Sonntag, 13. Februar 2011
Na ja.
Samstag, 12. Februar 2011
Donnerstag, 10. Februar 2011
Jessika – ein Verhängnis /// Teil 10
Ungewöhnlich schnell folgt die Fortsetzung, was sicher die ungeduldigen Leser nicht übel nehmen werden. Bevor jemand meckert, hier die Verknüpfungen zu den bisherigen Teilen: [Teil 1] /// [Teil 2] /// [Teil 3] /// [Teil 4] /// [Teil 5] /// [Teil 6] /// [Teil 7] /// [Teil 8] /// [Teil 9]
So. Das wäre erledigt. Nun keine weitere Vorrede, sondern ab nach Italien.
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Zwei Stunden später lag Jessika im Wohnzimmer auf dem zum Bett umgebauten Sofa und starrte in die Dunkelheit. Es war ihr gelungen, den Schwächeanfall auf Entkräftung und Übermüdung zu schieben, von Nitzrek war nicht mehr die Rede gewesen, die Familie mied das Thema und sie selbst hatte keine Veranlassung gehabt, darauf zurück zu kommen.
Luca war auffallend still geblieben, sprach nur, wenn er dazu aufgefordert wurde, wirkte abwesend, wenn nicht gar verängstigt.
Alesia hatte Jessika ein Nachthemd gebracht und auch daran gedacht, ihr für den nächsten Tag frische Unterwäsche bereit zu legen. Sie war von ähnlicher Statur, tatsächlich ein kleines bisschen rundlicher als Jessika, aber sie trug die gleiche Konfektionsgröße. Im Badezimmer lag ein flauschiges Badetuch bereit, eine noch originalverpackte Zahnbürste stand in einem Glas auf der Ablage unter dem Spiegel. Während Jessika duschte und anschließend ihre Zähne putzte, war im Wohnzimmer ihr Nachtlager hergerichtet worden.
Nun lag sie schon eine halbe Stunde unter der angenehm leichten Decke und grübelte über Nitzrek. Dass Luca rein zufällig den Namen erwähnt hatte war so unwahrscheinlich wie ein muslimisches Mädchen in der gemischten Sauna, und verhört hatte sie sich auch nicht.
Der Junge war zwölf Jahre alt, auch Jessika war zwölf gewesen, damals, vor so langer Zeit.
Der eigentümliche Geruch aus der Wohnung der Hausmeisterin war Jessika schon oft aufgefallen. Manche Beobachtung, die sie gemacht hatte, fand sie rätselhaft. Dass Männerbesuch kam, war an und für sich nicht verwunderlich, aber dass sie die Männer nie beim Verlassen der Wohnung gesehen hatte, bereitete ihr Kopfzerbrechen. Sie war neugierig und hatte eine blühende Phantasie, eine Kombination, die für Zwölfjährige nicht ungewöhnlich ist.
Eines Nachts lag sie in ihrem Bett und sann darüber nach, was wohl in der Hausmeisterwohnung vor sich gehen mochte. Es war wieder einmal männlicher Besuch gekommen, wie immer hatte Frau Evi Müller den Mann so leise und zu so später Stunde durch den Hausflur gelotst, dass vermutlich niemand von den Nachbarn etwas bemerkt hatte. Niemand außer Jessika.
Während sie sich ausmalte, dass der Besucher von der Hausmeisterin entkleidet wurde und welche Spiele die beiden dann miteinander ausprobierten, strichen ihre Finger sanft über den eigenen Körper. Eine klare Vorstellung von Sex hatte sie damals noch nicht, aber angeregt durch den Aufklärungsunterricht in der Schule hatte Jessika vor ein paar Wochen begonnen, sich selbst zu erkunden. Bei den Jungen in der Klasse hatte es reichlich rote Köpfe und so manches verlegene Kichern gegeben, als die Lehrerin das Thema Selbstbefriedigung angesprochen hatte, die meisten Mädchen schienen so ahnungslos wie Jessika selbst gewesen zu sein.
Zu Hause hatte sie noch einmal nachgelesen, was in der Broschüre der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, die die Lehrerin verteilt hatte, stand: »Selbstbefriedigung ist eine Möglichkeit, den eigenen Körper zu entdecken: den ganzen Körper zu streicheln, Brust, Schamlippen, den Kitzler oder den Penis und den Hodensack zu berühren. Du kannst dabei alleine für dich herausfinden, welche Berührungen Lust machen, erregend sind und vielleicht auch erleben, was ein Orgasmus ist.« Sie hatte sich gefragt, wovon das »vielleicht« abhängig sein mochte. Und woran sie eigentlich erkennen sollte, ob sie es herausgefunden hatte. Wen sie fragen konnte, wusste sie nicht.
Jessika hatte keine »beste Freundin«. Fast alle Schulkameradinnen hatten wenigstens eine intime Vertraute, aber Jessika hatte niemanden, mit dem sie hätte über solche Fragen reden können, wenn sie es gewollt hätte.
Aber Jessika ging Dingen sowieso lieber selbst auf den Grund, sammelte Erfahrungen, experimentierte und nahm es in Kauf, auch durch schlechte Erfahrungen klüger zu werden. Dass Alkohol ihr nicht gut tat, hatte sie herausgefunden, als sie im Keller eine herrenlose Kiste Bier entdeckt und drei Flaschen geleert hatte. Ihren verunreinigten Slip und die Jeans hatte sie selbst ausgewaschen, so widerlich es ihr auch gewesen war, den bräunlich-schmierigen Stoff zu berühren. Dass es für Zigaretten noch zu früh war, war ihr klar geworden, als sie ihr Erbrochenes aus dem Teppich ihres Zimmers zu entfernen versuchte. Es stank noch einige Tage weiter. Dass es in Kaufhäusern Kameras und Detektive gab, wurde ihr klar, als sie am Ausgang aufgehalten wurde, weil in ihrer Schultasche zwei Comic-Hefte steckten, die sie nicht bezahlt hatte.
Doch es gab natürlich nicht nur die unguten Erlebnisse und Erfahrungen. Dass es viel mehr Spaß machte, ein Buch zu lesen statt jämmerlich niveaulose Fernsehserien anzuschauen, und dass sich ihre Leistungen in der Schule verbesserten, je weniger sie sich berieseln ließ, zum Beispiel. Dass sie mit zwölf Jahren durchaus in der Lage war, Geld zu verdienen, gehörte auch in diese Kategorie. Nicht nur durch kleine Hilfsarbeiten für die Hausmeisterin, sondern auch durch Nachhilfe für Kinder in den untersten Klassen oder indem sie regelmäßig Hunde spazieren führte, deren Besitzer zu viel arbeiten mussten. Dass es ihr Spaß machte und gut tat, nach der Schule nach Hause zu joggen statt den Bus zu nehmen, hatte sie herausgefunden, als streikbedingt der bequeme Weg ausfiel. Zuerst trottete sie missmutig vor sich hin, dann überholten sie zwei erwachsene Jogger und Jessika lief kurzerhand mit. Trotz der Schultasche auf dem Rücken konnte sie mühelos mithalten und zu Hause stellte sie fest, dass sie sich durch und durch und rundum wohl fühlte.
Nun hatte sie in letzter Zeit ausprobiert, was eigentlich an der Sache dran war, die bei den Jungen in der Klasse für so viel Verlegenheit gesorgt hatte und war zu dem Schluss gekommen, dass sie eine ganz famose Entdeckung gemacht hatte, die ihr Spaß machte und noch dazu dafür sorgte, dass sie danach tief und fest schlafen konnte.
In jener Nacht war Nitzrek erschienen. Es kam ihr nie in den Sinn, dass sie die Begegnung geträumt haben könnte. Dann hätte sie auch das geträumt, was in der Hausmeisterwohnung folgte, und das war so wirklich wie die Narbe, die sie seither am rechten Unterarm hatte.
Womöglich hatte sie gerade herausgefunden, was ein Orgasmus war, als plötzlich eine Gestalt in ihrem Zimmer stand. Es fiel lediglich ein sehr schwacher Lichtschein von der Straßenlaterne durch die zugezogenen Vorhänge, so dass sie nur vage die Umrisse wahrnehmen konnte. Sie verspürte keine Angst, erschrak nicht, sondern nahm schlicht zur Kenntnis, dass sie nicht mehr allein in ihrem Zimmer war. Ihre Eltern waren auf einer Party, sie hätte sie zurückkommen hören, wenn sie schon da wären. Aber es war die ganze Zeit still gewesen in der Wohnung.
Jessika fragte: »Wer bist du?«
»Nitzrek.«
Die Stimme konnte männlich oder weiblich sein, womöglich hörte sie auch nicht mit ihren Ohren sondern irgendwie innerlich das merkwürdige Wort.
»Nitzrek?«
»Nitzrek.«
»Was willst du?«
»Es ist an der Zeit, dass du deine Aufgabe beginnst.«
»Aha.«
Jessika zweifelte in diesem Moment daran, dass sie noch wach war. Das Gespräch, wenn es denn eines war, wurde ziemlich unwirklich.
»Du bist nicht von dieser Welt. Du bist in diese Welt gesandt.«
»Aha.«
»Dein Auftrag ist es, Menschen vom Diesseits ins Jenseits zu führen.«
»Hmmm hmmm.«
»Du gehst jetzt in die Wohnung von Frau Müller, sie hatte diesen Auftrag vor dir. Sie hat sich nicht an die Regeln gehalten. Du wirst ihr Amt übernehmen.«
»Hmmm.«
»Ich werde bei dir sein, dich wissen lassen, was du tun und sagen sollst. Du wirst mich nicht sehen, aber verstehen. Zieh dir etwas an und geh. Jetzt.«
»Hat sie den Mann umgebracht?«
»Er liegt im Schlafzimmer, sie wird auch dich töten wollen, aber du wirst das Richtige sagen. Vertrau mir. Ich bin Nitzrek. Und jetzt geh.«
Jessika stand auf, nahm einen Schlafanzug aus dem Schrank, zog ihn an und verließ die Wohnung.
Zwei Stunden später hatte Jessika ihren ersten Auftrag erledigt. Die Hausmeisterin lag auf dem Küchenboden und war so tot wie ihr nächtlicher Besucher. Das Haus war voller Polizisten, ein Notarzt verband Jessikas Unterarm, die Blutung aus der tiefen Schnittwunde war mittlerweile gestillt. Kriminaltechniker untersuchten die Wohnung und besonders die Küche, auf dem Herd stand eine Mahlzeit, die den Boulevard-Zeitungen in den nächsten Tagen zu verkaufsfördernden Schlagzeilen verhalf: »Kannibalin verspeiste Männer!« »Wie vielen Opfern hat die Kannibalin den Penis abgeschnitten?« »Dieses Mädchen sollte Nachtisch der Kannibalin werden!« Daneben war auf der Titelseite Jessika zu sehen, ein herausvergrößertes Portrait vom letzten Klassenfoto.
Niemand hatte je an der Geschichte gezweifelt, die Jessika erzählt hatte. Durch fürchterliches Geschrei in der Hausmeisterwohung sei sie wach geworden, habe neugierig an der Tür gelauscht, dann habe Evi Müller die Tür aufgerissen und sie in die Wohnung gezerrt. In der Küche habe die Frau ein Messer ergriffen um Jessika zu erstechen, sie habe sich gewehrt, dabei den Stich in den Unterarm abbekommen, dann sei die Hausmeisterin in dem Blut ausgerutscht und mit dem Hinterkopf gegen die Kante des Küchentisches geprallt. Nein, erklärte Jessika, in das Schlafzimmer habe sie nicht geschaut, sie sei zurück ins Treppenhaus gerannt und habe um Hilfe geschrien.
Nitzrek war sie noch ein paar Mal begegnet, immer in der Dunkelheit, nie hatte sie ein Gesicht erkennen oder auch nur sagen können, ob es sich um ein männliches oder weibliches Wesen handelte. Inzwischen kannte sie Nitzrek nur noch als innere Stimme, in der Regel noch nicht einmal mit Worten sprechend, sondern mit Gewissheiten und Einsichten, die ihr plötzlich bewusst waren. Nur selten sprach Nitzrek Jessika noch mit Sätzen an, so wie am heutigen Tag im Zug. Das Kind ist in Gefahr. Du musst nachsehen. Du musst JETZT nachsehen.
Sie hatte ohne zu zögern nachgesehen. Wenn Nitzrek sprach, dann handelte sie, nun schon seit vielen Jahren. Sie genoss die Vorteile, die ihre Existenz mit sich brachte. Geld wann immer und wo immer sie es brauchte, Waffen, falls benötigt, ihr Aussehen, das sie nach Bedarf und Situation zwischen unter 20 und über 40 Jahren variieren konnte, Pässe und sonstige Papiere der jeweiligen Rolle gemäß, die sie dem aktuellen Auftrag zufolge gerade spielte … sie hatte immer die Zügel in der Hand, sie war diejenige, die entschied, was geschah und wann es geschah. Bisher. Bis zu ihrem Auftrag in Parma, den hatte sie noch ordnungsgemäß abgewickelt, aber dann war Johannes aufgetaucht.
Und nun lag sie auf dem fremden Sofa, ohne Gepäck in Italien gestrandet, war mehr oder weniger auf der Flucht vor einem undurchschaubaren Mann, der ihre Geheimnisse zu kennen schien, der Freundlichkeit von Fremden ausgeliefert, der Sohn der Familie befürchtete einen Besuch von Nitzrek. Eine völlig verrückte Situation.
Wenn sich das jemand ausdenken und als Erzählung aufschreiben würde, überlegte Jessika, dann würde man das ins Reich der Märchen verweisen. Aber hier liege ich und weiß nicht weiter. Soll ich den Jungen ansprechen? Spricht Nitzrek ihn an? Was will Nitzrek überhaupt von Luca? Ich dachte, es wären nur Frauen, die in diesem Dienst stehen…
Jessika horchte auf und war sofort hellwach.
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So. Da haben wir das Schlamassel: Die Leser dürfen entscheiden.
In dieser Nacht... |
...spricht Jessika mit Luca. |
...spricht Jessika mit Nitzrek. |
...spricht Nitzrek mit Luca. |
...passiert noch irgend etwas. |
Auswertung |
Falls übrigens jemand wissen will, was es mit Evi Müller und der Leiche im Schlafzimmer, den abgeschnittenen männlichen Organen der intimen Art und der zwölfjährigen Jessika auf sich hatte, damals, der ist genötigt, dieses Buch zu kaufen: [Gänsehaut und Übelkeit]
Fortsetzung? Folgt.
Mittwoch, 9. Februar 2011
Morgen ist Jessika-Tag

Das Ergebnis ist ja dieses Mal schön deutlich. Voraussichtlich wird morgen die Fortsetzung der Geschichte hier zu finden sein. Sie ist fast fertig geschrieben.
Dienstag, 8. Februar 2011
Montag, 7. Februar 2011
Jessika – ein Verhängnis /// Teil 9
Der eine oder die andere wünscht sich Verknüpfungen zu dem, was bisher geschah: [Teil 1] /// [Teil 2] /// [Teil 3] /// [Teil 4] /// [Teil 5] /// [Teil 6] /// [Teil 7] /// [Teil 8]
Jessika sollte sich, so der mehrheitliche Wille der geschätzten abstimmenden Leserschaft, auf den Weg zu Giacomos Familie machen, um daselbst die Nacht zu verbringen. Brav, wie ich nun einmal bin, folge ich in dieser Fortsetzung dem Leservotum. Bittesehr.
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Giacomo fragte: »War das Ihr … dieser teuflische Birbante? Der Kerl, der Sie ausgesetzt hat? Farabutto! Ich erwische dich!« Er gab Gas.
Jessika starrte geradeaus und stöhnte.
»Wir können ihn einholen. Ich fahre sonst nicht so schnell, aber wenn es darauf ankommt …«
»Nein, wir lassen ihn fahren. Ich will diesen Kerl vorerst nicht wiedersehen.«
Der Lieferwagen wurde wieder langsamer, die Rücklichter des schwarzen Geländewagens verschwanden in der zunehmenden Dunkelheit.
Jessika nahm zwei Zigaretten aus der Packung, zündete beide an und reichte eine ihrem Chauffeur hinüber. Sie rauchten schweigend.
Nach einer viertel Stunde wurde Giacomo unruhig, rutschte auf seinem Sitz hin und her. »Che palle«, schimpfte er, »mi scappa ...«
Jessika kicherte und meinte: »Dann halten Sie doch an, für Männer ist das ja kein großes Problem.«
»Ich dachte, ich halte durch bis zu Hause, aber der viele Kaffee vorhin, der ist Schuld.«
»Nein. Schuld ist derjenige, der ihn getrunken hat. Freiwillig.«
Giacomo grinste und gab zurück: »Bei jedem Kunden bekomme ich Kaffee. Gehört zum Geschäft. Wenn ich ablehne, ist das unhöflich. Also muss ich ihn trinken.«
»So so.«
Der Wagen hielt am Straßenrand. Giacomo hatte große Eile, er ging nur drei Schritte zum nächsten Baum und bewässerte ihn dann ausgiebig. Als er wieder einstieg, war er sichtlich entspannter.
»Warum pinkeln Männer eigentlich immer an Bäume, wenn welche in der Nähe sind?«, fragte Jessika.
»Noch lieber pinkeln Männer in einen Bach oder einen Fluß.«
»Das mag sein. Aber in Filmen ist es meistens ein Baum, wenn draußen gepinktel wird. Wenn der Regisseur überhaupt daran denkt, dass seine Figuren auch mal müssen müssen.«
Er stimmte zu: »Daran denken viele Filmemacher nicht. Auch Schriftsteller. Das hat mich schon als Kind manchmal aufgeregt.«
Jessika dachte an Bernd zurück, der in seinen Texten den Protagonisten immer zumindest Zeitspannen zugebilligt hatte, in denen sie ihr Geschäft erledigen konnten, auch wenn das in der Erzählung nicht erwähnt wurde. Sie hatten mehrere Staffeln der Serie 24 miteinander angeschaut und sich häufig darüber amüsiert, dass nicht nur Jack Bauer, sondern auch andere Figuren offenbar über 10 oder 20 oder gar 24 Stunden weder Darm noch Blase entleeren mussten. Ganz abgesehen davon, dass vor allem die Damen auch nach 20 Stunden Einsatz unter höchster Anspannung noch über wunderbar frisierte Haare und morgendlich frischen Teint verfügten.
»Ach Bernd …«, flüsterte sie.
Giacomo hatte offenbar gute Ohren. Er fragte: »Bernd heißt der Vigliacco, der Sie ausgesetzt hat?«
»Nein, Bernd war ein Freund, der beste, vielleicht der einzige Mann, den ich jemals geliebt habe. Er ist tot.«
Giacomo blickte zu ihr hinüber. »Sie sind doch noch so jung … Sie werden schon noch die Liebe finden. Oder die Liebe findet Sie. Sie sind doch höchstens – ich kann schwer schätzen, aber ich meine, na ja, Sie sind höchstens 25 Jahre alt?«
»Das Alter«, lächelte Jessika, »ist relativ. Ich bin 18. Ich bin 30. Ich bin 400. Ich bin 12.«
Er lachte. »Geheimnisvoll, sehr affascinante, liebe Signorina. Mein Sohn ist 12, meine Tochter 14. Und Sie sind nicht älter als 25, da möchte ich wetten.«
Schließlich erreichten sie Bolsena, der Lieferwagen hielt vor einem etwas heruntergekommenen Gehöft. Giacomo hatte unterwegs erzählt, dass sein Vater schon seit Jahren kaum noch das Nötigste hatte tun können, er hatte seine schwindenden Kräfte auf die Landwirtschaft konzentriert und am Haus so gut wie gar nichts mehr instand gehalten oder repariert. Als es gar nicht mehr ging, war Giacomo schließlich mit seiner Familie zurück in die Heimat gezogen, nun mussten sie Schritt für Schritt aufholen, was über Jahre versäumt worden war. Der Obst- und Gemüsehandel lief recht gut, es gab einen festen Kundenstamm, der auf frische Ware aus eigenem Anbau wert legte, und in den letzten Wochen kamen neue Kunden hinzu, da Giacomo auf jegliche Chemie verzichtete und damit auch Werbung machte. Die Qualität seiner Ware sprach sich herum.
Sie gingen durch den Flur in die Wohnstube, die beiden Kinder sprangen auf, um ihren Papa zu begrüßen, Giacomos Frau kam aus der Küche und küsste ihn zärtlich.
Er stellte Jessika seiner Familie vor. »Diese junge Dame ist von ihrem Freund ausgesetzt worden, ohne Gepäck. Sie hat Gianna mit dem Ausladen geholfen, mich einen fancazzista geschimpft und zum Dank habe ich ihr angeboten, hier zu übernachten.«
Er lachte fröhlich, als Jessika beim Wort fancazzista leicht rot wurde und erklärte dann: »Das ist Alessia, meine wunderbare Frau, das mein prächtiger Sohn Luca und dieses bezaubernde Mädchen meine Tochter Sofia.«
Alessia nahm die etwas verdutzte Jessika sofort in die Arme, drückte sie und sagte: »Du armes Mädchen, solch einen Schuft hattest du als Freund? Natürlich bleibst du hier über Nacht, und bestimmt hast du jetzt Hunger?«
»Ich – danke schön, vielen Dank, ich müsste vor allem mal – wo ist denn das Bad?«
Sofia nahm Jessika bei der Hand und zog sie mit sich. »Hier im Flur die letzte Tür links, der Lichtschalter ist draußen. Wie heißt du eigentlich?«
»Jessika.«
»Das ist ein toller Name!«
»Danke. Sofia ist auch schön. Passt zu dir. Es bedeutet Weisheit.«
Die Kleine grinste und meinte: »Dann lass ich dich jetzt endlich pinkeln gehen, ist das nicht sehr weise von mir?«
Als Jessika wieder ins Wohnzimmer trat, hörte sie, wie Luca fragte: »Und was ist, wenn Nitzrek kommt?«
»Ach, hör auf!«, schimpfte Giacomo. »Nitzrek existiert nicht. Außer in deinem Kopf.«
Jessika blieb wie angewurzelt im Türrahmen stehen. Schweißperlen erschienen ihr auf der Stirn, sie spürte, dass ihre Knie weich wurden. Halt suchend griff sie nach der Türklinke und atmete tief durch, um den grauen Schleier vor ihren Augen zu vertreiben.
Sofias helle Stimme erklang: »Ist dir nicht gut, Jessika?«
Alesia sprang auf und eilte zu Jessika, nahm sie am Arm und führte sie zum Sofa. »Du bist bestimmt ganz entkräftet, und all die Aufregung, ohne Gepäck mitten in Italien ausgesetzt ... setz dich hin, ich hole dir einen Teller Suppe.«
Jessika sank in das Polster und wollte sich bedanken, wollte widersprechen, wollte begreiflich machen, dass es ihr gut ging. Aber als sie den Mund öffnete, stöhnte sie nur »Nitzrek«.
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Nun denn, geschätzte Blogbesucher, was denn nun?
Nitzrek ist... |
...nicht von dieser Welt und böse. |
...nicht von dieser Welt und gut. |
...ein Mensch. Egal, ob gut oder böse. |
Auswertung |
Fortsetzung folgt.
Samstag, 5. Februar 2011
Nur ein Mausklick...
Freitag, 4. Februar 2011
Kein Hotelzimmer für Jessika

Also denn: Sie bleibt bei der Familie. Ob das gut geht, wird sich - voraussichtlich - spätestens am kommenden Montag an dieser Stelle lesen lassen.
Donnerstag, 3. Februar 2011
Montag, 31. Januar 2011
Jessika – Ein Verhängnis /// Teil 8
Das Warten wurde einigen Blogbesuchern lang – nun geht es aber endlich weiter mit der Geschichte. Der eine oder die andere mag bereits vergessen haben, was bisher geschah – hier kann man nachschauen: [Teil 1] /// [Teil 2] /// [Teil 3] /// [Teil 4] /// [Teil 5] /// [Teil 6] /// [Teil 7]
Johannes sollte, so der mehrheitliche Wille der geschätzten abstimmenden Leserschaft, vom Tisch verschwunden sein. Na so was. Weg ist er:
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Der Tisch war leer, keine Spur von Johannes. Keine Spur von den Gläsern und dem Wasserkrug, die der Wirt mit den Speisekarten gebracht hatte.
Sie blickte sich suchend um und fragte dann den immer noch Jammernden, wo ihr Begleiter geblieben sei.
»Che compagno?«
Sie starrte ihn entgeistert an.
»Mi dispisace, signora …«
Jessika beschloss, nicht länger zu verweilen, vermutlich war der Wirt zu sehr durcheinander, um eine klare Antwort auf eine einfache Frage zu geben. Sie trat auf die Straße, kein Dodge Nitro war zu sehen. Auf dem Platz, an dem Johannes geparkt hatte, stand ein kleiner roter Fiat. Die enge Fahrbahn war von drei Streifenwagen und einer Ambulanz blockiert. Johannes musste vor dem Eintreffen der Polizei weggefahren sein.
Na warte! Mich hier sitzen zu lassen … Jessika bedauerte jetzt, ihre Waffe zurückgelassen zu haben, aber das Risiko einer Taschenkontrolle war ihr zu groß gewesen. Sie ging zügig auf die nächste Kreuzung zu, ohne zu rennen, auffallen wollte sie niemandem. Zahlreiche Schaulustige hatten sich um die Taverna dell'Etrusco versammelt, aber alle Augen waren auf das Lokal gerichtet, niemand schien sie zu beachten, nachdem sie aus dem Eingang getreten war. Sie bog um die nächste Straßenecke und atmete auf, als sie ein wartendes Taxi erblickte. Sie kannte sich in diesem Ort nicht aus, aber sie ging davon aus, dass es einen Bahnhof gab.
Sie öffnete die Tür und fragte: »Per favore … alla stazione dei treni?«
Zehn Minuten später stand sie vor dem Bahnhof und studierte den mageren Fahrplan. Heute fuhr nur noch ein Zug in Richtung Parma, aber dorthin wollte sie nicht zurück. Die nächste Verbindung nach Rom gab es erst um 9:55 am nächsten Tag. Sie konnte ein Hotel suchen, aber es hätte gegen jede ihr in Fleisch und Blut übergegangene Vorsicht verstoßen, so nah an einem Tatort eine Nacht zu verbringen. Man würde die Beretta früher oder später in der Damentoilette finden und sich an die junge Frau erinnern, die sich dort die Hände gewaschen hatte. Der Wirt konnte sicher eine recht gute Beschreibung liefern, und wer weiß, wer noch alles einen Blick auf sie geworfen hatte und über gutes Erinnerungsvermögen verfügte. Sie musste Orvieto Terni so schnell wie möglich verlassen und dabei möglichst wenig Aufmerksamkeit erregen.
Jessika sah sich um. Eine Autovermietung war nicht in Sicht, das Taxi war längst verschwunden. Natürlich konnte sie per Telefon ein Taxi rufen, aber das Risiko, dass irgendwo irgendwelche Computer die Verbindungen speicherten, selbst hier in der italienischen Provinz, war ihr zu hoch. Zum Autodiebstahl fehlte ihr das technische Geschick, wenn nicht der Zündschlüssel steckte. In einem Film würde man einfach Kabel unter dem Lenkrad herausrupfen, die richtigen beiden aneinanderhalten und losfahren. Im wirklichen Leben würde das nicht funktionieren, denn es gab in so gut wie jedem Fahrzeug ein Lenkradschloss, das zu knacken wäre und außerdem fand sie es sehr zweifelhaft, ob die entscheidenden Kabel überhaupt zugänglich waren, wenn man unter das Lenkrad griff. Ganz abgesehen davon, dass sie keine Ahnung hatte, welche beiden im Zweifelsfall die richtigen wären.
Ein paar Schritte entfernt sah sie eine Bushaltestelle. Es war inzwischen 19:30 Uhr, ohne große Hoffnung schlenderte sie hinüber und las die Abfahrtzeiten. Sie hatte den letzten Bus des Tages offenbar knapp verpasst:
Partenza 19:20: Gabelletta – Villanova – Osteria di Biagio – Bolsena. Arrivo: 20:10
Es waren verhältnismäßig wenig Menschen unterwegs, der Bahnhof lag etwas außerhalb der Stadt und ohne Zugverkehr gab es für kaum jemanden einen Grund, sich hier aufzuhalten. Zwei Männer waren dabei, den Vorplatz zu fegen, ohne ersichtliche Eile. Vor einem Restaurant, das sich Il Granchietto nannte, entlud eine junge Frau Lebensmittel aus einem Lieferwagen, der Fahrer, der Aufschrift auf dem Fahrzeug und auf seinem Kittel nach zu schließen musste er der Fahrer sein, stand rauchend daneben und schaute zu. Jessika holte ihre Zigaretten aus der Handtasche und zündete sich eine Pall Mall an. Langsam schlenderte sie die Straße hinunter Richtung Gaststätte. Vielleicht konnte sie mit dem Transporter weiter kommen?
Die Frau hob eine unhandliche Kiste mit Äpfeln an und stöhnte. Jessika fackelte nicht lange sondern legte ihre Handtasche in den Lieferwagen und griff zur Obstkiste.
»Gracie!« Die Frau war ziemlich außer Atem.
»Per quanto sia difficile, ce la faremo«, machte Jessika ihr Mut. Dem Fahrer zischte sie ein verächtliches »fancazzista« zu.
Der Mann grinste nur. Jessika überlegte kurz, ob sie ihre Tasche aus den Augen lassen konnte, aber nun lag sie bereits im Kombi. Sie trug die Kiste zusammen mit der Frau in die Gaststätte, durch den leeren Speiseraum in die Küche.
»Gianna.«
»Jessika.«
Die beiden reichten sich die Hände, auf Giannas abgekämpften Zügen leuchtete ein schüchternes Lächeln auf. »Gracie, mille gracie«, sagte sie.
Der Mann stand unverändert ein paar Schritte neben dem Fahrzeug, als die beiden Frauen wieder auf die Straße traten. Jessika nahm ihre Handtasche an sich und schaute misstrauisch hinein, ob wohl etwas fehlte. Das schien nicht der Fall zu sein, ein Blick in das Portemonnaie beruhigte sie vollends.
Es lagen noch zwei Säcke mit Kartoffeln auf der Ladefläche, 25 Kilogramm wog jeder der Aufschrift nach zu schließen. Jessika behielt ihre Handtasche in der linken Hand und nahm einen Sack mit der rechten. Kein Problem bei ihrer Kondition. Gianna schaute etwas überrascht, nahm dann den zweiten Sack mit beiden Händen und ging hinter Jessika her wieder in die Küche.
Gianna stöhnte, als sie ihre Last abstellte. »Gracie, Jessika, angelo mio!«
Wenn du wüsstest … angelo della morte, dachte Jessika, aber sie lächelte nur.
Gianna reichte ihr ein Glas Wasser. Sie erklärte, dass sie dem Fahrer sein Geld geben müsse, damit er nach Hause fahren könne. Jessika ging mit hinaus und fragte den Mann, als die geschäftliche Transaktion erledigt war, wohin er fahren würde.
»Bolsena«, erklärte er und fragte: »Tedeska?«
»Ja. Aus Berlin.«
»Wollen Sie mitfahren?«
»Das wäre nett, ich habe den Bus verpasst.«
»Haben Sie vorhin fancazzista zu mir gesagt?«
»Stimmt das etwa nicht?«
Gianna schüttelte den Kopf und wollte etwas sagen, aber der Mann war schneller: »Steigen Sie ein, ich nehme Sie mit.«
Jessika reichte Gianna die Hand und ging zur Beifahrertüre. »Ciao!«, rief sie ihr noch zu, dann stieg sie ein. Der Fahrer schloss die Ladefläche und setzte sich hinter das Lenkrad. Er ließ den Motor an und sagte: »Ich bin Giacomo di Martino, und ich habe einen Bandscheibenvorfall. Eigentlich dürfte ich nicht einmal Auto fahren, aber meine Familie braucht das Geld, das ich verdiene.«
»Ach – oh – das ist mir peinlich. Verzeihen Sie mir den fancazzista?«
»Con piacere! Einer hübschen jungen Dame kann ich nicht böse sein.«
»Sie sprechen perfektes Deutsch, Giacomo.«
»Ich habe über 30 Jahre in Hamburg gelebt. Ich bin erst vor ein paar Monaten zurück nach Italien gekommen, um das Geschäft meines Vaters weiter zu führen. Er ist zu alt, zu gebrechlich geworden.«
Der Lieferwagen verließ Orvieto Terni, die Landstraße war eng und unübersichtlich. Giacomo fuhr vorsichtig, er schien nicht in Eile zu sein. Es dämmerte, ein leichter Nieselregen setzte ein. Jessika hatte keine Ahnung, wohin sie in Bolsena eigentlich wollte, sie hoffte, dass sie für die Nacht in einem Hotel unterkommen konnte.
»Wie lange fahren wir bis Bolsena?«, fragte sie.
»Ungefähr eine Stunde. Wo soll ich Sie denn dort absetzen?«
»Gibt es ein gutes Hotel?«
»Sie kennen Bolensa nicht?«
»Nein.«
»Ich dachte nur, weil Sie ohne Gepäck unterwegs sind … ich dachte, Sie kämen von dort.«
Jessika hatte sich längst auf diesbezügliche Fragen vorbereitet. »Ich war mit meinem Freund unterwegs, dann haben wir uns in einer Raststätte fürchterlich gestritten, und er ist davon gefahren. Mit meinem Koffer.«
»Birbante! Farabutto! Vigliacco!«, schimpfte Giacomo. »Der Kerl ist es nicht wert, dass Sie ihn noch einmal anschauen! Sfacciataggine!«
»Ich habe ihn ziemlich verletzend angeschrien …«
»Man lässt eine junge Frau nicht irgendwo an der Autobahn sitzen! Und schon gar nicht ohne Gepäck!«
»Ich habe ja wenigstens meine Handtasche, meinen Reisepass, mein Geld, meine Kreditkarten.«
Giacomo schnaubte wütend. »So ein Verbrecher! Man sollte ihn … man sollte … irgendwas, ich weiß nicht was. Einsperren vielleicht, aber in einen Keller mit Wasser und hartem Brot. Und Ratten, hungrige Ratten sollte man dazu setzen.«
Jessika musste lachen. »Ich bin recht selbständig, Giacomo, ich komme schon allein zurecht. Morgen früh kaufe ich mir ein paar Kleidungsstücke zum Wechseln, und dann fahre oder fliege ich nach Hause.«
Er musterte sie kurz, bevor er wieder auf die Straße blickte. »Vielleicht passen Ihnen die Sachen meiner Frau? Sie hat ungefähr die gleiche Größe, vielleicht ist sie ein kleines bisschen rundlicher als Sie. Sie können bei uns übernachten.«
»Nein, das kommt gar nicht in Frage! Ich will niemandem Umstände machen, es ist schon nett genug, dass Sie mich mitnehmen.«
Inzwischen waren aus den Kurven der Stecke Serpentinen geworden. Der Lieferwagen bewegte sich langsam um die scharfen Biegungen. Zweimal wurden sie überholt, trotz der Unübersichtlichkeit der Straße. Giacomo schüttelte den Kopf und schimpfte auf die leichtsinnigen Autofahrer, die nicht nur sich, sondern auch andere in Gefahr brachten. Im Rückspiegel sah Jessika ein paar Scheinwerfer, der Wagen überholte aber nicht, sondern blieb hinter ihnen.
»Der macht es richtig«, kommentierte Giacomo, »es kommt gleich eine Haltebucht, da kann er dann an uns vorbei. Da ist sie ja schon.«
Er lenkte den Wagen nach rechts auf den Haltestreifen, der wohl speziell für diesen Zweck eingerichtet war. Das Fahrzeug hinter ihnen fuhr vorbei. Jessika starrte hinterher und ihr entfuhr ein kurzer Schrei. Es war ein schwarzer Dodge Nitro mit Berliner Kennzeichen.
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So so. Aha. Wir vermuten ja, dass in diesem Fahrzeug ein gewisser Johannes sitzt – der Zufall wäre denn doch zu groß, wenn es sonst jemand wäre. In der Fortsetzung werden wir auch einer Person namens Nitzrek begegnen, die eigentlich schon hier auftauchen sollte – aber die Szene passte dann doch nicht so, wie ich es mir vorstelle. Doch das ist Zukunftsmusik. Zuerst kommt die obligatorische Frage an die Leser:
Jessika übernachtet... |
...bei Giacomo und seiner Familie. |
...in einem Hotel. |
...gar nicht, es geht die Nacht durch weiter. |
Auswertung |
Ich bin gespannt, welches Ergebnis mir diejenigen bescheren, die abzustimmen sich die Mühe machen.