Samstag, 7. Juni 2008

Heute gewinnt Tschechien!

Ohne etwas vom Fußball zu verstehen behaupte ich, dass heute Abend das Spiel der tschechischen Fußballmannschaft gegen - äh - ich glaube die Schweizer - ist auch egal - zugunsten der Tschechen ausgeht.
Ich habe jedenfalls tschechisches Bier bereitgestellt, um den Sieg nicht mit durstiger Kehle beobachten zu müssen. Dazu wird dann Schweizer Käse auf dem Teller liegen... - ach nee, doch lieber Maasdamer. Sicher ist sicher.

Freitag, 6. Juni 2008

Thomas Mann

»Toleranz wird zum Verbrechen, wenn sie dem Bösen gilt.« (Zitat aus Der Zauberberg)
Heute jährt sich der Geburtstag eines der größten deutschen Schriftsteller. Am 6. Juni 1875 wurde er in Lübeck geboren. Ein Meister der Ironie, ein wunderbarer Geschichtenerzähler, ein messerscharfer Beobachter, ein Kämpfer gegen die Diktatur und für die Freiheit des Menschen. Ein Autor, der mich mit seinem Werk reich beschenkt hat. Noch dazu ein Mann mit Hut - das ist ja immer ein gutes Zeichen.

Heute abend werde ich ein wenig in seinen Erzählungen schmökern und mit einem Gläschen Wein auf die Erinnerung an Thomas Mann anstoßen.

(Das Bild zeigt ihn 1947 vor dem Exil mit seinem Enkel Friedo auf dem Flugplatz Dübendorf.)

Berlin missional 3 - Eigentlich ganz einfach...

Zum nächsten Ziel unserer Entdeckungsreise in der Soldiner Straße ist es vom fröhlichen Straßenfest nur ein Katzensprung. Wir haben noch runde 40 Minuten Zeit, diese füllen sich für mich mit einem weiteren Gespräch mit einem der Teilnehmer unserer alternativen Stadterkundung. Mit ihm spaziere ich durch die schattigen, aber nichtsdestotrotz heißen Straßen und wir tauschen uns über Probleme aus, die manche Gemeinde mit ihren Mitgliedern hat. Und solche, die manche Mitglieder mit ihrer Gemeinde haben.

Wir schlendern zurück und nun öffnet uns der »Kinder-Club« in der Soldiner Straße die Tür. Auch dieses Projekt schließt eine Lücke, die durch die Sparmaßnahmen Berlins gerissen wurde.
Carola und Dietmar erzählen uns, was hier von ihnen und anderen ehrenamtlichen Helfern für die Nachbarschaft getan wird. 77% der Kinder im Kiez leben in Familien, die von Sozialhilfe leben. Dass diese Kinder zu Hause keine Spielsachen haben, liegt aber nicht nur daran, dass die Eltern keine kaufen können, sondern auch daran, dass sich mitunter acht Kinder ein einziges Zimmer teilen müssen. Da ist ganz einfach kein Platz für Spielzeug. »Wer kann, zieht weg. Wer das nicht schafft, bleibt. Mit diesem Rest arbeiten wir hier«, sagt Dietmar.
Der Kinder-Club hat ausschließlich Christen als ehrenamtliche Mitarbeiter, aber er ist ein ganz bewusst weltanschaulich neutrales soziales Projekt. Doch das heißt keineswegs, dass das Evangelium ausgesperrt bleiben muss. Beispielsweise hat man die Adventszeit zum Anlass genommen, den Kindern und ihren Eltern zu erklären, warum Christen Weihnachten feiern. Es gibt auch, zusätzlich zu den Öffnungszeiten, einmal wöchentlich eine »Geschichtenzeit«, die dazu dient, aus Büchern Geschichten über Jesus und biblische Geschichten vorzulesen. In vielen Familien gibt es kein einziges Buch, und das Interesse am Vorlesen ist groß. Die Eltern schicken ihre Kinder gerne zu diesen Stunden im Kinderclub. Daneben wird parallel zur Zeit des unbeschwerten Spielens dreimal wöchentlich auch Hausaufgabenhilfe angeboten. Für all diese Dienste an den ärmsten Kindern der Stadt braucht kein Mitarbeiter eine spezielle Ausbildung. Das kann jeder Christ – wenn er nur die Augen nicht von der Not abwendet, sondern sein Herz öffnet und anfängt, etwas zu tun. Während ich Carola und Dietmar zuhöre, kommt mir die Geschichte vom »barmherzigen Samariter« in den Sinn. Man kann entweder die Straßenseite wechseln und den Blick abwenden, oder sich um den Verletzten kümmern.

Vom »Kinder-Club« fahren wir ein paar Stationen mit der Tram zur Schönhauser Allee, wo wir bei italienischen Leckereien und erfrischenden Getränken Andrea treffen, sie ist Leiterin des »Forum Islam« bei »Gemeinsam für Berlin«. Sie erzählt uns etwas aus ihrem Leben und Herzen. Andrea wohnt mit ihrer Familie in einem Gebiet mit überwiegend türkischem Bevölkerungsanteil von Moslems und Christen – schon das ist eine nicht immer einfache Mischung.
»Es ist im Grunde genommen ganz leicht«, erläutert sie, »die Möglichkeiten aufzuspüren, wo wir wirklich Salz und Licht sein können. Zum Beispiel las ich die Anzeige eines Fitnessclubs für moslemische Frauen. Auch andere Frauen seien willkommen, hieß es da. Und was meint ihr, worüber man beim Sport und der anschließenden Entspannung so alles ins Gespräch kommt.«
Auch Andrea erlebt auf vielfältige Weise, was wir schon am Vorabend in der Josuagemeinde gehört hatten: Wenn die Menschen spüren und erleben, dass wir sie nicht einfangen, zum Glauben oder sonst etwas überreden wollen, wenn sie erleben, dass wir sie so, wie sie sind, annehmen, offen und ehrlich, dann werden Gespräche über unseren Glauben recht bald möglich.
Gerade Moslems haben sehr ähnliche moralische und ethische Werte wie wir. Das Bild, das sie von »den Christen« haben, ist in der Regel völlig verzerrt. Für sie ist Deutschland »christlich«. Sie sehen die Bordelle, die nackten Frauen auf den Zeitschriftentitelblättern, sie sehen Drogenabhängige und erleben fremdenfeindliche Beschimpfungen oder Angriffe. Das sind für diese Menschen »die Christen«. Wen wundert es da noch, dass sie das Christentum erst einmal ablehnen. Wenn wir uns von diesen Menschen abwenden, oft genug angefüllt mit mindestens ebenso vielen Vorurteilen, wie sollen sie dann jemals eine Gelegenheit bekommen, den Unterschied zwischen dem »christlichen Abendland« und dem kennen zu lernen, was die Bibel lehrt?

Der Tag endet für mich mit einem fast eine Stunde währenden Gespräch mit einer jungen Bibelschülerin aus dem Teilnehmerkreis. Wir laufen nämlich etwa 20 Minuten zum nächsten S-Bahnhof, warten dort mehr als 20 Minuten auf dem nächtlichen Bahnsteig auf den richtigen Zug und fahren dann noch ein gehöriges Stück gemeinsamen Weges. Auch dieser Austausch zählt für mich zu den wertvollen Erlebnissen dieses Wochenendes und als sie dann ausgestiegen ist, um mit der U-Bahn zu ihrer Wohnung zu fahren, bin ich sehr tief berührt und Gott dankbar für einen weiteren Gedankenaustausch, der eigentlich unter Menschen, die sich zwei Tage zuvor nicht kannten, gar nicht möglich ist.

Viel Schlaf finde ich nicht während des »Berlin missional« Wochenendes. Aber irgendwie ist das völlig in Ordnung, wer würde schlafen wollen, wenn es so viel zu entdecken gibt! Um 9:00 Uhr am Sonntag treffen wir uns zum Frühstück im Café Rigarös im Bezirk Friedrichshain.
Hier, in der Rigaer Straße, sind wir nun in einem Gebiet gelandet, in dem die Künstler- und Alternativszene zu Hause ist. Hier ist man vor allem »anders«, unterscheidet sich deutlich vom Establishment und meidet alles »Normale«. Das Café ist demgemäß ausgestattet, ein Bartresen mit Armaturen (Messing, massives Messing!) aus dem vorigen Jahrhundert, eine bunt zusammengewürfelte Mischung von Sitzgelegenheiten, nicht ganz fertig gestrichene Wänden wechselnd mit rohem Mauerwerk... eben alles, was hier dazugehört.
Wir frühstücken gemütlich, während wir etwas über die Gemeinde erfahren, die dieses Café betreibt. Es ist die dritte Tochtergemeinde einer Freikirche in Schöneberg.
Die Gottesdienstzeiten in der Rigaer Straße sind natürlich den Bewohnern ringsum angepasst. Man trifft sich am späten Sonntagnachmittag in Räumen hinter dem Café Rigarös, frei von liturgischen oder sonstigen Zwängen. Außerdem trifft man sich nur vierzehntägig, um Freiräume für Beziehungen zu Freunden außerhalb der Gemeinde zu haben. Aus diesem Beziehungsumfeld sind schon einige dazugekommen. Menschen werden errettet und verändert. Weil sie sich nicht den frommen Formen und Vorstellungen anpassen müssen, sondern etwas vorfinden, wo sie sich sofort wohlfühlen können. Wo sie sich nicht fremd fühlen. Wo sie niemand mit Bekehrungsversuchen überfällt. Wo sie Mensch sein dürfen. So, wie sie eben gerade Mensch sind.

Bevor wir abschließend zu einem gleich im Nebenhaus befindlichen pakistanischen Restaurant wechseln, haben wir nun Gelegenheit, unsere Eindrücke und Empfindungen aus dem Wochenende zu teilen. So höre ich auch noch kurz zusammengefasst, was bei den anderen Touren am Samstag kennen gelernt wurde. Und all das waren ja nur Puzzleteile aus dem gesamten Spektrum dessen, was Christen in Berlin so alles tun können. Harald Sommerfeld öffnet uns abschließend noch einmal sein Herz und erzählt, wie seine Vision von Reich Gottes in der Stadt aussieht. Dass sie an vielen Orten in Berlin bereits Wirklichkeit geworden ist, haben wir mit eigenen Augen gesehen, berührt, geschmeckt.
»Im Vorfeld findet«, berichtet Harald, »sehr viel Gebet statt. Gebet nicht für die eigenen Bedürfnisse, nicht für die eigenen Nöte, nicht für die eigene Versorgung oder die eigene Gemeinde, sondern Gebet für den Kiez, den Bezirk, die Stadt, das Dorf. Gebet, in dem das Herz Gottes für die Menschen gesucht und gefunden wird.«
Dann folgen die ersten Schritte. Kleine Schritte. Schritte, die womöglich unzulänglich scheinen. Auch die Arche in Hellersdorf, in der heute hunderte von Kindern mit Essen und mehr versorgt werden, hat ganz klein angefangen: Mit dem Blick auf die Situation (hier haben Kinder nichts zu essen!) und der Entscheidung: Selbst wenn ich nur ein paar Stullen für sie schmieren kann, dann will ich wenigstens das tun.
Die Ernte kommt viel später. In vielen Fällen sind etliche Jahre der Saat und geduldigen Bewässerung notwendig, bevor überhaupt Frucht sichtbar wird. Man braucht ein ganz erhebliches Maß an Barmherzigkeit, um das durchzuhalten.
Die Perspektive vieler Gemeinden ist: Wie kann es bei uns noch besser laufen? Wir können unsere Räume und Möglichkeiten noch großartiger werden?
Gemeinden, die missional denken und handeln, fragen ganz anders: Was haben die Menschen um uns herum auf dem Herzen? Wo sind Nöte, wo ist Bedarf, und wie können wir dazu beitragen, diese zu lindern? Das geht auf jeden Fall zu Lasten der gemeindlichen Belange. Mitglieder, die sich für ihre Nachbarschaft, für die Menschen rings herum engagieren, haben keine Zeit und oft genug auch kein Geld mehr für gemeindliche Dienste und Projekte. Die Erfahrung zeigt ganz unmissverständlich, dass gemeindliche Dienste manchmal nicht mehr besetzt werden können, wenn die Gemeindebesucher sich ihren Mitmenschen zuwenden. Und das ist für solche Gemeinden völlig in Ordnung. »Der Dienst am Menschen draußen ist genauso Gottesdienst wie der Dienst in gemeindlichen Aufgabenbereichen«, fasst Harald zusammen.
Jesus sagte: Was ich den Vater tun sehe, das tue ich. Gott ist schon da, im Kiez, auf dem Straßenstrich, im moslemischen Fitnessclub, in der Künstlerszene, bei den Reichsten und bei den Ärmsten der Stadt. Wir spüren auf, was er tut und klinken uns ein. Wir bemängeln nicht, dass die Menschen nicht unserem Idealbild entsprechen, sondern wir sagen den Menschen, wer der »unbekannte Gott« ist, für den sie da einen Altar aufgestellt haben (siehe Paulus in Athen, Apostelgeschichte 17).
Niemand muss warten, bis er perfekt ist. Man braucht weder theologisches Studium noch langjährige Bewährung in frommen Formen oder Formeln. Missional leben, das ist keine Mode, kein Rezept. Dafür gibt es weder Kurse noch eine Gebrauchsanweisung. Außer der, die in so vielen Haushalten sowieso vorhanden ist. Ihre Aufschrift lautet: Die Bibel.

Ich bin inspiriert und ermutigt, als wir uns dann das pakistanische Mittagsmahl schmecken lassen. Ich traue mich, ein indisches Bier zu bestellen und bereue meinen Mut keine Sekunde. Das schmeckt ja richtig gut!

Abschließend bleibt mir zu sagen, dass dies ein Wochenende war wie selten eins zuvor. Ich hoffe, dass Harald Sommerfeld dieses Angebot einer ganz und gar alternativen Stadt-Entdeckungsreise wiederholt, damit noch möglichst viele Christen das erleben können, was mir diese etwa 44 zurückliegenden Stunden geschenkt haben: Einen Blick auf das Reich Gottes in der Stadt, das oft genug ganz anders aussieht als erwartet. So anders, dass man es viel zu leicht übersieht.

Vielen Dank, Harald, für dieses Abenteuer!

P.S.: Mehr über Harald Sommerfeld und seine diversen Angebote: Transformission

Donnerstag, 5. Juni 2008

Berlin missional 2 - Klosterleben und Straßenfest

»Matthew's Table« nennt ein amerikanisches Ehepaar seinen Dienst an den Menschen und für die Stadt. John und Gayle heißen uns am Samstagmorgen sehr herzlich an ihrem liebevoll gedeckten Frühstückstisch willkommen. Es gibt ein typisches American Breakfast, aber auch Gewohntes wie »Brotchen« mit vielerlei Aufstrich oder Belag.
Wir erfahren, während wir es uns schmecken lassen, einige erstaunliche Begebenheiten, die durch diesen Dienst der Gastfreundschaft bereits geschehen sind. Die Vision, die Gayle und John für ihren Dienst haben, ist sehr simpel: »Mission by loving people«. Jeder ist willkommen, vom Professor aus Islamabad bis zur Nachbarin von nebenan. Niemand bekommt eine Moral- und Bekehrungspredigt zur Mahlzeit, sondern jeder soll wissen und empfinden, dass er angenommen und geliebt wird. Von Gott und vom gastfreundlichen Ehepaar.
Die Zeit verfliegt viel zu schnell, während wir zuhören, wie es dazu kam, dass ein Pastor in Amerika mit seiner Frau die Gemeinde und Heimat verließ, um in einer fremden Stadt und Kultur fremden Menschen, gleich welcher Nationalität, ihre Zuneigung genauso wie praktische Hilfe zu schenken.
John fasst zusammen: »When we have won one person we have begun to win the world.«

Nach dem Austausch am amerikanischen Frühstückstisch teilen wir uns in drei Gruppen, um an verschiedenen Schauplätzen Christen zu treffen, die begonnen haben, Gemeinde und Kirche anders zu verstehen als eine fromme Parallelgesellschaft.
Ich bin bei Tour 2 dabei. Auf dem Weg zur ersten Station im Prenzlauer Berg genieße ich das ausführliche Gespräch mit dem pensionierten Pfarrer aus Erlangen, dem ältesten Teilnehmer bei »Berlin missional«. Wir tauschen Erfahrungen und Empfindungen aus, stellen fest, dass wir sehr ähnliche Sehnsucht im Herzen tragen: Eine Gemeinde und Kirche, die sich den Menschen zuwendet, sich den Menschen opfert, anstatt darauf zu warten und zu hoffen, dass die Menschen den Weg in die frommen Gemäuer irgendwie finden werden.
In Erlangen sieht das gesellschaftliche Umfeld ganz anders aus als an den Orten, die wir an diesem Wochenende in Berlin besuchen, aber das, was wir beide als Herausforderung sehen, ist doch das gleiche: Wir sind – wenn man das große Bild der Christenheit in Deutschland betrachtet - nicht mehr sonderlich relevant für unsere Umgebung. Wenn wir plötzlich weg wären, würden die meisten Menschen nichts und niemanden vermissen.

Runde 50 Minuten nach dem Aufbruch vom Frühstückstisch sind wir bei »Gemeinsam für Berlin« angekommen. Pfarrer Axel Nehlsen, der Geschäftsführer, stellt uns den Dienst an der Stadt mit seinen zahlreichen Ausprägungen vor. Die Vision lautet: »Alle gesellschaftlichen Bereiche der Stadt mit dem Evangelium von Jesus Christus zu erreichen.«
Es ging bei der Gründung vor sechs Jahren nicht um eine neue Kirche oder Gemeinde, sondern »Gemeinsam für Berlin« will vernetzen und versöhnen, Plattformen der Begegnung bieten und die Synergien sowie die Kooperation zwischen Gemeinden, Kirchen, christlichen Werken und Initiativen fördern. Dabei sollen auch Lücken aufgespürt und geschlossen werden, in denen noch niemand das Evangelium zu den Menschen bringt.
So vielfältig wie das Leben in Berlin sind auch die Arbeitszweige, »Foren« genannt. Von »Straffälligenhilfe« über »Gebet für die Stadt« und »Gemeindegründung« reicht das Spektrum, bis zu »Politik und Wirtschaft«, »Juristen« und »Interkulturellen Beziehungen«.
Anhand einiger Beispiele erläutert Axel Nehlsen, wie das in der Praxis aussieht und dass »Gemeinsam für Berlin« nicht »fertig«, sondern ständig offen für neue Impulse und Ideen ist.

In Kooperation mit »Gemeinsam für Berlin« ist durch die Idee einer jungen Frau auch die »Christliche Freiwilligenagentur« entstanden, die mittlerweile zum europäischen Vorzeigemodell geworden ist. Sie stellte ihre Idee vor, diese wurde umgesetzt. So einfach und unkompliziert fing alles an.
Ihr Anliegen formuliert die Agentur so: »Freiwilliges Engagement und Hilfeleistung für die Bedürftigen der Stadt, unabhängig von Nationalität, sozialem Status, Religion, Geschlecht, Alter oder sexueller Orientierung – auf der Grundlage des christlich-jüdischen Menschenbildes und des Apostolischen Glaubensbekenntnisses.«
Der Vizepräsident des Deutschen Bundestages, Wolfgang Thierse, übernahm 2007 die Schirmherrschaft, was heute viele Türen öffnen hilft. Auslöser war ganz schlicht und einfach die Idee einer einzelnen Person, inzwischen dienen eine große Anzahl von Christen in einer Vielzahl von Projekten ihren Mitmenschen. In der Bibel heißt dieses Phänomen Barmherzigkeit.

Ein Kloster mitten in der Großstadt? Ein evangelisches Kloster noch dazu? Und dann auch noch ein Kloster, das sich nicht hinter den sprichwörtlichen Klostermauern einschließt, sondern offen ist für die Nachbarschaft?
Jawohl, so etwas gibt es, wir lernen es bei der zweiten Station unserer Entdeckungsreise kennen. Wie »Gemeinsam für Berlin« im Bezirk Prenzlauer Berg gelegen, begrüßt das »Stadtkloster Segen« die Passanten mit einem riesigen Transparent über dem Eingang: »Die Kirche ist offen!«
Im August 2007 sind zwei Familien und drei Einzelpersonen aus dem beschaulichen Montmirail in der Schweiz nach Berlin gezogen, um die Idee einer Oase mitten in der Stadt in die Tat umzusetzen. Es handelt sich um Menschen, die in einer Kommunität zusammenleben, erklärt uns Georg Schubert, nachdem er uns mit angesichts des heißen Sonnentages hoch willkommenem kalten Mineralwasser versorgt hat. Wir erfahren von ihm einiges über die Geschichte dieser Kommunität und ihr Anliegen im geschäftigen Szenebezirk. »Wir wollen«, sagt er, »einen Ort als Laboratorium des geistlichen Lebens schaffen.« Vieles im »Kloster Segen« ist noch eine Baustelle, das Gebäude wurde für einen Euro erworben, muss aber nun aus eigenen Mitteln instand gesetzt, mit Leben erfüllt und unterhalten werden.
Im Bezirk leben viele Alleinstehende, überwiegend hochmobile Menschen, denen man zu ihnen angepassten Tageszeiten eine Möglichkeit anbieten möchte, mit Gott in Kontakt zu kommen. An Dienstagabenden beispielsweise gibt es kurze geistliche Impulse, im Vordergrund steht aber das stille Nachsinnen, Betrachten und schweigendes Beten über die Texte aus der Bibel. »Gott kennen lernen – aus erster Hand!« ist das Motto dieser Abende; es gibt keine Belehrung über Gott, sondern man möchte die Möglichkeit einräumen, dass Gott selbst zu Wort kommen kann.
Auch ein Glaubenskurs, der keinerlei »fromme Vorbildung« erfordert, wird angeboten, daneben Stundengebete, Andachten, Gottesdienste und – vor allem – eine Oase der Stille im Trubel der Großstadt.
Wir besichtigen Gelände und Kirche. Eine junge Frau kniet vor dem Altar, die Bibel vor sich auf den Stufen, den Kopf in den Armen geborgen, vertieft in Gedanken oder Gebet. Ein Anblick, bei dem ich weinen muss. Ich spüre: Hier begegnet jemand dem Herrn der Herren, still, erwartungsvoll, von Angesicht zu Angesicht. Meine Tränen sind Tränen der inneren Anteilnahme, plötzlich ist mir etwas von der Gegenwart Gottes spürbar. Und es sind Tränen der Dankbarkeit für diesen Ort, den eine Handvoll Christen aus der Schweiz meiner Stadt schenkt.

Wir machen uns auf den Weg in den Stadtbezirk Wedding, die Fahrt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln dauert runde 50 Minuten. Diese sind für mich gefüllt mit einem tiefgehenden Gespräch mit zwei Teilnehmern unseres »Berlin missional« Abenteuers. Später, bei der Rückschau auf das Erlebte, werden mir diese Gespräche mit das Eindrucksvollste und Bewegendste sein. Ein mitunter geradezu seelsorgerlich-intimer Gedankenaustausch mit Menschen, die ich bis zu diesem Wochenende nicht kannte – dass das möglich ist, liegt sicher auch an dem Hunger nach einem relevanten Christsein, der uns alle veranlasst hat, dabei zu sein. Dadurch dürfen und können wir wohl so offen, so ehrlich miteinander unter vier oder sechs Augen reden. Für mich ist das ein wertvolles und unerwartetes Geschenk.

Als wir im Soldiner Kiez ankommen, ist ein Straßenfest mit buntem Programm von Altberliner Spottliedern, zum Leierkasten gesungen, bis zur Kindertanztruppe schon in vollem Gang. Organisiert wurde es von der »Imagekampagne Soldiner Kiez«, deren Projektleiterin Kerstin uns herzlich begrüßt.
Sie fühlt sich einer freikirchlichen Gemeinde ziemlich weit weg in einem anderen Stadtteil zugehörig, und sie hat ein ganz großes und ganz offenes Herz für diesen Bezirk, der vor ein paar Jahren Schlagzeilen machte, weil sich Polizisten nicht mehr als Einzelne auf die Straßen trauen konnten. Die Gewalt und der Hass hatten überhand genommen.
Kerstin sah es und schaute nicht weg, sondern hin. Sie engagierte sich und wählte ganz bewusst ihre Wohnung genau hier, mitten unter Menschen aus 27 Nationen. Eine Statistik weist aus, dass 40% Atheisten sind, 30 % Moslems, 20% (nominell zumindest) der evangelischen Kirche angehören, 10% zählt man als »Sonstiges«.
Kerstin hat mit einigen wenigen weiteren Christen in Zusammenarbeit mit Menschen anderen Glaubens und Atheisten Erstaunliches auf die Beine gestellt. Das Image des Kiezes hat sich bereits gewandelt und über Projekte wie den »lebendigen Adventskalender«, der 2007 »in 24 Tagen um die Welt« führte, wurden auch von den Medien mit Achtung und Wohlwollen berichtet.
Geplant sind weitere größere Aktionen wie ein »schwäbischer Abend« oder ein »Ostfriesenfest«. Aber vor allem beeindruckt mich das, was gar nicht so spektakulär scheint und dennoch Wirkung zeigt. Anstatt auf einander und auf Autos, Schaufenster oder sonstiges einzuprügeln, haben die Menschen im Kiez begonnen, den Dialog mit einander zu suchen. Wer erst einmal miteinander spricht, hat den ersten Schritt zu einem friedlichen Lebensumfeld geschafft. Das ist noch nicht der ganze Weg, aber so kann er beginnen.

Ich komme am Rande des Straßenfestes mit einem Türken ins Gespräch über die selbstbespielten Videokassetten, die er für 50 Cent pro Stück anbietet.
»Alles ganz prima Spielfilme aus meiner Heimat«, berichtet er mir, »habe ich selbst aufgenommen mit Digital-TV.«
»Ich spreche aber kein Türkisch«, erkläre ich ihm.
»Das macht nix, verstehst du trotzdem, und es sind ganz tolle Bilder, türkische Landschaft, gute Schauspieler.«
Ein Palästinenser gesellt sich dazu, und auch er bestätigt mir: »Ich kann kein Türkisch, aber das sind gute Filme!« Wir plaudern eine Weile über das Filmemachen, gute und schlechte Schauspieler, man reicht mir ein zierliches Tässchen, gefüllt mit dem vermutlich stärksten Kaffee meines Lebens, dazu bringt mir eine verschleierte Frau süßes Gebäck, das, so versichert mir der Palästinenser, »unbedingt zum Mokka gehört, sonst fällst du um. Bist plötzlich tot, vom Herz.«
Ob ich aus dem Kiez stamme, will man wissen. Ich erkläre kurz, warum ich mit anderen Christen hier bin und erfahre, dass ich unbedingt wieder kommen soll. Man empfiehlt mir ein Café um die Ecke und nach einer runden Viertelstunde verabschiede ich mich. Wie leicht es doch ist, ins Gespräch zu kommen. Nur eine kleine Frage, was auf den Videokassetten zu sehen ist…

Fortsetzung folgt.

Mittwoch, 4. Juni 2008

Berlin missional 1 - Stulle mit Aussichten

Von der Hauskirche bis zur Gemeinde mit mehreren Hundert Gottesdienstbesuchern erstreckt sich die Gemeindezugehörigkeit, vom pensionierten evangelischen Pfarrer bis zur Studentin die Altersspanne, vom Speditionskaufmann bis zum Oberarzt das berufliche Umfeld. Eine Gruppe von 12 sehr unterschiedlichen Teilnehmern trifft sich am 30. Mai 2008 in der Spandauer Josuagemeinde zum Abendessen und ersten Kennenlernen. Bei aller Verschiedenartigkeit eint uns das Interesse am Thema des Wochenendes, das wir gemeinsam erleben werden: »Berlin missional«.

Eine Konferenz? Nein. Ein Programm? Nein. Vor uns liegt ein Abenteuer, vor uns liegt die Möglichkeit, statt lediglich Vorträgen zuzuhören und an Diskussionen teilzunehmen, etwas zu erleben, sozusagen Reich Gottes in der Stadt zum Anfassen, zum Sehen, Fühlen, Schmecken. Und Reich Gottes, so kündigt es die Einladung zu diesem Wochenende an, heißt viel mehr als sonntägliches Treffen, um einer Predigt zuzuhören und gemeinsam zu singen. Was »missional« alles einschließen und bedeuten kann, wird dem Leser meines Berichtes am besten dadurch verständlich, dass er mir, Interesse natürlich vorausgesetzt, durch diese Zeilen folgt.

Wir beginnen mit Wurst- und Käsebroten (vom Berliner gerne als Stulle bezeichnet), Gemüsesticks samt Dipp und weiteren Köstlichkeiten auf liebevoll gedeckten Tischen. Unser »Fremdenführer durch das missionale Berlin«, Harald Sommerfeld, gibt nach einer kurzen Vorstellungsrunde einen ersten Überblick über das, was uns erwartet. »Das sind richtig spannende Aussichten«, merkt meine Tischnachbarin an, »was bin ich froh, dass ich mich angemeldet habe!«

Anschließend stellt sich der erste Gast, Raed Saleh, Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses (das entspricht dem Landtag in anderen Bundesländern), SPD-Kreisvorsitzender und Mitglied des Landesvorstandes der SPD, uns als gläubiger Moslem vor. Er ist ein Berliner. Er ist leidenschaftlicher Politiker, sein Motto lautet: »Politik ist für mich der Dialog mit den Menschen auf Augenhöhe; Betroffene müssen zu Beteiligten gemacht werden.«
Warum betritt ein solcher Mann (nicht zum ersten Mal) eine christliche Freikirche, warum trifft er sich mit uns an diesem Abend? Weil er, wie er sagt, »sehr gerne mit Christen zusammen arbeitet. Sie sind verlässlich, sie haben – und leben - Werte, die der Gesellschaft gut tun.« Schade findet er es, wenn Gemeinden, in denen diese Werte sicherlich vorhanden sind, sich abschotten, sich nicht für ihre Umgebung öffnen, nicht in der Gesellschaft »mitmischen«. Damit berauben sie die Menschen in ihrer Nachbarschaft, anstatt den Nachbarn das zu geben, was diese so dringend brauchen würden. »Diese Josuagemeinde hat sich hier im Bezirk einen Namen gemacht«, erklärt Raed Saleh, »und zwar durch Transparenz, Offenheit, Dialog und Annahme der sozialen Verantwortung. Diese Gemeinde sucht den Austausch, sie fragt: »Was können wir für die Menschen hier tun?«, anstatt zu fragen: »Wo bekommen wir Gelder her?«
Mit spürbarer Dankbarkeit berichtet uns Raed Saleh, dass durch eine Aktion, die die Josua-Gemeinde zusammen mit anderen Gruppen im Kiez und der Polizei nach einem Ausbruch von Gewalt unter Jugendlichen gestartet hat, »die Kriminalität um 20 Prozent gesunken ist.« Ein Modell, das andernorts mittlerweile aufgegriffen wurde.

Jörg Gerasch, Pastor der Josuagemeinde, erläutert anschließend, wie die Gemeinde für Politiker und gesellschaftlich relevante Gruppen zu »einer wichtigen Stimme im Bezirk« geworden ist. Alles fing damit an, dass Menschen aus der Gemeinde wahrnahmen, dass es ringsum reale Nöte und Bedürfnisse gab, bei deren Bewältigung man mithelfen konnte. Mit kleinen, aber konsequenten Schritten wie dem Engagement in der Stadtteilkonferenz, Freizeitangeboten für Kinder und Jugendliche und dem uneigennützigen zur Verfügung stellen von gemeindlichen Räumen wurde nach und nach Vertrauen bei Behören, Ämtern und Diensten bis hin zur Polizei erworben.
Rund sieben Jahre dauert dieser Weg bisher, und er zeigt inzwischen mehr und mehr handfeste Resultate. Die Anfänge waren recht simple Schritte: Die Frage an Vereine, Gruppen, Organisationen in der Gegend: »Was können wir für diesen Bezirk tun, wo können wir helfen?«
Die meisten christlichen Gemeinden und Kirchen haben gesellschaftlich relevante Angebote, aber die Bevölkerung ringsum erfährt nie etwas davon, weil Misstrauen und Vorurteile statt Offenheit und Transparenz vorliegen. Der Weg in die Relevanz kann nur aus vielen kleinen Schritten bestehen und es wird eine Weile dauern, bis eine Kirche oder Gemeinde von der Öffentlichkeit so wahrgenommen wird, dass man sie bei wichtigen Entscheidungen unbedingt hören will, aber der Weg lohnt sich, denn so kommt das Reich Gottes sichtbar und spürbar zu den Nachbarn.

Für viele Menschen ist Fußball die schönste Nebensache der Welt. Burkhard, Vorstandsmitglied des Hertha BSC-Fanclubs »Totale Offensive – gegen den Strom« berichtet darüber, wie dieser christliche Fanclub entstanden ist und wie viel Gehör und Aufmerksamkeit er mittlerweile bei Spielern, Management und Fans der Berliner Fußballmannschaft findet. Natürlich steht der christliche Fanclub auch einträchtig mit Clubs wie »Dick und Durstig« oder »Böhse Bären« im Verzeichnis auf der offiziellen Hertha-Webseite.
Aktionen, bei denen Fußbälle für die Kinder in der Dritten Welt gespendet wurden, Gottesdienste im VIP-Bereich des Olympiastadions und viele ganz persönliche Begegnungen mit Fans und Aktiven zeigen: Auch im Sport gibt es Möglichkeiten für Christen, etwas zu bewirken, wenn sie es nur wollen und versuchen. Inzwischen räumt Hertha BSC dem christlichen Fanclub gerne Platz in der Vereinszeitschrift ein, selbst Dieter Hoeneß, der »Chef von’s Janze«, zeigt sich erfreut über die Christen.

In Zeiten rigoroser Sparmaßnahmen kann der Staat und können andere Träger vieles nicht mehr leisten, was lange selbstverständlich schien. In der größten Haftanstalt Deutschlands, der JVA Berlin-Tegel, gab es bis vor einigen Jahren etliche hauptamtliche Seelsorger – heute ist nur noch ein einziger übrig. Eine Lücke wurde dadurch gerissen. Diese zu schließen und das ehrenamtlich zu übernehmen, was früher bezahlte Seelsorger taten, war ein paar Christen wichtig genug, um dafür ihre Freizeit zu opfern..
Wie es dazu kam, dass in einer anderen Justizvollzugsanstalt nun bereits der zweite »Alpha-Kurs« hinter Gittern stattfindet und wie viel Offenheit bei den Strafgefangenen für Christen besteht, wenn sie denn kommen, berichtet uns Gregor.
Die Gespräche mit den Insassen der Haftanstalt offenbaren, wie viel Ahnungslosigkeit über Gott und die Bibel herrscht. In einer Diskussion über die in der Bibel aufgeschriebenen Wunder, so erzählt Gregor, hielten Häftlinge das für völlig unglaubwürdig. Die Frage, warum denn dann in der Bibel darüber zu lesen sei, beantworteten die Männer im Knast mit ihrer eigenen Logik: »Weil in dieser Gegend so viele Drogen konsumiert wurden.« Man kann sich vorstellen, wie sehr ein Alpha-Kurs in solcher Umgebung den Blick der Menschen für Gottes Realität öffnen kann.

Als wir die Gemeinderäume verlassen, schmückt sich der nächtliche Himmel mit einem farbenfrohen Feuerwerk, das von der knapp 3 Kilometer entfernten Freilichtbühne an der Spandauer Zitadelle stammt. Dort spielt Jethro Tull, und das nicht gerade leise, der leichte Wind trägt die die Musik herüber. Mein Samstag und mit ihm der Auftakt zu »Berlin missional« klingt im Café Lenny unweit der Josua-Gemeinde aus, und auch das ist symptomatisch für das, was dieses Wochenende bereit hält: Der Inhaber des Cafés ist ein Bruder von Raed Saleh. Das köstliche Bier bringt uns die Tochter des Pastors Jörg Gerasch, die dort als Serviererin einen Job gefunden hat.
Ich fahre voller wertvoller Impulse und Fragestellungen nach Hause und freue mich auf den Samstag, an dem das Abenteuer fortgesetzt wird. Die Aussichten auf das morgige Programm sind spannend: Von einer wohlhabenden Gegend in Charlottenburg bis zu einem der ärmsten Kieze Berlins.

Fortsetzung folgt.

Dienstag, 3. Juni 2008

Demuts-Preis 2008

Ich wurde mal wieder mit einem Blogstöckchen beworfen, der Wurf war gut gezielt und wäre beinahe ins Auge gegangen. Aber nur beinahe. Er traf mich nur am Kopf und verursachte leichte Schwindelgefühle. Daher ist mein Adlerauge ungetrübt und ich kann ein messerscharfes Urteil abgeben.

Die Frage von Don Ralfo war, welcher Blogger diesen Preis verdient haben könnte. Mich schloss der Unhold von vorne herein aus, na so was. Da hört sich doch alles auf.
Damit hat er allerdings einen Fehler gemacht, der gute Don Ralfo. Unwissentlich, denn seine Information, ich würde aus narzistischen Beweggründen bloggen, hat er (laut eigenem Bekenntnis) ja nur aus zweiter Hand. So sei ihm dieser Fauxpas verziehen.

Da ich ja bekanntlich ein Sprachwissenschaftler erster Güte bin, habe ich die Antwort auf die Frage nach dem würdigsten Preisträger natürlich schnell parat gehabt. The winner is:

Günter J. Matthia

Nun soll das, Don Ralfos Vorgaben gemäß, auch wissenschaftlich nachvollziehbar begründet werden. Bittesehr, nichts leichter als das:

Der Begriff Demut (von althochdeutsch diomuoti »dienstwillig«, also eigentlich »Gesinnung eines Dienenden«) beschreibt Ergebenheit, die in der Einsicht in die Notwendigkeit und im Willen zum Hinnehmen der Gegebenheiten begründet ist.

Die Notwendigkeit ist dabei schnell definiert: Es muss gebloggt werden. Diese Gegebenheit hat Günter J. Matthia zweifellos willig hingenommen, fast täglich verrichtet er den Dienst des Bloggens und an manchen Tagen sogar mehrfach.

Das tut außer dem Preisträger auch noch der Storch mit vergleichbarer Regelmäßigkeit und Dienstwilligkeit, so dass ich zunächst zögerlich war, ob nicht doch jenem dieser Pokal zustehen würde. Jedoch: Nach Erich Fromm (Die Kunst des Liebens) ist »Demut die der Vernunft und Objektivität entsprechende emotionale Haltung als Voraussetzung der Überwindung des eigenen Narzissmus«. Um den eigenen Narzismus zu überwinden, muss man ihn selbstverständlich zuerst erkennen. Günter J. Matthia, unser Preisträger, tut dies bereits mehrfach. Storch dagegen hat sich mit dem Thema noch gar nicht öffentlich auseinandergesetzt. Daher ist Günter J. Matthia ihm wohl doch eine Zehntelsekunde auf der Zielgeraden voraus. Dem Storch allerding gebührt ein ehrenvoller zweiter Platz, es sei denn der Preis kann auch zwei Siegern gleichzeitig zuerkannt werden. Dann rückt Günter J. Matthia dem Vernehmen nach gerne trotz der anhaltenden Schwindelgefühle ein wenig zur Seite, damit Platz für beide auf dem Treppchen ist.

Bento, ein ebenfalls von Don Ralfo beworfener Leidens- und Dienstgenosse, erklärte in seiner (abweichenden) Laudatio: »Da man sich ja nicht selber wählen kann ohne die Frage ad absurdum zu führen, bin ich mal gespannt...« Denkste, Bento. Man kann!

Quod erat demonstrandum.

P.S.: Meine demütige Haltung verbietet es mir, das Stöckchen weiterzuwerfen. Außerdem deucht mich, dass Haso es bereits in die haargenau richtige Richtung in Bewegung gebracht hat.

P.P.S.: Meine demütige Haltung gebietet es, dass ich auf den Ursprung der sprachwissenschaftlichen Forschungsergebnisse bezüglich des Wortes »Demut« hinzuweisen nicht unterlasse. Fündig wird auch der Laie bei Wikipedia.

Berlin ist viel mehr...

...als Currywurst und Bulette. Was ich so alles am vergangenen Wochenende erlebt habe, berichte ich gerne hier und andernorts, aber heute noch nicht. Aus mehreren Seiten handschriftlicher Notizen soll eine Chronik werden, die zu schreiben braucht jedoch ein wenig Zeit. Voraussichtlich morgen gibt es den ersten Teil zu lesen: Käsebrot mit Aussichten.

Don Ralfo hat mich mit einem Stöckchen beworfen, auch dem widme ich mich zu gegebener Zeit, falls ich nicht zu demütig sein sollte. Diesbezüglich muss ich noch in mich gehen, mal sehen, ob ich dort jemanden finde...

Damit jedoch der geneigte Blogbesucher heute hier nicht völlig leer ausgeht, erlaube ich mir, angesichts der Berliner Temperaturen von über 30 Grad folgende Weisheit zum Besten zu geben:
Ich habe bei Menschen nie an Kälte geglaubt. An Verkrampfung schon, aber nicht an Kälte. Das Wesen des Lebens ist Wärme. Selbst Hass ist gegen ihre natürliche Richtung gekehrte Wärme. - Peter Høeg, Fräulein Smillas Gespür für Schnee
In diesem Sinne bis morgen. Einen schönen Tag allerseits und denkt daran: Stay safe, stay out of the sun!

Montag, 2. Juni 2008

Werbeeinblendung: Übersetzungskünste

Mein schlauer Auszubildender, mit dem ich über das Übersetzen plauderte anstatt zu arbeiten, hat mir ein paar Bildschirmfotos zugeschickt. Sie offenbaren: Wer kann, der kann!

Den armen COMxFIFO unfähig machen? Da hört sich doch alles auf! Soll man da nicht lieber »Umstände beenden«? Oder vielleicht doch das »Ja« wählen? Man(n) will ja kein Feigling sein, und wenn ein solches Abenteuer lockt - wer könnte da widerstehen? Na denn, frisch gewagt ist halb gewonnen.


Nun gut. Mangels eines neuen Laufwerkes beenden wir diese Lektion über zeitgemäßes Deutsch und empfehlen dem Hersteller, doch möglichst seinen Übersetzer zu feuern und zukünftig die bewährten Dienste dieses Anbieters in Anspruch zu nehmen: MatMil - what you need is what you get!

Freitag, 30. Mai 2008

Mist, hab ich alles schon...

...scheint dieser mir nicht bekannte Herr zu denken, den ich kürzlich mit der Kamera im beschaulichen Berlin Lichterfelde eingefangen habe.



Nun darf er, während er überlegt, ob er irgend etwas ein zweites Mal kaufen sollte, für ein paar Tage hier den Blog bewachen, während ich im Rahmen von Berlin Missional ab 18 Uhr eher im Wedding, in Spandau, in Friedrichshain und an anderen mich exotisch anmutenden Orten Berlins zu finden bin.
Das Programm füllt die Zeit recht gut aus, Haso hat Begegnungen vorbereitet, neben der virtuellen Blogwelt gibt es auch noch eine reale Welt... daher werde ich mich wohl ein paar Tage des Bloggens enthalten.

Also denn, liebe Blogbesucher: Bis nächste Woche!

Skandalös: Prediger verteidigt Irrlehrer!

Da schreibt doch glatt jemand, der eigentlich in christlichen Kreisen einen guten Namen hat, folgende öffentlich zugänglichen Sätze:
Einige zwar predigen Christus auch aus Neid und Streit, einige aber auch aus gutem Willen. Die einen aus Liebe, weil sie wissen, daß ich zur Verteidigung des Evangeliums eingesetzt bin; die anderen aus Eigennutz (oder Streitsucht) verkündigen Christus nicht lauter, weil sie mir in meinen Fesseln Bedrängnis zu erwecken gedenken.
So weit, so gut. Ein messerscharfes Urteil: Da predigen manche aus Eigennutz (um die Kollekte zu erhöhen?) oder aus Streitsucht (meine Gemeinde hat Recht!).

Aber dann kommt der Skandal zum Vorschein. Dem Autor ist es piepegal, ob jemand das lautere Evangelium verkündet oder aus Selbstsucht auf die Bühne klettert:
Was macht es denn? Wird doch auf jede Weise, sei es aus Vorwand oder in Wahrheit, Christus verkündigt, und darüber freue ich mich.
Ich muss vor diesem Irrlehrer öffentlich warnen, denn seine oben zitierten Zeilen sind ja öffentlich zugänglich.
Es war mir leider nicht möglich, ihn persönlich zur Rede zu stellen, daher kann ich nur davor warnen, dieses Schriftstück aus seiner Feder zu lesen: Der skandalöse Brief. Die oben zitierte Irrlehre beginnt beim Abschnitt 1,15.