Freitag, 5. März 2010

Mein Mann hat seine Waldesruh', was mache ich mit dem Förster?

Fly agaricLissy Meyer-Kemperling sagte sich tausend Mal, dass sie auf ihre Mutter hätte hören sollen. Natürlich wusste sie, dass all das »hätte«, »wäre ich doch« und »wenn doch damals« so überflüssig war wie ein Gerstenkorn im Auge. Geschehen ist geschehen, und sie hatte nun einmal einen unsensiblen Naturburschen geheiratet, weil ihre Hoffnungen auf eine Designer-Karriere nach verpatzter Schneiderlehre geplatzt waren.
Lissy, damals umworbene Dorfschönheit, war vor zwanzig Jahren, die sich wie mindestens fünfzig anfühlten, auf diesen unsäglichen muskelstarken, intellektlosen, ständig fremdgehenden Lukas hereingefallen.
Immer hatte sie auf Besserung gehofft. Dass er zur Ruhe käme, mehr vom Gehirn als vom Unterleib gesteuert. Doch nun war ihr jegliche Hoffnung ausgegangen. Die fünf Blagen waren auf dem besten Wege, zu Kopien des Ehegatten zu werden, Lissy fütterte immer noch die Hühner und die Schweine. Fett war sie geworden, und ziemlich sauer. Jedes Jahr ein bisschen fetter, ein bisschen saurer. Und jeder Krug geht schließlich nur so lange zum Brunnen, bis er bricht. Früher oder später. Zwanzig Jahre - war das nun früher oder war das später? Lissy war es egal.
Lukas hatte wie immer ohne ein Wort der Anerkennung das Abendessen in sich hineingeschlungen, Augen und Ohren nur für das Fernsehgerät. Ob das Pilzgericht etwas bitterer schmeckte als sonst, kommentierte er nicht. Statt dessen schrie er die Mattscheibe an: »Gibt doch den Ball ab, du Volltrottel! So ein Idiot!«

Und nun steht er vor der Tür, der Förster, Lukas Kumpel, schon einen Tag nach der Entsorgung, und will mit dem Verblichenen sprechen. Aber der liegt ja nun zerstückelt im Haschelmoor, mitten im Haschelwald, wo er gern auf Wildschweinjagd gegangen ist, der selige Lukas, niemals ohne Schnaps, niemals, ohne vorher Lissy eine zu ballern und zu sagen: »Ich will meine verdammte Ruhe haben.«
Lissy erklärt dem Förster: »Er ruht sich aus, nehme ich an. Er hat gesagt, er wolle seine Ruhe haben.«
»Im Bett oder wo?«, fragt der Förster, dessen Intelligenz sich mit der des verschiedenen Gatten trefflich messen kann.
»Nein. Er ist von mir geschieden.«
»Geschieden? Hä?«
»Weg. Fort. Vielleicht in seinem Lieblingswald.«
Seine Mine verrät nichts als Misstrauen, aber der Förster zuckt mit den Schultern und wendet sich zum Gehen. »Dann schau ich mal, ob ich ihn finde«, sagt er noch. Und: »Tschö mit Ö.«
Lissy schließt zögernd die Türe. Was nun? Lukas liegt häppchenweise im Wald, der Förster runzelt die Stirn und schnuffelt nach ihm. Da fällt ihr ein, dass ja noch eine große Portion vom gestrigen Pilzgericht im Kühlschrank steht. Sie reißt die Türe auf und ruft ihm hinterher: »Willst du nicht hier im Warmen warten? Bei einem Bierchen und einem Teller Pilzragout?«

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Hier die Erklärung zu diesem wunderlichen Meisterwerk.  Also, das ist so: Ich bin (je nach verfügbarer Zeit, manchmal auch Monate lang nicht) im Kurzgeschichten-Forum (in der Seitenleiste zu finden) aktiv. Dort gibt es immer wieder viel zu lernen, für mich als Autor und für mich als Kritiker. Den hiesigen Blogbeitrag über Mikroliteratur hatte ich auch dort eingestellt, mit wesentlich mehr Resonanz als auf dem Blog. Irgendwann im Verlauf der angeregten Diskussion schrieb K*R*, eifrige Forumsteilnehmerin und Autorin:

Mein Mann hat seine Waldesruh', was mache ich mit dem Förster?
Was sagt uns das? Ist das Literatur? Könnte was werden. Wenn sich z.B. M* an die Arbeit macht (gern, stimmt's?) und daraus klugen Kopfes eine Geschichte formt.
Er könnte uns erzählen, dass Lissy Meyer-Kemperling einen unsensiblen Naturburschen/Bauerndepp geheiratet hat, weil ihre Hoffnungen auf eine Designer-Karriere nach verpatzter Schneiderlehre geplatzt sind. Lissy, ehemals Dorfschönheit, heiratet den starken, intellektlosen, ständig fremdgehenden Lukas, kriegt fünf Blagen, füttert die Hühner und die Schweine, wird fett und ziemlich sauer. Lukas wird von ihr entsorgt/getötet, der Förster, sein Kumpel, fragt nach ihm, aber der liegt ja nun zerstückelt im Haschelmoor. Das befindet sich im Haschelwald, wo er gern auf Wildschweinjagd gegangen ist, niemals ohne Schnaps, niemals, ohne vorher Lissy eine zu ballern und zu sagen: "Ich will meine verdammte Ruhe haben."

Das kommentierte ich mit:

Also DAS gefällt mir! Auf ins Haschelmoor, die Leiche suchen.

Darauf K* R*:

Günter, mach da was draus, ist Dein Genre. Lukas liegt häppchenweise im Wald, der Förster runzelt die Stirn und schnuffelt nach ihm.

Das ließ ich mir einige Minuten durch den Kopf und dann in die Finger auf der Tastatur gehen. Sowas kommt von sowas.

Penible Blogbesucher dürfen nun herausklamüsern, welche Worte von K* R* und welche von mir stammen. Wer weniger penibel ist, oder zu faul, kann hier eine farbcodierte Version studieren: Mein Mann hat seine Waldesruh’

*Forumsnamen ausgesternt

Donnerstag, 4. März 2010

Egozentrisch

GJM neulich bei einem Geburtstagsempfang in der Ostzone Da hat er wieder mal recht, gelle?
Wenn einer nicht egozentrisch ist, dann wird er nicht Dichter. So waren sie alle, von Goethe bis Brecht. Nur vermochten Goethe oder Brecht diese Egozentrik einigermaßen zu verbergen. -Marcel Reich-Ranicki

Nur um zu beweisen, wie recht er hat, habe ich ein Foto von mir statt von ihm neben dieses Zitat gepackt.

In der Seitenleiste dieses Blogs weist seit der Blogwerdung dieses Blogs ein Link auf die Kolumne von Marcel Reich-Ranicki hin, die ich bei dieser Gelegenheit mal wieder ausdrücklich zur regelmäßigen (also wöchentlichen) Lektüre empfehlen möchte. Mal kurz, mal länger antwortet Marcel Reich-Ranicki auf mehr oder weniger geistreiche Leserfragen. Hier, weil die Antwort so unvergleichlich reich-ranickig ist, noch ein Beispiel für kurze Antworten:

Dr. Renate Zuckmantel, Seeheim-Jugenheim: Was haben Thomas Mann, Günter Grass und Thomas Bernhard gemeinsam? Ist es nur die Macht der Sprache?

Marcel Reich-Ranicki: Mir ist das Wort „nur“ unangenehm aufgefallen. Mehr möchte ich nicht sagen.

Hier geht es zur wöchentlichen Pflichtlektüre für alle Dichter und Denker und zur gedeihlichen Erbauung für alle übrigen Menschen: Fragen Sie Reich-Ranicki

Mittwoch, 3. März 2010

Wohin?

Aus meinen Transforum-Notizen:
Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. -Jesus
Hat der Vater Jesus in die Kirche / Synagoge  gesandt, oder zu den Menschen draußen?
Jesus predigte das Reich Gottes, und es kam die Kirche. -Adolf Schlatter.
Au weia.

Dienstag, 2. März 2010

Mikroliteratur

lensAuf dem kürzlich besuchten Transforum 2010 sprach mich in einer Pause ein Sprachwissenschaftler an, um mich für ein Forschungsprojekt an einer hiesigen Universität zu interessieren. Da ich grundsätzlich gerne das Unbekannte vom Un befreie, plauderten wir ziemlich lange über das Projekt, die menschliche Wahrnehmung, die Wissenschaft und natürlich über Mikroliteratur.
Es wird nicht jeder meiner Blogbesucher wissen, was Mikroliteratur sein soll. Daher ein Beispiel, Ernest Hemmingways kürzeste Kurzgeschichte:
For sale: baby shoes, never worn.
Sechs Worte. Und wie viele Geschichten sind doch darin verborgen! Mir fallen spontan etliche ein, die damit erzählt werden. Ich sehe die traurige Mine der jungen Frau, die sich auf das Baby gefreut hatte. Ich sehe den jungen Mann, der schweren Herzens das mit viel Liebe vorbereitete Kinderzimmer auflösen muss. Ich sehe die Familie, die ein Mädchen bekommen hat und Tante Erna hat blaue Babyschuhe geschenkt...

Oder diese Kurzgeschichte:
I still make coffee for two.
Sofort sehe ich den Mann, der morgens aufsteht und Kaffee für zwei Menschen auf den Tisch stellt, obwohl seine Frau schon vor Monaten gestorben ist. Ausgezogen ist. Entführt wurde. ...

Spannende Sache, das mit der Mikroliteratur. Demnächst erfahre ich wohl mehr über das Projekt, und inwiefern ich daran teilnehmen kann.

Montag, 1. März 2010

Vier Fragen, vier Antworten

image »Ich mach was mit Büchern« – regelmäßig werden Menschen aus der Buchbranche, ob nun Autoren, Verleger, Übersetzer, Lektoren oder anderweitig mit Büchern beschäftigt, befragt, was sie denn konkret mit Büchern machen. Das kleine Logo in der Seitenleiste meines Blogs weist ja schon geraume Zeit darauf hin, dass mich diese Aktion und die damit verbundene Vernetzung von Menschen, die mit Büchern zu tun haben, interessiert.

Heute hat der Initiator, Leander Wattig, meine Antworten auf sein Mini-Interview veröffentlicht. Das begleitende Foto dürfte regelmäßigen Blogbesuchern nicht unbekannt sein.

Samstag, 27. Februar 2010

Nur für mich entzifferbar…

image…was ich da so an Notizen auf dem Eee-PC mit nach Hause bringe. Das kommt davon, dass ich erstens nie blindschreiben gelernt habe und zweitens zum Blindschreiben gezwungen bin, wenn ich beim Zuhören und gleichzeitig Notizen anfertigen nicht die Lesebrille aufsetzen und die normale Brille ins Etui packen will. Wenn ich das täte, sähe ich wiederum den Referenten und das, was er gegebenenfalls so hinter sich beamen lässt, nur unscharf. Noch dazu ignoriere ich des Tempos wegen die nette Taste, die aus einem e ein E macht. Oder aus einem i eine I. Und so weiter.
Meine handschriftlichen Notizen wären zwar, was fehlende oder überflüssige Zeichen und Groß- und Kleinschreibung betrifft, tadellos, aber dann müsste ich beim späteren Be- und Überdenken des auf dem Transforum 2010 Gehörten Notizbuch und PC benutzen. Und nicht immer habe ich das Notizbuch zur Hand, wenn ein halbes Stündchen und ein PC zur Verfügung stehen. Also tippe ich eben Wortungetüme und Wortfetzen, die nur ich später noch entziffern kann.
Herausragend war für mich gestern ein Vortrag von Volker Brecht, einem Wissenschaftler und Theologen. Messerscharfe Analysen, aber auch klare Lösungswege hat er aufgezeigt. Doch auch der übrige Tag war mit vollen Gesprächen, Vorträgen, Erlebnissen und Ergebnissen gefüllt. Lustig fand ich, dass bei der Begrüßung am Morgen mein Blogeintrag »Das sei ferne« vorgelesen wurde. Die Versammelten lachten – also hat es nicht nur dem dergestalt kommentierenden Optimizer gefallen. Ach ja, die Absenderin der Mail traf ich am Mittag und konnte mich für die schöne Steilvorlage bedanken. K. H. hatte sogar noch einen Gott in der City bei sich, den letzten wohl.
Genug. Einhalt. Nun heißt es aufbrechen in den zweiten und letzten Tag Transforum 2010. Ich freu mich drauf.

Freitag, 26. Februar 2010

Das sei ferne!

imageEine etwas irritierende Bitte fand ich gestern  bei der Rückkehr vom Eröffnungsabend der Transforum-Tagung zu Hause in meinem elektronischen Postfach vor. Das Thema der Tagung lautet: »Von der Freude, der Stadt zu dienen«, darum ging es auch in dem Vortrag, den ich gerade gehört hatte. Und nun bat mich jemand, Gott bitte  in der City zu löschen. Ich bin gar nicht der Meinung, dass eine City ohne Gott eine so gute Idee ist, und der Stadt zu dienen ist mit göttlicher Hilfe auch leichter und effektiver als ohne. Also konnte ein Zusammenhang zwischen Konferenz und Mail so gut wie ausgeschlossen werden. Und überhaupt:

Ersten vermag ich Gott gar nicht zu löschen. Das vermag niemand, so klug und mächtig er auch sein mag.

Und zweitens wüsste ich nicht, warum ich Gott in der City löschen und ihn in ländlichen Gebieten unbehelligt lassen sollte. Wenn schon, denn schon.

Also habe ich nicht Gott in der City gelöscht, sondern das Buch mit dem Titel »Gott in der C ity« aus dem Online-Shop entfernt, den ich für die Absenderin der Mail betreue. Und kann nun in wenigen Minuten für die nächsten 14 Stunden wieder in die Transforum-Konferenz eintauchen. Gott ist immer noch in der City. Und das ist auch gut so.

Donnerstag, 25. Februar 2010

Transforum 2010

Heute um 18:00 begann das Transforum 2010 - treue Blogleser wissen, dass ich dabei bin. Der Blog liegt dessenthalben ein wenig brach in diesen Tagen.

Ich war schon vor 17 Uhr vor Ort, habe mit prominenten und nichtprominenten Menschen geplaudert, einige getroffen, die ich seit langem nicht gesehen hatte und dann mit Interesse die Auftaktveranstaltung verfolgt. Sicher wird sich so manches, was ich vor Ort höre, erlebe und mitschreibe, auch in der einen oder anderen Form auf meinem Blog wiederfinden.

Einstweilen bitte ich um Nachsicht, wenn ich auf Kommentare nicht reagiere und auch nichts neues hier zu finden ist. Freitag und Samstag sind tranforumös ausgefüllt. Morgen unter anderem mit dem ersten Besuch meines Lebens in einer Moschee. Ich bin gespannt...

Mittwoch, 24. Februar 2010

Es menschelt hier wie dort

Der eine oder andere hat sich schon hinter das Steuer seines Autos gesetzt, obwohl der Fahrt Alkoholgenuss vorangegangen ist, dessen Quantität zumindest bedenklich war. Meist passiert nichts, und relativ selten wird jemand erwischt. Wenn doch, dann steht das höchstens in einer Statistik, aber in keiner Zeitung auf der Titelseite.
Interessant wird eine bei Rot überfahrene Kreuzung und die anschließende Blutprobe für die Medien dann, wenn es um prominente Verkehrssünder geht. Bei Margot Käßmann, die gerade Kraft des Amtes zum Fasten, speziell unter anderem zum Verzicht auf Alkohol und Autofahrten, aufgerufen hatte, war die Häme um so größer. Auch in einigen Leserkommentaren. Da las ich unter einem Zeitungsbericht: »Erst geschieden, jetzt auch noch Alkoholikerin. Diese unchristliche Frau muss weg aus dem Amt!« Aus welcher religiösen Ecke der anonyme Leserbriefschreiber wohl kam?

Viele Ehen werden geschieden, das ist bedauerlich, aber dennoch eine Tatsache. In besonders »bibeltreuen« christlichen Kreisen, in denen eine Ehescheidung als schlimme Sünde gilt, die hinfort die Ausübung eines geistlichen Amtes unmöglich macht, wird gerne verlautbart, dass christliche Ehen haltbar sind, wenn genug »Salbung« vorzufinden ist.
Nun wird einer der in solchen Kreisen als ganz besonders »gesalbt« geltenden »Männer Gottes« geschieden, Benny Hinn. Kann man noch geistlicher, noch gesalbter sein als er? Seit Jahrzehnten predigt er Heilung, auch Heilung von Beziehungen. Nach seinen Aussagen trifft ihn die Scheidung völlig unvorbereitet. Offenbar hat er mit seiner Ehefrau nicht sonderlich viel Kontakt gehabt, wenn ihm so lange verborgen geblieben ist, dass seine Ehe zerrüttet und in Gefahr geraten war.

Es menschelt in der evangelischen Landeskirche. Es menschelt in charismatischen Sphären. Frau Käßmann hat klare Worte des Bedauerns, der Reue gefunden und ist von ihren Ämtern zurückgetreten. Das verdient Respekt. Von Herrn Hinn ist bisher nichts zu hören, was auf Einsicht in eigene Fehler deuten würde. Er ist mitten in einer Miracle Crusade und lässt sein Team verlautbaren: »Pastor Hinn also wants everyone to know that he remains firmly and unquestionably committed to God's calling...«

Zwei prominente Menschen, bei denen es öffentlich menschelt. Wie sieht es wohl bei Otto Normalverbraucher und Renate Mustermann aus? Dort, wo keine Presse die Nase hineinsteckt?

Ehniss, Wagner und andere: Beziehungsweise Leben

bzwl Viele Köche sollen ja angeblich den Brei verderben. Man müsste den Brei probieren, um zu wissen, ob das stimmt.
Jedoch: Ein Buch ist nachweislich kein Brei, also dürften sowieso andere Gesetze gelten. Dass viele Autoren, 17 an der Zahl, gemeinsam eine hervorragende Lektüre zu Papier bringen können, zeigt »Beziehungsweise Leben«, herausgegeben von Daniel Ehniss und Björn Wagner.
Es geht in diesem knapp 200 Seiten umfassenden Werk um »Inspirationen zum Leben und Handeln im Einklang mit Gott und Menschen« - um Inspirationen wohlgemerkt, nicht um eine Anleitung. Ob die überhaupt gelingen könnte, wage ich zu bezweifeln. Ich bin froh, dass diese Autoren es gar nicht versuchen, sonst hätte ich nicht bis zur letzten Seite durchgehalten.
Die Inspirationen in diesem Buch sind vielfältig und zielen auf unterschiedliche Bereiche. Es stellt sich uns doch zunehmend die Frage, wie gelebte »Gemeinschaft« heute gelingen kann, im Zeitalter von Blog, Twitter, sogenannten sozialen Netzwerken, Smartphones und anderen Errungenschaften der modernen Kommunikationsgesellschaft. Es wird kommuniziert, noch und noch, aber kann das Ergebnis guten Gewissens als »Gemeinschaft« bezeichnet werden?
Das Buch beleuchtet hauptsächlich drei Themenbereiche. »Beziehungsweise beten«, »beziehungsweise handeln« und »beziehungsweise organisieren«. Das klingt erst mal recht theoretisch, aber die Lektüre zeigt schon auf den ersten Seiten, dass hier Frauen und Männer aus ihren persönlichen Erfahrungen heraus schreiben, Misserfolge und Irrwege eingeschlossen. Nur wer gar nichts wagt, ist einigermaßen sicher vor Fehlern, doch ein solch langweiliges Leben ist das Anliegen dieses Buches nicht. Sondern ein Leben in Beziehungen - göttlichen wie menschlichen.
Wer rundum und völlig damit zufrieden ist, dass Christsein sich auf den sonntäglichen Kirchgang (oder Gemeindebesuch) beschränkt, bei dem dann ein Programm konsumiert werden kann und die eigene Beteiligung sich auf Gesang und eventuell gemeinsames Gebet beschränkt, der wird diesem Buch nicht viel abgewinnen können.
Falls sich jedoch jemand fragt, warum das Modell aus der Apostelgeschichte nicht mehr funktioniert, ob eine Versammlung von Gläubigen unbedingt aus Gesang - Ansagen - weiterer Gesang - Gebet - Predigt - noch mehr Gesang bestehen muss, oder falls sich jemand Gedanken macht, warum Christsein in der Gesellschaft fast nur noch wahrgenommen wird, wenn es darum geht, Missbrauch aufzudecken oder andere Schandtaten an den öffentlichen Pranger zu stellen, dann kann das Buch durchaus die zündenden Impulse vermitteln, um selbst etwas zu bewirken, was die Lage ändert. Das Warten darauf, dass »irgendwas geschieht«, idealerweise eine Erweckung vom Himmel purzelt, ist jedenfalls nicht Anliegen dieses Werkes. (Man kann übrigens - dies nur zur Beruhigung für meine Freunde aus entsprechenden Kreisen - das Buch lesen und trotzdem eine Erweckung erwarten, wenn man möchte.)
Es sind spannende Geschichten in »Beziehungsweise Leben« zu finden, vom Entstehen der »Arche Hamburg«, von spür- und sichtbaren Veränderungen in Stadtteilen durch aufgewachte Christen, von einer Abschiebung, von mittelalterlichen Pfarrhäusern, von Gottesdiensten, die nicht Gottesdienst heißen sondern »SundayPlaza«...
Ja, und damit bin ich beim einzigen, ganz subjektiv empfundenen Manko dieses Buches. Einige wenige Kapitel schwelgen förmlich in merkwürdigen Wortschöpfungen mit Großbuchstaben mitten im erfundenen Wortungetüm und zweifelhaften Anglizismen. Vieleicht bin ich diesbezüglich altmodisch, konservativ...
Doch dieses - wie gesagt ganz subjektiv empfundene - gelegentliche sprachliche Entgleisen ändert nichts an meinem Fazit: Unbedingt lesenswert, wirklich inspirierend, alles andere als langweilig. Kein trockenes Theologenwerk, sondern von und für Menschen geschrieben, die mitten im echten Leben stehen und mehr sein wollen, als Platzinhaber in Kirche oder Gemeindesaal. Die Lektüre hat mich an vielen Stellen inspiriert, weiter oder anders zu denken als bisher.
Das Buch gibt es für 12,95 Euro beispielsweise bei Amazon: Beziehungsweise leben: Inspirationen zum Leben und Handeln im Einklang mit Gott und Menschen