Mittwoch, 12. September 2007

Ruhe

Heute schweigt der Blog. Wenn jemandem deshalb langweilig sein sollte, ein paar Tipps. Man kann, statt meinen Blog zu lesen, zum Beispiel:

Dienstag, 11. September 2007

Über das Schreiben 1

Mit diesem Beitrag starte ich eine kleine Serie über das Schreiben, in der ich häufig gestellte Fragen aufgreife. Das erste Thema:

Außen pfui, innen hui?

Am Sonntag nach dem Gottesdienst saßen meine Frau und ich so lange mit einer Autorin beim Kaffee, dass die Kinder unserer Gesprächspartnerin trotz Limonade und Süßigkeiten ungeduldig wurden. Wir waren ins Gespräch gekommen, weil ich eine Neuerscheinung aus einem Verlag auf dem Tisch liegen hatte, der permanent inhaltlich gute Bücher herausbringt, die sich durch handwerkliche Mängel auszeichnen. Das ist, mit Verlaub, leider bei frommen Publikationen häufig der Fall.

Nicole B., so heißt die Autorin, hat das an einem eigenen Werk erlebt. Daraus ein winziges Beispiel von leider sehr vielen:

Diese Lasten abzuwerfen, das ist es , was die Seele begehrt.

Dass es zwischen Wort und Satzzeichen in der deutschen Sprache unter keinen Umständen ein Leerzeichen gibt, egal ob Komma, Doppelpunkt, Semikolon, Ausrufe- oder Fragezeichen, sollte ein Verleger (oder zumindest sein Lektor) wissen. Und er sollte darauf achten, dass sich solche Schlampereien nicht in Büchern aus seinem Verlag finden lassen.

Nicole erzählte, dass sie keine Datei, sondern Papier abgeliefert habe. Sie beherrscht die deutsche Sprache. Irgendjemand, der das offenbar nicht von sich sagen kann, hat das Manuskript abgetippt und dabei den Text mit zahlreichen Fehlern garniert: Abstände zwischen Wort und Satzzeichen, Zeilenwechsel, wo keine hingehören, allerlei falsch geschriebene Worte... Sie bekam keine Gelegenheit, das Buch vor dem Druck noch einmal in Augenschein zu nehmen und war entsetzt, als sie das Ergebnis in Händen hielt.

Inzwischen publiziert sie über einen anderen Verlag und hat beachtliche Verkaufserfolge, eine eigene Radiosendung und viele künftige Projekte im Kopf.


Wir unterhielten uns über die Frage, ob guter Inhalt schlechte Form rechtfertigt beziehungsweise entschuldigt. Wir waren der gleichen Meinung: Nein. Ein gedrucktes Buch ist kein schnell mal eben hingetippter Beitrag in einem Internet-Forum oder Blog, und ein gedrucktes Buch, dessen Autor evangelistische Intentionen verfolgt, sollte erst recht ansprechend und handwerklich einwandfrei sein. Andernfalls wird ein Leser von vorne herein mit der Botschaft konfrontiert: Wir geben uns keine Mühe, ordentlich zu arbeiten, möchten aber, dass Du dich trotzdem für unseren Glauben interessierst.

Natürlich kostet mehr Qualität mehr Geld. Einen ehrenamtlichen Lektor, der Rechtschreibung und Ausdruck beherrscht, wird man mit der Lupe suchen müssen. Einen Layoutexperten, der auf Gestaltung und ansprechende Form achtet, muss man in der Regel entlohnen. Und angesichts leerer Kassen in christlichen Verlagen ist das oft nicht finanzierbar.

Also opfert man die Qualität, um überhaupt etwas publizieren zu können. Und daraus folgt der schlechte Ruf, den „fromme“ Produktionen zumindest bei denjenigen haben, denen es nicht egal ist, auf welche Weise ihnen der Inhalt präsentiert wird.

Es gibt bei aller Sparsamkeit jedoch Abhilfe. Je fehlerfreier der abgelieferte Text ist, desto entbehrlicher werden Korrekturen. (Nicole hat zwar ihr fehlerfreies Manuskript nicht geholfen, weil die Fehler alle vom Verlag stammten, aber sie hat daraus gelernt, darauf zu bestehen, dass sie persönlich vor dem Druck eines Textes die Freigabe erteilt.)

Mir unterlaufen Tippfehler, keine Frage. Ich bin dankbar, wenn Leser mich darauf hinweisen, denn ich bin daran interessiert, möglichst gute Qualität anzubieten. Manchen Fehler sieht man einfach selbst nicht, und wenn man den eigenen Text fünfmal liest. Einem Leser fällt dann sofort ins Auge, was der Aufmerksamkeit des Autors entgangen ist.

Daher mein Tipp Nummer 1 zum Schreiben: Lesen lassen!

Das beinhaltet, Kritik zu suchen und anzunehmen. Man sollte die Testleser ausdrücklich darum bitten, auf formale und inhaltliche Mängel zu achten und diese auch zu nennen, statt aus Angst, der Autor könne verletzt sein, nur Lobeshymnen anzustimmen.


Frage vornehmlich an die Leser, die selbst keine Autoren sind: Entschuldigt guter Inhalt schlechte Ausführung? Autoren dürfen natürlich ebenfalls antworten.

Montag, 10. September 2007

Eva Herman

Sie war ungeschickt, als sie die Nazizeit mit der Vorstellung ihres neuen Buches in Verbindung brachte. Kein Mensch interessiert sich dafür, dass sie seit langem mit Laut gegen Nazis unmissverständlich klar gemacht hat, dass ihre Sympathie dem braunen Sumpf nicht gehört. Eine ungeschickt formulierte Äußerung hat sie nun den Job beim NDR gekostet. Ich frage mich: Ist das Ursache oder Wirkung?

Eva Herman macht kein Hehl daraus, dass sie gläubig ist. Auf ihrer Homepage nennt sie unter Was mir wichtig ist an erster Stelle:

Das Gespräch mit dem Schöpfer. Seine Liebe und sein Geleit.

Die Frage Was ist Liebe? beantwortet sie:

Das größte Geschenk Gottes.

Eva Herman bezeichnete sich im Interview mit dem Christlichen Medienmagazin pro selbst als Christin. In ihren Texten spricht sie von einer „schöpfungsgewollten Aufteilung“ der Geschlechter. Würden diese Prinzipien eingehalten, habe das „in aller Regel dauerhafte Harmonie und Frieden in den Familien zur Folge“.

Da ich ihre Bücher nicht gelesen habe, weiß ich nicht zu sagen, inwieweit ich mich Eva Hermans Gedankengängen anschließen würde. Was ich über ihre Bücher gelesen habe, scheint mir richtig: Sie verweist auf Werte, die verloren gegangen sind.
Anstatt, wie so viele gerade im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, lauthals über Gewalt an den Schulen, Jugendkriminalität, Drogen- und Alkoholmissbrauch, Leistungsunfähigkeit und Ziellosigkeit zu lamentieren, bietet Eva Herman zumindest einen Weg an, der solch verpönte Dinge wie Mutterschaft, Verantwortung für die Kinder, Familienzusammenhalt und unterschiedliche Aufgaben für Mann und Frau in der Ehe einschließt.

Das darf man/frau als Angestellte eines öffentlich-rechtlichen Senders natürlich nicht ungestraft laut sagen. Das wäre ja unerhört, wenn jemand unter den Moderatoren eine eigene, öffentlich geäusserte Meinung hätte, die vom 68er Menschenbild abweicht...

Ich werde den Verdacht nicht los, dass die angebliche Ursache für den Hinauswurf nichts anderes war als ein vorgeschobener Grund. Es bleibt zu hoffen, dass gerade durch diesen mediengemachten „Skandal“ die Bücher um so mehr Leser finden.

Bob Cohen, Leonard Dylan

Mir geht's wie dem Herrn, der hier erneut abgebildet ist, Lieder und Musik haben mich immer inspiriert.


Bei dem Fragment ohne Titel habe ich das auf die Spitze getrieben und bin gelegentlich beängstigend nah an den Liedtexten geblieben. Ein Leser bat mich, für die jüngeren Zeitgenossen aufzuzählen, wo die Inspirationen (bisher) herkamen.

Ich nehme an, dass noch weitere Lieder auf Teil 1, Teil 2 und Teil 3 abgefärbt haben, ohne dass ich es bewusst so gewollt habe; hier die Titel, die ich identifizieren kann:

Ich überlasse es dem Spürsinn des interessierten Lesers, herauszufinden, welche Zeilen aus den Texten sich wo in meiner Erzählung niedergeschlagen haben. Lediglich zum Wigwam, das ausser la la la la la la la la la keinen Text hat, sei verraten: Die Melodie scheint mir der zu gleichen, die der Klarinette entweichend Erinnerung zurückholt.

Sonntag, 9. September 2007

Mitteilungsbedürfnis



In der Kirche St. Jakobi zu Lübeck habe ich im Sommer 2007 das reichlich bunte Mitteilungsbedürfnis der Besucher fotografiert. Eigentlich sollten Gebete auf das weiße Tuch geschrieben werden, aber mancher hat wohl eher, des Lesens unkundig oder unwillig, ein Gästebuch vermutet. So mischen sich Mitteilungen an Gott (Gebete) mit allerlei anderen Verlautbarungen.

Gott mit uns
Liebe das Leben und dann liebt es auch dich.
Free speech for the dumb!
Ich war hier am 4. 7. 07. Lena Deges
Jesus was a punk!
Der Baum der Zeit lässt uns nicht vergessen.
Danke fürs Leben!
Kettu!
Ich wünsche mir, dass die Menschen, die die Kraft aus der Stille und Langsamkeit schöpfen, zahlreicher werden.
Pax omnia rerum
Ingrid Wendt ist freggle friend
Der Baum ist die Flüssigkeit die uns erhält.
Lieber Gott, beschütze und erlöse unsere Mutti und Omi.
Das Leben kann schön sein ohne Krieg
...

Das hat mich daran erinnert, dass Gott, der zahlreiche Gebete und Äußerungen und Mitteilungen gleichzeitig hört, darunter auch meine, mit dem menschlichen Verstand nicht fassbar ist. Ich habe schon Verständnisprobleme, wenn zwei Menschen gleichzeitig Verschiedenes sprechen. Gott darf ich auch ansprechen, wenn gleichzeitig 10, 100, 1000, 10000, 100000 oder noch mehr Menschen mit ihm reden. Er versteht nicht nur, sondern handelt auch.

Samstag, 8. September 2007

108 Minuten Urlaub


Heute gönnte ich mir 108 Minuten Urlaub. Das geht so: DVD einlegen, Kopfhörer aufsetzen, auf dem Sofa hinflegeln und Start auf der Fernebdienung drücken. Und schon bin ich in New York beim Benefizkonzert für das Crossroads Center in Antigua. Zusammen mit Eric Clapton und Bob Dylan. Und Steve Gatt. Und Sheryl Crow. Und Mary J. Blige. Und vielen anderen.

Wer auch 108 Minuten Urlaub will, sollte sich die unbedingt sehens- und hörenswerte DVD zulegen: Eric Clapton & Friends in Concert

P,S,; Da bei Auftritten von His Bobness Kameras tabu sind, habe ich einfach ein Foto von meinem Fernseher gemacht. Das darf man doch, oder?

habemus fragmentum continuum

So, nun also geht das Experiment mit dem Fragment weiter. Oder zu Ende. Das, was hier folgt, kann sowohl als drittes Drittel die Erzählung (hier Teil 1 / dort Teil 2) beenden als auch die Türe für das Weiterschreiben öffnen.
Der aufmerksame Leser der Kommentare zu den ersten Teilen wird bemerken, dass ich mich durchaus habe von dieser und jener Anmerkung inspirieren lassen. Das war (und ist, falls es weiter geht) ja der Sinn des öffentlichen Schreibens.

So genug vorgeredet, hier ist der vorgestern und gestern entstandene Text, als Brücke wieder die letzten paar Worte aus dem vorigen Teil:

...Sie folgt den Spiralen der Stufen und erreicht das zweite Obergeschoss, will umkehren, zurück auf die Veranda, den Blick hinaus richten. Die Augen ihn erforschen lassen. Vergangenheit zurückholen, Zukunft ermöglichen.

Der schwere Schlüssel öffnet ihre Türe und ein leichtes Beben unter ihren Füßen fordert Aufmerksamkeit.

...

Er blickt auf seine Fingernägel und sieht sie brüchig. Sind all seine Schiffe verbrannt? Was ist ihm geblieben? Ein fremdes Land, kalt findet er es, klimatisch und auch sonst. Nicht, dass die Menschen unfreundlich wären, doch wird er nie zu Hause sein in Deutschland, und kann auch in die Heimat nicht zurück. Er löst sich von dem Blick aufs Meer und blickt hinauf zum zweiten Stock, wo sie ihr Zimmer hat.

...

„Konstantinos“, murmelt sie, „Konstantinos Sourvanos. Wer bist du?“ Sie mustert sein Gesicht, vergrößert durch die Linsen. Das Fernglas hat sie einst, in jenem anderen Leben, in jener nebelhaften Vergangenheit, im Laden ihres Vaters mitgenommen. Angeblich sei es einst das Eigentum von Carl Zeiss gewesen, hatte er erklärt, ein Einzelstück, von Hand gefertigt, dann verpfändet und nie eingelöst. Es gab auch einen Pfandschein aus dem Jahr 1849, ein August Löber hatte säuberlich quittiert, im Auftrag und mit Vollmacht seines Meisters Carl Zeiss zu handeln. Ihr Vater hatte ihr, zu größter Behutsamkeit mahnend, das Unikat für ein Wochenende anvertraut, sie konnte es jedoch nicht wieder in seine Hände legen. Es war das einzige Erinnerungsstück, das ihr ans Elternhaus geblieben war.

Er schaut hinauf zu ihr. Kann er sie sehen, wie sie ihn betrachtet? Forscht er in den Schatten seiner Vergangenheit nach ihr wie sie nach ihm?

...

Er meint, eine Silhouette wahrzunehmen, doch sicher ist er nicht, die Sonne spiegelt sich und verwehrt den Blick auf seine namenlose Göttin. Er wendet sich dem Eingang zu und fragt sich, ob das Beben unter seinen Füßen wirklich da gewesen war. In einer anderen Region, auf einem anderen Kontinent wäre seine Aufmerksamkeit erwacht, doch hier muss niemand damit rechnen, dass Festgefügtes auseinander bricht. Er tritt in die Lobby und nickt dem alten Herrn zu, der an der Rezeption auf irgend etwas warten mag.

Er lässt den Fahrstuhl unbeachtet und steigt in Gedanken tief verloren die vom Teppich weichen Stufen empor. Im zweiten Stock passiert er ihre Zimmertür und horcht, doch ist kein Laut vernehmlich. Er möchte klopfen, doch kann er keinen Grund ersinnen, ein solches Verhalten zu erklären. So geht er weiter, schließt die letzte Tür im Gang auf und meint erneut, ein Beben zu empfinden. Er blickt zurück, den Flur hinunter. Ihm ist, als sei der Kronleuchter in Bewegung. Soll er zurück, das Haus verlassen? Soll er verweilen und beobachten? Droht ihm Gefahr, droht ihr Gefahr? Er könnte nun mit gutem Grunde klopfen, die Göttin fragen, ob die Erde bebt. Er steht vor seiner Zimmertür und hört Musik.

...

Sie spielt auf ihrer Klarinette, improvisiert, lässt Töne kommen, wie sie möchten und entlässt sie in die Atmosphäre, wo sie sind und schon vergehen. Dennoch sind sie nicht flüchtig, verweilen im Gedächtnis, länger oder kurz, vielleicht für immer. Sie spielt seit ihrer Kindheit, und oft kommt eine Melodie zum Vorschein, die sie beim Hören wiedererkennt.

...

Er lauscht und weiß, wer seine Göttin ist. Erkennt die Folge der verspielten Klänge, sieht sich zu ihren Füßen sitzen. Ein stiller See, zwei Menschen bergen sich im Schatten eines Baumes. Er liegt entspannt, vom Bad noch feucht, sie steht und schaut ins Unbestimmte, die Klarinette scheint zu leben. Auf ihrer Haut sind Wasserperlen, ihre Haare tropfen, sein Blick kann sich nicht lösen. Spielt sie für ihn? Für sich? Für niemanden? Für die ganze Welt? Er sieht sie nur von hinten, doch er weiß, dass sie den Blick auf ihre Schönheit spürt. Er legt sich hin, die Augen lassen keinen Augenblick von ihr. Die Melodie spricht mehr als tausend Worte. Sie flüstert Liebe, sie haucht Zärtlichkeit.

Sein Leben lang hat sie ihn begleitet, ein Wunder, ein Phantom der Jugendzeit. Vergessen und doch immer da. Warum hat es so lang gedauert, sich zu erinnern? Warum bringt die Musik zurück, was das Gesicht, was die Gestalt nur ahnen ließ? Er hebt die Hand, um an die Tür zu klopfen. Dann zögert er erneut. Wie kann man solches Spiel der Töne und des Atems unterbrechen?

...

Sie schließt die Augen und sie sieht ihn hingestreckt im Gras. Wie lange ist es her, dass er zu ihren Füßen lag? Vor wie viel Tausenden von Atemzügen spielte sie für ihn, was sie mit Worten nicht zu sagen wusste?

Sie spürt den Blick, und nichts daran ist ihr zuwider. Er darf betrachten, er darf träumen, er darf fühlen. Er ist der erste, dem sie sich zu schenken wünscht, und sie weiß auch, dass sie und er an diesem Tag die Welt besitzen. Sie lässt die Melodie versiegen, die Klarinette sinken. Sie dreht sich zu ihm um. Adam und Eva, ohne Schuld und Scham im Garten. Sein Körper ledig aller Kleidung so wie ihrer. Sein Herz gefangen so wie ihres vom Moment. Zwei Seelen, die in ungetrübter Wahrheit zu einander streben.

...

Er klopft, als die Musik verklungen ist. Sie öffnet ohne Zögern, er sieht die Tränen, die sie wegzuwischen nicht für nötig hält.

„Susanne, wo warst du so viele Jahre?“ Seine Stimme zittert.

Sie haucht mehr, als dass sie spricht: „An keinem Ort, der erwähnenswert sein könnte.“

„Du hast dich verändert.“

„Vermutlich.“

„Du warst fort.“

„War das nicht unvermeidbar?“

Er hört sich sagen: „Bleibst du bei mir?“

...

Sie hört sich sagen: „Wenn du es möchtest, ja.“




Freitag, 7. September 2007

Endlich!

Wie lang wurde mir doch das Warten. Nun ist es so weit: Ab 19. September gibt es wieder die Theme Time Radio Hour. Heureka!

Wie lang wurde doch manchem das Warten. Nun ist es so weit: Morgen gibt es ein weiteres Fragmentstück. Also schnell noch mal Teil 1 und Teil 2 lesen und flugs die Messer wetzen, um über den Autor herzufallen. Oder die Blumen bereitstellen. Heureka!

P.S.: Bild gemopst von XM-Radio.
P.P.S.: Die ersten 50 Theme Time Radio Hours verpasst? Immer noch der Meinung, Bob Dylan ain't talking? Na so was. Hier gibt's Nachhilfe: Das Archiv

Erfüllte postchristliche Hoffnungen

Gestern und vorgestern war von meiner postchristlichen Hoffnung trotz diesem und jenem, was ich beobachte, die Rede. Ich habe eher von negativen Beobachtungen und Erlebnissen berichtet. Es gibt aber auch vieles, was die Hoffnung auf eine andere Kirche / Gemeinde nährt, oder sie bereits sichtbar macht. Im Fitnesscenter zu Köln zum Beispiel:

Da meinte der Typ zu mir: "Ist ja interessant, ich hab früher auch mal an Gott geglaubt!" Und plötzlich hör ich mich sagen: "Ja ich weiß, Du bist als Zeuge Jehova aufgewachsen und Deine Eltern sind da immer noch, stimmts?". Im selben Augenblick hätte ich bei mir am liebsten die Rückwärtstaste gedrückt. Wie komm ich denn bitte auf so eine Aussage? Aber der Typ sah mich genauso verdutzt an, wie ich ihn und meinte etwas fassungslos: "Ja das stimmt! Aber woher weißt du dass denn bitte?". "Äh, weis ich jetzt auch nicht. Äh, aber vielleicht hat mir das Jesus gerade gesagt?!" Naja, Du kannst Dir vorstellen, wir hatten danach ein superheftiges Gespräch über Gott, er hörte mit gebannten Ohren zu, wie ich meine Bekehrungsgeschichte erzählte und wie man Christ wird.

Der ganze Bericht ist bei Martin Dreyer zu finden, und zwar hier: ...im Fitnesscenter

Wäre ich ein Jesus-Freak, würde ich vermutlich in etwa kommentieren: "Wie geil ist denn das! Krass, mann! Oberhart!" ... oder so ähnlich. Damit ich mich nicht blamiere (man sollte eine Sprache beherrschen, in der man sich zu artikulieren wünscht), möchte ich lediglich meine Freude äußern und hoffen, dass so etwas mehr und mehr zum Alltag von uns allen wird. Ob Fitnesstudio oder Disco, Aldi oder Schulhof, Firma oder Urlaub.

Donnerstag, 6. September 2007

Weitere postchristliche Hoffnungen

Ein Beitrag von Don Ralfo hat mich daran erinnert, wie es damals war, als wir Jesus-People genannt wurden. Wir machten Fehler und wurden Opfer von Fehlern, das eine mag häufig das andere verursacht haben. Die Folgen waren leider manchmal unumkehrbar. Don Ralfo berichtet über Manfred; ich könnte zahlreiche ähnliche Begebenheiten erzählen.

Wir hatten Ambitionen, waren mit Wasser und Geist getauft und wollten unsere Generation für Jesus gewinnen. Dabei blieben etliche aus unseren Reihen auf der Strecke. Warum?
Ich meine, dass unser größtes Problem ein Vakuum war, wo geistliche Eltern hätten sein müssen. Geistliche Zuchtmeister und Lehrer gab es genug. Von den langen Haaren angefangen über die Kleidung bis zum Musikgeschmack wurden wir belehrt und kritisiert. Mit Argumenten, für die sogar Bibelzitate aus ihrem Zusammenhang gerissen als Beleg herhalten mussten.

Die Bibel sagt, dass Frauen keine Männerkleidung tragen dürfen. Wenn du als Junge lange Haare hast, ist das genau das selbe.

Mehr als einmal habe ich so etwas gehört. Noch und noch. Wieder und wieder. In vielen Varianten.

Ein Christ raucht nicht.
Ein Christ hört nicht die Beatles.
Ein Christ masturbiert nicht.
Ein Christ liest keine Bücher von XYZ.
Ein Christ...

Was unterscheidet Eltern von Zuchtmeistern und Lehrern? Doch wohl die Liebe, die sich auch in Annahme äußert. Trotz der Fehler, die ein Kind macht, trotz des unmöglichen Benehmens, trotz der Wissenslücken werden Eltern ihr Kind nicht hinauswerfen, sondern trotz und bei aller notwendigen Belehrung und aller berechtigten Kritik werden sie vermitteln: Du bist geliebt, so wie du bist, ohne Abstriche. Du musst nicht erst was leisten und beweisen, bevor du angenommen und geliebt wirst.

Es gab etliche Gemeinden und Kirchen, in denen wir nicht willkommen waren. Missbilligende Blicke, gerümpfte Nasen, demonstratives Abrücken waren noch die harmlosen Reaktionen. Selbst in Gemeinden, die etwas toleranter waren, blieben wir unter uns, als "Jugend" isoliert und selten ernst genommen.
Natürlich ist das nicht rundum verkehrt. Jugendliche wollen ja unter sich sein, Erwachsene sind nicht jederzeit willkommen, das ist auch gut so. Aber wenn es ringsum nur oder überwiegend abweisende, ablehnende Erwachsene gibt, dann ist das nicht mehr gut so. Dann kann man nämlich niemanden um Rat fragen, um Hilfe bitten. Einen Lehrer oder Zuchtmeister wird man nicht bezüglich innerer Nöte und quälender Ungewissheiten befragen, man würde ja doch nur eine weitere Moralpredigt zu hören bekommen.

Ich hatte einen Großvater, Pastor von Beruf, bei dem ich jederzeit in jedem Zustand willkommen war. Mit allen Fragen, Zweifeln, aller Rebellion und allem Frust. Mein Großvater hieß nicht alles gut, was ich dachte oder tat, aber ich wusste immer, dass seine Liebe nicht gemindert war, wie unmöglich ich mich auch aufführte.
Einige von uns blieben auf der Strecke, wie der Manfred, von dem Don Ralfo berichtet. Wären da geistliche Eltern gewesen, hätte manches Scheitern verhindert werden können. Aber da war niemand, der einen Ausweg geöffnet hätte.

Meine Hoffnung ist, dass wir, die Jesus-People von damals, nicht die Fehler wiederholen, die wir erlebt haben.
Zum Beispiel las ich neulich einen gehässigen Kommentar über die Jesus-Freaks, sinngemäß stand da, dass die Fäkalsprache dieser Leute ja wohl Indiz genug sei, dass sie einem "Geist von Unten" angehören würden. Ich hörte vor einigen Wochen, wie jemand nach dem Gottesdienst einem Jugendlichen mitteilte, er solle sich erst anständig kleiden, bevor er anderen von Gott erzählen will. Ich erinnere mich mit Grausen an den Kommentar "...also in meiner Bibel steht nichts von wilder Ehe" zum Bekehrungsbericht einer jungen Frau, die voller Freude erzählt hatte, wie sie und ihr Lebensgefährte Jesus kennen gelernt hatten - ohne verheiratet zu sein...

Wir brauchen in unserer postchristlichen Zeit eine Gemeinde, in der Menschen willkommen sind, so wie sie kommen. In der sie zunächst geistliche Milch, dann geistlichen Haferbrei, später geistliche Steaks oder Pizza bekommen, ob nun Harry Potter in ihrem Bücherregal steht oder nicht. Sie werden sich, Annahme und Liebe vorausgesetzt, früher oder später aus freien Stücken von ihm verabschieden. Ich hoffe, dass eine solche Gemeinde entsteht.