Sonntag, 15. Juni 2008

Pablik Wjuhing?

Am Freitag zogen es die beste aller Ehefrauen und ich vor, ein Lichtspieltheater aufzusuchen, statt im heimischen Ambiente 22 Menschen beim Streit um einen Ball zuzuschauen.
Wir haben uns köstlich amüsiert und wurden gut unterhalten von Herrn Harrison Ford, der als Indiana Jones verkleidet haarsträubende Abenteuer zu bestehen hatte. Da wir englischsprachige Spielfilme grundsätzlich nur in der Originalversion und nicht in der oft genug haarsträubenden Synchronfassung sehen (es reicht ja, wenn die Handlung die Haare sträubt), führte uns der Weg in ein Lichtspieltheater zum Potsdamer Platz.

Nach dem Filmgenuss kamen wir nicht umhin, einige Minuten der Fußballübertragung auf Großbildleinwände zu verfolgen, denn überall am Potsdamer Platz scharten sich begeisterte oder stinksaure Zuschauer vor selbigen. So gesehen habe ich also einige Minuten, umgeben von Italienern, gepublicviewt. Oder public geviewt. Oder so.

Welchem Dödel ist es eigentlich eingefallen, anlässlich der Fußballweltmeisterschaft 2006 die Übertragung der Spiele auf Großbildprojektoren mit dem Begriff »Public Viewing« zu bezeichnen? War der Dösbaddel ein Prophet, der das Scheitern der deutschen Mannschaft voraussah? Denn »public viewing«, das weiß jeder Schüler, der im Englischunterricht aufgepasst hat, heißt in der deutschen Übersetzung »öffentliche Leichenschau«.

Vielleicht hat ja die Berliner Verwaltung genau aus dem Grund die »öffentliche Leichenschau« bei der EM 2008 auf der sogenannten Fanmeile in der Vorrunde untersagt? Wo es keine Leichenschau gibt, kann auch keine Leiche vorhanden sein. Das hieße letztendlich, dass die deutsche Mannschaft, die sich beim Spiel gegen Portugal ja wie eine Schülerhorde beim Schulhofkicken gebärdet hat, doch irgendwie überleben wird. Na, schaun mer mal, wie Kaiser Franz zu sagen pflegte.

P.S.: Das Bild ist nicht von mir, denn ich war nicht dort, sondern hier. Es stammt von der Euro2008 Seite.

P.P.S.: Heute gilt, was neulich galt: Hier nachzulesen. Man möge nur »Schweiz« sinngemäß durch «Türkei« ersetzen.

Kommentare:

Senfkorn hat gesagt…

Das mit der Leichenschau scheint wohl ein weit verbreiteter Irrtum zu sein. Bisher habe ich dafür keinen Beleg gefunden. Stattdessen gibt es diesen Begriff im Englischen wohl ganz einfach nicht als feststehenden Begriff. Sondern wird einfach verwendet, wenn etwas öffentlich gezeigt wird. Das kann natürlich eine Leichenschau sein, aber auch eine öffentliche Präsentation oder Videoübertragung, wie Live-Fußball oder ProChrist. So scheint es mir jedenfalls, andere (belastbare) Informationen dazu habe ich bisher nicht gefunden, kannst du mehr dazu sagen?

Hast du einen anderen griffigen, deutschen Ersatzbegriff für 'Public Viewing'?

Günter J. Matthia hat gesagt…

hallo Senfkorn,

natürlich hat "viewing" grundsätzlich die Bedeutung von "Betrachtung" in allerlei Facetten, das Betrachten eines Toten ist nur eine davon. So bezeichnet "viewing area" einen Aufbahrungsraum (im Bestattungsinstitut), während "viewing balcony" beispielsweise eine Aussichtsplattform ist, von der aus man eher Landschaften als Leichen betrachtet. Aber im amerikanischen Sprachgebrauch denkt man bei "public viewing" tatsächlich zunächst an eine Leichenschau, die Kombination der beiden Worte wird kaum einmal in anderem Zusammenhang gebraucht.
Mehr dazu findet man bei Leo.org.

Senfkorn hat gesagt…

Den Link habe ich auch schon gefunden. Mich wundert es halt, dass man außer (deutschsprachigen) Foren nichts dazu findet. Es gibt keinen englischen Wikipedia-artikel, auf der englischen Google-suche für "public viewing" findet man erst auf der 6. Seite den ersten Eintrag zu einer Leichenschau. Die Ergebnisseiten davor enthalten neben Links zur Übertragung von Sportereignissen (auch im amerikanischen Raum) vor allem Angebote von Observatorien (wie etwa das 2. Suchergebnis: http://home.pacbell.net/peairs/observe.html).
Ich habe auch einen Forenbeitrag von jemand gelesen, der meinte als Amerikaner kenne er den Begriff im Zusammenhang mit Leichenschau gar nicht. Das wundert mich schon.

Und ob sich "Rudelgucken" als Ersatz durchsetzt, ist doch fraglich...

Günter J. Matthia hat gesagt…

»Rudelgucken«... - nee, lieber nicht! Wo kämen wir denn da hin...

Dict.cc hat überigens ähnliche Ergebnisse wie Leo: Public Viewing