Samstag, 6. November 2010

Was täte die Unterschicht, wenn sie RTL nicht hätte?

Das Medienmagazin proKOMPAKT hat in seiner Ausgabe 44-2010 einen lesenswerten, recht nüchternen Bericht über die Sendung »Das Medium« veröffentlicht, den es auch online gibt: Super Nanny für die Toten

Ziemlich am Anfang heißt es darin:

Der Sender blieb sich und seinem Image als „Unterschichten-Fernsehen“ (Harald Schmidt) treu.

Das ist doch aber keine Überraschung, oder? Von diesem oder ähnlichen Sendern wird doch wohl niemand ernsthaft Qualität oder Niveau erwarten wollen. Doch JS, der Autor des Beitrages in proKOMPAKT, hat - vielleicht aufgrund der aufgeregten Diskussionen vor der Sendung - etwas anderes, einen Skandal, Okkultes oder Anrüchiges womöglich, erwartet, denn er schreibt in dem Artikel:

Der Skandal ist, für wie doof RTL seine Zuschauer hält. Dennoch bleibt zu befürchten, dass Millionen von Zuschauern glauben, was RTL ihnen da auftischt.

Ich erkenne keinen Skandal. RTL hält seine Zuschauer für doof und liegt damit genau richtig. Sonst würde das Geschäftsmodell ja nicht funktionieren - die Einschaltquoten beweisen, wie stark die Unterschicht in Deutschland ist und wie es um den Intellekt – oder die Gleichgültigkeit bezüglich der TV-Berieselung - bestellt ist. Menschen, die RTL einschalten, möchten gerne niveaulosen Schund sehen, möchten nicht denken, möchten nichts lernen oder wissen, möchten weder Bildung noch Werte erwerben. Andernfalls würden sie ja nicht dieses Programm wählen. Es bleibt also nicht zu befürchten, wie proKOMPAKT schreibt, dass Millionen von Zuschauern glauben, was RTL ihnen auftischt, sondern es ist so.
Zu diesem Schluss kommt letztlich auch der Autor des Artikels, denn er stellt gegen Ende seiner Zeilen die wohl rhetorische Frage:

RTL, was täte die Unterschicht, wenn sie Dich nicht hätte?

Eben.

Freitag, 5. November 2010

Das dauert noch

Was sind das denn für Leute?Es wird – bald, ziemlich bald – hier eine neue Erzählung beginnen, aber daran arbeite ich noch. Das ist ja an und für sich kein Hindernis, zumindest schon mal den Beginn zu veröffentlichen, aber gerade die ersten Sätze sind noch etwas störrisch und wollen nicht so klingen, wie es mir vorschwebt.

Da ich zur Zeit mehrere Projekte, zum Teil recht kompliziert, zu bewältigen habe, für die dann auch eine Rechnung geschrieben werden kann, muss der kostenlose Blogservice die zweite Geige zu spielen versuchen. Oder anders ausgedrückt: Das dauert noch, bis hier wieder eine Erzählung beginnt. Die wird voraussichtlich etwa vier bis fünf Teile in verträglicher Länge haben.

Wer sich nun zu Tode langweilt, kann ja eines meiner Bücher lesen. Apropos »zu Tode«: Eine frische Rezension zu »Gänsehaut und Übelkeit« gibt es in Amazonien: Christof Lenzen über das Buch.

Mittwoch, 3. November 2010

Bleistift und Block

bleistift1 »Ich klaue bei IKEA diese kleinen Bleistifte, die finde ich so herrlich. Wenn ich zu IKEA gehe, nehme ich nicht nur einen, sondern immer fünf, und damit schreibe ich. Die hab ich neben dem Bett, neben dem Schreibtisch und in allen Taschen.« -Elke Heidenreich

Der Bleistift ist ja seit dem 18. Jahrhundert kein solcher mehr, da die Mine nicht aus Bleierz, sondern aus einem Graphit-Ton-Gemisch hergestellt wird. Eigentlich handelt es sich um Etikettenschwindel, doch darüber sei hier gnädig hinweg gesehen, denn es soll ja nicht um das Schreibwerkzeug an und für sich gehen, sondern darum, welche Zeilen entstanden, als ich neulich einen alten, vergilbten Block unbekannter Herkunft und einen Bleistift der Marke Staedtler 123 60 2 HB, übrigens keineswegs bei IKEA geklaut, zur Hand nahm:

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Ein Bleistift und ein vergilbtes Blatt, kariert, von einem Block abgetrennt. Die Handschrift, die in Zeiten der omnipräsenten Tastaturen fast in Vergessenheit gerät. Kann denn aus solchen Zutaten etwas entstehen, wachsen, sich entwickeln?

Gedanken, die zurück eilen in der Zeit: Die ersten Schreibversuche abseits des schulischen Pflichtprogramms, seinerzeit natürlich ohne maschinelle Mittel. Unbeholfene Versuche, Empfundenes in Schrift zu fassen. Peinliche Entgleisungen ins Kitschige und Banale. Ab und zu jedoch Zufriedenheit mit zu Papier gebrachten Zeilen. Jedoch: verstanden nur von mir; das familiäre Publikum lediglich freundlich Beifall zollend, man darf und soll ja Kindern nicht die Freude an kreativem Tun rauben.

Dann pubertäre Wortergüsse, sie gingen einher mit heimlichen Ergüssen körperlicher Art. Uneingestandenes Verliebtsein, denn Eingeständnis birgt Zurückweisung und Enttäuschung. Schreiben statt dessen, die Phantasie beflügelt von Hormonen. Die Ergebnisse des Schreibens blieben streng geheim, gehütet unter Büchern im Regal, getarnt, verborgen von Hemmingway und Böll, durchaus auch May.

bleistift2 Ein neues Blatt, der Stift frisch angespitzt. Wie damals, als es noch Buntstifte gab, mit denen in der Schule zu zeichnen und zu Hause zu malen ein Vergnügen war. Die Ergebnisse noch weniger präsentabel als das meiste Geschriebene. Zum Maler oder Zeichenkünstler, das war mir bald klar, taugte ich nicht.

Und heute nun, so viele Jahre später, höre ich wieder das Geräusch der Mine, wenn sie auf dem Block ihre Spuren hinterlässt. Ein ganz und gar mit dem Klackern der Tastatur unvergleichbares Geräusch. Es hat etwas Heimliches, Verschworenes, Sinnliches. Ob öfter mal der Bleistift zur Hand genommen werden sollte? Wie damals, als die Notizen und Entwürfe so entstanden – um später mit der Schreibmaschine abgeschrieben zu werden. Und dann der erste Erfolg, als der »Tropfenfänger«, die Schülerzeitung des Gymnasiums, die erste Kurzgeschichte abdruckte.

Meine Erzählung, in einer Auflage von 500 gedruckt! Anerkennung von Schulfreunden, aber auch von Fremden. Nachdruck dann in einem lokalen Anzeigenblatt, das wohl um Inhalte neben der Reklame arg verlegen war. Das erste Honorar: 20 Mark.

Am Anfang war der Bleistift, am Anfang war der Block. Der Bleistift sprach zum Block: Es werde eine Geschichte! Der Block antwortete: Nur zu! Ich musste nur die Mine führen, der Rest ging wie von selbst.

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Sollte ich wohl öfter zum Bleistift greifen? Was meinen denn die hoch geschätzten Blogbesucher?

Montag, 1. November 2010

Bob Dylan: Stimmung ohne Stimme

Es ist schon ein einzigartiges Völkchen, das die Fangemeinschaft des Herrn Bob Dylan bildet. Nichts, aber auch gar nichts kann diese Menschen davon abhalten, zu den Konzerten zu pilgern und/oder sich wenige Stunden nach dem jeweiligen Konzert die Aufnahme desselben herunterzuladen.

Ich bin offensichtlich kein »Hardcore-Fan«, denn ich lade nicht das beinahe tägliche Konzert auf meinen Computer und ich weiß auch nicht so recht, ob ich – falls Bob Dylan wie vorgesehen 2011 nach Europa kommt – mir einen Konzertbesuch vornehmen möchte. Die letzten Konzerte, die ich besucht habe, waren gut, ich habe angenehme Erinnerungen, aber beim letzten Auftritt in Berlin war es schon so, dass kaum noch ein verständliches Wort aus dem Munde des Herrn Dylan kam, sicher ist das auch der Akustik in der Max-Schmeling-Halle geschuldet, für Konzerte taugt diese Halle nun wirklich nicht. Aber hauptsächlich liegt es daran, dass da ein Sänger ohne Stimme singt.

Warum er mit knapp 70 Jahren überhaupt noch dermaßen fleißig die Welt bereist, ist jedem Konzertbesucher klar: Er hat Spaß an dem, was er da tut. Er lebt sichtlich auf, wenn er auf einer Bühne steht. Und das ist auch völlig richtig, gut so und soll so bleiben. Bleiben werden auch die Fans, die mitreisen von Auftritt zu Auftritt und die schon zwei Stunden nach Ende eines Konzertes Entzugserscheinungen bekommen, weil der Download noch nicht bereit steht.

Aber will ich Bob Dylan nicht vielleicht lieber von CD oder Schallplatte hören? Ich höre mir so etwa alle drei bis vier Monate eines seiner Konzerte an, zuletzt Talahassee aus dem Oktober 2010. Hier ist ein Ausschnitt daraus, der Song, der seit Jahren am Schluss der Konzerte steht, LARS, a.k.a. Like a Rolling Stone:

Und? Will ich das, was von seiner Stimme noch übrig ist, wirklich zwei Stunden genießen, wenn es doch zu Hause so viele LPs und CDs gibt, die mir mit jedem Hören gleich lieb und teuer sind? Hmmm…

P.S.: Falls jemand auf den Geschmack gekommen ist: Sämtliche Auftritte sind bei Expecting Rain – oft schon wenige Stunden nach dem Konzert – zum Download vorhanden, kostenlos selbstverständlich. Man gehe zu expectingrain.com, werde Mitglied / registriere sich, beim nächsten Besuch und Login sieht man dann bei Discussions auch die Bereich Requests for Rare Dylan Recordings (dort kann man sich ältere Aufnahmen wünschen) und Rare Dylan Recordings (dort sind alle Konzerte der letzten Jahre und die älteren Aufnahmen, die von jemandem gewünscht wurden, zu finden). Dann muss man nur noch herunterladen und anhören.

Sonntag, 31. Oktober 2010

Vierzehn mal Hundertvierzig – Eine Liebe und ihr Ende

image Regelmäßige Blogbesucher wissen, dass ich mich vor einer Weile ins Twitterland verirrt habe, in ein Paralleluniversum, dessen Sinn sich mir noch immer nicht erschließen will. Doch muss ja nicht alles im Leben, in diesem oder in anderen Universen, sinnvoll sein.

In jenem Twitterland habe ich zwischen all den anderen komischen Vögeln in den letzten zwei Wochen eine Ballade in 14 Versen zu je 140 Zeichen vorgesungen. Die 140 Zeichen sind eherne Grenze im Twitterland, die 14 Verse habe ich mir selbst als Rahmen verordnet.

Hat das irgendjemand als fortgesetzte Geschichte wahrgenommen? Wohl kaum.

Jeder Vers ist, das geht im Twitterland nicht anders, da zwischen den einzelnen Episoden nicht nur Hinz und Kunz, sondern auch ich selbst anderes zwitscherten, eine abgeschlossene Geschichte in sich. Dass daraus diese Ballade werden würde, hatte ich am Anfang nicht gewusst. Das erkannte ich erst nach dem fünften Vers.

So. Genug geplaudert. Wer Augen hat zu lesen, der lese, was der Autor im Twitterland gezwitschert hat.

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Wir sehen Olaf, Detlef, Bernd und Samuel. Auch Sandra, Iris, Ute und Gabi. Doch Timo hat nur Augen für Nadine. Sie schenkte ihm ein Lächeln.

Er duscht, derweil sie schon die Zähne putzt. Ein Schimmern durch den Vorhang, nur schemenhaft. Er senkt den Blick, sein Penis strebt empor.

Das Bett, zwei ebene Flächen, belegt von bauschigen Kissen und Decken in strahlendem Weiß. Sie werden keine Decke brauchen, die Liebe wärmt.

Sie legt die Hand auf seinen Bauch. Er atmet tief. Ob sie erspürt, wie sehnlich er die Zentimeter überwunden wünscht? Sanft. Zart. Ausatmen.

Verschmolzen ist die Zeit nun mit der Ewigkeit. Keine Minuten zählt das Herz wenn zwei vereint verschmelzen. Fühlen. Schenken. Schrankenlos.

Sie schläft noch als das Tagwerk ihn ins Leben ruft. Er duscht und träumt dabei, sie wäre nah. Dann könnten seine Hände sie berühren, kosen.

Die Stunden seines Tages rinnen zäh. Gedanken eilen vor, zu ihr. Sein Herz will ohne sie sich nicht zufrieden geben. So zäh der Tag. Zu ihr!

Wie schön sie ist. Verzaubert muss er staunen, und ihre Augen sprechen, was der Mund nicht sagt. Wird ewig ihre Liebe sein wie frischer Tau?

Gewöhnung setzt wohl ein, doch niemals Überdruss. Er hat sie in seinem Herzen eingeschweißt die Liebe, nur zu ihr, versiegelt für ein Leben.

Die Bilder, die er sieht, wenn er die Augen schließt. Die Bilder. Sie werden niemals alt, sind immer wieder neu. Sie ist ihm unerschöpflich.

Wann fragte je das Schicksal nach der Liebe? Nach jedem schönen Tag lauert gefräßig eine Nacht. Er kann und will nicht glauben, was er weiß.

Noch glüht ein Funke Hoffnung, doch die Wahrheit löscht ihn aus. Werden da wenigstens noch Bilder sein, in seinem Kopf, von ihr? Was bleibt?

Sie durfte nicht bleiben. Der Tod riss sie in seinen Schlund. Erlöst vom Schmerz – doch welche Qual zuvor! Frieden wünscht und gönnt er ihr.

Wie leer sein Blick, als alles ihm genommen wurde. Erinnerung ist flüchtig. Was bleibt, ist Wissen um Verlust, sein Schmerz – womöglich Wut?

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Samstag, 30. Oktober 2010

Nichts.

Heute gibt es hier so viel Neues wie gestern. Nichts.

Donnerstag, 28. Oktober 2010

Projekt der Hoffnung: »Haus der guten Taten«

In Deutschland stellen in weit über 900 Werkstätten Menschen mit Behinderungen hochwertige Produkte her. Die Artikel werden häufig in kleinen Läden, bei Aktionen oder Märkten angeboten. Nicht selten landen sie im Lager.

Ein neues Konzept für den Aufbau und Betrieb eines Filialnetzes zur Vermarktung dieser Erzeugnisse in bester Marktlage entsteht bei der gemeinnützigen GmbH »Shop der guten Taten«. Zu den Gesellschaftern gehört auch Gemeinsam für Berlin. Die erste Filiale wird am 18. November im Forum Steglitz unter dem Namen COEO Haus der guten Taten eröffnet. Es sollen vor allem Produkte von behinderten Menschen, internationalen Hilfsprojekten und Fair Trade Organisationen angeboten werden. 50% der Gewinne fließen in soziale Projekte. Behinderte Menschen bilden einen Teil der Belegschaft.

Hier entsteht also auf Basis christlicher Überzeugungen ein neues Geschäftsmodell, das nachhaltig, sozial und ökologisch ist – und zusätzlich die Gewinne wieder in soziale, auch christliche, Projekte investieren kann.

Mehr zum Haus der guten Taten und Bildquelle: COEO

(Textquelle: Gebet für Berlin – November 2010)

Mittwoch, 27. Oktober 2010

Aus einem bis heute unveröffentlichten Roman

You may call my love Sophia
I call my love Philosophy
Van Morrison

Feuchtes Laub raschelte unter den Füßen der beiden Spaziergänger im Berliner Tiergarten. Beide waren 13 Jahre alt, das Mädchen wirkte jedoch älter. Ihr Gesicht ließ ahnen, dass sie ihre Kindheit nicht ohne Wunden und Schmerzen hinter sich gebracht hatte. Dunkle Locken fielen bis auf die Schultern, sie trug weiße Jeans und ein schwarzes T-Shirt mit dem HARD ROCK CAFÉ Logo auf der Brust.
Ihr Begleiter war hochgewachsen, schlank, dunkelblond, ein vergnügtes Lächeln spielte auf seinem Gesicht.
Sie schlenderten schweigend den Weg am Kanal entlang. In der Ferne hörte man, wenn man die Ohren spitze, Verkehrsgeräusche.
Die beiden nahmen auf einer Bank Platz und sahen auf das träge fließende Wasser des Landwehrkanals.

Der Junge brach nach etwa zehn Minuten das Schweigen.
»Sophia, weißt du, was mir an dir besonders gefällt?«
»Nein. Aber du wirst es mir gleich sagen.«
Sie lächelte erwartungsvoll.
»Dass man mit dir auch schweigen kann. Stundenlang, wenn es passt. So was ist selten.«
»Danke, Patrick.«
Sie saßen auf der Bank, sahen den Enten zu, die ohne Eile über das Wasser glitten, beobachteten müßige Spaziergänger.
Sophia genoss den Nachmittag. Sie hatten gemeinsam die Arbeiten für die Schule erledigt und waren anschließend mit der U-Bahn zum Bahnhof Zoo gefahren. Von dort aus durchwanderten sie den Tiergarten und sammelten Blätter für den Biologieunterricht. Der Park glänzte nach dem Gewitter, das am Mittag gewütet hatte, frisch gewaschen in der wärmenden Sonne.
Schließlich standen sie auf und schlenderten weiter.
»Du kannst andererseits auch reden wie ein Wasserfall, wenn es passt. Je nach Bedarf dummes Zeug oder kluge Einsichten.«
Patrick blickte auf die herbstlich verfärbten Baumkronen. Dann fuhr er fort: »Du bist wie ein Baum, der einem geben kann, was man braucht. Schatten in der Hitze, Schutz beim Regen, Früchte gegen den Hunger.«
Sophia grinste: »Und wenn es dann kalt wird, holzt du mich ab und verheizt mich in deinem Kamin, ja?«
Der Junge lachte und meinte: »Okay, Ende der Philosophiestunde. Lass uns ein Eis essen gehen, am Ku'damm. Okay?«
»Okay. Eis kann aber auch philosophisch sein. Ich esse Eis, also bin ich.«
»Nee. Ich bin, also esse ich Eis.«
Sophia schüttelte den Kopf.
»Nein, Patrick. Ich weiß nicht, welches Eis ich essen werde, also weiß ich nicht, wer ich bin. Ob ich bin.«

Sie beschleunigten ihre Schritte und verließen den Tiergarten. Quer über den Hardenbergplatz strebten sie dem Europacenter zu.

Dienstag, 26. Oktober 2010

Damals. – Der Schluss

Die vorausgegangenen Teile: [Teil 1] [Teil 2] [Teil 3] [Teil 4]

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Während Johannes im Gefängnis ausharren musste, wurde Jesus immer bekannter im Land. Seine Wunder waren Gesprächsstoff überall. Wenn es hieß, dass er an einem bestimmten Ort sei, strömten die Menschen dorthin und brachten ihre Kranken mit, damit diese geheilt würden, und je mehr Wunder man berichtete, desto stärker wurde der Zulauf.

Johannes rechnete damit, dass der Messias, über den er selbst dem Volk gesagte hatte, dass »in seiner Hand die Worfschaufel sei, dass er die Spreu mit unauslöschlichem Feuer verbrennen würde«, in absehbarer Zeit mit seinem eigentlichen Wirken beginnen würde. Feuer vom Himmel sollte auf die Unterdrücker und die renitenten Sünder fallen, das Volk würde wieder zu einem freien Königreich werden. Auch das Ereignis bei der Taufe des Messias bestärkte Johannes in dieser Annahme.

Als Johannes eines Tages am Jordan gepredigt und getauft hatte, war Jesus gekommen, um sich taufen zu lassen. Johannes hatte ihn zuerst nicht erkannt, es war ziemlich lange her, dass sie sich gesehen hatten und beide hatten sich verändert. Selbstverständlich wusste Johannes über die sonderbaren Umstände der Schwangerschaft von Maria bescheid, immerhin waren seine Mutter und die Mutter Jesu Verwandte und die Ereignisse, die weit ringsum bekannt geworden waren, kannte man in der Familie natürlich am besten. Aber Johannes hatte sich, wir haben das bereits betrachtet, als Jugendlicher in die Wüste zurückgezogen und daher auch keinen Kontakt zur Verwandtschaft mehr gehabt.

Eines Tages war dann Jesus zu Johannes gekommen, um sich wie all die anderen taufen zu lassen. Als er getauft war und anschließend betete, wurde der Himmel geöffnet und der Heilige Geist stieg in leiblicher Gestalt wie eine Taube auf ihn herab. Manche Zeugen des Vorfalls hatten andere Erinnerungen, meinten einen Donner zu hören oder etwas wie eine Feuerflamme zu sehen, aber Johannes sah die Taube und hörte eine Stimme aus dem Himmel: »Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen gefunden.«

Doch nun saß Johannes im Gefängnis, seine Jünger berichteten ihm über alles, was sie von Jesus hörten, und wir können uns vorstellen, welche Fragen und Zweifel den Täufer umtrieben. Er hatte der Volksmenge diesen Jesus angekündigt: »Er wird seine Tenne fegen …« - aber statt irgendwen mit Feuer zu verbrennen, statt die Spreu nun vom Weizen zu trennen und Gericht zu halten, tat der Messias dem Vernehmen nach allen nur Gutes, ohne Unterschiede. Statt Sünder zu bestrafen, vergab er ihnen ihre Schuld. Er ließ sogar eherne Gesetze außer Acht, zum Beispiel wenn es darum ging, am heiligen Ruhetag einen Kranken zu heilen. Johannes als Sohn eines frommen und untadeligen Priesters hatte damit erhebliche Probleme, denn wie sollte jemand den Thron Davids wieder aufrichten, der die ewigen Gesetze des Bundes seines Volkes mit Gott missachtete?

Johannes grübelte und zweifelte und rätselte, schließlich rief er zwei seiner Jünger herbei und sandte sie zu Jesus. Sie sollten ihm eine simple Frage stellen: »Bist du der Kommende, oder sollen wir auf einen anderen warten?«

Es war nicht schwer, Jesus zu finden, und die beiden Männer sprachen ihn an: »Johannes der Täufer hat uns zu dir gesandt und lässt dir sagen: Bist du der Kommende, oder sollen wir auf einen anderen warten?«

Eine klare Antwort, ein Ja oder ein Nein, erhielten sie nicht. Jesus heilte an diesem Tag des Zusammentreffens viele Menschen von Krankheiten und Plagen und bösen Geistern, und vielen Blinden schenkte er das Augenlicht. Nun hatten die beiden Boten des Johannes das mit eigenen Augen gesehen und wussten jetzt mit Sicherheit, dass keine Übertreibung in dem zu finden war, was man sich landauf, landab erzählte.

Jesus antwortete ihnen: »Geht hin und verkündet Johannes, was ihr gesehen und gehört habt: Blinde sehen wieder, Lahme gehen, Aussätzige werden gereinigt, Taube hören, Tote werden auferweckt, Armen wird gute Botschaft verkündigt! Und glückselig ist, wer sich nicht von mir abwendet, weil er Anstoß daran nimmt.«

Was mag Johannes gedacht haben, als er den Bericht seiner beiden Jünger im Gefängnis hörte? Davon ist uns nichts überliefert, leider.

Er hatte ja seine beiden Boten geschickt, weil er mit dem, was er über Jesus hörte und dem, was er selbst über den Messias gesagt hatte, nicht zurecht kam. Das passte nicht zusammen. Deshalb hatte er eine klare Frage gestellt – und keine klare Antwort bekommen. Natürlich deutete das »glückselig ist, wer sich nicht von mir abwendet« an, dass man nicht auf einen anderen Messias warten musste, und vielleicht reichte das ja auch, um Johannes von seinen Fragen und Zweifeln zu befreien?

Johannes wird geköpft. Wir wissen nicht, wie und ob Johannes mit der Botschaft zurecht kam. Jedenfalls gab es keine Befreiung für ihn aus dem Gefängnis. Herodes ließ den Täufer hinrichten.

Jesus wirkte weiter und wurde immer bekannter. Die Menschenmassen, die zu ihm strömten, waren größer als die, die zur Taufe im Jordan gepilgert waren.

Das erregte auch die Aufmerksamkeit der Obrigkeiten. Herodes hörte alles, was rings um Jesus vor sich ging. Er geriet in Verlegenheit, weil von einigen gesagt wurde, dass Johannes aus den Toten auferweckt worden sei; von einigen aber, dass Elia erschienen, von anderen aber, dass einer der alten Propheten auferstanden sei. Auf jeden Fall war klar, dass dieser Jesus kein Mensch wie alle anderen war.

Herodes überlegte: Johannes habe ich enthauptet. Wer aber ist dieser, von dem ich solches höre? Und er wünschte sich, ihn zu sehen – zu ihm hinaus pilgern wollte er jedoch lieber nicht.

Es sollte noch eine Weile dauern, bis die Begegnung stattfinden würde.

Vor vielen Jahren hatte ein Engel zu einem alten Priester im Tempel gesagt: »Dein Sohn wird wie damals Elia mit bemerkenswerter Kraft und im Geist Gottes wirken. Die Kinder und die Eltern wird er miteinander versöhnen, den Ungläubigen wird er aufschließen können, wie klug die Gerechtigkeit Gottes ist. Er wird das ganze Volk vorbereiten.«

Hatte sich diese Voraussage erfüllt? Einige meinten, da sei etwas schief gegangen, andere sprachen davon, dass Johannes genau das getan hatte. Dass das Volk von dem Messias zunächst begeistert war, weil er so viel Gutes tat und weil er Sünden vergab, ohne zuerst teure und langwierige Opfer zu fordern – bedurfte das einer Vorbereitung durch einen Täufer, der Buße und Gericht verkündete? Dass das Volk schließlich seinen Messias verwerfen und vom römischen Statthalter »kreuzige ihn!« fordern würde, war das ein Beweis misslungener Vorbereitung?

Es gäbe vielleicht noch so manches zu erzählen, aber was Johannes betrifft, sind dies die Dinge, die von einem der Menschen, die damals, in jener anderen Zeit und in jenem anderen Land, gelebt haben, aufgeschrieben wurden. Dieser Chronist hieß Lukas, er hat seinerzeit für seinen Freund Theophilus einen langen Bericht verfasst. Er hat dann nur noch angemerkt, dass viele Jahre später ein gewisser Paulus, der Jesus nachfolgte, in der Stadt Ephesus, also recht weit weg vom Ort des Geschehens, das wir uns hier angeschaut haben, auf eine Gruppe von Jüngern des Johannes traf. Paulus fragte sie: »Habt ihr den Heiligen Geist empfangen, nachdem ihr gläubig geworden seid?«

Sie antworteten etwas ratlos: »Wir haben nicht einmal gehört, ob der Heilige Geist überhaupt da ist.«

Paulus fragte zurück: »Worauf seid ihr denn getauft worden?«

Die Antwort war: »Auf die Taufe des Johannes.«

Wir sehen an diesem kurzen Dialog, dass nach der Hinrichtung des Täufers offenbar einige seiner Jünger seinen Dienst fortgeführt hatten, vermutlich mit der gleichen Botschaft verbunden, dass die Ankunft eines Messias kurz bevor stand, der sollte dann ja bekanntlich mit Geist und Feuer taufen und mit der Worfschaufel für Ordnung sorgen.

Paulus erklärte diesen Menschen in Ephesus: »Johannes hat mit der Taufe der Buße getauft, indem er dem Volk sagte, dass sie an den glauben sollten, der nach ihm komme, das ist an Jesus.«

Die Gläubigen ließen sich dann auf den Namen des Herrn Jesus taufen; und als Paulus ihnen die Hände aufgelegt hatte, kam der Heilige Geist auf sie, es waren insgesamt etwa zwölf Männer.

Mehr ist uns von jenem Lukas nicht überliefert, was den Johannes betrifft. Damals, da hat man über Gefühle, Gedanken und Empfindungen der beteiligten Personen noch ziemlich wenig aufgeschrieben. Schade.

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Fortsetzung? Nein. Oder doch: wer mag, kann diese und weitere Geschichten, die Lukas damals aufgeschrieben hat, in einer Bibel nachlesen und sich seine eigenen Gedanken machen.