.
  • Christen, die Kontinente erobern und ganze Völker zu Sklaven machen, weil man ihnen erzählt hat, dass sie so dem »Missionsbefehl« Folge leisten.
  • Hindus, die Menschen in Kasten einteilen und so von Geburt an zu einem Leben als Knechte für die dreckigsten und niedrigsten Arbeiten verurteilen, weil die Götter das nun einmal so vorherbestimmen.

Solche grässlichen Auswüchse sind offensichtlich. Es gibt aber unzählige andere Gefahren, die meist verborgen bleiben. Im Namen der jeweiligen Religion werden Menschen wegen ihrer Hautfarbe, ihrer sexuellen Orientierung, ihrer Herkunft oder ihres Glaubens beziehungsweise Nichtglaubens verurteilt, diskriminiert, verfolgt, verachtet und sogar getötet. Nicht nur im finsteren Mittelalter, auch heute noch. Menschen werden Ängste eingeredet, wenn sie sich nicht den Regeln ihrer Religion entsprechend verhalten. Menschen werden missachtet, weil sie nicht den jeweiligen Idealvorstellungen entsprechen. Und es wird, auch das ist wahr, mit der Religion jede Menge Geld verdient, das in den Taschen einiger Spitzenführer landet anstatt Not und Elend zu lindern. Vor allem in Amerika in den oft an einer bestimmten Person hängenden Megakirchen und vorgeblich christlichen Fernsehshows. Ich habe nichts dagegen, wenn Menschen Geld verdienen. Aber das sollte dann nicht »Liebesgabe« oder »Opfer für Gott« genannt werden.

Darum halte ich die Religion, den institutionalisierten Glauben, für eine sehr gefährliche Angelegenheit. Ganz abgesehen davon, dass durch solche Exzesse und Auswüchse jeder Gläubige, obwohl er persönlich womöglich ganz anders denkt, glaubt und lebt, in Misskredit gerät.

Die Schuld an solchen Missständen Gott in die Schuhe zu schieben, wäre zu billig und unredlich. Es liegt doch letztendlich an uns Menschen, dass wir uns immer wieder anschicken, Gott und sein Handeln oder NIchthandeln erklären und seinen Willen interpretieren zu wollen. Noch schlimmer: manche greifen zur Gewalt, um das, was sie für Gottes Willen halten, durchzusetzen. Koste es, was es wolle, einschließlich Menschenleben.

Religion ist gefährlich. Dennoch habe ich mich entschieden, an Gott zu glauben. -Stephen King (eigene Übersetzung aus dem Interview)

Genau so ist es auch bei mir. Ich wünsche meinen Lesern gerade in der bevorstehenden Adventszeit, dass sie Gott begegnen, anstatt mit allerlei religiösen Wüchsen und Auswüchsen konfrontiert zu werden.

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