Montag, 31. Januar 2011

Jessika – Ein Verhängnis /// Teil 8

Das Warten wurde einigen Blogbesuchern lang – nun geht es aber endlich weiter mit der Geschichte. Der eine oder die andere mag bereits vergessen haben, was bisher geschah – hier kann man nachschauen: [Teil 1] /// [Teil 2] /// [Teil 3] /// [Teil 4] /// [Teil 5] /// [Teil 6] /// [Teil 7]

Johannes sollte, so der mehrheitliche Wille der geschätzten abstimmenden Leserschaft, vom Tisch verschwunden sein. Na so was. Weg ist er:

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Der Tisch war leer, keine Spur von Johannes. Keine Spur von den Gläsern und dem Wasserkrug, die der Wirt mit den Speisekarten gebracht hatte.

Sie blickte sich suchend um und fragte dann den immer noch Jammernden, wo ihr Begleiter geblieben sei.

»Che compagno?«

Sie starrte ihn entgeistert an.

»Mi dispisace, signora …«

Jessika beschloss, nicht länger zu verweilen, vermutlich war der Wirt zu sehr durcheinander, um eine klare Antwort auf eine einfache Frage zu geben. Sie trat auf die Straße, kein Dodge Nitro war zu sehen. Auf dem Platz, an dem Johannes geparkt hatte, stand ein kleiner roter Fiat. Die enge Fahrbahn war von drei Streifenwagen und einer Ambulanz blockiert. Johannes musste vor dem Eintreffen der Polizei weggefahren sein.

Na warte! Mich hier sitzen zu lassen … Jessika bedauerte jetzt, ihre Waffe zurückgelassen zu haben, aber das Risiko einer Taschenkontrolle war ihr zu groß gewesen. Sie ging zügig auf die nächste Kreuzung zu, ohne zu rennen, auffallen wollte sie niemandem. Zahlreiche Schaulustige hatten sich um die Taverna dell'Etrusco versammelt, aber alle Augen waren auf das Lokal gerichtet, niemand schien sie zu beachten, nachdem sie aus dem Eingang getreten war. Sie bog um die nächste Straßenecke und atmete auf, als sie ein wartendes Taxi erblickte. Sie kannte sich in diesem Ort nicht aus, aber sie ging davon aus, dass es einen Bahnhof gab.

Orvieto - Bild von WikipediaSie öffnete die Tür und fragte: »Per favore … alla stazione dei treni?«

Zehn Minuten später stand sie vor dem Bahnhof und studierte den mageren Fahrplan. Heute fuhr nur noch ein Zug in Richtung Parma, aber dorthin wollte sie nicht zurück. Die nächste Verbindung nach Rom gab es erst um 9:55 am nächsten Tag. Sie konnte ein Hotel suchen, aber es hätte gegen jede ihr in Fleisch und Blut übergegangene Vorsicht verstoßen, so nah an einem Tatort eine Nacht zu verbringen. Man würde die Beretta früher oder später in der Damentoilette finden und sich an die junge Frau erinnern, die sich dort die Hände gewaschen hatte. Der Wirt konnte sicher eine recht gute Beschreibung liefern, und wer weiß, wer noch alles einen Blick auf sie geworfen hatte und über gutes Erinnerungsvermögen verfügte. Sie musste Orvieto Terni so schnell wie möglich verlassen und dabei möglichst wenig Aufmerksamkeit erregen.

Jessika sah sich um. Eine Autovermietung war nicht in Sicht, das Taxi war längst verschwunden. Natürlich konnte sie per Telefon ein Taxi rufen, aber das Risiko, dass irgendwo irgendwelche Computer die Verbindungen speicherten, selbst hier in der italienischen Provinz, war ihr zu hoch. Zum Autodiebstahl fehlte ihr das technische Geschick, wenn nicht der Zündschlüssel steckte. In einem Film würde man einfach Kabel unter dem Lenkrad herausrupfen, die richtigen beiden aneinanderhalten und losfahren. Im wirklichen Leben würde das nicht funktionieren, denn es gab in so gut wie jedem Fahrzeug ein Lenkradschloss, das zu knacken wäre und außerdem fand sie es sehr zweifelhaft, ob die entscheidenden Kabel überhaupt zugänglich waren, wenn man unter das Lenkrad griff. Ganz abgesehen davon, dass sie keine Ahnung hatte, welche beiden im Zweifelsfall die richtigen wären.

Ein paar Schritte entfernt sah sie eine Bushaltestelle. Es war inzwischen 19:30 Uhr, ohne große Hoffnung schlenderte sie hinüber und las die Abfahrtzeiten. Sie hatte den letzten Bus des Tages offenbar knapp verpasst:

Partenza 19:20: Gabelletta – Villanova – Osteria di Biagio – Bolsena. Arrivo: 20:10

Es waren verhältnismäßig wenig Menschen unterwegs, der Bahnhof lag etwas außerhalb der Stadt und ohne Zugverkehr gab es für kaum jemanden einen Grund, sich hier aufzuhalten. Zwei Männer waren dabei, den Vorplatz zu fegen, ohne ersichtliche Eile. Vor einem Restaurant, das sich Il Granchietto nannte, entlud eine junge Frau Lebensmittel aus einem Lieferwagen, der Fahrer, der Aufschrift auf dem Fahrzeug und auf seinem Kittel nach zu schließen musste er der Fahrer sein, stand rauchend daneben und schaute zu. Jessika holte ihre Zigaretten aus der Handtasche und zündete sich eine Pall Mall an. Langsam schlenderte sie die Straße hinunter Richtung Gaststätte. Vielleicht konnte sie mit dem Transporter weiter kommen?

Die Frau hob eine unhandliche Kiste mit Äpfeln an und stöhnte. Jessika fackelte nicht lange sondern legte ihre Handtasche in den Lieferwagen und griff zur Obstkiste.

»Gracie!« Die Frau war ziemlich außer Atem.

»Per quanto sia difficile, ce la faremo«, machte Jessika ihr Mut. Dem Fahrer zischte sie ein verächtliches »fancazzista« zu.

Der Mann grinste nur. Jessika überlegte kurz, ob sie ihre Tasche aus den Augen lassen konnte, aber nun lag sie bereits im Kombi. Sie trug die Kiste zusammen mit der Frau in die Gaststätte, durch den leeren Speiseraum in die Küche.

»Gianna.«

»Jessika.«

Die beiden reichten sich die Hände, auf Giannas abgekämpften Zügen leuchtete ein schüchternes Lächeln auf. »Gracie, mille gracie«, sagte sie.

Der Mann stand unverändert ein paar Schritte neben dem Fahrzeug, als die beiden Frauen wieder auf die Straße traten. Jessika nahm ihre Handtasche an sich und schaute misstrauisch hinein, ob wohl etwas fehlte. Das schien nicht der Fall zu sein, ein Blick in das Portemonnaie beruhigte sie vollends.

Es lagen noch zwei Säcke mit Kartoffeln auf der Ladefläche, 25 Kilogramm wog jeder der Aufschrift nach zu schließen. Jessika behielt ihre Handtasche in der linken Hand und nahm einen Sack mit der rechten. Kein Problem bei ihrer Kondition. Gianna schaute etwas überrascht, nahm dann den zweiten Sack mit beiden Händen und ging hinter Jessika her wieder in die Küche.

Gianna stöhnte, als sie ihre Last abstellte. »Gracie, Jessika, angelo mio!«

Wenn du wüsstest … angelo della morte, dachte Jessika, aber sie lächelte nur.

Gianna reichte ihr ein Glas Wasser. Sie erklärte, dass sie dem Fahrer sein Geld geben müsse, damit er nach Hause fahren könne. Jessika ging mit hinaus und fragte den Mann, als die geschäftliche Transaktion erledigt war, wohin er fahren würde.

»Bolsena«, erklärte er und fragte: »Tedeska?«

»Ja. Aus Berlin.«

»Wollen Sie mitfahren?«

»Das wäre nett, ich habe den Bus verpasst.«

»Haben Sie vorhin fancazzista zu mir gesagt?«

»Stimmt das etwa nicht?«

Gianna schüttelte den Kopf und wollte etwas sagen, aber der Mann war schneller: »Steigen Sie ein, ich nehme Sie mit.«

Jessika reichte Gianna die Hand und ging zur Beifahrertüre. »Ciao!«, rief sie ihr noch zu, dann stieg sie ein. Der Fahrer schloss die Ladefläche und setzte sich hinter das Lenkrad. Er ließ den Motor an und sagte: »Ich bin Giacomo di Martino, und ich habe einen Bandscheibenvorfall. Eigentlich dürfte ich nicht einmal Auto fahren, aber meine Familie braucht das Geld, das ich verdiene.«

»Ach – oh – das ist mir peinlich. Verzeihen Sie mir den fancazzista?«

»Con piacere! Einer hübschen jungen Dame kann ich nicht böse sein.«

»Sie sprechen perfektes Deutsch, Giacomo.«

»Ich habe über 30 Jahre in Hamburg gelebt. Ich bin erst vor ein paar Monaten zurück nach Italien gekommen, um das Geschäft meines Vaters weiter zu führen. Er ist zu alt, zu gebrechlich geworden.«

Der Lieferwagen verließ Orvieto Terni, die Landstraße war eng und unübersichtlich. Giacomo fuhr vorsichtig, er schien nicht in Eile zu sein. Es dämmerte, ein leichter Nieselregen setzte ein. Jessika hatte keine Ahnung, wohin sie in Bolsena eigentlich wollte, sie hoffte, dass sie für die Nacht in einem Hotel unterkommen konnte.

»Wie lange fahren wir bis Bolsena?«, fragte sie.

»Ungefähr eine Stunde. Wo soll ich Sie denn dort absetzen?«

»Gibt es ein gutes Hotel?«

»Sie kennen Bolensa nicht?«

»Nein.«

»Ich dachte nur, weil Sie ohne Gepäck unterwegs sind … ich dachte, Sie kämen von dort.«

Jessika hatte sich längst auf diesbezügliche Fragen vorbereitet. »Ich war mit meinem Freund unterwegs, dann haben wir uns in einer Raststätte fürchterlich gestritten, und er ist davon gefahren. Mit meinem Koffer.«

»Birbante! Farabutto! Vigliacco!«, schimpfte Giacomo. »Der Kerl ist es nicht wert, dass Sie ihn noch einmal anschauen! Sfacciataggine!«

»Ich habe ihn ziemlich verletzend angeschrien …«

»Man lässt eine junge Frau nicht irgendwo an der Autobahn sitzen! Und schon gar nicht ohne Gepäck!«

»Ich habe ja wenigstens meine Handtasche, meinen Reisepass, mein Geld, meine Kreditkarten.«

Giacomo schnaubte wütend. »So ein Verbrecher! Man sollte ihn … man sollte … irgendwas, ich weiß nicht was. Einsperren vielleicht, aber in einen Keller mit Wasser und hartem Brot. Und Ratten, hungrige Ratten sollte man dazu setzen.«

Jessika musste lachen. »Ich bin recht selbständig, Giacomo, ich komme schon allein zurecht. Morgen früh kaufe ich mir ein paar Kleidungsstücke zum Wechseln, und dann fahre oder fliege ich nach Hause.«

Er musterte sie kurz, bevor er wieder auf die Straße blickte. »Vielleicht passen Ihnen die Sachen meiner Frau? Sie hat ungefähr die gleiche Größe, vielleicht ist sie ein kleines bisschen rundlicher als Sie. Sie können bei uns übernachten.«

»Nein, das kommt gar nicht in Frage! Ich will niemandem Umstände machen, es ist schon nett genug, dass Sie mich mitnehmen.«

Inzwischen waren aus den Kurven der Stecke Serpentinen geworden. Der Lieferwagen bewegte sich langsam um die scharfen Biegungen. Zweimal wurden sie überholt, trotz der Unübersichtlichkeit der Straße. Giacomo schüttelte den Kopf und schimpfte auf die leichtsinnigen Autofahrer, die nicht nur sich, sondern auch andere in Gefahr brachten. Im Rückspiegel sah Jessika ein paar Scheinwerfer, der Wagen überholte aber nicht, sondern blieb hinter ihnen.

»Der macht es richtig«, kommentierte Giacomo, »es kommt gleich eine Haltebucht, da kann er dann an uns vorbei. Da ist sie ja schon.«

Er lenkte den Wagen nach rechts auf den Haltestreifen, der wohl speziell für diesen Zweck eingerichtet war. Das Fahrzeug hinter ihnen fuhr vorbei. Jessika starrte hinterher und ihr entfuhr ein kurzer Schrei. Es war ein schwarzer Dodge Nitro mit Berliner Kennzeichen.

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So so. Aha. Wir vermuten ja, dass in diesem Fahrzeug ein gewisser Johannes sitzt – der Zufall wäre denn doch zu groß, wenn es sonst jemand wäre. In der Fortsetzung werden wir auch einer Person namens Nitzrek begegnen, die eigentlich schon hier auftauchen sollte – aber die Szene passte dann doch nicht so, wie ich es mir vorstelle. Doch das ist Zukunftsmusik. Zuerst kommt die obligatorische Frage an die Leser:

Jessika übernachtet...
...bei Giacomo und seiner Familie.
...in einem Hotel.
...gar nicht, es geht die Nacht durch weiter.
Auswertung

Ich bin gespannt, welches Ergebnis mir diejenigen bescheren, die abzustimmen sich die Mühe machen.

Sonntag, 30. Januar 2011

Das kennt der geschätzte Blogbesucher vielleicht noch nicht.

Bild von sxc.huIch weiß, ich weiß. Das Warten auf die Fortsetzung der Jessika-Geschichte wird manchem schwer und lang. Ich bin mit dem nächsten Teil aber erst halb fertig – Arbeit für Geld geht nun mal vor.

Aber vielleicht kennt der eine oder andere ungeduldig auf Lesestoff harrende Blogbesucher »Der Garten des Teufels« noch nicht? Ist schon etwas älter, aber doch auch recht spannend, den Leserreaktionen nach zu urteilen.

Bitteschön: Der Garten des Teufels

Freitag, 28. Januar 2011

Piraten-Facebook

Es gibt schon witzige Ideen, auch bei den Facebook Programmierern. Man kann seine Darstellung auf Piraten-Englisch umstellen und kommt dann aus dem Kichern und Lachen kaum noch heraus (Englischkenntnisse vorausgesetzt). Meine Kurzbeschreibung im Profil sieht im Falle der besagten Einstellung so aus:

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Septembarrr! Statt »Comments« gibt es nun »hail-shots« mit abwechslungsreichen Formulierungen:

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Freunde sind mal mateys, mal hearties oder viele andere Bezeichnungen, die Zeit wird in hourglasses gemessen oder in shots o’rum…

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Kurzum: Eine richtig witzige Idee.

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Donnerstag, 27. Januar 2011

Wenn..

mehr Zeit für das Schreiben geblieben wäre, könnte ich bereits eine Fortsetzung präsentieren. Aber das, was ich bisher an Sätzen festgehalten habe, ist denn doch noch zu mager. Immerhin sei der geneigten Besucherschar dieses Blogs ein weiterer Blick durch die Latten des Bretterzaunes gestattet:

In einem Film würde man einfach Kabel unter dem Lenkrad heraus rupfen, die richtigen beiden aneinander halten und losfahren. Im wirklichen Leben würde das nicht funktionieren, denn es gab in so gut wie jedem Fahrzeug ein Lenkradschloss, das zu knacken wäre und außerdem fand sie es sehr zweifelhaft, ob die entscheidenden Kabel überhaupt zugänglich waren, wenn man unter das Lenkrad griff. Ganz abgesehen davon, dass sie keine Ahnung hatte, welche beiden im Zweifelsfall die richtigen wären.

Vielleicht - hoffentlich - komme ich am Wochenende dazu, ein paar Stündchen zu investieren in meine Geschichte. Ich bin recht zuversichtlich...

Mittwoch, 26. Januar 2011

Bald, bald schon, bald

Schweinerei im Männerklo …geht es mit Jessika weiter. Einen Satz verschenke ich schon mal:

Na warte! Mich hier sitzen zu lassen … Jessika bedauerte jetzt, ihre Waffe zurückgelassen zu haben, aber das Risiko einer Taschenkontrolle war ihr zu groß gewesen.

Bald, bald schon, bald darf der ungeduldig mit den Hufen scharrende Leserschaft mehr serviert werden. Sie sitzt ganz schön in der italienischen Tinte, die gute/böse Jessika.

Ach – na gut, noch ein Satz, und bei dem bin ich nicht so sicher, ob er fehlerfrei ist:

»Per favore … alla stazione dei treni?«

Dienstag, 25. Januar 2011

Gastbeitrag Aniboom: Replay

Ich bin normalerweise nicht allzu begeistert von Zeichentrick und Animation, aber diese kleine Kurzgeschichte in Form von bewegten Bildern und Musik fand ich sehenswert.

Wer keine traurigen Geschichten mag: Finger beziehungsweise Augen weg von den 8 Minuten Film.

Sonntag, 23. Januar 2011

Vom Fleiß und seinen Folgen

Ich weiß, dass etliche Blogbesucher ungeduldig auf die Fortsetzung der Jessika-Erzählung warten. Es hat mich auch nicht die Inspiration verlassen, sondern Sachzwänge walten mitunter auf eine Art und Weise, die dem Schaffen eigener Erzählungen hinderlich sind. Um Verständnis (nicht Mitleid!) heischend sei dem verehrten Publikum daher an dieser Stelle kundgetan, dass ich neben der 40 Stunden Woche im Hauptberuf seit dem 1. Januar noch folgenden Fleiß für die selbständige Tätigkeit aufgewendet habe:

fleissig

Die Folgen solchen Fleißes sind finanzieller Natur, denn diese Arbeiten werden von den Kunden nicht nur gewünscht, sondern auch bezahlt. Die Folgen solchen Fleißes sind aber auch, dass mitunter für das Schreiben keine Zeit bleibt, so gerne ich auch fabuliere.

Es wird aber sicher weiter gehen mit der guten oder bösen Jessika. Demnächst. Für die Geduld der Leserschaft bedanke ich mich, für die Ungeduld der Leserschaft auch, denn welcher Autor wäre nicht geschmeichelt, wenn seine Leser beim Ausbleiben von neuem Lesestoff Entzugserscheinungen bekommen…

Sonntag, 16. Januar 2011

Eins nach dem anderen...

Vor mir liegt eine ereignisreiche Woche mit allerlei Dingen, die geplant, bearbeitet  und erledigt werden müssen. Daher wird es wohl mit einer Fortsetzung der Jessika-Erzählung noch eine Weile dauern.
Ob mir zwischendurch der eine oder andere Blogbeitrag einfällt oder zufliegt, wird sich (an dieser Stelle) zeigen. Vielleicht kommt der eine oder andere Gastbeitrag oder ich wiederhole was älteres?
Dies nur, damit niemand auf die Idee kommt, ich wäre in Italien verschollen oder zum Mond geflogen.

Freitag, 14. Januar 2011

John Grisham: The Confession

Keith Schroeder, Pfarrer einer lutherischen Kirche in Topeka, Kansas, ahnt nicht, was auf ihn  zukommt, als eines Morgens ein Fremder sein Büro betritt, um sich etwas von der Seele zu reden. Solche seelsorgerlichen Gespräche sind für einen Pastor normal, jedoch hat dieser Besucher etwas zu beichten, was auch ein Geistlicher selten zu hören bekommt. Er sterbe demnächst an einem Gehirntumor, erklärt der Mann, und wolle vielleicht bekennen, dass er der Mörder eines seit 10 Jahren aus der Kleinstadt Slone in Texas verschwundenen Mädchens sei.
Für den Mord an Nicole Yarber, die bei ihrem Verschwinden 17 Jahre alt war, sitzt allerdings ein anderer Mann in der Todeszelle, seine Hinrichtung steht nur wenige Tage bevor. Die Leiche wurde nie gefunden und der Verurteilte, Donté Drumm, hat sein Geständnis längst widerrufen und beteuert seither seine Unschuld.
Bild von John Grisham via Amazon.comDamit beginnt ein Buch, wie es John Grisham schon länger nicht gelungen ist. Ein Buch, das den Leser fesselt und bis zur letzten Seite nicht mehr loslässt. Ein Roman, dessen Handlung mitunter Wege nimmt, die der Leser nicht zu gehen wünscht. Ein realistisches, ein ehrliches Buch. Eine aufwühlende, eine tief beeindruckende Erzählung.
Es gibt Bücher, auch von John Grisham, in denen findigen Juristen auch das unmöglich scheinende Herumreißen einer Situation gelingt, in denen dann doch noch das Gute siegt. Solche Bücher zeichnen nicht immer ein akkurates Bild des Lebens, aber sie haben zweifellos ihre Vorteile: Man schöpft Hoffnung, dass es eine ausgleichende Gerechtigkeit gibt.
The Confession hat auch seine Vorteile, aber die liegen auf ganz anderen Ebenen.
In erster Linie ist es natürlich ein spannender Roman, der dem Leser keine Atempause gönnt. Man müsste ja eigentlich schlafen gehen, aber man kann das Buch nicht beiseite legen. Nur noch eine Seite … nur noch das Kapitel … nur noch ein paar Seiten …
Das Buch kann aber auch Augen öffnen: Realistisch schildert der Autor, mit welcher tiefen Überzeugung, Gott auf ihrer Seite zu haben, schwarze und weiße Christen ganz unterschiedliche Meinungen und Einstellungen biblisch begründen. Er schildert, warum und wie Donté in neun Jahren, unschuldig im Gefängnis, seinen einst lebendigen und zuversichtlichen Glauben verloren hat.
Keith plunged ahead. “Robbie tells me you were raised in a church, batized at an early age, had a strong faith, raised by parents who were devout Christians.”
“All true. I was close to God, Mr. Schroeder, until God abandoned me.”
…
“You blame God for the past nine years?”
“Yes, I do. … I was eighteen years old, a longtime Christian, still active in church, but also doing some things that most kids do, nothing bad, but, hell, when you grow up in a house as strict as mine, you’re gonna rebel a little. … I stayed off the streets. I was looking forward to college. Then, for some reason I guess I’ll never understand, a bolt of lightning hits me square in the forehead. I’m wearing handcuffs. I’m in jail. … My fate is determined by twelve white people, half of them good, solid Baptists. The prosecutor was a Methodist, the judge was a Presbyterian …”
John Grisham schildert auch, mit welchen Glaubenskonflikten Pfarrer Schroeder zu kämpfen hat. Und nicht nur das, seitens seiner Kirchenobrigkeit gerät er zusätzlich unter Druck. Überall finden sich Menschen, die ganz genau mit der Bibel in der Hand erklären können, was richtig ist, was Gottes Wort sagt - und die Widersprüche könnten kaum gewaltiger sein. Schließlich gehen Kirchen in Flammen auf, der Hass lodert in Slone. Politiker und Juristen suchen nach Lösungen und finden keine. Die Lage wird immer prekärer …
The Confession hat mich gepackt und bewegt, wie es selten einem Roman gelingt. Ich habe geweint beim Lesen – und das passiert mir kaum einmal.
John Grisham erspart weder sich noch den Lesern grauenhafte Erlebnisse und unbequeme Fragen. Keith Schroeder wird am Ende der Erzählung ein anderer Mensch sein als zuvor. Der Leser - das wäre sehr zu wünschen - auch. Mein Denken und Glauben hat sich durch diese Lektüre jedenfalls verändert.

Mein Fazit: Wie man es auch betrachtet, dies ist ein rundum packendes, durchdachtes, erschütterndes, spannendes Buch; eines der besten, die John Grisham bisher verfasst hat. Unbedingt lesen!

P.S.: Ich habe das Original gelesen, zur Qualität der deutschen Übersetzung vermag ich nichts zu sagen.