Donnerstag, 14. Juli 2016

Frust macht krank – was tun?

Gibt es zufällig jemanden unter meinen geschätzten Blogbesuchern, der im Laufe eines Tages (oder einer Woche) nie frustriert, gereizt, verärgert reagiert? Dann möge er oder sie mir doch mal das Rezept zukommen lassen, ich wäre sehr neugierig.

Für alle anderen, mich eingeschlossen, gilt: Der Straßenverkehr zerrt an den Nerven, ein Mensch reagiert nicht wie erwartet, jemand sagt uns, wir wären im Irrtum, die Technik funktioniert nicht wie gewünscht, das Abendessen misslingt ... und so weiter und so fort.

Solche Frustrationen können uns unglücklich machen, zu Beziehungsproblemen führen, den Arbeitsplatz vermiesen, Stress erzeugen ... und schließlich explodiert man, anstatt einen kühlen Kopf zu bewahren. Das ist alles andere als hilfreich. Noch schlimmer: Inzwischen zweifelt die Medizin nicht mehr daran, dass Frust ernsthafte und sogar tödliche Erkrankungen begünstigen, womöglich auch herbeiführen kann.

Aber können wir uns denn überhaupt wehren? Müssten wir dazu nicht auf eine einsame Insel ziehen oder uns in einem Kloster verkriechen? Und wer weiß, ob nicht auch dort Verdruss und Enttäuschungen auf uns lauern würden.

Meine Erfahrung: Unsere Blickrichtung können wir selbst bestimmen – und das ist eine Möglichkeit, 
die Folgen solcher Frustrationen zu mildern oder ganz zu vermeiden. Praktizierte Achtsamkeit ist der Schlüssel, den ich aus Erfahrung nur empfehlen kann.

Dabei ist die erste Frage, woher Frustrationen stammen, und wenn wir die beantwortet haben, geht es darum, den Blickwinkel zu ändern.

Frustration bemerken

Wenn sich wieder einmal Frust aufbaut, beobachten Sie sich ganz bewusst. Achten Sie darauf, wenn Sie über etwas oder mit jemandem unzufrieden sind, dass und wie in Ihrem Körper diese Enttäuschung spürbar wird.

Beobachten Sie Ihre Atmung. Entsteht ein Gefühl der Enge in der Brust? Bemerken Sie verspannte Schultern oder eine angespannte Bauchmuskulatur? (Letzteres ist bei mir persönlich das untrügliche Signal.) Was passiert mit Ihren Gesichtszügen? Ballen sich Ihre Hände zu Fäusten?

Finden Sie heraus, wie sich Frustration in ihrem Körper bemerkbar macht. Und dann bleiben Sie mit Ihrer Aufmerksamkeit bei dem Gefühl, nur für ein paar Momente, wenn Sie den Mut dazu aufbringen. Normalerweise tun wir alles andere lieber, als diesen Empfindungen Beachtung zu schenken. Wir versuchen vielmehr, sie schnellstens loszuwerden, indem wir die Situation ändern, Menschen dazu bringen, sich anders zu verhalten, oder indem wir uns ablenken. Aber bleiben Sie einmal ein paar Momente mit Ihrer Aufmerksamkeit bewusst bei ihrer körperlichen Reaktion, wenn Sie es schaffen. Dann fällt es Ihnen nämlich beim nächsten Mal leichter, es gar nicht erst so weit kommen zu lassen, dass das Fass überläuft.

Sie wissen also jetzt, dass Sie gerade Frustration erleben und was dieser Zustand mit ihrem Körper anstellt. Nun achten Sie darauf, was Sie in diesem Augenblick gerne anders hätten als es ist. Was fehlt Ihnen in diesem frustrierenden Moment? Frust ergibt sich so gut wie immer aus dem, was wir nicht haben.

Haben Sie das schon einmal bemerkt? Es fehlt in solchen Augenblicken etwas. Man wünscht, es wäre vorhanden. Der Mangel frustriert. Ein paar Beispiele:
  • Ihr Kind verhält sich nicht so, wie Sie es erwartet hätten ... was Sie also nicht haben, ist »ideales« Verhalten des Kindes. (Eigentlich ist es Ihr Ideal, nicht das des Kindes.)
  • Ihr Computer stürzt immer wieder ab, und Sie können nicht flüssig arbeiten ... was Sie nicht haben, ist ein Computer, der reibungslos funktioniert.
  • Die Leute reden in einer Weise über Sie, die Sie ärgert ... was Sie nicht habe, sind Menschen, die mit Ihnen einverstanden sind oder die sich so verhalten, wie Sie es wollen.
  • Der Feierabendverkehr wird zum Chaos, Sie kommen nicht voran ... was Sie nicht haben, ist eine stressfreie, ruhige Fahrt nach Hause.

Das sind nur Beispiele, aber in allen Fällen wird deutlich, dass etwas fehlt, dass Sie etwas (anderes) haben wollen. Normalerweise haben Sie eine Idealvorstellung, von der die Wirklichkeit abweicht. Also versuchen Sie beim nächsten Frust einmal, das Gefühl in Ihrem Körper bewusst wahrzunehmen und dann festzustellen, was Ihnen fehlt, warum Sie jetzt enttäuscht, verärgert, wütend oder traurig sind. Was passiert da im Kopf?

Wenn wir einen Mangel empfinden, frustriert, gereizt und verärgert sind, dann drehen wir uns oft gedanklich ziemlich im Kreis. »Es ist so ärgerlich, dass er so etwas immer wieder tut« oder »warum kann sie nicht einfach mal so und so sein.«

Wir verhaspeln uns in diesen (völlig nutzlosen!) Überlegungen, bleiben daran kleben, werden schließlich zum Gefangenen der Gedankengänge. Wir wünschen, die Umstände wären anders, die Menschen würden sich nicht so und so verhalten, die Leute würden einsehen, dass wir Recht haben. Es ist leicht, sich darin zu verfangen.

Es ist dagegen nicht so leicht, überhaupt zu bemerken, dass wir in Gefangenschaft geraten, während es passiert. Wenn es Ihnen aber gelingt, diese Verstrickung zu bemerken, dann können Sie sich leichter darüber klar werden, dass Sie gerade eine Phantasiegeschichte bezüglich der Situation entwerfen. Eine Geschichte darüber, wie Sie sich die Umstände anders wünschen, wie andere Menschen nach Ihrer Vorstellung sein und handeln sollten.

Beobachten Sie ruhig einmal, wie Sie sich in dieser Geschichte verfangen. Beobachten Sie, welche Gefühle das in Ihnen auslöst. Wie Ihr Körper reagiert. Sind Ihre Gesichtszüge noch entspannt? Können Sie ruhig und gleichmäßig atmen? Wie fühlen sich Ihre Schultern, Ihr Bauch an? Und dann versuchen Sie sich darüber klar zu werden, dass Ihre Geschichte alles andere als die felsenfeste Wahrheit ist. Sie entspricht nicht der Realität. Sie ist ein Traum, den Sie herbeiwünschen. Kann es die Situation ein wenig aufhellen, wenn Sie die traumhafte Natur Ihrer Geschichte bemerken?

Was ist denn eigentlich vorhanden?

Wenn unsere Konzentration auf das, was wir nicht haben, uns frustriert und letztendlich krank macht  ... dann könnte das Gegenteil uns doch womöglich helfen? Das Gegenmittel zum Frust könnte doch lauten: Zu schätzen wissen, was schon hier, in ausgerechnet diesem Moment vorhanden ist.

In den Augenblicken, in denen die Frustration aufsteigt, dürfte das kaum gelingen, denn wir wollen einfach nur, dass alles so ist, wie wir es uns vorstellen oder wünschen. Die anderen Menschen sollen sich gefälligst so verhalten, wie wir es wollen. Das Leben soll auf den Bahnen verlaufen, die wir uns ausgemalt haben. Leider ist das in der Regel nicht immer der Fall. Manchmal können wir Menschen zwingen, so zu handeln, wie wir wollen, weil wir Macht über sie haben, aber daraus kann keine gute Beziehung zu anderen entstehen, und am Ende werden weder der andere noch man selbst glücklich sein.

Aber ich habe festgestellt, dass es mit etwas Übung möglich ist (und immer leichter wird), mich darauf zu konzentrieren, was ich immer noch und trotz der Umstände zu schätzen weiß, wenn Frust entstanden ist und wenn ich meine Gefangennahme anhand der Symptome bemerke. Lassen Sie uns die Beispiele von oben nehmen:
  • Ihr Kind verhält sich nicht so, wie Sie es erwartet hätten ... aber Sie können tief durchatmen und in diesem Moment so einiges zu schätzen wissen: Ihr Kind ist ein wunderbarer Mensch, der sich zwar nicht ständig perfekt benimmt (wer tut das?), aber Sie haben ein Kind und Ihr Kind ist lebendig, entdeckt die Welt und lernt, sich in ihr zurechtzufinden! Es ist bei Ihnen! Und Sie lieben Ihr Kind.
  • Ihr Computer stürzt immer wieder ab, und Sie können nicht flüssig arbeiten... aber Sie können tief durchatmen und dankbar sein, dass Sie einen Computer haben, dass Sie nicht im Elend leben, dass es Menschen in Ihrem Leben gibt, die Sie lieben. Sie können die Pause, in der das Gerät neu startet oder ein Reparaturprogramm läuft, dazu nutzen, sich zu strecken, in die Natur zu gehen; Sie können fantastische Dinge um sich herum bemerken oder auch einfach nur fünfzehn Minuten auf dem Sofa liegend die Augen schließen und nichts tun müssen.
  • Die Leute reden in einer Weise über Sie, die Sie ärgert ... aber Sie können tief durchatmen und feststellen, dass diese Leute eine abzählbare Schar sind und nicht die ganze Welt! Und Sie sind am Leben und im Leben! Die Menschen sind unterschiedlich, interessant und chaotisch, aber gerade das sorgt für Vielfalt im Leben. Und Sie müssen ja nicht unbedingt mit jedermann bestens zurechtkommen. Schon der Apostel Paulus riet seinen Lesern in Rom: »Ist's möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.« Sie werden manche Leute und deren Gerede nicht ändern können. Also wenden Sie sich denen zu, mit denen Sie Frieden haben können.
  • Der Feierabendverkehr wird zum Chaos, Sie kommen nicht voran ...  aber Sie können tief durchatmen und die Tatsache genießen, dass Sie schöne Musik im Auto hören können, dass Sie eine ruhige Übergangszeit zwischen Arbeit und zu Hause haben, in der Sie über das Leben nachdenken können, dass Sie überhaupt ein Zuhause habe, das jetzt vor Ihnen liegt, oder dass Sie Zeit haben, die Architektur oder Landschaft am Rand der Straße in Ruhe zu betrachten.

Das soll nun nicht heißen, dass wir nur positive Gedanken denken sollen ... ganz im Gegenteil. Unsere negativen Gedanken zu bemerken und bei ihnen zu bleiben, ist wichtig. Wir können die frustrierenden Begegnungen und Geschehnisse nicht vermeiden, aber wir können uns bewusst machen, dass das nicht alles ist – und diese bewusste Achtsamkeit auf das, was gerade geschieht und was es darüber hinaus noch gibt, kann sehr hilfreich sein.

Wenn wir nämlich nicht mit unseren Frustrationen umgehen können, dann steigt die Wahrscheinlichkeit, aus der Wut heraus und mit Gewalt zu reagieren, und das ist nicht sinnvoll. Weder für uns selbst, noch für die Situation, in der wir stecken.

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P.S.: Hilfreiches zum Thema steht auch in diesen beiden Büchern:


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Dienstag, 5. Juli 2016

Wer ist eigentlich arm dran?


»Geld«, sagte mir kürzlich jemand, als wir über den vorgezogenen Ruhestand sprachen, »Geld ist ja nicht das Problem. Aber ich wüsste nicht, was ich dann den ganzen Tag mit mir anfangen sollte.«

Irgendwie tut er mir leid. Ich habe mich nach langem Abwägen und hin und her Rechnen dafür entschieden, mit dem 30. September 2016 vorzeitig aus dem Berufsleben auszusteigen, obwohl das eine deutlich spürbare finanzielle Einbuße bedeuten wird. Meinen Beruf habe ich gerne ausgeübt, lediglich das Arbeitsumfeld wurde mir in den letzten Jahren mehr und mehr zur gesundheitlichen Belastung. Da eine Änderung der Umstände nicht absehbar war und ein solcher Verlust an Lebensqualität und Gesundheit mit Geld nicht aufzuwiegen ist, war dann der Ausstieg die vernünftigste Variante. Wenn ich wie mein oben erwähnter Gesprächspartner über Geld wie Heu verfügen würde, wäre mir der Schritt noch leichter gefallen.

Aber eigentlich ist ja er arm dran, nicht ich. Es gibt doch so vieles zu entdecken, auszuprobieren, zu erleben und zu genießen! Bücher lesen, Musik hören, Texte schreiben, selbst musizieren, mit der Kamera hinaus ins Grüne oder ins urbane Leben, Konzerte und Ausstellungen besuchen, in der Wohnung dies und das renovieren und reparieren, neue Hobbies ausprobieren, fantasievolle Mahlzeiten zubereiten, Fahrradtouren und Wanderungen unternehmen … mir fallen schier unerschöpflich viele Aktivitäten und Unternehmungen ein, die kein oder nicht viel Geld kosten. Außerdem gibt es zahllose Möglichkeiten, sich ehrenamtlich, politisch oder gesellschaftlich zu engagieren, falls das alles nicht reichen sollte. Ganz abgesehen davon, dass auch das gelegentliche Nichtstun eine Wohltat für Körper, Seele und Geist ist.

Liebe geschätzte Blogbesucher, ich hoffe, dass unter Ihnen nicht allzu viele sind, deren beinahe einziger Lebensinhalt die Arbeit ist. Falls das aber zutreffen sollte, rate ich Ihnen dringend, dass Sie beizeiten ausprobieren, was Ihnen Spaß machen würde und wofür Sie sich begeistern könnten, wenn Sie plötzlich viel Zeit (und womöglich deutlich weniger Geld) zur Verfügung hätten.

Keiner von uns weiß, wie lange das Leben währt. Bitter wäre es, am Ende festzustellen, dass das, was man für das Stimmen der Instrumente gehalten hat, schon das Konzert war.
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P.S.: Bild von [Free Stock Fotos]
P.P.S..: Hilfreiches zum Thema steht auch in diesen beiden Büchern:
Entschleunigung und Achtsamkeit (Günter J. Matthia)

Das kleine Buch über die Zufriedenheit (Leo Babauta)

Sonntag, 26. Juni 2016

Das sind doch sehr schöne Bilder …

innen… meinte mein Arzt beim Blick auf die Resultate der 50minütigen MRT-Untersuchung.

Ich gebe zu, dass ich auf den hunderten von Bildern eher weniger zu erkennen in der Lage bin als mein Doktor und der Radiologe, aber das macht nichts. Ich habe ja auch nicht Medizin studiert. Gut dass es Fachleute gibt. Und gut, dass man heute ohne weiteres solch genaue Einblicke in den Körper gewinnen kann, ohne ihn aufzuschneiden.

Um es kurz zu machen, liebe Blogbesucher: Auch diese sehr gründliche Untersuchungsserie lässt uns, die beste aller Ehefrauen und mich, erleichtert und dankbar aufatmen, denn es gibt erneut keinerlei Hinweise auf neue Tumore. Weder der Darm, wo ja der ursprüngliche Krebs auftrat, noch die Leber, die eineinhalb Jahre später betroffen war, zeigen irgendwelche Auffälligkeiten (abgesehen von den Operationsnarben). Im Medizinerdeutsch klingt das so:
  1. Keine Lebermetastasen. Subkapsuläre Zyste S4a ventral. Suszeptibilitasartefakte lateral am rechten Leberlappen nach Resektion zweier Metastasen.
  2. Kein Anhalt für ein locoregionäres Rezidiv bei Zustand nach Kolon-Ca links
  3. Milz, Pankreas, Nebennieren, Nieren (bis auf kleine Parenchymzysten), Lymphknotenstationen und kleines Becken regelrecht.
So. Diese guten Nachrichten wollte ich meinen  geschätzten Blogbesuchern,  die ja bei weitem nicht alle via Facebook mit mir verbunden sind, nicht vorenthalten.

Sicher verleihen solche konstant positiven Erkenntnisse von Untersuchung zu Untersuchung neuen Mut und Hoffnung, dass es auch weiterhin dabei bleibt, dass der Krebs besiegt ist. Aber Gewissheit gibt es natürlich nicht, das ist uns auch klar. Mit diesem Wissen lebt es sich anders, bewusster und dankbarer für jeden neuen Tag, jede neue Woche, jeden neuen Monat. Und das, liebe Blogbesucher, ist sogar sehr sehr gut so.
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Dienstag, 14. Juni 2016

Hörenswertes von Paul Simon und Bob Dylan

Bei Musik und Literatur gibt jede Rezension natürlich in erster Linie das subjektive Empfinden wieder. Was dem einen sein Mozart ist, ist dem anderen sein Brian Wilson. Und das ist auch gut so, dass die Geschmäcker sehr verschieden sind.
Zwei der drei großen jüdischen Musiker, die mich schon fast ein ganzes Leben erfreut haben, (Bob Dylan, Leonard Cohen und Paul Simon) lassen in diesen Wochen wieder mal neue Alben hören ... die beide auf ihre Art überraschen.
Meinen Senf dazu dürfen auch meine geschätzten Blogbesucher gerne lesen. Bitteschön:

1. Paul Simon - Stranger to Stranger
Beim ersten Anhören von »Stranger to Stranger« war ich leicht irritiert und sogar ein wenig enttäuscht. Bei den ersten sechs Titeln, vom Werwolf bis zur Parade, ist kaum eine Melodie auszumachen, die Instrumentierung beschränkt sich weitgehend auf Perkussionsinstrumente ... ein sehr ungewohntes Hörerlebnis. Bei Proof of Love schimmert dann erstmals der Paul Simon durch, den man seit Jahrzehnten kennt, aber das ist dann auch schon der melodischste Titel. Okay, zugegeben: Auch der Titelsong »Stranger to Stranger« hat ein Melodie, eine sehr schöne sogar, aber die schwebt melancholisch über elektronischen Klängen ... wie gesagt, leicht irritierend bei der ersten Begegnung mit der Platte. (Jawohl die gibt es auch auf Vinyl.)
Aber schon beim zweiten und dann bei jedem weiteren Hören gewinnt das Album und wird mehr und mehr zu einem in sich geschlossenen Kunstwerk, bei dem alles zusammen passt - wenn man sich auf Ungewohntes einlassen möchte. Das Ausbrechen aus Gewohnheiten war bei Paul Simon ja immer wieder der Fall, von afrikanischer Musik bei »Graceland« bis zu lateinamerikanischen Rhythmen und Instrumenten bei »Rhythm of the Saints«. Und nun überrascht er eben mit Klangteppichen und -gemälden, die überwiegend mit Perkussionsinstrumenten und Samples kreiert werden. Die sparsam geformten Melodien passen letztendlich genau hinein in dieses Gemälde. Und die Texte von Paul Simon sind wieder einmal voller feinem Humor (wie er sich beiläufig über Bob Dylan amüsiert ist köstlich) und perfekten Wortspielen (Saint Peter at the golden ... Wristband!).
Die Extras der Deluxe Edition ... nun ja. Eine aktuelle Version vom alten Duncan (klingt aber nicht wesentlich anders als die alte), eine Live-Aufführung vor fröhlichem Publikum von Wristband und ein paar Klangexpperimente, am Schluss dann Paul Simon (überwiegend) als Background-Sänger von Dion DiMucci bei »New York Is My Home«. Das wirkt wie ein Anhängsel an das in sich geschlossene eigentliche Album. Ganz nett, aber nicht unbedingt notwendig.
Alles in allem ist »Stranger to Stranger« für mich ein ganz und gar überraschendes und bei jedem Anhören kostbareres Album, das ich mit Sicherheit noch oft genießen werde. Daumen hoch! Und die Vorfreude auf das Konzert in Berlin im Oktober wird noch angestachelt.


2. Bob Dylan - Fallen Angels
Die Aufnahmen auf »Shadows in the Night« und auf diesem Album stammen aus der gleichen Zeit - offenbar hatte Bob Dylan mit seinen Musikern genug Material für ein Doppelalbum eingespielt, aber dann 2015 doch nur die erste Hälfte auf den Markt gebracht. »Fallen Angels« wird all denen bestens gefallen, die auch am vorigen Album Freude hatten.
Natürlich darf man eine klassische Interpretation der Jazz-Standards nicht erwarten. Bob Dylan interpretiert die Lieder auf seine Weise und der Musikstil ist eine Mischung aus Country und Folk, genau wie bei »Shadows in the Night«. Sparsam instrumentiert sind die Arrangements, aber das passt sehr gut zur Stimmung von »Fallen Angels«, die ich als heiter-melancholisch bezeichnen würde.
Bob Dylan hat schon immer gemacht, was er für richtig hielt, auch und gerade musikalisch. Das hat den Kritikern und Fans gelegentlich nicht gefallen - was aber an Dylans musikalischen Pfaden nie etwas geändert hat. Wer etwas wie »Like a Rolling Stone« erwartet oder »John Wesley Harding«, der wird von diesem Album enttäuscht sein.
Die Aufnahmen sind, wie zu erwarten, technisch hervorragend, vor allem die Stimme (und man höre und staune: Bob Dylan kann sogar Melodien singen, wenn er will!) ist sozusagen »hautnah« präsent. Gelegentlich ist seine Intonation ein wenig wackelig - aber für den (seinerzeit bei den Aufnahmen 74jährigen) Sänger war das ja schon immer beinahe ein Markenzeichen.
Alles in allem: Es macht (mir) Freude, dieses Album zu hören, auf dem kein einziger von Bob Dylan geschriebener Song zu finden ist. Wer sich auf diese eigenwillige Symbiose von Jazz, Country und Folkmusik einlassen möchte, wird den Kauf nicht bereuen. Für Fans des Bob Dylan aus der Rockmusik oder aus dem Bluesbereich ist dieses Album dagegen völlig ungeeignet - es sei denn, sie sind offen für ungewohnte Hörerlebnisse.


Montag, 13. Juni 2016

Was uns wirklich daran hindert, regelmäßig Sport zu treiben

Es gibt so viele Vorteile durch regelmäßigen Sport, von Krebsprävention und Vorbeugung gegen Herzkrankheiten, Gelenkverkalkung und Knochenbrüchigkeit sowie Gehirnerkrankungen bis zu einer leichteren Gewichtskontrolle, weniger Stress und mehr Glücksgefühlen ... warum ist es dennoch so schwer für manche Menschen, regelmäßiges Training zur festen Gewohnheit zu machen?
Letztendlich gibt es wirklich nur einen Grund. Um den geht es bei diesem Blogbeitrag.

Vielleicht meinen Sie, dass Sie zu beschäftigt sind? Wenn Sie Zeit, sagen wir einmal drei Stunden wöchentlich, mit sozialen Medien wie Facebook, Blogs, Netflix oder Youtube verbringen können ... dann haben Sie Zeit. Sie treffen lediglich die Entscheidung, andere Dinge zu tun.
Vielleicht sagen Sie aber auch, Sie seien zu müde. Das könnte durchaus zutreffen ... aber regelmäßiger Sport führt im Lauf der Zeit zu deutlich mehr Energie. Viele Menschen ziehen die kurzfristige Sicht (ich bin jetzt müde) vor, anstatt der langfristigen Perspektive (ich werde mehr Energie haben) den Vorzug zu geben.
Und das ist wiederum der Kern des Problems: Wir entscheiden uns, etwas anderes zu tun, anstatt Sport zu treiben. Es geht um eine Entscheidung, nicht um einen Mangel an Zeit oder Energie.

Und warum treffen wir diese Wahl gegen die sportliche Aktivität? Wenn wir ein wenig tiefer graben, kommen wir bei einem Glauben an, der unserer Entscheidung zugrunde liegt.
Ich zitiere hier den Clean Slate Blog, der den Mythos von Suchtverhalten anspricht, eine Krankheit zu sein. Stattdessen, so der Blog, sei »Drogen- oder Alkoholkonsum immer eine Entscheidung, der ein Sachverhalt zugrunde liegt: Die Menschen treffen die freie Entscheidung, Drogen und Alkohol zu sich zu nehmen, da sie zu dem Zeitpunkt, an dem sie es tun, glauben, dass es sie glücklich machen wird. Sie glauben in diesem Moment, es sei ihre beste Option, Glück zu finden.«
Und sinngemäß trifft das auch auf unsere Entscheidung zu, keinen Sport zu treiben.

Meine Erfahrung bestätigt das. Wir haben Glaubensüberzeugungen, die unser Verhalten beeinflussen, auch wenn wir nicht immer wissen, wie diese Überzeugungen eigentlich aussehen oder wo sie herkommen. Welche Überzeugungen bezüglich sportlicher Aktivität haben Sie, welche treibende Kraft prägt Ihre Gewohnheiten?

Einige Beispiele:

  • Sie glauben, dass Sport anstrengend ist, während Onlinevergnügungen einfacher und bequemer zu haben sind.
  • Sie glauben, dass Sie mit Ausruhen oder Berieselung durch Unterhaltungsmedien glücklicher sein werden, wenn Sie müde sind, als wenn Sie sich aufraffen und Sport treiben.
  • Sie glauben, dass Sie, weil Sie beruflich viel zu tun haben, glücklicher sein werden, wenn Sie auf körperliche Betätigung verzichten.

Sie werden das alles womöglich nicht laut aussprechen, vielleicht noch nicht einmal sich selbst gegenüber eingestehen. Aber Ihr Herz glaubt das (oder etwas ähnliches), und Sie handeln aufgrund dieser Überzeugungen.
Wenn es darauf ankam, haben Sie Entscheidungen auf diesen Glauben basierend getroffen. Und das ist es, was Sie daran hindert, regelmäßige Trainingsgewohnheiten zu entwickeln.

Hier ist die gute Nachricht: Glauben ist formbar. Glaubensüberzeugungen können durch den Verstand, den Geist geändert werden. Und dadurch, dass man den veränderten Überzeugungen Taten folgen lässt. Wir halten gerne fest an unseren Glaubensgrundsätzen, aber sie sind nicht in Stein gemeißelt. Sie sind nur in Ton geschnitzt.

Hier sind einige neue Glaubensgrundsätze, die Sie (wie ein neues Kleidungsstück) anprobieren können:

  • Ich bin glücklicher, wenn ich draußen bin und mich bewege.
  • Ich bin glücklicher, wenn ich regelmäßig trainiere.
  • Ich fühle mich stärker, leistungsfähiger, empfinde mehr Energie, weil ich regelmäßig Sport treibe.
  • Ich bin mit mir selbst viel zufriedener, nachdem ich trainiert habe.
  • Ich liebe das Gefühl nach einem guten Training, etwas geschafft zu haben.
  • Meine Gesundheit ist mir wichtiger als online zu sein oder vor dem Fernseher zu sitzen.

Falls Sie übrigens meinen, Sie seien zu alt, um beispielsweise mit dem Laufsport anzufangen: Ich bin 1955 geboren. Wirklich regelmäßiger Sport war mir (abgesehen von der Kindheit) bis 2011 fremd, von einigen vorübergehenden Monaten des Aufraffens zwischendurch abgesehen.
Bis 2012 im März, als bei mir Darmkrebs festgestellt wurde, habe ich darüber hinaus geraucht.
Die kleine Grafik zeigt, wie sich in den letzten zweieinhalb Jahren (bis jetzt, Mitte Juni 2016) meine Leistungsfähigkeit beim Laufen entwickelt. Obwohl angeblich mit zunehmendem Alter die Leistungsfähigkeit abnimmt.
Na? Glauben Sie wirklich, sie seien zu alt?

Sprechen Sie sich selbst die neuen Glaubensgrundsätze zu. Schreiben Sie sie auf. Setzen Sie sie in die Tat um, und konzentrieren sich auf die Erlebnisse und Empfindungen, die ihren Wahrheitsgehalt unterstreichen.
Es braucht ein wenig Zeit, um neue Überzeugungen zu schaffen, aber was Sie dabei wirklich tun, ist dass Sie sich selbst als erneuerte Person sozusagen neu erschaffen. Die alten, schädlichen Überzeugungen zu entsorgen und neue zu erschaffen - diese Mühe ist Ihnen Ihr Leben doch bestimmt wert?

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P.S.: Falls Sie an meinen persönlichen Erlebnissen zum Thema gesünderes und glücklicheres Leben Interesse haben, empfehle ich dieses Buch:

Montag, 30. Mai 2016

Herzlichen Dank!

jo20163

Es war ein Joggathon unter erschwerten Bedingungen – und dennoch (oder gerade deshalb?) ein Erfolg. Was so ganz leicht von der Hand geht ist ja nicht unbedingt eine Leistung, an die man sich später erinnern wird.

jo2016Schwüle Hitze (28 Grad Celsius im Schatten, so gut wie keine Luftbewegung), ein fast die ganze Zeit wolkenloser Himmel und dann eine Verzögerung des Starts um 45 Minuten, in denen die Läufer ohne mit Wasser versorgt zu werden in der prallen Sonne warteten … nicht gerade die idealen Bedingungen für die Stunde Laufen auf dem Rundkurs ohne Schatten. Wir waren wohl so gut wie alle schon vor dem Start ziemlich erschöpft. Nun kann natürlich niemand etwas für das Wetter, aber solche Dinge wie rechtzeitig am Start einen Tisch mit Wasser für die Teilnehmer aufstellen oder für einen pünktlichen Beginn sorgen, das wäre vorteilhaft gewesen. Doch will ich nicht meckern – es hat mich ja niemand zur Teilnahme gezwungen und letztendlich überwiegen die positiven Ergebnisse und Erlebnisse an solch einem Tag dann doch trotz der Strapazen.

Geschafft habe ich in der Stunde (plus Auslaufzeit von drei Minuten) lediglich 10 Runden (9.300 Meter), was deutlich hinter meinen aktuellen Leistungen zurückbleibt (mit zwölf Runden hatte ich gerechnet), aber andererseits ist das für einen 60jährigen nach zwei schweren Krebsoperationen und Chemotherapie in den letzten vier Jahren eine respektable Leistung, für die ich dankbar bin wie überhaupt für die mir verliehene Gesundheit und Kraft. Und nach einer solchen Anstrengung um so dankbarer, denn das Durchhalten fiel manch einem gesunden und jungen Menschen deutlich schwerer als mir. Mein Freund Jens lief wieder, zum vierten Mal, an meiner Seite, denn geteilte Anstrengung ist mehr oder weniger halbe Anstrengung. Zumindest fühlt es sich so an. Danke, Jens!

Durch die Zusagen meiner Sponsoren, denen ich hier gerne und ausdrücklich und herzlich danken will, konnte ich mit meinem Lauf immerhin 106,10 Euro zum guten Zweck der Veranstaltung beitragen. Liebe Sponsoren, danke, dass ihr meinen Lauf und meinen Durchhaltewillen in der Hitzehölle durch eure Spendenzusagen angespornt habt.

Insgesamt waren, so der Veranstalter, 125 Läufer am Start und der Spendenerlös beträgt dank der 310 Sponsoren erfreuliche 13.401,96 Euro! Na wenn das kein Erfolg ist angesichts der widrigen Umstände, unter denen ja alle Läufer zu leiden hatten! Der älteste Teilnehmer übrigens war 80 Jahre alt und schaffte, falls ich mich recht erinnere, immerhin acht Runden. Hut ab!

Und nicht zuletzt ein herzliches Dankeschön an die vielen freiwilligen und ehrenamtlichen Helfer … vom Kuchenbacken bis zur Wasserausgabe, vom Rundenzählen bis zum Druck der Urkunden und viele weitere Tätigkeiten – das habt ihr großartig gemacht!

Das Foto oben zeigt uns vor dem Start, als wir noch glaubten, es ginge pünktlich los. Das Foto rechts erklärt sich selbst, hoffe ich: Jeder Tropfen Wasser unterwegs war ein Segen! Und unten (dann wieder halbwegs erholt) der Moment nach der Urkundenverleihung.

Wenn mir weiterhin Gesundheit verliehen wird, werde ich (hoffentlich unter besseren äußeren Bedingungen) wieder dabei sein, wenn es am 28. Mai 2017 heißt: Start frei für den Joggathon Berlin!

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Montag, 9. Mai 2016

Joggathon 2016–wer wird noch Sponsor oder Läufer?

Joggathon 2015Dies ist meine zweite und für dieses Jahr auch letzte Einladung, mich beim Joggathon 2016 wieder als Sponsorin oder Sponsor anzufeuern oder sich selbst das Vergnügen zu gönnen, mitzulaufen. Ich will ja nicht rumnerven … wer mein Sponsor werden mag, ist hiermit erneut eingeladen und damit ist es dann auch gut. Das Geld kommt wie immer nicht mir (oder anderen Läufern), sondern drei guten Zwecken zugute. Die wichtigsten Informationen hatte ich bereits kürzlich auf diesem Blog zusammengestellt: [Sonntag, 29. Mai 2016: Joggathon]

Inzwischen sind auch die begünstigten Projekte des diesjährigen Spendenlaufes bekannt, die kann man in der Broschüre nachlesen, die leider vom Veranstalter »Flyer« genannt wird, aber trotzdem in deutscher Sprache informativ ist: [Joggathon 2016 – alle Informationen]

Wer selbst mitlaufen möchte, kann sich die Anmeldeliste herunterladen und dann per Email (joggathon@johannesgemeinde-berlin.de) einsenden – auf der Liste steht zwar etwas von »online übertragen«, aber die Funktion ist nirgends zu finden.  Hier das Formular: [Anmeldeliste]

Soviel dazu – und nun bin ich gespannt, wer mich als Sponsor anfeuert und/oder wen ich vor Ort beim Laufen sehen werde.

Wer mein Sponsor oder meine Sponsorin werden möchte, melde sich bitte per Email gjmatthia ät gmail punkt com (oder Facebook-Nachricht). Danke!

Ich freue mich auf das Ereignis!

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