Freitag, 20. November 2015

Ist Religion die Wurzel allen Übels?

Unbestritten sind nicht alle Mohammedaner Terroristen. Aber genauso unstrittig ist es, dass Terrorakte in unserer Zeit so gut wie ausschließlich von Menschen verübt werden, die den Islam als Religion haben. Das war einmal anders, da waren es diejenigen, die sich als Christen bezeichneten, die mit Mord und Raub und Zerstörung fremde Länder heimsuchten, während sie in ihrer eigenen Heimat sogenannte Hexen verbrannte, sogenannte Teufel austrieben und das Volk im Namen Gottes knechteten und ausquetschten bis zum letzten Blutstropfen. Genau so, wie der Islam sich heute präsentiert, als Eroberungsreligion die über Leichen geht, hat sich über Jahrhunderte das Christentum aufgeführt.

Aufklärung und Reformation haben nicht unwesentlich dazu beigetragen, dass sich diese Zustände geändert haben. Es gibt auch unter Mohammedanern aufgeklärte Köpfe und Reformer, das ist unstrittig, aber bisher hat eine Reformation nicht stattgefunden. Der Koran, ich habe ihn auszugsweise gelesen, ist eine recht sperrige Lektüre. Also wird er überwiegend von »Schriftgelehrten« ausgelegt und gepredigt. Das normale Volk liest sein heiliges Buch nicht, schon gar nicht mit kritischem und aufgeklärtem Blick. Es gibt immer noch viel zu viele, die den Koran wörtlich nehmen, wobei sie sich natürlich nur die jeweils passenden Verse - Pardon, Suren - herauspicken. Genauso, wie es unter Christen noch immer hier und da solche gibt, die jede auch noch so abstruse Idee und Lehre mit ein paar Sätzen aus der Bibel untermauern können: Das steht so geschrieben, also ist es das, was Gott/Allah will und befiehlt.

COEXIST-FinalIch verstehe alle, die angesichts des Zustandes unserer Welt Religionen für die Wurzel allen Übels halten, sehr gut. Vielleicht ist Religion nicht die Wurzel allen Übels, da gibt es schließlich auch noch Habsucht, Machtstreben, Neid, Missgunst und allerlei andere Wurzeln, aber das Leid und Unrecht, das im Namen dieses oder jenes Gottes angerichtet wird, schreit wahrlich zum Himmel. Aus dem ist allerdings in der Regel keine Antwort zu erwarten. Die Antworten müssen schon wir selbst finden und geben. Ich habe keineswegs alle Antworten parat, aber ich bin sicher, dass sie nicht im Hass liegen, nicht in politischen Extremen und wüsten Beschimpfungen von Menschen, die anders denken und empfinden als man selbst. Man sollte als zivilisierter Mensch schon in der Lage sein, eine andere Meinung stehen zu lassen, und die Person, die sie hat, dennoch zu akzeptieren und zu achten.

Im Gegensatz zu manchen meiner (auch sehr guten!) Freunde bin ich Christ aus Überzeugung. Ich habe Menschen kennen gelernt und schätze sie, die Nachfolger Allahs sind oder an einen Gott, wie man ihn auch nennt, überhaupt nicht glauben können. Wäre ich nun einer von jenen, die ihre Bibel (beziehungsweise die jeweils zum Anlass passend herausgepickten Passagen) wörtlich nehmen, dann dürfte ich mit solchen Menschen gar keine freundschaftliche Gemeinschaft genießen. Ich müsste sie missionieren, bis sie endlich ihre Meinung ändern beziehungsweise meinen Glauben annehmen, weil ich sonst Schuld daran trüge, dass sie auf ewig in einem feurigen Pfuhl gequält werden. Diese Schuld würde selbstverständlich ausreichen, um auch mich in den feurigen Pfuhl zu bringen.

Daher, aus der Angst vor göttlicher Strafe, wenn man nicht die eigene Religion – koste es was es wolle – verbreitet, rührt die verbiesterte Penetranz mancher Zeitgenossen, die ihre Mitmenschen unbedingt bekehren wollen – zum Christentum, zum Islam, zum Hinduismus … der Buddhismus scheint mir noch die friedlichste Religion zu sein, vielleicht aus dem Grund, dass man als Buddhist an jeden oder auch gar keinen Gott glauben darf.

Ich bin Christ. Wenn es den gnädigen und guten Schöpfer gibt, an den ich glaube, dann ist es für mich undenkbar, dass er Milliarden seiner Geschöpfe, nur weil sie in nicht christianisierten Gegenden (oder bereits vor Christus) gelebt haben, einer ewigen Qual ausliefert. Da halte ich mich lieber, um hier ausnahmsweise einmal die Bibel zu zitieren, an das, was der Überlieferung zufolge Jesus von Nazareth auf die Frage eines Theologen geantwortet hat.

Eines Tages kam ein Schriftgelehrter auf Jesus zu und fragte: »Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu bekommen?«
Jesus antwortete mit einer Gegenfrage: »Was steht im Gesetz geschrieben? Was liest du da?«
»Du sollst Gott, deinen Herrn, von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt lieben und deinen Nächsten wie dich selbst.«
Jesus bestätigte den Mann: »Du hast richtig geantwortet; tu das, so wirst du ewig leben.«

Anschließend wird im Lukasevangelium noch eine illustrierende Geschichte eingeflochten, die weithin bekannt ist. Ich habe sie einmal unter dem Titel [Herr K. reist nach Greifswald] in die heutige Zeit transportiert. Darin geht es darum, dass einer von mehreren Passanten über alle religiösen und gesellschaftlichen Barrieren hinwegsieht und einem in Not geratenen Menschen ganz praktisch hilft.

Zum Schluss der Erzählung fragt dann Jesus den Theologen:

»Was meinst du, welcher von diesen drei Passanten dem Opfer des Überfalls der Nächste war?«
Der Mann antwortete: »Der ihm geholfen hat.«
Da sagte Jesus zu ihm: »Dann geh hin und handle genau so.«

Ich glaube, wenn wir uns als Atheisten, Christen, Buddhisten, Mohammedaner oder was auch immer dazu durchringen könnten, religiöse und gesellschaftliche Barrieren aus dem Weg zu räumen, dann wäre die Menschheit einem friedlichen Miteinander deutlich näher. Es blieben immer noch Habsucht, Machtstreben, Neid, Missgunst als Wurzeln des Übels übrig, aber ein riesiges Problem wäre beseitigt.

You may say I’m a dreamer
but I’m not the only one.
-John Lennon

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P.S.: Das Bild stammt von [Openclipart] /// Die Textpassagen aus dem Lukasevangelium stammen aus einer bisher unveröffentlichten Fassung aus meiner eigenen Feder /// Der aus der Mode gekommene Begriff Mohammedaner wird hier erklärt: [Wikipedia – Mohammedaner]

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Montag, 9. November 2015

Es gibt wichtigeres im Leben als Politik

wwEin sichtlich vom Kampf gegen den Krebs gezeichneter Guido Westerwelle war gestern in der Gesprächsrunde bei Günther Jauch zu Gast, zusammen mit der jungen Leukämiepatientin Eva Fidler, die wie Westerwelle zuerst einmal aufatmen kann. Geheilt sind sie noch lange nicht, aber immerhin haben sie Stammzellentransplantation und Chemotherapie überstanden. Der »alte« Westerwelle, der auf mich oft etwas überheblich gewirkt hatte, war so gut wie gar nicht mehr erkenntlich.

Er hat, genau wie ich, Tagebuch geführt, um mit der Diagnose Krebs innerlich irgendwie zurecht zu kommen. Bei einem prominenten Menschen wie ihm war natürlich der Journalist nicht weit, der daraus ein Buch gemacht hat und es wird auch kein Problem gewesen sein, einen Verleger zu finden. Ich möchte, soweit mir weiterhin Gesundheit verliehen wird, zusammen mit der besten aller Ehefrauen ebenfalls meine und ihre Erinnerungen und Aufzeichnungen in ein Manuskript umarbeiten - allerdings wird das noch eine ganze Weile dauern, da ich weder prominent noch vermögend bin. Der Broterwerb macht es einstweilen unumgänglich, meiner Arbeit in einem Industriebetrieb nachzugehen.

Aber anderes haben Herr Westerwelle, Frau Fidler und ich doch gemeinsam: Einen anderen, dankbareren und viel aufmerksameren Blick auf das Leben, auf jeden neuen Tag. Die Gewichtungen haben sich durch die Diagnose Krebs deutlich verschoben. Was mich einst aufregen konnte, was mir ungeheuer wichtig erschien, ist erheblich geschrumpft. Wo ich früher geradezu verbiestert gestritten hätte, mische ich mich überhaupt nicht ein, zum Beispiel bei den manchmal erschreckend aggressiven Diskussionen in sozialen Netzwerken über die sogenannte Flüchtlingskrise, wo es nur noch zwei Extreme, Gutmenschen oder Nazis, zu geben scheint und jegliches vernunftbasiertes Austauschen von Argumenten fehlt.

Der Focus schreibt zum gestrigen Auftritt von Guido Westerwelle:

Kein Wort zur Politik? Zum großen Flüchtlingswillkommenheißen der Kanzlerin, zu kleinen und großen Regierungsverwerfungen. Günther Jauch, der auf den letzten Metern noch so etwas wie eine politische Sendung machen will, geht in Vorleistung: „Wir gehen davon aus, dass wir kein Wort dazu hören.“ Sagt Westerwelle nur „genau“. Und dann ist es aus. Es gibt Wichtigeres im Leben als die Politik. Spätestens dann, wenn es ums Überleben geht.
Quelle: [Focus Online]

So ist es bei Herrn Westerwelle und so ist es bei mir. Und das ist auch gut so.

Ich wünsche ihm, der Frau Fidler und allen Prominenten und Unbekannten, die gegen den Krebs ankämpfen, aus tiefstem Herzen viel Kraft, Mut und Gottes Segen dazu.

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P.S.: Die Bücher, die ich schon geschrieben habe, und über deren Verkauf an interessierte Leser ich mich sehr freue, findet man hier: [Günter J. Matthia bei Amazon]

P.P.S: Mein »Tagebuch«, so wie es entstanden ist und entsteht, findet man, bis irgendwann ein Buch daraus wird, auf meinem anderen Blog: [Aufzeichnungen seit der Krebsdiagnose]

P.P.P.S.: Foto: REUTERS via Süddeutsche Zeitung

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Mittwoch, 28. Oktober 2015

Vom Fleisch, von der Wurst und von der WHO

Kaum hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) medienwirksam eine längst bekannte Tatsache ins Rampenlicht gestellt, nämlich dass »processed meat«, industriell verarbeitete Fleisch- und Wurstwaren, das Krebsrisiko deutlich erhöhen, schon konnte man vielerorts Argumente lesen und hören, warum die Fleisch- und Wurstliebhaber von ihren Gewohnheiten nicht lassen werden. Diese Argumente sind so sinnvoll wie wenn jemand sagen würde: »Es kommen auch angeschnallte Passagiere im Auto zu Schaden, also benutze ich keinen Sicherheitsgurt.« Oder: »Helmuth Schmidt hat sein Leben lang geraucht und ist alt geworden, also kann ich auch ungefährdet meine Zigaretten rauchen.«

Da kann man nichts machen, denn allein die nicht vorhandene Kenntnis der Rechtschreibung und Zeichensetzung lassen bei solchen Kommentaren darauf schließen, dass der Bildungsgrad ein sehr geringer sein muss. Ein Beispiel (gefunden bei tagesschau.de):

alles was man gerne möchte ,ist entweder ungesund , zu teuer, unmoralisch oder macht dick !

Natürlich kommt durch die eine Bratwurst auf dem Weihnachtsmarkt niemand zu Tode. Es wird auch niemand deshalb an Krebs erkranken, weil er am Sonntag ein Schnitzel isst. So etwas hat auch die WHO in ihrer Einstufung von bearbeiteten Wurst- und Fleischwaren als »krebserregend« und von rotem Fleisch als »wahrscheinlich krebserregend« nicht behauptet.

Sondern: Verarbeitete Fleischprodukte sind nun (endlich) in der gleichen Kategorie wie Tabakrauch und Asbest zu finden. Und das mit gutem Grund, denn das, was die Industrie dem Fleisch bei der Verarbeitung hinzufügt und das, was durch Massentierhaltung (die nur durch massiven Pharmaeinsatz überhaupt funktioniert) bereits im Fleisch an Giftstoffen zu finden ist, stellt die eigentliche Gefahr dar – hinzu kommt die Art der Verarbeitung. Und das ist wie gesagt nichts Neues. Die Deutsche Krebshilfe beispielsweise fasst seit vielen Jahren in ihren Broschüren, in diesem Fall zum Thema Darmkrebs, zusammen:

Die Lebensweise spielt eine Rolle: Eine ballaststoffarme, fett- und fleischreiche Ernährung, regelmäßiger Alkoholkonsum, wenig Bewegung und Übergewicht erhöhen das Risiko, an Darmkrebs zu erkranken.

Die Kombination, die in dem Zitat angesprochen wird, ist die wirkliche Gefahr. Das eine Risiko sind die Fleischmengen, die viele Menschen hierzulande aus möglichst billigen Quellen konsumieren. Dazu kommen der mittlerweile sogar im Berufsleben übliche regelmäßige Alkoholkonsum (hier und dort auf einen Erfolg anstoßen oder zum Umtrunk anlässlich Jubiläum oder Geburtstag treffen ...), Bewegungsmangel (ich stelle fest, dass sogar einige Azubis (Anfang 20!) nicht in der Lage sind, zwei Stockwerke über das Treppenhaus emporzusteigen - es muss der Fahrstuhl benutzt werden), es werden regelmäßig sogenannte Softdrinks (Cola, Fanta, Sprite und ähnliches) konsumiert ... und so kommt ein an und für sich noch nicht bedrohlicher Faktor zu anderen Faktoren hinzu, und noch einer, und noch einer … und die Krebsraten in unseren zivilisierten Ländern steigen und steigen.

Leider muss man wohl davon ausgehen, dass auch solche Warnungen wie die kürzlich von der WHO veröffentlichte wenig Wirkung zeigen, weil der Genuss ja so billig und das Nachdenken so schwierig ist.

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P.S.: Zum Thema krebsfeindliche Ernährung habe ich bereits zuvor geschrieben: [Teil 1] [Teil 2]

P.P.S.: Bild von rgbstock

Freitag, 9. Oktober 2015

So geht das mit meinen Bilderbüchern

Dass die Fotografie zu meinen Hobbys gehört, ist nicht neu. Seit Kindheitstagen bin ich gerne mit der Kamera unterwegs, um den Alltag gleichermaßen wie besondere Momente einzufangen. Früher auf Zelluloid in Form von Roll- und dann Kleinbildfilm, inzwischen digital.

Wie beim Schreiben ist es auch beim Fotografieren (und seinerzeit beim Musizieren) so, dass ich nicht gerne nur für die Schublade arbeite. Man kann unter der Dusche singen und höchstens in Kauf nehmen, dass die Nachbarn mehr oder weniger freiwillig Zeugen des Vortrages werden. Oder man präsentiert die Früchte der Kreativität der Öffentlichkeit. Dann muss dann auch mit deren Reaktion rechnen. Mir war schon immer letzteres lieber, weil ich von sachlich-kritischen Stimmen eine Menge lernen kann und konnte.

Langer Rede kurzes Ziel: Fotoalben mit jeweils zehn Bildern zeige ich seit Januar 2014 via Tumblr. Da einige treue Blogleser nicht so recht mit Tumlr beziehungsweise meiner Seite dort umzugehen wussten, will ich das gerne kurz erklären.

  1. Unter der Adresse [http://gjm-berlin.tumblr.com/] findet man meinen Fotoblog.
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    Man kann nun entweder den Bildschirm wie bei allen Blogs herunterwandern (neudeutsch scrollen) und so Album nach Album in der Vorschau betrachten, oder man klickt auf »Archive«
  2. Dort findet man die Übersicht mit allen Alben seit Januar 2014; inzwischen sind es 89 Stück, falls ich mich nicht verzählt habe.
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  3. Jedes einzelne Album wird durch den Klick auf das Vorschaubild aufgerufen. Man klickt also auf eines der Bilder ….
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  4. … und gelangt zum entsprechenden Album, in diesem Fall Berlin-Mitte:
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    Nun klickt man wiederum auf eines der Fotos, das dann in der je nach Bildschirm möglichen größten Ansicht dargestellt wird.
  5. Nun kann man mit Klick auf das Bild zum jeweils nächsten Bild wechseln, mit Klick außerhalb des Bildes kommt man zurück zur Übersicht.
    e

Soweit die kurze Anleitung – ich wünsche, soweit meine geschätzten Blogbesucher gerne Bilderbücher betrachten, viel Spaß beim Entdecken. Noch mal (nur für Vergessliche) der Link:[http://gjm-berlin.tumblr.com/]

Die Fotos sind nicht gegen das Kopieren geschützt und dürfen gerne (mit Hinweis auf die Quelle) verwendet und geteilt werden. Lediglich bei gewerblicher Nutzung hätte ich schon gerne vorher mein Einverständnis erklärt.

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Mittwoch, 7. Oktober 2015

Von der erstaunlichen Kraft der Dankbarkeit

Wer sich eine Haltung der Dankbarkeit angewöhnt - und das kann man tatsächlich ganz leicht tun – wird erstaunliche Veränderungen im eigenen Leben damit erreichen und aus so manchen schwierigen Situationen ganz anders herauskommen als ein Mensch, der das nicht kennt. Im Grunde genommen ist es eine ganz simple Angelegenheit, Dankbarkeit zu praktizieren. Wir vergessen es nur ziemlich leicht. Wenn wir uns aber daran gewöhnen (wie an das tägliche Zähneputzen zum Beispiel), dann entwickelt sich daraus eine schier unglaublich dynamische Kraft, die positive Veränderungen bewirken kann.
Leo Babauta, ein amerikanischer Denker und Dichter des einfachen und achtsamen Lebens, hat kürzlich ein Beispiel erzählt:
Vor zehn Jahren geriet ich in einen Regensturm und wurde völlig durchnässt. Zu jener Zeit war ich sowieso schon ausgelaugt und entmutigt, weil ich fast pleite war, meine Arbeit hasste und mit meiner Gesundheit haperte es auch. Mein innerer Zustand glich schon fast einer Depression.
Mitten im Regenprasseln entschied ich mich, eine mentale Liste von Dingen zu machen, für die ich dankbar sein konnte. Es wurde eine lange Liste. Ich kann mich nicht mehr an alle Details erinnern, aber einige Punkte weiß ich noch:
- Ich bin mit einer liebevollen, unterstützenden und wunderschönen Frau verheiratet.
- Ich habe fünf wunderbare Kinder (damals - heute sind es sechs).
- Ich bin nicht arbeitslos.
- Ich bin zwar übergewichtig und habe deshalb gesundheitliche Probleme, aber keine chronische oder tödliche Krankheit.
- Ich bin am Leben.
- Ich kann köstliche Speisen schmecken, Blumenduft riechen, Kunstwerke betrachten, Musik hören.
- Ich habe Freunde.
- Ich kann mich bewegen.
- Ich kann lieben.
- Ich kann Romane lesen, meine geliebten Romane.
- Ich kann Früchte aus dem eigenen Garten ernten.
- Ich leide keinen Hunger, bin nicht obdachlos, einsam oder von einer Naturkatastrophe betroffen.
- …
Die Liste war ungefähr vier bis fünfmal so lang, aber diese Punkte reichen eigentlich, um den springenden Punkt zu verdeutlichen: Ich war immer noch klatschnass, hatte immer noch keinen Arbeitsplatz, an dem ich mich wohlfühlen konnte und so weiter - aber meine Perspektive war zurechtgerückt. Die negativen Dinge in meinem Leben standen nicht mehr alleine da, sondern als Mischung zusammen mit all den guten Dingen, die letztendlich viel mehr Gewicht hatten.
So weit das Zitat. Auch in meinem Leben gibt es Dinge, die schlecht sind, und es wäre vollkommen unsinnig, sich über solche Umstände freuen zu wollen oder dankbar dafür zu sein. Aber deshalb muss ich ja nicht all das Gute in meinem Leben aus den Augen verlieren. Das Leben besteht nun einmal aus einer Mischung von positiven und negativen Elementen, das Leben bringt nun einmal auch Herausforderungen und Hindernisse mit sich. Wer immer nur alles hat und bekommt und keinerlei Problemen, gleich welcher Art, begegnet, der endet womöglich wie der biblische König Salomo im Irrsinn.
tumblr_nukqjcH1Tf1tqm1uvo3_1280Ich erlebe es immer wieder, welche transformierende Kraft davon ausgeht, wenn ich mich bewusst an Dinge erinnere, für die ich mit gutem Grund dankbar sein kann. Vor den vierteljährlichen Krebsnachsorgeuntersuchungen verdichten sich die dunklen Wolken der Sorgen und Ängste. Ein kleiner Hustenanfall wird dann gleich in meinen Gedanken zum Lungenkrebs, ein Zwicken im Bauch deutet auf Tumore im Magen hin. In solchen Momenten stelle ich wie Leo Babauta in seinem Regensturm eine mentale Liste zusammen und fange an, ganz bewusst dankbar zu sein. Das ändert nichts daran, dass eine Nachsorgeuntersuchung bevorsteht, das ändert nichts an meiner Angst vor neuen Metastasen. Aber zu den dunklen Wolken gesellt sich eine strahlende Sonne und das ganze Bild wird heller und heller.
Ich habe es mir zur Gewohnheit gemacht, mich jeden Tag ganz bewusst und unabhängig von der jeweiligen Situation daran zu erinnern, wofür ich Grund zu danken habe. Die Bereicherung, die ich dadurch erlebe, ist nicht unbeträchtlich. Ich gewinne erheblich an Lebensqualität, Freude und Genuss. Nicht nur in den erwähnten dunklen Gedankenwolken, sondern ganz generell, jeden Tag, auch wenn alles in Ordnung ist. Vielleicht vergisst man ja gerade dann am ehesten, dass man Grund zum Danken hätte? Die biblische Erzählung von den geheilten Leprakranken, von denen nur ein einziger zurückkehrt um sich beim heilenden Jesus von Nazareth zu bedanken, illustriert unsere Vergesslichkeit ganz trefflich. Auch Buddha stellte fest: »Da gibt es zweierlei Personen die schwer in dieser Welt zu finden sind. Welche zwei? Der eine der ungezwungen Güte gibt und der andere, der sich für Güte erkenntlich und dankbar zeigt.«
Vielleicht haben ja meine geschätzten Blogbesucher Lust, das mit der Dankbarkeit auszuprobieren? Hier sind ein paar Tipps zur Praxis, gerade wenn es mal hapert:
  • Wenn du auf jemanden wütend bist – versuche mal herauszufinden, wofür du trotz alledem bezüglich dieser Person dankbar sein kannst.
  • Wenn ein Projekt kaum vorankommen will und mühsam ist – kannst du immer noch dankbar sein, dass du Arbeit und Aufträge hast und in der Lage bis, an dem Projekt zu arbeiten.
  • Wenn du dich verletzt hast oder krank wirst – bist du immer noch am Leben und kannst dafür dankbar sein.
  • Wenn du einen guten Freund oder einen Verwandten verlierst – darfst du mit allem Fug und Recht trauern, kannst aber immer noch dankbar sein für die Zeiten, die ihr gemeinsam erleben und genießen durftet.
  • Wenn dich jemand kritisiert und herumnörgelt – kannst du dankbar dafür sein, dass Menschen sich mit dir beschäftigen, dich beachten; sozusagen Luft für alle anderen zu sein, wäre eine bittere Strafe.
Ein paar Minuten jeden Tag (nicht als hektisch absolvierte Pflichtübung, sondern in Ruhe und mit Gelassenheit), vielleicht mit Notizen in einem Heft oder auch nur gedanklich, in denen man sich damit beschäftigt, wofür man dankbar sein kann, können gewaltige Veränderungen im Leben bewirken. Denn wer in der Lage ist, das Gute zu sehen, lebt viel mehr im Gleichgewicht als der, der nur das Schlechte zur Kenntnis nimmt. Probiere es aus. Du wirst entdecken, dass in deinem Leben Erstaunliches vor sich geht und deine wachsende Dankbarkeit wird zu einem immer besseren Lebensgefühl führen.
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Bild: Eigenes Foto
Liste von Leo Babauta: Eigene Übersetzung – [
Quelle]
Du würdest gerne gesünder leben? Du suchst nach Wegen, in dein Leben mehr Ruhe und Frieden zu bringen? Vielleicht kann dir ja auch dieses Buch dabei helfen:
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Montag, 5. Oktober 2015

Zwei Jahre ohne …

Für die beste aller Ehefrauen und mich ist die Zeitspanne von nunmehr 24 Monaten, in denen keine neuen Metastasen aufgefunden wurden, Grund für große Dankbarkeit und Freude. Und sicher sind auch Hoffnung und Zuversicht für die Zukunft gestärkt - allerdings wissen wir beide, dass es keine Garantie für anhaltende Gesundheit gibt. Zwischen der Darmkrebsoperation im März 2012 und dem Leberkrebs im September 2013 lagen auch eineinhalb Jahre, in denen alles in Ordnung zu sein schien.

2years»Angst essen Seele auf« lautete der Titel eines (in der damaligen Zeit sehr beeindruckenden) Filmes aus dem Jahr 1974. In dem Melodram ging es nicht um Krebs, es ist aber etwas grundsätzlich Wahres dran an der Aussage. Zumindest kenne ich das aus eigenem Erleben seit März 2012: Vor jedem der vierteljährlichen Nachsorgetermine mehren sich die dunklen Gedanken und Befürchtungen. Das nimmt nicht ab. Und wer weiß, vielleicht ist das ja sogar gut so? Jedenfalls wird mir (beziehungsweise uns) auf diese Weise regelmäßig in Erinnerung gebracht, dass die verliehene Gesundheit keine Selbstverständlichkeit ist und sein wird.

Ich habe mich entschieden, die Angst nicht zu ignorieren (was sowieso schier unmöglich wäre) oder zu verdrängen (was ein törichtes Unterfangen wäre), sondern sie bewusst zur Kenntnis zu nehmen: Ich habe Angst vor einem Wiederkehr der Krebserkrankung. Das ist so. Punkt.

Das Entscheidende ist, wie ich mit dieser Angst umgehen möchte. Lasse ich zu, dass sie die Seele aufisst? Bin ich ihr wehrlos ausgeliefert?

Nein. Ich kann ihr einerseits durchaus Substantielles entgegensetzen, indem ich so krebsfeindlich wie möglich lebe, meine regelmäßigen Blogbesucher wissen, was damit gemeint ist. Ausdauersport, Bewegung, entsprechende Ernährung.

Wenig Bewegung, schlechte Ernährung, Alkoholkonsum und Rauchen. All das fördert das Risiko für Darmkrebs. Er ist mit jährlich etwa 62.000 Neuerkrankungen die dritthäufigste Tumorerkrankung in Deutschland.
-Spiegel/Gesundheit online

Andererseits weiß ich um die göttliche Schöpfungskraft, die ihre heilende Wirkung auch heute noch beweisen kann. Es gibt keinen Mechanismus, keinen Automatismus dafür, das wissen wir aus bitterer familiärer Erfahrung. Ich würde auch nie behaupten, das Wirken oder Nichtwirken Gottes verstehen oder erklären zu können. Aber das ändert nichts daran, dass ich eben diese Kraft am eigenen Leib erlebt habe und daher auch für meine Zukunft weiß, dass es bei Gott kein Unmöglich gibt.

Wen die Dankbarkeit geniert,
Der ist übel dran.
-Johann Wolfgang von Goethe

Zwischen den beiden Fotos, die diesen Blogbeitrag illustrieren, liegen rund zwei Jahre. Zwei Jahre ohne Metastasen. Das ist Grund zum Freuen und bei all der Freude möchte ich die Dankbarkeit nie vergessen.

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Dienstag, 1. September 2015

Im Restaurant wimmelte es von Polizisten

Eine halbe Stunde später parkten sie vor einem Restaurant, dass sich La Taverna dell'Etrusco nannte. Das Navigationsgerät hatte Johannes durch die verwinkelten Altstadtstraßen von Orvieto Terni in die Via Garibaldi geleitet. Die Adresse musste er wohl schon zuvor gespeichert haben, denn er hatte sie aus dem Menü »Lieblingsplätze« gewählt. Der schwarze Dodge Nitro fand kaum Platz am Rand der engen Straße.

»Warum hast du eigentlich kein normales Auto?«, fragte Jessika.

»Was wäre denn normal?«

»Ein VW, BMW, Opel … irgend so was.«

»Kein Mensch braucht einen Opel. Hat Thilo Sarrazin mal gesagt.«

Jessika lachte. »Na der muss es ja wissen …«

Johannes klappte den Seitenspiegel an und verriegelte den Wagen mit der Fernbedienung.

Dodge_Nitro_RT_2.8_CRD»Seit meinem ersten Besuch in Amerika, das war im Jahr 2000, kommen für mich keine europäischen oder gar japanischen Fahrzeuge mehr in Frage. Ich habe mich wohl dort mit dem American-Car-Virus infiziert. Dieses Exemplar hier habe ich gewählt, weil der Nitro nicht aussieht wie andere, nicht so fürchterlich abgerundet und modekonform. Ein Hummer hätte mir auch gefallen, aber den könnte ich zu Hause kaum irgendwo parken, ohne den fließenden Verkehr zu behindern, abgesehen von seinem Durst nach leckerem Diesel.«

»Wo ist denn dein zu Hause?«, fragte sie, als sie das Restaurant betraten.

»Das weißt du doch«, gab er zurück.

»Buonasera! Benvenuti!«, schallte es ihnen entgegen. Ein rundlicher Herr gesetzten Alters strahlte sie an und streckte Jessika die Hand entgegen. Sein Redefluss kam nicht zum Erliegen, als er auch Johannes die Hand schüttelte, von graciosa signorina war die Rede und vom gagliardo eroe. Der Mann führte sie zu einem Fensterplatz, wischte mit seiner strahlend weißen Serviette nicht vorhandene Krümel oder Staub vom makellosen Tischtuch und zog für Jessika den Stuhl zurück, damit sie bequem Platz nehmen konnte.

Sie schenkte dem Wirt ein bezauberndes Lächeln und sagte: »Mille gracie.«

»Prego, prego, prego« rief er und beeilte sich, auch für Johannes den Stuhl zum Platznehmen beiseite zu ziehen.

Als sie beide saßen, brachte der Mann ihnen die Speisekarten und stellte zwei Gläser und einen Krug Wasser auf den Tisch. Johannes schaute gar nicht in die Mappe, sondern er fragte, was denn besonders zu empfehlen sei. Sofort hatte der Wirt einen Vorschlag parat. Er empfahl Abbacchio brodettato mit einem passenden Wein, die beiden waren einverstanden und er verschwand in Richtung Küche, um die Bestellung auszurichten.

Das Lokal war spärlich besetzt. Ein junges Paar speiste in einer Nische, an der Bar lehnten zwei Mädchen. Vor ihnen standen vier Gläser mit Wein, augenscheinlich warteten sie auf zwei weitere Personen.

Johannes schenkte Wasser ein und bemerkte beiläufig: »Deine Munition habe ich übrigens nicht mehr in meiner Hosentasche.«

»Ich bin gleich zurück«, sagte Jessika. Sie stand auf und verschwand in Richtung Toilette. Die Tür neben der Bar führte in einen weiß getünchten Gang, links lag eine Tür mit der Aufschrift Signora, rechts stand Signore. Am Ende des Ganges war eine weitere Tür zu sehen. Jessika öffnete sie, sah, dass sie auf einen Hof führte und nickte zufrieden. Sie ließ sie halb offen stehen und betrat die Herrentoilette.

Zwei Jugendliche standen nebeneinander an den Pissoires. Sie drehten nicht die Köpfe, um zu sehen, wer hereingekommen war. Jessika nahm ihre Beretta aus der Handtasche, entsicherte sie und richtete sie auf den Kopf des Jungen, der rechts stand. Sie wartete nicht, bis er fertig gepinkelt hatte. Der Schuss war in dem kleinen Raum ohrenbetäubend. Ohne zu zögern erschoss sie auch den zweiten Jugendlichen. Beide waren sofort tot. An der Wand lief Blut herunter, im Neonlicht des Raumes wirkte es unnatürlich rot, als hätte sich ein Set-Ausstatter beim Film im Farbton vergriffen.

Jessika verließ die Herrentoilette und eilte quer über den Gang durch die Tür mit der Aufschrift Signora in die Damentoilette. Niemand war zu sehen. Sie wischte die Beretta mit einem Handtuch gründlich ab und ließ sie dann im Spülkasten der hintersten Kabine versinken. Vom Gang her hörte sie aufgeregte Stimmen. Sie ging zum Waschbecken und wusch sich die Hände. Es dauerte etwas länger, als sie erwartet hatte, bis die Tür aufgerissen wurde. Im Spiegel über dem Waschbecken sah sie den Wirt. Er rief ihr zu, zu bleiben wo sie war und schloss die Tür wieder von außen. Sie lächelte versonnen.

Wenige Minuten später kam er in Begleitung zweier Polizisten zurück. Jessika hatte ihr Lächeln gegen einen möglichst verwirrten und verängstigten Gesichtsausdruck eingetauscht, es gelang ihr sogar, ein leichtes Zittern in ihre Hände zu zaubern, die verkrampft die Handtasche hielten.

Die beiden Uniformierten interessierten sich nicht für Jessika, die vergewisserten sich nur, dass niemand sonst im Toilettenraum anwesend war. Sie wollten wissen, ob Jessika einen Mann mit Pistole gesehen habe. Sie schüttelte den Kopf. Dann gingen sie wieder hinaus.

Jessika fragte den Wirt, der noch an der Tür zum Gang stand, was das für ein Lärm gewesen sei und warum sie die Toilette nicht verlassen durfte.

»Mama mia, apocalisse« jammerte der vorhin noch so fröhliche Mann, als er Jessika mit einem Wink aufforderte, mit ihm zu kommen. Vor der Tür zur Herrentoilette stand ein weiterer Uniformierter mit gezogener Waffe. Er nickte Jessika nur kurz zu, als sie mit dem Wirt in Richtung Restaurant ging. »Mi dispiace, signora«, murmelte dieser, als er ihr die Tür aufhielt, »assassino, omicidio doloso semplice …«

Im Restaurant wimmelte es von Polizisten. Jessika hatte nicht damit gerechnet, dass die Ordnungskräfte so schnell auftauchen würden, vermutlich lag eine Polizeistation in unmittelbarer Nähe der Taverna dell'Etrusco. Aber beunruhigt war sie nicht. Sie hatte nicht vor, zu bleiben, bis die Waffe gefunden wurde. Sie schaute zu ihrem Tisch am Fenster hinüber.

Der Tisch war leer, keine Spur von Johannes. Keine Spur von den Gläsern und dem Wasserkrug, die der Wirt mit den Speisekarten gebracht hatte.

Sie blickte sich suchend um und fragte dann den immer noch Jammernden, wo ihr Begleiter geblieben sei.

»Che compagno?«

Sie starrte ihn fassungslos an.

»Mi dispisace, signora …«

Jessika beschloss, nicht länger zu verweilen, vermutlich war der Wirt zu sehr durcheinander, um eine klare Antwort auf eine einfache Frage zu geben. Sie trat auf die Straße. Kein Dodge Nitro war zu sehen. Auf dem Platz, an dem Johannes geparkt hatte, stand ein kleiner roter Fiat. Die enge Fahrbahn war von drei Streifenwagen und einer Ambulanz blockiert. Johannes musste vor dem Eintreffen der Polizei weggefahren sein.

Na warte! Mich hier sitzen zu lassen …

Jessika bedauerte jetzt, ihre Waffe zurückgelassen zu haben, aber das Risiko einer Taschenkontrolle war ihr zu groß gewesen. Sie ging zügig auf die nächste Kreuzung zu, aber ohne zu rennen. Auffallen wollte sie niemandem. Zahlreiche Schaulustige hatten sich in der Nähe der Taverna dell'Etrusco versammelt, aber alle Augen waren auf das Lokal gerichtet, niemand schien sie zu beachten. Sie bog um die nächste Straßenecke und atmete auf, als sie ein wartendes Taxi erblickte. Sie kannte sich in diesem Ort nicht aus, aber sie ging davon aus, dass es einen Bahnhof geben musste.

Sie öffnete die Tür und fragte: »Per favore … alla stazione dei treni?«

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Wer mehr über Jessika oder ob sie zum Bahnhof kommt wissen will, darf sich gerne die Lektüre besorgen:

Taschenbuch, 190 Seiten; € 8,83 als gedruckte Ausgabe; € 3,51 als E-Book für den Kindle
ISBN-13: 978-1508936626 / ISBN-10: 1508936625;

Direkt zum Buch bei Amazon:

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Foto: „Dodge Nitro RT 2.8 CRD“ von Corvettec6r - Eigenes Werk. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons.

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Freitag, 28. August 2015

»Johannes. Und weiter?«

Jessika musterte den Fremden, der ihr immer noch freundlich schmunzelnd gegenüber saß. Was willst du von mir? Wie werde ich dich los?

»Du siehst jünger aus als ich dachte«, sagte der Mann leise, als wäre das ein mildernder Umstand. »Jedenfalls nicht wie sechsundzwanzig Jähre alt.«

»18 ‘til I die«, erklärte Jessika.

»Aha. Du hörst gerne Bryan Adams?«

»Auch. Unter anderem.«

Er zwinkerte ihr zu und meinte: »Von mir aus kannst du jung bleiben. Ich kann mir eine Jessika fortgeschrittenen Alters sowieso nicht recht vorstellen. So um die fünfundzwanzig, okay, das scheint mir irgendwie angemessen. Aber achtzehn ist denn doch zu jung …«

Clipboard01Sie griff nach der Beretta und fragte: »Bekomme ich meine Munition eigentlich irgendwann wieder? Und was willst du überhaupt von mir?«

»Ich will dich erst mal besser kennen lernen. Du bist mir noch viel zu rätselhaft. Dann sehen wir weiter.«

»Du bist mir erst recht rätselhaft.«

»Eben.«

Sie runzelte die Stirn: »Was eben? Wie eben?«

»Bevor ich übereilte Entscheidungen treffe, was aus dir werden soll, möchte ich, dass wir uns besser kennen lernen«, erklärte der Mann.

Kennen lernen? Jessika witterte ihre Chance. Beim Sex wurden alle Männer fahrlässig, unvorsichtig; und mit dem Begriff Kennenlernen meinten Männer in der Regel kaum etwas anderes als dass ihr Penis aktiv werden durfte. Diesbezüglich hatte sie einige Finessen auf Lager, vor ein paar Stunden erst war Signore Giuseppe Di Stefano in den Genuss ihrer Künste gekommen. Dass sein Herz bei diesem Kennenlernen den Pumpdienst aufgegeben hatte, nun ja, das war eine ganz andere Sache. Immerhin hatte er sich in einem Augenblick höchsten Genusses von dieser Erde verabschiedet. So wie damals ihr Bernd. Ach Bernd, wenn ich dich zurückholen könnte

»Kennenlernen finde ich gut«, antwortete sie und schenkte ihrem Gegenüber ein erstes Lächeln. »Aber gehört dazu nicht auch und zuerst, dass man einander beim Namen nennen kann?«

Er nickte zustimmend. »Meinetwegen kannst du mich Johannes nennen. Oder wie auch immer du willst, falls dir der Name nicht gefällt. Ich bin da nicht wählerisch.«

»Johannes. Und weiter?«

»Nichts weiter. Name ist Schall und Rauch, und unsren kranken Nachbarn auch, um mit Hans-Dieter Hüsch zu sprechen. Du heißt ja auch nur Jessika.«

Sie schwieg. Sie war unschlüssig, wie es nun weitergehen sollte. Was er wirklich wollte, hatte er nicht verraten, und dass es ihm nur um Sex ging, hielt sie für unwahrscheinlich. Sie wusste außerdem nicht, ob er womöglich bewaffnet war, welche anderen Personen er in sein Wissen eingeweiht haben mochte. Es war ein ungewohntes und sehr unangenehmes Gefühl für Jessika, vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben die Zügel nicht selbst in der Hand zu halten.

»Ich gehe jetzt«, sagte Johannes schließlich, als das Schweigen anhielt. »Wir sehen uns bald wieder. Die Munition findest du in deinem Nachttisch.«

Er stand auf und nahm seinen Mantel vom Bett. Jessika kalkulierte, ob sie schnell genug die Waffe laden und ihn einholen konnte, bevor er die Pension verließ. Es war unwahrscheinlich. Außerdem wollte sie nach wie vor jedes Aufsehen vermeiden, wenn es irgend ging. Sie musste auf eine andere Gelegenheit warten, bei der sie besser vorbereitet sein würde.

Johannes setzte seinen Hut auf und streckte ihr die Hand entgegen.

»Gute Nacht, Jessika.«

Zögernd stand sie auf und reichte ihm die Hand. Sie blickte in seine Augen, die noch immer freundlich und auf sonderbare Weise vertraut wirkten. Sein Händedruck war fest. Er nickte ihr noch einmal zu und verließ dann das Zimmer. Die Tür zog er hinter sich zu.

Jessika stellte sich ans Fenster und sah ihn kurz darauf durch die Grünanlage in Richtung Via Giuseppe Verdi verschwinden. Er blickte sich nicht um. Sie hätte ihn vom Fenster aus erschießen können.

»Wir werden sehen«, murmelte sie, »wer von uns beiden am Ende seelenruhig davonschreitet. Noch ist nicht aller Tage Abend, Johannes. Oder wie immer du auch wirklich heißt.«

Sie setzte sich auf ihr Bett und öffnete die Schublade des Nachttisches. Die Patronen lagen neben der obligatorischen Gideon Bibel. Unter der Bibel sah sie einen Umschlag. Danke für den Gruß, stand darauf geschrieben. Sie nahm den Umschlag in die Hand und öffnete ihn. Einen Moment lang wusste sie nichts mit dem anzufangen, was sie sah: Eine Postkarte, die eine sonnendurchflutete Landschaft zeigte. Sie drehte die Karte um und erblickte ihre eigene Schrift.

Liebe Grüße, Jessika stand unter einem roten Herz.

Entgeistert starrte sie die Postkarte an.

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Wer mehr über Jessika oder mit wem sie sich da warum unterhält wissen will, darf sich gerne die Lektüre besorgen:

Taschenbuch, 190 Seiten; € 8,83 als gedruckte Ausgabe; € 3,51 als E-Book für den Kindle
ISBN-13: 978-1508936626 / ISBN-10: 1508936625;

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Foto der Waffe: „Beretta950JetfireandClip-Shut“ von AuburnPilot - Eigenes Werk. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons.

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Donnerstag, 27. August 2015

Ihr Menschen, ihr sagt solche Sachen!

Jessika war bleich, in sich zusammengesunken. Sie starrte auf das Wasser. Ihre Hände waren zu Fäusten verkrampft.

»Die Kinder, die machen mir meine Aufgabe zur Last«, sagte sie schließlich. Es waren ihre ersten Worte, seit wir den černá věž hinter uns gelassen hatten.

»Warum hast du das Mädchen nicht am Leben gelassen?«, fragte ich.

»Dann hätte Jana, so hieß die Kleine, ihre Schmerzen noch ein halbes Jahr lang aushalten müssen, vielleicht noch länger, immer schlimmer, immer unerträglicher, bis sie dann irgendwann qualvoll an ihrem Gehirntumor gestorben wäre.«

»Hat sie dir das erzählt?«

jessika front cover»Nein. Das wusste ich schon, als ich sie in den Arm nahm. Fast immer, wenn ich einen Auftrag habe, sehe ich beim Kontakt den Anlass. Sie hat mir nur gesagt, dass sie auf den Turm gestiegen ist, um sich in die Tiefe zu stürzen. Aber der Mut hatte sie verlassen, weil man ihr gepredigt hat, dass Selbstmörder in der Hölle landen. Das Leiden hier abzukürzen, um dann eine Ewigkeit in einem feurigen Pfuhl zu schmoren, das konnte sie nicht schaffen.«

Ich war entsetzt. »Wer sagt denn so etwas zu einem Kind?«

Jessika sah mir in die Augen. »Ihr Menschen, ihr sagt solche Sachen.«

»Ich nicht. Niemals.«

»Ihr Menschen, ihr sagt solche Dinge. Ihr steuert auch Flugzeuge in Hochhäuser, baut Konzentrationslager, erfindet Waffen, die ihr gar nicht kontrollieren könnt. Ihr lasst Sklaven schuften und daran zugrunde gehen, auch heute noch, in fernen Ländern, damit ihr billige Textilien in euren Geschäften habt. Ihr lasst in Afrika Menschen verhungern und kippt hier tonnenweise Lebensmittel auf den Müll. Und zur Beruhigung bastelt ihr euch ein Bild von Gott, ob er nun Allah heißt oder Jehova, Zeus oder Krishna, das es sanktioniert oder sogar gebietet, so zu handeln. Damit seid ihr dann nämlich die Verantwortung los. Ganz billig. Zu billig!«

Ich sah keinen Anlass, zu widersprechen. Das abgedroschene Argument, dass man nicht alle in einen Topf werfen kann, dass es immer Menschen gegeben hatte, die nicht mitmachten, die sogar aufbegehren, war für diesen Moment viel zu schal. Die Menschheit hatte über Jahrtausende bewiesen, dass sie zu einem friedlichen und gerechten Miteinander nicht fähig war. Nicht willens war. Ich schwieg.

Jessika streckte die Hand ins Wasser, ein Entenküken paddelte eilig herbei. Sie nahm das kleine Wesen behutsam heraus. Endlich sah ich wieder ein Lächeln in ihrem Gesicht. Sie strich dem Küken mit den Fingerspitzen über den Kopf, flüsterte ihm etwas zu und ließ es wieder in den Fluss gleiten.

»Ihr habt Gott nie verstanden«, fuhr sie fort, »aber das ist euch nicht einmal vorzuwerfen. Das kleine Entenbaby versteht mich ja auch nicht, wenn ich ihm etwas ins Ohr sage.«

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    Mittwoch, 26. August 2015