Montag, 1. Oktober 2007

Lauras Achselhaare

Beim Lesen von Welt-Online findet man gelegentlich Vergnügliches und kann sich weiterführende Gedanken machen. Zum Beispiel über Lauras Achseln. Ich habe überlegt: Sind da Haare zu finden oder nicht? Und wie sieht es bei Laurentius aus? Bittesehr, hier geht's lang: To shave or not to shave. (Kommentare natürlich nur dort, nicht hier.)

Sonntag, 30. September 2007

Lesen statt Schreiben

Ich lese gerade zwei Bücher. Im einen steht zum Beispiel:

I clicked on the radio. Johnny Cash was singing "Boy Named Sue." Once upon a time Johnny had shot a man in Reno just to watch him die. Now he was saying that he was stuck with a girl's name that his father had given him. Johnny was trying to change his image, too.

Im anderen lese ich unter anderem:

The next time Derek preached in Hyde Park, he stressed his usual themes: the need for salvation, the value of the baptism of the Holy Spirit, and the power of God to heal. This time, though, he also talked about the need for believers to join with those of like faith.

Und dann, wenn diese beiden ausgelesen sind, warten zwei weitere Bücher, die den Weg zu mir anlässlich des Herbstanfanges gefunden haben, darauf, gelesen zu werden. Selbstverständlich habe ich schon geblättert, was mich erwartet. Im einen solche Sätze:

Vom Gegenteil einer Sache zu sprechen ist auch eine Art, von der Sache selbst zu sprechen, - sogar eine Art, mit welcher der sachlichen Verständigung vortrefflich gedient ist.

Im anderen werde ich - endlich - das Buch hatte ich mir schon letztes Jahr gewünscht und habe es erst jetzt bekommen - solchen Überlegungen begegnen:

Aber nun steht die Grundfrage auf: Stimmt denn die Richtung, die der Herr uns in den Seligpreisungen und in den entgegengesetzten Warnungen zeigt? Ist es denn wirklich schlimm, reich zu sein - satt zu sein - zu lachen - gelobt zu werden? Friedrich Nietzsche hat seine zornige Kritik des Christentums gerade an diesem Punkt angesetzt.

Der geneigte Leser wird verstehen, dass ich bei so viel ganz hervorragender Lektüre in den nächsten Tagen das Schreiben ein wenig vernachlässigen werde.
Immerhin: Morgen gibt es voraussichtlich etwas über Lauras Achselhaare, das ist schon seit ein paar Tagen fertig. Und dann ist da noch der Artikel über Masturbation, und der Psalm 40 hat ja mehr als 4 Verse, und es gibt eine kleine grausige Erzählung, die es nicht in das letzte Buch geschafft hat, und ...

Samstag, 29. September 2007

40

Beharrlichkeit ist vielen Menschen fremd geworden. Ausdauer, Ausharren, Geduld; es gibt allerlei Begriffe für den selten gewordenen Umstand, dass jemand nicht nach ein paar Versuchen oder Minuten aufgibt.
Heute will man gerne alles ohne Zeitverlust, und möglichst mühelos. Informationen sind per Internet sofort verfügbar, Schnellrestaurants und Imbissbuden bieten an jeder Ecke schnelle Hilfe gegen den Hunger. Es gibt Blitzkurse für das Kochen, für die Anwendung von Software, das Flirten, und natürlich sind die Christen auch mit dabei, wenn es um Eile geht, man findet allerlei Angebote von Kurzbibelschulen, für Instant-Jüngerschaft und, weil das Original ja viel zu dick ist, eine Kurzbibel.

David, ein König und Poet, kannte noch die Ausdauer:

Beharrlich habe ich auf den HERRN geharrt, und er hat sich zu mir geneigt und mein Schreien gehört. Er hat mich heraufgeholt aus der Grube des Verderbens, aus Schlick und Schlamm; und er hat meine Füße auf Felsen gestellt, meine Schritte fest gemacht.
Und in meinen Mund hat er ein neues Lied gelegt, einen Lobgesang auf unseren Gott. Viele werden es sehen und sich fürchten und auf den HERRN vertrauen.
(David: 40)

In der Version von U2 wurde schon ein wenig Ungeduld spürbar, die Frage, wann es denn nun endlich so weit sein würde, tauchte auf:

I waited patiently for the Lord, he inclined and heard my cry
He brought me up out of the pit, out of the miry clay
I will sing, sing a new song, I will sing, sing a new song
How long to sing this song? How long to sing this song?
How long, how long? How long, how long to sing this song?

He set my feet upon a rock and made my footsteps firm
Many will see, many will see and fear
I will sing, sing a new song, I will sing, sing a new song
How long to sing this song? How long to sing this song?
How long, how long? How long, how long to sing this song?
(U2: 40)

Vielleicht wäre manche Enttäuschung und manche Frustration vermeidbar, wenn wir die Kraft zur Langsamkeit wiederentdecken würden? Vielleicht würde mehr Harren zu mehr Siegen führen?

Weil du das Wort vom Harren auf mich bewahrt hast, werde auch ich dich bewahren vor der Stunde der Versuchung, die über den ganzen Erdkreis kommen wird.
(Offenbarung 3, 10)

Man kann nicht fünf Minuten ausharren, sich auch nicht in 5 Stunden bewähren. Da sind schon längere Zeiträume gemeint.

Wir rühmen uns auch in den Bedrängnissen, da wir wissen, dass die Bedrängnis Ausharren bewirkt, das Ausharren aber Bewährung, die Bewährung aber Hoffnung; die Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden, denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben worden ist.
(Römer 5, 3-5)

Freitag, 28. September 2007

Jung und Alt

A man bangs the 8-ball into a corner pocket
Neon sputters and goes out

His Bobness hat getreu seinem Motto Dreams, Themes and Schemes auch bei der zweiten Sendung der neuen Theme Time Radio Hour viel Vergnügliches ausgeplaudert, Lieder gefunden, die samt und sonders hörenswert sind:

  • Young Man's Blues - Mose Allison
  • Small Fry - Hot Lips Page
  • Like Young - Linda Lawson
  • I Don't Wanna Grow Up - The Ramones
  • Enjoy Yourself - Guy Lombardo
  • Enjoy Yourself - Prince Buster
  • Separation Line - Laura Lee
  • Older Guys - Flying Burrito Brothers
  • Young Fashioned Ways - Muddy Waters
  • We Live A Long Time To Get Old - Jimmy Murphy
  • Old And Only In The Way - Charlie Poole - (1928)
  • Aged And Mellow - Esther Phillips
  • Old Man - Neil Young
  • Happy Birthday Everybody - Ray Barretto

Willy the Shake - ich musste (bei 80 km/h auf der Autobahn) so lachen, diesen Namen für William Shakespeare hatte ich noch nie gehört. Laura Lee war mir bis gestern unbekannt - eine ganz hervorragende Stimme, eigentlich gefällt sie mir besser als die ihrer Freundin Aretha... Wie immer hat Bob Dylan eine ganz faszinierende Mischung in der Sendung gehabt. Und Berlin wird auch erwähnt. Klasse. Weiter so bei den nächsten (hoffentlich) 48 Folgen...

Jung und Alt hatten übrigens auch viel Freude an dem Konzert mit Sleepy Ray, auf das ich letzte Woche hingewiesen hatte. Der Mann ist vierfacher Großvater und spielt Gitarre, als hätten Jimi Hendrix, Mark Knopfler und Eric Clapton sich zu einer Person vereinigt. Ich habe die knapp zwei Stunden genossen, in der ersten Reihe, es war angehm laut und die Musik genau mein Geschmach, Blues-Rock und Rock-Blues mit gelegentlichen Jazz-Splittern. Sleepy Ray meinte am Anfang:

It can get pretty loud in here. If so, please let us know. It won't change anything. It's like your pastor looking at his watch while preaching.


Er erzählte kleine Anekdoten zu seinen Liedern und wunderte sich über die nach dreißig Minuten leicht verstimmte Gitarre:

I have no idea why it is again out of tune. Someone must be banging on this guitar all the time...


Er kann seine Gitarre streicheln und verhauen, bringt sie zum Weinen und zum Lachen, entlockt ihr eine enorme Bandbreite von musikalischen Emotionen. Der Bassist war der Prototyp des Bassisten (cool, relaxed, what's up, man?) und der Schlagzeuger der Prototyp des Bluesdrummers (dick, gemütlich, es sieht aus als sei er nicht ganz da, doch der Schein trügt. Mit präzisem Rhythmus sowie genau den richtigen Akzenten in den Hand- und Fußgelenken macht er die Musik einzigartig).
Die drei Bluesmusiker aus Texas bereiteten einen Hochgenuss für uns Berliner zu, so etwas sollte es eigentlich öfter geben.

Donnerstag, 27. September 2007

Aktives Ehrenamt

„Freiwillige vor!“ - so lautet das Motto der Christlichen Freiwilligenagentur von Gemeinsam für Berlin. Die Arbeit besteht nun seit zwei Jahren und wächst dynamisch. Sie war die erste ihrer Art und findet in der Fachwelt viel Beachtung. Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse ist Schirmherr.

Es werden Freiwillige in soziale Einrichtungen vermittelt, um christliche Nächstenliebe praktisch zu denen zu bringen, die sie besonders brauchen. Es besteht bei vielen Organisationen großer Bedarf an dieser Vermittlung. Daneben berät und begleitet die Agentur Gemeinden und Hauskreise bei Planung und Durchführung eigener Projekte. Der Bedarf ist so groß, dass die Mitarbeiterinnen und die Finanzierung kaum Schritt halten können. Inzwischen hat auch das regionale Diakonische Werk eine eigene Freiwilligenvermittlung. Die beiden Arbeiten ergänzen einander gut.

Monika Helbig, Staatssekretärin und Beauftragte des Senats für bürgerschaftliches Engagement, sagte: „Ich möchte, dass Berlin die Hauptstadt des ehrenamtlichen Engagements wird.“ Berlin ist auf einem guten Weg dahin: Bereits jeder dritte Arbeitnehmer engagiert sich ehrenamtlich. Während in anderen Städten die Zahlen sanken, stieg in Berlin die Bereitschaft zum Ehrenamt in den letzten Jahren um 5 % an. Unternehmen sollen weiter motiviert werden, das freiwillige Engagement ihrer Mitarbeiter zu fördern. Darüber hinaus soll das Potential von Menschen, die nicht (mehr) im aktiven Berufsleben stehen, stärker genutzt werden.


Das ist ein Text aus der nächsten Ausgabe von Gebet für Berlin. Zur Zeit steht Redaktionsarbeit vor Blogarbeit auf der Freizeit-Ehrenamt-Prioritätenliste, denn auch die nächste Ausgabe von Männer auf dem Weg will fertig werden, bevor der September vorüber ist.

Mittwoch, 26. September 2007

Über das Schreiben 3

Gut finde ich diesen Text:

Ich weiche einer Gruppe jugendlicher Fahrradfahrer aus, die waghalsig ihren Slalom um die Passanten veranstalten, verfolgt von zwei Hirtenhunden, die fröhlich kläffen. Ich bin fast an der zweigeteilten Brücke, auf der Zoobesucher und Tiergartenspaziergänger getrennt das Wasser überqueren können.


Das hier aber habe ich veröffentlicht:

Harald weicht einer Gruppe jugendlicher Fahrradfahrer aus, die waghalsig ihren Slalom um die Passanten veranstalten, verfolgt von zwei Hirtenhunden, die fröhlich kläffen. Er ist fast an der zweigeteilten Brücke, auf der Zoobesucher und Tiergartenspaziergänger getrennt das Wasser überqueren können.


Die endgültige Version meiner Kurzgeschichte Ein ganz normaler Tag blieb nicht in der Ich-Perspektive, die sie in einem Zwischenstadium gehabt hatte. Nach einigen Experimenten habe ich mich für einen Harald entschieden, anstatt mir selbst in die Hosen zu machen.

Kluge Leser haben es bereits bemerkt: In der kleinen Reihe über das Schreiben geht es heute um die Ich-Erzählung. Diese hat Vor- und Nachteile.

Wer in der ersten Person Singular erzählt, beschränkt sich auf eine einzige Perspektive, es sei denn, er geht das Wagnis ein, von Kapitel zu Kapitel zu wechseln. Das ist ungeheuer schwierig, wenn das Ergebnis lesenswert sein soll; ich würde es mir nicht zutrauen.

Normalerweise wird man also, wenn man als Ich-Erzähler schreibt, Wahrnehmung und Wissen auf das beschränken müssen, was der Protagonist nach menschlichem Ermessen wahrnehmen und wissen kann. Er weiß eben nicht, was der Gesprächspartner für Gedanken hat, ob um die Ecke schon das Unheil lauert oder die große Liebe hereinbrechen wird, was 2 oder 200 Kilometer entfernt gerade vor sich geht. Man ist also, das ist der Nachteil, erheblich eingeschränkt.

Die Ich-Perspektive hat aber auch Vorteile. Die Erzählung wird für den Leser viel persönlicher, es fällt ihm leichter, sich mit den Protagonisten zu freuen, zu fürchten, zu feiern und zu leiden. Einblicke in Gefühlswelten wirken authentischer, subjektives Empfinden glaubhafter. Es entsteht Nähe, Vertrautheit, der Leser identifiziert sich eher mit einem Ich als mit einem Harald oder einer Sophia.

Ein Beispiel dazu, aus einem bisher unveröffentlichten Roman:

Diese Augen. Dieser Strudel des Lebens, der in ihnen wirbelte. Die unendliche Tiefe, in die ihr Blick mich hineinzog. „Fenster der Seele“ hatte mal ein kluger Mensch die Augen des Menschen genannt, aber Angelinas Augen waren mehr. Ich konnte in ihnen versinken. Ich wollte in ihnen versinken. Und wenn ich dort ertrank... konnte es ein angenehmeres Ende des irdischen Daseins geben?


In der dritten Person erzählt fände ich den Einstieg in den Roman weniger wirkungsvoll:

Diese Augen. Dieser Strudel des Lebens, der in ihnen wirbelte. Die unendliche Tiefe, in die ihr Blick ihn hineinzog. „Fenster der Seele“ hatte mal ein kluger Mensch die Augen des Menschen genannt, aber Angelinas Augen waren mehr. Gerhard konnte in ihnen versinken. Er wollte in ihnen versinken. Und wenn er dort ertrank... konnte es ein angenehmeres Ende des irdischen Daseins geben?


Im von mir in dieser Reihe über das Schreiben schon erwähnten Forum wurde letztes Jahr unter anderem die Erzählperspektive diskutiert. Da schrieb jemand:

Ich denke, es kommt darauf an, was ich mit meiner Geschichte ausdrücken will. Will ich den Leser ganz nah an den Protagonisten heranführen, ihn fühlen lassen, was er fühlt, ist zweifelsohne die Ich-Perspektive sehr klug.


Sehr richtig. In dem Roman, aus dem ich oben zitiert habe, will ich meinen zukünftigen Leser durch eine Bandbreite von Empfindungen führen, und zwar so, dass er (als Mann) Angelina genauso liebt wie Gerhard, beziehungsweise als Leserin sich einen Gerhard wünscht, der so empfindsam in die Seele einer Frau zu blicken vermag.

Es gibt jedoch eine Gefahr: Schlichte Gemüter unter den Lesern verwechseln den Protagonisten schnell mit dem Autor - eine für diesen nicht immer angenehme oder wünschenswerte Schlussfolgerung. Wenn jemand liest...

Mir fiel nur die blödeste Anmache ein, die es gibt. „Darf ich Sie zu einem Drink einladen?“, rief ich hinüber. Sie würdigte mich keines Blickes, ignorierte mein Angebot und meine Anwesenheit. Die Musik war nicht so laut, dass sie mich nicht gehört hatte. Es war offenbar viel interessanter, die Rücklichter des vor ihr schleichenden Opel zu betrachten.

„Bitte, oder haben Sie keine Zeit?“, versuchte ich es erneut.

„Komm, steig ein“, meinte sie mit einem kurzen Blick, der mich frösteln ließ. Lodernder Hass und Wut funkelten mir aus ihren großen Augen entgegen, aber ich folgte ihrer Aufforderung und stieg ein. Das war so einfach nicht, da sie die Fahrt kein bisschen für mich verlangsamte. Etwas unbeholfen plumpste ich auf den Sitz und zog die Tür wieder zu. „Danke“, sagte ich. Höflichkeit ist der wirkliche Adel eines Menschen, pflegte meine Mutter mir schon als Kind einzutrichtern.


...dann könnte eine kleine Zahl von Lesern mich für jemanden halten, der fremde Frauen anspricht, wenn sie Augen haben, in deren Strudel ich versinken möchte. Man könnte mir, denn in dem Roman wird auch allerlei Ungutes passieren, unterstellen, dass ich in ähnliche Begebenheiten verstrickt sei. Natürlich ist das Unfug. Und die meisten Leser wissen durchaus zu trennen zwischen einem Autor und seinen Figuren. Mit solchen Reaktion muss aber eher rechnen, wer in der ersten Person erzählt.

Ich empfehle Schreibwilligen, beides auszuprobieren, sich nicht auf eine Form zu beschränken. Wie gesagt, Ein ganz normaler Tag hat gegen Ende des Entstehens die Perspektive gewechselt. Es war mir als Ich-Erzähler unmöglich, das Ausmaß des Grauens zu schildern, das die Berliner Innenstadt heimsucht. Mit Angelina (Arbeitstitel) war es umgekehrt. Schon beim Schreiben der ersten Kapitel bemerkte ich, wie sehr diese Frau es verdient, dass der Erzähler seine Leser ganz persönlich miterleben lässt, in welche ungeahnten Welten sie zu führen vermag.

Der Tipp für heute: Die Perspektive wählen, mit der man sich beim Erzählen selbst am besten in die Situation hineinfindet. Dann wird es für den Leser am ehesten nachvollziehbar.

Dienstag, 25. September 2007

Beweisführungen

Ich habe letzte Woche (in meiner Eigenschaft als Mitarbeiter einer Redaktion) mehrere Artikel und Abhandlungen über ein in manchen Kreisen immer noch strittiges Thema gelesen: Masturbation. Für die Mehrzahl dieser Texte gilt das, was Storch in einem ganz anderen Zusammenhang, dem Dorn im Fleisch des Paulus, schreibt:


Die Stelle ist geradezu ein Paradebeispiel dafür wie Christen oft zu falschen Ansichten kommen. ... Interessanterweise muss der Stachel für einige absurde Theologien als „Beweisführung“ herhalten – wo die Bibel schweigt kann man offenbar hineininterpretieren, was man will.


Die Bibel schweigt, und es wird in dieses Schweigen hineininterpretiert, was die jeweilige durch Erziehung, kulturelles Umfeld oder sonstwie erworbene Meinung verlangt. Es wird munter nachgeplappert, was man hier oder dort gehört oder gelesen hat, ohne zu hinterfragen. Das gilt nicht nur für den Dorn im Fleisch.

Jeder darf, kann und soll seine persönliche Meinung zu verschiedenen Fragen haben, dagegen spricht ja nichts. Aber es spricht sehr viel dagegen, finde ich, diese Auffassung dann als "christlich" oder gar als "biblisch" zu verkünden. Was die Bibel nicht sagt, kann nicht biblisch werden, indem man die Lücken auf mehr oder weniger abenteuerliche Weise zu schließen versucht.

Ebenfalls als Redaktionsmitarbeiter habe ich mir ein Buch zugemutet, das vor drei Wochen erschienen ist. Aus einem "christlichen Verlag", von einem "christlichen Autor". Es ist (abgesehen von der hundsmiserablen handwerklichen Qualität) haarsträubend. Es ist grauenhaft Es ist voller Mutmaßungen, was Gott meinen und wollen könnte - und diese (oft genug lächerlichen) Spekulationen werden als "biblisch fundiert" verkauft. Es ist voller Behauptungen, die der mir vorliegenden Bibel, egal welche Übersetzung ich wähle, widersprechen. "Gott redet überwiegend durch Träume zu den Menschen", behauptet das Buch zum Beispiel. Der Autor verkündet, dass Gott fast ständig "geheime Botschaften" von sich gibt, die es zu entschlüsseln gilt. "Gott wird Namen, die sich reimen, Wortspiele, Rätsel, Sprüche, einfach alles, was vorstellbar ist ... gebrauchen."
Pardon, aber das ist nicht der Gott, der in meiner Bibel mit seinen Kindern kommuniziert.

Es gibt noch immer viel zu wenig Christen, die selbst die Bibel lesen. Der Pastor oder ein "christlicher Autor" verkündet etwas, und damit muss es ja schließlich stimmen. Das könnte auch tatsächlich gelten, wenn Pastoren oder andere geistliche Leiter Menschen wären, die gegen jeden Irrtum, jede Fehlinterpretation gefeit wären. Sind sie aber nicht, so weit meine Kenntnisse reichen.

Jeder kann selbstverständlich seine Meinung zu in der Bibel nicht behandelten Themen haben und sagen, dagegen spricht ja nichts. Es ist zulässig, für sich selbst Schlüsse zu ziehen, aus dem Alltag, aus Erlebnissen, aus Erfahrungen. Wenn Gott zu einer Person überwiegend durch Träume spricht, ist das völlig in Ordnung, solange daraus keine allgemein gültige Regel gebastelt wird. Wer meint, dass der Stachel im paulinischen Fleisch ein Augenleiden gewesen sei, sündigt nicht.

Beweisführungen, die Lücken füllen wollen, wo die Bibel nichts sagt, sind so wertvoll wie eine Mineralwasserflasche ohne Etikett im Rückgabeautomaten. Mein Tipp: In die Tonne damit.

Lieber selber forschen und für sich selbst Antworten finden.

Montag, 24. September 2007

Danke. Merci. Gracias. Thanks.

Allen, die den gestrigen 52. Herbstanfang, den ich auf diesem Planeten erlebe, mit lieben Grüßen und Beiträgen zu einem reichhaltigen Geschenkeberg bereichert haben, ganz herzlichen Dank!

Ich werde die zahlreichen persönlichen Zuschriften in den nächsten Tagen natürlich beantworten, bis dahin soll das Foto sagen: Ich habe mich gefreut!


Sonntag, 23. September 2007

Ruhetag


Something isn't quite right.
Nobody will answer the phone.

Der Blog hat Ruhetag. Langeweile? Dann empfehle ich eine Stunde Bob Dylan zuzuhören, wie er über Hello plaudert und wunderbare Musik spielt:

Hello – Sherman Williams Orchestra (194 ?)
Hello Mary Lou – Ricky Nelson (1961)
Hello It’s Me – The Nazz (1968)
Hello Darlin’ – Conway Twitty (1970)
Hello Josephine – Luke ‘Long Gone’ Miles (196 ?)
I Wanna Say Hello – Pee Wee King (195 ?)
Hello, Mello Baby – The Mardi Gras Loungers (195 ?)
Hello Trouble – Buck Owens (1964)
Hello, Aloha! How Are You ? – The Radiolites (1926)
Hello Walls – Willie Nelson (1962)
Hello Stranger – The Carter Family (1939)
Hello Stranger – Barbara Lewis (1963)
Hello In There – John Prine (1971)
Hello I Must be Going – Groucho Marx (1930)
Hello Goodbye – The Beatles (1967)

Siehste! Seit die Theme Time Radio Hour zurück ist, gilt die Ausrede "weißnichtwasichmachensoll" für Langeweile nicht mehr. Man kann ja schließlich auch die ersten 50 noch mal hören...

P.S.: Thanks, Patrick Crosley, for making it so easy to download the first and now the second season! Great work! God bless!

Freitag, 21. September 2007

Ein Narzisstenstrauß

Als ich diesen Blog startete, hatte die beste aller Ehefrauen gewisse Bedenken anzumelden. Ob das nicht ein wenig - oder gar mehr als ein wenig - narzisstisch sei, ein Blog an und für sich und die Tatsache, dass ich nun einen begönne, im Besonderen. Inzwischen habe ich recherchiert, gegrübelt, geforscht und bin zu zwiespältigen Ergebnissen gekommen.

Narzissmus ist eine Charaktereigenschaft, die sich durch ein geringes Selbstwertgefühl bei gleichzeitig übertriebener Einschätzung der eigenen Wichtigkeit und dem großen Wunsch nach Bewunderung auszeichnet.

So definiert Wikipedia den Begriff. Ist also die Gemeinschaft der Blogger ein Narzisstenstrauß und bin ich eine Blüte in selbigem? (Ich weiß übrigens, dass eine Narzisse mit dem Narzissten nichts gemein hat, aber das Wortspiel ist zu schön, um darauf zu verzichten.)

Schauen wir noch mal bei Wikipedia nach:

Manche Menschen haben in ihrer frühkindlichen Entwicklung weniger Liebe von Bezugspersonen als andere erhalten, sie leiden oft lebenslang darunter und geben ihre Reaktionen auf ihre Entbehrungen an andere weiter. Dies muss aber nicht zwangsläufig zu einer narzisstischen Erkrankung führen. Sie reagieren mit Verhaltensweisen, die von der Psychologie als narzisstische Charakterstörungen eingeordnet werden. Diese psychologische Deutung versteht den Narzissmus als ein Leiden, weil die Betroffenen Schwierigkeiten haben, Objektbeziehungen zu führen. Sie versuchen ihr Gegenüber zu kontrollieren und suchen nach ständiger Bestätigung ihrer Grandiosität, da sie sich ohne diese leer fühlen.

Aha. Suchen nach ständiger Bestätigung ihrer Grandiosität - durch die Leser des Blogs? Das scheint mir darauf hinzudeuten, dass es narzisstische Tendenzen bei uns Bloggern geben mag.

Es gibt allerdings anschließend auch Beruhigendes zu lesen:

Jeder Mensch durchläuft narzisstische Zustände.

Entwarnung also. Das Bloggen, wenn es denn narzisstisch sein sollte, ist temporär wie eine Erkältung, die früher oder später vorüber ist, Aspirin hin oder her.

Jedoch:

Nach Sigmund Freud unterscheidet man den primären und sekundären Narzissmus. Beim primären Narzissmus richtet das Kleinkind seine sexuelle Energie (Libido) ganz auf sich selbst. Beim sekundären Narzissmus wird die sexuelle Energie von äußeren Objekten wieder abgezogen und auf sich selbst bezogen (Regression). Dieser Zustand trete vor allem nach enttäuschter Liebe oder Selbstwertkränkungen auf.

Erich Fromm bezeichnet Narzissmus als Gegenpol zur Liebe und unterscheidet neben dem Narzissmus des Einzelnen auch den Gruppennarzissmus (siehe Patriotismus bzw. Fanatismus). Narzissten neigen laut Fromm dazu, einen Bezug zu ihrer Umwelt dadurch zu gewinnen, dass sie Macht über sie erlangen.

O weh! Wir Blogger sind eine Bedrohung für jede Demokratie, laut Freud, und unfähig zu einem gesunden Sexleben, laut Fromm.

Aber andererseits:

Heute bezeichnet der Begriff Narzissmus innerhalb der psychoanalytischen Theorie nicht nur eine krankhafte Bezogenheit auf sich selbst, sondern ist auch Ausdruck eines gesunden Selbstwertes. Vor allem die selbstpsychologische Schule (innerhalb der Psychoanalyse) von Heinz Kohut hat diesen Wechsel in der Bewertung des Narzissmus als bedeutendes Modell für die psychische Gesundheit eingeleitet.

Also sind wir Blogger nicht krank, sondern strotzen vor psychischer Gesundheit, sogar modellhaft. Fein. Oder wie jetzt?

Es scheint, als könne man trefflich streiten, schon über Begriff und Definition an und für sich. Ist ein Narzisstenstrauß nun eine erfreuliche Bereicherung oder ein Bündel von Blumen des Bösen? Wäre vielleicht ein Blick auf diverse Blogs aufschlussreich bei der Analyse?

Ein Blog ist ein digitales Journal, ein Tagebuch. Thomas Mann schrieb säuberlich mit Tinte auf Papier seine Tagebücher, die dann nach seinem Tod mühsam in eine druckbare Form gebracht werden mussten. Es blieb ihm ja gar nichts anderes übrig, da Bill Gates und andere erst viel später auf die Welt kamen. Aber dass Thomas Mann seine Tagebücher nicht nur für sich selbst, sondern auch für die Nachwelt schrieb, ist kein Geheimnis. Ich vermute: Thomas Mann hätte heute einen Blog, den ich natürlich als RSS Feed abonnieren würde.

Ein Tagebuch muss nicht täglich geführt werden, klar. Es gibt Blogger, die ab und zu etwas notieren, andere schreiben täglich mehrmals, wieder andere fangen wild an und dann versiegt der Strom zu einem Rinnsal, das schließlich in staubigem Sand endet. Rest in peace, dear Blog. Und es gibt inhaltliche Unterschiede, die auf verschiedene Grade des Narzissmus schließen lassen. Wie schön, dass es solche Untersuchungen gibt:

Eine Studie des Singapore Internet Research Centre unter etwa 1200 englischsprachigen Bloggern (Koh et al. 2005, S. 2ff) teilte die Blogs in zwei Kategorien ein: 73 Prozent der Befragten führten ein so genanntes personal Blog, 27 Prozent ein non-personal Blog. Die Blogger der zweiten Gruppe schreiben vor allem, um „zu kommentieren“ und „Informationen zu liefern“. Ihr Ziel ist zudem, ein möglichst großes Publikum zu erreichen. Auch soziodemographisch unterscheiden sich die beiden Gruppen: Non-personal-Blogger sind zum Großteil Männer, die eine höhere formale Bildung als Personal-Blogger haben. Außerdem haben sie im Schnitt mehr Leser, aktualisieren ihr Blog häufiger und verbringen mehr Zeit damit.

Ähnliche Ergebnisse erbrachte im Jahr 2005 eine Umfrage unter mehr als 4000 deutschsprachigen Bloggern. 71 Prozent der befragten Blogger gaben an, „zum Spaß“ zu schreiben; 62 Prozent wollen in ihrem Blog „eigene Ideen und Erlebnisse für sich selbst festhalten“. Demgegenüber bloggen 33 Prozent, weil sie ihr „Wissen in einem Themengebiet anderen zugänglich machen wollen“, und 13 Prozent „aus beruflichen Gründen“ (Schmidt 2006, S. 43).


Was Thomas Mann und den Blogger heute unterscheidet, ist natürlich auch die Möglichkeit der Leser, das Geschriebene zu kommentieren. Ich schätze die Kommentare meiner Blogbesucher sehr, fordere sie manchmal geradezu heraus. Das war Thomas Mann nicht möglich. Ob er es gewollt hätte, sei dahingestellt, aber er war, den Tagebüchern zufolge, begierig, jegliche Kritik zu seinen Werken zu lesen.

  • Es gibt Blogs, die eigentlich eine Litfaßsäule sind, weil der Blogger zwar Kommentare haben möchte, aber nie und nimmer darauf reagiert. Ein solcher Blog wird an abnehmenden Besucherzahlen und versiegender Beteiligung der Leser leiden. Ein anschauliches Beispiel dafür ist das (narzisstische? beruflich bedingte?) Experiment eines hiesigen Politikers: Pflügers Litfaßsäule.
  • Es gibt andere, die vom regen Austausch zwischen Leser und Autor profitieren, selbst wenn der Autor sich den Namen eines flugunfähigen Vogels zulegt wie der Storch.
  • Und dann gibt es Blogs, die eine bestimmte Zielgruppe ansprechen wollen, zum Beispiel die männliche Häfte der Bevölkerung: Männer auf dem Weg.
  • Wiederum andere dienen überwiegend der Familien- und Hobbychronik für Freunde und Verwandte: SamPix.

Die Vielfalt an Blogs, die zu finden sind, ließe noch eine lange Liste zu, doch soll das genügen. Den eigenen Blog hier aufzuführen wäre ja nar... - äh, na ja.

Also wie ist das jetzt, sind wir Blogger Narzissten? Ich stelle fest, dass mir eine Antwort nicht gelingt. Vielleicht kommt ja über die Kommentarfunktion Erleuchtung zustande?