Donnerstag, 19. November 2009

Senn! Satz! Jo! Nell!

In leicht überarbeiteter Form und am Stück statt in sieben Teilen gibt es Die Entblößung jetzt auf meinem anderen, den längeren Texten gewidmeten Blog. Und auch gleich als PDF-Dokument für Mitmenschen, die lieber Drucken und Lesen als Scrollen und Lesen.

dekEin einziger Klick aufs Bild führt zum Ziel, falls das Ziel die Entblößung des Stephan Haberling sein sollte. Dort enthülle ich ganz am Schluss auch, ob ich bereits eine Handlung im Sinn hatte, als das Experiment mit den Leserentscheidungen begann. Ist das nicht sensationell?

Mittwoch, 18. November 2009

Siegfried Lenz: Landesbühne

Manchmal kann die Wahrheit nur erfunden werden. Siegfried Lenz

lenzlandesb Buchhandlungen üben auf uns einen magischen Reiz aus. Sie zwingen förmlich zum Betreten, umschauen, in Büchern schmökern und letztendlich gehen wir so gut wie nie ohne neue Lektüre wieder hinaus. So auch kürzlich in einer hübschen kleinen Stadt in Westfalen. Wir betraten eine Buchhandlung und später lag das abgebildete Werk auf dem Nachttisch im Hotel.

Bei den Neuerscheinungen suchte ich eigentlich nach Hellmuth Karaseks neuem Buch Ihr tausendfaches Weh und Ach, fand es jedoch nicht. Ich hätte gerne ein paar Seiten gelesen, um mir ein eigenes Bild zu machen. Die Kritiken sind außergewöhnlich zwiespältig. Aber es hat nicht sollen sein, das Buch war nicht zu finden. Die Verkäuferin erbot sich, es zum nächsten Tag zu bestellen, was ich dankend ablehnte.
Statt dessen wurde ich eines Buches gewahr, das seit einigen Wochen auf meiner Wunschliste stand: Landesbühne von Siegfried Lenz. Auf diesem Blog hatte ich sein voriges Buch, Schweigeminute, sehr gelobt und war gespannt, ob auch dieses Werk so bezaubernd ist.

Gleich vorweg will ich nicht verbergen, dass Schweigeminute auf Platz 1 meiner liebsten Siegfried Lenz Bücher bleibt. Das heißt aber nicht, dass Landesbühne etwa ein schlechtes Buch sei. Nein, es ist ein sehr gutes Buch. Nur eben nicht das beste.

Der Ich-Erzähler ist ein echter Professor der Germanistik, und er sitzt für 4 Jahre im Gefängnis von Isenbüttel. Am Anfang der Novelle rollt ein Bus der Landesbühne auf den Hof und damit beginnt eine Posse, die unterhaltsam, tiefgründig und aberwitzig zugleich ist. Gelegentlich schon kafkaesk anmutend entfalten sich die Ereignisse. Der Professor folgt scheinbar willenlos seinem Zellennachbarn Hannes und einigen Mitgefangenen in den Bus und - die Aufseher sind etwas nachlässig bezüglich ihrer Dienstauffassung - in die Freiheit. Jenseits der Gefängnismauern warten unter anderem ein Nelkenfest auf gesanglichen Beitrag der Ausreißer, ein Heimatmuseum auf Gründung und eine Volkshochschule auf einen Professor, der sie ins Leben ruft…

Der Chor sang vermutlich gerade Wem Gott will rechte Gunst erweisen, und da sie bei dem Wort ‚Gott’ das Blitzlicht traf, bildeten ihre Münder ein ebenmäßiges dunkles Loch.

Rund 130 Seiten hat diese Buch, ein eher schmales Werk also, und ich ertappte mich dabei, immer langsamer zu lesen, je mehr Seiten sich links und je weniger sich rechts befanden. Siegfried Lenz gelang es wieder einmal, dass ich wünschte, er würde weiter erzählen. Sein Umgang mit der Sprache ist wohltuend, seine Ideen sind voller Phantasie und Überraschungen, und selbst das Ende ist nicht das, was man erwarten würde, sondern es zeigt, dass Freundschaft ein wertvolles Gut ist, für das sich einiges zu opfern lohnt.
Siegfried Lenz moralisiert nicht, belehrt nicht, idealisiert nicht, sondern er malt das Labyrinth des Lebens anhand von kleinen Episoden, die miteinander verwoben sind. Er zeichnet Charaktere, die so menschlich sind wie der Leser, so dass sie gleich vertraut erscheinen.

Humorvoll ist die kleine Erzählung darüber hinaus, und voll von kleinen Seitenhieben auf die Gesellschaft, den Kulturbetrieb und die Germanistik, auch »der Lenz« kommt nicht ungeschoren davon, wenn der Professor seine Gedanken darlegt.

Mein Fazit: Ein gelungenes, wunderschönes Buch, dessen Zauber man sich nicht entziehen will.

Zu finden in jeder Buchhandlung, aber auch, was natürlich ein weniger sinnliches Einkaufserlebnis ist, bei Amazon: Siegfried Lenz: Landesbühne

Dienstag, 17. November 2009

…beziehungsweise ein Erscheinungsfest

Wie wohltuend ist es doch, wenn nicht von einer »Release Party« die Rede ist, sobald etwas erscheint. Sondern von einem Erscheinungsfest. Halt. Falsch. Es ist ein erscheinungsFEST, und es gilt einem Buch, das den schönen Titel beziehungsweise Leben trägt, halt, nein, auch falsch. BESZIEHUNGSWEISE LEBEN heißt das Buch. Oder so ähnlich geschrieben? Hier steht mehr darüber: beziehungsWEISE Leben.

Fünf der Autoren, deren Beiträge zum breitgefächerten Thema in diesem Buch zu finden sind, leben in Berlin und laden am 5. Dezember von 17 bis 23 Uhr zum erscheinungsFEST mit Lesungen und noch viel mehr Programmpunkten ein:

eF_BerlinFlyer.jpg.scaled.500[1]Das Café Klaus Abendbrot kenne ich aus etlichen Besuchen, es hat ein paar ganz und gar aparte Details, zum Beispiel die Preisgestaltung:

So zahle jeder was er kann,
zur Not auch für den Nebenmann
dann können alle fröhlich sein
bei Gaumenschmaus und gutem Wein...

Ich bin schon gespannt auf Buch und Lesung und freue mich auf einen gemütlichen Abend im »Wohnzimmer für alle«, wie das Café auch genannt wird. Also: Kommet zu Hauf, Psalter und Harfe lasst vielleicht lieber schlafen.

Montag, 16. November 2009

Der Gastgeber...

…dieses Blogs war am vergangenen Wochenende überwiegend faul. Müßig. Saumselig. Untätig. Betulich. Gelassen. Träge. Entspannt. Traumselig. Seelenbaumelig.

schläftigOben ist der Dichter beim Schlummern zu sehen, sogar zu faul zum Abtrocknen nach dem Bade war er offenbar. Daher gibt es heute und hier keinen auch nur einigermaßen sinnvollen oder zumindest Vorbereitung erfordernden Beitrag.

Etliche Fotos sind sowieso schon da, also mühelos zu bloggen. Das untere beispielsweise ist der Beweis, dass man erstens in einer Damenboutique mit nicht sonderlich kunstvoll versteckter Kamera Fotos machen und zweitens auch noch sich selbst im Motiv unterbringen kann.

spionage Vorsicht: Wer auf die Bilder klickt, bekommt die volle Auflösung – also ziemlich viele Megabytes. Sinnvoll? Nö, wozu denn.

Samstag, 14. November 2009

Auch Esel brauchen mal eine Pause

Ein Esel? Oder zwei? Oder drei? Wir sind für ein geringfügig verlängertes Wochenende in Bad Sassendorf gelandet. Der Ort ist laut Kurverwaltung ein staatlich anerkanntes Moor- und Soleheilbad für Rheuma, Herz-Kreislauf und Luftwegerkrankungen sowie Frauenleiden - was immer letzteres auch genau bezeichnen mag.

Nun leiden weder ich noch die beste aller Ehefrauen an einer der genannten Malaisen, aber da wir sowieso in diese Gegend mussten, haben wir eben ein nettes Hotel gebucht und spannen mal aus, bevor uns am Montag der Alltag wieder in seine Klauen nimmt.

Gestern (für die geneigten Blogbesucher gestern, ich schreibe dies am Freitag Abend) haben wir gestadtbummelt, wobei ich vergeblich versucht habe, einem munteren Gesellen beim Anschieben seines Esels zu helfen, im Hotelschwimmbad (angemessen bekleidet) das angenehm temperierte Wasser genossen und (angemessen unbekleidet) in der schön heißen Sauna geschwitzt, dann hat die beste aller Ehefrauen Zanderfilet (!) im Restaurant gegessen, während mir eher nach Hirsch zumute war.

Am Samstag, also für den geschätzten Blogbesucher heute, wollen wir Soest besuchen (5 Kilometer von Bad Sassendorf gelegen), da wir schon viele Jahre in der Soester Straße wohnen und nun die vermutlich einmalige Gelegenheit haben, die Namensgeberin unserer Wohnanschrift kennen zu lernen.

Ach ja: Beim Stadtbummel trafen wir Lisa und Stephan, sie lassen herzlich grüßen.

Freitag, 13. November 2009

Die Entblößung – Teil 7

Heute, liebe regelmäßige Leser, gibt es den siebten und letzten Teil der Geschichte, die als Mitmach-Experiment begonnen hat. Der eine oder die andere mag nun »schade« stöhnen oder auch nicht, aber anders als bei Jack Bauer ist ein Schluss in diesem Fall wirklich ein Schluss.

Wer die ersten Teile nicht gelesen hat, möge ich selbst den Gefallen tun, dies nachzuholen, bevor er den Schluss liest. Ich kann niemanden dazu zwingen, aber doch dringend empfehlen, sich nicht selbst den Spaß und die Spannung zu verderben. Teil 1 ///Teil 2 /// Teil 3 // Teil 4 // Teil 5 // Teil 6

Ist mein Experiment gelungen? Das zu beurteilen bleibt den geschätzten Lesern überlassen, die Meinung kann jeder und jede gerne am Ende dieser letzten Fortsetzung durch die auch diesmal vorhandene Abstimmung kundtun.

Doch nun schnell, bevor das Essen kalt wird, ins Restaurant zu Lisa und Stephan, die mir in den letzten Wochen sehr ans Herz gewachsen sind.

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»In Butter gebratenes Zanderfilet, serviert auf knackigem Kürbisgemüse, dazu Stampfkartoffeln, garniert mit einem Klecks Creme Fraiche« – Lisa war mit zufrieden mit ihrem Mittagessen. Stephan Haberling, der lieber etwas Deftiges mochte, hatte sich für ein »Rumpsteak (ca. 230 g), mariniert mit Sojasauce, braunem Zucker, Worchestersoße, beträufelt mit einem Schuss Whisky, am Grill zubereitet, dazu hausgemachte Rosmarinbutter, Steakhousepommes & Tomaten - Zwiebel – Salat« entschieden, und auch er sah keinen Grund, sich zu beschweren.

Während sie gegessen hatten, war Lisa nicht bereit gewesen, über die vielen Fragen zu sprechen, die in ihm zappelten wie der frisch gefangene Zander vermutlich im Netz, bevor er in der Küche und schließlich auf Lisas Teller gelandet war. Er hatte gefragt, nach den nur schwach verklausulierten »Briefmarken«, nach den sehr privaten Fotos auf Isis’ Notebook, nach der entblößenden Galerie, aber Lisa – getreu ihrem Motto, auf Fragen nicht immer, eher selten, zu antworten – hatte zwar freundlich geplaudert, jedoch keine Antworten gegeben.

Die Kellnerin räumte das Geschirr ab und fragte nach weiteren Wünschen.

»Zwei Latte macchiato«, bat Lisa. Die Kellnerin meinte »gerne, kommt sofort« und verschwand.

»Woher weißt du, dass ich nach einer Mahlzeit gerne Latte macchiato bestelle?«

»Ich weiß mehr über dich und kenne dich besser, als du ahnst, Stephan. Du wurdest seit über acht Monaten beobachtet. Ich selbst bin seit zwei Monaten häufig in deiner Nähe gewesen, war auch mehrmals in deiner Wohnung, wenn du unterwegs warst. Das mit dem Latte macchiato ist so typisch für dich wie die unwägbaren Nebenwirkungen für eine H1N1-Impfung.«

»Das musst du mir erklären.«

»Die Nebenwirkungen?«

»Unfug. Natürlich die Beobachtung, Beschattung, oder sollte ich eher von Ausspionieren sprechen?«

»Eigentlich solltest du nicht verwundert sein. Du weißt doch, was Isis wirklich getan hat.«

Er wusste manches, aber vieles war auch unklar, vernebelt, gemutmaßt. Sie hatte, getarnt durch Scheintätigkeiten, seit vielen Jahren für den ägyptischen Geheimdienst gearbeitet. Vor der Hochzeit waren Stephan Haberlings Vergangenheit und Gegenwart bis ins Detail durchleuchtet worden, denn obwohl ihm Isis nie Einzelheiten aus ihrer Tätigkeit verriet, war es unumgänglich, dass er einiges mitbekam. Was es mit der angeblichen Briefmarkensammlung auf sich hatte, reimte er sich nach ihrem Tod selbst zusammen.

Er blickte in Lisas Augen, die den Augen seiner Isis so sehr glichen. »Sie war hinter den Attentätern her, oder?«

»Ja. Der ägyptische Geheimdienst hatte Informationen gesammelt, die auf einen Anschlag hindeuteten. Man wusste, dass irgendwie Piloten eine Rolle spielten, die von Ägypten über den Libanon und Deutschland nach Amerika gegangen waren. Die Briefmarke mit den Piloten stand für die Namen, die Landkarten-Briefmarke für das Ziel – oder die Ziele, wie wir heute wissen.«

»Und welches Puzzleteil hattest du? Welche Rolle spieltest du überhaupt?«

Lisa wartete, bis die Kellnerin die beiden Latte macchiato hingestellt hatte und wieder verschwunden war. Dann erklärte sie: »Die ganze Geschichte darf und werde ich dir nicht erzählen. Aber du sollst wissen, dass mein vorgetäuschter Unfalltod ein geplantes Verschwinden war, weil ich, damals ebenfalls im Dienst des Geheimdienstes, vor der Enttarnung stand. Inzwischen ist viel Zeit vergangen und diejenigen, die hinter meine Tarnung gekommen waren, sind tot. Meine aktive Mitarbeit im Geheimdienst endete im Dezember 2001. Daher konnte ich es wagen, vorsichtig und in Etappen, als Lisa del Giocondo aufzutauchen und ein halbwegs normales Leben zu beginnen.«

»Und was wolltest du Isis so dringend mitteilen?«

»Ich hatte – wir hatten drei Namen. Mohammed Atta, Marwan al-Shehhi und Ziad Jarrah. Wenn ich Isis diese noch rechtzeitig, also am 10. September, hätte nennen können, vielleicht wäre noch etwas aufzuhalten gewesen. Vermutlich nicht, die Zeit war zu knapp, aber der Gedanke lässt mich seit 2001 nicht los.«

»Weißt du, warum Isis im World Trade Center war?«

»Dort war ein als Agentur für Antiquitätenhandel getarntes Büro des ägyptischen Geheimdienstes untergebracht. Es lag im 95. Stockwerk des Nordturmes, daher weiß ich zumindest, dass meine Schwester sofort tot war, nicht leiden und vergeblich um ihr Leben kämpfen musste.«

»Das hatte ich immer gehofft, aber ich wusste nichts Genaues.«

»Man hat mir aus ihrem Hotelzimmer damals unter anderem ihren Computer gebracht, nachdem die Spezialisten vom Geheimdienst mit den Untersuchungen fertig waren. In ihren Outlook-Terminen habe ich dann das Büro und die Uhrzeit des Treffens gefunden. Da stand Briefmarkensammlung vorstellen, 08:30 Uhr und der Ort, das Büro im World Trade Center. Isis war immer pünktlich. Sie muss zum Zeitpunkt des Anschlages genau dort gewesen sein.«

 

Lisa und Stephan am Schlachtensee Später spazierten Stephan Haberling und Lisa del Giocondo, obwohl leichter Regen eingesetzt hatte, um den Schlachtensee. Er verstand sich selbst nicht recht. In Lisas Nähe zu sein war wie eine Wiedergeburt. Nach dem 11. September 2001 hatte sich sein Leben nicht nur äußerlich durch den Verlust der Ehefrau, sondern – und vielleicht sogar vor allem – bezüglich seiner Einstellung zum Leben und Sterben geändert. Ob er morgen wieder aufwachen würde, spielte am Abend jedes beliebigen Tages keine Rolle. Er hatte Freundschaften, aber es gab keinen Menschen, der ihm so am Herzen lag, dass er wegen dieser Person leben wollte. Umgekehrt wusste er von niemandem, für den oder die sein Abscheiden ein unwiederbringlicher Verlust gewesen wäre. Stephan Haberling lebte gerne, aber er klammerte sich nicht an das Diesseits, seit Isis nicht mehr bei ihm war.

Und nun schien sich binnen weniger Tage, eher Stunden, alles zu ändern. Eine Frau, von der er noch so gut wie nichts wusste, die er kaum kennen gelernt hatte, stellte sein Innenleben völlig auf den Kopf. Wider jede Vernunft. Wider jeden Verstand.

»Hast du dich eigentlich in mich verliebt?«, fragte er.

Lisa zögerte keinen Augenblick mit ihrer Antwort: »Ja.«

»Einfach nur ja?«

»Einfach nur ja. Kein wenn, kein aber. Ja.«

»Aber warum tust du mir das an, mit der Entblößung in der Galerie?«

»Du bist ein wunderbarer Aber-Mensch, Stephan. Die Antwort liegt in dir, du musst sie selber finden. Du wirst sie selber finden.«

Sie wichen zwei Dalmatinern aus, die vergnügt miteinander tollten. Die Besitzerin lächelte entschuldigend-schuldbewusst und erklärte ungefragt: »Die tun nichts, die sind nur etwas wild.«

Als sie an der Dame und ihren Hunden vorbei waren, ergänzte Lisa: »Manchmal bin ich auch nur etwas wild.«

»Aber du tust auch was. Männer im Internet bloßstellen, zum Beispiel.«

»Männer? Nein. Einen Mann. Ich habe zwar schon zahlreiche Aktfotos gemacht, das gehört ja zu meinem Beruf, aber die bekamen natürlich nur die Kunden zu sehen, die sie in Auftrag gegeben hatten.«

»Was sind denn das so für Kunden?«

»Wollen wir in der Fischerhütte noch einen Kaffee trinken gehen, oder lieber nach Hause fahren?«, fragte Lisa, statt zu antworten.

Stephan nahm ganz automatisch an, dass mit zu Hause seine Wohnung gemeint war. »Ich könnte meine De Longhi veranlassen, uns zwei Getränke nach Wahl zu produzieren.«

Sie stiegen in Stephans Auto, für das sie am Elvirasteig einen Parkplatz gefunden hatten. Lisa griff unter den Beifahrersitz und warf dann etwas aus dem Fenster, als Stephan gerade losfuhr.

»Was war das denn?«

»Das Abhören hat sich seit einigen Wochen erübrigt. Ich hatte nur vergessen, die Wanze aus deinem wunderbaren HHR zu entfernen. Aber zugehört hat schon länger niemand mehr. In deiner Wohnung ist bereits alles beseitigt worden, was meine ägyptischen Freunde installiert hatten. Wir sind sozusagen freigegeben und nur noch unter uns.«

 

»Das Hemd steht dir übrigens wirklich gut«, sagte Lisa del Giocondo, als sie in Stehpan Haberlings Küche standen und darauf warteten, dass die Maschine ihre Arbeit verrichtete.

Er grinste, war gespannt, ob sie tatsächlich ein Gespräch über seine Kleidung anstoßen wollte oder wie so oft gleich wieder das Thema wechseln würde. Am Morgen hatte er sich entsprechend der Entblößung im Internet gekleidet. Und entsprechend der Reihenfolge, die er vor gefühlten hundert Jahren bei der kleinen Natalie beobachtet hatte. Zuerst das T-Shirt, dann das Freizeithemd, anschließend erst Jockey-Briefs und Jeans.

Zum Restaurantbesuch hatte er Socken und feste Schuhe angezogen, zu Hause trug er gewöhnlich nur leichte Sandalen an den bloßen Füßen, so auch jetzt wieder.

Lisa musterte ihn schmunzelnd, während er die erste gefüllte Tasse gegen eine leere auswechselte und wieder auf Caffeelatte drückte. Unvermittelt nahm sie ihn in die Arme und drückte ihn fest an sich. Er ließ es sich gerne geschehen – seinetwegen konnte dieser Augenblick sich unendlich ausdehnen. Es fühlte sich so neu und doch so alt an wie eine Erinnerung aus Kindheitstagen, die längt vergessen schien und plötzlich, vielleicht durch ein Geräusch oder einen Geruch geweckt, wieder da ist, als sei das zum Geruch oder Geräusch gehörende Ereignis erst Minuten her.

Und nun begriff er plötzlich. Er verstand und fragte sich, warum er so lange gebraucht hatte.

Sanft nahm er Lisa in die Arme, ließ seine Hände über ihren Rücken streichen. Schmiegte sie sich noch enger an ihn? Er schob behutsam den Saum ihres Pullovers in die Höhe. Sie schien erleichtert auszuatmen, zumindest deutete er das Geräusch so, das er von ihrem an seine Brust gepressten Gesicht vernahm. Sie wich einige Millimeter zurück, aber nur so weit, dass es möglich wurde, sie vom Pullover zu befreien.

Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andren zu.

Wieso hatte er eine so lange Leitung gehabt? Sie hatte ihm im Internet lediglich zugefügt, was sie wollte, dass er ihr tat.

Man könnte das ja noch aufhalten. Irgendwie.

Er war gerade dabei, es aufzuhalten. Nicht irgendwie, sondern auf die einzig mögliche Art und Weise. Er tastete nach ihrem Jeansgürtel.

 

Einige Tage später fiel ihm ein, dass eine einzige Antwort noch fehlte. Sie waren vom Einkaufen nach Hause gekommen und im Treppenhaus dem stets wachsamen Nachbarn Detlef Fischer begegnet.

»Mein Nachbar, beziehungsweise sein Kollege im Polizeilabor, war überzeugt, dass die Fotos echt, also nicht nachträglich manipuliert, waren. Hat er sich einfach geirrt oder wie hast du das angestellt?«

Lisa lachte vergnügt und erklärte: »Isis und du, ihr habt es mir sehr leicht gemacht. Der hellgrüne Hintergrund mit so gut wie keinen Farbschattierungen ist ideal, wenn man jemanden oder etwas ausschneiden und vor einen anderen Hintergrund stellen will. Das geht sogar mit bewegten Objekten, zum Beispiel im Nachrichtenstudio eines Fernsehsenders. Der Sprecher steht oder sitzt vor einer grünen Fläche. Du siehst am Bildschirm etwas ganz anderes. Das wirklich etwas Kniffelige war, ein paar Kleidungsstücke aus Deinem Schrank an die Person zu bekommen. Da musste ich mit einer Schaufensterpuppe und allerlei Tricks experimentieren.«

»Und das konnten die im Polizeilabor nicht feststellen?«

Sie zuckte mit den Schultern. »Erstens bin ich Profi hinter der Kamera und bei der Bearbeitung, und zweitens wollten die Leser unserer Geschichte mehrheitlich, dass die Fotos für echt befunden werden. Gegen den Leserwillen kann selbst die Polizei nichts ausrichten.«

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So, das war es nun also, das Ende der Geschichte. Die beiden dürfen nun von uns unbeobachtet weiter leben, lieben und womöglich leiden. Wer weiß das schon, was das Leben bringen wird.

Und die geschätzten Leser? Die dürfen abstimmen, ob sie irgendwann einmal ein ähnliches Experiment an dieser Stelle lesen und begleiten möchten.

Das Experiment der Mitmach-Geschichte...
...hat mir gefallen. Bitte wieder mal so was in der Art.
...fand ich nicht gelungen. Lass es lieber sein.
Auswertung

Ich wünsche ein angenehmes Wochenende. Lisa und Stephan sind, das weiß ich aus gut unterrichteter Quelle, zu einem Wohlfühl- und Ausspann-Wochenende in Bad Sassendorf, wo immer das auch sein mag.

Donnerstag, 12. November 2009

Markus Zusak: The Book Thief

Let’s go, Saukerl! … What do you bet, you little Saumensch? … She schmunzelled. … They returned to Frau Diller’s, Heil Hitlered and waited. - Dieses Buch sollte man, wenn man es denn vermag, unbedingt auf Englisch lesen. Der Sprachwitz, der durch die bajuwarischen Brocken entsteht, geht unweigerlich verloren, wenn eine Übersetzung ins Deutsche vorliegt. Und die Sprache, die Markus Zusak entwickelt, ist ganz hervorragend geeignet, den Leser nicht mehr von der Angel zu lassen, hat er erst einmal angebissen.
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Wir begleiten in The Book Thief Liesel Meminger durch fünf Jahre ihres Lebens im Hitlerdeutschland. Sie ist neun Jahre alt, als sie einer Pflegefamilie übergeben wird, die in der Himmelstraße in Molching wohnt, einem Vorort von München.
Der Tod selbst erzählt uns ihre Geschichte, auf eine Art und Weise, die mir in der Literatur noch nicht begegnet ist. Er ist nicht der grausame Sensenmann, sondern er tut einfach nur seine Arbeit, und die fällt ihm oft genug nicht leicht. Er weiß jedoch, dass alles Meckern oder Aufbegehren vergeblich wäre, also verrichtet er seinen Dienst so human - ist das Wort angebracht? - wie möglich.
Die Zeit, in der die Markus Zusak die Erzählung angesiedelt, ist alles andere als human. Manchem ist der Tod ein willkommener Besucher, mancher sucht ihn gar bewusst, weil das Leben unerträglich geworden ist. Viele holt der Tod auch ungefragt, weil The Führer nun einmal seine Wege geht.
Liesels kindliche, aber keineswegs kindische Perspektive auf das Leben wirkt von der ersten bis zur letzten Seite des Romans glaubhaft, es gelingt dem Autor, sich und den Leser in dieses Mädchen hineinzuversetzen. Das Kleinstadtleben unter den Nazis verändert sich langsam, jedoch unaufhaltsam. Misstrauen unter Nachbarn wächst, die Juden verschwinden aus der Stadt, um später in Ketten durch Molchings Straßen nach Dachau geführt zu werden, Hunger und Mangel nehmen zu. Und dennoch bleiben Kindheitsrituale wie Fußballspiele auf der Straße unverändert, hat das Leben auch heitere Facetten.
Markus Zusak hat für dieses Buch zwar keine herausragend neue Handlung ersonnen, aber er erzählt die Geschichte auf fesselnde Weise. Sein handwerklich makelloser Umgang mit der Sprache (wobei mitunter für den deutschen Leser die bayerischen Schnipsel in den Sätzen ziemlich amüsant sein können) ist das eine, die liebevolle Gestaltung des Buches mit kleinen Skizzen und Bildern, optisch herausgehobenen Anmerkungen des Todes zum Geschehen und die gelegentlichen Zeitsprünge das andere, was dieses Werk so einzigartig macht. Ich neige nicht zu Superlativen, aber hier ist ein klares Wort am Platz: The Book Thief ist eines der besten Bücher, die ich in den vergangenen Jahren gelesen habe.

Mein Fazit: Wer sich auf die Lektüre mit ihren überraschenden Eigenarten einlässt, beschenkt sich mit einem Leseerlebnis der unvergesslichen Art. Das Buch ist manchmal dramatisch, es ist zeitweise komisch, es ist stellenweise tragisch. Das Buch ist eben wie das Leben selbst.

Den Roman gibt es für 5,95 Euro (Taschenbuchausgabe) beispielsweise bei Amazon: The Book Thief

Mittwoch, 11. November 2009

Vermehrte Anzahl unbekannter Nebenwirkungen

Ich bin alt genug, um mich an die Contergan-Katastrophe zu erinnern. Meine Mutter nahm 1965 eines der geschädigten (und von den Eltern nicht erwünschten) Kinder in unsere Familie auf, ungefähr ein Jahr lang lebte die kleine armlose Sabine mit uns, bis sie dann von einer Familie in der Nähe adoptiert werden konnte. Damals war ein Medikament, das Contergan, nicht ausreichend und umfassen getestet worden, mit fatalen Folgen.

Und nun werden Millionen Menschen gegen die sogenannte Schweinegrippe geimpft, mit einem Wirkstoff, der laut EMA (Europäische Arzneimittelagentur) unter »außergewöhnlichen Umständen« zugelassen wurde.
Im Klartext heißt das, dass es bisher nicht möglich war, umfassende Informationen über den Pandemie-Impfstoff zu erlangen. Niemand kann wirklich sagen, ob oder welche Spätfolgen die Impfung anrichten wird. Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte spricht von »einer möglicherweise vermehrten Anzahl unbekannter Nebenwirkungen.« Das ist fein formuliert. Es heißt nichts anderes, als dass die Mediziner nicht wissen, was der Impfstoff anrichten könnte.

Sicher: Es schien - falls die Horrormeldungen über die Gefährlichkeit von H1N1 stimmen - Eile geboten. Doch schon an den angeblichen Gefahren der Erkrankung haben etliche Fachleute Zweifel: Die Krankheitsverläufe seien bisher sogar milder als bei einer normalen Grippewelle gewesen.

Laut Hersteller GlaxoSmithKline aus Dresden reichen die konkreten Nebenwirkungen des Impfstoffs Pandemrix von »Hautrötung« bis hin zu »allergischen Reaktionen, die zu einem gefährlichen Blutdruckabfall führen, der unbehandelt zu einem Schock führen könne«. Klartext: Ist kein Arzt in der Nähe, stirbt eventuell der Geimpfte an den Folgen der Impfung.

Besonders fatal nennen Fachleute die Tatsache, dass sich viele Menschen bereits gegen die »normale Grippe« haben impfen lassen, bevor der H1N1-Impfstoff zur Verfügung stand. Dadurch steige das Infektionsrisiko ganz erheblich.
Unbestritten gibt es Todesfälle durch H1N1. Aber jede Saisongrippe hat bisher zu weit mehr Todesfällen geführt, als die angeblich so gefährliche H1N1-Infektion.

Haben wir es lediglich mit einem Riesengeschäft für die Pharmaindustrie zu tun? Oder sind wir Versuchskaninchen in einem Massentest von neuen Wirkstoffen? Manche Zeitgenossen wittern gar eine Verschwörung. Oder soll die Panikmache in den Medien von anderen - wirklichen - Problemen ablenken?

Ich werde mich nicht impfen lassen. Weder gegen die normale, noch gegen die sogenannte Schweinegrippe.

Mehr dazu in diesem unaufgeregten Artikel: Risiken und Nebenwirkungen

Dienstag, 10. November 2009

Gemeinsam geht es besser

Gestern in Berlin war wieder mal Gemeinsamkeit Trumpf. Der katholische König Robert und der evangelische König Wolfgang gestalteten gemeinsam einen Gottesdienst.

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Schön, dass so was möglich ist, sollte eigentlich viel öfter der Fall sein, nicht nur zu besonderen Anlässen. Die Gottesdienstbesucher waren Legion, und in der ersten Reihe saßen Königin Angela und Kaiser Horst, zwei Regenten, die sich auch sonst zu ihrem Glauben bekennen.

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Auch anschließend außerhalb der Kirche war Gemeinsamkeit zu sehen und zu hören. Und tatsächlich auch zu spüren. Sogar im staatsgastbedingten Megastau waren die Verkehrsteilnehmer geduldig, freundlich und zuvorkommend. Warum geht das eigentlich nicht jeden Tag?

Montag, 9. November 2009

Der Stern – 50 Pfennig.

In einem alten Album fand ich dieses leider nicht datierte Foto. Der Stern kostete offensichtlich 50 Pfennige. Ein ähnliches Modellauto besaß ich auch, mit Fernbedienung an der Strippe, die durch das Dach ging. Auch an einen Kran mit echten Ketten, aus robustem Blech, meine ich mich zu erinnern.

Das Album stammt nicht aus meiner Familie, daher kann es nicht Originalbestandteile meiner Kindheit abbilden, aber die Epoche dürfte in etwa die gleiche sein.

oldtimes

Ach, wie viele Geschichten stecken wohl in einem solchen Foto? Fünf? Zehn? Oder gar unendlich viele, die man nur zu erzählen anfangen muss?