Dienstag, 4. Mai 2010

Vielen Dank, Herr Thierse!

Foto: http://twitpic.com/photos/othertimesIch habe aus gegebenem Anlass gestern an Wolfgang Thierse geschrieben:

Sehr geehrter Herr Thierse,

mit ziemlicher Verwunderung lese ich in den Schlagzeilen von den Vorwürfen, die gegen Sie erhoben werden. Besonders absonderlich äußert sich ein Herr Wendt, der gar Ihren Rücktritt fordert.
Ich möchte Ihnen und den anderen Politikern ausdrücklich danken, dass Sie sich dem braunen Aufmarsch in den Weg gesetzt haben. Gott sei Dank gab es Tausende, die friedlich und deutlich signalisiert haben, dass wir keine Naziparaden auf unseren Straßen zu sehen wünschen.

Ich bin froh, dass der Vizepräsident unseres Bundestages Wolfgang Thierse einer von ihnen war.
Vielen Dank.

Mit freundlichen Grüßen

Günter J. Matthia

Wer ebenfalls, mit eigenen Worten natürlich, Herrn Thierse persönlich schreiben möchte, findet seine E-Mail-Adresse ziemlich leicht auf der Homepage: [Wolfgang Thierse]

P.S.: Unter dem Namen sollte die Anschrift nicht fehlen bei solchen Briefen. Das gehört sich so. Anonym schreiben Leute, die nicht für ihre Worte einstehen möchten …

Montag, 3. Mai 2010

John Grisham: Ford County


Es muss nicht immer ein Roman sein, wenn ein Buch ein hervorragendes Buch werden soll. Mancher Stoff taugt nur zur Kurzgeschichte oder Novelle, aber Kurzgeschichten verkaufen ist in der heutigen Verlagswelt sehr schwer bis unmöglich; deshalb versuchen manche Autoren leider, aus jeder Idee einen Roman zu machen, sei sie auch noch so mager. Ausnahmen bestätigen die Regel, so Stephen King mit seinen Stories und nun auch – endlich! – John Grisham.

Ford County, das sind sieben sehr unterschiedliche Geschichten, die durchweg gelungen sind. Die erste Erzählung fängt mit einem Gerücht an.
By the time the news of Bailey’s accident spread through the rural settlement of Box Hill, there were several versions of how it happened.
»Blood Drive« ist voller Ironie, die erbärmlichen Helden der Story sind so humorvoll und treffend gezeichnet, dass man fast den Biergestank zu riechen meint, der während der Fahrt zum Blutspenden für Bailey, der angeblich in Memphis im Krankenhaus dringend auf eine Transfusion wartet, zunehmend dichter wird.
Aggie and Calvin drank responsibly while Roger continued to gulp away. Wehn the first six-pack was gone, he announced, with perfect timing, “I need to take a leak. Pull over there at Cully’s Barbecue.” They were on the edge of the small town of New Grove, and Aggie was beginning to wonder how long the trip might take. Roger dissappered behind the store and relieved himself, then ducked inside and brought two more six-packs. When New Grove was behind them, they popped the tops and sped along a dark, narrow highway.
“Ya’ll ever been to the strip clubs in Memphis?” Roger asked.
Natürlich will ich hier nicht verraten, was auf der Reise nach Memphis und in der Stadt geschieht – aber es ist herrlich typisch für das Dorf- und Kleinstadtleben.

»Fetching Raymond« erzählt von den Illusionen, die manche arme Seele sich solange vorgaukelt, bis sie selbst es glaubt. Raymond erzählt Hinz und Kunz von den vielen erstklassigen Juristen, die Tag und Nacht darum kämpfen, ihn aus dem Gefängnis zu befreien.
“Got two dozen lawyers scramblin’ right now,” he said. “State can’t keep up with ‘em.”
“When do you hear somethin’ from the court?” Inez asked.
“Any minute now. I got federal judges in Jackson, in New Orleans, and in Washington sittin’ by, just ready to kick the state’s ass.”
Natürlich kostet so viel Rechtsbeistand Geld. Die verarmte Familie des Inhaftierten hat getan, was finanziell möglich war und ist nun auf dem Weg, ihn aus der Todeszelle zu holen. Allerdings anders, als der Leser zunächst erwartet.

»Fish Files« sind Akten, die stinken. Ein Kleinstadtanwalt hat genug davon, sich sein Leben lang mit solchem Kram herumzuplagen; als sich ihm eine Chance zum Ausbrechen bietet, nutzt er sie.
Mack was already tired of rationalizing his actions. He was screwing his clients and he knew it.
He was now a crook. Forging documents, hiding assets, swindling clients.
Grisham gelingt es vortrefflich, uns Leser auf die Seite Macks zu ziehen, wohl wissend, dass wir uns damit in die Illegalität begeben. Das macht uns nichts, wir empfinden heimliches Vergnügen.

Womöglich etwas zu vorhersehbar ist das, was in »Casino« vor sich geht, doch das hat keineswegs mein Lesevergnügen geschmälert. Da war wohl heimliche Schadenfreude dabei, weil die »Großkopferten«, die immer und routiniert die kleinen Leute reinlegen, ausgerechnet vom unscheinbaren Sidney– ach nein, ich will ja nicht den Inhalt verraten.

In »Michael’s Room« landet Stanley, der Held der nächsten Kurzgeschichte, nicht freiwillig. Auf dem Weg geschieht ihm Peinliches.
“You pissed on yourself,” Cranwell said. Stanley heard him, but barely. His ears were splitting, especially the right one. “You poor boy, all wet with piss.”
Nur so viel sei hier verraten: Wir gönnen es diesem Stanley von Herzen, dass ihm solches widerfährt. Denn was in Michaels Zimmer auf ihn wartet, hat er selbst zu verantworten.

Ganz herrlich genasführt und in die Irre gehen lassen hat mich Grisham mit »Quiet Haven«. Ich las und las und kam nicht dahinter, worauf es der Protagonist eigentlich abgesehen hat. Ich meinte jetzt weiß ichs, und ein paar Sätze später meinte ich nee, falsch, aber was denn dann? So macht Lektüre Spaß!

Der gelungene Abschluss dieser gelungenen Sammlung von Kurzgeschichten heißt »Funny Boy«. Mancher Kritiker hat John Grisham vorgeworfen, dass seine Bücher in den letzten Jahren »zu fromm« seien, dass sein christlicher Glaube zu deutlich würde. Nun weiß ich nicht, warum das Durchscheinen des Christentums einem Autor vorzuwerfen wäre, wenn das platte Verbreiten von atheistischen Überzeugungen bei anderen Autoren hoch gelobt wird, doch das sei hier dahingestellt. In »Funny Boy« jedenfalls zeigt sich, dass Grisham außerordentlich kritisch das typisch amerikanische Landchristentum zu beobachten weiß.
“There was this revival service at a church, white church, here in Clanton, one of those rowdy hellfire-and-briomstone affairs with people rolling in the aisles and fainting and the choir singing ‘Shall We Gather at the River’ at full throttle, and the preacher was at the altar begging and pleading for all sinners to come on down and surrender all. You get the picture.”
“Ever’ Sunday.”
“And I walked through the door, dressed in white, looking worse than I look now, and I started down the aisle toward the preacher. He had this look of terror on his face, couldn’t say a word. The choir stopped mid-stanza. Everyone froze as I kept walking down the aisle, which took a long time. Finally someone yelled, ‘It’s him! The guy with AIDS!’ Someone else yelled, ’Run!’ And all hell broke loose.”
Grishams Glaube macht ihn nicht blind für die Verlogenheit und Scheinheiligkeit in manchen Kirchen, die so von Erweckung und wunderbarem Segen Gottes voller Wohlergehen und Heilung begeistert sind, dass ein an Aids sterbender Homosexueller nicht in ihre Kirche passt.
»Funny Boy« ist nicht funny. Die Geschichte ist bitter, tragisch und sie macht mich wütend. Weil sie jeden Tag geschieht. Nicht nur in Amerika.

Mein Fazit: Für Grisham-Fans sowieso unverzichtbar, und für Leser, die mit seinen juristischen Romanen eher wenig anfangen könne, wäre dies eine Gelegenheit, einen »anderen« John Grisham kennen zu lernen. Durchweg spannende und unterhaltsame Lesestunden sind bei diesem Buch garantiert.

  • Kaufen kann man es zum Beispiel hier bei Amazon: Ford County

P.S.: Dieser Hinweis soll nicht fehlen: Gelesen habe ich das Original, kann daher zur deutschen Übersetzung nichts anmerken. Soweit ich das überblicke, gibt es das Buch aber bisher sowieso nicht auf Deutsch.

Sonntag, 2. Mai 2010

Schon vorbei: Mein 1. Mai

So war er, mein erster Mai 2010.

Morgens 2,5 Stunden Arbeit für zwei Kunden, dann mit dem Auto nach Kreuzberg. Das letzte Stück allerdings wegen der Besonderheiten des Tages mit der U-Bahn, ein seltenes Erlebnis für uns, die wir sonst auf eigenen Rädern hierhin und dorthin gelangen.

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Vom Bahnhof Görlitzer Straße aus ein Spaziergang zum Mariannenplatz. Auf dem Weg waren so manche Kreuzberger Eigentümlichkeiten zu bestaunen, zum Beispiel solche luftigen Plätze für entspannte Lektüre.

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Am Mariannenplatz angekommen blieben noch runde 20 Minuten Zeit, um mit Freunden und Bekannten zu plaudern.

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Der Open-Air Gottesdienst begann mit »Go Worship«, unterstützt durch Sänger aus der »Baptist International Church«.

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Ein Mann in Uniform predigte, es war allerdings keine Pilotentracht, sondern die Dienstkleidung der Heilsarmee.

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Vorgestellt wurde anschließend das Projekt »Street UniverCity«, mit Interviews und einem Rap von zwei sehr talentierten jungen Kreuzbergern. Das Projekt dient der Bildung von jungen Migranten, es wurde mit der Kollekte des Gottesdienstes unterstützt.

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Die Gottesdienstbesucher waren zahlreich, interessiert und engagiert.

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Ein weiterer Mann mit Uniform wurde von Pfarrer Axel Nehlsen interviewt und dann stellvertretend für seine Kollegen gesegnet.

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Schließlich endete der Gottesdienst mit Segensworten in fünf »Kreuzberger Sprachen«, darunter Suaheli, Türkisch und Arabisch.

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Wir blieben noch eine Weile auf dem »Myfest«, genossen Speisen, die man bei uns im beschaulichen Lichterfelde eher selten findet, bestaunten die bunte Vielfalt des Bezirks und erfreuten uns an der lockeren und freundlichen Feierstimmung, wohin man auch schaute wurde getanzt, gegrillt, geplaudert…

Nach so viel Stadtluft zog es uns samt Fahrrädern dann am Nachmittag hinaus ins Grüne. Wir radelten auf dem Berliner Mauerweg von Lichterfelde nach Lichtenrade. Dieses Foto hat meine Kamera gemacht, ohne mich vorher zu fragen:

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Unterwegs erfreuten wir uns wiederum an dem Geschenk des japanischen Kaisers an Berlin, das seit der Wiedervereinigung Jahr für Jahr schöner und größer wird.

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Danke, Herr japanischer Kaiser, für die kilometerlangen Reihen von Kirschblüten.

Vor der Rückkehr in die heimischen vier Wände genossen wir dann noch italienische Speisen, in meinem Fall mit einem tschechischen Getränk, das in einem Glas gereicht wurde, auf dem eine Gefühlsskala es dem Kellner leicht macht, den Stimmungszustand des Gastes abzulesen.

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Abends in den Nachrichten erfuhren wir dann von der Herthapokalypse – es war dennoch ein schöner Tag.

Samstag, 1. Mai 2010

Die nächste Rezension?

Im Januar habe ich beschlossen, eine Liste mit gelesenen Büchern anzulegen. Bei Dosi hatte ich gesehen, welche 100 Bücher er im Vorjahr gelesen hatte. Ich hatte keine Ahnung, wie viele ich selbst gelesen hatte, welche genau das gewesen sein mochten. Etliche fielen mir natürlich ein, die sehr guten zum Beispiel. Manche hatte ich auch rezensiert. Aber im Nachhinein ein Liste aufstellen? Ging nicht.
Ich beschloss, dass sich das 2010 ändern soll und trage nun jeweils die Lektüre ein, mit der ich mich gerade beschäftige. Wenn ein Buch gelesen ist, bekommt es eine kleine Bemerkung in der letzten Spalte verpasst.
booklist
Top 1000 Findige Köpfe unter meinen Blogbesuchern können nun ahnen, welches Buch meine nächste Rezension behandeln wird. Amazon– veranlasst durch die Leserbewertungen meiner Rezensionen daselbst – war so freundlich, mich mittlerweile unter die »Top 1000« der Rezensenten einzustufen. Das bringt mir zwar nichts ein, aber da will man natürlich auch nicht nachlassen auf dem Weg in die Top 10. Am Ende winkt vermutlich der Nobelpreis für Rezensionen, verliehen in Stockholm. Was ziehe ich da eigentlich an? Schwarzen Anzug, klar, aber welche Krawatte? Und sind die Schuhe ordentlich geputzt?

Freitag, 30. April 2010

1. Mai: Ich bin dabei

Berlin rüstet sich für das 1. Mai-Wochenende. Befürchtungen vor extremistischer Gewalt und Zusammenstößen zwischen Rechten und Linken machen die Runde.
Bis zu 3.000 Neonazis, teils gewaltbereit, haben für den 1.5. einen Marsch durch den Stadtteil Prenzlauer Berg angemeldet. Nach den geltenden Bestimmungen kann er nicht verboten werden.
Gegendemonstranten (bis zu 10.000) aus verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen wollen das durch Blockaden verhindern.
Das Dilemma der Polizei: Verhindert sie Blockaden, droht linke Randale.
Am Abend könnte besonders nach der traditionellen linken »Revolutionären 1.Mai-Demo« Gewalt entstehen. Allerdings läuft sie diese Jahr erstmals nicht durch das friedliche »Myfest«. Nach letzten Angaben stehen für diese Tage genügend oder mehr Polizisten als im Vorjahr bereit, so dass die befürchtete Unterbesetzung nicht eintritt.
Im inzwischen schon traditionellen Open-Air-Gottesdienst von Gemeinsam für Berlin auf dem »Myfest«, dieses Jahr unter dem Motto »Hunger nach Gerechtigkeit«, wird besonders für den Frieden an diesem Tag gebetet. Das Projekt der »StreetUniverCity« zur Bildung junger Migranten wird vorgestellt. Die Kollekte ist für sie und für eine christliche Drogenarbeit bestimmt. Eine interkulturelle Band spielt. Ein Vertreter der Polizei wird interviewt und soll stellvertretend für den Dienst seiner Kolleginnen und Kollegen gesegnet werden.
Der Gottesdienst endet mit einem biblischen Friedensgruß in fünf Sprachen, darunter türkisch und arabisch.
Der Open-Air-Gottesdienst »Hunger nach Gerechtigkeit« eröffnet morgen, am 1. Mai, um 12 Uhr auf dem Mariannenplatz in Kreuzberg auf der Bühne vor der St.-Thomas-Kirche das »Myfest«. Ich bin dabei. Du auch?

Donnerstag, 29. April 2010

Schöne Grüße von Jessika

Wer bist du, Jessika?Der Fahrstuhl bleibt stecken, das Licht geht aus, Bernd wird von einer Unbekannten zärtlich geküsst. Als der Lift wieder anläuft und die Tür sich öffnet, verschwindet die junge Frau in Windeseile.
Bald darauf sieht Bernd sie wieder, die beiden werden ein Paar. Doch Jessika hat Geheimnisse. Finstere Geheimnisse. Tödliche Geheimnisse. Womöglich ist sie nicht von dieser Welt. Und Bernd gerät mehr und mehr in ihre Verstrickung. Er erkennt viel zu spät, in welcher Gefahr er sich befindet.

Ein elektronisches Buch hat keine Klappe, aber dennoch einen Klappentext. Der sieht im vorliegenden Fall wie oben zitiert aus. Der vorliegende Fall ist regelmäßigen Blogbesuchern bekannt, denn die haben ja das Entstehen der Erzählung »Wer bist du, Jessika?« miterlebt und, soweit ihnen danach zumute war, mitgestaltet.

Wer mag, kann nun also noch einmal von Anfang bis Ende lesen. Als kostenloses E-Book. Im Format für den Kindle, als EPUB und als PDF, ganz wie’s beliebt.

Bittesehr: Die gar nicht nette Jessika und der ziemlich ahnungslose Bernd bei Feedbooks

Mittwoch, 28. April 2010

ASUS Kundendienst – die nächste Unverschämtheit

So langsam bezweifle ich, dass ASUS interessiert ist an zufriedenen Kunden. An Kunden überhaupt. Ich hatte hier berichtet, dass ich am 21. April das als Ersatz gelieferte Notebook wieder einschicken musste, weil der sogenannte Kundendienst nicht bereit war, einen Ersatzakku probeweise zu liefern: [Ärger mit ASUS – die Fortsetzung]
Nun kam ein Angebot, das ich nur als Unverschämtheit werten kann:

asus Ich hatte das defekte Notebook Ende September gekauft und Anfang Oktober eingeschickt. ASUS konnte es nicht reparieren. Als Ersatz hat man mir nach über sechs Monaten ein “refurbished” Gerät vom März 2009 geliefert, dessen Akku - welch ein Zufall - keine Garantie mehr hat. 172,79 Euro will man nun dafür kassieren, dass ich – vielleicht! – endlich ein funktionstüchtiges Gerät habe? Hallo ASUS, geht’s denn noch unverschämter? Kaum vorstellbar.
Ich haben nun letztmalig die Pressestelle bei ASUS/ den sogenannten Kundendienst / den angeblich kompetenten Herrn Glöde um Veranlassung einer schnellsten und kostenlosen Erledigung ersucht – danach geht der Vorgang samt Unterlagen an die Verbraucherzentrale. Und an die Fachpresse.

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Oder bin ich zu ungeduldig? Darf man sieben Monate nach dem Kauf eines Gerätes für 699 Euro noch nicht damit rechnen, das Gerät / irgendein Gerät auch benutzen zu können?

Dienstag, 27. April 2010

Gastbeitrag Otto Ernst: Nis Randers

File:Martin, John - The Deluge - 1834.jpgKrachen und Heulen und berstende Nacht,
Dunkel und Flammen in rasender Jagd –
Ein Schrei durch die Brandung!

Und brennt der Himmel, so sieht man’s gut:
Ein Wrack auf der Sandbank! Noch wiegt es die Flut;
Gleich holt sich’s der Abgrund.

Nis Randers lugt – und ohne Hast
Spricht er: „Da hängt noch ein Mann im Mast;
Wir müssen ihn holen.“

Da faßt ihn die Mutter: „Du steigst mir nicht ein:
Dich will ich behalten, du bliebst mir allein,
Ich will’s, deine Mutter!

Dein Vater ging unter und Momme, mein Sohn;
Drei Jahre verschollen ist Uwe schon,
Mein Uwe, mein Uwe!“

Nis tritt auf die Brücke. Die Mutter ihm nach!
Er weist nach dem Wrack und spricht gemach:
„Und seine Mutter?“

Nun springt er ins Boot und mit ihm noch sechs:
Hohes, hartes Friesengewächs;
Schon sausen die Ruder.

Boot oben, Boot unten, ein Höllentanz!
Nun muß es zerschmettern ...! Nein, es blieb
ganz !...

Wie lange? Wie lange?

Mit feurigen Geißeln peitscht das Meer
Die menschenfressenden Rosse daher;
Sie schnauben und schäumen.

Wie hechelnde Hast sie zusammenzwingt!
Eins auf den Nacken des andern springt
Mit stampfenden Hufen!

Drei Wetter zusammen! Nun brennt die Welt!
Was da? – Ein Boot, das landwärts hält –
Sie sind es! Sie kommen! – –

Und Auge und Ohr ins Dunkel gespannt...
Still – ruft da nicht einer? – Er schreit’s durch
die Hand:

„Sagt Mutter, ’s ist Uwe!“

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  • P.S.: Diese Ballade kam mir bei der Arbeit an einem Lehrwerk zu Gesicht. Ich vergaß das Arbeiten und las statt dessen, war plötzlich am tosenden Meer gefangen. Vielleicht widerfährt das ja auch den geneigten Blogbesuchern?
  • P.P.S.: Die Ballade ist gemeinfrei, Quelle: Wikisource
  • P.P.P.S.: Gemälde: John Martin – The Deluge, Quelle: Wikicommons
  • P.P.P.P.S.: Die schmucke Werbeeinblendung rechts bezieht sich auf ein Buch, in dem auch diese Ballade zu finden ist. Falls jemand auf den Geschmack gekommen sein sollte.

Montag, 26. April 2010

Wer bist du, Jessika? – Der Schluss

image Nun also folgt der Schluss, die Leser haben ihn mehrheitlich mitbestimmt. Eine lange Vorrede gibt es nicht, nur den Hinweis für Zufallsgäste: Dies ist die Fortsetzung einer Geschichte. Wer Teil 1 und Teil 2  und Teil 3 und Teil 4  und Teil 5 sucht, wird mit Klick auf Teil 1 und Teil 2 und Teil 3 und Teil 4 und Teil 5 fündig.
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»Schade, Bernd. Ich dachte, du wärest endlich derjenige, der verstehen würde. Habe ich mich so sehr in dir geirrt?«
Schweißperlen standen auf seiner Stirn. Es war sinnlos, Jessika etwas vorlügen zu wollen. Sie konnte seine Gedanken lesen, wenngleich sie das Gegenteil behauptet hatte. Aber warum sollte ein solches Geschöpf der Finsternis auch die Wahrheit sagen? Bernd hatte, als sie nach Hause kam, versucht, wie Tom Cullen in Steven Kings bestem Buch einfach nur M-O-O-N zu denken, aber das war gründlich schiefgegangen. Sie sah ihn kurz an, lachte vergnügt und sagte: »M-O-O-N, that spells Bernd hat endlich kapiert was Jessika ist?«
Er hatte kapiert. Zu spät. Viel zu spät. Und dann hatte er auch noch das Bier getrunken, das sie ihm gebracht hatte – offenbar mit irgendwelchen KO-Tropfen vermischt. Jedenfalls war er auf dem Sofa eingeschlafen und nackt auf dem Bett, ausgestreckt, Handgelenke und Fußgelenke an die Pfosten gefesselt, wieder aufgewacht.
Jessika saß auf seinen Schenkeln, gab ihm ausgiebig Gelegenheit, ein letztes Mal ihren makellosen Körper zu bewundern. Er schloss die Augen.
»Es muss nicht das letzte Mal sein, Bernd. Ich liebe dich, und ich möchte, dass es so weitergeht mit uns beiden. Warum auch nicht? Es gibt doch keinen Grund, das alles zu zerstören.«
»Du bringst Menschen um, Jessika.«
»Du auch.«
»In meinen Geschichten, ja, aber doch nicht in Wirklichkeit, nicht im echten Leben.«
Bernd öffnete die Augen wieder. Konnte es doch noch ein Entkommen geben?
Sie wirkte konzentriert, als wolle sie ihm tatsächlich das Unerklärliche erklären. »Warum verstehst du das bloß nicht? Es gibt keinen Unterschied. Deine Erzählungen sind so wirklich wie das, was die Tagesschau sendet oder die Zeitung druckt.«
»Nein, Jessika. Nein.«
»Dann bin ich auch nicht wirklich. Dann ist keine von uns wirklich.«
Bernd horchte auf. Gab es mehrere Jessikas? Oder was meinte sie mit der Pluralform? Er fragte: »Wer oder was seid ihr? Sag mir das, bevor ich sterbe.«
Jessika begann, sanft seinen Körper zu streicheln, voller Zärtlichkeit, Hingabe, Zuneigung.
Die Muse und Wagner - Fantin-Latour»Wir sind immer da gewesen. Man nennt uns Musen, man nennt uns Boten oder Inspirationen, man gibt uns viele Namen. Aber die wenigsten Menschen glauben tatsächlich an uns, und noch viel weniger Menschen hatten jemals direkten Kontakt wie du, Bernd. Du bist ein Auserwählter, weil ich in dir etwas Besonderes gesehen habe, etwas was selten ist. Du liebst und lebst die Gestalten deiner Geschichten, du leidest mit ihnen, freust dich mit ihnen, ängstigst dich mit ihnen. Deshalb dachte ich, du würdest verstehen. Zusammenarbeiten.«
»Es ist grausam, Menschen umzubringen. Was haben Inspirationen oder Musen mit den echten Menschen zu tun, die du hast sterben lassen?«
»Es wäre noch grausamer, wenn es den Tod nicht gäbe.«
»Wie meinst du das?«
Er beobachtete erstaunt, dass sein Penis sich unter ihren sanften Berührungen aufrichtete. Damit hatte er in dieser Situation nicht gerechnet. Er war mit größter Wahrscheinlichkeit Minuten vom Tod entfernt, seine Henkerin saß auf seinen Oberschenkeln, das frisch geschärfte große Küchenmesser lag neben seinem Kopf auf dem Kissen… und sein Glied machte, was es wollte, als sei dies nur eine weitere vergnügliche Liebesnacht. Kein Leser würde ihm so etwas glauben, wenn er es in eine Geschichte geschrieben hätte.
Jessika lächelte. Noch immer, trotz allem, verzauberte ihn dieses Lächeln. Sie fuhr fort: »Du bist einer von den Menschen, deren Aufgabe darin besteht, den Rest der Menschheit auf den Tod vorzubereiten. Alle Schriftsteller haben nur diese eine Aufgabe. Wir bringen die Menschen ins Jenseits. Das ist unsere Aufgabe. Und ich glaube immer noch, dass wir beide wunderbar zusammenarbeiten könnten.«
Bernd schüttelte den Kopf. »Das ist Unsinn. Ich kenne einige Autoren, und keiner sieht seinen Job so.«
»Das wissen wir«, entgegnete sie sanft, während sie mit ihrem Becken etwas weiter hinauf rutschte, »dass ihr es nicht wisst. Oder zumindest die meisten Autoren wissen es nicht. Einige ahnen es immerhin, nach vielen Jahren des Schreibens. Alle Literatur dient diesem Zweck, meist ohne Wissen des Schriftstellers. Ein Liebesroman, voller Kitsch, entsetzlich in der Wortwahl, schenkt seinem meist aus älteren Frauen bestehenden Publikum die Illusion, im Leben etwas für die Ewigkeit geleistet zu haben, irgendwo dort drüben eine Belohnung erwarten zu dürfen. Wenn dann hier das Leiden zunimmt, wächst die Freude auf das Jenseits. Die großen Romane der größten Schriftsteller - alle haben das gleiche Ziel, für unterschiedliche Menschen auf unterschiedliche Weise. Auch diejenigen, die sogenannte Gebrauchsliteratur schreiben, tun das Gleiche, nur eben für andere Leser. Ob nun durch Ausmalen des Grauens, das passieren kann oder durch Erhebung des Jenseitigen oder durch Aufwertung des eigenen Leserlebens: Die Angst vor dem Tod mindern, das ist der wahre Zweck der Literatur. Und der Künste überhaupt.«
Bernd begann, zu begreifen, was sie meinte: Die Engel des Todes, die Herbeiführer des Lebensendes versuchten, ihrer Arbeit den Schrecken zu nehmen, und sei es, indem Autoren wie er Unheil in blutroten Lettern vor die Augen der Leser malten. Aber er verstand immer noch nicht ganz, wer oder was Jessika war.
Sie beantwortete die unausgesprochene Frage, während sie sich auf ihn legte. Ihre Lippen nah an seinem Ohr murmelte sie zärtlich: »Du liebst mich, Bernd, sogar jetzt, wo du Angst hast. Dabei brauchst du keine Angst zu haben. Du wirst sterben, heute oder später, Menschen sind nun einmal sterblich. Alles ist sterblich, was auf dieser Welt, die euch so viel bedeutet, existiert. Und wir Musen, unsere eigentliche Aufgabe ist es seit jeher, das Gleichgewicht zwischen Tod und Leben zu wahren. Wir sind nicht nur zur Inspiration der Künste hier, sondern auch zur Ausführung des Lebensendes. Ich war immer gnädig dabei, ich habe immer versucht, die Menschen, deren Zeit gekommen war, in einem Augenblick des Glücks über die Schwelle zu führen.«
»Auch den kleinen Jungen im Sandkasten?«
»Ja, er war glücklich. Uneingeschränkt glücklich. In wenigen Monaten hätte man ein Nephroblastom diagnostiziert.«
»Der Busfahrer und seine Passagiere?«
»Der Busfahrer erlebte gerade, wie ein Traum wahr wurde. Die Passagiere haben nichts kommen sehen, daher hatten sie zumindest keine Angst. Und Schmerzen sowieso nicht.«
»Familie Aksu?«
»Das Unglück mit dem Fahrstuhl hat sie davor bewahrt, beim geplanten Urlaub in der Heimat von radikalen Islamisten verschleppt zu werden.«
»Und der Handelsvertreter? Hast du ihm wirklich bei lebendigem Leib Organe aus der Bauchhöhle geschnitten?«
Ihr Gesicht wurde eine Spur härter, aber ihre Augen sahen weiter voller Liebe und Zärtlichkeit in seine.
»Ja, und das war eine der Ausnahmen. Ich war nicht gnädig. Im Gegenteil. Dieser Mann hatte drei Kinder auf dem Gewissen, deren Zeit noch nicht gekommen war. Er hat die kleinen Mädchen, das jüngste war sieben Jahre alt, das älteste zwölf, vergewaltigt und dann erdrosselt. Ich wollte, dass er leidet. Er hat gelitten.«
Bernd kam nicht umhin, der Logik zu folgen. Jessika war zwar offensichtlich eine Wahnsinnige, aber ihr Irrsin folgte einer inneren Ordnung. Er brauche nicht sterben, hatte sie gesagt. Vielleicht sollte er ihr Spiel mitspielen?
»Und was sollte meine zukünftige Rolle sein?«, fragte Bernd.
»Nichts anderes als bisher. Schreiben, was die Leute lesen müssen, damit sie glauben, dass ihr eigener Tod im Vergleich zu deinen Geschichten geradezu eine Wohltat ist. Das ist alles. Es liegt nur an dir, Bernd, ob deine Erdenzeit weiterläuft oder nicht.«
Er schwieg eine Weile und genoss die langsamen, wohltuenden Bewegungen ihres Körpers. Er dachte darüber nach, ob die Polizei eines Wesens wie Jessika überhaupt habhaft werden konnte. Er überlegte, ob ihr Tun wirklich verwerflich war, denn sterben mussten alle Menschen, da hatte sie recht gehabt. Und er liebte sie, nach wie vor, mehr als er jemals glaubte, lieben zu können.
»Ich liebe dich auch, Bernd. Ich möchte, dass du alt wirst, sehr alt, und dass du glücklich bist bis zum Ende.«
»Bleibst du bei mir? Schreiben wir zusammen weiter vom Tod, vom Schrecken, vom Grauen? Machen wir weiter den Lesern Angst, damit sie die Angst vor dem eigenen Tod vergessen?«
»Ja, Bernd. Ich bin Jessika. Du hast mich nicht erfunden, aber du hast mir diese Gestalt gegeben. Ich bin – in dieser Form, die du so liebst – aus deinem Schreiben, deinem Träumen entstanden. Ich bin für dich geschaffen wie du für mich geschaffen bist.«
»Okay. Ich kann damit leben, Jessika.«
Sie bewegte sich etwas stärker, schneller, als sie spürte, dass sein Orgasmus kurz bevor stand. Im Augenblick der höchsten Lust, schnitt sie ihm mit einer gekonnten und raschen Bewegung die Kehle durch, tief und tödlich, er litt nicht, er begriff nicht einmal mehr, was geschah.
»Du hast es verdient, so glücklich zu sterben.« flüsterte sie und strich ihm liebevoll über die Wangen. »Ich werde noch lange an dich denken.«

Jessika schlenderte über den Kurfürstendamm. Sie dachte an Bernd. Er war ihr schwerster Fall gewesen, denn sie hatte zum ersten Mal erlebt, was wahre Liebe sein konnte. Sie lächelte wehmütig.
»Vielleicht bist du nicht tot, Bernd. Vielleicht denkt sich jemand uns beide aus und holt uns irgendwann wieder hervor für ein neues Leben.«
Ihr Gesicht wurde drohend und hart. Sie blickte mich finster an. »Und wage es ja nicht, nur Bernd zurückzuholen! Wage es nicht!«
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Ich speicherte am Freitag, dem 23. April, das letzte Kapitel der Geschichte und stellte die Publizierung im Blog auf Montag, 26. April, 01:01 Uhr ein. Ich las noch einmal die ersten Teile, dann den Schluss. Das bestärkte mich in meinem Beschluss, den Namen Jessika aus meinem Wortschatz zu streichen. Sie hatte mir Angst gemacht, echte Angst. Sie hatte mich fasziniert. Elvis fiel mir ein: You look like an angel, talk like an angel … but I got wise: You’re the devil in disguise.
Die Geschichte hatte sich selbst geschrieben, fast ohne mein Zutun, gelenkt auch von den Leserabstimmungen, aber auf jeden Fall ohne Mühe. Jetzt hatte ich jedoch die Nase voll von Jessika und ihrem Treiben. Und von Bernd, den die Leser zwar knapp, aber immerhin mehrheitlich tot sehen wollten. Mir war es recht.
Am Samstag fand ich eine Postkarte im Briefkasten. Eine sonnendurchflutete italienische Landschaft auf der einen Seite, auf der anderen meine Adresse in sauberen, wohlgeformten Buchstaben. Eine schöne Schrift, sehr angenehm für das Auge, weiblich, formvollendet. Der Poststempel war aus Parma – wir dachten gerade über einen Sommerurlaub dort nach. Eine Absenderadresse gab es nicht.
Neben meine Anschrift war nur ein rotes Herz gemalt; unter dem Herz standen drei Worte: Liebe Grüße, Jessika