Mittwoch, 17. Juni 2009

William P. Young: The Shack (Die Hütte)

Zwischen uns sei Wahrheit, lieber Leser dieser Rezension. Das Buch, das ich hier empfehle, ist ein zwiespältiges Werk; ein gutes und ein bedenkliches Buch zugleich.
Vorab: Man darf nicht vergessen, dass man es bei der Lektüre mit einem Roman zu tun hat. Ein Roman darf vieles, was einem Sachbuch anzukreiden wäre. Zum Beispiel den Leser samt Protanonisten aus dieser Welt heraus in eine andere entführen. Nicht irgend eine außerirdische Sphäre, dies ist kein Science-Fiction-Roman, sondern - um es etwas vereinfacht auszudrücken - in unsere Welt, wie sie eigentlich sein sollte. Wie sie sich der Schöpfer gedacht haben mag, wenn man einen Schöpfer in Betracht zieht.

Wiliam P. Young, so heißt der Autor, auf diesem gedanklichen Weg zu folgen, fällt Europäern sicher schwerer als Amerikanern. Der Protagonist Mackenzie Allen Phillips, meist kurz Mack genannt, ist ein Typus Mensch, den es hier in Deutschland weit weniger häufig gibt als in der Heimat des Autors. Mack ist der typische Amerikaner, der selbstverständlich sonntags die Kirche besucht, vor dem Essen ein Dankgebet spricht und ein »christliches« Leben führt. Er zweifelt nicht an der Existenz Gottes, wenngleich er keine allzu persönliche Beziehung zu Gott pflegt, sondern landläufig-traditionell gläubig lebt: Man ist Christ, liest die Bibel und gehört einer Kirche an.
Im säkularisierten Europa trifft man solche Menschen womöglich noch in einigen ländlichen Gebieten in größerer Zahl an. In Amerika ist das noch immer eine Beschreibung der Mehrheit der Bevölkerung.

Zurück zu Mackenzie. Während eines Wochenendausfluges verschwindet Missy, die kleine Tochter, spurlos. Die Suche bleibt erfolglos, es gibt bald keinen Zweifel mehr, dass sie von einem Serientäter entführt und umgebracht wurde, obwohl die Leiche des Kindes nicht auffindbar ist. Die blutdurchtränkte Kleidung des Mädchens und die Beschreibung des Entführers sprechen deutlich genug, um Hoffnungen zu ersticken. The Great Sadness senkt sich auf Macks Leben.

So weit, so traurig und leider auch so realistisch. Wir alle kennen solche Geschichten aus den Medien, sie sind keine Fiktion, sondern grausame Wirklichkeit. Mancher leitet daraus ab, dass es keinen barmherzigen und guten Gott geben kann.

Doch Mack erhält eine handschriftliche Einladung von »Papa«. So nennt seine Frau Gott, da sie ein etwas engeres Verhältnis zu ihm zu haben scheint als Mack. »Papa« lädt ihn in ausgerechnet die Hütte ein, in der man damals die blutdurchtränkten Kleider seiner kleinen Tochter gefunden hat. Ein grausamer Scherz eines Verrückten? Eine Falle des Mörders? Oder tatsächlich eine Einladung von Gott persönlich? Auf jeden Fall hat Macks Frau trotz der Unterschrift »Papa« nichts damit zu tun, so viel ist sicher.
Weil Mack, der keine Ahnung hat, was ihn und ob ihn überhaut etwas erwartet, sich auf das Wochenende einlässt (vorsichtshalber mit Schusswaffe im Gepäck), kann uns der Autor des Romans zusammen mit Mack in jene »andere« Welt entführen, in der es möglich und an der Tagesordnung ist, wie Adam und Eva einst mit Gott zu plaudern.
Allerdings hat Mack zunächst Mühe, Gott zu erkennen. Er begegnet keineswegs jemandem, der Gandalf aus dem Herrn der Ringe ähneln würde. Für manchen Leser mag das, was in der Hütte und ringsum bei Ausflügen folgt, irritierend sein. Schon wegen der Darstellung von »Papa«, Jesus und des Hei- ja, da sind wir schon mitten in den Problemen für unsere traditionellen Vorstellungen: Der Heilige Geist ist weiblich. Bono, Sänger von U2, hat schon vor Jahren über den Geist Gottes gesungen: She moves in mysterious ways. In diesem Buch nun heißt sie Sarayu. Doch auch »Papa« begegnet Mack zunächst als Frau, als Afroamerikanerin, da der Begriff »Vater« für Mack aufgrund der eigenen Kindheit nicht viel Gutes zu bedeuten hat.
Die drei Personen des einen Gottes, eine Frau namens »Papa«, Jesus und Sarayu begleiten nun den Protagonisten durch das Wochenende. Sie sind / er ist, nicht nur was Namen und Geschlecht betrifft, völlig anders, als religiöses Denken (und Establishment) es in Amerika oder hierzulande zulassen möchte.

Es ist ein mutiges Buch, denn dass ein Autor, selbst in einem Roman, dermaßen radikal mit dem herkömmlichen Gottesbild bricht, muss zu vehementen Protesten der traditionsverhafteten Geistlichkeit führen. Das war auch in Amerika prompt der Fall, manch ein Hirte wollte seinen Schäfchen gar verbieten, »The Shack« zu lesen. Dennoch (oder deshalb?) hat das Buch offensichtlich ein Dauerabonnement für die Bestsellerlisten.
Nun ist die deutsche Ausgabe erschienen, man darf gespannt sein, ob es auch hierzulande entsprechende Reaktionen geben wird.

Doch zurück zur Geschichte, die William Paul Young erzählt und zu der Zwiespältigkeit, die ich empfunden habe. Erzählerisch ist »The Shack« kein Meisterwerk.
Mack wird sehr idealisiert dargestellt, so perfekt, dass er mir im Lauf der Lektüre unglaubwürdig wird. Beim besten Willen kann ich mir einen solchen Mustervater, Musterehemann und Mustermenschen nicht im wirklichen Leben vorstellen - samt Musterehefrau übrigens. Beide machen immer so gut wie alles richtig.
Auch meine ich, dass der Autor sich etwas zu viel vorgenommen hat, zumindest für den Umfang des Buches. Er will möglichst allen Fragen nachgehen, die es rund um Gott, Mensch und das Leid sowie die Ungerechtigkeit der Welt gibt. Und Antworten vorschlagen.
  • Wie kann Gott, vorausgesetzt, er ist ein guter Gott, solch ein Verbrechen an einem unschuldigen Kind zulassen?
  • Wie muss man leben, damit Gott zufrieden ist?
  • Bestraft und erzieht Gott die Menschen durch Krankheit oder anderes Leid?
  • Wird das nicht langweilig, im Himmel immer nur auf goldenen Straßen rumzulaufen und Loblieder zu singen?
  • Wer ist für Naturkatastrophen verantwortlich zu machen?
  • Warum all die Kriege und Abschlachtereien im Alten Testament?
  • ... und viele weitere Fragen und Problemkreise.
Was Young schreibt, ist - wie schon oben angedeutet - alles andere als »kirchenkonform«. Zum Beispiel wenn sich Mack und Jesus über die Kirche / Gemeinde unterhalten:
Mack paused, searching for the right words. "You're talking about the church as this woman you're in love with; I'm pretty sure, I haven't met her." He turned away slightly. "She's not the place I go on Sundays," Mack said more to himself, unsure if it was safe to say out loud.
"Mack, that's because you're only seeing the institution, a man-made system. That's not what I came to build. What I see are people and their lives, a living, breathing community of all those who love me, not buildings and programs."
Mack was a bit taken back to hear Jesus talking about "church" this way, but then again, it didn't really surprise him. It was a relief. "So how do I become part of that church?" he asked. "This woman you seem to be so gaga over."
...
"As well-intentioned as it might be, you know that religious machinery can chew up people!" Jesus said. "An awful lot of what is done in my name has nothing to do with me and is often, even if unintentional, very contrary to my purposes."
"You're not too fond of religion and institutions?" Mack said, not sure if he was asking a question or making an observation.
"I don't create institutions - never have, never will."
Die Antworten, die Young anbietet, habe ich so gut wie immer als nachvollziehbar empfunden, und sie sind auch in sich schlüssig. Das Gottesbild, das er in diesem Roman zeichnet, teile ich weithin schon eine ganze Weile. Ich halte dieses Buch für hervorragend geeignet, dem einen oder anderen Christen ein wenig die Augen dafür zu öffnen, dass nicht alles, was von einer Kanzel verkündet wird, unbedingt und immer richtig sein muss.
Doch, und da taucht der Zwiespalt wieder auf, so gut dieses Buch für nachdenkliche und suchende Gläubige sein mag, es taugt meiner Meinung nach nicht dazu, Menschen für Gott zu interesieren, die davon überzeugt sind, dass es keinen Gott gibt. Das muss und soll ja nun auch nicht die Aufgabe eines Romans sein.
Es ist dem Autor jedoch nicht gelungen, das zeigen auch etliche Rezensionen und Bewertungen in säkularen Medien, so spannend und interessant zu erzählen, dass ein Leser, der mit dem Glauben nicht viel oder gar nichts am Hut hat, dem Buch sonderlich viel abgewinnen könnte.
Wer am Thema »Gott und Mensch« grundsätzlich nicht interessiert ist, wird die seitenlange Dialoge als ermüdend und die Handlung als ungenügend empfinden. Der arg konstruierte Schluss sei hier sowieso mit dem gnädigen Mantel des Schweigens bedeckt.
Man muss schon am Thema an und für sich interessiert sein, wenn man das Buch interessant finden soll. Als Erzählung ist »The Shack«, trotz einiger hervorragender Szenen, allenfalls Durchschnitt. Stilistisch und sprachlich zeichnet sich der Text ebenfalls nicht aus: Nicht schlecht, aber auch nicht gut.

Mein Fazit: Ich habe das Buch trotz der oben angedeuteten Schwächen mit Begeisterung und nicht unerheblichem »inneren Gewinn« gelesen. Ich empfehle es mit voller Überzeugung als eine herausragende Lektüre, weit besser als mancher Alltagslesestoff. Nur sollte der Leser erstens nie vergessen, dass er einen Roman liest, und zweitens nicht zu sehr an traditionellen Formen und Lehren festkleben wollen. Die werden nämlich kräftig erschüttert. Und das ist auch gut so!
Ach ja, und drittens: Wer am Thema Gott und Mensch grundsätzlich nicht interessiert ist, den wird das Buch kaum sonderlich begeistern. Es sei denn, Sarayu wird aktiv?

Dienstag, 16. Juni 2009

Neulich im Naturschutzgebiet

Sommer. Urlaub. Idylle. So weit, so gut.

Am frühen Vormittag kam - nennen wir ihn Paul - von einem langen Ausflug mit seinen Angeln, Ködern und Netzen zurück ins Ferienhäuschen und beschloss, ein Nickerchen zu machen. Die Utensilien ließ er im Boot, er konnte sie ja später noch verstauen. Gefangen hatte er sowieso nichts außer etwas Schlick und einem Tennisball.

Obwohl sie eher ungern ruderte, hielt es seine Frau - nennen wir sie Paula - für eine gute Idee, mit dem Boot ein Stück hinauszufahren und dort in der friedlichen Stille ein Buch zu lesen. Womöglich hatte das etwas damit zu tun, dass Paul, verlässlichen Quellen zufolge, zum Schnarchen neigte? Verlässlicher als die Ehefrau kann ja kaum eine Quelle sein, wenn es um nächtliche Gewohnheiten geht.
Jedenfalls ruderte Paula ein Stück hinaus, machte es sich bequem und begann zu lesen. Sie hatte noch nicht eimal fünf Seiten umgeblättert, als sie ein unschönes Knattern aus der Ferne vernahm. Nein, nicht ihr Paul. Um seine Geräusche wahrzunehmen, war sie zu weit hinausgefahren. Es klang eher wie ein Außenborder. Tatsächlich kam ein Wildhüter mit seinem Motorboot quer über den See gefahren und hielt neben ihr an.
»Guten Morgen gnädige Frau, was tun Sie hier?«
»Ich lese ein Buch«, antwortete sie und dachte: Ist das nicht offensichtlich, du Dösbaddel?
»Sie befinden sich in einem Naturschutzgebiet, Fischfang ist an dieser Stelle des Gewässers verboten«, informierte er sie. Er zeigte auf eine Boje in der Nähe. »Das ist durch die Bojen klar ersichtlich, gnädige Frau.«
»Das wusste ich nicht, ich kenne mich mit Bojen nicht aus. Aber ich fische ja auch nicht. Ich lese.«
»Schon, aber Sie haben die komplette Ausrüstung dabei. Soweit ich die Situation überblicken kann, könnten Sie jeden Augenblick damit anfangen. Ich muss eine Anzeige gegen Sie aufnehmen.«
Paula runzelte die Stirn. »Für das Lesen eines Buches?«
»Sie befinden sich in einem Sperrgebiet für Angler«, wiederholte er und griff nach Kugelschreiber und Vordruck für Anzeigen samt Klemmbrett als Unterlage.
»Wenn Sie das tun, dann erstatte ich Anzeige gegen Sie wegen sexueller Belästigung.«
»Ich habe Sie doch überhaupt nicht angerührt!«, rief der Wildhüter entrüstet.
»Das mag sein, aber Sie haben die komplette Ausrüstung dabei. Soweit ich die Situation überblicken kann, könnten Sie jeden Augenblick damit anfangen.«
»Ich wünsche noch einen schönen Tag«, sagte der Mann und fuhr eilends mit laut knatterndem Motor davon.

Und die Moral von der Geschicht: Leg dich nicht mit einer Frau an, die Bücher liest. Es ist sehr wahrscheinlich, dass sie denken kann, mag sie nun Paula heißen oder einen anderen Namen tragen.

Montag, 15. Juni 2009

Das Schloss - Franz Kafka

Es war spätabends, als K. ankam. Das Dorf lag in tiefem Schnee. Vom Schloßberg war nichts zu sehen, Nebel und Finsternis umgaben ihn, auch nicht der schwächste Lichtschein deutete das große Schloß an. Lange stand K. auf der Holzbrücke, die von der Landstraße zum Dorf führte, und blickte in die scheinbare Leere empor.
Dann ging er, ein Nachtlager suchen; im Wirtshaus war man noch wach, der Wirt hatte zwar kein Zimmer zu vermieten, aber er wollte, von dem späten Gast äußerst überrascht und verwirrt, K. in der Wirtsstube auf einem Strohsack schlafen lassen.
Als K. erwachte, glaubte er zuerst, kaum geschlafen zu haben; das Zimmer war unverändert leer und warm, alle Wände in Finsternis, die eine Glühlampe über den Bierhähnen erloschen, auch vor den Fenstern Nacht.
Da öffnete sich die Tür. Es war die Wirtin. Sie tat erstaunt, K. noch hier zu finden. K. entschuldigte sich damit, daß er auf die Wirtin gewartet habe, gleichzeitig dankte er dafür, daß es ihm erlaubt worden war, hier zu übernachten. Die Wirtin verstand nicht, warum K. auf sie gewartet habe. K. sagte, er hätte den Eindruck gehabt, daß die Wirtin noch mit ihm sprechen wolle, er bitte um Entschuldigung, wenn das ein Irrtum gewesen sei, übrigens müsse er nun allerdings gehen, allzulange habe er die Schule, wo er Diener sei, sich selbst überlassen, an allem sei die gestrige Vorladung schuld, er habe noch zu wenig Erfahrung in diesen Dingen, es werde gewiß nicht wieder geschehen, daß er der Frau Wirtin solche Unannehmlichkeiten mache wie gestern. Und er verbeugte sich, um zu gehen. Die Wirtin sah ihn an, mit einem Blick, als träume sie.
»Ich ziele nur darauf ab, mich schön zu kleiden, und du bist entweder ein Narr oder ein Kind oder ein sehr böser, gefährlicher Mensch. Geh, nun geh schon!« So sprach die Wirtin.
K. war schon im Flur, als die Wirtin ihm nachrief: »Ich bekomme morgen ein neues Kleid, vielleicht lasse ich dich holen.«
Soweit Franz Kafkas Roman »Das Schloss«. Und nun, lieber Blogbesucher:
  • Alles verstanden?
  • Lehren daraus gezogen?
  • Geistig gewachsen?
  • Bildung vervollständigt?
Nein? Merkwürdig. Sehr merkwürdig. Dabei sind doch alle Sätze, die ich oben aufgeschrieben habe, Originalsätze. Und gestern im Gottesdienst hat es doch der Pastor in tausenden Kirchen und Gemeinden genauso gemacht: Er nahm aus einem längeren Text einige Sätze heraus und alle Besucher nickten, zufrieden mit der erbaulichen, gesalbten Predigt, die daraus wurde...

P.S.: Mir ist schon klar, dass einem Pastor nicht viel anderes übrig bleibt. Er muss wohl darauf hoffen, dass die Gemeinde den Zusammenhang kennt?

Samstag, 13. Juni 2009

Freitag, 12. Juni 2009

Schuldgefühle

Am Dienstag rief mich zu abendlicher Stunde jemand an, um sich ganz fürchterlich und sehr ausdauernd zu beschweren. Ich kam so gut wie nicht zu Wort, da sich sein Redeschwall aus dem Telefonhörer ungebremst wie ein überlaufender Abwasserkanal ergoss, so dass er kaum zu unterbrechen war, und wenn, dann nur für Sekunden.
Der Anlass der Verärgerung des Anrufers? Er wollte mir Schuldgefühle einreden. Er hatte »beinahe einen Autounfall«, weil er sich so über meinen Blog aufgeregt hatte. Er hätte »kaum geschlafen letzte Nacht« angesichts dessen, was er hier vorgefunden habe.
Das Gespräch in Monologform dauerte rund 20 Minuten. Ich wollte eigentlich gerne The Shack weiterlesen, aber auch nicht unhöflich sein, außerdem dachte ich noch, dass ich vielleicht ja auch mal zu Wort käme. Na ja. Das gelang dann nicht. Der Anrufer wollte gar kein Gespräch, sondern nur seine Meinung loswerden. Die neben mir sitzende beste aller Ehefrauen meinte zwischendurch zu mir: »Will he ever let you say something?« Ich zuckte die Achseln, hätte aber genausogut den Kopf schütteln können.

Nun ist es jedermann freigestellt, zu lesen und zu betrachten und zu hören, was er möchte. Niemand wird gezwungen, diesen oder sonst einen Blog zu besuchen, in diesen oder jenen Film zu gehen, dieses oder jenes Buch zu lesen oder sich diese oder jene CD anzuhören. Es ist auch zulässig und völlig legitim, dass jemand meine Auswahl an Texten, die Bilder dazu oder sonst etwas nicht mag. Jeder darf auch gerne kritisieren, was ihm missfällt. Es mag auch zutreffen, dass ich nicht immer den besten Geschmack beweise.
Aber bin ich hier in Berlin an seinem Beinahe-Autounfall in einer Kleinstadt ziemlich weit weg schuld? Oder dem schlechten Schlaf des aufgebrachten Anrufers? Den Schuh ziehe ich mir eher nicht an...

Zum Thema Schuldgefühle gibt es seit kurzem ein interessantes Interview mit einem interessanten Menschen zu einem interessanten Buch. Hier ein Auszug:
Frage: Was sind Beispiele für falsche Schuldgefühle bei Christen?

Harald Sommerfeld: Nehmen wir ganz praktische Sachen: Christen, die sich schuldig fühlen, wenn sie anderen Wünsche abschlagen und Nein sagen. Oder Schuldgefühle, die durch Manipulation entstehen. Manipulation besteht in ihrem Kern ja oft darin, dass man einen anderen so zu beeinflussen sucht, dass er sich schuldig fühlen soll, wenn er nicht das macht, was ich will. So etwas gibt es auch in christlichem Gewande nicht selten. Ich kenne auch noch einen pädagogischen Missbrauch des Namens Gottes. Dass Jesus also traurig sei, wenn man bestimmte Dinge tut. Es gibt Schuldgefühle, die durch eigenen Perfektionismus entstehen, wo sich einer etwas nicht verzeihen kann, dass er Dinge nicht immer 100%ig hinkriegt usw.
Soweit der Auszug aus dem Gespräch. Mich deucht, mein Anrufer gehört zu einer Spezies, die »nicht selten« ist, wie es in diesem Interview heißt. Ob er wohl Bücher liest? Und wenn ja, welche? Vielleicht würde ihm ja »No more blues« gut tun...

Donnerstag, 11. Juni 2009

Charismatisch-emergent-katholisch-pfingstlich-evangelikal...

Manchmal frage ich mich, wann wir mal mit dem Etikettieren fertig sein werden. Vermutlich nicht in diesem Leben.

Neulich kam es im Büro zu einem Dialog mit meinem neuen Chef. Er hatte sich im Internet über mich kundig gemacht und es ergab sich ein nettes Gespräch.

Der Chef: »Sie sind ja wohl sehr gläubig?«
Ich: »Ich bin Christ, ja.«
Der Chef: »Sind Sie denn katholisch?«
Ich: »Nein. Aber ich habe einige katholische Freunde.«
Der Chef: »Also evangelisch.«
Ich: »Nein, auch nicht. Aber ich habe auch einige evangelische Freunde.«
Der Chef: »Hmmm. Ach so.«
Ich: »Ich habe auch Freunde, die Atheisten sind.«
Der Chef: »Gestern hat mir Herr Y. (ein türkischer Mitarbeiter in der Firma) erzählt, dass er sich mit Ihnen am besten von allen Mitarbeitern im Personalbereich versteht.«
Ich: »O ja, wir verstehen uns prima.«
Der Chef: »Aber der ist doch Moslem?«
Ich: »Ja.«

Wir unterhielten uns dann noch sehr angeregt über diese und jene, fromme und weniger fromme, heitere und ernste Themen. Warum ich nun aber Christ bin und weder katholisch noch evangelisch... und noch dazu Freund eines bekanntermaßen praktizierenden Moslems... na ja, das kann man ja andermal weiter besprechen. Er hat es wohl nicht so ganz verstanden.

Ein Dialog bei anderer, nämlich emergenter Gelegenheit vor einigen Wochen:

Mein Gesprächspartner: »Bist du denn immer noch in der XXX (hier nannte er den Namen einer als charismatisch bekannten Gemeinde in Berlin)?«
Ich: »Ja.«
Mein Gesprächspartner: »Das finde ich ja nun bewundernswert.«
Ich: »Wieso?«
Mein Gesprächspartner: »Ich könnte das wohl nicht aushalten.«
Ich: »Aus manchen Predigten nehme ich durchaus Behaltenswertes mit nach Hause.«
Mein Gesprächspartner: »Aber die XXX ist ja nun nicht gerade als Terrain bekannt, auf dem emergenten Denkens geschätzt würde.«
Ich: »Na ja, deswegen kann man doch aber trotzdem hingehen.«
Mein Gesprächspartner: »Ja sicher. Man kann. Wenn man es aushält.«
Ein Neuankömmling in der Runde: »Also ich hätte mal wieder Lust auf so einen richtig knackigen pfingstlerischen Gottesdienst...«

Ist schon lustig mit uns Menschen. Ob nun fromm oder nicht, Chef im Industriebetrieb oder kunstschaffender Querdenker, wir kleben gerne Etiketten auf. Damit Ordnung herrscht, vermutlich. Vor einigen Jahren, sagen wir fünf oder acht, hatte ich auch noch sehr schnell den passenden Aufkleber zur Hand.

Ich bin jedoch mittlerweile wohl eher unordentlich veranlagt. Und das stört mich noch nicht mal.

Mittwoch, 10. Juni 2009

505

Welch eine Zahl!

505

Für die meisten Menschen ohne sonderliche Bedeutung, aber ich habe gestern zu abendlicher Stunde einen Meilenstein bei meiner aktuellen Übersetzungsarbeit erreicht. Ich bin über die Seite 500 hinaus gekommen, eben bis zur Seite 505 des Original-Manuskriptes.

Angesichts von 710 Seiten insgesamt ist nunmehr immerhin Land in Sicht, am Horizont irgendwo, noch etwas vernebelt, aber zweifellos vorhanden. Puh! Nur noch rund 200 Seiten, dann ist der erste Schritt, die Rohübersetzung, fertig.

Anschließend folgt der zweite Schritt, die stilistische Überarbeitung, aber das ist noch Zukunftsmusik oder Schnee von morgen.

Oder, um es mit den Worten aus dem Buch der Bücher auszudrücken: »So seid nun nicht besorgt um den morgigen Tag! Denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen.«

Puh!

Dienstag, 9. Juni 2009

Gastbeitrag Volksmund: Der schlecht ernährte Prinz

Es war einmal ein stolzer Emir. Als er einen Sohn bekam, sagte er: „Ich will, dass mein Sohn in allem der Beste sei. Er soll ernährt werden, wie noch kein Kind je ernährt worden ist.“ Und er beschloss, ihm siebenerlei Milch geben zu lassen, damit er sieben Tugenden bekomme. „So wird mein Sohn in allem perfekt sein:
  • Elefantenmilch für die Intelligenz und das Gedächtnis
  • Stutenmilch für die Schönheit
  • Kamelmilch für die Genügsamkeit
  • Bärenmilch für die Kraft
  • Hasenmilch für die Schnelligkeit
  • Katzenmilch für die Gewandtheit und
  • die Milch der Tigerin für die Macht und Stärke
Das Kind wuchs auf, ernährt mit den sieben Sorten Milch. Als Spielgefährte und Diener gab man ihm den Sohn des Großwesirs zur Seite, der ebenso alt war wie er.

Eines Tages verkündete der König des Nachbarlandes, er wolle seine Tochter verheiraten. Er lud alle jungen Männer der Umgebung ein zu einem großen Fest. Dieses dauerte sieben Tage und sieben Nächte, während denen vielerlei Prüfungen die Qualitäten jedes Bewerbers aufzeigen sollten. Am achten Tag sagte die Prinzessin, sie habe ihre Wahl getroffen und nahm den Sohn des Großwesirs, den Spielgefährten und Diener des Sohnes des Emir zum Gemahl. Der Emir wurde darob sehr wütend und ging zur Prinzessin, um die Gründe zu erfahren, die zu ihrer Wahl geführt hatten. Diese sagte: „Dein Sohn ist schwerfällig wie ein Elefant, widerspenstig wie ein Pferd, hässlich wie ein Kamel, dumm wie ein Bär, feige wie ein Hase, unberechenbar und hinterhältig wie eine Katze und daneben wild wie ein Tiger.“

Der Emir kehrte zurück, niedergeschlagen und traurig. Er ließ seinen Großwesir kommen und wollte von diesem erfahren, was denn seinen Sohn dazu befähig hatte, Gemahl der Prinzessin zu werden. Der Großwesir antwortete: „Er ist ernährt worden mit Frauenmilch und ist ein Mann geworden …“

P.S.: Dieser Text wird unter anderem auf der Webseite »FamilyFair« zu finden sein, die am 16.06.2009 online geht. »FamilyFair« ist ein Projekt von Eva Herman und einigen Freunden.

Montag, 8. Juni 2009

Berlin ist anders...

Berlin hat gestern so gewählt:
So weit, so gut gut oder nicht ganz so gut, je nach politischem Gusto. Auf jeden Fall hat Berlin damit wieder mal gezeigt, dass es anders ist. Das deutsche Wahlergebnis:
Ich bin ja gespannt, wie das in ein paar Wochen bei der Bundestagswahl aussehen wird.

Quelle der Grafiken: EU-Parlament

Samstag, 6. Juni 2009

Morgen: Walsonntag

Neulich bei Juppi fand ich diese von Juppi andernorts gefundene kleine Erzählung:
In der Schule sprach der Lehrer über Wale. Er sagte, dass es für einen Wal unmöglich sei, einen Menschen zu verschlucken. Obwohl er ein so großes Tier ist, sei sein Schlund viel zu eng.
Ein kleines Mädchen aber wandte ein, dass Jona von einem Wal verschluckt wurde.
Der Lehrer war etwas irritiert, blieb aber bei seiner Darstellung, ein Wal könne keinen Menschen verschlingen. Das sei physisch unmöglich.
Das kleine Mädchen sagte: »Wenn ich einmal in den Himmel komme, werde ich Jona fragen.«
Der Lehrer entgegnete: »Und wenn Jona in der Hölle ist?«
Daraufhin antwortete das Mädchen: »Dann musst du ihn fragen.«
Anlässlich des morgigen Walsonntags habe ich diesen erschütternden Tatsachenbericht hier übernommen.

Trotz besonders aufwendiger Recherchen und unerhört umfangreicher Forschungsarbeiten ist es mir übrigens nicht gelungen, den Urheber des dieser Geschichte zu Grunde liegenden Irrtums ausfindig zu machen. Ich hatte ja meinen gelegentlichen Gastbeitragsschreiber Martin Luther im Verdacht, aber der hat den Wal nicht in die Geschichte des Jona geschrieben. Bei ihm heißt es ganz richtig:
Aber der HERR verschafft einen grossen Fisch /Jona zuuerschlingen / Vnd Jona war im leibe des Fisches / drey tag vnd drey nacht.
Herr Luther also hat richtig berichtet: Kein Wal, sondern ein Fisch, und zwar ein extra für den Jonatransport angefertigter. Es scheint wie mit der für den menschlichen Verzehr nicht statthaften Frucht im Paradies zu sein.
VND das Weib schawet an / das von dem Bawm gut zu essen were / vnd lieblich anzusehen / das ein lüstiger Bawm were / weil er klug mechte / Vnd nam von der Frucht / vnd ass / vnd gab jrem Man auch da von / Vnd er ass.
Keiner weiß so recht, wer aus der Frucht mal einen Apfel gemacht hat, aber die Mär vom Apfel hält sich so hartnäckig wie die vom Wal.

Na gut. Seis drum. Falls ein Leser oder eine Leserin weiß, welcher Tunichtgut den Wal ins Spiel gebracht und im Volksmund gegen den Fisch ausgetauscht hat, wäre ich für sachdienliche Hinweise dankbar.

Ansonsten: Morgen nicht die Europa-WahlWalurne vergessen, weil ja Europa-WahlWalsonntag ist. Ich weiß schon, welche Partei ich wähle wäle. Der WahlWal-O-Mat hat mir neulich nur noch mal bestätigt, was ich sowieso geahnt habe. Ich bin mit meinen Wünschen an die europäische Politik bei einer der großen Parteien ganz gut aufgehoben.